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F&#252;r Siri und Soun,

die trotz aller Schicksalsschl&#228;ge &#252;berlebten,

erwachsen wurden und heute zwei

wundersch&#246;ne T&#246;chter haben.


Und f&#252;r Poki und Panoy, von Loong C.



1

G&#196;STEHAUS NR. 1 

Dr. Siri lag unter dem speckigen Moskitonetz und beobachtete die Eidechse bei ihrem dritten Versuch. Zwei Mal schon war das kleine graue Tier die Wand hinaufgeflitzt und hatte sich bis an die Decke vorgewagt. Beide Male war das Undenkbare geschehen. Das Reptil hatte den Halt verloren und war auf den nackten Betonfu&#223;boden des G&#228;stehauses geklatscht. Was fast ebenso widernat&#252;rlich schien, als wenn ein Mensch der Erdenhaftung verlustig gehen und mit Schmackes an die Zimmerdecke krachen w&#252;rde. Siri sah den verdatterten Ausdruck in dem runzligen kleinen Gesicht. Die Echse blickte einen Moment lang verwirrt um sich und steuerte dann von Neuem auf die Wand zu.

Seit gut vier Wochen fragte sich der staatliche Leichenbeschauer Dr. Siri Paiboun, ob sein neues Ich die Tiere wom&#246;glich in ihrem nat&#252;rlichen Verhalten st&#246;rte. Zwar mochte es schon vorher zu Unregelm&#228;&#223;igkeiten gekommen sein, doch erst seit die Promenadenmischung aus der Eisfabrik damit begonnen hatte, in seinem Vorgarten ein Nest zu bauen, nahm er davon bewusst Notiz. Irgendwie war es der H&#252;ndin gelungen, sich aus alten Autositzen und Zements&#228;cken, die sie durch das Gartentor geschleift hatte, ein recht unbehaglich anmutendes Heim zu schaffen. Und da sa&#223; sie nun tagaus, tagein und wartete geduldig auf ein Ei, das niemals kommen w&#252;rde. Eine Woche sp&#228;ter dann hatten sich die M&#228;use aus den Reisfeldern hinter der Siedlung pl&#246;tzlich zu einer regelrechten Bande zusammengerottet und angefangen, die Katze seines Nachbarn zu terrorisieren. Und als Siri heute Morgen zu seiner Reise ins Landesinnere aufgebrochen war, hatte er auf dem Dachfirst seines Hauses in Vientiane allen Ernstes eine Henne sitzen sehen. Da es weit und breit keine Leiter gab, lie&#223; das nur einen Schluss zu: Das Federvieh musste aufs Dach geflogen sein. Und nun auch noch die Eidechse. Selbst wenn all das blo&#223;er Zufall war, kam es ihm doch reichlich seltsam vor. Seit Siri um seine schamanische Herkunft wusste, widerfuhren ihm die merkw&#252;rdigsten Dinge.

Wieder einmal schob er sich den kleinen Finger in den Mund und z&#228;hlte seine Z&#228;hne. Eine Gewohnheit, von der er nur schwer lassen konnte, nachdem er vor einigen Monaten erfahren hatte, dass er etwas Besonderes war. Sie waren vollz&#228;hlig vorhanden  alle dreiunddrei&#223;ig. Damit hatte er genauso viele Z&#228;hne wie der Magier Prinz Phetsarat; genauso viele wie einige der angesehensten Schamanen; genauso viele wie der leibhaftige Buddha. Siri befand sich also in erlauchter Gesellschaft. Doch obwohl er &#252;ber die erforderliche Anzahl von Z&#228;hnen verf&#252;gte, hatte er seine F&#228;higkeiten noch immer nicht so recht im Griff.

Vor Kurzem erst war Siri dahintergekommen, dass der Geist eines alten Hmong-Schamanen namens Yeh Ming in seinem K&#246;rper wohnte. Bis dahin hatte er die Begegnung mit den Seelen der Verstorbenen, die ihn bisweilen im Traum heimsuchten, f&#252;r eine Art Geisteskrankheit gehalten. Er hatte sich gar nicht erst die M&#252;he gemacht, ihre Botschaften zu deuten. Und folglich auch nicht bemerkt, dass die Geister ihm im Traum Hinweise auf die Ursache ihres Todes gaben. All das hatte sich im letzten Jahr grundlegend ge&#228;ndert. Yeh Ming war aktiver geworden  oder, anders ausgedr&#252;ckt: erwacht  und hatte den Unmut der b&#246;sen Waldgeister auf sich gezogen. Fragliche Geister, die sogenannten Phibob, hatten es auf Siris Urahn abgesehen, und da dieser in Siris K&#246;rper wohnte, war Siri unversehens in die Schusslinie geraten. Das Feuer des &#220;bernat&#252;rlichen hatte ihn erfasst.

Da den alten Chirurgen so leicht nichts mehr schrecken konnte, fand er die mysteri&#246;sen Vorf&#228;lle &#252;ber die Ma&#223;en am&#252;sant. Sein Leben schien von Tag zu Tag aufregender zu werden. W&#228;hrend andere Leute seines Alters sich in ihr Los ergeben hatten und wie ein abgelaufenes Uhrwerk dem letzten Pendelschlag entgegenkrauchten, war Siri wiedergeboren worden, hinein in eine Welt zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Jeder neue Tag hatte es in sich. Er f&#252;hlte sich lebendiger denn je. Wenn es sich denn tats&#228;chlich um eine Form der Altersdemenz handelte, so genoss er sie insgeheim in vollen Z&#252;gen und hatte es nicht besonders eilig, sich davon zu erholen.

Obwohl Siri im Mai seinen dreiundsiebzigsten Geburtstag gefeiert hatte, war er robust und kr&#228;ftig wie ein Dschungelwildschwein. Zwar lie&#223; seine Lunge ihn von Zeit zu Zeit im Stich, doch seine Muskeln und sein Verstand funktionierten noch genau so tadellos wie vor vierzig Jahren. Ein &#252;ppiger wei&#223;er Haarschopf schm&#252;ckte sein Haupt, und sein sympathisches Gesicht mit den stechend gr&#252;nen Augen entlockte selbst Frauen, die halb so alt waren wie er, nicht selten ein kokettes L&#228;cheln. Seine Freunde waren sich einig, dass Dr. Siri Paiboun noch lange nicht die Puste ausgehen w&#252;rde.

Die Pritsche mit dem Moskitonetz, unter dem Siri lag und die Eidechse beobachtete, stand im Parteig&#228;stehaus Nr. 1 der Demokratischen Volksrepublik Laos; man schrieb das Jahr 1977. G&#228;stehaus war nicht unbedingt die treffendste Bezeichnung f&#252;r das zweist&#246;ckige Geb&#228;ude, das vietnamesische Schuhkartonfetischisten vor ein paar Jahren errichtet hatten. Es hatte nicht die geringste &#196;hnlichkeit mit einem Haus, und wer hier einsa&#223;, war alles andere als ein Gast. Die meisten Bewohner hatten sich ideologisch gegen das Parteidiktat vers&#252;ndigt. Hier wiegte man die Dorfvorsteher, Staatsbeamten und Armeeoffiziere des alten royalistischen Regimes in dem Glauben, man habe sie zu einem Ferienaufenthalt in den Bergen der Provinz Houaphan geladen, zu einem Bildungsurlaub im revolution&#228;ren Hauptquartier.


Am fr&#252;hen Abend hatten Siri und Schwester Dtui mit ein paar M&#228;nnern aus dem S&#252;den  ehemals hochrangigen Polizisten des royalistischen Regimes  Kaffee getrunken. Die Gendarmen waren nach wie vor davon &#252;berzeugt, dass sie hier ein politisches Seminar besuchten und nach einem Grundkurs in Marxismus-Leninismus in K&#252;rze nach Vientiane zur&#252;ckkehren w&#252;rden. In ausgelassener Stimmung hatten sie auf der Veranda im Parterre auf unbequemen roten Plastikst&#252;hlen beisammengesessen. Da die M&#228;nner ihren ersten Nachmittag mit Kennenlern-Aktivit&#228;ten verbracht hatten, trugen sie immer noch papierne Namensschildchen, die mit Heftklammern an ihren Brusttaschen befestigt waren. Hinter dem Namen jedes Mannes stand das W&#246;rtchen Offizier, gefolgt von einer Zahl. Um nicht gegen die Rangordnung zu versto&#223;en, sa&#223;en sie in numerischer Reihenfolge.

Sie hatten get&#246;nt, wie gl&#252;cklich sie sich sch&#228;tzten, einen Teil des Landes kennenlernen zu d&#252;rfen, der diesen Stadtmenschen so fremd war wie ein ferner Kontinent. Sie sprachen &#252;ber die Einheimischen wie ein Tourist von Afrikanern oder wunderlichen Europ&#228;ern. Noch ahnten sie nicht, dass ihr Abstecher in die Provinz vermutlich Monate, wenn nicht gar Jahre dauern w&#252;rde. Sie ahnten nicht, dass man sie aus dem vergleichsweise komfortablen G&#228;stehaus in ein gut achtzig Kilometer entfernt gelegenes Lager bei Sop Hao an der vietnamesischen Grenze verschleppen w&#252;rde. Dort w&#252;rden sie Bautrupps zugeteilt, die Stra&#223;en ausbessern, zerbombte Br&#252;cken wiederaufbauen und den einheimischen Bauern dabei helfen mussten, das verminte Land von Blindg&#228;ngern zu r&#228;umen. Abends w&#252;rden sie im gelblichen Schein von Bienenwachslampen in Arbeitskreisen rings um eine gro&#223;e Schiefertafel sitzen. Sie w&#252;rden die Daten der bedeutendsten Schlachten, die Anzahl der Gefallenen und die Namen der gro&#223;en Revolutionsf&#252;hrer auswendig lernen. So, wenn nicht schlimmer, sah laotische Umerziehung aus.

Zu guter Letzt w&#252;rden sie, entweder aus pers&#246;nlicher &#220;berzeugung oder aber schierer Verzweiflung, feierlich ewige Hingabe an die Sache schw&#246;ren. Wenn sie dabei halbwegs &#252;berzeugend wirkten, durften sie eines Tages eventuell zu ihren Familien zur&#252;ckkehren. Wenn nicht, w&#252;rde man ihren Familien einen Ortswechsel ans Herz legen. Nur Frauen, die ihre M&#228;nner wirklich liebten und bereit waren, auf den Luxus des Stadtlebens zu verzichten, nahmen solch ein Angebot an. Die meisten flohen &#252;ber den Mekong, um in Thailand ihr Gl&#252;ck zu suchen.

Aber davon wussten die gut gelaunten M&#228;nner auf der Veranda des G&#228;stehauses noch nichts. Sie glaubten, ihre Reise diene einzig und allein dem Zweck, sie zu bekehren, sie sozusagen umzur&#252;sten wie einen Benzinmotor auf Diesel. Sie bildeten sich ein, sie w&#252;rden ein wenig &#252;ber den Kommunismus lernen, danach die H&#246;hlen besichtigen und schlie&#223;lich mit Schnappsch&#252;ssen f&#252;rs heimische Fotoalbum nach Hause fahren. Jedenfalls hatten sie sich Siri und Dtui gegen&#252;ber entsprechend ge&#228;u&#223;ert.

Sagen Sie, was macht ein h&#252;bsches Ding wie Sie eigentlich so fern der Heimat?, hatte Offizier Nummer Drei die dralle Krankenschwester gefragt, deren Spitzname Dtui Dickerchen bedeutete. Der korpulente, rotgesichtige Mann hatte die Kunst des Flirtens offenbar in zwielichtigen Nachtclubs erlernt. Er starrte die ganze Zeit schon unverhohlen auf Dtuis Br&#252;ste.

Ich begleite meinen Chef, antwortete sie und wies mit einem Nicken zu Siri.

Aha, ein hei&#223;es Liebeswochenende, sagte Offizier Nummer Vier und knuffte seinen Nebenmann zwischen die Rippen. Dtui und Siri err&#246;teten im Duett, was die M&#228;nner mit br&#252;llendem Gel&#228;chter quittierten.

Sch&#246;n w&#228;rs, entgegnete Dtui mit dem typisch laotischen Pflasterl&#228;cheln, das allerlei emotionale Wunden und Blessuren kaschierte. Leider ist es rein gesch&#228;ftlich.

Soso. Gesch&#228;ftlich. Das habe ich meiner Alten auch immer erz&#228;hlt, wenn ich mal ein Wochenende ausspannen wollte, gestand Offizier Nummer Eins stolz. Und mit was f&#252;r Gesch&#228;ften verdienen Sie Ihre Br&#246;tchen, wenn ich fragen darf?

Dtui runzelte die Stirn, wahrte aber die Contenance. Siri bewunderte ihre Gelassenheit.

Ich bin Krankenschwester. Und mein Chef ist Chirurg. Dass Siri sie zur Pathologin ausbildete und er der staatliche Leichenbeschauer war, behielt sie wohlweislich f&#252;r sich.

Doktorspiele, h&#228;?, fragte Offizier Nummer Zwei, was zu noch gr&#246;&#223;eren Heiterkeitsausbr&#252;chen f&#252;hrte.

Siri hatte den Eindruck, dass die M&#228;nner sich die gr&#246;&#223;te M&#252;he gaben, leutselig und kumpelhaft zu wirken, und er wusste auch, warum. Sie hatten Angst. Trotz ihrer Prahlereien und unrealistischen Erwartungen war ihnen wohl klar, dass sie sich auf feindlichem Gebiet befanden, und ihre einzige Waffe war diese falsche Kameraderie.

Siri sorgte sich um ihre Familien. Er fragte sich, wie ihre Frauen und Kinder &#252;berleben sollten, w&#228;hrend ihre Ern&#228;hrer wacker Steine klopften. Sorgt das Justizministerium f&#252;r Ihre Angeh&#246;rigen, solange Sie hier sind?, erkundigte er sich.

Offizier Nummer Zwei fand diese Frage &#228;u&#223;erst komisch. Seit der Macht&#252;bernahme haben sie uns keinen blanken Kip bezahlt. Da es in Laos keine M&#252;nzen gab, w&#228;re ein Kip aus Metall noch weniger wert gewesen als einer aus Papier. F&#252;r den man derzeit etwa ein Sechstel US-Cent bekam. So denn &#252;berhaupt Geld vorhanden war, verdiente ein Polizist unter der neuen Regierung monatlich siebentausend Kip zuz&#252;glich einer kleiner Reisration.

Und wovon leben Sie?

Ach, wir haben unsere Quellen. Einige von uns konnten unter dem alten Regime einen Notgroschen beiseitelegen. Wir haben Geld au&#223;er Landes geschafft. Schlie&#223;lich ahnten wir, dass eines Tages die Roten kommen und alles &#252;ber den Haufen werfen w&#252;rden.

Ich m&#246;chte Ihnen weder Angst noch Bange machen, aber Ihnen ist hoffentlich klar, dass ich einer dieser gar garstigen Roten bin, die Ihnen die Suppe versalzen haben, sagte Siri.

Offizier Nummer Zwei err&#246;tete. Ach wirklich? Tut mir leid. Aber Sie sehen gar nicht aus wie  Und was machen Sie dann hier? Ich meine 

Um den Schaden wiedergutzumachen, erkundigte Offizier Nummer Eins sich eilends, wo Dtui und der Doktor arbeiteten.

An der Mahosot-Klinik.

Dann haben Sie ja eine ziemlich weite Reise hinter sich.

Das kann man wohl sagen, meinte Dtui. Ich bin seit zwanzig Jahren nicht aus Vientiane herausgekommen. Es ist so exotisch hier oben. Sie warf Siri einen verstohlenen Blick zu. Ich freue mich schon auf meinen ersten Schwund.

Ihren ersten was?

Schwund. Meine Mutter hat mir davon erz&#228;hlt, als ich ein kleines M&#228;dchen war.

Siri wandte den Kopf, damit die Polizisten sein Grinsen nicht bemerkten.

Davon habe ich noch nie geh&#246;rt, gestand der Offizier. Was, bitte, ist ein Schwund?

Das ist nicht Ihr Ernst. Sie wissen nicht, was ein Schwund ist? Zugegeben, sie sind recht selten, aber hier oben im Norden werden Tiere nicht eingepfercht, sondern ziehen in gemischten Rudeln frei umher  H&#252;hner, Hunde, Ziegen, Schweine. Und da Tiere nun einmal so sind, wie sie sind, geht es da fr&#246;hlich drunter und dr&#252;ber, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Siri konnte sich nicht l&#228;nger beherrschen. Er stand auf, ging zur Treppe und betrachtete den Vollmond, der sich tr&#252;b in einem T&#252;mpel spiegelte. Um sein Kichern zu &#252;berspielen, simulierte er einen Hustenanfall.

Dtui fuhr unbeirrt fort. Und es mag an der H&#246;henluft oder auch an dem schwefelreichen Wasser liegen, aber hier in Houaphan geht aus der Paarung eines l&#252;sternen R&#252;den mit einer ebensolchen Sau zuweilen 

Das kann nicht Ihr Ernst sein.

Ich schw&#246;rs beim Leben meines Bruders. Ich habe Fotos gesehen. Sie sehen aus wie ein Schwein mit dem Schwanz und den Pfoten eines Hundes. Nicht zu fassen, dass Sie davon noch nie geh&#246;rt haben.

Also, ich habe schon davon geh&#246;rt, sagte Offizier Nummer Vier.

Unsinn, sagte Offizier Nummer Zwei.

Da f&#228;llt mir ein. Ich meine, mich erinnern zu k&#246;nnen, auf einem Bauernhof bei Tha Heua einen gesehen zu haben. Damals wusste ich allerdings noch nicht, worum es sich handelte. Ulkiges Vieh, sinnierte Offizier Nummer Eins.

Stimmt, sagte Dtui, und hier oben gibt es sie in rauen Mengen. Falls Ihnen einer begegnet, w&#228;re ich Ihnen dankbar, wenn Sie ihn fangen k&#246;nnten. Ich w&#252;rde meiner Mutter gern ein Exemplar als Souvenir mitbringen.

Kein Problem, meinte Offizier Nummer Vier. So schwierig kann das ja nicht sein.

Leider m&#252;ssen wir morgen sehr fr&#252;h raus, sagte Offizier Nummer Zwei, der wohl merkte, dass man ihm einen kolossalen B&#228;ren aufzubinden versuchte. Er stand auf und streckte seine schmerzenden Glieder, als habe er soeben seinen ersten 1000-Meter-Lauf hinter sich gebracht. Auch die anderen erhoben sich. Wir sind schon um sechs Uhr zur Feldarbeit eingeteilt.

Siri trat wieder zu ihnen. Passen Sie auf, wo Sie graben. Diese Gegend ist mit Blindg&#228;ngern f&#246;rmlich gespickt.

Der Offizier kicherte. Mit Verlaub, aber ich bezweifle, dass man uns wissentlich in ein Minenfeld schicken w&#252;rde.

Trotzdem. Seien Sie vorsichtig. Ich habe keine Lust, den morgigen Tag damit zu verbringen, allzu leichtsinnigen Polizisten die Beine wieder anzun&#228;hen. Siri verstummte. Dabei konnte er sich kaum eine effektivere Minenr&#228;ummethode vorstellen als einen Trupp korrupter royalistischer Gendarmen, die wie mit Schaufeln bewaffnete Revuegirls im Stechschritt &#252;ber ein Feld marschierten.

W&#252;nsche eine geruhsame Nacht, ihr beiden Turtelt&#228;ubchen, sagte Offizier Nummer Eins mit einem vieldeutigen Augenzwinkern. Die anderen machten sich lachend in ihren Schlafsaal auf und lie&#223;en Siri und Dtui allein auf der Veranda zur&#252;ck. Kaum waren sie verschwunden, streckte Dtui ihnen die Zunge heraus.

Widerliche Kerle, sagte sie.

Opfer ihrer Geldgier, weiter nichts, meinte Siri. Aber sie werden sich &#228;ndern. Nimmt man einem Menschen seine komfortable Existenz, so ist er buchst&#228;blich auf sich selbst und sein blo&#223;es, nacktes Ich zur&#252;ckgeworfen. Von einem Augenblick zum anderen mit leeren H&#228;nden dazustehen er&#246;ffnet zuweilen neue Horizonte. Sollten diese M&#228;nner die K&#228;lte, den Hunger und die Krankheiten hier oben halbwegs lebendig &#252;berstehen, wird sie das zu besseren, dem&#252;tigeren Menschen machen.

Sie finden aber auch wirklich im letzten Misthaufen noch eine Perle, Dr. Siri. Trotzdem, Sie irren sich. Die &#228;ndern sich nicht mehr.

Warum so pessimistisch, Dtui?

Schwein bleibt Schwein.

Siri zog seine buschigen Augenbrauen hoch. Und Schwund bleibt Schwund.

Als ihr Gel&#228;chter verklungen war, blickten sie schweigend zu den schroffen Felsspitzen empor, die mit dem Nachthimmel verschmolzen.

Meinen Sie, wir k&#246;nnen uns wenigstens ein paar Sehensw&#252;rdigkeiten anschauen?, fragte Dtui schlie&#223;lich.

Wer wei&#223;? Wir wissen ja noch nicht einmal, was wir hier sollen. Wom&#246;glich schickt man uns kreuz und quer durch den Nordosten. Warum, was m&#246;chten Sie sich denn ansehen?

Meine Mutter hat mir von einem Tempel bei Xieng Keuang erz&#228;hlt, in dem man eine Buddha-Reliquie besichtigen kann. Siri verzog den Mund zu einem schiefen L&#228;cheln. Was ist?

Was f&#252;r eine Reliquie ist es denn diesmal, Schwester Dtui? Ein Zahn? Ein abgetrennter Zeh? Ein Augapfel?

Sie sind ein unverbesserlicher Zyniker, ereiferte sie sich. Das verrate ich Ihnen nicht.

Mit Zynismus hat das nichts zu tun, meine Teure. Wohl aber mit Mathematik und Physiologie. Z&#228;hlen Sie doch nur einmal die Tempel in Asien, die angeblich mit einem K&#246;rperteil oder doch wenigstens einem Fu&#223;abdruck Buddhas aufwarten k&#246;nnen. W&#252;rde auch nur die H&#228;lfte dieser Behauptungen stimmen, d&#252;rfte Seine Heiligkeit in der Tat einen bemerkenswerten Anblick geboten haben. Wie es scheint, tapste er auf F&#252;&#223;en gro&#223; wie Zisternendeckel durch die Lande, im Mund nicht nur dreiunddrei&#223;ig, sondern mehrere tausend Z&#228;hne, w&#228;hrend ihm Fu&#223;- und Fingern&#228;gel ausgingen wie einem tollw&#252;tigen Hund das Fell. Nicht auszudenken! Kein Wunder, dass ihm die Leute in Scharen hinterherliefen.

Dtui r&#252;ckte ans andere Ende des Tisches. Wo wollen Sie denn hin?, fragte er.

Nirgends. Ich m&#246;chte nur nicht neben Ihnen sitzen, wenn Sie der Blitzstrahl trifft.

Siri lachte. Sie haben bei Ihren politischen Schulungen offenbar tief und fest geschlafen, Genossin. Vom Politb&#252;ro abgesehen gibt es keine G&#246;tter. Und selbst wenn es einem veritablen Gott gel&#228;nge, den Stacheldrahtzaun der Partei zu &#252;berwinden, w&#252;rde er unverz&#252;glich unter Hausarrest gestellt. H&#246;lle und Verdammnis sind ein f&#252;r alle Mal vom Tisch.

Kein Gott? Dann hat diese grandiose Landschaft wohl der alte Marx erschaffen?

Sie sind ja eine richtige kleine Dissidentin.

Trotzdem. Es ist wundersch&#246;n hier oben, Doc.

Wohl wahr, wenn man die Zeit hat, die herrliche Natur zu genie&#223;en.

Sie meinen, wenn man nicht gerade damit besch&#228;ftigt ist, dem n&#228;chsten Bombenhagel zu entgehen?

Zehn lange Jahre habe ich wenig anderes getan als das. Und die armen Schweine zusammengeflickt, die nicht so viel Gl&#252;ck hatten wie ich.

Wann wir wohl erfahren werden, warum wir eigentlich hier sind?

Sie waren kurzfristig samt ihrer Ausr&#252;stung zum Flughafen Wattay beordert worden. Richter Haeng hatte sie &#252;ber Sinn und Zweck ihrer Mission im Unklaren gelassen und ihnen lediglich den Namen ihres Kontaktmannes genannt.

Genosse Lit m&#252;sste morgen fr&#252;h um neun Uhr hier sein.

Wer war das gleich noch mal?

Bezirkskommandeur, Staatssicherheit.

Ah ja. Kennen Sie ihn noch von fr&#252;her?

Der Name sagt mir nichts. Aber als Partei- und Armeef&#252;hrung nach Vientiane umzogen, wurden hier oben zahllose Gr&#252;nschn&#228;bel in Windeseile auf wichtige Posten gehievt. Manche Jungkader machten derart rasant Karriere, dass der hiesige Quartiermeister dem Vernehmen nach noch in den Windeln lag, als er in Amt und W&#252;rden gelangte. Man musste erst einmal seine Rassel konfiszieren, um ihn zur Arbeit zu bewegen. Dtui kicherte. Ich wei&#223; nicht. Gut m&#246;glich, dass mir dieser Lit schon einmal &#252;ber den Weg gelaufen ist, fuhr Siri fort.

Ob er wei&#223;, dass Sie Ihre knuddelige, bildsch&#246;ne Assistentin mitgebracht haben?

Er wird zweifellos entz&#252;ckt sein.

Wieder verf&#252;hrte die Ruhe ringsum die beiden zu friedvollem Schweigen. Ein Hobbyfischer warf in dem tintenschwarzen T&#252;mpel seine Netze aus. Die Eichh&#246;rnchen zwitscherten wie heisere Spatzen. Dtui blickte zu der Treppe hinter Siri.

Doc.

Ja?

Da oben an der Treppe 

Keine Ahnung.

Woher wissen Sie, was ich fragen wollte?

Sie wollten fragen, warum vor der Sperrholzwand dort oben ein bewaffneter Wachposten sitzt.

Hmmm. Nicht &#252;bel. Haben Ihre Geister Ihnen eingefl&#252;stert, was ich denke?

Nicht n&#246;tig. Es war nicht allzu schwer, Ihre Gedanken zu erraten. Erstens ist Ihre Neugier nachgerade uners&#228;ttlich, darum war es nur eine Frage der Zeit, bis Sie sich danach erkundigen w&#252;rden. Und zweitens ist mir keineswegs entgangen, dass Sie mit dem Wachposten geflirtet haben.

Er war nicht sonderlich gespr&#228;chig.

Sie meinen, er wollte Ihnen nicht verraten, was sich hinter der Wand verbirgt?

Mit keiner Silbe. Geheimnisse kann ich auf den Tod nicht ausstehen.

Wir werden vor unserer Abreise schon noch dahinterkommen.




Doch als er jetzt d&#246;send auf seiner klumpigen Kapokmatratze lag und den M&#252;cken dabei zusah, wie sie die nackte Gl&#252;hbirne umschwirrten, sann auch er &#252;ber das Geheimnis hinter der Sperrholzwand nach. Sie blockierte den Zugang zu einem Teil des ersten Stockwerks. Dem Grundriss des Erdgeschosses nach zu urteilen, musste es dort oben vier oder f&#252;nf Zimmer geben. Er &#252;berlegte, was an ihnen so besonders war. Seufzend fuhr er sich mit den Fingern durch das dichte wei&#223;e Haar. Es war schon nach elf, und er hatte das ungute Gef&#252;hl, dass er die ganze Nacht kein Auge w&#252;rde zutun k&#246;nnen. Daf&#252;r ging ihm zu viel durch den Kopf. Und wenn es nicht gerade seine Gedanken waren, die ihm den wohlverdienten Schlaf raubten, g&#246;nnten sie ihm keine Ruhe. Er tastete nach dem antiken wei&#223;en Amulett, das an einem fest geflochtenen wei&#223;en Zopf aus Frauenhaar um seinen Hals hing. Als seine Finger es ber&#252;hrten, durchzuckte ein Stromsto&#223; jede Faser seines K&#246;rpers. Pl&#246;tzlich h&#246;rte er sie noch deutlicher, ihr unentwegtes Schwatzen und Schnattern in der Ferne. Die Geister, die ihm fr&#252;her nur im Traum begegnet waren, wurden allm&#228;hlich dreister. Bisweilen erschienen sie sogar am helllichten Tag, oft im unpassendsten Moment. Noch bevor der klapprige russische Mi-14-Hubschrauber am Nachmittag gelandet war, hatte er sie gesp&#252;rt, die Seelen der vielen tausend Menschen, die im Krieg ums Leben gekommen waren. Sie nahmen ihn gr&#252;ndlich in Augenschein, erkundeten ihn wie Touristen einen historischen Palast, um herauszufinden, ob er ein Schamane war, der ihr Vertrauen verdiente.

Ihre Stimmen waren rings um das G&#228;stehaus zu h&#246;ren: M&#252;tter, die ihre Kinder von den offenen Feldern heimriefen, alte Frauen, die um die alten M&#228;nner weinten, die sie zur&#252;ckgelassen hatten, gickelnde Babys  die in ihrer Unschuld noch nicht ahnen konnten, dass sie seit vielen Jahren tot waren. Wie sollte Siri dabei schlafen? Und zu allem &#220;bel dr&#246;hnte Punkt zw&#246;lf auch noch diese gr&#228;ssliche Discomusik los und machte jede Hoffnung auf eine gesegnete Nachtruhe zunichte. Er fragte sich, wem um diese Uhrzeit noch nach Tanzen zumute war und wie man diesen widerlichen Westl&#228;rm ernstlich goutieren konnte. Aber vielleicht handelte es sich ja auch um eine besonders perfide Foltertechnik, mit der die Partei die Funktion&#228;re aus Vientiane peinigen wollte. Etwas Grausameres konnte er sich schwerlich vorstellen.



2

DER HERR DER ROTEN KAMMER 

Geung Watajak war im Oktober 1952 in einem Dorf namens Thangon unweit von Vientiane zur Welt gekommen, einer winzigen Ansammlung einfacher Holzh&#252;tten, die sich um einen Tempel scharten und in der Regenzeit regelm&#228;&#223;ig vom Monsun hinweggesp&#252;lt wurden. Auf Karten war es nur deshalb verzeichnet, weil es dort eine altersschwache F&#228;hre gab, die Reisende auf dem Weg zum gro&#223;en Stausee &#252;ber den Nam-Ngum-Fluss setzte. Obwohl kaum ein Tourist je aus anderen Gr&#252;nden nach Thangon fand, war rings um die Anlegestelle ein kleines Dorf entstanden. Doch trotz der N&#228;he zur Hauptstadt und des regen Durchgangsverkehrs war es kaum mehr als ein Provinzkaff.

Die Einheimischen pflegten ein simples Weltbild. In ihren Augen gab es nur zwei Kategorien von Geistesschw&#228;che: schwerf&#228;llig wie ein satter Panda und verr&#252;ckt wie ein betrunkener Wei&#223;handgibbon. In Thangon gab es je ein Exemplar dieser beiden Spezies. Die alte Tante Soun hatte kurzzeitig als Schamanin praktiziert, bis sie verga&#223;, wie man die b&#246;sen Geister wieder in den Wald entlie&#223;. Sie rumorten und brodelten in ihr wie in einem Kessel, bis dieser schlie&#223;lich platzte und ihr die Sicherung durchbrannte. Seitdem war sie ber&#252;hmt f&#252;r ihre wirren Schimpftiraden und ihre gelegentlichen Anf&#228;lle von Exhibitionismus.

Geung hingegen war ein sehr stilles Baby gewesen, eines von sieben Kindern. Da er alle k&#246;rperlichen Merkmale des Down-Syndroms aufwies, war man sich einig, dass es wenig Sinn hatte, den Jungen zur Schule zu schicken. Zwar tat er sich mit dem Lernen in der Tat recht schwer, was jedoch nicht zuletzt daran lag, dass niemand sich die M&#252;he machte, ihm etwas beizubringen. Allein seine Mutter rief ihn bei seinem Namen. F&#252;r seinen Vater und seine Geschwister hie&#223; er nur der Dummkopf. Und da sie es nicht b&#246;se meinten, glaubte Geung noch im reifen Alter von achtzehn Jahren, dass der Irrtum bei seiner Mutter lag.

Die Watajaks waren Bauern, und so gestaltete sich ihr Tagesablauf einfach und monoton, was dem fr&#246;hlichen Jungen sehr entgegenkam. Dank der harten Arbeit wuchs er zu einem kr&#228;ftigen Burschen heran, und das Leben im Kreise der Familie gab ihm ein Gef&#252;hl der Nestw&#228;rme und der Geborgenheit. Damit war es allerdings von heute auf morgen vorbei, als sein Vater mit ihm und zweien seiner Geschwister eines Tages nach Vientiane fuhr, um ihnen eine Arbeit zu besorgen. Sie waren alt genug, und sie durchzuf&#252;ttern kostete die Familie ein Verm&#246;gen. Es war an der Zeit, dass sie sich dem Faulpelz gegen&#252;ber erkenntlich zeigten, der sich immerhin die M&#252;he gemacht hatte, sie zu zeugen. Ihre Mutter wurde gar nicht erst gefragt.

Die Schwester fand eine Anstellung in einem aus Bambus und Wellblech zusammengezimmerten Nachtclub in der Hanoi Road unweit des Marktes. Leider w&#252;rde sie ihr Geld haupts&#228;chlich in der Horizontalen verdienen, aber ein vierzehnj&#228;hriges Bauernm&#228;dchen ohne Schulbildung durfte sich gl&#252;cklich sch&#228;tzen, wenn es &#252;berhaupt Arbeit fand. Geungs j&#252;ngerer Bruder ergatterte einen Job am Busbahnhof, wo er Fahrg&#228;ste warb, Billets einsammelte und lauthals verk&#252;ndete, wohin die Reise ging, w&#228;hrend er sich bei voller Fahrt aus der offenen T&#252;r des Busses lehnte.

Doch sein Vater wusste, dass ihm das Schwierigste noch bevorstand: Arbeit f&#252;r Geung zu finden. Denn welcher normale Mensch stellte schon einen Dummkopf ein? Aber der Alte war nicht nur stinkfaul, sondern kannte auch nicht den geringsten Skrupel. Und so schleppte er seinen achtzehn Jahre alten Sohn zur Mahosot-Klinik, wo er die Dienste des Jungen gratis feilbot, im Tausch gegen eine Handvoll Essensreste und einen Schlafplatz auf dem nackten Boden. Hospit&#228;ler seien schlie&#223;lich f&#252;r Kranke da, rief er der Personalchefin der Klinik ins Ged&#228;chtnis, worauf diese den fatalen Fehler beging, einen Augenblick zu z&#246;gern, bevor sie Nein sagte. Als sie nach getaner Arbeit aus ihrem B&#252;ro kam, sah sie Geung allein auf einer Holzbank sitzen, auf dem Scho&#223; ein in Zeitungspapier gewickeltes Paket.

Wo ist Ihr Vater?

Zu Hause, lautete die n&#252;chterne Antwort.

Also, hier k&#246;nnen Sie aber nicht bleiben. Das ist Ihnen hoffentlich klar.

Sein L&#228;cheln entbl&#246;&#223;te ein Gebiss, das aussah, als stamme jeder Zahn aus einem anderen Mund. Als sie am n&#228;chsten Morgen zum Dienst erschien, sa&#223; Herr Geung noch immer an derselben Stelle. Ebenso am n&#228;chsten und am &#252;bern&#228;chsten Tag. Und immer l&#228;chelte er, entbl&#246;&#223;te seine schiefen Z&#228;hne und w&#252;nschte ihr Wohlsein. Sein Zeitungspaket schrumpfte von Tag zu Tag, bis er seinen Trockenfisch schlie&#223;lich verspeist hatte. Und so wurde Geung Watajak zum ersten unbezahlten Mitarbeiter des modernsten Krankenhauses in Vientiane.

Wie sich herausstellte, gab es einen Arbeitsplatz, der f&#252;r normale Menschen g&#228;nzlich ungeeignet war. Er befand sich in der Rumpelkammer hinter der Klinikw&#228;scherei und hatte binnen zwei Monaten vier Bewerber vergrault. Hier kamen die mit roten Etiketten versehenen Plastiks&#228;cke aus den Kranken- und Operationss&#228;len an. Das Etikett bezeichnete stark verschmutzte W&#228;sche. Bei den Verschmutzungen handelte es sich im Allgemeinen um Blut und Exkremente, oft jedoch auch um andere kleine &#220;berraschungen, die man eilig in Decken und Laken geschlagen hatte. Aus all den Fundst&#252;cken, die er im Lauf der folgenden f&#252;nf Jahre sammelte, h&#228;tte Herr Geung vermutlich ohne Weiteres diverse menschliche Leichname zusammensetzen k&#246;nnen.

Seine Aufgabe war es, die rot etikettierte W&#228;sche und die Gummisch&#252;rzen der Chirurgen auszusp&#252;len und von Fremdk&#246;rpern zu befreien, bevor sie in der W&#228;scherei gekocht wurden. Daf&#252;r bekam er eine kleine Schlafkammer und Essensbons f&#252;r die Personalkantine zugeteilt. Er beschwerte sich nie &#252;ber seine grausige Arbeit oder seine mangelnde Bezahlung, sondern f&#252;gte sich klaglos in sein Schicksal. Wenn sein Vater den Lohn seiner Spr&#246;sslinge eintrieb, schaute er hin und wieder rasch bei seinem Sohn vorbei. Obwohl Geung ihm kein Geld geben konnte, brachte der Alte stets ein wenig Obst mit oder ein mit Klebreis gef&#252;lltes Bambusrohr sowie den neuesten Klatsch und Tratsch von Leuten, an die Geung so gut wie keine Erinnerung mehr hatte. Der junge Mann fragte nie, ob er wieder nach Hause kommen d&#252;rfe.

Dank seines unkomplizierten, aufrichtigen Wesens war Geung bei Schwestern und Klinikpersonal sehr gern gesehen. Bald war er so beliebt, dass einer der &#196;rzte, Dr. Pongruk, beschloss, es sei an der Zeit, ihn aus der Roten Kammer zu befreien. Geung hatte seine Stellung in der Mahosot-Klinik angetreten, als die Amerikaner Laos gepachtet hatten  und die meisten seiner Bewohner gleich mit. Mit ihrem Geld finanzierten die Besatzer die Geh&#228;lter der Regierung, die Aufr&#252;stung des Milit&#228;rs und den Ausbau der Infrastruktur, in der Hoffnung, dem Vormarsch der Kommunisten auf diese Weise Einhalt gebieten zu k&#246;nnen. Das amerikanische Entwicklungshilfeministerium hatte Dr. Pongruk in Bangkok und Washington zum Forensiker ausbilden lassen. Bei seiner R&#252;ckkehr sollte er auf dem Klinikgel&#228;nde eine neue Pathologie aufbauen.

Neben Dr. Pongruks Gehalt stellten die Amerikaner auch ein kleines Halbtagssal&#228;r bereit, mit dem die laotischen Beh&#246;rden die Dienste einer Teilzeitkrankenschwester zu finanzieren gedachten. Als der Arzt ihnen erkl&#228;rte, er habe einen &#252;beraus kompetenten Mitarbeiter ausfindig gemacht, der gern bereit sei, sich mit halbem Lohn f&#252;r eine volle Stelle zu begn&#252;gen, kannte ihr Entz&#252;cken keine Grenzen  bis sie dahinterkamen, wen der Doktor im Sinn hatte. Wie so viele war auch Dr. Pongruk entsetzt gewesen, als er erfuhr, dass Geung all die Jahre keinen Lohn erhalten hatte. Ihm war klar, dass die Klinik Geung auf Grund seiner Krankheit und seiner fehlenden Ausbildung unm&#246;glich einstellen konnte. Aber mit dem Untergang des Lane-Xang-K&#246;nigreiches war in Laos auch die Sklaverei ausgestorben, und er wollte sich Geung gegen&#252;ber irgendwie erkenntlich zeigen.

Die amerikanische &#220;bergangsregierung erteilte ihm seinen Segen, und der Doktor machte sich daran, Herrn Geung zu seinem Assistenten auszubilden. Er bewies unendliche Geduld und opferte zahllose &#220;berstunden, um Geung auf seine Pflichten in der Pathologie vorzubereiten. Und der junge Mann ging mit gro&#223;er Begeisterung ans Werk. Bald konnte er eine Sch&#228;deldecke entfernen, ohne das Gehirn auch nur zu streifen, und mit seiner langen Schere durchtrennte er Rippen, als seien sie aus Kreide. Er schleppte Leichen und verstreute Leichenteile durch den Sektionssaal wie ein f&#252;rsorgliches Mitglied der Familie des Verstorbenen.

Es ist, als w&#252;rde man ein Boot mit kee-see-Harz versiegeln, erkl&#228;rte der Doktor eines Abends seiner Frau. Es dauert eine Weile, bis das Harz getrocknet ist, aber dann k&#246;nnte man die Planken nicht einmal mehr mit Hammer und Mei&#223;el auseinanderstemmen. Als Dr. Pongruk und seine Frau eines Nachts &#252;ber den Mekong schwammen, um dem zu entgehen, was die Kommunisten mit Akademikern wie ihnen anstellen w&#252;rden, lie&#223;en sie einen Pathologieassistenten zur&#252;ck, dem in Sachen Labor- und Obduktionsverfahren in ganz Laos niemand das Wasser reichen konnte. Leider hatte er jetzt keinen Chef mehr. Die Pathologie war geschlossen. Wieder musste Geung ein halbes Jahr lang in der Roten Kammer Dienst tun. Doch weder beklagte er sich, noch empfand er die Versetzung als Degradierung. F&#252;r ihn war es schlicht und einfach Schicksal.

Eines Tages dann erschien Dr. Siri auf der Bildfl&#228;che, erl&#246;ste Dtui aus ihrer Fron auf der Station und brachte frischen Wind und neues Leben in die Pathologie. Die beiden konnten und mochten auf Geungs Sachkenntnis nicht verzichten, und so wuchsen sie schon bald zu einem echten Team zusammen. Auch wenn man sie schwerlich als Profis bezeichnen konnte. Siri war zwar sein Leben lang Chirurg gewesen, hatte aber noch nie einen Leichnam obduziert und in dieser Hinsicht eigentlich auch keine Ambitionen. Er harrte der Pension, die er sich verdient zu haben glaubte, und stand einem beruflichen Neuanfang zun&#228;chst &#228;u&#223;erst skeptisch gegen&#252;ber. Im ersten Jahr forschten und studierten sie am leblosen Objekt. Und da sie weder &#252;ber ein Labor noch &#252;ber moderne Instrumente, geschweige denn aktuelle Lehrb&#252;cher verf&#252;gten, war die Pathologie der Mahosot-Klinik manchmal noch heute Schauplatz wildester Experimente. W&#228;re Siris Gabe  sprich seine F&#228;higkeit, mit den Geistern der Toten in Kontakt zu treten  nicht gewesen, w&#228;re ihnen zweifellos der eine oder andere schwere Fehler unterlaufen.

Ihre gemeinsamen Erfahrungen hatten die drei Kollegen eng zusammengeschwei&#223;t. F&#252;r Geung war Dtui eine Schwester und Siri ein Gro&#223;vater. Obwohl er seine Gef&#252;hle nicht erkl&#228;ren konnte, liebte er die beiden &#252;ber alles. Selbst wenn er nicht recht begriff, was los war, litt er mit ihnen. Er freute sich &#252;ber ihre Siege, er beweinte ihre Niederlagen  und registrierte mit der Pr&#228;zision eines Luftschiffbarometers, wie es um die beiden bestellt war. Sie vertrauten ihm, und seine Ehrlichkeit bewahrte ihn davor, leere Versprechungen zu machen. Auf Geung war bisher immer Verlass gewesen: Wenn er eine Verpflichtung einging, war es ihm oberstes Gebot, sie auch zu erf&#252;llen. Darum hatte Genosse Dr. Siri ihm vor ihrer Abreise das Versprechen abgenommen, die Pathologie bis zu ihrer R&#252;ckkehr sorgsam zu h&#252;ten.

W&#228;hrend der Abwesenheit des Doktors gab es f&#252;r ihn nicht allzu viel zu tun. Das Krankenhaus konnte h&#246;chstens zwei Leichen auf einmal aufnehmen. Geungs Aufgabe bestand darin, sie in der einzigen vorhandenen K&#252;hlkammer wie in einem Etagenbett &#252;bereinanderzustapeln. Mit einem pl&#246;tzlichen Massenandrang von obduktionsbed&#252;rftigen Leichen war kaum zu rechnen. Zwar grassierte im Vientiane-Becken eine Dengue-Epidemie, doch wie die ihr todbringendes Werk vollbrachte, war kein Geheimnis: Fieber, Ersch&#246;pfung, Blutungen, Exitus. Die Pathologie war lediglich f&#252;r r&#228;tselhafte Todesf&#228;lle an den staatlichen Krankenh&#228;usern zust&#228;ndig sowie f&#252;r die Mordopfer, die ihr bisweilen von der Polizei &#252;berstellt wurden.

Wenn sie einen Fall hereinbekamen, war Herr Geung unentbehrlich. Aber da er nicht &#252;ber die erforderliche Qualifikation verf&#252;gte, durfte er seine Arbeit nur im Beisein eines Arztes verrichten. Und so beschr&#228;nkte sich seine T&#228;tigkeit derzeit darauf, zu fegen, Staub zu wischen, Schaben zu verscheuchen und das B&#252;ro zu bewachen. Er nahm seine Aufgabe ernst; er hatte sogar Decken und Kissen aus seiner Kammer mitgebracht und war fest entschlossen, im Seziersaal Posten zu beziehen.

Er war die Friedfertigkeit in Person. Gef&#252;hle wie Wut und Zorn waren ihm fremd, und er konnte sie auch nicht heucheln. Er wirkte in etwa so furchteinfl&#246;&#223;end wie ein chinesischer Teigklo&#223;. Und so war es nicht weiter verwunderlich, dass er die beiden Uniformierten, die mit einem Mal in die Pathologie platzten und unwirsch seinen Namen br&#252;llten, mit einem L&#228;cheln begr&#252;&#223;te, das in dem Moment verflog, als er ihre Waffen erblickte.

Wa wa was kann ich f&#252;r Sie tun, G Genossen?, fragte er.

Sie richteten ihre Pistolen auf ihn und dr&#252;ckten ab. Herr Geung machte ein verdutztes Gesicht. Dann fiel er zu Boden wie eine reife Jackfrucht vom gleichnamigen Baum.



3

HUNGER IN HOUAPHAN 

Der mitrei&#223;ende Refrain des vom Pr&#228;sidenten eigenh&#228;ndig verfassten Patriotischen Arbeitsliedes Nr. 17  Wir wollen j&#228;ten f&#252;r die Republik  schreckte Siri aus seinen Morgengedanken.

Du liebe Zeit.

&#196;chzend und mit knackenden Knochen setzte sich der Doktor auf und streckte die Beine unter dem Moskitonetz hindurch. Falls er geschlafen hatte, konnte er sich nicht daran erinnern. Nach dreiundsiebzig Lebensjahren war die Zeit f&#252;r ihn zu einem kostbaren Gut geworden, und er hatte soeben sechs Stunden verschenkt, ohne etwas daf&#252;r bekommen zu haben. Er rappelte sich hoch und wankte tapsig wie ein neugeborener Welpe zum Fenster.

Durch den Spalt in den gr&#252;nen Nylonvorh&#228;ngen sah er die singenden Polizisten mit geschulterten Spaten und Hacken auf die Ladefl&#228;che eines Armeetransporters klettern. Auch wenn die W&#228;rter Abstand wahrten und ihre Dienstwaffen gesenkt hielten, wirkten sie deshalb nicht minder bedrohlich. Das Schrillen einer Trillerpfeife diktierte jede Bewegung. Die Gefangenen standen Augen geradeaus, und der Transporter setzte sich in Bewegung und holperte langsam den Feldweg entlang. Das Lied entschwand samt S&#228;ngern in den Nebel. Die Felsspitzen und die tiefh&#228;ngenden grauen Wolken liefen ineinander wie auf einem chinesischen Aquarell.

Siri stellte sich unter den kalten Wasserstrahl in der Gemeinschaftsdusche. Abgestandenes, nach Karbol und Erde stinkendes Wasser quoll zwischen den losen Fliesen unter seinen Fu&#223;sohlen hervor. Er zog sich an und kam auf dem Weg zum Fr&#252;hst&#252;ck an dem Wachposten vorbei, der einsam und allein auf einem Klappstuhl vor der Sperrholzwand sa&#223; und dumpf vor sich hin d&#246;ste.

Wohlsein, w&#252;nschte Siri, erhielt jedoch keine Antwort.

Der Speisesaal beherbergte zehn wacklige, ungedeckte Tische, gerahmte Schwarz-Wei&#223;-Fotografien von Helden der Revolution  und Dtui.

Morgen, Doc.

Guten Morgen. Wie lange sitzen Sie schon hier?

Eine knappe Stunde. Ich konnte nicht schlafen.

Ich auch nicht. Schwerf&#228;llig lie&#223; er sich ihr gegen&#252;ber nieder. Nirgends war ein Laut zu h&#246;ren. Hoffentlich m&#252;ssen wir nicht erst ein Liedchen schmettern, damit wir unser Fr&#252;hst&#252;ck serviert bekommen.

Ich finde es hier irgendwie unheimlich.

Dann geht es Ihnen wie mir.

Das glaube ich kaum. Jedenfalls sind nachts bislang noch keine Geister zu mir ins Bett gekrochen. Trotzdem, die Bude hier ist mir irgendwie nicht ganz geheuer. Au&#223;erdem habe ich noch nie  Sie zog die Nase kraus.

Noch nie was?

Na ja, Sie wissen schon  noch nie allein geschlafen.

Dtui, ich habe das ungute Gef&#252;hl, dass Sie mir schon wieder einen Schwund aufbinden wollen.

Nein, im Ernst. Normalerweise schlafe ich entweder bei meiner Mutter  oder im Schwesternwohnheim. Allein f&#252;hle ich mich hier oben nicht besonders sicher.

Daran werden Sie sich wohl oder &#252;bel gew&#246;hnen m&#252;ssen. Mir graut bei dem Gedanken, dass Sie den Moskauern feierlich verk&#252;nden, nachts nicht gern allein zu sein, auch wenn das Ihrer Beliebtheit bei den jungen Herren der Sch&#246;pfung keinen Abbruch tun d&#252;rfte. Sie k&#246;nnen schlie&#223;lich weder Ihre Mutter noch die Schwestern mit in den Ostblock nehmen.

Falls ich jemals dorthin komme.

Da habe ich nicht den geringsten Zweifel.

Siri wandte den Kopf und sah sich nach der Bedienung um. Es war ihm ein bisschen peinlich, Dtui schon wieder Hoffnungen machen zu m&#252;ssen. Nat&#252;rlich gab es Zweifel. Vor Kurzem hatte sie die Aufnahmepr&#252;fungen zu weiterf&#252;hrenden Schulen in den kommunistischen L&#228;ndern Europas absolviert. Sie bildete sich seit Jahren heimlich fort, da die Klinikverwaltung unter keinen Umst&#228;nden erfahren durfte, dass sie intelligenter war, als ihre Vorgesetzten annahmen. In Zeiten wie diesen galt Eigeninitiative als verd&#228;chtig. Dtui hatte Politik, Medizin und Russisch belegt und damit gute Chancen, das Gros der Medizinstudenten auszustechen, die darunter litten, dass ihre Professoren &#252;ber den Mekong geflohen waren. Siris einzige Bef&#252;rchtung war, dass sie von Verwandten der treuen Parteikader von der Liste gedr&#228;ngt werden k&#246;nnte.

Sie brauchte sich nur an die Spielregeln zu halten. Siri hatte ihr beigebracht, wie man den Pr&#252;fern Sand in die Augen streute. Er hatte sein halbes Leben kommunistische Scharaden aufgef&#252;hrt. Doch sein Glaube an das System war dahin, seit er hatte mit ansehen m&#252;ssen, wie Eitelkeit und Geltungsdrang eine nahezu perfekte Doktrin zugrunde richteten. Was eigentlich als Werkzeug gedacht war, wurde als Waffe missbraucht, und er war nicht besonders stolz auf seine achtundvierzigj&#228;hrige Mitgliedschaft in der Partei. Dtui hatte die drei Gratisjahre in Moskau n&#246;tiger als die meisten anderen. Das gro&#223;z&#252;gig bemessene Auslandsstipendium, verbunden mit der Aussicht auf eine Halbtagsstelle, waren f&#252;r eine bettelarme Laotin wie sie ein wahrer Segen. Leider gingen die meisten Studienbeihilfen an Bewerber, die &#252;ber die n&#246;tigen Beziehungen verf&#252;gten, und au&#223;er Siri kannte Dtui niemanden, der sich f&#252;r sie h&#228;tte verwenden k&#246;nnen. Zu ihrem Leidwesen hatte er sich strikt geweigert, sich in denselben Sumpf von Macht und Korruption hinabzerren zu lassen, der in den vergangenen Jahren die meisten seiner Genossen verschlungen hatte. Weder hatte er ein Mitglied des Politb&#252;ros um eine Gef&#228;lligkeit gebeten, noch seinen guten Draht zum Gesundheitsministerium schamlos ausgenutzt. Allerdings hatte er sich einen Sitz in dem Gremium erschlichen, das &#252;ber die Stipendienantr&#228;ge befand. Wenn streng nach Leistung geurteilt wurde, war Dtui ein Platz im Flugzeug nach Moskau schon so gut wie sicher, daran gab es f&#252;r ihn nichts zu r&#252;tteln. Doch in der Demokratischen Volksrepublik Laos war gar nichts selbstverst&#228;ndlich.

Siri sah sich in dem tristen, halbdunklen Speiseraum um, konnte jedoch nirgends ein Lebenszeichen entdecken. Die Seminarteilnehmer waren ausgezogen, sich von Landminen in die Luft jagen zu lassen, und wie es aussah, rechnete die K&#252;che nicht mit weiteren G&#228;sten. Inzwischen knurrten sich Dtuis und Siris leere M&#228;gen &#252;ber den Tisch hinweg w&#252;tend an. Diese furchterregenden Ger&#228;usche waren offenbar bis zu der dicken Frau in Tarnanzug und wei&#223;er Sch&#252;rze durchgedrungen, die pl&#246;tzlich in der T&#252;r erschien.

Was machen Sie hier?, fragte sie.

Auf unser Fr&#252;hst&#252;ck warten, antwortete Dtui.

Die Frau n&#228;herte sich den &#220;berraschungsg&#228;sten. Ihre Sandalen klatschten &#252;ber die losen Bodenfliesen. Warum sind Sie nicht mit auf dem Feld?

Wir geh&#246;ren zu einer anderen Reisegruppe, erkl&#228;rte Siri. Wir haben das Drei-Tage-, Zwei-N&#228;chte-, Rundumsorglos-Tempeltour-Paket gebucht. Alles inklusive.

Sie starrte ihn an, mit einem Gesichtsausdruck so leer wie die Tresorr&#228;ume der Nationalbank.

Entschuldigung, lenkte er ein. Wir sind auf Einladung der Staatssicherheit hier. Wir bleiben ein paar Tage.

Hm. Davon h&#246;re ich zum ersten Mal. Sie verschr&#228;nkte die Arme, als warte sie nur darauf, dass die beiden sie der L&#252;ge bezichtigten.

Bitte um Verzeihung! Das ist meine Schuld, meldete sich eine Stimme hinter dem R&#252;cken der Frau. Sie mussten sich zur&#252;cklehnen, um ihren Besitzer sehen zu k&#246;nnen. Es war ein hochgewachsener junger Mann mit Brille. Er trug die gr&#252;ne Uniform eines Polizisten der Laotischen Revolution&#228;ren Volkspartei, ohne die &#252;blichen Rangabzeichen oder Schulterst&#252;cke. L&#228;chelnd umging er das volumin&#246;se Hindernis. Dr. Siri?

Siri streckte die Hand aus. Genosse Lit?

Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen. Die beiden M&#228;nner gaben sich die Hand. Siri und Dtui bemerkten Lits verk&#252;mmerten rechten Zeigefinger. Er schien sich zusammenzurollen wie eine durstige Pflanze.

I wo. Wir hatten Sie eigentlich nicht vor neun erwartet.

Die dicke Frau unterbrach die Begr&#252;&#223;ungszeremonie. So geht das aber nicht, Genosse. Sie wissen doch genau, dass mir sp&#228;testens drei Tage vor Ankunft neuer G&#228;ste ein P8.8 vorliegen muss. Von Rechts wegen h&#228;tte die Nachtschicht sie gar nicht aufnehmen d&#252;rfen.

Ganz recht, Genossin Sompet. Hier haben Sie das erforderliche Formular. Es handelte sich um eine Art Notfall. Bitte nochmals um Verzeihung. Er reichte ihr das Dokument, und sie zog maulend von dannen.

Genosse Lit blieb stehen. Nun denn, sagte er und blickte &#252;ber den Tisch zu Dtui.

Das, sagte Siri, ist meine Assistentin, Schwester Chundee Vongheuan.

Sie l&#228;chelte. Sie k&#246;nnen mich ruhig Dtui nennen, Genosse.

Wir wollten eben die Blumengestecke verspeisen, sagte Siri. M&#246;chten Sie vielleicht ein H&#228;ppchen mitessen?

Lit lachte. Ich f&#252;rchte, die sind nicht besonders nahrhaft. Sie sind n&#228;mlich aus Plastik. Kommen Sie, ich lade Sie zum Fr&#252;hst&#252;ck ein.

W&#228;hrend sie in seinem chinesischen Jeep durch Vieng Xai fuhren, wies Lit sie auf die gewaltigen, hoch aufragenden Felsen hin, die man in dieser Gegend Karste nannte und die ber&#252;hmte H&#246;hlen beherbergten. Hier wohnte General Khamtay, der milit&#228;rische Kopf der Revolution, sagte er. Und da dr&#252;ben befindet sich das Domizil des Premierministers.

Die Stadtrundfahrt machten sie Dtui zuliebe. Siri hatte im Laufe seiner langen Jahre im Nordosten s&#228;mtliche H&#246;hlen von innen gesehen und kannte das verschlungene System von Kammern und Tunnels, das sich durch diese Kalksteint&#252;rme zog, genau. Doch f&#252;r Dtui war ein Felsturm nicht vom anderen zu unterscheiden. Die amerikanischen Piloten, die jahrelang im Tiefflug &#252;ber das Tal hinweggeschossen waren, hatten mit denselben Schwierigkeiten zu k&#228;mpfen gehabt. Selbst die erst gegen Kriegsende attackierten Karste hatten dem Streuteppich von F&#252;nfhundert-Kilo-Bomben problemlos standgehalten. Dtui fand es unglaublich, dass man zwei Millionen Tonnen Sprengstoff &#252;ber kommunistisch besetztem Gebiet abwerfen konnte, ohne auch nur einem der Anf&#252;hrer ein Haar zu kr&#252;mmen.

Dass die Parteif&#252;hrung ausgerechnet Vieng Xai zum Regierungssitz des neuen Regimes erkoren hatte, mutete auf den ersten Blick ein wenig seltsam an. Die Stra&#223;en bildeten ein weitl&#228;ufiges Gitternetz, umschlossen von den hohen Felsen, unter denen die Soldaten zehn Jahre ihres Lebens verbracht hatten. Dieses Bild hatten sie jeden Tag vor Augen gehabt, und f&#252;r sie bedeutete es Freiheit. Bis vor vier Jahren hatten sich hier Reisfelder erstreckt, so weit das Auge reichte. Aus Angst vor Flugangriffen versteckten sich die Einheimischen bei Tag und kamen erst nach Sonnenuntergang hervor, um ihre Felder zu bestellen. Mit dem Waffenstillstand jedoch hatten die Genossen ihre Bergfestung verlassen und sich an die Verwirklichung ihres Traums gemacht: die Errichtung einer pr&#228;chtigen Stadt zum glorreichen Gedenken an ihren jahrelangen Kampf.

Aber Laos war mehr als die Provinz Houaphan. Es war ein Land mit rund dreieinhalb Millionen Einwohnern. Zwar gab es keine aktuellen Zahlen, und bis zu f&#252;nfhunderttausend Menschen waren nach Thailand geflohen, doch der Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung dr&#228;ngte sich in und um die Hauptstadt. Nachdem die Pathet Lao siegreich in Vientiane einmarschiert waren und die kommunistische Volksrepublik ausgerufen hatten, schien Vieng Xai abgelegen und unzug&#228;nglich. Wer ein Land regieren wollte, musste dort sein, wo die Menschen waren. Und die waren nicht in Houaphan und erst recht nicht in Vieng Xai. Zwei weitere G&#228;steh&#228;user und ein Marktplatz befanden sich im Bau, aber die Bambusger&#252;ste setzten bereits Moos an. Alles vermittelte den Eindruck eines aufgegebenen Projekts, eines schon bei Sonnenaufgang halb vergessenen Traums.

Am Marktplatz gab es eine einzige Gark&#252;che, die feu-Reisnudeln servierte, in Sch&#252;sseln, die so riesig waren, dass man darin bequem ein kleines Baby h&#228;tte baden k&#246;nnen. Siri und Dtui griffen beherzt zu und a&#223;en mit der linken Hand, w&#228;hrend sie mit der rechten Fliegen gro&#223; wie Mantelkn&#246;pfe verscheuchten. Da Lit bereits gefr&#252;hst&#252;ckt hatte, sah er seinen G&#228;sten beim Essen zu und erkl&#228;rte ihnen derweil, warum sie hier waren.

Wir w&#228;ren wahrscheinlich nie darauf gesto&#223;en, begann er. Von Zeit zu Zeit l&#246;sen sich oben in den Karsten kleinere Felsbrocken und st&#252;rzen herab. Manche erst lange nachdem sie von einer Rakete getroffen wurden. So vermutlich auch in diesem Fall. Ein gewaltiger Felsblock krachte auf den frisch angelegten Betonweg, der von der H&#246;hle zu dem neuen Haus f&#252;hrt. Sie werden sehen, Doktor, dass die meisten ranghohen Genossen sich vor ihrer alten H&#246;hle ein Haus gebaut haben.

Hm. Sie wollen den Mutterleib partout nicht verlassen. Typisches Primatenverhalten, sagte Siri. Und von welcher H&#246;hle reden wir?

Von der des Pr&#228;sidenten. Wir erwarten ihn in gut einer Woche zur&#252;ck. Es w&#228;re sch&#246;n, wenn sich die Sache noch vor seiner Ankunft kl&#228;ren lie&#223;e.

Gut, sagte Siri. Der Felsblock krachte also auf den Beton 

Und pl&#246;tzlich ragte er aus einem Spalt.

Wer?

Der Arm.

H&#228;ngt an dem Arm auch eine Leiche?, fragte Dtui. Sie wischte sich den Mund mit einer Serviette ab und &#252;berlie&#223; die restliche Br&#252;he den Fliegen.

Das wissen wir nicht.

Warum nicht?, fragte Siri.

Nun ja, der Arm ragt aus dem Beton. Um herauszufinden, ob eine Leiche darunterliegt, m&#252;ssten wir den Rest des Weges aufstemmen.

Und das geht nicht, weil ?

Weil die Vorschriften &#252;ber Ver&#228;nderungen an staatlichen Bauvorhaben &#228;u&#223;erst streng gehandhabt werden. Wir mussten die Antragsformulare extra aus Vientiane anfordern. Dort wurde uns gesagt, wir sollten auf Sie warten.

Verstehe. Ich hoffe doch, Sie haben den Arm bedeckt. Die Fliegen hier oben haben einen gesegneten Appetit.

Wir haben eine Plastikt&#252;te dar&#252;bergest&#252;lpt. Wenn Sie so weit sind, bringe ich Sie hin. Wir m&#252;ssen nur noch ein paar Arbeiter und Werkzeug aufladen.

Dann wollen wir unseren in Zement gegossenen Freund nicht l&#228;nger warten lassen. Fertig, teure Schwester Dtui?

Wenn Sie es sind, verehrter Dr. Siri.




Schon ein paar Kilometer au&#223;erhalb Vientianes bestanden die Stra&#223;en nur noch aus Schlagl&#246;chern und Steinen. Folglich wurde man bei der &#220;berlandfahrt in einem Lastwagen &#228;hnlich heftig durchgesch&#252;ttelt, als w&#252;rde man in einem Sarg eine holprige Treppe hinunterpurzeln. Sie waren an der Abzweigung bei Kilometer 6 vorbeigefahren, wo man einen alten US-Milit&#228;rkomplex zu einem Erholungszentrum f&#252;r kommunistische Politiker umfunktioniert hatte. Kurz vor der Gabelung, die zum Nationalen P&#228;dagogischen Institut in Dong Dok f&#252;hrte, kam Herr Geung wieder zu sich. Der Nebel in seinem Hirn lichtete sich j&#228;h, als das Vorderrad in eine tiefe Furche krachte. Statt im Leichenschauhaus fand er sich pl&#246;tzlich ganz woanders wieder: auf einer Decke auf der h&#246;lzernen Pritsche eines alten Lasters. &#220;ber sich sah er den weiten Himmel, die brennende Junisonne und zwei Reihen m&#228;nnlicher Knie. Er lag in einem Spalier aus schwarzen Stiefeln, die nach Schuhwichse stanken. Die Stahlkappen bohrten sich in seine Seiten und machten jede Bewegung unm&#246;glich, deshalb blieb ihm nichts anderes &#252;brig, als still zu liegen und sich zu fragen, wo er war und wem diese an den Knien abgeschnittenen Beine geh&#246;rten. Er hob den Arm und winkte. Die Reaktion lie&#223; nicht lange auf sich warten.

Herr Feldwebel, der Mongoloide ist wach.

Er h&#246;rte lauten Jubel und Gel&#228;chter, und eine Stimme, die gegen den Motorenl&#228;rm anbr&#252;llte. Hoch mit ihm. M&#228;nner beugten sich &#252;ber ihn, streckten die H&#228;nde nach ihm aus und setzten ihn auf. Verwundert starrte er in zwei Reihen l&#228;chelnder Soldatengesichter. Er l&#228;chelte zur&#252;ck. Der Feldwebel sa&#223; am Ende einer der beiden Reihen.

Du hei&#223;t Geung, stimmts?

Zwar war Herr Geung bislang kaum mit dem Milit&#228;r in Ber&#252;hrung gekommen, aber er hatte sich Paraden angesehen und als Kind Soldat gespielt, und so wusste er genau, was zu tun war. Er salutierte. Wieder erhob sich lauter Jubel, und die H&#228;lfte der M&#228;nner erwiderte den Gru&#223;. Zwei von ihnen r&#252;ckten beiseite und zerrten ihn zwischen sich auf die Bank. Sie schaukelten vorbei an ihm unbekannten Feldern und B&#252;ffeln ohne Matsch, in dem sie sich h&#228;tten w&#228;lzen k&#246;nnen. Alles war braun in braun.

Mensch, Junge. Ich dachte schon, du w&#228;rst tot, br&#252;llte der Feldwebel. Ich wusste gar nicht, dass man auch mit einer ungeladenen Waffe jemanden erschie&#223;en kann.

Sie h haben mich erschreckt.

War doch nur Spa&#223;, Jungchen. Nur ein kleiner Scherz.

Ich bin ohnm&#228;chtig geworden.

Allerdings.

W w wo fahren wir hin?

Nam Bak.

Der Name sagte Geung nichts. Warum?

Streng geheime Mission. Der Feldwebel legte den Zeigefinger an die Lippen: Unbedingtes Stillschweigen war oberstes Gebot. Zwar erf&#252;llte es Geung mit Stolz, an einer streng geheimen Mission teilnehmen zu d&#252;rfen, aber er musste sein Versprechen halten. Etwas unbeholfen stand er auf und ging zur Ladeklappe, wobei er sich an den Schultern und Knien der Soldaten festhielt. Der Feldwebel bekam ihn gerade noch zu fassen, bevor er abspringen konnte. Wohin so eilig, junger Mann?, fragte der alte Soldat.

I i i ich muss das Leichenschauhaus bewachen.

Nein, Jungchen. Das musst du nicht.

Doch. M muss ich wohl. Ich habe es Genosse Dr. Siri versprochen. U und Genossin Schwester Dtui.

Du arbeitest nicht mehr im Leichenschauhaus.

Geung war best&#252;rzt. Nein?

Nein.

Wo a a arbeite ich denn dann?

Das wirst du noch fr&#252;h genug erfahren.

A a aber ich ha ha habs doch verspr verspro Wieder prallten W&#246;rter und Gedanken aufeinander und &#252;berschlugen sich in seinem Kopf.

Geung, kleiner Bruder, mach mir blo&#223; keinen &#196;rger. Sonst passiert was. Verstanden?

I i

Und jetzt setz dich wieder hin, und genie&#223; die Fahrt. Du wirst se- Aber bevor der Feldwebel ausreden konnte, war Geung auch schon wieder ohnm&#228;chtig geworden, diesmal in den Armen der Dritten Infanteriedivision der Laotischen Volksbefreiungsarmee, die in den Norden unterwegs war, um Rebellen aufzusp&#252;ren.



4

EINE LEICHE IN BETON 

Der Jeep hielt vor dem Anwesen des Pr&#228;sidenten, und Siri sah die B&#246;schung hinauf zu der schmucken, rosa und gr&#252;n get&#252;nchten Villa, die sich sanft an die turmhohe Felswand schmiegte. Gegen&#252;ber befand sich eine in den Stein gehauene Garage, die anderthalb Autos Platz bot. Dort, wo die Treppe nach oben f&#252;hrte, hatte jemand einen Bombenkrater liebevoll zu einem herzf&#246;rmigen Zierbecken umgestaltet. Ein Ensemble von geradezu be&#228;ngstigender Putzigkeit.

Wissen Sie was, Doc?, fragte Dtui, als sie die betonierten Stufen erklommen. Ich dachte eigentlich immer, ihr h&#228;ttet hier oben gehaust wie die H&#246;hlenmenschen, in modische B&#228;renfelle gewandet. Ich w&#228;re nie darauf gekommen, dass es hier so  zivilisiert zugeht.

Was haben Sie denn erwartet? Dass der Pr&#228;sident der Republik sein Fr&#252;hst&#252;ck mit Pfeil und Bogen erlegen muss?

Wundern w&#252;rde es mich jedenfalls nicht, so schwer, wie man in diesen Breitengraden an ein Fr&#252;hst&#252;ck kommt.

Lit f&#252;hrte sie zu einem schmalen Pfad, der sich zum H&#246;hleneingang hinaufschl&#228;ngelte. Auf halber Strecke sahen sie einen Felsbrocken von der Gr&#246;&#223;e eines aufgedunsenen B&#252;ffels, der auf einem Bett aus plattgedr&#252;ckten Juckfruchtbl&#252;ten und Poinsettien ruhte. Er musste mit ziemlichem Karacho auf dem Beton gelandet und dann in den Garten geschleudert worden sein. Unter der Wucht des Aufpralls war ein langer, gerader Abschnitt des Weges geborsten und gleich an mehreren Stellen aufgebrochen. Die Einzelteile lagen da wie Waggons nach einem Zugungl&#252;ck.

An einer Bruchstelle &#252;berspannte ein kleines Stoffzelt den knapp einen Meter breiten Weg. Lit hob die Tuchbahn an, und darunter kam ein mumifizierter Arm zum Vorschein, der schr&#228;g aus einem breiten Spalt in der Betondecke ragte. Er steckte in einer transparenten, am Handgelenk verschn&#252;rten Plastikt&#252;te. Die Handfl&#228;che war nach oben gekehrt, und die Finger waren zu Klauen verkr&#252;mmt. Woraus Siri schloss, dass der dazugeh&#246;rige Leichnam, falls vorhanden, mit dem Gesicht nach oben in dem unversehrten Betonblock lag.

Tja, dann wollen wir die Nuss mal knacken, sagte Siri zu den beiden mit Hammer und Mei&#223;el bewaffneten Arbeitern, die ihnen gefolgt waren.

Wie h&#228;tten Sies denn gern, Doktor?, fragte der eine.

Das vor ihnen liegende Teilst&#252;ck war rund ein Meter achtzig lang und um die f&#252;nfundsiebzig Zentimeter breit. Siri dachte einen Augenblick nach. Ich glaube, wir sollten uns von den R&#228;ndern vorsichtig zur Mitte vorarbeiten. Warten Sie, ich markiere die entsprechenden Stellen. Er hob ein St&#252;ck Kalkstein auf und zog damit rechts und links der Bruchstelle je eine wei&#223;e Linie.

&#196;hm, Dr. Siri, fragte Lit, w&#228;re es nicht einfacher, an dem Ende anzufangen, wo die Hand aus dem Beton ragt, oder den Block gleich von oben aufzustemmen?

Einfacher schon, Genosse Lit. Aber nicht unbedingt ratsam.

Ich glaube, ich verstehe nicht ganz.

Schwester Dtui wird es Ihnen sicher gern erkl&#228;ren.

Dtui schrak aus ihren Tr&#228;umereien. Ach ja?

Gewiss. Das war typisch f&#252;r den Doktor. Siri stie&#223; Dtui oft und gern ins kalte Wasser und kam ihr erst dann zu Hilfe, wenn er hundertprozentig sicher war, dass sie sich allein nicht mehr zu helfen wusste.

Na sch&#246;n. Sie nahm die sonderbare Szene in Augenschein und spielte die M&#246;glichkeiten in Gedanken durch. Also, sagte sie. Wenn &#252;berhaupt eine Leiche darunter liegt, dann mit dem Gesicht nach oben. Dem Zustand des Arms nach zu urteilen, ist sie mumifiziert; ergo m&#252;sste sie geschrumpft sein.

Siris L&#228;cheln verriet ihr, dass sie auf der richtigen Spur war. Mit gest&#228;rktem Selbstbewusstsein fuhr sie fort.

Da der Mann wohl kaum in den Beton gelangt sein d&#252;rfte, nachdem dieser ausgeh&#228;rtet war, m&#252;ssen wir davon ausgehen, dass er entweder vors&#228;tzlich in feuchtem Zement begraben wurde  oder aber hineingefallen ist. Das hei&#223;t, der Zement ist um ihn herum erstarrt. Dann schrumpfte der Leichnam, und zur&#252;ck blieb ein Abguss des Toten. Dieser Abguss k&#246;nnte f&#252;r uns ebenso aufschlussreich sein wie der Leichnam selbst. Darum sollten wir bei der Bergung m&#246;glichst behutsam vorgehen. Tatah, sang sie. Wo bleibt der Applaus?

Lit und einer der beiden Arbeiter klatschten tats&#228;chlich. Der Sicherheitschef musterte sie mit unverhohlener Bewunderung. Nicht &#252;bel, sagte er. Alle Achtung.

Noch immer l&#228;chelnd, beugte Siri sich &#252;ber den Arm und betrachtete ihn aus der N&#228;he. Er entfernte die Plastikt&#252;te und inspizierte die verkr&#252;mmten Finger. Die Haut hatte die Farbe dunkler Schokolade, was bei einer mumifizierten Leiche nicht ungew&#246;hnlich war. Er wusste, dass er ihr nicht allzu viele Geheimnisse w&#252;rde entlocken k&#246;nnen. Da fiel ihm etwas auf. Der Handteller schien erheblich heller als der Handr&#252;cken.

Vorsichtig wie Arch&#228;ologen bei einer antiken Ausgrabung setzten die Arbeiter den Mei&#223;el an.

Meine Herren, dr&#228;ngelte Siri, wir haben es hier mit Beton zu tun. Wenn Sie in diesem Tempo weitermachen, stehen wir in drei&#223;ig Jahren noch hier. Also schlagen Sie um Gottes willen zu. Immer feste drauf.

Und so schlugen sie. Sie arbeiteten sich von beiden Seiten zur Mitte vor, w&#228;hrend Lit, Dtui und Siri sich am Fu&#223; des Karstes niederlie&#223;en. Die Sonne hatte mit M&#252;h und Not ein Loch in den Nordostnebel gebrannt, den Erdboden aber noch nicht erw&#228;rmt. Dtui und Lit vertrieben sich die folgende Stunde mit zwanglosem Geplauder, w&#228;hrend Siri d&#246;ste. Das junge Paar hatte anscheinend allerhand gemein. Beide hatten die letzten Jahre mit der Pflege eines kranken Elternteils verbracht. Dtui erz&#228;hlte Lit von der Zirrhose ihrer Mutter Manoluk und dass sie derzeit bei Siri wohnten. Der Doktor lebe nicht gern allein, erkl&#228;rte sie, und teile seinen riesigen Parteibungalow mit einer wilden Schar von Herumtreibern und Streunern. Lits Vater hingegen hatte bei einer Bombenexplosion beide Beine und ein St&#252;ck Darm verloren. Vor ein paar Monaten war er seinen Verletzungen erlegen.

Sowohl Lit als auch Dtui hatten jede Gelegenheit zur Fortbildung genutzt. Lit war es dank ausgiebiger Lekt&#252;re von Gesetzestexten schon in relativ jungen Jahren gelungen, eine F&#252;hrungsposition zu ergattern. Dtui hatte sich selbst Englisch beigebracht und zahllose medizinische Fachb&#252;cher auswendig gelernt. Nach dem Abzug der Amerikaner war sie auf Russisch umgestiegen und hatte dasselbe Feld ein zweites Mal beackert. Sie tr&#228;umte davon, wie zweitausendvierhundertneunundneunzig andere Laoten im Ostblock studieren zu d&#252;rfen, und wollte jeden Kip, den sie er&#252;brigen konnte, ihrer Mutter schicken.

Ein lautes Krachen setzte ihrem Gespr&#228;ch ein j&#228;hes Ende. Siri hob schlaftrunken den Kopf. Die Arbeiter hatten die oberste Schicht des Betons mit Brecheisen aufgestemmt. Als sie die Platte herunterhieven wollten, brach sie entzwei.

Eine Mumie lag, wie in Todesqualen erstarrt, runzlig und verschrumpelt in einem Hohlraum aus Beton, den sie einst vollst&#228;ndig ausgef&#252;llt hatte. Der eine Arm war dicht an den K&#246;rper gepresst, der andere hoch &#252;ber den Kopf gestreckt. Die Knie waren leicht angewinkelt, und sie schien nichts weiter anzuhaben als ein Paar Fu&#223;ballshorts, die ihr inzwischen mehrere Nummern zu gro&#223; waren. Das leuchtende Rot des Nylonstoffs hob sich scharf gegen das schokoladenbraune &#196;u&#223;ere der Leiche ab.

Aber was die Umstehenden  und selbst Siri, der s&#228;mtliche Spielarten des Todes kannte  am meisten entsetzte, war der gepeinigte Ausdruck auf dem Gesicht der Mumie, in dem statt eines Mundes ein riesiges zahnloses Loch g&#228;hnte. Es handelte sich zweifellos um einen qualvollen Tod  und nicht etwa um einen Unfall.

Was  was ist mit seinem Gesicht passiert?, fragte Lit erschrocken.

Siri drehte die betonierte Grabplatte herum und betrachtete die Innenseite. Der Abguss war perfekt und bot ein nahezu vollkommenes Negativabbild des Kopfes. An der Stelle, wo dem Mund ein letzter erstickter Schrei entwichen war, schraubte sich ein Zementkegel in die H&#246;he. Im Fu&#223; dieses Kegels steckten die fehlenden Z&#228;hne.

Damit h&#228;tten wir die Erkl&#228;rung f&#252;r das Loch, sagte Siri, ohne aufzublicken. Die anderen traten n&#228;her und sp&#228;hten ihm &#252;ber die Schulter. Wie es scheint, bestand der letzte Atemzug unseres Freundes aus fl&#252;ssigem Zement. Als der erstarrte und der Leichnam zu schrumpfen anfing, wurden ihm die Z&#228;hne buchst&#228;blich aus dem Mund gerissen. Es w&#252;rde mich nicht wundern, wenn sich in der Lunge noch mehr Zement bef&#228;nde.

Mein Gott, sagte Lit. Sie meinen, er war noch am Leben, als er in Beton gegossen wurde?

Sieht ganz so aus, best&#228;tigte Dtui.

Was f&#252;r ein grauenhafter Tod. Wer k&#246;nnte so etwas getan haben?

Der Gr&#246;&#223;e des Toten nach zu urteilen, d&#252;rfte der T&#228;ter ungemein kr&#228;ftig gewesen sein, antwortete Siri.

Der oder die T&#228;ter, setzte Dtui hinzu.

Stimmt. Danke f&#252;r den Hinweis. Genosse Lit, meinen Sie, der Pr&#228;sident hat etwas dagegen, wenn wir sein Konferenzzimmer als Sektionssaal zweckentfremden?

Ich habe den Schl&#252;ssel, sagte Lit. Aber er reist n&#228;chste Woche zum Konzert an.

Wenn wir den Fall bis dahin nicht gekl&#228;rt haben, werden wir ihn niemals kl&#228;ren, junger Mann. Ich bin der Erste, der eine Niederlage eingesteht.


Richter Haeng kam aus seinem Gerichtssaal, wo er sich wieder einmal den halben Tag mit kleinlichen Familienstreitigkeiten hatte herumschlagen m&#252;ssen. Eine Stadt, die alle tats&#228;chlichen und potenziellen Verbrecher eingekerkert und die Kriminalit&#228;t per Dekret abgeschafft hatte, war ein freudloser Ort f&#252;r einen Richter. Er durchquerte das Sekretariat des Justizministeriums, wo die Angestellten an ihren Tischen sa&#223;en und in ihre klobigen Schreibmaschinen schwitzten. Sie nickten ihrem jungen Dienstherrn mit sichtlich gebremstem Enthusiasmus zu. Seit er vor zw&#246;lf Monaten die Moskauer Universit&#228;t verlassen und sein Richteramt angetreten hatte, w&#252;rdigte er sie kaum einer Silbe. Gew&#246;hnlich kommunizierte er ausschlie&#223;lich &#252;ber die B&#252;rovorsteherin Frau Manivone mit ihnen. Als er an ihren Schreibtisch trat, erhob sie sich artig und setzte ein nichtssagendes L&#228;cheln auf. Sie trug eine frisch geb&#252;gelte khakifarbene Bluse und dazu einen kn&#246;chellangen schwarzen phasin. Gew&#246;hnlich war sie ebenso sachlich wie ihre Kleidung.

Wohlsein, Richter Haeng.

Ist er weg?

Wer?

Die Missgeburt aus der Pathologie.

Sie seufzte. Falls Sie Herrn Geung meinen, den haben sie gestern Abend abgeholt. Er m&#252;sste sp&#228;testens Mittwoch ankommen.

Gut. Ausgezeichnet. Er hielt schnurstracks auf sein B&#252;ro zu.

Aber 

Er drehte sich noch einmal um. Was?

Nun ja, ich verstehe das nicht ganz. Herr Geung ist bei allen sehr beliebt.

Beliebt? Ich h&#246;re wohl nicht recht! Ist das hier ein Ministerium oder ein Asyl f&#252;r Sonderlinge und Au&#223;enseiter? Ich liebe meine Gro&#223;mutter hei&#223; und innig  Frau Manivone glaubte ihm kein Wort -, trotzdem k&#228;me ich nicht im Traum auf die Idee, sie mit einem leitenden Posten in der Gerichtsmedizin zu betrauen. Welchen Eindruck w&#252;rden ausl&#228;ndische Besucher wohl mit nach Hause nehmen, wenn sie s&#228;hen, dass unser Staat Idioten besch&#228;ftigt?

Obwohl sie diverse Antworten auf diese Frage parat hatte, stie&#223; sie halblaut hervor: Dass uns an unseren Mitmenschen gelegen ist?

Wie war das?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dr. Siri davon sehr begeistert sein wird.

Der Richter schlenderte zur&#252;ck zu ihrem Schreibtisch. Ach nein?

Nein.

Er st&#252;tzte sich auf die Tischplatte und erhob die Stimme, sodass ihn alle h&#246;ren konnten. Helfen Sie mir auf die Spr&#252;nge, junge Frau  arbeitet Dr. Siri f&#252;r das Justizministerium?

Ja, Richter Haeng.

Und bin ich der Leiter des Justizministeriums?

Manivone rief sich ins Ged&#228;chtnis, dass sie drei Kinder zu ern&#228;hren hatte. Ja, Richter Haeng.

Und tut er, was ich ihm sage, oder tue ich, was er mir sagt?

Also, wenn Sie mich so direkt fragen. Weder noch, Genosse. Eine ebenso unbesonnene wie zutreffende Bemerkung. Die umgehend mit einer Parteilosung bestraft wurde.

Jetzt werden Sie mal nicht frech, Genossin Manivone. Im sozialistischen Bienenstock ist eine Biene so wichtig wie die andere. Aber wenn die Drohne der K&#246;nigin gegen&#252;ber den n&#246;tigen Respekt vermissen l&#228;sst, flie&#223;t der Honig nicht halb so s&#252;&#223;. Merken Sie sich das.

Jawohl, Richter Haeng.

Er blickte zu den Schreibern, die sich eilends wieder ihrer Arbeit widmeten. Mit einem blasierten L&#228;cheln auf den Lippen stolzierte er zu seinem B&#252;ro. Er h&#228;tte einen b&#252;hnenreifen Abgang hingelegt, w&#228;re die verklemmte T&#252;r nicht gewesen. Er warf sich laut fluchend dagegen, bis sie schlie&#223;lich nachgab und er in sein B&#252;ro stolperte. Die T&#252;r flog hinter ihm ins Schloss.

Gott sch&#252;tze die K&#246;nigin, kommentierte ein Schreiber das verdruckste Gel&#228;chter seiner Kollegen.


Herrn Geungs Angst wuchs mit jedem Kilometer, den sich der Transporter weiter von Vientiane entfernte. Einige der Soldaten bef&#252;rchteten, er k&#246;nne jeden Moment durchdrehen. Er kam ihnen vor wie ein Tier in der Falle, das sich glatt den eigenen Fu&#223; abbei&#223;en w&#252;rde, um sich zu befreien. Selbst dem Feldwebel kamen leise Bedenken, als er Geung schlotternd und bibbernd auf der Holzbank sitzen sah. Aber seine Anweisung war klar und deutlich: Er sollte ihn bei einem Arbeitstrupp im Norden abliefern. Und da der Befehl direkt aus dem Justizministerium kam, konnte er ihn unm&#246;glich verweigern. Seit Einbruch der Dunkelheit reagierte der Gefangene nicht mehr auf die Fragen der Soldaten, und ihre Versuche, ihn aufzuheitern, zeitigten nicht die geringste Wirkung. Sie begriffen weder, wie sehr ihn sein Gewissen qu&#228;lte, weil er seine Freunde im Stich gelassen hatte, noch wie furchtbar einsam und traurig er war.

Die Einheit wollte im Lager des Achten Bataillons bei Van Khi &#252;bernachten. Der Transporter fuhr auf das umz&#228;unte Gel&#228;nde, und als Geung den Kopf hob, sah er, wie sich das Tor hinter ihnen schloss. Jeder Fluchtversuch war zwecklos.



5

EIN DUMMKOPF AUF ABWEGEN 

Eine Obduktion dient nur einem Zweck: der Aufkl&#228;rung eines r&#228;tselhaften Todesfalles. Ist das R&#228;tsel auch nach drei Stunden noch nicht gel&#246;st oder gibt gar immer neue R&#228;tsel auf, so sollte man sich allm&#228;hlich mit dem Gedanken anfreunden, dass die Operation ein Fehlschlag war. Siri und Dtui wechselten bei jeder neuen Frage, auf die es keine Antwort gab, kopfsch&#252;ttelnde Blicke. Zugegeben, der Zustand der Leiche machte ihnen die Arbeit nicht eben leichter. Der Zement war Ende Januar gegossen worden, der Leichnam hatte also f&#252;nf Monate Zeit gehabt, in Ruhe zu mumifizieren. Alles war stark geschrumpft, und s&#228;mtliche Verletzungen oder Anzeichen f&#252;r etwaige Krankheiten verbargen sich in dem knotigen Gewebe unter dem dicken Panzer, in den sich die Haut verwandelt hatte.

Immerhin waren sie gleich zu Beginn auf drei geringf&#252;gige Unregelm&#228;&#223;igkeiten gesto&#223;en. Erstens umklammerte die rechte Faust einen langen, d&#252;nnen Schl&#252;ssel mit kreisrunder R&#228;ute und einfachem Bart. Zweitens, aber das war im Grunde nicht weiter verwunderlich, wiesen die Z&#228;hne des Leichnams eine rosa Verf&#228;rbung auf, was den Schluss nahelegte, dass der Mann eines gewaltsamen Todes gestorben war. Drittens ragte an der Stelle, wo sich der Brustkorb des Opfers befunden hatte, ein langer, abgebrochener Fingernagel aus dem Beton, obwohl die N&#228;gel der Leiche kurzgeschnitten waren. Er war mit einer Art Lack &#252;berzogen und deshalb recht gut erhalten. Woraus sie folgerten, dass der Nagel urspr&#252;nglich in der Haut des Opfers gesteckt hatte.

Diese Besonderheiten hatten sich relativ unschwer feststellen lassen. Nicht so die anderen. Das Einschussloch im Brustkorb beispielsweise hatten sie erst sehr viel sp&#228;ter entdeckt, und auch das nur, weil sie die Haut Zentimeter f&#252;r Zentimeter mit den Fingerspitzen abgetastet hatten. Es gelang Siri, eine d&#252;nne H&#228;kelnadel in die winzige &#214;ffnung einzuf&#252;hren, doch so bekam er die Kugel nicht zu fassen. Sie beschlossen, damit bis zur inneren Leichenschau zu warten.

Es sprach einiges daf&#252;r, dass der Mann kein Asiate war. Die Gesichtsstruktur sowie die vollen Lippen lie&#223;en darauf schlie&#223;en, dass es sich bei dem Toten um einen Negriden handelte. Zwar mochte dies bis zu einem gewissen Grad auf die postmortale Austrocknung zur&#252;ckzuf&#252;hren sein, aber die Haut war dunkler als bei mumifizierten Leichen &#252;blich. Die Z&#228;hne der Leiche best&#228;tigten Siris Hypothese. Dtui hatte sie vorsichtig von Betonresten befreit und so den Umriss des Gaumens freilegen k&#246;nnen. Zwischen den mittleren Schneidez&#228;hnen des Oberkiefers befand sich eine L&#252;cke, ein eindeutiges Indiz f&#252;r die afrikanische Herkunft des Toten.

Sehr viel mehr hatte die Sektion der Leiche nicht ergeben. Das Vorhandensein eines sauberen Einschussloches, nicht aber der dazugeh&#246;rigen Kugel, stellte Siri und Dtui vor ein R&#228;tsel. Obwohl das Projektil den K&#246;rper nicht durchschlagen hatte, war es ihnen trotz gr&#252;ndlicher Suche nicht gelungen, es zu finden. Und das war nur eine von vielen ungel&#246;sten Fragen.


Lit war gekommen, um sich nach dem Obduktionsbefund zu erkundigen. Sie setzten sich mit einer Thermoskanne Tee und drei Blechtassen auf die Veranda des G&#228;stehauses. Es war vier Uhr nachmittags und f&#252;r diese Tageszeit erstaunlich still. Sie hatten noch nicht &#252;ber den Toten gesprochen.

Sieht ganz so aus, als h&#228;tten die Polizisten sich verlaufen, sagte Dtui, als ihr auffiel, dass die Transporter noch nicht zur&#252;ck waren. Siri hatte ihr seinen Verdacht hinsichtlich ihres Schicksals wohlweislich verschwiegen.

Genosse Lit zeigte sich weitaus mitteilsamer. Die Lakaien der Amerikaner kommen nicht wieder, erkl&#228;rte er ihr ganz nebenbei. Siri kannte die Schm&#228;hungen, mit denen die Partei die Funktionstr&#228;ger des alten Regimes zu belegen pflegte, nur zu gut, doch Dtui hob bei den Worten des Sicherheitschefs verdutzt die Augenbrauen, als habe sie soeben eine ganz neue Seite an ihm entdeckt. Sie h&#228;tte sich nicht zu wundern brauchen. Ein Kader, der schon in so jungen Jahren in eine so wichtige Stellung aufgestiegen war, wusste genau, wie man sich m&#246;glichst elegant an der Parteilinie entlangbewegte. Eine Gratwanderung, die jederzeit mit einem t&#246;dlichen Absturz enden konnte.

Warum nicht?, fragte Dtui.

Weil sie in ein Lager &#252;berstellt worden sind, antwortete Lit.

Ach wirklich? Ich kann mich nicht entsinnen, dass sie heute Morgen mit Gep&#228;ck auf den Transporter gestiegen w&#228;ren.

Nein.

Offenbar glaubte Lit, der leidigen Fragerei mit diesem Nein ein j&#228;hes Ende gemacht zu haben, aber da kannte er Dtui schlecht.

Und warum sind sie ohne ihre Sachen &#252;berstellt worden?

Siri wusste, dass sie damit hart am Abgrund balancierte. Lit war den ganzen Tag von ausgesuchter H&#246;flichkeit gewesen, doch auf solche Fragen reagierten treue Parteisoldaten wie er normalerweise h&#246;chst allergisch; sie waren keinen Widerspruch gewohnt.

Ich finde, wir sollten uns jetzt unserer Zementleiche zuwenden, sagte der Doktor.

Aber Lit lie&#223; nicht locker. Weil sie ihre Sachen da, wo sie jetzt sind, nicht mehr brauchen, Schwester Dtui.

Keine Sachen? Dtui stand am br&#246;ckelnden Rand der Klippe. Keine Kleider? Keine Seife? Keine Andenken an daheim?

Nein.

Und warum nicht? Pl&#246;tzlich herrschte zwischen den beiden ein Vakuum.

Weil sie lernen m&#252;ssen, ohne all das auszukommen.

Ohne Kleider? Nachts ist es hier oben eisig kalt. Sie werden sich den Tod holen.

Schon m&#246;glich. Aber wer nicht im Stande ist, sich neuen Gegebenheiten anzupassen, wird ihnen fr&#252;her oder sp&#228;ter naturgem&#228;&#223; zum Opfer fallen.

Siri unternahm einen zweiten Versuch. Ich finde, wir 

Wie bitte? Anpassen? Was sollen sie denn machen? Sich &#252;ber Nacht einen dichten Pelz wachsen lassen? Sie hatte sich kopf&#252;ber in die Schlucht gest&#252;rzt und war rettungslos verloren.

Lit richtete sich zu voller Sitzgr&#246;&#223;e auf und sagte laut: Wir sind keine Unmenschen, Genossin Dtui. Selbstverst&#228;ndlich versorgen wir sie mit einer Decke und einer einfachen Mahlzeit. Aber die ersten Tage im Seminar sind so eine Art H&#228;rtetest f&#252;r die korrupten Lakaien der Amerikaner, die wie die Maden im Speck gelebt und die Massen ausgeblutet haben. Ihre eigenen Exzesse haben sie weich gemacht. Wir geben ihnen Gelegenheit, wertvolle Mitglieder dieser Gesellschaft zu werden.

Durch Zwangsarbeit und Grausamkeit?

Dtui!, herrschte Siri sie an. Er wurde langsam w&#252;tend, nicht wegen ihrer Fragen, die er f&#252;r durchaus berechtigt hielt, sondern weil sie nicht wusste, wann sie den Mund zu halten hatte.

Lit ging zum Angriff &#252;ber. Leute wie Sie wollen einfach nicht begreifen.

Leute wie ich? Und wer, bitte, sind .

Schluss jetzt! Siri knallte seine Blechtasse auf den Tisch. Der Tee schwappte &#252;ber den Rand und ergoss sich auf das lackierte Holz. Das gilt f&#252;r Sie beide. Ich bin keine vierhundert Kilometer gereist, um ideologische Grundsatzdiskussionen zu f&#252;hren. Wir sind hier, um ein grausiges Verbrechen aufzukl&#228;ren. Ein wenig mehr Disziplin, wenn ich bitten darf!

Derart in Rage hatte Dtui ihren Chef noch nie erlebt. Obwohl er vermutlich bluffte, wusste sie, dass sie die Grenzen des Erlaubten &#252;berschritten hatte. tschuldigung, Doc. Sie haben ja Recht.

Mit einem Seufzer der Erleichterung schilderte Siri den Zustand der Leiche und die Unregelm&#228;&#223;igkeiten, auf die sie bei der Obduktion gesto&#223;en waren. Dtui schwieg.

Letztlich, sagte Siri, deutet alles darauf hin, dass der gute Mann erst angeschossen und dann, noch lebend, in den nassen Zement getaucht wurde, bis er darin buchst&#228;blich ertrank. Was ihn das Leben gekostet hat, war ohne Zweifel der Zement, auch wenn ihn die Schusswunde erheblich geschw&#228;cht haben d&#252;rfte. Die Kugel hat einen Lungenfl&#252;gel durchbohrt.

Und Sie glauben, er war schwarz, setzte Lit hinzu, nun wieder ganz der n&#252;chterne Ermittler.

Ich w&#252;rde nicht unbedingt mein Leben darauf verwetten, aber der Verdacht liegt nahe. Sprich, es handelt sich mit ziemlicher Sicherheit um einen Kubaner.

Dtui brach ihr Schweigen. Warum?

Die einzigen dunkelh&#228;utigen Ausl&#228;nder, denen Sie hier oben begegnen werden, sind Kubaner, sagte Siri. Was finanzielle und personelle Unterst&#252;tzung angeht, war Se&#241;or Castro schon immer sehr spendabel. Gab es hier in der N&#228;he nicht ein von Kubanern und Vietnamesen gemeinschaftlich betriebenes Krankenhaus?

Das gibt es immer noch, sagte Lit.

Wirklich? Und wird es auch immer noch von Dr. Santiago geleitet?

Wenn mich nicht alles t&#228;uscht, verwaltet er die F&#246;rdergelder f&#252;r die Klinik. Von leiten kann nicht die Rede sein.

Ah, ausgezeichnet. Wir kennen uns gut, jedenfalls so gut, wie es zwei M&#228;nnern m&#246;glich ist, die nicht dieselbe Sprache sprechen. Es w&#228;re vielleicht keine schlechte Idee, dem Herrn Doktor einen privaten Besuch abzustatten und nachzuhorchen, ob zu der Zeit, als der Betonweg angelegt wurde, vielleicht der eine oder andere Kubaner versch&#252;ttgegangen ist.

Dann, &#228;h, darf ich diesen Teil der Ermittlungen Ihnen &#252;berlassen, Doktor?

Siri fand es merkw&#252;rdig, dass der Sicherheitsbeamte die Untersuchung bereitwillig an einen einfachen Gerichtsmediziner delegierte, fragte jedoch nicht weiter nach. Ein wenig Detektivarbeit konnte schlie&#223;lich nicht schaden. Aber gern.

Gut, sagte Lit. Dann fahre ich jetzt zur&#252;ck in mein B&#252;ro. Ich schaue morgen um die gleiche Zeit wieder vorbei. Ich habe die Leute in der K&#252;che angewiesen, Ihnen drei Mahlzeiten t&#228;glich zu servieren. Viel mehr werden sie die n&#228;chsten acht Tage ohnehin nicht zu tun haben. Er stand auf und nickte ihnen zu.

Bis die n&#228;chste Ladung von Lakaien eintrifft, raunte Dtui dem Doktor zu. Falls Lit sie geh&#246;rt hatte, lie&#223; er sich das nicht anmerken und ging wortlos davon. Als sein Jeep auf den Feldweg abgebogen war, funkelte Siri seine Assistentin w&#252;tend an und sch&#252;ttelte den Kopf.

Was ist?, fragte sie.

Sie kennen nicht allzu viele Kommunisten, was?

Aber Sie sind doch Kommunist.

Zwischen einem eingetragenen Parteimitglied und einem echten Kommunisten klafft ein himmelweiter Unterschied. Mit echten Kommunisten ist nicht zu spa&#223;en. Wer sich mit ihrer Lehre nicht einverstanden erkl&#228;ren mag, ist in ihren Augen ein Feind.

Ihrer Lehre? Dr. Siri, Sie sind einer von denen. Es ist also auch Ihre Lehre.

Und ich gebe zu, ich habe lange Zeit an sie geglaubt. Offen gestanden, bin ich eigentlich noch immer davon &#252;berzeugt, dass ein gut funktionierendes sozialistisches System die Welt von ihrer Lethargie und ihrem Egoismus heilen k&#246;nnte. Aber zu dieser Einsicht m&#252;ssen die Menschen aus eigenem Antrieb gelangen, durch Klarsicht und Vernunft 

Und nicht durch Folter.

Genau. Dieses Problem werden Sie allerdings kaum l&#246;sen, indem Sie Leute wie den Genossen Lit niederbr&#252;llen. Niemand br&#252;llt lauter als ein Roter.

Und wie l&#228;sst sich das Problem dann l&#246;sen?

Fr&#252;her oder sp&#228;ter l&#246;st es sich ganz von allein.

Aber bis dahin werden noch viele Menschen leiden.

Und da ich Sie nur ungern leiden s&#228;he, w&#228;re ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Ihren h&#252;bschen Mund fortan fest geschlossen halten k&#246;nnten. Das ist ein Befehl. Damit bewirken Sie rein gar nichts. Sie wissen ja, was man &#252;ber lose Zungen sagt.

Sie werden ausfallend?

Siri lachte. Die Rolle des gestrengen Zuchtmeisters lag ihm nicht. Dtui schmollte, zeigte jedoch Verst&#228;ndnis. Sie wusste, dass Siri nur wegen der Frau, die er liebte und der er vierzig Jahre lang die Treue gehalten hatte, in die Partei eingetreten war. Auch heute noch war er Mitglied, besa&#223; allerdings gen&#252;gend Abstand, um zu erkennen, dass die Pathet Lao sich von den Vietnamesen zu Scho&#223;h&#252;ndchen hatten abrichten lassen, ebenso wie seinerzeit die Royalisten um die Franzosen und Amerikaner herumscharwenzelt waren. Er hatte sich damit abgefunden, dass seine laotischen Br&#252;der und Schwestern dazu verurteilt schienen, sich stets von noch gr&#246;&#223;eren Narren zum Narren halten zu lassen. Zwar war er nicht eben das Paradebeispiel eines Mannes, der wusste, wann er den Mund zu halten hatte, doch Dtuis Erfahrung sagte ihr, dass er mit guten Ratschl&#228;gen gew&#246;hnlich nicht hausieren ging.


Obwohl er zu Tode ersch&#246;pft war, w&#228;lzte er sich auf seiner klumpigen Matratze auch in dieser Nacht schlaflos hin und her. Die Geister auf den Feldern riefen ihn. Unter ihnen befanden sich auch viele treuherzige junge Kader. Nach ihren K&#228;mpfen mit den Hmong-Rebellen hatte er sie zu Hunderten zusammengeflickt. Und alle sagten sie dasselbe: Schau uns an. Das haben wir nun davon. Und was hast du getan? Uns verarztet, damit wir von Neuem in die Schlacht ziehen konnten. Weiter nichts. Sie hatten Recht. Aber das wollte er nicht h&#246;ren. Er wollte schlafen, obgleich er wusste, dass er sich im Schlaf den b&#246;sen Geistern w&#252;rde stellen m&#252;ssen, die in den dunklen Gassen seiner Albtr&#228;ume lauerten.

Die kalte, sternenlose Nacht war so finster, dass er selbst mit weit aufgerissenen Lidern weder das zusammengew&#252;rfelte Mobiliar noch die eigene Hand vor Augen sehen konnte. Ein unsichtbares Insekt flatterte gegen das Moskitonetz, und er konzentrierte sich auf das Summen seiner winzigen Fl&#252;gel. Indem er sich einbildete, es sehen zu k&#246;nnen, und wie hypnotisiert dem Summen lauschte, hoffte er, sich in den Schlaf wiegen zu k&#246;nnen. Und fast w&#228;re ihm das auch gelungen. Die Stimmen waren verstummt, er d&#246;ste immer wieder ein, doch just in dem Moment, als er endg&#252;ltig in tiefen Schlummer sank, l&#228;rmte die infernalische Diskothek von Neuem los. Obwohl es von weither zu kommen schien, breitete sich das Wummern der B&#228;sse aus wie ein Erdbeben und drang bis in den ersten Stock des G&#228;stehauses. Es brachte die Bettpfosten  und Siri  zum Vibrieren.

Was war nur mit der Jugend dieses Landes geschehen? Wie hatte sie einen derart gr&#228;sslichen Musikgeschmack entwickeln k&#246;nnen? Und: Lie&#223; sich das schaurige Gejaule qualvoll verendender Amerikaner &#252;berhaupt als Musik bezeichnen? Er wusste nicht mehr, wie viele nervt&#246;tende Nummern er &#252;ber sich hatte ergehen lassen m&#252;ssen, als er endlich den ersehnten Schlaf fand.

In seiner Traumwelt herrschte seltene, wohltuende Stille. Eine Kr&#228;he und eine Sp&#228;tzin hockten in luftiger H&#246;he auf einer Hochspannungsleitung. Diese Leitung konnte nur im Traum existieren, denn eine T-28 flog unter ihr hindurch und nahm das Land aus der Luft unter Beschuss. Bomben st&#252;rzten in die Reisfelder und versanken im Schlamm, ohne zu explodieren. Es war ein stummer Traum, nicht einmal von Musik begleitet. Die Kr&#228;he putzte die Sp&#228;tzin, als k&#252;mmere sie weder ihre Stellung innerhalb der Vogelkaste noch das nahe Schlachtget&#252;mmel. Sie waren g&#228;nzlich entr&#252;ckt. Alles andere schien bedeutungslos. Ein beschaulicher Anblick: die neckenden V&#246;gel, die feuernde T-28, die abgeworfenen Bomben, die einfach nicht explodieren wollten.

Zu seinem Entsetzen fand Siri sich pl&#246;tzlich au&#223;erhalb des Moskitonetzes wieder. Bibbernd stand er da, bekleidet nur mit seiner Unterhose: Ein  wenn auch recht z&#228;her  Festschmaus f&#252;r fleischfressende Insekten. Er hatte keinen Schimmer, weshalb er die sichere Zuflucht des Moskitonetzes verlassen hatte oder warum er dort stand. Das matte Licht des Vollmonds quoll durch einen Vorhangspalt, und er sah, dass in dem leeren Bett am anderen Ende seines Zimmers ein M&#228;dchen lag. Die Kleine war etwa vier Jahre alt und sichtlich unterern&#228;hrt. Als Siri zu ihr trat, blickte sie auf.

Wie bist denn du hierhergekommen, Sch&#228;tzchen?, fragte er. Und warum hast du kein Moskitonetz?

Sie l&#228;chelte. Als sie zu einer Antwort anhob, klang ihre Stimme wie die einer erwachsenen Frau. Ich habe nicht viel Zeit, Onkel.

Was kann ich f&#252;r dich tun?

Schau und sieh, sagte sie.

Pl&#246;tzlich ert&#246;nte ein Grollen, und dann fiel ihnen buchst&#228;blich die Decke auf den Kopf. Der Fu&#223;boden gab nach, und sie trudelten langsam in die Tiefe, wie Bl&#228;tter von einem Baum. Mit ihnen fiel ein junger Gockel. Er blickte Siri in die Augen und stie&#223; ein heiseres Kikeriki hervor.


Fahles Licht sickerte durch die Nylonvorh&#228;nge ins Zimmer. Auf dem Netz &#252;ber Siris Kopf lag ein gutes Dutzend toter Fluginsekten und streckte alle viere von sich. Obwohl die Traumgeister ihn immer wieder an der Nase herumf&#252;hrten, wirkte das zweite Erwachen heute erstaunlich realistisch. Wieder kr&#228;hte der Hahn, diesmal begleitet vom Kl&#228;ffen eines Hundes. Irgendwo ganz in der N&#228;he spielte eine klui, eine aus gr&#252;nem Bambus geschnitzte Fl&#246;te, technisch perfekt, doch ohne Herz eine simple Melodie. W&#228;hrend Siri ihr lauschte, reckte und streckte er sich unter der Decke, um festzustellen, welche Knochen und Muskeln ihm heute wehtun w&#252;rden. Darauf hatte er keinen Einfluss. Oft &#252;beranstrengte er sich im Traum und musste am n&#228;chsten Morgen daf&#252;r b&#252;&#223;en. Heute jedoch schien alles in bester Ordnung zu sein. Nicht einmal beim Aufstehen sp&#252;rte er seine Glieder.

Barfu&#223; trat er an das leere Bett und betrachtete die jungfr&#228;uliche Decke. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund schlug er sie zur&#252;ck. Es lag nichts darunter. Wie sollte es auch? Die Wirklichkeit hatte ihn wieder. Er wollte die Decke eben sinken lassen, als er auf etwas trat. Er h&#246;rte das quatschende Ger&#228;usch und fragte sich, ob er die falls&#252;chtige Eidechse vielleicht von ihrem Elend erl&#246;st hatte, doch es war nur eine Beere. Sie musste aus der Obstschale auf dem Tisch gekullert sein. Er inspizierte die kleine rote Frucht. Obwohl er die Sorte schon oft gesehen hatte, wusste er nicht, wie sie hie&#223;. Noch vor ein paar Jahren h&#228;tte er sie achtlos aus dem Fenster geworfen. Inzwischen jedoch wusste er, dass nichts ohne Bedeutung war, dass alles mit allem zusammenhing. Es gab keine Zuf&#228;lle. Schau und sieh. Er wickelte die Beere in ein St&#252;ck K&#252;chenpapier von der Rolle auf dem Tisch und verstaute sie in seiner Tasche.




Siri selbst hatte Herrn Geung von seinen Abenteuern in Luang Prabang erz&#228;hlt. Es war ein Ort unter vielen, ebenso wie Paris, Frau Kits Besen- und B&#252;rstenfabrik oder der Mond. F&#252;r Herrn Geung waren das nichts als Worte. Er versp&#252;rte weder den Drang noch die Notwendigkeit, dorthin zu reisen. Er hatte seine eigene kleine Welt und brauchte keine andere. Und so war er auch nicht sonderlich erfreut oder gar beeindruckt, als der Konvoi in der Provinz Luang Prabang eintraf. Die Fahrt in der alten Klapperkiste war f&#252;r sie alle, insbesondere jedoch f&#252;r Geung, eine Tortur gewesen.

Er hatte jegliche Hoffnung aufgegeben. Die neuen Reize, die unabl&#228;ssig auf ihn einst&#252;rmten, &#252;berforderten ihn v&#246;llig, und so sa&#223; er wie befohlen auf der schmalen Holzbank und starrte verwirrt auf die vorbeiziehende Landschaft, ein grandioses Gebirgspanorama, wie er es in seinem doch recht reduzierten Leben noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

Immer wenn sie haltmachten und die Soldaten vom Transporter kletterten, um ihre schmerzenden Glieder zu dehnen und zu strecken, folgte Geung ihnen zum Wasserlassen in den Wald. Inzwischen war er so wortkarg und gef&#252;gig, dass die Soldaten ihn eher wie einen Seesack behandelten denn wie einen Gefangenen. Er hievte sich von der Ladefl&#228;che, und sie verfrachteten ihn in eine Ecke. Sie f&#252;hrten ihn zum Messzelt oder zu den Kojen. Wohin sie ihn auch stellten, sie wussten, dass er noch dort sein w&#252;rde, wenn sie ihn brauchten. Sie schenkten ihm so wenig Beachtung, dass sie ihn bei ihrer Ankunft in der Kaserne von Xieng Ngeun l&#228;ngst vergessen hatten.

Der Feldwebel st&#252;rzte die h&#246;lzernen Stufen hinauf und klopfte an den Rahmen der offenen T&#252;r des Offizierskasinos. Ohne eine Antwort abzuwarten ging er hinein und trat vor seinen Vorgesetzten, der das Mitteilungsblatt der Lao Huksat studierte.

Hauptmann Ouan?

Was gibts?

Der Schwachkopf.

Was ist mit ihm?

Er ist verschwunden.

Verschwunden? Wohin?

Das, &#228;h, das wissen wir leider nicht genau. Als die Transporter ankamen, war er nirgends zu finden.

Der Hauptmann warf seine Zeitung beiseite. Sie sollten doch ein Auge auf ihn haben.

Ja. Bitte vielmals um Entschuldigung. Er ist nach jeder Rast auf den erstbesten Transporter gestiegen. Wir hatten uns daran gew&#246;hnt, dass er st&#228;ndig woanders herumlungerte.

Soso. Gew&#246;hnt. Wann wurde er zuletzt gesehen?

Kurz vor Xieng Ngeun, als wir anhielten, um Kaninchen zu schie&#223;en.

Der Hauptmann seufzte. Nun ja, sehr weit wird er wohl nicht gekommen sein. Unteroffizier? Fahren Sie die Strecke mit dem Jeep ab, und suchen Sie ihn.

Jawohl, Herr Hauptmann. Er salutierte und wandte sich zum Gehen, drehte sich in der T&#252;r aber noch einmal um. Eigentlich bin ich Feldwebel, Herr Hauptmann.

Jetzt nicht mehr.



6

DIE AMATEURDOLMETSCHERIN 

Der Pathet-Lao-Fahrer stand Siri f&#252;r die Dauer seines Aufenthalts zur Verf&#252;gung. Um acht Uhr morgens hielt der Jeep vor dem neuen Bezirkskrankenhaus in Xam Neua. Noch vor vier Jahren war die Hauptstadt der Provinz Houaphan eine einzige gro&#223;e Schutthalde gewesen. Zw&#246;lf Jahre Bombenkrieg hatten kein Haus unversehrt gelassen. Zwar hatten die Fliegerleitoffiziere von Air America die Angriffe ferngesteuert und die Bomber ins Zielgebiet gelotst, doch den Finger am Dr&#252;cker hatten vor allem laotische und Hmong-Piloten. Es war eine symbolische Geste, weiter nichts. S&#228;mtliche Zivilisten waren l&#228;ngst geflohen, als sie die Stadt dem Erdboden gleichmachten.

Inzwischen entstand an ihrer Stelle eine neue Stadt mit protzigen Boulevards so breit wie die Champs-&#201;lys&#233;es, die allem Anschein nach zu einer kommunistischen Vorzeigemetropole herausgeputzt werden sollte. Das Krankenhaus war nichts weiter als eine provisorische Ansammlung wei&#223; get&#252;nchter Baracken, und das Personal harrte bereits sehns&#252;chtig des Umzugs in ein komfortableres Domizil. Die Verwaltung befand sich im selben Geb&#228;ude wie die Aufnahme, und Siri und Dtui fanden Dr. Santiago umringt von einem m&#228;chtigen Gebirgsmassiv aus B&#252;chern und Aktenordnern. Er war etwa so alt wie Siri, ein d&#252;rres M&#228;nnlein mit wirrer Albert-Einstein-Frisur. Seine Brille hatte bullaugengro&#223;e Gl&#228;ser und war so dick wie der Boden einer Thai-Rum-Flasche. In dem Aschenbecher neben ihm lag eine qualmende Zigarette, und der Rauch umw&#246;lkte seinen hageren Sch&#228;del. Er war es offenbar gewohnt, dass man in seinem B&#252;ro ein und aus ging, denn er blickte nicht von seiner Arbeit auf, als die beiden Besucher hereinkamen.

Dr. Santiago?, sagte Siri, als er ihn hinter den Bergen von Papier ersp&#228;hte.

Da? Der alte Kubaner br&#252;tete noch immer &#252;ber seinen Listen. Dass er Russisch sprach, wunderte Siri nicht. Obwohl Dr. Santiago schon seit fast zehn Jahren als Leiter der medizinischen Entwicklungshilfe in Houaphan t&#228;tig war, weigerte er sich beharrlich, Laotisch oder Vietnamesisch zu lernen. Er sprach flie&#223;end Spanisch, Englisch und Russisch und versp&#252;rte nicht die geringste Lust, in seinem vorger&#252;ckten Alter noch eine weitere Fremdsprache zu lernen. Er hatte schlie&#223;lich nicht darum gebeten, nach Laos versetzt zu werden und sich mit den Vietnamesen herumschlagen zu m&#252;ssen, die er auf den Tod nicht ausstehen konnte. Jedenfalls dachte er nicht im Traum daran, kulturelle Gr&#228;ben zu &#252;berwinden. Er war der Experte, also lag die kommunikative Bringschuld bei den anderen. Alles in allem war er wie Siri ein ebenso sturer wie charmanter alter Kauz.

Dosvidanje, sagte Siri. Es war das einzige russische Wort, das er kannte, auch wenn er nicht recht wusste, was es zu bedeuten hatte.

Endlich blickte Santiago auf und blinzelte durch seine Brille. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er seine Gedanken geordnet und seinen alten Freund wiedererkannt hatte. Das ist doch nicht etwa  Dr. Siri?, fragte er auf Englisch. Er sprang von seinem Stuhl und lief um den Schreibtisch, um den hochverehrten Kollegen zu umarmen. Grinsend und lachend fielen sie einander in die Arme, aber Dtui bemerkte rasch, dass sie sich nicht verst&#228;ndigen konnten. Siri hatte ihr erz&#228;hlt, dass er und Dr. Santiago mit Unterbrechungen f&#252;nf Jahre zusammengearbeitet hatten, obwohl sie &#252;ber keine gemeinsame Sprache verf&#252;gten. Zwar sprach Siri einigerma&#223;en flie&#223;end Vietnamesisch und Franz&#246;sisch, aber auch er hatte sein Sprachpensum erf&#252;llt. Wenn gerade kein Englisch-Laotisch-Dolmetscher zur Stelle war, hatten die beiden sich darauf beschr&#228;nkt, die chirurgischen F&#228;higkeiten des jeweils anderen zu bestaunen und mittels Skizzen oder Geb&#228;rden kommuniziert. Sie hatten sich trotz aller Hindernisse so pr&#228;chtig verstanden, dass Siri sich manchmal fragte, ob eine gemeinsame Sprache ihrer Beziehung nicht wom&#246;glich geschadet h&#228;tte.

Siri l&#246;ste sich aus Santiagos Umarmung und deutete auf seine Assistentin. Schwester Dtui, sagte er.

Hallo, Dr. Santiago. Freut mich sehr, sagte sie auf Englisch.

Siri und Santiago starrten Dtui ein paar Sekunden verdutzt an, dann schloss der Kubaner auch sie in die Arme. Es war eine f&#252;r Laoten ganz und gar deplacierte Geste, die dem Geist des Augenblicks jedoch mehr als angemessen schien. Er lobte ihr vorz&#252;gliches Englisch.

Ich kann es zwar lesen und schreiben, sagte sie, aber mit dem Sprechen hapert es noch. Es stimmte. Sie hatte noch kein einziges Wort Englisch geredet. Die Sprache diente ihr allein zu Studienzwecken. Dtui war selbst ein wenig &#252;berrascht, als die Worte so aus ihr herausgesprudelt kamen.

Er versicherte ihr, es sei in jedem Fall dieselbe Sprache, ganz gleich, ob man sie spreche oder schreibe. Und obwohl sie es nur unzureichend beherrschte, war das Englische von nun an ihre Kommunikationssprache und Dtui ihre frischgebackene Dolmetscherin. Sie wusste, dass ihre Aussprache sehr zu w&#252;nschen &#252;brig lie&#223;, was Santiago jedoch nicht weiter st&#246;rte, denn sein Akzent war nicht minder schauderhaft. Auch er hatte sein Englisch aus amerikanischen Lehrb&#252;chern. Siri war voll der Bewunderung f&#252;r seine begabte Assistentin.

Im Lauf des Vormittags erz&#228;hlten sich die beiden alten M&#228;nner, wie es ihnen seit ihrer letzten Begegnung ergangen war. Die Verwaltung der kubanischen Hilfsgelder sei derart arbeitsintensiv, erkl&#228;rte Santiago, dass ihm f&#252;r seine eigentliche T&#228;tigkeit kaum noch Zeit bleibe. Und obgleich immer mehr Bauern auf den Feldern in die Luft gesprengt wurden, gab es immer weniger Personal, das sie behandeln konnte. Da es im ganzen Land keine hundert qualifizierten Mediziner gab, mussten die PL-Doktoren doppelte Arbeit leisten, um den Verlust der royalistischen &#196;rzte wettzumachen, die sich beizeiten nach Thailand abgesetzt hatten.

Mit Dtuis Hilfe, deren Selbstvertrauen von Minute zu Minute wuchs, kam Siri schlie&#223;lich auf das R&#228;tsel seiner Zementleiche zu sprechen. Der Kubaner sann einen Augenblick dar&#252;ber nach und fragte dann, ob er sicher sei, dass sich der Vorfall Anfang des Jahres ereignet habe.

Am 21. Januar, um genau zu sein, sagte Siri.

Dr. Santiago sagt, wenn es ein paar Monate fr&#252;her geschehen w&#228;re, h&#228;tte er uns mit zwei aussichtsreichen Kandidaten dienen k&#246;nnen, &#252;bersetzte Dtui. Falls ich ihn richtig verstanden habe. Aber die beiden sind seines Wissens schon vergangenen Oktober nach Kuba zur&#252;ckgekehrt.

War ihr Einsatz hier beendet?

Nicht direkt. Er sagt, die Sache liege ein wenig komplizierter. Die beiden seien 1971 wegen irgendeines Projekts bei Kilometer 8 hierhergekommen.

Xieng Muang, sagte Siri. Das ist das Lazarett. Ein kleines Wunderwerk. Sie h&#246;hlten zwei Berge aus und bauten zwei komplette Krankenstationen, die aus der Luft nicht zu sehen waren, aber tausend Patienten aufnehmen konnten. Eine beeindruckende Ingenieurleistung. Das vietnamesische Milit&#228;r lieferte die Arbeitskr&#228;fte; die Kubaner stellten Schwestern und Pfleger zur Verf&#252;gung.

Er meint, Sie erinnern sich vielleicht noch an die beiden. Sie hie&#223;en Isandro und Udon.

Odon, verbesserte Santiago.

Pardon, Odon. Er sagt, sie waren von Anfang an dabei.

Siri nickte. Zwar war er nur hin und wieder nach Xieng Muang beordert worden, um als Chirurg auszuhelfen, und hatte dazu stets sein laotisches OP-Team mitgenommen, erinnerte sich jedoch durchaus an die schwarzen Krankenpfleger auf der Station. Auch wenn er mit ihnen nie auch nur ein Wort gewechselt hatte.

W&#228;hrend der Bauarbeiten, &#252;bersetzte Dtui weiter, wurden die Verwundeten hier und da in provisorischen H&#246;hlen verarztet. Isandro und Odon taten dort als Chefkrankenpfleger Dienst. Als das Lazarett bei Kilometer 8 schlie&#223;lich fertig war, wurden s&#228;mtliche Patienten dorthin verlegt. Nachdem die beiden ihre vier Jahre hinter sich hatten, meldeten sie sich freiwillig zu einem zweiten Einsatz. Das war anscheinend ziemlich ungew&#246;hnlich. Die meisten Kubaner wollten so schnell wie m&#246;glich zur&#252;ck nach Hause. Aber die beiden waren flei&#223;ig und hatten sich mit den Einheimischen angefreundet. Sie hatten Laotisch gelernt und sogar Geschmack an der hiesigen K&#252;che gefunden, sagte sie und setzte vorsichtshalber hinzu: Auch wenn ich daf&#252;r nicht die Hand ins Feuer legen w&#252;rde.

Siri ignorierte ihren Warnhinweis. Und warum wurden sie dann vorzeitig nach Hause geschickt?, fragte er.

Es dauerte eine Weile, bis sich Dtui und der alte Kubaner einig waren.

Wie es scheint, sagte Dtui, gab es Beschwerden.

Von wem?

Ein ranghoher Offizier der vietnamesischen Armee behauptete, einer der beiden, Isandro, habe seiner Tochter Avancen gemacht. Er nahm kein Blatt vor den Mund: Wenn er den Mann noch einmal in ihrer N&#228;he erwische, werde er ihn erschie&#223;en.

Und das hat Dr. Santiago ihnen mitgeteilt?

Ja. Aber die beiden setzten sich einfach &#252;ber ihn hinweg. Sie sagten, sie h&#228;tten keine Angst, weder vor ihm noch vor dem Oberst. Er konnte es nicht fassen. Die Lage spitzte sich zu. Und da der Doktor nicht die Absicht hatte, seine Leute von einem wild gewordenen Vietnamesen abknallen zu lassen, nur weil sie mit seiner Tochter gesch&#228;kert hatten, blieb ihm nichts anders &#252;brig, als sie nach Hause zu schicken.

Und er ist hundertprozentig sicher, dass sie diesem Befehl gefolgt sind?

Hundertprozentig.

Und es gibt nicht zuf&#228;llig ein anderes kubanisches Projekt, das dunkelh&#228;utige Kubaner als vermisst gemeldet hat?

Er sagt, es war das einzige kubanische Projekt in dieser Gegend.

K&#246;nnten Sie Dr. Santiago vielleicht bitten, mir Isandro zu beschreiben?

Wieder steckten Dtui und der kubanische Arzt die K&#246;pfe zusammen.

Wenn ich richtig verstanden habe, sagte Dtui, war er ein Mann wie ein Baum  gro&#223; und breitschultrig wie ein amerikanischer Basketballspieler  und b&#228;renstark.

Siri zuckte die Achseln. Diese Beschreibung passte ganz und gar nicht zu seiner Betonleiche. Dtui erkundigte sich nach Odon.

Das kommt schon eher hin, sagte sie. Odon war kleiner als Isandro. Dr. Santiago sagt, er war h&#228;sslich wie ein Ziegenbock, aber seinem Dauerl&#228;cheln konnte niemand widerstehen. Er sagt, es sei eher ungew&#246;hnlich, dass die Eingeborenen  womit dann wohl auch Sie und ich gemeint sein d&#252;rften  mit dunkelh&#228;utigen Ausl&#228;ndern verkehren, aber Odon und Isandro gaben sich alle M&#252;he, und die Leute gingen darauf ein. Dann sagte er noch etwas, das ich nicht ganz verstanden habe  die Einheimischen zum Narren halten oder so, aber festlegen will ich mich da nicht.

Siri hielt Odon f&#252;r einen aussichtsreicheren Kandidaten als dessen gro&#223; gewachsenen Freund, aber da die beiden Laos angeblich l&#228;ngst verlassen hatten, schien er entweder anderswo suchen oder aber beweisen zu m&#252;ssen, dass einer der Pfleger hiergeblieben war. Aus welchem Grund auch immer. Obwohl in einer Ecke des B&#252;ros ein gigantischer K&#252;hlschrank stand, enthielt er auf den zweiten Blick nichts weiter als unz&#228;hlige Kulturproben. Eine faszinierende Sammlung, darin waren sich alle einig, aber kaum geeignet, ihren Hei&#223;hunger zu stillen. Und so lie&#223; Dr. Santiago seinen Papierkram bereitwillig Papierkram sein und lud seine G&#228;ste in das neue Lao Houng Hotel zum Mittagessen ein. Ihr unerwarteter Besuch schien ihm buchst&#228;blich neues Leben eingehaucht zu haben. Auf dem Weg zum Ausgang kam ihnen eine Pflegerin entgegen, die zu jung schien, um bereits ihr Schwesterndiplom in der Tasche zu haben. Siri sah, wie der alte Mann ihre Hand nahm und ihr einen reichlich unprofessionellen Schmatz auf die Wange gab. Obwohl das M&#228;dchen err&#246;tete, wich es nicht zur&#252;ck, wie junge Laotinnen es gemeinhin taten, wenn sie einen ungebetenen Kuss bekamen. Wie es schien, brannte in Santiagos Brust noch immer das alte lateinamerikanische Feuer.

Sie sa&#223;en unter riesigen Plakaten mit den Konterfeis ihnen unbekannter chinesischer Filmstars, verzehrten fades vietnamesisches Essen und machten sich &#252;ber das neue Oz von Vieng Xai lustig. Zum Nachtisch tranken sie warmes, leicht aromatisiertes Bier, und Santiago wandte sich Dtui zu. Er erkundigte sich, ob sie eine diplomierte Krankenschwester sei. Als sie bejahte, fragte er ihren Papa Siri, ob er wohl ein oder zwei Tage auf sie verzichten k&#246;nne. Anscheinend hatte man das Lazarett bei Kilometer 8 aus dem Bergesinnern in ein paar alte H&#228;user aus der franz&#246;sischen Kolonialzeit vor dem H&#246;hleneingang verlegt. Es war zwar immer noch ein Krankenhaus, doch die dortigen Pflegekr&#228;fte hatten lediglich eine sechsmonatige medizinische Grundausbildung absolviert. Dr. Santiago erwartete noch vor Ende der Woche zwei kubanische &#196;rzte, aber bis dahin brauchte er jemanden, der die n&#246;tigen Entscheidungen f&#228;llen konnte. Zwar verbrachte der Doktor jede freie Minute dort, doch die Klinik bedurfte dringend einer ordnenden Hand.

Siri gab den Vorschlag an Dtui weiter. Was meinen Sie?

Also, ich wei&#223; nicht, ich bin doch nur eine kleine Krankenschwester.

Dtui, Sie sind weit mehr als eine kleine Krankenschwester. Detektiv spielen kann ich vermutlich auch allein  die Entscheidung liegt bei Ihnen. F&#252;r mich haben die Lebenden stets Vorrang vor den Toten. Aber wehe, Sie verraten das den Geistern.

Sie fragte Santiago, ob sie sich darauf verlassen k&#246;nne, dass die kubanischen &#196;rzte sp&#228;testens zum Wochenende da seien. Er gab ihr sein Ehrenwort. Sie erkl&#228;rte sich bereit, ihm zu helfen, und &#252;bersetzte Siri ihren Entschluss.

Sehr sch&#246;n, befand er. Wenn ich Zeit habe, schaue ich vorbei und gehe Ihnen ein wenig zur Hand. Aber wie ich Sie kenne, haben Sie den Laden in null Komma nichts auf Vordermann gebracht. Und Dtui ?

Ja?

Ihnen ist hoffentlich klar, dass Sie es mit lebendigen Menschen zu tun haben. Nicht, dass Sie auf die Idee kommen, sie &#252;ber Nacht in die K&#252;hlkammer zu sperren.

Dr. Siri!

Pardon.




Herr Geung war zum Laufen nicht gemacht. Er hatte Knickf&#252;&#223;e und kurze Beine. Trotzdem war er fest entschlossen, zu Fu&#223; nach Vientiane zur&#252;ckzukehren. Zwar wusste er, dass es ein weiter Weg war, doch dass die Entfernung dreihundert Stra&#223;enkilometer betrug, wusste er nicht. Er hatte weder gen&#252;gend Geld f&#252;r eine Busfahrkarte in der Tasche noch auch nur die geringste Ahnung, wie sonst er sein Versprechen halten und ins Leichenschauhaus gelangen sollte. Und so schlenderte er, als die Soldaten eine Pinkelpause einlegten, unauff&#228;llig zum Ende des Konvois und starrte die Stra&#223;e entlang, die sich durch die Berge schl&#228;ngelte. Er holte tief Luft, genau wie der Doktor es ihm beigebracht hatte, und machte sich dann auf den Heimweg. Niemand bemerkte sein Verschwinden.

Schon nach f&#252;nf Minuten befand er sich allein auf der verlassenen Stra&#223;e. Herr Geung war alles andere als ein Einzelk&#228;mpfer. Er brauchte die Gesellschaft und den Zuspruch anderer. Wenn man ihm sagte, was er zu tun hatte, war er unschlagbar, doch es fehlte ihm an Tatkraft und Unternehmungsgeist. Die Armeetransporter waren kaum verschwunden, als ihm d&#228;mmerte, dass er sich unm&#246;glich allein auf diese weite Reise begeben konnte. Er brauchte einen Freund. Einen klugen Freund und Begleiter. Und als er den Kopf wandte, stand mit einem Mal, wie durch ein Wunder, Dtui hinter ihm. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Sie war die vern&#252;nftigste Frau, die er kannte, und w&#252;rde ihn bestimmt sicher heim geleiten.

T tut mir leid, kleine Schw Schwester, sagte er grinsend.

Lachend nahm sie seine Hand, und gemeinsam marschierten sie die mit Schlagl&#246;chern &#252;bers&#228;te Stra&#223;e entlang. Nach einer Weile gab sie zu bedenken, dass die Sonne direkt &#252;ber ihnen stand und sie keine Kopfbedeckung hatten. Und so beschlossen sie, im Schatten der seltsamen B&#228;ume am Stra&#223;enrand weiterzugehen. Ihre Gegenwart gab ihm Selbstvertrauen. Er erz&#228;hlte ihr s&#228;mtliche Witze, die sie im Laufe des vergangenen Jahres gemacht hatte. Sie lobte ihn f&#252;r sein ausgezeichnetes Ged&#228;chtnis. Er wusste nicht, was er ohne Dtui und ihren gesunden Menschenverstand angefangen h&#228;tte.


Das Bild von Herrn Geung stand Dtui so deutlich vor Augen, als sei er bei ihr im Zimmer. Sie &#246;ffnete die Lider und blickte um sich. Da es in der kleinen Kammer keinen Schrank gab, hingen ihre Kleider wie erschlaffte Sargtr&#228;ger von den vier Pfosten ihres Bettes. Wenn sie die Augen zusammenkniff, sah das l&#246;chrige Moskitonetz aus wie ein m&#228;rchenhafter Sternenhimmel, was die mystische Aura von G&#228;stehaus Nr. 1 noch verst&#228;rkte. In der Ferne spielte der klui-Pfeifer immer wieder dieselbe traurige Melodie, und schon jetzt, am sp&#228;ten Nachmittag, wallte wei&#223;er Nebel gegen die Fensterscheibe. Ihr wurde klar, dass sie einged&#246;st war und von ihrem Freund getr&#228;umt hatte, trotzdem befiel sie bei dem Gedanken an Herrn Geung ein mulmiges Gef&#252;hl.

Sie wusste, dass das Geb&#228;ude bis auf die geheimnisvollen G&#228;ste am anderen Ende des Hauses und das Personal, das im leeren Speisesaal herumhockte, verlassen war. Siri sa&#223; wahrscheinlich unten auf der Veranda und schilderte dem engstirnigen Sicherheitschef ihren Besuch bei Dr. Santiago. Der Mann war ein einziger Reinfall gewesen. Bis zu seiner wundersamen Verwandlung in einen durchgedrehten Kommunistennazi hatte Dtui ihn sogar als potenziellen Ehekandidaten in Betracht gezogen. Sein k&#252;hles L&#228;cheln und sein schlanker, durchtrainierter K&#246;rper kamen ihren bescheidenen Anspr&#252;chen recht nahe. Bedauerlicherweise hegte sie die feste &#220;berzeugung, dass ihr Auserw&#228;hlter einen eigenen Kopf besitzen m&#252;sse, und damit konnte Lit leider nicht dienen. Nachdem sie ihn von ihrer Liste gestrichen hatte, hielt sie es f&#252;r das Beste, die abendliche Lagebesprechung ausfallen zu lassen.

Doch da ihr Zimmer allerlei bizarre Gedanken und Gef&#252;hle in ihr wachrief, beschloss sie, das Weite zu suchen. Was sie vorhatte, w&#252;rde etwa eine Stunde dauern. Zun&#228;chst wollte sie versuchen, mit Hilfe des einzigen Telefons im Haus nach Vientiane durchzukommen. Vor knapp vier Wochen waren zwei M&#228;nner in alten Armeeuniformen, auf die jemand mit W&#228;schetinte das Wort TELEFONGESELLSCHAFT geschrieben hatte, bei Siri aufgetaucht, um ein Telefon in seinem Bungalow zu installieren, noch so eine Belohnung f&#252;r Siris selbstlosen Einsatz und seine Verdienste um die Partei und um die Sache. W&#228;re Dtuis kranke Mutter nicht gewesen, die der st&#228;ndigen Betreuung bedurfte, h&#228;tte Siri den beiden M&#228;nnern vermutlich erkl&#228;rt, sie k&#246;nnten sich ihr Telefon sonstwohin stecken. Schon mal was von Privatsph&#228;re geh&#246;rt?, h&#228;tte er gesagt.

Bevor die M&#228;nner wieder gegangen waren, hatten sie die vierstellige Nummer aufgeschrieben  die, wie es der Zufall wollte, mit drei Neunen endete -, und ihnen versichert, der Anschluss werde schon am n&#228;chsten Tag erfolgen. Tats&#228;chlich jedoch hatte es zwei Wochen gedauert, bis sie das unverkennbare laotische Freizeichen zum ersten Mal vernahmen  ein Spatz, der verzweifelt sich bem&#252;hte, aus einer knisternden Papiert&#252;te zu entkommen. Jetzt konnte Dtui alle paar Tage nach ihrer Mutter h&#246;ren. Was sie ungemein beruhigte. Nat&#252;rlich musste sie sich die Seele aus dem Leib schreien, damit ihre Mutter sie &#252;berhaupt verstand. Siri war von ihrer Lungenkapazit&#228;t derart beeindruckt, dass er sich fragte, ob das Telefon nicht vielleicht doch verzichtbar sei.

Au&#223;erdem lie&#223; die Obduktion ihr keine Ruhe. Sie nahm ihre klobige sowjetische Taschenlampe mit nach unten, und nachdem sie volle zehn Minuten in den H&#246;rer gebr&#252;llt hatte, stahl sie sich zur Hintert&#252;r hinaus und schlich zum Haus des Pr&#228;sidenten. Es hatte keinen Grund gegeben, die T&#252;r des Konferenzzimmers zu verschlie&#223;en. Die Einzelteile der Leiche lagen noch immer auf dem Plastiktischtuch. Die Geschichte von den kubanischen Krankenpflegern ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Zwar handelte es sich bei der Leiche nie und nimmer um den liebestollen Basketballer, aber was war mit seinem bocksgesichtigen kleinen Freund? Vielleicht war er ja gar nicht abgereist, sondern aus irgendeinem Grunde hiergeblieben und in Schwierigkeiten geraten?

Sie lie&#223; den Strahl der Taschenlampe &#252;ber den Torso wandern, und da Siri bei Obduktionen ausgiebige Gespr&#228;che mit seinen Leichen zu f&#252;hren pflegte, begann sie ihre Untersuchung mit den Worten: Entschuldigen Sie, Herr Odon, aber ich frage mich, ob Sie uns nicht vielleicht doch ein wenig mehr mitzuteilen haben, als wir dachten. Bei der &#228;u&#223;eren Leichenschau war ihr etwas aufgefallen, drei Male  nahezu parallele Linien  unterhalb der linken Achselh&#246;hle, die sie als interessant, aber nicht weiter bemerkenswert befunden hatte. Bei der Kontraktion der Haut waren viele solcher Rillen entstanden, doch diese drei erschienen ihr erstaunlich regelm&#228;&#223;ig. Ihre seltsame Beschaffenheit hatte ihre Neugier geweckt, und die wollte sie nun stillen.

Sie richtete den Lichtstrahl auf die rechte Brusth&#228;lfte. Dort war der Zerfall etwas weiter fortgeschritten, deshalb waren sie nicht gleich zu sehen, aber nachdem sie die ledrige Haut mit den Fingern beiseitegeschoben hatte, gab es f&#252;r sie keinen Zweifel mehr. Drei Furchen an derselben Stelle wie auf der linken Seite  symmetrisch. F&#252;r diese Male gab es keine biologische Erkl&#228;rung. Der Leichnam musste im Zuge eines Rituals oder dergleichen verst&#252;mmelt worden sein. Er hatte ihnen ohne Frage noch das eine oder andere mitzuteilen.


Siri stand kurz davor, den Leiter des G&#228;stehauses aus dem Bett zu holen, um sich &#252;ber den verfluchten Krach zu beschweren. Es war nun schon die dritte Nacht, in der um Punkt zw&#246;lf diese ausl&#228;ndische Teufelsmusik lospl&#228;rrte. Wusste die Jugend von Vieng Xai mit ihrer Zeit eigentlich nichts Besseres anzufangen? Und warum duldeten die leitenden Kader der Region diese bourgeoise westliche Dekadenz? War ganz Houaphan in dumpfer Resignation versunken?

Da an Schlaf nicht zu denken war, lie&#223; er das Gespr&#228;ch mit dem Genossen Lit noch einmal Revue passieren. Sie hatten eine Liste erstellt. Erstens wollten sie das Datum der Abreise von Isandro und Odon &#252;berpr&#252;fen. Zweitens den vietnamesischen Oberst ausfindig machen, der sich bei Santiago beschwert hatte. Und drittens Erkundigungen &#252;ber andere Projekte in der Umgebung einholen, an denen dunkelh&#228;utige Ausl&#228;nder beteiligt waren. Siri hatte darauf bestanden, die Suche auf die Angeh&#246;rigen vietnamesischer Bergv&#246;lker auszuweiten, obwohl er ziemlich sicher war, dass es sich bei dem Toten nicht um einen Asiaten handelte.

Auf halber Strecke zwischen Punkt sieben und acht &#252;bermannte ihn der Schlaf. In der Fortsetzung seines Traums sa&#223;en die Kr&#228;he und die Sp&#228;tzin noch immer auf der Hochspannungsleitung und neckten sich. Doch nach und nach gesellten sich weitere Spatzen zu ihnen. Einer von ihnen hockte sich neben die Sp&#228;tzin und wollte mit ihr flirten. Sie wies seine Ann&#228;herungsversuche zur&#252;ck und fl&#252;chtete sich an die Seite ihrer geliebten Kr&#228;he. Dies versetzte die Spatzen in hellen Aufruhr. Sie kreischten flatternd und fl&#252;gelschlagend um die Wette, und eine Attacke gegen den Feind schien unvermeidlich. Doch bevor sie zum Angriff &#252;bergehen konnten, nahm die Kr&#228;he die kleine Sp&#228;tzin unter ihre schwarzen Fittiche, und die beiden plumpsten von der Leitung. Nein, sie flogen nicht davon. Sie fielen wie Steine ins Tal hinab und landeten im weichen Schlamm der Felder.

Siri wurde nicht etwa von dem tr&#252;ben Morgenlicht, das durch die Vorh&#228;nge ins Zimmer fiel, sondern vom Wimmern eines Kindes aus dem Schlaf gerissen. Er dachte an das M&#228;dchen, das er in einem fr&#252;heren Traum gesehen hatte, doch das Bett gegen&#252;ber war leer. Dieses Wimmern klang echt und schien ganz nah, so nah, dass er sogar das Moskitonetz anhob und unter das Bett sp&#228;hte. Er ging zur T&#252;r und sah auf den leeren Flur hinaus. Aber das Ger&#228;usch kam zweifellos aus seinem Zimmer. Er ber&#252;hrte den Talisman um seinen Hals. Das Amulett sp&#252;rte, wenn die b&#246;sen Geister Siri einen Streich spielen wollten. Doch der wei&#223;e Stein blieb regungslos und k&#252;hl. Hier war keine schwarze Magie im Spiel. Was er da h&#246;rte, war der aufrichtige Hilfeschrei einer gequ&#228;lten Seele. Aber da er nicht wusste, woher er kam, konnte er auch nichts dagegen unternehmen, und so blieb ihm wenig anderes &#252;brig, als sich wieder auf seine Matratze zu legen und dem schwachen Wehklagen zu lauschen. Es wurde immer schriller und hohler, bis es schlie&#223;lich mit den Kl&#228;ngen der Bambus-klui verschmolz, die einsam ihre Morgenweise spielte.



7

DIE TOTENH&#214;HLE 

Wie schon an den vorangegangenen beiden Tagen schrak Herr Geung in panischem Entsetzen aus dem Schlaf. Doch w&#228;hrend er sich die ersten beiden Male im Kreise der Soldaten wiedergefunden hatte, lag er nun in eine Zeltplane gewickelt, wie Schweinefleisch in einer chinesischen Fr&#252;hlingsrolle. Er trat und schlug verzweifelt um sich, konnte sich aber nicht daraus befreien. Sein Verstand versagte ihm den Dienst. Er konnte sich beim besten Willen nicht entsinnen, wo er war und wie es ihn dorthin verschlagen hatte. Und obwohl es die Sache auch nicht besser machte, fing er an zu weinen.

W&#252;rden Sie mir freundlicherweise verraten, was Sie in meiner Abdeckplane treiben? Die Stimme geh&#246;rte einer alten Frau, so viel stand fest. Die er durch die &#214;ffnung am oberen Ende seiner Fr&#252;hlingsrolle allerdings nicht sehen konnte.

Ich  ich wei&#223; nicht, sagte er unter Tr&#228;nen. Er sp&#252;rte, wie jemand an seinem Kokon zerrte, dann pl&#246;tzlich rollte er &#252;ber den Boden, bevor er schlie&#223;lich aus der Plane auf die trockene Erde geschleudert wurde. Eine &#228;ltere Frau und zwei kichernde Kinder sahen auf ihn herab.

Er ist ein Dummkopf, Gro&#223;mutter.

Allerdings, best&#228;tigte die Alte. Was willst du hier, Dummkopf?

Ich w wei&#223; nicht, antwortete Geung wahrheitsgem&#228;&#223;.

Dann rufe ich jetzt die Polizei und lasse dich festnehmen, sagte sie.

Ist g g gut.

Oder soll ich lieber meine Flinte holen und dich vom Hof jagen?

Geung sann &#252;ber ihre Worte nach. A a a auch keine schlechte Idee.

Die Alte lachte. Ihr betelnussbefleckter Mund erinnerte ihn stark an diverse &#252;bel zugerichtete F&#228;lle aus dem Leichenschauhaus. Eh. Du bist wirklich verr&#252;ckt, Junge. Wie soll ich dir drohen, wenn du mit allem einverstanden bist? Woher kommst du?

Thangon.

Nie geh&#246;rt.

Tut mir leid. Aber ich m m muss nach Vientiane. Er rappelte sich hoch, l&#228;chelte den Kindern zu und marschierte wunden Fu&#223;es los.

Warte. Bleib stehen, sagte die Alte. Du willst doch nicht etwa zu Fu&#223; nach Vientiane?

Ich ha ha habs versprochen.

Was du nicht sagst. Hast du Hunger, Junge?

Ja.

Tja, da brauchst du ordentlich was zwischen die Rippen, sonst kommst du dein Lebtag nicht bis nach Vientiane. Und was...

Ja. Jetzt wei&#223; ichs wieder.

Was?

Die M&#252; M&#252; M&#252;cken. Ich hab mich eingerollt, damit mich die M&#252; M&#252; M&#252;cken nicht stechen k&#246;nnen. D D Denguefieber. Genossin Dtui hat gesagt, man muss sich sch&#252;tzen gegen die M&#252; M&#252; M&#252; M&#252;

M&#220;CKEN!, riefen die beiden M&#228;dchen im Chor.

Ja. Er l&#228;chelte ihnen zu, und sie kicherten zur&#252;ck.

Na sch&#246;n, meinte die Alte. Jetzt isst du erst mal was und erz&#228;hlst uns in aller Ruhe deine Geschichte, bevor du dich auf deinen langen Marsch machst. Vielleicht finde ich ja auch noch ein T&#246;pfchen von meiner selbst gemachten Paste, die h&#228;lt dir die M&#252;cken todsicher vom Leib. Sie reicht f&#252;r eine Woche, solange du dich zwischendurch nicht w&#228;schst.

Danke, Madame, sagte er, legte die Handfl&#228;chen aneinander und deutete einen h&#246;flichen nop an.

Also, ich wei&#223; ja nicht, woher du kommst und was du im Schilde f&#252;hrst, aber Manieren haben sie dir beigebracht. Sie betraten ihre aus massivem Holz gebaute H&#252;tte. Hier wohnte der Verwalter der Kiefernschonung, durch die Geung am ersten Tag seiner Flucht gewandert war. Setz dich erst mal und zieh deine Plastikschuhe aus. Wenn du damit bis nach Vientiane l&#228;ufst, bist du n&#228;mlich nicht nur ein Dummkopf, sondern auch ein Kr&#252;ppel.

Danke, M M

MADAME!, schrien die Kinder, als sei der Zirkus in der Stadt.

Mutter, sagte Geung und grinste die M&#228;dchen mit schiefen Z&#228;hnen an.




Dtuis erster Arbeitstag im Krankenhaus bei Kilometer 8 verlief chaotisch. Sie konnte nichts daf&#252;r. Chaos war dort der Normalzustand. Schon nach einer Stunde hatte sie alle Hoffnung fahren lassen. Von den sechs Pflegern und Schwestern hatten zwei keinerlei medizinische Kenntnisse. Der erfahrenste Pfleger hatte ein halbes Jahr in einem Feldlazarett in Vietnam gearbeitet. Mit ihrer zweij&#228;hrigen Schwesternausbildung avancierte Dtui im Nu zu ihrer Generalstabs&#228;rztin. Sie &#252;berlie&#223;en ihr s&#228;mtliche Entscheidungen und f&#252;gten sich gehorsam ihrem Urteil. Dtuis Vertrauen in ihre Entscheidungsf&#228;higkeit war nicht allzu gro&#223;. Sie hatte sich noch nie in einer so aussichtslosen Lage befunden.

Die meisten der rund f&#252;nfzig Patienten waren bombi-Opfer. Die bombi war mit das grausamste aller heimt&#252;ckischen Kriegswerkzeuge. Flieger warfen mit baseballgro&#223;en bombis gef&#252;llte Beh&#228;lter ab. In der Luft &#246;ffneten sich die Beh&#228;lter, und die bombis regneten auf das Angriffsziel herab. Beim Aufprall explodierten sie, und zweihundertf&#252;nfzig gl&#252;hend hei&#223;e Kugellager flogen nach allen Seiten und zerfetzten Menschen und Geb&#228;ude gleicherma&#223;en. Manche bombis waren mit einem Verz&#246;gerungsz&#252;nder ausgestattet und t&#246;teten die &#220;berlebenden, die ihre Lieben retten wollten. Wieder andere lauerten Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre im Verborgenen, bis sie den Unschuldigen und Unwissenden eine t&#246;dliche &#220;berraschung bereiteten. Die bombi k&#252;mmerte es nicht, wer ihnen zum Opfer fiel. Ob es einen B&#252;ffel oder ein Schwein, ein Kind oder eine junge Mutter beim Reispflanzen erwischte, spielte keine Rolle. Die bombi rissen sie alle in den Tod.

Jeden Tag wurden neue Opfer eingeliefert, denen man die verst&#252;mmelten Glieder abgebunden hatte, um den Blutfluss zu hemmen. Sie kamen auf Ochsenkarren, auf Ponys, auf Tragen, die ihre Verwandten kilometerweit gezogen hatten. Das Krankenhauspersonal verabreichte ihnen Unmengen von Opium, um alle, gute wie schlechte, Empfindungen zu unterdr&#252;cken. Und es versorgte die Wunden, so gut es ging. Den meisten Patienten konnte nicht geholfen werden. Sie hatten zu viel Blut verloren oder waren zu schwer verletzt, um sie am Leben zu erhalten. Viele andere bewahrte allein ihr eiserner &#220;berlebenswille vor dem sicheren Tod. Alle paar Tage kam Dr. Santiago vorbei, amputierte, was nicht mehr zu retten war, und vollbrachte wahre Wunder, um den Menschen eine zweite Lebenschance zu schenken.

Im Kilometer 8 gab es keine Schichten. Es wurde Tag und Nacht gearbeitet, und die Schwestern und Pfleger schliefen nur, wenn ausnahmsweise einmal Ruhe einkehrte. Sie kochten f&#252;r diejenigen Patienten, deren Verwandte nicht auf der Station campierten. Sie pumpten sie mit einem Schmerzmittel voll, von dem sie wussten, dass es s&#252;chtig machte, und schleppten die Verstorbenen die B&#246;schung hinauf zur Totenh&#246;hle, einem Krematorium am Fu&#223; des Berges. Am Ende ihres schier endlosen ersten Tages hatte Dtui nach eigener Sch&#228;tzung gut vier Kilo abgenommen. Singsai, der dienst&#228;lteste Sanit&#228;ter, meinte, in sp&#228;testens vier Wochen werde sie so d&#252;nn sein, dass man sie problemlos bei den Mopps in der Besenkammer unterbringen k&#246;nne. Diese Vorstellung gefiel ihr.

Es war ein verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig guter Tag gewesen. Nur eine Frau hatte die Reise in die Totenh&#246;hle angetreten. Dtui war es gelungen, einem zehnj&#228;hrigen Kind  vorerst  das Leben zu retten, und um zwei Uhr morgens sanken die Insassen von Kilometer 8 vom Opium berauscht in hoffentlich erholsamen Schlaf. Dtui und Singsai sa&#223;en vor dem Hauptkrankensaal, der das Geb&#228;ude der L&#228;nge nach durchzog. Da sie zum Schlafen zu ersch&#246;pft waren, sahen sie zu den Sternen hinauf, die sich so selten am Nordosthimmel zeigten, dass der Sanit&#228;ter ihr jetziges Erscheinen als Omen sah.

An Tagen wie heute wird einem bewusst, wie dumm man eigentlich ist, sagte Dtui.

Sie sind ganz und gar nicht dumm, Schwester, versicherte Singsai. Er war ein kleiner Mann mit einer Haut von derart dunklem Braun, dass seine Stimme aus einem strahlend wei&#223;en Gebiss zu kommen schien, das schwerelos in der Dunkelheit schwebte. Er erinnerte Dtui an die Mumie im Haus des Pr&#228;sidenten.

Na sch&#246;n, vielleicht nicht dumm, aber doch  unbedarft.

Sie haben heute viel Gutes getan.

Daf&#252;r hatte ich in vielen anderen F&#228;llen keinen Schimmer, was ich tun sollte. Es ist frustrierend. Jetzt erst wird mir klar, was Leute wie mein Chef und Dr. Santiago leisten. Tagaus, tagein, Jahr um Jahr retten sie Menschenleben, als w&#228;re es das Nat&#252;rlichste von der Welt.

Eines Tages bin ich hoffentlich auch Chirurg, sagte Singsai und richtete den Blick gen Himmel, als k&#246;nne der ihm diesen Wunsch erf&#252;llen. Er war Mitte f&#252;nfzig und hatte keinerlei Beziehungen, darum standen seine Chancen nicht besonders gut.

Dtui wechselte eilig das Thema. Behandeln Sie hier eigentlich nur Notf&#228;lle?

Nein, wir haben auch ein oder zwei Malariapatienten, sagte er. Und einen kleinen Jungen mit chronischem Durchfall. Die bei Weitem gef&#228;hrlichste Kinderkrankheit in ganz S&#252;dostasien. Die meisten sterben daran, aber der Kleine h&#228;lt sich wacker. Er hat gro&#223;es Gl&#252;ck gehabt. Ach, und dann ist da noch Frau Duaning.

Und was fehlt ihr?

Das w&#252;ssten wir auch gern. Sie liegt seit zwei Wochen im Koma. Wir haben sie auf der Stra&#223;e gefunden.

Und sie wird von niemandem vermisst?

Nein.

Woher wissen Sie dann, wie sie hei&#223;t?

Wissen wir ja gar nicht, aber sie ist ohne Zweifel eine Hmong. Also hat einer unserer Hmong-Pfleger sie Duaning getauft. Was so viel wie wunderlich bedeutet.

Sie statteten Frau Wunderlich einen Besuch ab. Sie lag in einem kleineren, separaten Raum, wo die nicht lebensbedrohlichen F&#228;lle untergebracht waren. Sie lag auf dem R&#252;cken, starrte mit weit aufgerissenen Augen an die Decke und murmelte irgendetwas vor sich hin.

Was redet sie denn da?, fragte Dtui.

Sie spricht erst seit vorgestern. Sie sagt immer wieder dasselbe.

Dtui beugte sich &#252;ber sie und horchte. Die Stimme der alten Frau klang nicht halb so rau, wie man es bei einem siechen alten Weib h&#228;tte vermuten k&#246;nnen. Ihr Atem roch modrig. Panoy muss essen, sagte sie. Panoy muss essen.

K&#246;nnte es nicht sein, dass sie Panoy hei&#223;t?

Die Alte? Nein. Das w&#228;re ein sehr untypischer Name f&#252;r eine Hmong. Als er ihr die d&#252;nne Decke unters Kinn zog, kamen ihre F&#252;&#223;e darunter zum Vorschein. Heiliger 

Die Fu&#223;sohlen der Frau waren mit einer verkrusteten kastanienbraunen Masse &#252;berzogen. Ist sie drau&#223;en herumgelaufen?

Nein. Soviel ich wei&#223;, hat sie sich nicht vom Fleck ger&#252;hrt. Und das sieht mir auch nicht nach Erde aus.

Dtui kratzte mit dem Fingernagel an einer Sohle. Sie wusste sofort, womit sie es zu tun hatte. Das ist geronnenes Blut.

Und woher ? Hat sie irgendwelche Verletzungen?

Dtui nahm ein feuchtes Tuch aus der Waschsch&#252;ssel neben dem Bett und rieb vorsichtig an einem Fu&#223;. Nein.

Aber wie ?

Das sieht ganz nach einem Muster aus, Singsai. Schauen Sie sich den anderen Fu&#223; an. Als h&#228;tte ihr jemand Symbole auf die Sohlen gemalt.

Mit Blut? Und wozu?

Vielleicht kann Ihr Hmong-Pfleger uns weiterhelfen.

Wir werden sehen. Ich m&#246;chte ihn jetzt nicht wecken, aber morgen fr&#252;h werde ich ihm mal ein wenig auf den Zahn f&#252;hlen. Ich bin gespannt, ob er eine Erkl&#228;rung daf&#252;r hat.

Ich auch, sagte Dtui. Ich auch.

Wegen zwei weiterer Notf&#228;lle kam Dtui erst gegen sieben Uhr morgens ins Bett. Die leichte Brise, die durch die d&#252;nnen Baumwollvorh&#228;nge ins Zimmer wehte, weckte sie um zehn. Auf ihrem Weg in den Hauptkrankensaal schaute sie rasch bei Frau Wunderlich vorbei. Die lag zwar noch immer auf dem R&#252;cken, sang jetzt jedoch ein anderes Lied.

Panoy ist schwach. Panoy ist schwach, sagte sie.

Wer ist Panoy?, fragte Dtui.

Panoy ist schwach.

Dtui strich der Frau das wei&#223;e Haar aus dem Gesicht und legte die Hand auf ihre kalte Stirn. Ihre Haut wirkte stumpf, wie mit einer feinen Staubschicht &#252;berzogen. Ihr Puls war schwach. Dtui fragte sich, ob die Alte den heutigen Tag wohl &#252;berleben w&#252;rde. Bevor sie aus dem Zimmer ging, hob sie die Decke, um sich die F&#252;&#223;e der Frau noch einmal anzusehen. Die linke Sohle, die sie in den fr&#252;hen Morgenstunden ges&#228;ubert hatte, war von Neuem mit getrocknetem Blut bedeckt.


Dr. Siri sa&#223; im Speisesaal des G&#228;stehauses und bl&#228;tterte in einer vier Wochen alten Ausgabe der Pasason Lao. Dabei stie&#223; er auf ein Foto, auf dem sein alter Freund Civilai einem mongolischen Diplomaten die Hand sch&#252;ttelte. Beide l&#228;chelten breit, aber wenig &#252;berzeugend. Er wusste genau, was der Genosse Civilai, sein einziger Verb&#252;ndeter im Politb&#252;ro, gerade dachte. Es erinnerte ihn an alte Zeiten und zwei junge M&#228;nner voller Ideale.

Siri und seine Frau Boua hatten seit Jahren der Lao Issara, dem Freien Laotischen Widerstand, angeh&#246;rt. Boua wollte die franz&#246;sischen Besatzer systematisch bek&#228;mpfen, statt ihnen nur hin und wieder ein paar Nadelstiche zu versetzen. Sie war eine &#252;berzeugte Kommunistin, und Siri folgte ihr an die Ngyuen-Ai-Quoc-Universit&#228;t in Hanoi, wo er Vietnamesisch lernte und Kurse in kommunistischer Ideologie belegte. Er wurde mit roter Farbe getauft und so lange in den Bottich getunkt, bis er Marx atmete und Lenin schiss. Derart ger&#252;stet, war er durch die vietnamesische Provinz getingelt und hatte die Bauern davon &#252;berzeugt, dass nur der Kommunismus sie vom Joch der franz&#246;sischen Fremdherrschaft befreien k&#246;nne. Er arbeitete in Lazaretten im Norden des Landes und fand selbst nach einer blutigen Achtzehn-Stunden-Schicht noch Zeit, die Dorfbewohner in ideologische Grundsatzdiskussionen zu verwickeln.

Diesen Abschnitt seines Lebens nannte er inzwischen nur noch die Jahre, in denen ich meinen Verstand verborgte. Erst als er einen anderen begeisterten Kader kennenlernte, einen treuen Genossen der Laotischen Volkspartei und alten Kommunisten namens Civilai, war Siri in der Lage, die Dinge mit anderen Augen zu betrachten. Zwar hatte man ihm eingebl&#228;ut, jeden Genossen, der vom Pfad der Tugend abgewichen war, unverz&#252;glich der Parteif&#252;hrung zu melden, doch Civilai schien so erfahren und intelligent, dass Siri gar nicht anders konnte, als sich seine Worte zu Herzen zu nehmen und sein eigenes wirres Weltbild zu &#252;berdenken. Civilai war ein gl&#252;hender Anh&#228;nger des Kommunismus. An seiner Loyalit&#228;t gegen&#252;ber der Partei bestand kein Zweifel. Aber er glaubte an eine Form des Kommunismus, die ohne Terror und Unterdr&#252;ckung auskam. Wegen seiner Ansichten galt er als abgehobener Spinner. Doch da er einen hohen Rang bekleidete und bei den Massen zudem recht beliebt war, durfte er seinen Posten im Zentralkomitee behalten, auch wenn seine Bem&#252;hungen in aller Regel wirkungslos verpufften.

Siri hatte sich sofort f&#252;r Civilais goldenen Mittelweg begeistern k&#246;nnen, und so wurde auch er von den Parteibonzen ge&#228;chtet. W&#228;hrend Boua sich unerm&#252;dlich der ideologischen Erziehung des Proletariats widmete, h&#228;ngte Siri seine rote Fahne an den Nagel und konzentrierte sich auf seinen Beruf als Arzt. Bouas Liebe zu ihm schwand nach und nach dahin. Er hingegen liebte sie bis zu ihrem Tod hei&#223; und innig, obwohl er wusste, dass sie ihn f&#252;r einen Versager hielt. Allein seine Freundschaft zu Civilai bewahrte ihn davor, den Verstand zu verlieren, und w&#228;hrend die Partei Civilai immer sinnlosere Pflichten aufb&#252;rdete, war es Siri, der seinem Freund Halt und Unterst&#252;tzung bot.

Das Zeitungsfoto zeigte einen von unz&#228;hligen symbolischen Handschl&#228;gen mit einem von unz&#228;hligen ausl&#228;ndischen W&#252;rdentr&#228;gern. Ein weiterer Schnappschuss f&#252;r das diplomatische Fotoalbum. Er werde allm&#228;hlich zur Micky Maus des neuen Regimes, hatte Civilai geklagt. Er 

Genosse? Siri blickte auf und sah sich dem Wachposten gegen&#252;ber, der normalerweise vor der Sperrholzwand im ersten Stockwerk sa&#223;. Kreidebleich stand er in der T&#252;r. Sie sind doch Arzt, nicht wahr?

Ja, sagte Siri.

Schnell, kommen Sie mit. Ohne eine Antwort abzuwarten, machte er auf dem Absatz kehrt und st&#252;rzte, immer vier Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Siri wusste aus langj&#228;hriger Erfahrung, dass die zehn Sekunden, die sich mit solch &#252;bertriebener Hast gewinnen lie&#223;en, nur selten etwas bewirkten, es sei denn das vorzeitige Ableben sowohl des Arztes als auch des Patienten. Und so nahm er gem&#228;chlich eine Stufe nach der anderen. Die aufgebrachte Wache kam ihm auf halber Treppe entgegen.

Beeilen Sie sich, sagte der Mann. Es geht um Leben und Tod. Bei aller Dringlichkeit hatte er es sich nicht nehmen lassen, die T&#252;r im ersten Stock wieder zu verriegeln, bevor er Siri holen gegangen war. Mit zitternden H&#228;nden versuchte er den Schl&#252;ssel in das Vorh&#228;ngeschloss zu man&#246;vrieren. Siri war eben auf dem Treppenabsatz angekommen, als der Mann die erste T&#252;r aufriss und &#252;ber den Flur zu einer zweiten, ebenfalls verschlossenen T&#252;r lief. Siri fragte sich, was f&#252;r eine wilde Bestie solche Vorsichtsma&#223;nahmen erforderlich machte. Als er am ersten Zimmer vorbeikam, warf er einen Blick durch die offene T&#252;r. Auf einem der beiden Betten lagen drei allem Anschein nach recht teure Lederkoffer. Auf dem Fu&#223;boden standen ein Tablett mit Jungpflanzen und kleine Tont&#246;pfe mit Stecklingen.

Hier drin, rief die Wache. Noch ist er am Leben.

Auf dem einzigen Bett im Nebenzimmer lag ein Mann mittleren Alters mit pomadiertem Haar und einem schlichten, aber teuren Pyjama. Er wand sich vor Schmerzen und hatte Schaum vor dem Mund. Auf dem Boden neben dem Bett lag eine umgest&#252;rzte braune Glasflasche. Das Etikett trug eine russische Aufschrift, doch das allgemeinverst&#228;ndliche Totenkopfsymbol lie&#223; an ihrem Inhalt keinen Zweifel. Siri hob die Lider des Mannes und schaute ihm in die Pupillen. Dann &#246;ffnete er ihm den Mund, um sich seine Zunge anzusehen, und schnupperte an seinem Atem.

Nachdem die Polizisten weg waren, sind die Zimmer sauber gemacht worden. Das bl&#246;de Mistst&#252;ck muss den Reiniger auf dem Waschbecken stehen gelassen haben. Keine Ahnung, wie er an das Zeug gekommen ist. Er hat es sich wahrscheinlich auf dem R&#252;ckweg vom Klo geschnappt, als ich kurz nicht hingesehen habe. Bl&#246;des Arschloch. Wenn was passiert, werde ich erschossen. Schimpfend lief der Wachposten im Zimmer auf und ab. Krankenhaus! Wir m&#252;ssen ihn ins Krankenhaus schaffen! Sie kriegen ihn doch wieder hin, Doc. Oder, Doc?

H&#246;ren Sie, Genosse, sagte Siri und sah die hysterische Wache an. Solange Sie hier herumtrampeln wie ein wild gewordener Kapitalist, kann ich gar nichts tun. Sie gehen jetzt hinunter in die K&#252;che und sagen den Damen, sie sollen zwei Liter Wasser zum Kochen bringen und eine Handvoll Salz sowie drei&#223;ig Zentiliter Speise&#246;l hineingeben. Ich will Sie hier erst wiedersehen, wenn alles so weit ist.

Jawoll. Die Wache verlie&#223; ihren Posten und eilte in die K&#252;che. Der Vergiftete auf dem Bett wand sich immer noch vor Schmerzen.

Schon gut, sagte Siri. Er ist weg. Sie k&#246;nnen jetzt aufh&#246;ren.

Der Mann hielt einen Sekundenbruchteil inne, dann drang ein heiseres Knurren aus den Tiefen seiner Kehle. Kran-ken-haus.

Sie wissen doch genauso gut wie ich, dass das nicht in Frage kommt.

Ster-be.

Ich bitte Sie. Sie liegen ebenso wenig im Sterben wie ich. Ich sehe wahrscheinlich nicht halb so gesund aus wie Sie. Was wollten Sie mit dieser kleinen Maskerade eigentlich erreichen?

Der Mann spuckte den restlichen Schaum aus und funkelte Siri w&#252;tend an. Wer, zum Teufel, sind Sie?

Dr. Siri Paiboun.

Nicht zu glauben. Dass einem ausgerechnet hier ein Arzt &#252;ber den Weg l&#228;uft. Kopfsch&#252;ttelnd setzte er sich auf.

Kompliment. An Ihnen ist ein Schauspieler verloren gegangen. Ein Laie h&#228;tte wohl kaum Ihren Atem kontrolliert und den Zahnpastageruch folglich auch nicht bemerkt. Das Personal h&#228;tte Sie vermutlich auf einen Lastwagen verfrachtet und Sie in die Klinik nach Xam Neua gefahren. Trotzdem ist mir immer noch nicht ganz klar, was Sie sich davon versprochen haben.

Nein? Das kann ich Ihnen gern verraten. In einem Krankenhaus gibt es keine Wachleute. Ich h&#228;tte mich heimlich davonstehlen k&#246;nnen.

Und wohin, wenn ich fragen darf?

Was wei&#223; denn ich? Nach S&#252;den? In einem gestohlenen Wagen?

Ihnen ist offensichtlich nicht bewusst, wo Sie hier sind. Es f&#252;hrt nur eine Stra&#223;e nach Vientiane, vorbei an gut hundert Lagern der PL und der Vietnamesen. Sind Sie wirklich so lebensm&#252;de?

Lieber sollen sie mich erschie&#223;en, als dass ich mich von Ihren Leuten langsam zu Tode foltern lasse.

Wie kommen Sie darauf, dass wir Sie zu Tode foltern wollen?

Ich bin doch nicht bescheuert. Ich wei&#223;, wie es in euren Lagern zugeht. Zwangsarbeit unter primitivsten Bedingungen, keinerlei &#228;rztliche Betreuung.

Ich habe drei&#223;ig Jahre unter solchen Bedingungen gelebt. Wenn ich das geschafft habe, schaffen Sie das schon lange.

Sie wissen anscheinend nicht, wer ich bin.

Ich wei&#223; sogar sehr gut, wer Sie sind. Aber das ist keine Antwort auf meine Frage.

Der Mann sah kopfsch&#252;ttelnd aus dem Fenster. Ich musste mich noch nie auf eigene Faust durchschlagen. Beim leisesten Schniefen wurde ich mit Medikamenten vollgepumpt. Ich habe keine nat&#252;rliche Immunit&#228;t, keine Kondition, kein Durchhalteverm&#246;gen.

Sie w&#252;rden sich wundern, wie schnell sich Ihr K&#246;rper anpasst.

Nein. Das w&#228;re mein sicherer Tod. Hundertprozentig. H&#246;ren Sie. Sobald er Ihren absurden Auftrag ausgef&#252;hrt hat, kommt der Wachposten zur&#252;ck. Was halten Sie davon, wenn Sie und ich eine kleine  Abmachung treffen?

Doch nicht etwa finanzieller Natur?

Ich verf&#252;ge &#252;ber mehr Geld, als Sie sich &#252;berhaupt vorstellen k&#246;nnen. Wenn Sie mich nach Thailand schaffen w&#252;rden, k&#246;nnte ich 

Und was sollte ich mit dem Geld anfangen?

Anfangen? Na, was wohl? Sich ein angenehmes Leben machen. Ihre Freiheit genie&#223;en.

Siri lachte. Mit Verlaub, aber in Ihrer mehr als misslichen Lage sind Sie nicht eben ein leuchtendes Beispiel f&#252;r die Kombination von Reichtum und Freiheit. Trotzdem, den Versuch war es wert, mein Junge. Sie sind ganz anders als Ihr Vater.

Woher wollen Sie das wissen?

Wir kennen uns. Wir haben eine ganze Nacht zusammen Reiswhisky getrunken und &#252;ber Philosophie gesprochen. Ich bin in meinem Leben nicht allzu vielen k&#246;niglichen Hoheiten begegnet, aber Ihr Vater hat mich tief beeindruckt. Im Gegensatz zu Ihnen schien er sich mit seinem Schicksal abgefunden zu haben.

Er ist ein Def&#228;tist.

Er ist ein Realist. Er war hier, nicht wahr? Und die K&#246;nigin?

Sie wurden gestern Abend fortgebracht. Haben Sie das Zimmer gesehen, in dem sie hausen mussten? Entw&#252;rdigend. Wer wei&#223;, was sie da drau&#223;en im Dschungel erwartet.

Sie haben Angst.

Seien Sie nicht albern.

Sie brauchen sich deswegen nicht zu sch&#228;men. Angst hilft uns zu &#252;berleben. Ich habe l&#228;nger in Angst gelebt als in Ruhe und Frieden. Trotzdem stehe ich hier. Schlagen Sie sich diese albernen Fluchtgedanken aus dem Kopf, mein Junge. Damit helfen Sie weder sich selbst noch Ihrer Familie. Spielen Sie mit, und halten Sie sich an die Regeln. Suchen Sie sich einen hohen Baum, einen Baum, der s&#228;mtliche Staatsstreiche und Massaker der Geschichte &#252;berdauert hat. Heben Sie an seinem Fu&#223; ein Loch aus, und begraben Sie Ihren Stolz darin. &#220;bergeben Sie diesem majest&#228;tischem Baum Ihr ganzes k&#246;nigliches Erbe, und dann f&#252;gen Sie sich ihrem Willen, und werden Sie zu einem einfachen, bescheidenen Menschen. Erdulden Sie die Erniedrigungen, die sie Ihnen zuf&#252;gen werden, und imponieren Sie ihnen mit Ihrer Willenskraft. Beeindrucken Sie sie mit Ihrer Demut und Ergebenheit. Denn genau das werden der K&#246;nig und die K&#246;nigin tun.

Das  das kann ich nicht.

Nat&#252;rlich k&#246;nnen Sie das. Und es wird eine tiefere und anhaltendere Wirkung zeitigen als all die Bravourst&#252;cke und Heldentaten, all das k&#246;nigliche Getue, das Sie im Sinn haben. Beweisen Sie ihnen, dass Sie ein Mensch mit Charakter sind. Denn das wird sie in Verlegenheit bringen. F&#252;r einen Tyrannen gibt es wenig Unerfreulicheres als einen Mann, der sich nicht schrecken l&#228;sst.

Siri hob die Flasche auf. Der Kronprinz starrte mutlos vor sich hin. Warum haben sie uns getrennt?

Um Ihren Willen zu brechen. Sie haben doch nicht wirklich davon getrunken, oder?

Die Flasche war leer.

Siri lachte. Sehen Sie? Sie sind doch ein findiges B&#252;rschchen. Sie w&#252;rden hundert Umerziehungslager &#252;berleben.

Der Wachposten st&#252;rzte ins Zimmer. Er hielt die mit Lappen umwickelten Griffe des dampfenden Kochtopfs fest umklammert. Das gesamte K&#252;chenpersonal folgte ihm auf dem Fu&#223;e.

Fertig, sagte die Wache. Was soll ich damit machen?

Kippen Sie es in die Toilette, antwortete Siri. Oder, noch besser, kochen Sie uns darin zum Abendessen leckeres Gem&#252;se.

Was? Aber Sie haben doch 

Wie es scheint, habe ich ein medizinisches Wunder vollbracht und den Prinzen wieder zum Leben erweckt. Wir werden ihn wohl doch nicht in &#214;l sieden m&#252;ssen. Er erfreut sich bester Gesundheit.

Danke. Danke, Doc. Vielen Dank, murmelte der Wachposten wohl an die hundert Mal. Der Dank galt selbstredend der Rettung seiner eigenen Haut. Das Wohlergehen seines k&#246;niglichen Sch&#252;tzlings interessierte ihn nicht die Bohne.

Bevor Siri aus dem Zimmer ging, sah er die Bambus-klui auf dem Schreibtisch. Ah, da haben wir sie ja, die Waffe, die uns seit unserer Ankunft solche Qualen bereitet. Kennen Sie nur die eine Melodie?, fragte er.

Und nicht einmal die beherrsche ich richtig.

Wenn wir uns das n&#228;chste Mal begegnen, werden Sie die tausend Melodien des Dschungels spielen, und die V&#246;gel des Waldes werden Sie darum beneiden. Denken Sie an meine Worte. Er legte dem Prinzen die Hand auf die Schulter und sah ihn l&#228;chelnd an. Gr&#252;&#223;en Sie Ihren Vater von mir, wenn Sie ihn sehen. Er ist ein beeindruckender Mann  mit einem beeindruckenden Sohn.



8

G&#214;TTLICHE OHNMACHT 

Herr Geung hatte die bewaldeten Bergh&#228;nge hinter sich gelassen und kam zum ersten Mal auf seiner Wanderung in ein Tal voller Reisfelder. Die Reisstoppeln knirschten unter seinen F&#252;&#223;en. Alles schien vertrocknet und tot. Die Politik hatte das Land buchst&#228;blich ausged&#246;rrt. Seit der Revolution mussten die Pathet Lao Monat f&#252;r Monat die schmerzliche Erfahrung machen, dass es in der Praxis weitaus schwieriger war, ein Land zu regieren, als es in der Theorie ausgesehen hatte. Zehn Jahre lang hatten sie in den H&#246;hlen von Houaphan davon getr&#228;umt, an die Macht zu gelangen. Doch da nur wenige Kader wirklich glaubten, dass dieser Traum eines Tages in Erf&#252;llung gehen w&#252;rde, hatten sie weder konkrete Pl&#228;ne f&#252;r die Zukunft entwickelt noch Ideen, wie sie die Massen f&#252;r sich gewinnen k&#246;nnten. Nichts war einem gelungenen Volksaufstand abtr&#228;glicher als die Existenz echter Menschen und der Druck, deren &#252;berzogene Anspr&#252;che zu befriedigen.

Das laotische Volk des Jahres 1977 wurde allm&#228;hlich unruhig. Es hatte den neuen Machthabern ein Jahr Zeit gegeben, ihre F&#228;higkeiten unter Beweis zu stellen, doch die Erfolge blieben aus. Manche Leute verstiegen sich sogar zu der Behauptung, die Kommunisten seien nicht besser als die Royalisten. Im Politb&#252;ro hatte der blinde Rausch des Sieges einer ungesunden Paranoia Platz gemacht, und die daraus resultierenden Ma&#223;nahmen stie&#223;en in der Bev&#246;lkerung auf zunehmenden Widerstand. Feste wurden entweder abgesagt oder aber strengen Auflagen unterworfen, um Massenaufl&#228;ufe zu verhindern. Religion, Kultur und Aberglaube waren verp&#246;nt, wodurch sich die Zahl der feierlichen Anl&#228;sse betr&#228;chtlich reduzierte. Dr. Siri meinte, ebenso gut k&#246;nne man den Leuten gestatten, eine Brille zu tragen, die Verwendung von Brillengl&#228;sern jedoch unter Strafe stellen.

Auch das Raketenfest im Mai war dieser Regelung zum Opfer gefallen, denn Horden aufgebrachter Dorfbewohner, die noch dazu mit Unmengen von Schwarzpulver hantierten, konnten die Beh&#246;rden unter keinen Umst&#228;nden dulden. Die Regierung verbot Versammlungen innerhalb geschlossener Ortschaften und verbannte s&#228;mtliche Feierlichkeiten auf abgelegene Felder, die sowohl von Uniformierten als auch von schlecht getarnten Soldaten in Zivil &#252;berwacht wurden. Weiblichen Geistermedien, eigentlich unabdingbar f&#252;r das Fest, hatte man die Teilnahme streng untersagt. Alkohol und laute Musik waren tabu, und bei Einbruch der Dunkelheit mussten die Festlichkeiten beendet sein. Die Pulvermenge, mit denen die Bambusrohre gef&#252;llt werden durften, war so gering, dass viele selbstgebaute Raketen kaum vom Start wegkamen. Sie schraubten sich torkelnd ein paar Meter in die H&#246;he, bevor sie vergl&#252;hten und zur Erde st&#252;rzten. Jubelrufe waren kaum zu h&#246;ren, daf&#252;r umso h&#228;ufiger die panischen Schreie von Zuschauern, die Hals &#252;ber Kopf das Weite suchten.

Nicht nur stie&#223; das Debakel den entt&#228;uschten Dorfbewohnern sauer auf, es hatte noch viel weitreichendere Folgen. Das Raketenfest war ein Fruchtbarkeitsritus. Der ohrenbet&#228;ubende L&#228;rm und die ausgelassene Fr&#246;hlichkeit sollten die G&#246;tter der Wollust aus ihrem einj&#228;hrigen Schlummer rei&#223;en. Die Geistermedien mahnten die derart unsanft geweckten h&#246;heren Wesen, dass es an der Zeit sei, den Regen zu schicken und die Felder zu begr&#252;nen. Die phallischen Raketen sollten sie zu einer himmlischen Orgie animieren, auf dass ihre Lendens&#228;fte das Land befruchteten und reiche Ernte brachten.

Das war der feste Glaube der Dorfbewohner. In den kalten Sozialistenherzen der neuen Machthaber war f&#252;r solch mythologischen Unfug naturgem&#228;&#223; kein Platz. Die marxistisch-leninistische Lehre hatte keine Zeit f&#252;r M&#228;rchen. Buddhismus und Animismus waren S&#252;nden wider das rationale Denken, und dem kommunistischen System ging Logik &#252;ber alles. Sie w&#252;rden schon sehen, diese Einfaltspinsel. Im Mai w&#252;rde wie immer der Regen kommen und den Glauben des Volkes an die sozialistische Ordnung st&#228;rken.

Die m&#252;den Feierlichkeiten zum 1. Mai trafen auf denselben gebremsten Enthusiasmus wie das Raketenfest. Aus Mai wurde Juni, und die Fruchtbarkeitsg&#246;tter lagen immer noch in tiefem Schlummer. Kein W&#246;lkchen tr&#252;bte den Himmel, die Reisfelder verdorrten, und im Erdboden taten sich tiefe Risse auf. Als der Juli kam, hatten die Leute keinen Zweifel mehr, dass diese noch nie da gewesene D&#252;rre auf das Konto der neuen Regierung ging. Der Sozialismus war schlecht f&#252;rs Wetter. So viel war selbst dem schlichtesten aller schlichten Gem&#252;ter klar. S&#228;mtliche Versuche der Regierung, den Widerstand in der Bev&#246;lkerung zu brechen, hatten das genaue Gegenteil bewirkt.

Herr Geung wusste von all dem weiter nichts, als dass die Reisstoppeln unter seinen F&#252;&#223;en knirschten, doch in seinen neuen Stiefeln kam er gut voran. Sie hatten dem Mann der alten Dame geh&#246;rt, der in seiner Urne damit vermutlich wenig anfangen konnte. Ihrem Sohn waren sie zu klein, Geung hingegen passten sie wie angegossen, und er trug sie voller Stolz. Sie hatte ihm ein gro&#223;es Paket Trockenproviant mitgegeben und ihn mit einer stinkenden Salbe eingerieben, die ihm die b&#246;sartigen, mit dem Dengue-Bazillus infizierten Stechm&#252;cken vom Leibe halten sollte, die das Land unsicher machten.

W wir sollen der St St Stra&#223;e folgen, erkl&#228;rte er Dtui, die neben ihm her ging. A aber so, dass uns k keiner sieht. Beim Fr&#252;hst&#252;ck hatte die alte Frau ihm seine Geschichte aus der Nase gezogen und ihn gewarnt, dass die Soldaten, denen er entwischt war, todsicher nach ihm suchen w&#252;rden.

Bleib in der N&#228;he der Stra&#223;e, aber pass auf, dass dich niemand sieht, hatte sie ihm eingesch&#228;rft. Wenn von hinten ein Auto kommt, das nicht gr&#252;n ist wie ein Milit&#228;rfahrzeug, lass dich mitnehmen. Halte dich von allem fern, was gr&#252;n ist. Kapiert?

Die Worte hatten sich in sein Ged&#228;chtnis eingebrannt, doch ganz begriffen hatte er sie nicht. Von hinten fand er besonders verwirrend, denn was hinter ihm lag, hing schlie&#223;lich davon ab, in welche Richtung er sich drehte. Und da er st&#228;ndig durch das Laub der B&#228;ume sp&#228;hte, war entlang der Stra&#223;e praktisch alles gr&#252;n.

Geung war den ganzen Tag marschiert. Er musste schnellstm&#246;glich ins Leichenschauhaus zur&#252;ck, und das hielt ihn auf den Beinen. Er &#228;chzte. Er keuchte. S&#228;mtliche Knochen taten ihm weh. Seine Angst kam und ging, und der Boden schwankte unter ihm, als ritte er auf dem R&#252;cken eines Drachen nach Vientiane. Doch als er einen lauten Knall h&#246;rte und sah, wie ein Blutfleck an seinem Hemd erschien, blieb er erstaunlich ruhig.

Eine Sch Sch Schusswunde, sagte er, als w&#252;rde er einem Pathologen seinen Zustand schildern. Er r&#252;hrte sich nicht von der Stelle und sah zu, wie der rote Fleck sich in ein Land verwandelte, eines der L&#228;nder in Dtuis Atlas, in dem angeblich Millionen von Menschen lebten. Was mussten das f&#252;r klitzekleine Menschen sein. Fasziniert beobachtete Geung, wie der Fleck die ungef&#228;hren Umrisse der UdSSR annahm. Dann wurde er leichenblass und fiel zu Boden wie ein Zaunpfahl.


Chaos. Panik. Immer neue Notf&#228;lle und Katastrophen. Bald schon sch&#228;lten sich drei Kategorien von Notf&#228;llen heraus: Alles-stehen-und-liegen-lassen-Notf&#228;lle, Tun-wasman-kann-Notf&#228;lle und Abwarten-und-Tee-trinken-Notf&#228;lle. Auch f&#252;r Katastrophen gab es eine Bewertungsskala: unvermeidlich, wir-haben-alles-Menschenm&#246;gliche-getan, meine Schuld/Ihre Schuld. Dar&#252;ber hinaus galt es, gottgleiche Entscheidungen zu treffen, etwa welcher Patient am ehesten den Tod verdiente. Am Nachmittag ihres zweiten Tages fragte sich Dtui allen Ernstes, ob ihr Herz verk&#252;mmert war. Sie sp&#252;rte nichts mehr. Sie nahm die Menschen nicht mehr als Menschen wahr. Und den Tod nicht mehr als Trag&#246;die. Ihre Patienten waren keine Hufschmiede oder Hausfrauen mehr, sondern nur noch Prozents&#228;tze. Mit ein wenig Geschick und ein wenig medikament&#246;ser Unterst&#252;tzung hat diese Patientin  nennen wir sie Nummer sieben  eine vierzigprozentige &#220;berlebenschance.

Wenn sie ordentliche Arbeit leisten wollte, durfte sie keinen Anteil nehmen, und diese Erkenntnis fand sie ebenso verbl&#252;ffend wie betr&#252;blich. Ihr wurde klar, dass Dr. Siri nach all den Jahren als Feldchirurg vermutlich schon lange in Prozents&#228;tzen dachte. Es hatte ihn nicht gef&#252;hllos werden lassen, nur nachdenklich, philosophisch. Wenn er einen Patienten verlor, war das leichter zu ertragen, wenn die Chancen ohnehin schlecht standen. Daran wollte sich Dtui bei Kilometer 8 ein Beispiel nehmen.

Gegen Abend lie&#223; der Andrang langsam nach. Zwei hatten sie den Hang hinaufschicken m&#252;ssen. Drei hatten sie stabilisiert. Dtui war vom Adrenalin derart berauscht, dass sie wie auf einem fliegenden Teppich dahinschwebte. Obwohl sie todm&#252;de war, h&#228;tte sie nicht einmal ein Hieb mit dem Vorschlaghammer in Schlaf versetzen k&#246;nnen. Sie durchstreifte die Krankens&#228;le mit stierem Blick, wie ein gro&#223;er, unerschrockener Eisb&#228;r. Sie n&#246;tigte Patienten, am Leben zu bleiben, und befahl Medikamenten zu wirken. In einer Ecke des Saals suchte Meej, der Hmong-Pfleger, den st&#228;bchend&#252;rren Arm eines Patienten vergeblich nach einer Vene ab. Meej war ein st&#228;mmmiger, gut aussehender Mann von Mitte zwanzig. Wie Dtui hatte er stets ein L&#228;cheln auf den Lippen.

Dtui massierte den Arm des Patienten, bis sich ein schwacher bl&#228;ulicher Schatten unter der Haut abzeichnete. Sie rammte die Nadel hinein. In Sekundenschnelle hing der Patient an seinem Tropf, und sie lotste den Pfleger nach drau&#223;en.

Wie f&#252;hlen Sie sich?, fragte sie.

Wie erschlagen, gestand er.

Da gehts Ihnen wie mir. Z&#228;hlen Sie nur diejenigen, die Sie retten konnten. So mache ich das. Vergessen Sie die anderen. Sie w&#228;ren so oder so gestorben.

Ist gut. Danke.

Ich h&#228;tte da eine Frage zu Frau Duaning.

Ist sie tot?

Sie ist schwach, aber noch am Leben. Ich habe mich &#252;ber das Blut an ihren F&#252;&#223;en gewundert.

Ach, das. Das ist ein alter Aberglaube. Wenn jemand schwer krank ist, bestreichen die Verwandten seine F&#252;&#223;e mit Blut.

K&#246;rperlich oder geistig?

Sowohl als auch. Es soll die b&#246;sen Geister fernhalten.

Aber das Blut erscheint von selbst.

Meej lachte. Nein.

Sie wissen anscheinend mehr als ich.

Das junge M&#228;dchen ist seit vorgestern hier. Ich wei&#223; nicht, ob sie eine Verwandte ist oder nur ein M&#228;dchen aus dem Dorf, das sich um die alte Dame k&#252;mmert. Eines sch&#246;nen Tages ist Frau Duaning einfach verschwunden. Nachdem die Kleine sie hier gefunden hatte, lief sie davon und kam ein paar Stunden sp&#228;ter mit drei Schweinen und einer Machete wieder.

Und warum habe ich sie dann noch nicht gesehen?

Die wei&#223;e Medizin ist ihr nicht ganz geheuer. Sie h&#228;lt sich hinter dem Haus versteckt. Offenbar besteht ihre einzige Aufgabe darin, die F&#252;&#223;e der alten Frau in Blut zu baden, bis es vorbei ist.

Wei&#223; sie, was ihr fehlt?

Sie hat nichts gesagt.

Wissen Sie, wo sie ist?

Ja.

W&#252;rden Sie mich zu ihr bringen?

&#196;h 

Was denn?

K&#246;nnten Sie vorher vielleicht Ihre wei&#223;e Uniform ausziehen? Sonst h&#228;lt die Kleine Sie f&#252;r einen Geist.

Dtui sah an sich hinunter, betrachtete die einzige Schwesterntracht, die sie mitgebracht hatte, und musste l&#228;cheln. Wei&#223; konnte man sie eigentlich nicht mehr nennen. Gibt es hier oben so dicke Geister? Na sch&#246;n. Bringen Sie das M&#228;dchen in Frau Wunderlichs Zimmer, und ich ziehe derweil mein Geisterkost&#252;m aus. Sie streifte einen gr&#252;nen OP-Kittel &#252;ber ihre Uniform.

Zehn Minuten sp&#228;ter schob Meej ein etwa zehnj&#228;hriges M&#228;dchen in das kleine Krankenzimmer, in dem au&#223;er Frau Wunderlich nur drei schwer sedierte Patienten lagen. Das M&#228;dchen hatte ein Marmeladenglas mit frischem Blut im Arm. Dtui l&#228;chelte, doch beim Anblick ihrer gleichm&#228;&#223;igen wei&#223;en Z&#228;hne wich die Kleine zur&#252;ck. Sprichst du Laotisch?, fragte Dtui.

Das M&#228;dchen sah zu Meej. Nein, sagte er.

W&#252;rden Sie sie dann bitte fragen, warum sie nach Hause gelaufen ist und die Opferschweine geholt hat?

Er tat wie gehei&#223;en. Dtui fiel auf, dass die Fragen ebenso lang waren wie die Antworten kurz. Sie sagt, die Frau ist besessen.

Wie kommt sie darauf?

Das M&#228;dchen zeigte auf den Mund der Frau, die mit schwacher Stimme die ewig gleiche Litanei herunterbetete. Das, sagte sie.

Was, das?

Frau Wunderlich sagte immer wieder dieselben Worte vor sich hin, in tadellosem nordlaotischen Dialekt.

Sie sagt, die alte Frau spricht kein Laotisch. Nicht ein einziges Wort. Dtui zog erstaunt die Augenbrauen hoch und stie&#223; einen leisen Pfiff aus. Aha.

Und das ist noch nicht alles, sagte Meej.

Noch seltsamer kann es wohl kaum werden.

Doch, Schwester Dtui. Sie sagt, die Stimme, mit der die Alte spricht  diese Stimme geh&#246;rt nicht Frau Duaning. Jemand anders spricht durch sie.


Als Genosse Lit am sp&#228;ten Nachmittag im G&#228;stehaus eintraf, sa&#223; Dr. Siri auf der Veranda. Wohlsein, Genosse Doktor. Sie gaben sich die Hand. Ich habe von der wundersamen Heilung unseres  Hausgastes geh&#246;rt.

Auf die stille Post ist offenbar Verlass.

Ich m&#246;chte Ihnen danken. Wenn etwas passiert w&#228;re, h&#228;tten wir die gr&#246;&#223;ten Schwierigkeiten bekommen.

Nicht der Rede wert.

Trotzdem l&#228;sst die Partei ihren aufrichtigen Dank &#252;bermitteln, und 

Heraus damit.

Wir w&#228;ren Ihnen &#252;beraus dankbar, wenn Sie die Identit&#228;t unserer G&#228;ste vertraulich behandeln w&#252;rden.

Mist, ich wollte sie gerade im Staatsrundfunk verk&#252;nden. Wem, zum Teufel, sollte ich wohl davon erz&#228;hlen?

Vor allem w&#228;re es mir lieb  er senkte die Stimme -, wenn Sie Ihrer Assistentin gegen&#252;ber Stillschweigen bewahren k&#246;nnten.

Warum? Gilt sie jetzt schon als Sicherheitsrisiko?

Nicht  nein, sie  Bitte.

Ich werde mein M&#246;glichstes tun. Haben Sie Neuigkeiten f&#252;r mich?

Mehr, als ich erwartet hatte, sagte der gro&#223; gewachsene Mann und nahm dem Doktor gegen&#252;ber Platz. Siri schenkte ihm aus der Thermoskanne eine Tasse Tee ein und lie&#223; sie abk&#252;hlen.

Ich habe soeben mit der Einwanderungspolizei in Hanoi gesprochen. Ich hatte gestern dort angerufen und die Namen Ihrer kubanischen Pfleger durchgegeben. Die Kollegen mussten sich durch riesige Aktenberge w&#252;hlen. Sie wissen ja, wie das ist. Wie es scheint, sa&#223; keiner der beiden M&#228;nner in der gebuchten Maschine. Genauer gesagt, gibt es nicht den geringsten Hinweis darauf, dass sie das Land &#252;berhaupt verlassen haben.

Aber sie wurden nach Hanoi gebracht?

Ja. Dort sind sie auch angekommen. Sie hatten eine Milit&#228;reskorte. Ich habe mit dem Fahrer gesprochen. Er erinnert sich genau.

Dann d&#252;rfen wir also annehmen, dass sie auf der Stelle kehrtgemacht und den R&#252;ckweg angetreten haben?

Ich wei&#223; nicht. Wenn ja, m&#252;sste es jemandem aufgefallen sein. Ich habe meine Leute angewiesen, sich ein wenig umzuh&#246;ren.

Gibt es etwas Neues &#252;ber den vietnamesischen Oberst?

Sein Name war Ha Hung. Ich f&#252;rchte, die Ermittlungen haben sich totgelaufen  im wahrsten Sinne des Wortes. Drei Monate, bevor der Betonweg gegossen wurde, kam der Oberst ums Leben.

Unter welchen Umst&#228;nden?

Ein Hinterhalt der Hmong.

Und was wurde aus seiner Tochter?

Keine Ahnung. Angeblich ging die Familie nach dem Tod ihres alten Herrn nach Vietnam zur&#252;ck. Was die Suche nicht eben leichter macht.

W&#252;rden Sie es trotzdem probieren? Mir zuliebe?

Aber sicher. Sonst noch was?

Dr. Santiago wollte auf dem Weg zum Krankenhaus bei Kilometer 8 rasch hier vorbeischauen. Ich habe ihn gebeten, einen Blick auf unsere Mumie zu werfen. Vielleicht erkennt er den Mann ja wieder.

Hmm. Nach allem, was von ihm noch &#252;brig ist, wird ihn wohl auch der gro&#223;e Dr. Santiago nicht identifizieren k&#246;nnen. Er ist vermutlich ohnehin zu sehr damit besch&#228;ftigt, blutjungen M&#228;dchen nachzusteigen, die ohne Weiteres seine Enkelinnen sein k&#246;nnten. Siri bemerkte den hasserf&#252;llten Unterton durchaus, doch sein Interesse war zu gering, um der Sache auf den Grund zu gehen. Lit blickte sich um. Mir ist aufgefallen, dass Schwester Dtui nicht an unseren letzten beiden Lagebesprechungen teilgenommen hat. Das h&#228;ngt doch hoffentlich nicht damit zusammen, dass ich ihr neulich den Kopf gewaschen habe?

Ich will es mal so sagen, mein Junge. Man mag einen Gibbon domestizieren k&#246;nnen, indem man ihm immer wieder mit dem Hammer auf den Sch&#228;del schl&#228;gt, Menschen hingegen reagieren auf eine Gehirnersch&#252;tterung im Allgemeinen allergisch.

Zu meinen Aufgaben geh&#246;ren auch Bildung und Erziehung.

Man haut den Leuten eine Philosophie nicht um die Ohren, junger Mann. Man macht sie nach und nach damit vertraut.

Sie meinen, ich habe das n&#246;tige Feingef&#252;hl vermissen lassen?

Ich sage das nur ungern, aber Sie scheinen mir ein treuer Anh&#228;nger der Kn&#252;ppel-aus-dem-Sack-Methode zu sein. Lassen Sie es k&#252;nftig etwas ruhiger angehen, dann stellt sich der Erfolg von selbst ein.

War Schwester Dtui ver&#228;rgert? Ist sie deshalb nicht hier?

Dtui hat ein weitaus dickeres Fell, als Sie glauben. Nein, sie hilft bei Kilometer 8 aus, bis die kubanischen &#196;rzte eintreffen.

Sie ist eine bemerkenswerte Frau.

Siri war erstaunt. Ich dachte, Sie k&#246;nnten sie nicht leiden.

Im Gegenteil, Doktor. Ich war von Anfang an mehr als beeindruckt. Zugegeben, es mangelt ihr an Disziplin, aber 

Siri wartete darauf, dass auf das aber etwas folgen w&#252;rde, aber es blieb folgenlos. Ich werde es ihr ausrichten, wenn ich sie heute Nachmittag sehe.

Sie fahren hinaus zu Kilometer 8?

Mit Dr. Santiago. Ich m&#246;chte mir das Quartier der Kubaner ansehen und mich ein wenig umh&#246;ren.

Und wenn Sie etwas Neues in Erfahrung bringen, geben Sie mir umgehend Bescheid?

Selbstverst&#228;ndlich.

Die Zentralregierung war alles andere als erfreut, als sie h&#246;rte, dass es sich bei dem Opfer eventuell um einen Kubaner handelt. Die kubanische Delegation m&#246;chte den Fall so schnell wie m&#246;glich kl&#228;ren. Zu dem Konzert wird auch ein Politb&#252;romitglied aus Havanna anreisen. Bis dahin s&#228;he ich den T&#228;ter gern hinter Gittern. Am besten schaue ich heute Abend noch einmal vorbei, dann k&#246;nnen Sie mir berichten, was Sie herausgefunden haben.

Eigentlich wollte ich &#252;ber Nacht dortbleiben.

Warum?

Ach, ich wollte Schwester Dtui ein wenig zur Hand gehen, au&#223;erdem kann ich dort vielleicht endlich mal wieder ruhig schlafen. Seit ich hier bin, werde ich jede Nacht von dieser verfluchten Diskothek geweckt.

Lit lachte. Doktor, wir sind in Vieng Xai.

Und?

Und seit die Parteif&#252;hrung nach Vientiane umgezogen ist, schwingt hier niemand mehr das Tanzbein. Darum ist das Konzert n&#228;chste Woche ja so ein Gro&#223;ereignis.

Genosse Lit. Ich h&#246;re die Musik. Ich sp&#252;re die Vibrationen der Lautsprecher.

Vielleicht ist es ein Radio oder Plattenspieler. Was f&#252;r Musik ist es denn?

Dieser nervt&#246;tende amerikanische Mist. Zu dem sie in den Nachtclubs der Hotels fr&#252;her herumgehopst sind.

Ich werde mich darum k&#252;mmern, Doktor. Wir wollen schlie&#223;lich nicht, dass unsere Jugend sich von dekadentem Westpop korrumpieren l&#228;sst. Aber glauben Sie mir, Dr. Siri, in Vieng Xai hat es noch nie eine Diskothek gegeben, und wenn es nach mir geht, wird das auch so bleiben.




Wie es sich f&#252;r einen tollk&#252;hnen Helden geh&#246;rt, hielt Dr. Santiago mit quietschenden Bremsen vor Kilometer 8 und entstieg seinem gelben Jeep in eine dichte Staubwolke geh&#252;llt. Die ersch&#246;pften Schwestern und Pfleger kamen aus dem Haus und nahmen ihn mit einem Seufzer der Erleichterung in Empfang. Nur Dtui kannte den kleinen wei&#223;haarigen Mann auf dem Beifahrersitz. W&#228;hrend sich das &#252;brige Personal um Santiago scharte, schlenderte sie zu Dr. Siri.

Sie sah reichlich mitgenommen aus. Na, wie l&#228;ufts, Schwester?, fragte er l&#228;chelnd.

Sie stie&#223; ein verzweifeltes Lachen hervor. Seit wie vielen Jahren machen Sie das schon?

Siri kletterte aus dem Jeep und wischte sich mit einem alten Handtuch den Staub aus dem Gesicht. Ab dem siebzehnten Jahr wird es allm&#228;hlich leichter.

Heute ist mein zweiter Tag, und ich bin ein Wrack.

Auf dem Weg in die Station fasste Siri die Ereignisse der vergangenen beiden Tage kurz zusammen. Santiago ist sich anscheinend ziemlich sicher, dass es sich bei dem Toten um Odon, den kleineren der beiden Pfleger, handelt.

Haben Sie ihn nach den parallelen Narben gefragt?

Ich habe sie ihm gezeigt, und er machte ein  wie soll ich sagen?  nicht direkt &#228;ngstliches, aber doch recht finsteres Gesicht. Sie d&#252;rfen nicht vergessen, dass wir uns nicht verst&#228;ndigen k&#246;nnen, darum freue ich mich schon auf Ihre &#220;bersetzung. Und jetzt frisch ans Werk. Was liegt an?




Siri und Santiago waren ein erstklassiges Gespann. Dtui folgte ihnen auf ihrem Rundgang und assistierte ihnen bei vier Operationen. Bei ihnen sah alles so leicht, so einfach aus. Gegen acht waren s&#228;mtliche Patienten versorgt, und das Personal sa&#223; um einen gro&#223;en Tisch und a&#223; gebratenen Lemur mit Klebreis. Da Santiago &#252;ber den Mord erst sprechen wollte, wenn die drei allein waren, erz&#228;hlte Dtui ihnen einstweilen die Geschichte von Frau Wunderlich. Die beiden Chirurgen fanden den Fall so faszinierend, dass sie in Frau Duanings Zimmer gingen, kaum dass sie den letzten Bissen verschlungen hatten. Der Anblick der totenbleichen alten Dame betr&#252;bte Dtui &#252;ber die Ma&#223;en. Sie sprach noch immer mit geliehener Stimme, doch da sie kaum Luft bekam, brachte sie die Worte nur schwer &#252;ber die Lippen. Um &#252;berhaupt etwas verstehen zu k&#246;nnen, mussten sich die drei &#252;ber sie beugen. Ihr Atem stank nach F&#228;ulnis und Zerfall.

Santiago wollte wissen, was sie sagte.

Sie sagt: Bald ists zu sp&#228;t, &#252;bersetzte Dtui.

Was meint sie damit?, fragte Siri.

Dass sie es nicht mehr lange machen wird, nehme ich an.

Aber das hielt Siri f&#252;r eher unwahrscheinlich. Das Amulett um seinen Hals lag warm an seiner Brust. Es schien zu vibrieren, als w&#252;rde es eine Art Funkspruch empfangen. Allm&#228;hlich wusste der Doktor die Signale zu deuten. Er nahm die Hand der alten Frau in die eine und das Amulett in die andere Hand. Sofort best&#252;rmte ihn eine wahre Flut fremder Bilder.

Dtui, merken Sie sich alles, was ich sage, rief er und schilderte ihr, was er sah. B&#252;sche, brusthoch. Ich falle. Tropfendes Wasser. Beton. Ringsum ist alles dunkel. Eine T&#252;r, eine schwere, gr&#252;ne Stahlt&#252;r, die sich nicht bewegen l&#228;sst. H&#228;nde. Kleine wei&#223;e H&#228;nde. Meine eigenen, als w&#252;rde ich auf sie hinunterblicken. Sie sind voller Blut.

Und dann, als habe jemand die Leitung gekappt, sah er pl&#246;tzlich nichts mehr. Er &#246;ffnete die Augen. Die alte Dame war verstummt. Er wusste, dass sie tot war. Was habe ich gesagt?, fragte er Dtui.

Wissen Sie das denn nicht mehr?

Ich habe keinen Schimmer.

Dtui gab seine Worte so getreu wie m&#246;glich wieder und &#252;bersetzte sie Santiago, der sich zu fragen schien, was er da gerade miterlebt hatte. Dtui wollte wissen, ob ihm Siris Schilderungen irgendwie bekannt vork&#228;men. Er zuckte die Achseln und entgegnete, B&#252;sche und Wasser gebe es schlie&#223;lich &#252;berall.

Gut. Fangen wir mit den B&#252;schen an. Siri fackelte nicht lange und nahm die Sache in die Hand. Gibt es unter den Schwestern und Pflegern jemanden, der in dieser Gegend aufgewachsen ist? Nach kurzer Beratung kamen sie auf Nang, eine nerv&#246;se Krankenschwester, die von Zeit zu Zeit immer noch in Ohnmacht fiel, wenn sie Blut sah. Sie war sichtlich erleichtert, endlich einmal nicht &#252;ber Chirurgie sprechen zu m&#252;ssen. Siri interessierte sich f&#252;r Obst. Er hatte sie zwar nicht bei sich, konnte die Beere, auf die er in seinem Zimmer im G&#228;stehaus getreten war, jedoch recht genau beschreiben. Die anderen sahen ratlos drein, w&#228;hrend sie auf den Namen zu kommen versuchte.

Sie meinen Affeneierpflaumen, sagte das M&#228;dchen schlie&#223;lich.

Und wo findet man die?, fragte Siri.

&#220;berall, wenn man wei&#223;, wo man suchen muss. Sie wachsen auf den Karsten. Da sie auf dem Markt einen guten Preis erzielen, sind sie bei den Dorfbewohnern hei&#223; begehrt. Der eine oder andere ist beim Sammeln von Affeneierpflaumen schon auf eine Mine getreten und in die Luft geflogen.

Findet man sie auch in dieser Gegend?

Aber ja, zu bestimmten Jahreszeiten. Hier in den Bergen bei Kilometer 8 wachsen die B&#252;sche &#252;berall.

H&#228;tten Sie wohl die G&#252;te, uns zu verraten, worum es geht, Doc?, fragte Dtui.

Hinweise, antwortete Siri. Wir d&#252;rfen keinen Hinweis au&#223;er Acht lassen. Wie zum Beispiel die gr&#252;ne T&#252;r. Fragen Sie Santiago doch noch mal, ob er sich an irgendwelche gr&#252;nen T&#252;ren erinnert.

Sie gehorchte und konnte f&#246;rmlich zusehen, wie der Kubaner s&#228;mtliche T&#252;ren seines Lebens Revue passieren lie&#223;. Schlie&#223;lich fragte er, ob die T&#252;r auch wirklich gr&#252;n und nicht blau gewesen sei. Da Siri an seine Vision keinerlei Erinnerung mehr hatte, konnte er die Farbe auch nicht best&#228;tigen.

Angenommen, sie w&#228;re blau, fragte Dtui. W&#252;rde das denn eine gro&#223;e Rolle spielen?

Durchaus, meinte Santiago. Die Bombenschutzt&#252;ren im alten Lazarett seien aus schwerem Stahl, und sie seien blau.

Und wo ist das alte Lazarett?

Er zeigte aus dem Fenster, auf den schwarzen Umriss des Berges. Er hob sich gegen das dunkle Blau des Himmels ab und hockte da wie ein riesenhafter Rabe.

Sie &#252;bersetzte f&#252;r Siri, der das Lazarett gut kannte. Nach dem Umzug in die neuen Geb&#228;ude waren die H&#246;hlen versiegelt worden. Es f&#252;hrte kein Weg hinein. Die bombensicheren T&#252;ren waren fest verriegelt, um zu verhindern, dass neugierige Kinder aus der Mittelschule am Fu&#223; des H&#252;gels hineingelangten und sich darin verliefen. Pl&#246;tzlich schien alles zusammenzupassen: die Beeren, die T&#252;ren, das Wasser und der Beton.

Wer hat den Schl&#252;ssel?, fragte er.

Santiago ging mit ihnen in die Verwaltung, schloss die Schreibtischschublade auf und kramte in einem Wust von Schl&#252;sseln, bis er den zum Vorh&#228;ngeschloss am Haupteingang des alten Lazaretts gefunden hatte. Aus dem Vorratsschrank holte er eine Machete und drei batteriebetriebene Stirnlampen; auf diese Weise hatten sie die H&#228;nde frei. Er ging voran, und sie folgten ihm den &#252;berwucherten Pfad entlang, der zum n&#228;chstgelegenen Eingang f&#252;hrte. Die gut zwanzig Zentimeter starke T&#252;r war seit Jahren nicht ge&#246;ffnet worden. Die drei mussten mit vereinten Kr&#228;ften ziehen, um sie so weit zu bewegen, dass sie sich durch den schmalen Spalt zw&#228;ngen konnten.

Als sie eintraten, schlug ihnen ein modriger Gestank entgegen. Unkraut verstopfte die L&#252;ftungssch&#228;chte, und die Luft ringsum war alt und abgestanden. Die Geschichten der Menschen, die hier ihr Leben gelassen hatten, waren dem Gem&#228;uer auf ewig eingeschrieben. Doch tief in der pechschwarzen Finsternis nahm Siri noch etwas anderes wahr  den frischen Geruch des Todes. Kurz darauf bemerkte ihn auch Dtui. Sie und Siri schalteten ihre Stirnlampen ein, und die drei Lichtstrahlen wanderten hin und her &#252;ber zw&#246;lfhundert Quadratmeter kalten, grauen Steins. Die beiden alten &#196;rzte hatten unz&#228;hlige Stunden in dieser verborgenen Halle zugebracht, und so verwunderte sie allein die Totenstille, das Fehlen jeglicher Ger&#228;usche  nirgends scharrte eine Ratte, nirgends zirpte eine Fledermaus. Als habe die Natur es nicht gewagt, die verlassene H&#246;hle zu erobern.

Dtui hingegen kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und fragte sich, wie es den Ingenieuren in Kriegszeiten, im Sperrfeuer der Bomben gelungen war, diese unglaubliche Leistung zu vollbringen. Durch Kan&#228;le im Zementfu&#223;boden gelangte Quellwasser aus den umliegenden Bergen in die H&#246;hle. Links und rechts der Haupthalle lagen Operationss&#228;le, B&#252;ror&#228;ume und ausgekl&#252;gelte Latrinen, durch die das Abwasser nach au&#223;en abgeleitet wurde. Da pl&#246;tzlich erfasste der Lichtstrahl ihrer Lampe eine Gestalt auf dem Betonfu&#223;boden. Eine Leiche mit verrenkten Gliedern. Als sie n&#228;her kamen, erkannten sie, dass es sich um eine Frau von Anfang zwanzig handelte. Ihrem Zustand nach zu urteilen war sie bereits seit &#252;ber vierundzwanzig Stunden tot.

Direkt &#252;ber ihr baumelte Unkraut aus einem L&#252;ftungsschacht, einem kreisrunden Loch von etwa zwei Metern Durchmesser. Siri wusste, dass der Schacht an einer Stelle in der Felswand endete, die aus der Vogelperspektive nicht zu sehen war; von dort wurde mittels einer Pumpe Frischluft ins Berginnere geleitet. Die Pumpe gab es l&#228;ngst nicht mehr, und zur&#252;ckgeblieben war nichts weiter als ein Loch, ein nahezu unsichtbares Loch, in das die nichtsahnende Frau vermutlich beim Beerensammeln gest&#252;rzt war.

Santiago beugte sich &#252;ber die Leiche und nahm die Tote in Augenschein. Als er zu sprechen begann, dolmetschte Dtui.

Der Doktor ist schwer beeindruckt. Er w&#252;rde gern wissen, wie Sie die Frau gefunden haben. Er bedauert allerdings, dass Sie Frau Panoy nicht mehr helfen k&#246;nnen.

Nein, sagte Siri und lie&#223; seinen Lichtstrahl durch die H&#246;hle wandern. Das ist nicht Panoy. Zwar hat der Geist dieser Frau durch die alte Hmong zu uns gesprochen, aber dabei ging es gewiss nicht um sie selbst. Auf diese Art und Weise kann man nur kommunizieren, wenn man schon tot ist. Es muss also noch jemand anders hier sein.

Dtui gab Siris Einwand an Santiago weiter, und zu dritt setzten sie ihre Suche fort. Das Wasser in dem alten Aqu&#228;dukt war ins Dorf am Fu&#223; des Berges umgeleitet worden. Durch die verbliebenen Kan&#228;le floss immer noch ein schmales Wasserrinnsal. An einigen Stellen waren sie fast einen Meter tief, und dort stie&#223; Santiago auf Panoy. Er rief ihren Namen und lie&#223; sich neben ihr in den Kanal hinab. Sie war etwa vier Jahre alt. Sie war schwer verletzt und vom Hunger geschw&#228;cht, aber wie durch ein Wunder noch am Leben.

Ich glaube, wir k&#246;nnen sie retten, rief Santiago den anderen zu. Er kletterte mit dem M&#228;dchen im Arm aus dem Wassergraben und hastete auf die blaue T&#252;r zu. Dtui und Siri konnten kaum Schritt halten. Im Eingang blieben sie stehen und sahen dem alten Kubaner nach, der die B&#246;schung hinab auf das Krankenhaus zueilte. Dtui legte Siri l&#228;chelnd den Arm um die Schulter.

Gute Arbeit, Dr. Siri. Und wie sollen wir Santiago das alles erkl&#228;ren?

Obwohl ich f&#252;r eine gute L&#252;ge stets zu haben bin, f&#252;rchte ich, wir werden ihm die Wahrheit sagen m&#252;ssen.

Meinen Sie wirklich? L&#252;gen w&#228;re vermutlich einfacher.

Ach, ich glaube kaum, dass der hagere alte L&#246;we sonderlich erstaunt sein wird. Ich habe das dumpfe Gef&#252;hl, dass ihm all das nicht gerade neu ist.

Sie wandte den Kopf, und der Strahl ihrer Lampe bohrte sich in die Stahlt&#252;r. Sagen Sie. Was ist das Ihrer Meinung nach f&#252;r eine Farbe, Doc?

Gr&#252;n.

Sie sind farbenblind, nicht wahr?

Wenn das kein Gr&#252;n ist, muss ich wohl farbenblind sein. Mir graut bei der Vorstellung, was Frau Wunderlich mir noch alles vererbt hat.




Panoy erwies sich als erstaunlich z&#228;h. Gegen ihre gebrochenen Rippen lie&#223; sich wenig machen, doch sie richteten ihr beide Arme und ein Fu&#223;gelenk, n&#228;hten zwei tiefe Schnittwunden und h&#228;ngten sie an einen Tropf, der ihr die verlorene Energie nach und nach zur&#252;ckgeben w&#252;rde. Meej blieb bei ihr und &#252;berpr&#252;fte im Lauf der Nacht immer wieder ihre Vitalfunktionen.

Siri, Santiago und Dtui sa&#223;en in ihre Jacken geh&#252;llt unter dem nachtschwarzen Himmel. Es war zwar kalt, aber nicht so unangenehm, dass sie ein Feuer h&#228;tten machen m&#252;ssen. Der Reiswhisky kurbelte ihren Kreislauf an. Siri sah schweigend zu, wie Dtui mit Hilfe ihres zerlesenen W&#246;rterbuches und einer Taschenlampe Siris Verbindungen zur Geisterwelt zu erkl&#228;ren versuchte. Sie erz&#228;hlte Santiago von dem tausend Jahre alten Schamanen namens Yeh Ming, der in Siris K&#246;rper hauste. Sie erkl&#228;rte ihm, besagter Geist warte geduldig darauf, dass Siri friedlich eines nat&#252;rlichen Todes starb, damit er sich aus dem Schamanengesch&#228;ft zur&#252;ckziehen konnte. Sie erz&#228;hlte ihm von den dreiunddrei&#223;ig Z&#228;hnen und den Tr&#228;umen und dem wei&#223;en Talisman, der Siri zur Abwehr b&#246;ser Geister diente. W&#228;hrenddessen achtete Siri auf die Reaktionen seines alten Freundes. Sie waren nicht leicht zu deuten, denn Santiago schien s&#228;mtliche Informationen erst einmal fein s&#228;uberlich in eigens daf&#252;r vorgesehene Schubladen seines Gehirns zu sortieren. Als Dtui fertig war, sah der Kubaner Siri mitleidig an. Er nahm die ewige Zigarette aus dem Mund und lie&#223; seinen Kopf in einer Rauchwolke verschwinden. Dann blitzte so etwas wie Bewunderung auf in seinen Augen, und er fing schallend an zu lachen. Er f&#252;llte ihre Gl&#228;ser nach und klopfte seinen beiden Kollegen auf den R&#252;cken, als sei das die beste Nachricht, die er seit Langem erhalten habe.

Siri war von Neuem zur Unt&#228;tigkeit verdammt, als Santiago seinerseits zu einer Geschichte anhob. Dtui unterbrach ihn mehrmals, um die eine oder andere Frage zu stellen, machte hier ein schockiertes, da ein fasziniertes Gesicht und hob am Ende seufzend die Augenbrauen. Dann herrschte Schweigen.

Was? Was ist?, fragte Siri nerv&#246;s, weil er sich &#252;bergangen f&#252;hlte.

Ach, hallo, Doc. Sie hier?, sagte Dtui l&#228;chelnd. Tut mir leid, aber ich bin todm&#252;de und 

Schwester Chundee Vongheuan, wenn Sie mir nicht auf der Stelle 

Sie kicherte. Kleiner Scherz am Rande, Doc. Keine Panik. Sie trank einen Schluck Whisky, machte es sich auf ihrem Stuhl bequem, so gut es ging, und begann mit Santiagos Geschichte. Jetzt, wo er wei&#223;, was Sie f&#252;r ein sonderbarer Kauz sind, r&#252;ckt der alte Knabe endlich damit heraus, was hier oben wirklich passiert ist. Wie es aussieht, steckte in den beiden Pflegern doch ein wenig mehr, als wir dachten. Er hatte Angst, wenn er Ihnen davon erz&#228;hlt, halten Sie ihn wom&#246;glich f&#252;r verr&#252;ckt, darum freut es ihn umso mehr, dass wir jetzt drei Spinner sind.

Santiago sah Dtui grinsend an, als w&#252;rde er die Geschichte, die er ihr soeben erz&#228;hlt hatte, ein zweites Mal genie&#223;en. Er kippte einen Schluck Whisky wie ein Feuerspucker, der gleich einen m&#228;chtigen Flammenstrahl aussto&#223;en wird.

Wie es scheint, begann Dtui, haben auch die Kubaner Schamanen und enge Verbindungen zur Geisterwelt. Es gibt gro&#223;e Kulte und kleine Kulte. Viele Priester dieser Kulte sind Schwindler und Betr&#252;ger. Aber einige von ihnen sprechen tats&#228;chlich mit den Geistern.

Glaubt Dr. Santiago das im Ernst?, fragte Siri.

Wieder lachte Santiago, als Dtui ihm die Frage &#252;bersetzte.

Ja, er glaubt fest an die Geisterwelt. Er sagt, er habe einfach zu viel gesehen und erlebt, wof&#252;r es keine wissenschaftliche Erkl&#228;rung gibt. Er sagt, wenn Sie m&#246;chten, nimmt er sich gern zwei Wochen Zeit und erkl&#228;rt Ihnen die Riten von Palo und  wie hie&#223; das noch gleich, Santer&#237;a? Sie sah zu Santiago; der nickte. Das muss aber nicht sein, oder?

Nicht unbedingt.

Gut. Dann kommen wir zur Sache: Er hat die beiden Kubaner n&#228;mlich nicht etwa nach Hause geschickt, weil sie mit den M&#228;dchen aus dem Dorf gesch&#228;kert h&#228;tten. Das war nichts weiter als eine Ausrede f&#252;r die Beh&#246;rden in Havanna. Die Gr&#252;nde waren andere. Da er mit ihrer Arbeit sehr zufrieden war, handelte es sich offenbar um etwas Ernstes, sonst h&#228;tte er wohl kaum aus freien St&#252;cken auf zwei erfahrene Assistenten verzichtet.

Sie verstummte.

Und was war der wahre Grund?

Das wollte er mir nicht verraten.

Was?

Er sagt, er will uns morgen fr&#252;h zu ihrer H&#246;hle f&#252;hren, damit wir uns selbst ein Bild machen k&#246;nnen. Frustrierend, nicht?

Und wie.

Kein Schmollen und kein Flehen h&#228;tte den Kubaner zum Einlenken bewegen k&#246;nnen.

Sie leerten ihren Schlummertrunk und zogen sich zu ihren Schlafpl&#228;tzen in den Klassenzimmern der nahe gelegenen Mittelschule zur&#252;ck.

F&#252;r Siri hatte man zwei Steppdecken im Raum der 2. Klasse ausgebreitet. Jemand hatte mit Kreide WILLKOMMEN, BESUCHER an die Tafel geschrieben. Doch als er sich dem Zimmer jetzt n&#228;herte, bemerkte er, dass die T&#252;r offen stand und sonderbare Ger&#228;usche in den Korridor drangen. Pulte wurden verr&#252;ckt. Irgendetwas fiel zu Boden und zerbrach. Ein tiefes Schnauben und Prusten, das unm&#246;glich von einem Menschen stammen konnte. Er wollte eben Hilfe holen, als ihm einfiel, dass er keine Ahnung hatte, wof&#252;r  oder wogegen  er Hilfe brauchte. Er schloss die Finger um das Amulett und marschierte festen Schrittes zur T&#252;r.

Im Schein der kleinen orangefarbenen Kerze, die ihm jemand auf das Lehrerpult gestellt hatte, bot sich ihm ein bizarrer Anblick. F&#252;nf B&#252;ffel dr&#228;ngten sich in dem kleinen Raum und wetteiferten um einen Platz vorn an der Tafel. Ein Tier hatte sich dagegen gelehnt, und jetzt prangte der Schriftzug  wie ein Brandzeichen auf seiner Flanke. Zwei hatten bereits einen Ehrenplatz ergattert und lagen links und rechts von Siris Steppdecke auf dem nackten Lehmfu&#223;boden wie zwei riesige Umarmungskissen. Als er das Klassenzimmer betrat, sahen alle zu ihm auf und l&#228;chelten. Soweit Tiere ohne Vorderz&#228;hne zum L&#228;cheln in der Lage sind.



9

VON SCHWEINEN UND WARZEN 

Langsam schlug Herr Geung die Augen auf. Alles war verschwommen. Die Farben schienen ineinanderzulaufen. Ein Hahnenschrei verriet ihm, dass es Morgen war: Die Sonne warf Lichtf&#228;den aus wie eine Spinne, die das Netz eines neuen Tages baut. Zwar war er zeit seines Lebens bei Sonnenaufgang erwacht, aber noch nie so wie hier und jetzt. Er befand sich, nein, nicht in einem Haus, denn es hatte keine W&#228;nde, aber unter einem Dach. Alle anderen schliefen noch. Er wollte sich aufrichten, doch eine K&#246;rperh&#228;lfte war v&#246;llig steif. Er versp&#252;rte einen dumpfen Schmerz, als habe die ganze Nacht ein schweres Gewicht auf seiner Brust gelastet. Er sah an sich hinunter und stellte fest, dass er Hose und Stiefel anhatte. Sein Oberk&#246;rper hingegen war nackt, bis auf einen langen, schmutzigen rosa Verband, der sich fest um Brust, Hals und Oberarm wand. Vorsichtig betastete er die Bandage, die gestern noch nicht dagewesen war, und fragte sich, wozu sie dienen mochte. Als seine Finger eine Stelle an der rechten Schulter ber&#252;hrten, zuckte er vor Schmerz zusammen. Es musste sich wohl doch um etwas Ernstes handeln. Er konnte sich weder an den Schuss noch an das Blut erinnern; er wusste nur, dass er schnellstm&#246;glich nach Vientiane und ins Leichenschauhaus gelangen musste. Er setzte sich auf.

He, Kum, h&#246;rte er jemanden sagen. Er ist wach.

Einer der M&#228;nner, die unter dem Dach der H&#252;tte ohne W&#228;nde geschlafen hatten, r&#252;hrte sich und robbte neben Geung. Er war braungebrannt, etwa so gro&#223; wie Geung und trug eine Igelfrisur. Ein Patronengurt schlang sich um seine Schulter. Darauf schlief es sich vermutlich furchtbar unbequem, dachte Geung. Die Stimme des Mannes klang l&#228;diert.

Wie f&#252;hlst du dich?

G ganz gut, sagte Geung.

Der Mann kehrte ihm den R&#252;cken zu und rief seinem Kollegen zu: Es geht ihm gut. Er kann sogar sprechen.

Ja. So was solls geben.

Der Igel sprach langsam, als sei Geung nicht von dieser Welt. Ich habe auf dich geschossen. Verstehst du?

Geung betrachtete den rosafarbenen Verband und nickte. Langsam kehrte seine Erinnerung zur&#252;ck.

Es tut mir leid, fuhr der Mann fort. War ein Versehen. Ich dachte, du bist  Nein, Quatsch. Ich hatte keine Ahnung, was du bist. Ich habe einfach abgedr&#252;ckt. Wenn ich gewusst h&#228;tte, dass du  so bist, wie du bist, h&#228;tte ich nie im Leben 

Er muss dir vergeben, sagte sein Kollege. Nach und nach erwachten auch die anderen Schlafenden.

Du musst mir vergeben, sagte der Igel. Ich kann es mir nicht leisten, noch mehr Kredit zu verspielen. Verstehst du? Du k&#246;nntest mein Karma ruinieren. Buddha ist so schon sauer, weil ich mich aufs Stehlen verlegt habe. Er hatte sich langsam, aber sicher damit abgefunden. Dann kamst du daher. Und jetzt stecke ich wieder in der Schei&#223;e. Wenn du mir vergibst, habe ich vielleicht noch eine Chance, wieder ins Plus zu kommen.

Geung verstand kein Wort. We e er sind Sie?, fragte er.

Der Igel setzte sich st&#246;hnend auf. Vergebung hatte ihren Preis. Fr&#252;her war ich Soldat, fl&#252;sterte er. Aber ich k&#228;mpfte auf der falschen Seite. Jetzt bin ich  jetzt sind wir  wie soll ich sagen?  Opportunisten. Schnorrer. Verstehst du? Wir warten auf Transporter und Konvois, die nicht allzu schwer bewacht sind, und fragen die guten Leute, ob sie uns nicht mit ein paar Kip aushelfen k&#246;nnen. Wir lagen im Tal auf der Lauer, als du angeschlichen kamst und mich erschreckt hast. Verstehst du? Ich dachte, du w&#228;rst hinter uns her. Ich wusste ja nicht, dass du  so bist, wie du bist. Ehrenwort.

K kann ich jetzt gehen?

Gehen? Wohin?

Vientiane.

Das ist aber verdammt weit.

Ich habs versprochen.

Also, ich wei&#223; nicht, ob du das durchstehst, Bruder. Auch wenn die Wunde nicht entz&#252;ndet ist. Du hast Schwein gehabt: Die Kugel war nicht besonders gro&#223; und hat deine Schulter glatt durchschlagen. Du hast geschrien wie am Spie&#223;, als wir sie mit Benzin ausgewaschen haben, aber ich glaube, sie ist einigerma&#223;en sauber. Es wird allerdings noch eine Weile wehtun.

K kann ich jetzt g gehen?

Der Igel warf einen Blick &#252;ber die Schulter und rief: Er will gehen.

Dann lass ihn gehen.

Und wenn er unterwegs verreckt?

Nicht dein Problem. Sobald er weg ist, bist du aus dem Schneider.

Warum schl&#228;gst du dir diesen Karma-Schwachsinn nicht endlich aus dem Kopf?, sagte ein anderer. Du bist ein Bandit. Da kannst du das Nirwana so oder so abschreiben.

Nein. Sag so was nicht. Der Igel sah Geung flehentlich an und fragte noch einmal: Vergibst du mir?

Ja.

Wirklich? Danke. Das werde ich dir nie vergessen.

Um seine Dankbarkeit unter Beweis zu stellen, packte der Igel Geung etwas Proviant ein und begleitete ihn ein paar Kilometer. Die Wirkung des Opiums, mit dem sie Geung bet&#228;ubt hatten, lie&#223; allm&#228;hlich nach, und er verzog bei jedem Schritt das Gesicht. Bald bahnten sie sich einen Weg durch dichte Vegetation, wo es von Tieren und Insekten nur so wimmelte. Eidechsen flitzten vor ihnen davon, und Eichh&#246;rnchen entschwanden in sichere H&#246;hen.

Wo ist die St St Stra&#223;e?, fragte Geung.

Stra&#223;e? Du brauchst keine Stra&#223;e. Ich dachte, ihr seid wie die Hunde und folgt einfach eurer Nase.

Geung sah ihn entr&#252;stet an. Ich  ich bin kein Hund.

Jaja. Schon gut.

Ich bin kein Hund. Geung lief vor Wut und Emp&#246;rung rot an.

War nicht so gemeint. Meine G&#252;te. Tut mir leid. Pass auf. Wenn du der Stra&#223;e folgst, ist das ein Umweg von mindestens hundert Kilometern. Verstehst du? Das Ding schl&#228;ngelt sich kreuz und quer durch die Landschaft. Sieh einfach zu, dass dir die Sonne vormittags auf die linke und nachmittags auf die rechte Schulter scheint. Sonst marschierst du am Ende noch im Kreis.

Ich bin kein Hund.

Ich habs kapiert. Hast du mir &#252;berhaupt zugeh&#246;rt?

Ich, &#228;h  nein.

Sie gingen weiter, doch es dauerte noch einmal zwanzig Minuten, bis Geung dem Igel seinen Ausrutscher verzieh. Dass er versehentlich auf ihn geschossen hatte, geschenkt. Aber ihn einen Hund zu nennen, das ging eindeutig zu weit. Inzwischen hatte sein Begleiter sich &#252;berlegt, wie er ihm die Anweisungen am besten verst&#228;ndlich machen konnte. Geungs Proviant steckte in einer Umh&#228;ngetasche aus Stoff mit langem Schulterriemen. Da sich die Schusswunde an seiner rechten Schulter befand, schlang er Geung den Riemen &#252;ber die linke Schulter, sodass die Tasche an seiner rechten H&#252;fte ruhte. Er erkl&#228;rte ihm, die Sonne m&#252;sse ihm morgens den R&#252;cken hinauf- und nachmittags den Bauch wieder hinunterwandern. Er hatte sich dazu ein kleines Liedchen ausgedacht, das sich sogar reimte: Geht die Sonne morgens auf/Rutscht sie mir den Buckel rauf/ Und abends sinkt vom Scheitel/sie mir in den Beutel.

Sie hatten es wohl an die tausend Mal gesungen, als sie am Fu&#223; des Kuang-Si-Wasserfalls eintrafen. Der Igel wusste immer noch nicht recht, ob Geung verstanden hatte, was er ihm begreiflich machen wollte, auch wenn er das Lied inzwischen auswendig kannte. Er f&#252;llte eine Feldflasche mit Wasser aus dem klaren Bach und steckte sie in die Tasche zu dem gestohlenen Proviant und dem kleinen Opiumvorrat, der Geungs Schmerzen lindern sollte, falls sich die Schulter meldete. Er nahm Geung das Versprechen ab, nicht alles Opium auf einmal zu schlucken, worauf Geung emp&#246;rt erwiderte, er sei nicht dumm.

Nein, woher denn, sagte der Igel, machte kehrt und &#252;berlie&#223; Geung sich selbst. Folge einfach dem Fu&#223;weg, sagte er. Zwar glaubte er kaum, dass Geung es nach Vientiane schaffen w&#252;rde, aber das spielte keine Rolle. Die Verdienste, die sich der Bandit erworben hatte, machten dieses kleine Minus spielend wett. Nicht einmal ein Esel war so bl&#246;d, zweihundertf&#252;nfzig Kilometer zu Fu&#223; zur&#252;ckzulegen, noch dazu an einem Tag, der so trocken war wie das Skrotum eines Toten.




Panoy hatte die Nacht gut &#252;berstanden. Ihr Atem ging flach, aber ihr Allgemeinzustand gab Anlass zur Hoffnung. Dtui wagte es sogar, die Kleine f&#252;r eine Stunde allein zu lassen und mit den &#196;rzten in den H&#246;hlenkomplex hin&#252;berzugehen, in dem die Kubaner untergebracht gewesen waren. Auf dem H&#246;hepunkt des Bombardements hatten an die zweihundert Dorfbewohner in dem H&#246;hlensystem Unterschlupf gefunden, das die knapp einen Kilometer entfernt gelegenen Kalksteinfelsen durchzog. Inzwischen diente der vordere Bereich als Lagerraum und besonders in der Regenzeit zur trockenen Aufbewahrung von Futtermitteln. Der Rest war verlassen.

Auf dem Weg zu den H&#246;hlen erz&#228;hlte Santiago der jungen Krankenschwester von dem Durchhalteverm&#246;gen der Einheimischen, die massiven Milit&#228;rschl&#228;gen widerstanden und selbst w&#228;hrend der Luftangriffe stets ein L&#228;cheln auf den Lippen gehabt hatten. Schmunzelnd erz&#228;hlte er ihr, der amerikanische Au&#223;enminister habe Vietnam zu Beginn des Konflikts als Schwein bezeichnet und hinzugesetzt, Laos sei nichts weiter als eine Warze am Hinterteil besagten Borstentiers. Und wie viel &#196;rger hat diese kleine Warze den gro&#223;en Americanos doch bereitet.

Vor dem H&#246;hleneingang machte Santiago sie mit dem Sheraton bekannt. Es stand sogar in Kreide auf einem kleinen Felsvorsprung: SHERATON DE LAOS. In der Empfangshalle, einer gro&#223;en, hohen H&#246;hle, in der die meisten Einheimischen Zuflucht gefunden hatten, setzten sie ihre Stirnlampen auf. Santiago f&#252;hrte sie in einen kleineren Raum, der das kubanische Kontingent beherbergt hatte. Er stand leer, und abgesehen von dem einen oder anderen in die Wand geritzten Kalender erinnerten weder Plakate noch andere &#220;berbleibsel an damals.

Auch Santiago hatte w&#228;hrend seiner Zeit im Lazarett hier gehaust. Obgleich es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von Vietnamesen und Kubanern handelte, bewohnten die Vietnamesen eine eigene H&#246;hle und mieden den Umgang mit den Kubanern. Dort war Santiago dem Genossen Lit das erste Mal begegnet und prompt mit ihm aneinandergeraten. Vor seiner Ernennung zum Leiter der Bezirksstaatssicherheit hatte Lit die vietnamesischen Ingenieure betreut und &#252;berwacht. Obwohl die Kubaner &#252;ber handwerkliches Geschick und umfassende Kenntnisse verf&#252;gten, behandelte Lit sie wie Provinzt&#246;lpel, die bestenfalls f&#252;r Zuarbeiten taugten. Als seine Vorgesetzten Lit mitteilten, dass er seine Befehle ab sofort von Dr. Santiago entgegennehmen werde, der noch dazu zum Leiter des Projekts berufen worden sei, verlor Lit das Gesicht. Santiago war &#252;berzeugt, dass Lit ihm das bis heute nicht verziehen hatte.

Da Dtui ihm nur schwer folgen konnte, erkl&#228;rte Santiago sich bereit, sowohl seine Ausdrucksweise als auch seine Erkl&#228;rungen m&#246;glichst schlicht zu halten. Er erz&#228;hlte ihnen, dass er die stets gut gelaunten negritos anfangs f&#252;r freundlich und umg&#228;nglich gehalten habe. Sie schufteten schwer und leisteten hervorragende Arbeit. Doch dann wurden unter seinen Leuten pl&#246;tzlich Ger&#252;chte laut, &#252;ble Ger&#252;chte. Wie in Haiti praktizierte man auch in seiner Heimat schwarze Magie, eine Tradition, die bis nach Afrika zur&#252;ckreichte. In Haiti nannte man sie Voudoun, in Kuba Palo Mayombe. Die Kubaner glaubten fest daran, dass sich mit Hilfe der Palo-Wundermittel jede Krankheit heilen lie&#223;. So konnten sie nicht nur eine Geliebte becircen, sondern auch H&#228;ssliches in Sch&#246;nes verwandeln. Leider habe letztere Methode bei ihm keinerlei Wirkung gezeitigt, scherzte Dr. Santiago.

Die Palo-Praktiken waren im Allgemeinen harmlos. Viele Kubaner machten davon Gebrauch, ebenso wie der Durchschnittslaote gelegentlich ein Horoskop las. Manche suchten Schamanen auf, um sich Rat zu holen oder auch einfach nur um ein wenig zu plaudern. Einige ber&#252;hmte Palo-Mayombe-Schamanen konnten angeblich Wunder vollbringen. Die meisten leisteten lediglich Nachbarschaftshilfe. Doch es gab einen kleinen Kult, einen Ableger von Palo, der ungleich finsterere Ziele verfolgte. Er nannte sich Endoke, nach dem B&#246;sesten aller Wesen, und versuchte die Geister durch Opferungen und Blutvergie&#223;en zu beschw&#246;ren. Santiago kannte nicht wenige Patienten, denen Endoke eher geschadet als geholfen hatte.

Sie standen inmitten einer unheimlichen H&#246;hle, und allein die Lichtstrahlen ihrer Stirnlampen durchdrangen das Dunkel. Das Ger&#228;usch tropfenden Wassers hallte von den W&#228;nden wider, und allm&#228;hlich beschlich Dtui bei Santiagos Worten ein mulmiges Gef&#252;hl.

Kurz und gut, fasste Siri zusammen, die beiden M&#228;nner, Odon und Isandro, waren den Ger&#252;chten zufolge Anh&#228;nger dieses Endoke-Kults.

Dr. Santiago nickte. Zun&#228;chst hatte er nichts dagegen unternommen: Er wusste, dass sich die Kubaner, genau wie die Laoten oder Vietnamesen, gern Geschichten ausdachten, um ihre Freunde am Lagerfeuer zu unterhalten oder ihre Kinder am Davonlaufen zu hindern. Doch eines Tages kam eine Krankenschwester zu Dr. Santiago und f&#252;hrte ihn tief in den Berg, in dem sie sich jetzt befanden. Er bat Siri und Dtui, ihm zu folgen, und marschierte furchtlos in die Dunkelheit hinein.

Die H&#246;hlen, die den Karst durchzogen, wurden mit jedem Schritt schmaler. Dtui blickte hilfesuchend zu Siri. Vor wenigen Monaten erst hatten die Ermittlungen in einem entsetzlichen Mordfall die beiden in Tunnels wie diese gef&#252;hrt. Wer einen halbwegs klaren Verstand sein Eigen nannte, h&#228;tte solch finstere G&#228;nge wohl kaum betreten, bevor dieses Trauma &#252;berwunden war. Siri blieb stehen und sah Dtui an. F&#252;hlen Sie sich dem gewachsen?

Sie kennen mich doch, Doc. F&#252;r einen guten Lacher bin ich immer zu haben, lautete ihre wenig &#252;berzeugende Antwort. Sie eilten Dr. Santiago hinterdrein; Siri bildete das Schlusslicht. Zum Gl&#252;ck brauchten sie nicht allzu tief ins Berginnere vorzudringen. Santiago schien sich in den H&#246;hlen auszukennen, und bald hatten sie ihr Ziel erreicht.

Der Kubaner blieb stehen, trat einen Schritt zur&#252;ck und lie&#223; den Lichtstrahl f&#252;r sich sprechen. Der Gang endete an einem nat&#252;rlichen Altar mit einem schmalen Sims. Unleserliche Symbole waren mit Kreide an die Wand geschrieben und mit einem Zierrahmen aus Lehm versehen worden. Siri trat n&#228;her und richtete seine Lampe auf das Sims. Er beugte sich vor und schnupperte an dem dunklen Fleck, der die Platte bedeckte und sich in zwei parallel verlaufenden Rinnsalen bis &#252;ber die Kante zog.

Santiago best&#228;tigte seinen Verdacht: Es handele sich um Blut, und dies sei ein Opferaltar. Als er ihn das erste Mal gesehen habe, h&#228;tten sich weitere Gegenst&#228;nde hier befunden, unter anderem ein Kessel, doch inzwischen habe sie wohl jemand fortgeschafft.

Dtui zog die Nase kraus. Zum Gl&#252;ck ist das Sims zu schmal, um einen Menschen darauf zu opfern.

Der gemeine Endoke-Zauber, erkl&#228;rte Santiago, erfordere lediglich H&#252;hner- und Schweineblut.

Also haben Isandro und Odon zwar Tiere gequ&#228;lt und den Lebensmittelvorrat gepl&#252;ndert, meinte Dtui, waren ansonsten aber ungef&#228;hrlich.

Als sie dem Kubaner ihre Bemerkung &#252;bersetzte, geriet der in Rage. Er nahm Dtuis Hand und erkl&#228;rte ihr, warum die beiden durchaus gef&#228;hrlich waren. Das Blut der Opfertiere sollte die b&#246;sen Geister beschw&#246;ren, den Rachedurst der Kubaner zu stillen. Endoke war eine Magie der Vergeltung. Wer einem Mann die Frau ausspannte, den belegte er mit einem Fluch. Wer den Bruder eines Mannes umbrachte, dem w&#252;nschte er Qualen an den Hals, die schlimmer waren als der Tod. Deshalb durfte man unter keinen Umst&#228;nden den Zorn eines Endoke-Priesters erregen.

Dtui hatte Santiago eben gefragt, ob er tats&#228;chlich glaube, dass die beiden M&#228;nner &#252;ber derartige F&#228;higkeiten verf&#252;gten, als sie aus den Augenwinkeln bemerkte, wie Siri das Amulett unter seinem Hemd umfasste und mit besorgter Miene in den d&#252;steren Tunnel starrte. W&#228;hrenddessen lie&#223; Santiago den Blick ein weiteres Mal &#252;ber den Altar schweifen und erkl&#228;rte ihr, dass die Male, die sie an ihrer Mumie entdeckt hatte, als die Kratzer bezeichnet wurden und denen, die diese Magie praktizierten, als Erkennungszeichen dienten. Nach der Entdeckung des Altars habe er die beiden in sein B&#252;ro zitiert und sie aufgefordert, ihr Hemd auszuziehen, worauf ihre rituellen Narben zum Vorschein gekommen seien. Da habe er 

Wie viele?, fragte Siri. Er hatte seine Stirnlampe abgesetzt und sp&#228;hte mit zusammengekniffenen Augen in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Dtui machte sich gar nicht erst die M&#252;he, die Frage zu &#252;bersetzen. Drei auf jeder Seite, Doc. Werden Sie langsam vergesslich? Ich habe Ihnen doch  Pl&#246;tzlich wurde ihr klar, dass die Frage nicht an sie gerichtet war. Siri hatte ihnen &#252;berhaupt nicht zugeh&#246;rt. Sie richtete ihre Lampe in den leeren Tunnel. Das Licht schien Siri aus einer Trance zu rei&#223;en.

Einer von ihnen ist auf dem Weg hierher, sagte er zu Dtui.

Wen meinen Sie mit ihnen?

Die Geister der negritos.

Sie h&#228;tte auf die &#220;bersetzung gern verzichtet, aber das war sie Santiago schuldig. Die Nachricht schien den alten Arzt noch st&#228;rker zu beunruhigen als sie. Er presste sich r&#252;cklings gegen den Altar, und seine olivschwarzen Augen schnellten nerv&#246;s hin und her.

Und was sollen wir jetzt tun?, fl&#252;sterte Dtui.

Nichts, antwortete Siri, der noch immer in den leeren Tunnel starrte. Sie sagt, wir brauchen uns keine Sorgen zu machen.

Dtui wollte lieber gar nicht wissen, wer sie war. Sie klammerte sich an Siris Arm und hielt den Atem an. Hinter ihr murmelte der Kubaner halblaut vor sich hin. Sie drehte den Kopf hin und her, ohne Erfolg. Au&#223;er Siri konnte den ungebetenen Besucher niemand sehen.

Er war nackt und schwarz wie die Nacht. Seine Gesichtsz&#252;ge schienen nicht recht zusammenzupassen. Ungest&#252;m st&#252;rzte er auf Siri zu und baute sich vor ihm auf. Obwohl es sich vermutlich um den kleineren der beiden Kubaner handelte, musste Siri den Kopf in den Nacken legen, um in die leeren, ausdruckslosen Augen des Mannes sehen zu k&#246;nnen. Und so standen sie da und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Der Schwarze verlor allm&#228;hlich die Geduld und wurde w&#252;tend. Er blickte Siri &#252;ber die Schulter und starrte mit unverhohlenem Zorn auf Dtui. Er bleckte die Z&#228;hne und hob die Faust, als wolle er sie schlagen.

Dtui, treten Sie zur&#252;ck. Stellen Sie sich neben Santiago, rief Siri.

Sie gehorchte, obwohl sie beim besten Willen keinen Geist sehen konnte. Siri reckte den Hals und breitete die Arme aus. Er ballte die F&#228;uste und fing kaum merklich an zu zittern. Das Zittern wurde immer st&#228;rker und erinnerte Dtui an das lautlose Vibrieren eines Lastwagenmotors. Als sie und Santiago sahen, wie heftig Siri zitterte, wussten sie, dass eine fremde Kraft im Spiel war. Da sie um seine Sicherheit f&#252;rchtete, schlang Dtui von hinten die Arme um den Doktor. Aber sosehr sie sich auch anstrengte, sie konnte ihn nicht zur Ruhe bringen.

Da pl&#246;tzlich erschlaffte er in ihren Armen, und sie lie&#223; ihn zu Boden sinken. Einige Sekunden lang war alles still und stumm. Dtui hielt Siri die Hand vor den Mund, sp&#252;rte aber keinen Atem. Da schlug er, ebenso pl&#246;tzlich wie er zusammengebrochen war, die Augen auf und l&#228;chelte sie freundlich an.

Schwester Dtui, ich w&#252;rde es sehr begr&#252;&#223;en, wenn Sie dem Drang, sich mir an den Hals zu werfen, k&#252;nftig widerstehen k&#246;nnten.

Ich habe nun mal eine Schw&#228;che f&#252;r bibbernde M&#228;nner, sagte sie. Santiago war kreidebleich; er trat zu ihnen, um seinen alten Freund zu untersuchen. Er f&#252;hlte erst Siri und dann sich den Puls. Siri sah aus, als ob er sich gepr&#252;gelt h&#228;tte. Sein Gesicht war mit r&#228;tselhaften blauen Flecken &#252;bers&#228;t, die sich scharf gegen seine leichenblasse Haut abhoben. Dann kehrte seine Kraft nach und nach zur&#252;ck, und die blauen Flecken verschwanden vor ihren Augen.

Das nenne ich eine wundersame Genesung. Offenbar ist doch noch nicht aller Tage Abend, Dr. Siri, sagte sie.

Das alles tut mir aufrichtig leid.

Sie haben etwas gesehen, nicht?

Ja, in der Tat.

Was hat es gesagt?

Nichts.

Aber es hat etwas mit Ihnen angestellt.

Dtui, ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich habe das dumpfe Gef&#252;hl, dass einer unserer kubanischen Freunde sich in mir h&#228;uslich eingerichtet hat.

Das &#252;bersetzte sie wohlweislich nicht.




Drei Dinge hatte der Igel unerw&#228;hnt gelassen, als er Herrn Geung auf direktem Wege nach Vientiane geschickt hatte. Erstens, dass die Stra&#223;e diesen gewaltigen Schlenker nur machte, um die Ausl&#228;ufer der Kuang-Si-Berge zu umgehen, von denen einige selbst f&#252;r Ziegen zu steil waren. Kaum hatte Geung einen von ihnen schnaufend und &#228;chzend bezwungen, ragte auch schon der n&#228;chste vor ihm auf.

Ferner hatte der Igel ihm nicht gesagt, was er tun sollte, wenn der Himmel bedeckt war, da Geung sich am Lauf der Sonne orientierte. Anfangs machte er einfach Rast, lie&#223; sich nieder und wartete, bis die Wolke sich verzogen hatte. Doch je h&#246;her er kletterte, desto dichter wurden die Wolken, und die Sonne lie&#223; sich immer seltener blicken. Folglich wurden auch die Wartezeiten immer l&#228;nger, bis er gegen drei Uhr nachmittags schlie&#223;lich festsa&#223;. Er befand sich in einer Zwickm&#252;hle. Er wusste, dass er weitergehen musste, aber nicht, in welche Richtung. Die H&#252;gel sahen alle gleich aus. Und er hatte keinen Schimmer, welchen von ihnen er soeben &#252;berquert hatte. Es gab nichts, woran er sich h&#228;tte orientieren k&#246;nnen. Die B&#228;ume sahen alle gleich aus.

Aber all das war ein Klacks gegen Punkt drei. Denn trotz der eifrigen Bem&#252;hungen von allerlei hungrigen Dorfbewohnern, Drogenschmugglern und Pelz- oder Organh&#228;ndlern wimmelte es in diesen H&#252;geln nach wie vor von wilden Tieren. W&#228;ren sie ihm &#252;ber den Weg gelaufen, h&#228;tten die meisten vor Herrn Geung vermutlich gr&#246;&#223;ere Angst gehabt als er vor ihnen. Doch ein Tigerweibchen, das ihm seit dem Wasserfall nachstellte, hatte keine Angst. Sie musste ihre Jungen durchf&#252;ttern, und ihre Suche nach Beute war erfolglos geblieben. Der Mensch, den sie verfolgte, hatte reichlich saftiges Fleisch auf den Rippen und steuerte geradewegs auf ihr Versteck zu. Ganz so als ob sie ihn sich aufs Zimmer bestellt h&#228;tte und er nun an ihre T&#252;re klopfen w&#252;rde.



10

MILLIONEN SPINNEN K&#214;NNEN NICHT IRREN 

Siri kehrte ins G&#228;stehaus Nr. 1 zur&#252;ck. Santiago setzte ihn dort ab und &#252;bersch&#252;ttete ihn wie &#252;blich mit Worten, die Siri nicht verstand. Siri antwortete gleicherma&#223;en unverst&#228;ndlich, und sie trennten sich mit einem freundschaftlichen H&#228;ndedruck und schallendem Gel&#228;chter.

Bei Kilometer 8 hatte der Kubaner Dtui und dem Doktor zwingende Indizien daf&#252;r pr&#228;sentiert, dass Isandro und Odon sich als Hobbymagier bet&#228;tigt hatten. Die Beweislage war erdr&#252;ckend. In zwei F&#228;llen lie&#223; sich beim besten Willen keine andere Erkl&#228;rung finden. Der erste betraf eine Vietnamesin, die mit den vietnamesischen Ingenieuren nach Vieng Xai gekommen war. Sie kochte f&#252;r sie und erledigte ihre W&#228;sche. Wie sich bald herausstellte, war sie eine unverbesserliche Rassistin. In ihren Augen standen Schwarze auf der Evolutionsleiter gerade einmal eine Sprosse h&#246;her als Primaten, und mit diesen Ansichten hielt sie nicht hinterm Berg. Immer, wenn sie den beiden Kubanern auf dem Krankenhausgel&#228;nde begegnete, beschimpfte sie die M&#228;nner lauthals und mit stolzgeschwellter Brust als Affen. Da sie die beiden f&#252;r zu dumm hielt, ihre Sprache zu verstehen, begleitete sie ihre Schm&#228;hungen mit eindeutigen Gesten.

Sie war eine wenig attraktive Frau von abscheulichem Charakter, doch einsame M&#228;nner in einem fremden Land haben die unselige Neigung, derlei Schw&#228;chen geflissentlich zu &#252;bersehen. Und so begab es sich, dass die Frau schwanger wurde. Sie verk&#252;ndete, das Wunder der unbefleckten Empf&#228;ngnis sei ihr widerfahren, und da sich keiner der M&#228;nner freiwillig zu seiner Vaterschaft bekannte, glaubten die Einheimischen ihr die Geschichte. Sie wussten, dass ihr das Gelegenheit gab, einen liebestollen Soldaten &#252;bers Ohr zu hauen und zur Heirat zu zwingen. Trotzdem schwor sie bis zuletzt, sie sei noch Jungfrau.

An dem Morgen, als sie ins Krankenhaus gebracht wurde, war Santiago nicht zugegen. Sie war im siebten Monat, und etwas F&#252;rchterliches musste geschehen sein. Der junge laotische Chirurg, der in jener Nacht Dienst tat, glaubte die Blutung nur stillen zu k&#246;nnen, indem er den F&#246;tus entfernte. Die Entscheidung lag bei ihm, und niemand zweifelte an seinem Urteil. Aber die Frau starb auf dem OP-Tisch. Der laotische Arzt war untr&#246;stlich. Als Santiago vormittags zum Dienst erschien, war der junge Mann volltrunken und redete wirres Zeug. Der alte Arzt versuchte ihn zu beruhigen, ohne Erfolg. Ihm wurde klar, dass es hier um weitaus mehr ging als um die blo&#223;e Trauer eines Arztes, der einen Patienten verloren hatte. Da musste etwas anderes dahinterstecken. Santiago sprach mit der Oberschwester. Sie sagte, der Chirurg habe sie aus dem OP-Saal geschickt, bevor sie einen Blick auf den F&#246;tus habe werfen k&#246;nnen. Dann habe er ihn eigenh&#228;ndig in die Totenh&#246;hle gebracht, wo er noch am selben Abend einge&#228;schert werden sollte. Santiago war von der Geschichte so fasziniert, dass er zur H&#246;hle hinaufstieg, wo er einen kleinen Leinensack fand, in dem er das Kind der Vietnamesin vermutete. Doch was er darin entdeckte, war nicht menschlich. Der Sack enthielt den unfertigen F&#246;tus eines Affen.

Sowohl Siri als auch Dtui hielten dieses Schauerm&#228;rchen f&#252;r frei erfunden, doch der Erz&#228;hler schien glaubw&#252;rdig und noch dazu erstaunlich ruhig. Seine zweite Geschichte war nicht minder seltsam. Ein Parteikader aus Havanna war eigens angereist, um sich von der korrekten Verwendung kubanischer Hilfsgelder bei einem der wenigen humanit&#228;ren &#220;berseeprojekte seines Landes zu &#252;berzeugen. Er wollte eine Woche bleiben, die B&#252;cher pr&#252;fen und danach die Heimreise antreten. Eigentlich nichts Besonderes, doch der Kubaner war ein aufmerksamer Mann und kannte sich mit den Palo-Br&#228;uchen recht gut aus. Gleichwohl war er der Kommunistischen Partei Kubas verpflichtet und hatte keine Lust, seine Zeit mit Magie zu vert&#228;ndeln. Die Partei hatte ihm beigebracht, der Schamanismus sei weiter nichts als Opium f&#252;r das Volk, das besser daran t&#228;te, sich am Sozialismus zu berauschen.

In Vieng Xai hatte der Buchhalter etwas gesehen, das ihn mit gro&#223;er Sorge erf&#252;llte, weshalb er beschloss, Santiago darauf anzusprechen. Sie verabredeten sich f&#252;r acht Uhr abends. Eine Stunde vor dieser Zeit erschien Isandro in Santiagos B&#252;ro und erkl&#228;rte ihm, der Rechnungspr&#252;fer sei urpl&#246;tzlich schwer erkrankt, er halte sich den Hals und k&#246;nne nicht sprechen. Der Direktor eilte ans Bett des Mannes und sah sofort, dass er Todesqualen litt. Sie schafften ihn sogleich in den OP-Saal, wo Santiago einen Luftr&#246;hrenschnitt durchf&#252;hrte. Da es keine Anzeichen f&#252;r eine Krankheit oder eine Verletzung der Atemwege gab, musste die akute Atemnot des Mannes von starken Schmerzen herr&#252;hren. Nach einigen weiteren Explorationsschnitten hatte Santiago die Ursache gefunden. Die Epiglottis des Kubaners hatte sich in Holz verwandelt  genauer gesagt, in eine harte Substanz, die dem Kern eines kleinen Pfirsichs &#228;hnelte. Dem Chirurgen blieb nichts anderes &#252;brig, als sie zu entfernen. Sie versetzten den Buchhalter in ein Tiefkoma und schickten ihn zur&#252;ck nach Havanna. Als sie seine Sachen zusammenpackten, um sie ihm nachzuschicken, fanden sie in seiner Tasche einen Zettel. Darauf standen die Namen der beiden Pfleger, neben die der Mann verschiedene Endoke-Symbole gekritzelt hatte.

W&#228;hrend die Geschichte vom Affenf&#246;tus aus zweiter Hand stammte und bis zu einem gewissen Grad aus Spekulationen und Mutma&#223;ungen bestand, hatte Santiago diese bizarre Erscheinung mit eigenen Augen gesehen. Bald darauf hatte er den Altar entdeckt, Isandro und Odon zur Rede gestellt und sie nach Kuba zur&#252;ckbeordert.

Siri wollte wissen, warum Santiago keine Angst vor Vergeltung gehabt habe, wo die beiden M&#228;nner doch angeblich &#252;ber so ungeheure F&#228;higkeiten verf&#252;gten. Der Kubaner verzog den Mund zu einem breiten Grinsen und kn&#246;pfte sich langsam das Hemd auf. Siri und Dtui staunten nicht schlecht. Unz&#228;hlige Talismane baumelten wie die Amtskette eines B&#252;rgermeisters auf seiner Brust. Vor ihnen sa&#223; ein angesehener Wissenschaftler, der mit einem Kranz aus Talismanen, getrockneten Bl&#252;ten, Metallkl&#252;mpchen, diversen Z&#228;hnen und sorgsam platzierten Knoten beh&#228;ngt war. Es war ein Wunder, dass er bei dem Gewicht &#252;berhaupt aufrecht stehen konnte. Siris einsamer wei&#223;er Talisman konnte da nicht mithalten. Santiago bekannte sich offen und ehrlich zu seiner Angst vor den beiden Endoke-Priestern. Siri fand es irgendwie tr&#246;stlich, dass er nicht der einzige Gelehrte war, der auf Magie zur&#252;ckgreifen musste, um am Leben zu bleiben.

Siri ging nach oben auf sein Zimmer und zog sich aus, um zu duschen. Seit seinem Erlebnis am Altar hatte er ein komisches Gef&#252;hl. Seltsame Gel&#252;ste regten sich in ihm. Normalerweise entledigte er sich nur ungern seiner Kleidung, aber heute versp&#252;rte er das sonderbare Verlangen, sich im Schrankspiegel zu betrachten, was er jahrelang tunlichst vermieden hatte. Er war kein Adonis. Und taugte auch nicht als Modell f&#252;r eine Statue. Doch aus irgendeinem Grunde erf&#252;llte der Anblick seines drahtigen K&#246;rpers ihn mit Stolz. Mit gef&#228;rbten Haaren h&#228;tte er glatt als f&#252;nfundsechzig, ach was: sechzig durchgehen k&#246;nnen. Er wirkte kr&#228;ftig und, ja, m&#228;nnlich. Heute hatte er aus irgendeinem Grunde das Gef&#252;hl, mit blo&#223;en F&#228;usten Kokosn&#252;sse, wenn nicht gar Steine spalten zu k&#246;nnen.

Er lie&#223; seine graue Unterhose aus PL-Best&#228;nden zu Boden sinken und stolzierte, aufrecht und splitterfasernackt, im Zimmer auf und ab. Er lie&#223; seinen Penis hin und her baumeln, spannte seinen Bizeps, fletschte die Z&#228;hne im 

Noch Tee? Die K&#252;chenfrau stand in der T&#252;r. Er hatte sie nicht kommen h&#246;ren. Sie hielt eine frische Thermoskanne in der Hand und musterte ihn mitleidig von Kopf bis Fu&#223;, wie einen Demenzkranken, der seine Hose verlegt hat. Alles in Ordnung, Onkel?

Siri riss die Steppdecke vom Extrabett und schlang sie um seinen nackten K&#246;rper. Mir fehlt nichts. Vielen Dank.

Eine Stunde sp&#228;ter war er  anst&#228;ndig gekleidet, aber nicht minder besch&#228;mt  zur&#252;ck im Haus des Pr&#228;sidenten. Wieder beugte er sich &#252;ber die Mumie. Er hatte sich noch nie so oft mit ein und derselben Leiche befasst, doch je mehr er &#252;ber sie in Erfahrung brachte, desto r&#228;stelhafter schien sie zu werden. Zweierlei machte Siri nach wie vor Sorgen. Wenn die beiden Kubaner tats&#228;chlich nach Hause geflogen waren, was hatte Odon dann einen Monat sp&#228;ter in der Pr&#228;sidentenh&#246;hle gesucht? Und wenn er tats&#228;chlich brutal misshandelt und in Zement ertr&#228;nkt worden war, warum hatte er sich dann so sehr an einen Schl&#252;ssel geklammert, statt sich mit beiden H&#228;nden zur Wehr zu setzen?

Siri fischte den Schl&#252;ssel aus der Hosentasche und trat hinaus auf den Balkon des neuen Hauses. Erst genoss er den grandiosen Blick &#252;ber das Tal. Dann ging er in den Garten, reckte den Hals und sah zum Karstgipfel hinauf. Von dort oben war der Felsblock herabgest&#252;rzt, der zum Fund der Leiche gef&#252;hrt hatte. Komisch, dass er zehn Tage vor dem Konzert ausgerechnet dort gelandet war. Er n&#228;herte sich dem schmalen Weg, der zu der alten H&#246;hle hinauff&#252;hrte. Der Aufschlagpunkt befand sich genau auf halber Strecke zwischen Haus und H&#246;hleneingang. Was hast du dort gemacht, Se&#241;or?

Nachdem die H&#228;user der fr&#252;heren H&#246;hlenbewohner fertig gestellt und ihre Akten und pers&#246;nlichen Habseligkeiten dorthin verbracht worden waren, hatten die ranghohen Kader keinerlei Veranlassung mehr, in die H&#246;hlen zur&#252;ckzukehren. Ebenso gut h&#228;tte der Graf von Monte Christo dem Ch&#226;teau dIf einen Besuch abstatten k&#246;nnen, um sich der gl&#252;cklichen Zeiten zu erinnern, die er dort hatte verbringen d&#252;rfen. Also waren die H&#246;hlen versiegelt worden, um Tiere fernzuhalten und sie als historische Sehensw&#252;rdigkeiten zu bewahren. Gab es einen besseren Ort als diesen?, &#252;berlegte Siri. Gab es ein geeigneteres Versteck als die leer stehende Pr&#228;sidentenh&#246;hle?

Er folgte dem Betonweg, machte einen kleinen Bogen um die Bruchstelle und stand vor dem H&#246;hleneingang. Eine richtige T&#252;r in einem rechteckigen Rahmen war in die Felswand eingelassen. Da Siri von jeher zum Absurden neigte, stellte er sich vor, wie er die Klingel dr&#252;ckte, durch den Briefschlitz sp&#228;hte und die F&#252;&#223;e an einer Eselshaarmatte abstreifte. Doch die T&#252;r war verrammelt und verschlossen, und um sie aufzubrechen, h&#228;tte es schon einer kleinen Brigade hartn&#228;ckiger Feuerwehrleute bedurft. Er lie&#223; die T&#252;r links liegen und kletterte ein St&#252;ck bergauf, aber der Pfad endete schon nach wenigen Metern in einer Sackgasse. Auf dem Weg nach unten kam er ein zweites Mal an der T&#252;r vorbei, umrundete einen kleinen Felsausl&#228;ufer und stand vor einer Art Hintert&#252;r.

Auf den ersten Blick schien auch sie verrammelt und verschlossen. Ein Nachtw&#228;chter h&#228;tte bei fl&#252;chtiger &#220;berpr&#252;fung wohl nichts Verd&#228;chtiges festgestellt. Siri inspizierte die Bretter, die quer &#252;ber das T&#252;rblatt genagelt waren. Eine dicke Eisenkette mit Vorh&#228;ngeschloss schlang sich durch zwei B&#252;gel, die den Rahmen mit der T&#252;r verbanden. Sie wirkte stabil. Er trat einen Schritt zur&#252;ck und starrte sie an. Als er des R&#228;tsels L&#246;sung gefunden hatte, huschte ein L&#228;cheln &#252;ber sein Gesicht. Das Ganze war eine geschickte optische T&#228;uschung. Er umfasste den Griff und zog daran. Die ge&#246;lten Scharniere &#246;ffneten sich, und die T&#252;r schwang auf, samt Brettern, Rahmen und Eisenkette.

Bevor er hineinging, kramte Siri die Taschenlampe aus seiner Umh&#228;ngetasche. Er hielt kurz inne, um die raffinierte Attrappe zu bewundern, und lie&#223; sie dann lautlos hinter sich ins Schloss fallen. Die PL-H&#246;hlen waren teils nat&#252;rlich, teils von Menschenhand geschaffen. Wo es keine Felsnischen gab, dienten Sperrholzverschl&#228;ge als Zimmer, sodass man sich vorkam wie in einem engen, kleinen Motel. In jeder H&#246;hle gab es einen luftdichten Raum mit Schutzt&#252;ren f&#252;r den Fall eines Chemiewaffenangriffs. Aus irgendeinem Grunde  und sei es, weil die Amerikaner tats&#228;chlich nicht gewusst hatten, wo sie steckten  waren die Pathet Lao in den H&#246;hlen von Vieng Xai von solch gemeinen Attacken verschont geblieben.

Er folgte dem Lichtstrahl seiner Taschenlampe durch die Steinzeitwohnung. Er war nur ein einziges Mal hierherzitiert worden, um einen erkrankten Sohn des Pr&#228;sidenten zu behandeln. Damals war die H&#246;hle wohnlich eingerichtet gewesen, mit Bildern, Teppichen und Nippes. Mit ein wenig Generatorlicht und Fantasie h&#228;tte man meinen k&#246;nnen, man befinde sich in einem Bungalow am Schwarzen Meer. Jetzt war es weiter nichts als eine H&#246;hle. Siri &#246;ffnete die letzte T&#252;r zu einem Nebenraum des alten Konferenzsaals, der vermutlich ebenso leer war wie die anderen Zimmer, als die T&#252;r zu seinem Erstaunen gegen ein Hindernis stie&#223;. Er leuchtete mit der Taschenlampe durch den Spalt und sah hinein. Der Raum war bis unter die Decke mit allerlei Gegenst&#228;nden vollgestopft, wie der geheime Vorratsspeicher einer Elster.

Er ahnte, worauf er gesto&#223;en war. Hier hatte Odon nach seiner R&#252;ckkehr aus Hanoi gewohnt. Siri stellte sich vor, wie er hier gehaust hatte, unter den wachsamen Augen der LVBA. Auf dem steinernen Feuerrost direkt unter dem L&#252;ftungsschacht stand ein ru&#223;geschw&#228;rzter Topf. Ein Lager aus Stroh hatte ihm als Bett gedient. Ein gr&#252;ner Plastikeimer ohne Griff enthielt Trinkwasser, und an der Wand stand das einzige M&#246;belst&#252;ck im Raum: ein hoher Kleiderschrank aus Holz. Noch bevor Siri sich ihm n&#228;herte und an der T&#252;r zog, wusste er, dass sie verschlossen war und der Schl&#252;ssel in seiner Hand sie &#246;ffnen w&#252;rde. Trotzdem zerrte er erst einmal am T&#252;rgriff, als er im Innern ein Ger&#228;usch zu h&#246;ren glaubte. Der Schl&#252;ssel passte, und die T&#252;r schwang auf. Obwohl der Schrank auf den ersten Blick leer zu sein schien, schoss etwas blitzschnell aus der Dunkelheit hervor und verfehlte sein Ohr nur um Haaresbreite. Er war zu langsam, um es mit dem Lichtstrahl der Taschenlampe zu verfolgen, aber er hatte das leise Fl&#252;gelschlagen wenn schon nicht geh&#246;rt, so doch deutlich gesp&#252;rt. Vermutlich eine Fledermaus, aber das lie&#223; sich nicht mit Gewissheit sagen, denn sie war schon aus dem Zimmer. Er sah noch einmal in den Schrank  ein einfaches Rechteck mit einem Ablagefach und einer Garderobenstange. Das war alles  keine Kleider, nichts. Nicht einmal ein Spiegel an der T&#252;rinnenseite. Er fragte sich, weshalb jemand einen leeren Schrank verschloss und den Schl&#252;ssel nicht einmal im Angesicht des Todes aus der Hand gab.

Siri tastete s&#228;mtliche Ritzen und Winkel des alten Schrankes ab, um das Loch oder den Spalt zu finden, durch den die Fledermaus eingedrungen war. Doch seine Suche blieb erfolglos, und so begann er noch einmal von vorn, etwas gr&#252;ndlicher diesmal. Er dr&#252;ckte von innen gegen die W&#228;nde, in der Hoffnung, dass sie nachgeben w&#252;rden. Er klopfte das massive Teakholz systematisch ab, trat einen Schritt zur&#252;ck und kratzte sich am Kopf. Nichts. Die Fledermaus konnte unm&#246;glich von au&#223;en in den Schrank gelangt sein. Unter keinen Umst&#228;nden. Aber das verstie&#223; gegen s&#228;mtliche Regeln der Logik. Der Schl&#252;ssel stammte aus der Hand eines Mannes, der f&#252;nf Monate zuvor in Zement gegossen worden war. In dieser Zeit h&#228;tte die Fledermaus Berge von Futter ben&#246;tigt. Doch selbst wenn der Schrank mit Futter vollgestopft gewesen w&#228;re, h&#228;tte sie im Laufe von f&#252;nf Monaten Unmengen von Schei&#223;e produzieren m&#252;ssen, und davon war weder etwas zu sehen noch zu riechen. Siri stand vor einem R&#228;tsel.

Also gut, sagte er laut, und seine Stimme hallte von den H&#246;hlenw&#228;nden wider. Dann muss jemand einen Zweitschl&#252;ssel besitzen. Und dieser Jemand  nennen wir ihn der Einfachheit halber Isandro  hat den Schrank ausger&#228;umt und die Fledermaus darin eingesperrt. Vielleicht war es aber auch ein Versehen, und er hat das Tier gar nicht bemerkt. Aber warum h&#228;tte er den leeren Schrank dann wieder verschlie&#223;en sollen? Siri war beileibe kein Experte f&#252;r die Fressgewohnheiten von Flederm&#228;usen. Er wusste nur, dass sie wie Ente schmeckten und sehr gesund waren. Trotzdem konnte er sich nicht vorstellen, dass eine Fledermaus l&#228;nger als zwei Wochen ohne Nahrung oder Fl&#252;ssigkeit auskommen konnte. Was wiederum bedeutete, dass Isandro noch Monate nach der Ermordung seines Freundes in der H&#246;hle gewesen sein musste.

Er wusste, dass diese Theorie mehr L&#246;cher hatte als ein Schweizer K&#228;se, auch wenn er den nur vom H&#246;rensagen kannte. Aber wenigstens hatte er jetzt eine leidlich plausible Hypothese. Die n&#228;chste halbe Stunde verbrachte er damit, das Zimmer gr&#252;ndlich zu durchsuchen. Alles war mit schimmernden Spinnweben bedeckt, die im Schein der Taschenlampe wie Raureif glitzerten. Er fand einen Rucksack, mehrere Haufen achtlos zur&#252;ckgelassener Kleider, Wasch- und Rasierzeug, eine Handvoll spanischer B&#252;cher, Kerzen, zwei nicht geladene Makarow-Pistolen aus sowjetischen Armeebest&#228;nden, ein kleines Paket mit Trockenrationen  Tee, Kaffee, Milchpulver -, ein Tablett mit den versteinerten &#220;berresten verschiedener Gem&#252;se, Streichh&#246;lzer sowie eine alte Taschenlampe, deren Batterien ausgelaufen waren und ringsum alles mit einer spr&#246;den wei&#223;en Kruste &#252;berzogen hatten.

Falls bei Kilometer 8 tats&#228;chlich Opfergegenst&#228;nde verschwunden waren, so befanden sie sich weder in diesem Zimmer noch anderswo in der Pr&#228;sidentenh&#246;hle. Und wenn Odon nach seiner R&#252;ckkehr auch weiterhin schwarze Magie praktiziert hatte, dann ganz gewiss nicht hier.

Zu seinem Erstaunen entdeckte Siri die Reisep&#228;sse der beiden Kubaner in einer alten Konservendose auf einem provisorischen Regal, zusammen mit mehreren, von Gummib&#228;ndern zusammengehaltenen B&#252;ndeln laotischer Kip. Wundersch&#246;ne Scheine, von denen der K&#246;nig, mit kantigem Kiefer und B&#252;rstenschnitt, den Betrachter trotzig anfunkelte. Nach zwei verheerenden Entwertungen und der Umstellung auf den schwachen liberation kip besa&#223;en sie allerdings nur noch &#228;sthetischen Wert.

Siri hatte genug gesehen, au&#223;erdem bekam er allm&#228;hlich Platzangst. Er ging zur Seitent&#252;r zur&#252;ck und trat hinaus in die glei&#223;ende Sonne. Als seine Augen sich an das grelle Licht gew&#246;hnt hatten, blickte er an sich hinunter und bemerkte, dass sein dunkelblaues Safarihemd und seine schwarze Hose mit einer dicken wei&#223;en Staubschicht &#252;berzogen waren. Er wollte sich eben abklopfen, als er sah, dass sich der Staub bewegte. Er fuhr mit der Handkante &#252;ber seinen &#196;rmel und schaute etwas genauer hin. Verbl&#252;fft stellte er fest, dass er vom Kragen bis zu den Manschetten mit winzigen wei&#223;en Spinnen &#252;bers&#228;t war. Als er die Spinnweben beiseitegewischt hatte, um das Zimmer zu durchsuchen, hatten die Tiere sich an seine Kleidung geheftet. Er betrachtete sich voller Bewunderung  Millionen mikroskopisch kleiner Spinnen reflektierten das Sonnenlicht wie ein schillernder Elvis-Presley-Anzug.


Als Siri ins G&#228;stehaus Nr. 1 zur&#252;ckkam, stand Lits Jeep vor der T&#252;r. Er fragte sich, warum die Ermittlungsarbeit allein ihm &#252;berlassen blieb, w&#228;hrend der Sicherheitschef weiter nichts tat, als hin und wieder einen Gastauftritt zu absolvieren und sich Unmengen von Notizen zu machen. Auf der Vortreppe fiel ihm die Antwort ein. Wie Santiago angedeutet hatte, war Lit in erster Linie B&#252;rokrat. Ein treuer Parteisoldat, der seitw&#228;rts bef&#246;rdert wurde  diesen Monat Chef der Sicherheitsabteilung, n&#228;chsten Monat Leiter der Abfall- und Abwasserentsorgung. Dabei ging es weniger um Qualifikation als um Vertrauen. Er war weder Polizist noch ausgebildeter Ermittler und hatte keinen Schimmer, wie er diesen, seinen wichtigsten Fall handhaben sollte, der bis in h&#246;chste Kreise zu reichen schien. Zwar befanden sich unter seinen Leuten zweifelsohne kompetente Polizisten, doch durfte er sich keinesfalls dabei erwischen lassen, wie er in einer so bedeutenden Angelegenheit wie dieser die Z&#252;gel aus der Hand gab. Da kam ihm Siri wie gerufen.

Dr. Siri, ich h&#228;tte nicht gedacht, dass wir uns noch einmal wiedersehen, sagte der Chef und stand auf, um dem Doktor die Hand zu sch&#252;tteln.

Genosse Lit, Sie h&#228;tten jederzeit bei Kilometer 8 vorbeischauen k&#246;nnen. Sie wussten doch, wo ich zu finden war.

Ich wollte Sie nicht st&#246;ren. Ich wei&#223; ja, wie hektisch es dort drau&#223;en manchmal zugeht. Aber wollen wir uns nicht in den Speisesaal setzen? Ich habe uns ein paar Flaschen vietnamesisches Bier mitgebracht. Ich bin gespannt, wie Sie mit den Ermittlungen vorangekommen sind.

Das Bier erwies sich als keine gute Idee. Es war warm und schon ein wenig schal, und Siri wusste aus Erfahrung, dass es ihm einen m&#228;chtigen Brummsch&#228;del bescheren w&#252;rde. Trotzdem verlief die Besprechung durchaus angenehm. Er schilderte Lit in allen Einzelheiten, was geschehen war  der Altar, die Opferungen, das Geheimversteck in der Pr&#228;sidentenh&#246;hle  und verschwieg ihm lediglich die Begegnung mit Odons Geist und der Fledermaus. Lit schien beeindruckt und machte sich eifrig Notizen. Viel mehr hatte er offenbar nicht beizutragen. Weder war es ihm gelungen, Oberst Ha Hungs Familie ausfindig zu machen, noch hatte er einen Zeugen f&#252;r die R&#252;ckkehr der beiden Kubaner aus Hanoi auftreiben k&#246;nnen. Siri bezweifelte, dass der Mann es &#252;berhaupt versucht hatte.

Eine Frage lie&#223; Siri keine Ruhe: Warum hatten die zust&#228;ndigen Beh&#246;rden ein erkleckliches S&#252;mmchen f&#252;r den Bau eines Weges bereitgestellt, der vom Haus des Pr&#228;sidenten zu dessen fr&#252;herer H&#246;hle f&#252;hrte, obwohl die H&#246;hle verlassen war und seit dem Auszug niemand auch nur das geringste Interesse daf&#252;r bekundet hatte? Lit erkl&#228;rte ihm, es handele sich um einen historischen Ort wie Lincolns H&#252;tte oder Hitlers Bunker, und in nicht allzu ferner Zukunft w&#252;rden Scharen von Touristen nach Vieng Xai pilgern, um die Gr&#252;ndungsst&#228;tte der stolzen, ruhmreichen Republik in Augenschein zu nehmen.

Diese Antwort gen&#252;gte Siri, obwohl er sich Busreisen nach Vieng Xai nur schwer vorstellen konnte. Sie tranken ihr Bier aus Teetassen, bis Lit schlie&#223;lich in den Nebel davonfuhr, der mit dem Einbruch der Dunkelheit gekommen war.

Jetzt sa&#223; Siri mit einer Tasse starkem Kaffee auf der Veranda. Ihm fehlte der Klang der klui, die ihre immer gleiche Melodie spielte. Der Wachposten im ersten Stock war verschwunden, ebenso die Sperrholzwand, und die Zimmer standen leer. Keiner der Angestellten schien zu wissen oder preisgeben zu wollen, wohin man die k&#246;nigliche Familie gebracht hatte, und Siri glaubte nicht, dass er sie jemals wiedersehen w&#252;rde. Das K&#252;chenpersonal war zu Bett gegangen und hatte Siri gebeten, die Tasse &#252;ber Nacht mit auf sein Zimmer zu nehmen. Die Tassen waren, wie Teller und Besteck, nummeriert und wurden zu jedem Monatsletzten einer gr&#252;ndlichen Inventur unterzogen.

Nach den zwei arbeitsreichen Tagen im Krankenhaus genoss er die n&#228;chtliche Ruhe von Vieng Xai. Obwohl es sich um eine mittlere Gro&#223;stadt handelte, waren die Einwohner Landmenschen, die fr&#252;h schlafen gingen und mit der Sonne aufstanden. Er genoss die K&#228;lte und die feuchten Wolken, die so tief hingen, dass er nur auf einen Stuhl zu klettern brauchte, um hineinzugreifen. Er genoss das ferne Kr&#228;hen eines nicht ganz stimmsicheren Hahns und das Bellen der Lemuren hoch oben in den Karsten. Und dann, als wollte der Gott des Elends pers&#246;nlich ihm die Laune verderben, pl&#228;rrte auf einmal die verfluchte Diskothek los. Es war kein Plattenspieler und kein Radio. Der Bass lie&#223; den Boden unter seinen F&#252;&#223;en erzittern. Er h&#246;rte junge Leute einen Refrain mitgr&#246;len, dessen Text sie nicht verstanden.

Da er seit seiner R&#252;ckkehr noch nicht auf seinem Zimmer gewesen war, lag seine Tasche mit der Lampe neben ihm auf dem Stuhl. Irgendetwas dr&#228;ngte ihn, der Sache auf den Grund zu gehen und dem Beat zu folgen. Das Echo in einem Tal voller Felsnadeln kann bisweilen t&#228;uschen, doch der L&#228;rm schien aus dem H&#246;hlenkomplex der Armee zu kommen. Der lag knapp einen Kilometer entfernt, hinter dem Fu&#223;ballplatz. Er trank seinen Kaffee aus und steckte die Tasse in seine Tasche. Ohne seine Taschenlampe h&#228;tte er sich mit Sicherheit verlaufen. Am Himmel standen weder Mond noch Sterne, und da das Personal des G&#228;stehauses bereits im Bett lag, brannte auch kein Licht, das ihm den Weg h&#228;tte weisen k&#246;nnen. Orientierung boten ihm allein das Pochen unter seinen F&#252;&#223;en und die immer lauter werdende Musik. Doch als er sich dem Krach auf leisen Sohlen n&#228;herte, geschah etwas Unerh&#246;rtes. Pl&#246;tzlich packte ihn der Rhythmus.

In ihrer Zeit an der Pariser Universit&#228;t hatten Siri und Boua gelegentlich in kleinen Studentencaf&#233;s miteinander getanzt. Nach ihrer R&#252;ckkehr in die Heimat hatten sie sich den rauschhaften lumwong-Kreist&#228;nzen hingegeben, einer Art Zeitlupen-M&#252;ckenklatschen zu Musikbegleitung. Doch weder das eine noch das andere erforderte besonderes Rhythmusgef&#252;hl, was Siri sehr entgegenkam, denn er verf&#252;gte &#252;ber nichts dergleichen. Kopfnicken und Fingerschnippen waren ihm fremd, trotzdem bewegte er sich zu seinem Erstaunen im Takt der Musik. Er schwang sogar die H&#252;ften. Der Mittelfinger seiner rechten Hand schnipste immer wieder gegen den Daumenballen und erzeugte dabei ein Ger&#228;usch wie ein Streichholz auf einer nassen Reibfl&#228;che. Es war eine bizarre, aber keineswegs unangenehme Empfindung. Er f&#252;hlte sich eins mit der Musik, eine unerkl&#228;rliche Symbiose, die er noch bis vor Kurzem f&#252;r unm&#246;glich gehalten h&#228;tte.

Er &#252;berquerte das holprige Fu&#223;ballfeld und nahm den unbefestigten Weg, der am Haus des Generals vorbei zu den Armeeh&#246;hlen f&#252;hrte. Er war bereits ein paar Mal dort gewesen. Oben lagen die in den Berg gehauenen Wohnungen der Milit&#228;rf&#252;hrung. Darunter erstreckte sich eine riesige nat&#252;rliche H&#246;hle, die man zum Konzertsaal ausgebaut hatte. Am einen Ende befand sich eine betonierte B&#252;hne mit einem tiefen Orchestergraben. Die Sitzreihen stiegen zum schmalen H&#246;hleneingang hin sanft an, durch den tags&#252;ber ein wenig Licht und nachts k&#252;hle Luft hereinstr&#246;mte. Der Saal verf&#252;gte &#252;ber eine Quelle, an der die Konzertbesucher ihren Durst l&#246;schen konnten, und eine Akustik, um die ihn selbst die Mail&#228;nder Scala beneidet h&#228;tte.

Hier sollte in der n&#228;chsten Woche das Konzert f&#252;r Freundschaft und Zusammenarbeit stattfinden, ein startr&#228;chtiges Spektakel zur Feier der Unterzeichnung des laotisch-vietnamesischen F&#252;nfundzwanzig-Jahres-Vertrages &#252;ber Freundschaft und Zusammenarbeit der beiden Staaten. Die fr&#252;heren H&#246;hlenbewohner w&#252;rden zu einem nostalgischen Wochenende anreisen, die ausl&#228;ndischen G&#228;ste in ihre eleganten neuen H&#228;user einladen und sie am Sonntagabend in dieses unterirdische Wunderwerk entf&#252;hren, um sich eine Vorstellung der besten vietnamesischen T&#228;nzer und Musiker anzusehen. Danach w&#252;rden sie sich beim lumwong ins Reiswhisky-Nirwana schunkeln, bis sie in ihr Quartier zur&#252;ckgetragen werden mussten. Siri hatte Lit gefragt, warum das Unterhaltungsprogramm ausschlie&#223;lich von Vietnamesen bestritten werde. Zwar rage die Provinz Houaphan geografisch gesehen in das Nachbarland hinein wie der Hintern einer dicken Frau aus einem schmalen Badezimmerfenster, geh&#246;re seines Wissens aber immer noch zu Laos. Lit betete die entsprechenden Parolen herunter  unseren vietnamesischen G&#228;sten Respekt zollen, von erfahreneren K&#252;nstlern lernen -, hatte jedoch keine Erkl&#228;rung daf&#252;r, warum Laos nicht eine einzige Attraktion zu bieten hatte, mit der man die G&#228;ste h&#228;tte beeindrucken k&#246;nnen.

Diese Gedanken schossen Siri durch den heftig wippenden Kopf, als er sich der Quelle des L&#228;rms n&#228;herte. Er redete sich ein, es m&#252;sse sich um eine Probe handeln. Vermutlich stellten sie die Lautsprecheranlage auf die Saalakustik ein und hatten nur Discomusik auf Band. Es war eine logische Erkl&#228;rung, und er konnte sich eventuell dazu durchringen, ihnen zu verzeihen. Er hatte die letzten drei Jahrzehnte in Gesellschaft von Soldaten zugebracht, f&#252;r die Gehorsam und Befehlserf&#252;llung s&#228;mtliche sozialen und moralischen Bedenken au&#223;er Kraft setzten.

Da die dichten Stachelbeerb&#252;sche, die einst zur Tarnung des H&#246;hleneingangs gedient hatten, beseitigt worden waren, gelangte Siri ungehindert bis vor die &#214;ffnung in der Felswand. Nun musste er nur noch zwei, drei hohe Steinstufen erklimmen, dann schlie&#223;lich stand er an der Treppe, die in den Saal hinunterf&#252;hrte. Von hier oben konnte er bis zur B&#252;hne sehen. Ihm blieb die Luft weg. Er plumpste schwerf&#228;llig auf eine Stufe. Eine Sekunde sp&#228;ter, und er w&#228;re aus den Pantinen gekippt. Der Konzertsaal war voll  berstend voll -, ein brodelnder Hexenkessel, ein wildes Get&#252;mmel und Gewimmel. Er hatte keine Ahnung, wo die Musik herkam. Nirgends waren ein Discjockey oder gar Lautsprecher zu sehen, trotzdem ging ihm der stampfende Beat durch Mark und Bein. Er schlug mit dem Fu&#223; den Takt und lie&#223; den Blick &#252;ber die wogende Menge schweifen. Das waren keine schicken jungen Leute in Schlaghosen und breitkragigen Hemden. Sondern Menschen wie du und ich. Bauern, M&#252;tter, die ihre Babys auf dem R&#252;cken trugen, alte M&#228;nner. Die einzigen Teenager, die er ausmachen konnte, steckten in fleckigen Uniformen und machten ein verwirrtes Gesicht, als h&#228;tten sie sich versehentlich hierher verirrt. Selten hatte sich in Houaphan ein so gemischtes Publikum an einem Ort versammelt und mit solcher Begeisterung gefeiert.

Abgesehen von seiner Liebe zum Jazz interessierte Siri sich nicht f&#252;r amerikanische Musik und h&#228;tte nicht einmal die einfachsten Fragen zu Genres und Geschichte beantworten k&#246;nnen. Doch entweder von Dtui oder einer der anderen Schwestern in der Mahosot-Klinik hatte er irgendwann einmal das Wort Disco geh&#246;rt und sich verwundert gefragt, wie es durch die Maschen des staatlich verordneten Antiamerikanismus hatte schl&#252;pfen k&#246;nnen. Seit er wusste, wie man die Musik nannte, h&#246;rte er sie immer h&#228;ufiger im thail&#228;ndischen Radio. Sie war auf dem Schwarzmarkt f&#252;r beschlagnahmte US-Waren erh&#228;ltlich. Laotische Tanzkapellen schmuggelten die eine oder andere Nummer in ihr Repertoire und verkauften sie den Regierungsspitzeln als traditionelle Stammesmusik. Und jetzt h&#246;rte er sie hier, in der Konzerth&#246;hle von Houaphan.

Das Blut war in Siris Beine zur&#252;ckgekehrt, und seine Knie zuckten wie Scheibenwischer im Rhythmus der Musik. Seine anf&#228;ngliche Panik hatte sich in Euphorie verwandelt. Er hatte sofort erkannt, was diese begeisterten Partyg&#228;nger einte. Ihnen allen war ein Leben ohne Angst verwehrt geblieben. Sie waren die unschuldigen Opfer eines endlosen Krieges. Sie alle wollten weiter nichts als leben. Leider hatten sie das Pech, in einer Provinz geboren worden zu sein, die sich zu einem Spielball der Politik entwickelt hatte. Aus Gr&#252;nden, die sie nicht recht begriffen, waren sie der Feind, denn wozu sind Kriege gut, wenn niemand leidet? Die T&#228;nzer in der Disco-H&#246;hle hatten allesamt gelitten, die einen mehr, die anderen weniger, bis ihr Tod dem Leid ein Ende setzte. Einen spirituellen Schwof dieser Gr&#246;&#223;enordnung hatte Siri noch nie erlebt. Er war ein Neuling auf diesem Gebiet. Zwar hatte er schon des &#214;fteren Stimmen geh&#246;rt, aber ein solcher Anblick hatte sich ihm noch nie geboten. Sein pers&#246;nlicher Rekord stand bei drei Geistern.

Noch vor einer Woche h&#228;tte er an dieser Stelle l&#228;chelnd den Heimweg angetreten. Wozu h&#228;tte er auch bleiben sollen? Heute jedoch ertappte er sich dabei, wie er die Treppe hinunterstieg, um sich unter die Tanzenden zu mischen. Er wusste, dass ein rhythmusverliebter Geist in seinem K&#246;rper wohnte, und wie konnte er dem armen Mann seinen letzten Tanz abschlagen? Niemand nahm Ansto&#223; an dem alten Arzt. Niemand schenkte ihm Beachtung. Fast so, als w&#228;re er als Einziger nicht da. Er bahnte sich h&#246;flich und jeden K&#246;rperkontakt vermeidend einen Weg durch die Menge und sprang und h&#252;pfte so fr&#246;hlich und ausgelassen wie noch nie.

Nach einer halben Stunde tanzte er noch immer. Er war ersch&#246;pft, konnte aber einfach nicht aufh&#246;ren. Er kannte die menschliche Anatomie genau und wusste, weshalb ihm welcher Muskel wehtat, aber heute Abend war er nichts weiter als ein Gef&#228;&#223;. Seine schw&#228;chelnde Lunge rasselte wie eine bulgarische Klimaanlage. Die Musik wurde immer lauter und dr&#246;hnte ihm in den Ohren. Die Menge scharte sich um ihn. Pl&#246;tzlich war er wie geblendet. Wie aus dem Nichts richtete sich ein Scheinwerfer auf ihn  Licht aus  Spot an  der Diskothekenk&#246;nig  die Menge weicht zur&#252;ck  er legt ein kesses Solo aufs Parkett  das Mikrofon: He!

He, sagte er.

He, Genosse.

He, Genosse, sagte er.

Was machen Sie denn da?

Er sagte: Wa- Siri starrte angestrengt in das grelle Scheinwerferlicht. Jetzt war es nur noch eine Lampe. Sie lag in der Hand eines Mannes mit einer viel zu gro&#223;en Uniformjacke und einer Strickm&#252;tze auf dem Kopf. Er leuchtete Siri mit seiner Taschenlampe direkt ins Gesicht. Der Doktor blickte um sich. Die kalte Kalksteinh&#246;hle war verlassen.

Sie haben hier nichts verloren. Was treiben Sie denn hier, so ganz allein im Dunkeln?, fragte der alte Wachmann. Sie sind doch nicht etwa betrunken?

Siri st&#252;tzte die H&#228;nde auf die Knie und rang nach Atem. Sein K&#246;rper hatte soeben eine Bergetappe der Tour de France hinter sich gebracht. Er wusste, dass er morgen fr&#252;h nicht aus dem Bett kommen w&#252;rde. Doch kaum bekam er wieder etwas Luft, fing er schallend an zu lachen. Der Wachmann hielt Siri f&#252;r verr&#252;ckt und trat einen Schritt zur&#252;ck.

Verzeihung, Genosse, sagte Siri schlie&#223;lich. Aber ich habe f&#252;r das Konzert n&#228;chste Woche geprobt.

Was Sie nicht sagen. Dass die einen alten Mann wie Sie noch auf die B&#252;hne zerren. Die sollten sich was sch&#228;men.

Ich bin sehr viel j&#252;nger, als ich aussehe, Bruder.

Sie m&#252;ssen wissen, was Sie tun. Aber bleiben Sie nicht die ganze Nacht hier.

Keine Sorge. Danke.

Der alte Wachmann lie&#223; von ihm ab und folgte dem Lichtstrahl seiner Taschenlampe in einen omin&#246;sen Tunnel am anderen Ende des Auditoriums. Siri r&#252;hrte sich nicht von der Stelle. Er stand inmitten der riesigen, menschenleeren Diskothek, und obwohl er sich reichlich albern vorkam, f&#252;hlte er sich erfrischt und voller Energie.



11

EIN HOCHANST&#196;NDIGES ANGEBOT 

Herr Geung sa&#223; seit achtzehn Stunden auf dem Baum. Er h&#228;tte gern auf seine Armbanduhr geschaut, doch die lag gut versteckt unter einer losen Fliese unter seinem Bett in der Klinik. Die achtzehn Stunden waren also eine blo&#223;e Sch&#228;tzung. Es h&#228;tten ebenso gut drei Stunden sein k&#246;nnen oder eine Woche. Er hatte ausreichend zu essen und zu trinken, aber er war schrecklich m&#252;de und wusste noch immer nicht, wie er hier oben schlafen sollte, ohne herunterzufallen. Obwohl er den Verband streng nach Anweisung gewechselt hatte und die Wunde nicht entz&#252;ndet schien, schmerzte seine Schulter. Zwar war er inzwischen so etwas wie ein Experte f&#252;r Wunden jeder Art, doch erst jetzt wurde ihm klar, wie weh die Dinger taten. Die Kletterei hatte ein &#220;briges getan. Es erf&#252;llte ihn mit Stolz, dass er es mit einem Arm bis hier herauf geschafft hatte. Er war noch nie ein gro&#223;er Kletterer gewesen, andererseits hatte er sich auch noch nie vor einer Raubkatze in Sicherheit bringen m&#252;ssen.

Der Tiger hatte ihn nicht auf den Baum gejagt, jedenfalls nicht im &#252;blichen Sinne. Er hatte nicht etwa Anlauf genommen und zum Sprung angesetzt, sodass seine Beute gezwungen war, sich in heller Panik auf einen hohen Ast zu fl&#252;chten. So war es nicht gewesen. Geung hatte wie schon so oft dagesessen und auf die Sonne gewartet, als er den Tiger am Rande der Lichtung bemerkte. So ein Tier hatte er erst ein einziges Mal gesehen, bei der letzten Neujahrsgala. Der Reaktion des Publikums nach zu urteilen waren Gro&#223;katzen mit Rei&#223;z&#228;hnen furchterregende Gesch&#246;pfe. Am Ende der Vorstellung war er genauso nerv&#246;s gewesen wie die &#252;brigen Zuschauer. Angst ist ansteckend, und das ist auch gut so, denn sonst h&#228;tte er wom&#246;glich versucht, sich dem Tiger zu n&#228;hern und Freundschaft mit ihm zu schlie&#223;en. Der Tiger h&#228;tte ohne Weiteres angreifen und Herrn Geung bei einem seiner elf Versuche, den Baum zu erklimmen, mit Haut und Haar verschlingen k&#246;nnen. Aber es war helllichter Tag, und seine Beute war noch nicht schwach genug. Er hatte sie in die Enge getrieben, und fr&#252;her oder sp&#228;ter w&#252;rden ihre Kr&#228;fte schwinden.

Dtui und Geung sa&#223;en im Baum, erz&#228;hlten sich Witze und lachten &#252;ber ihre missliche Lage. Sie hielten sich gegenseitig wach. Einmal, als der Tiger ihnen nachzuklettern versuchte, ermutigte Dtui ihren tapferen Gef&#228;hrten, mit einem Zweig nach dem sabbernden Maul der Katze zu schlagen. Zusammen mit seiner Freundin lie&#223; es sich hier oben prima aushalten. W&#228;ren seine M&#252;digkeit und der unbequeme Hochsitz nicht gewesen, h&#228;tte es ein h&#246;chst vergn&#252;gliches Abenteuer sein k&#246;nnen.


Dtui war im Schlafsaal. Wieder stand ihr Geungs Bild deutlich vor Augen. H&#228;tte es in der Pathologie doch nur ein Telefon gegeben, dann h&#228;tte sie anrufen und sich nach dem Stand der Dinge erkundigen k&#246;nnen. Die kleine Panoy lag in demselben Bett, in dem auch Frau Wunderlich gelegen hatte. Sie war noch nicht wieder bei Bewusstsein, doch ihr Puls raste wie der eines Pferdes. Sie war eine echte K&#228;mpfernatur. Dtui nahm sich fest vor, das M&#228;dchen wieder in ihr Dorf zur&#252;ckzubringen.

Sie strich Panoy das Haar aus der Stirn und wandte sich zum Gehen. Zu ihrem Erstaunen stand Genosse Lit in der T&#252;r. Er hatte die Sonne im R&#252;cken und sah aus wie ein junger Gott. Die neuen Epauletten auf den Schultern seiner Uniform schimmerten wie Engelsschwingen. Fast h&#228;tte sie vergessen, dass sie ihn nicht ausstehen konnte.

Schwester Dtui. Er nickte steif.

Genosse Lit. Wie kann ich Ihnen helfen?

H&#228;tten Sie vielleicht ein paar Minuten Zeit f&#252;r mich?

Schie&#223;en Sie los, sagte sie.

Ich dachte, wir k&#246;nnten vielleicht nach drau&#223;en gehen.

Genosse, diese Patienten sind so stark sediert, dass sie selbst dann noch beseelt l&#228;cheln w&#252;rden, wenn Sie sie mit einem Lastwagen &#252;berrollen w&#252;rden.

Trotzdem 

Es ist hei&#223; drau&#223;en. Hier drinnen ist es zwanzig Grad k&#252;hler  au&#223;erdem bin ich im Dienst. Er ging ihr auf die Nerven. Konnte er nicht einfach sein Spr&#252;chlein aufsagen und sich wieder verdr&#252;cken?

Wie Sie w&#252;nschen, sagte er und trat ins Zimmer. Dtui stemmte den Arm in die H&#252;fte und rechnete mit einer Gardinenpredigt. Doch die Aura der Arroganz, die den Sicherheitschef sonst umgab, war mit einem Mal wie weggeblasen. Er wirkte irgendwie zerbrechlich, sch&#252;chtern beinahe. Es bereitete ihm sichtlich M&#252;he, aufrecht zu stehen: Er erinnerte eher an einen schlaffen Wandbehang denn an eine starke S&#228;ule. Sein Schweigen beunruhigte Dtui.

Je eher Sie mit der Sprache herausr&#252;cken, desto eher kann ich wieder an die Arbeit gehen, sagte sie. Seine unsichere Miene verwirrte sie. Er starrte &#252;ber ihre Schulter hinweg auf einen Punkt an der Wand.

Ja, sagte er schlie&#223;lich. Sie haben Recht. Das Leid der Unterdr&#252;ckten und Geknechteten hat Vorrang vor unseren allt&#228;glichen Sorgen und N&#246;ten. Das Wohl der Patienten steht f&#252;r uns ganz zu Recht an erster Stelle.

Gut, sagte sie. Dann haben Sie doch sicher nichts dagegen, wenn ich mich jetzt um die Geknechteten k&#252;mmere. Sie ging an ihm vorbei zur T&#252;r. Die Situation hatte etwas Absurdes.

Aber 

Sie drehte sich um. Aber?

Wie auf ein Stichwort hob er zu einer Rede an. Er hatte sie eindeutig erst niedergeschrieben und dann auswendig gelernt. Dennoch gab es f&#252;r Dtui nicht den geringsten Zweifel, dass Genosse Lit stundenlang an diesem Vortrag gefeilt, gehobelt und geschliffen hatte. Trotz diverser unpassender Vergleiche aus dem Ingenieurswesen war sie ohne Frage das Sch&#246;nste, was sie je geh&#246;rt hatte.

Zwar hatte sie in ihrer Schulzeit durchaus den einen oder anderen Freund gehabt. Zumindest war es damals &#252;blich gewesen, P&#228;rchen zu bilden und miteinander zu gehen. Aber die Jungs, mit denen sie sich eingelassen hatte, waren ausnahmslos Versager gewesen. Sie interessierten sich mehr f&#252;r ihre Br&#252;ste als f&#252;r ihre Seele. Immer wenn sie an diese desastr&#246;sen T&#234;te-&#224;-t&#234;tes zur&#252;ckdachte, erinnerte sie die Hautfarbe ihrer Verehrer unweigerlich an Fr&#252;chte  an das Blassrosa der Lychee, das Braun des Breiapfels, das Orange der S&#252;&#223;mango -, und genau wie &#252;berreife Fr&#252;chte waren diese Kerle verdorben und widerlich gewesen. Und hatten sie schlie&#223;lich sitzen lassen. W&#228;hrend Lit seine Ansprache herunterleierte wie ein F&#252;nftkl&#228;ssler den Fahneneid, verliebte sie sich Hals &#252;ber Kopf in seine Worte. Auch wenn sie sich hinterher an kaum eines entsinnen konnte, weil sie so &#252;berw&#228;ltigt war, dass ihr Ged&#228;chtnis sie im Stich lie&#223;. Sie wusste nur noch, dass sie bei der Ausgrabung der Mumie ungeheuren Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er hatte ihr gestanden, dass er st&#228;ndig an sie denken m&#252;sse, und ihre Augen mit Sternen verglichen. Was vermutlich auf einen bekannten Schlager zur&#252;ckging, aber dieses kleine Plagiat verzieh sie ihm gern. Dass er ihre Augen &#252;berhaupt bemerkt hatte, gen&#252;gte ihr. Er hatte ihr seine Verm&#246;genslage und seine Aufstiegschancen dargelegt, und dann, quasi im selben Atemzug, hatte er die Bombe platzen lassen: Er w&#228;re hocherfreut, wenn Schwester Dtui ihm die Ehre erweisen w&#252;rde, seine Frau zu werden  einfach so, vom Fleck weg, ohne auch nur anzudeuten, dass er die Ware zuvor pr&#252;fen wolle.

So etwas bleibt bei einer Frau nicht ohne Wirkung, zumal wenn sie solch einen Antrag noch nie zuvor erhalten hat. Ein Mann  der nicht nur &#252;ber zwei gesunde Augen, sondern auch &#252;ber s&#228;mtliche erforderlichen Gliedma&#223;en verf&#252;gte  war ihr so sehr zugetan, dass er sein Leben mit ihr verbringen wollte. Das gen&#252;gte, um sie die Abneigung, die sie ihm gegen&#252;ber empfunden hatte, vor&#252;bergehend vergessen zu lassen. Ihre Knie bebten so heftig, dass sie sich auf die Kante eines Bettes setzen musste. Sie brachte kein Wort heraus. Er wiederum war mit seinem Text zu Ende, und so sa&#223;en beziehungsweise standen sie stumm in dem dunklen Zimmer, begleitet nur vom bewusstlosen Zungenschnalzen eines alten Mannes.

Endlich fand Dtui ihre Stimme wieder. Ich 

Sie werden vermutlich etwas Zeit brauchen, um &#252;ber all das nachzudenken, fiel er ihr ins Wort. Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen. Ich sollte vielleicht hinzuf&#252;gen, dass die Bezirkskommission f&#252;r Partnerschaften und Beziehungen unseren Antrag auf Verlobung bereits bewilligt hat. Mit Unterschrift und Siegel. Nun gut. Dann bis sp&#228;ter. Zwar salutierte er nicht, bevor er sich zum Gehen wandte, doch das Nicken, mit dem er sie bedachte, ehe er triumphierend in die Sonne hinaustrat, hatte durchaus milit&#228;rischen Charakter.

Schwester Dtui verschlug so leicht nichts die Sprache. Das war eine ihrer St&#228;rken. Sie war nie um eine clevere Antwort verlegen  eine witzige Bemerkung, die selbst in den dunkelsten Momenten zur Erheiterung beitrug. Jetzt aber sa&#223; sie geschlagene f&#252;nf Minuten im Saal der Bewusstlosen und wusste beim besten Willen nichts zu sagen. Sie war ebenso benommen wie die Patienten ringsumher. Und w&#228;re es vermutlich auch noch eine Weile geblieben, wenn Panoy nicht ausgerechnet in diesem Moment aus ihrem Koma erwacht w&#228;re. Als sie ein Ger&#228;usch h&#246;rte, schrak Dtui unwillk&#252;rlich zusammen. Sie drehte sich um und sah Panoy aufrecht im Bett sitzen. Die kleine Hmong starrte sie aus gro&#223;en Augen an. Sie murmelte mit schwacher Stimme etwas vor sich hin, das Dtui nicht verstand. Eines jedoch war ihr sofort klar. Es war nicht die Stimme eines Kindes.




Nachdem auch der letzte Gast das G&#228;stehaus Nr. 1 ger&#228;umt und seine Habe den Langfingern &#252;berlassen hatte, gab es f&#252;r den Lastwagen des G&#228;stehauses keine Verwendung mehr. Und so hatte das Personal auch nichts dagegen, wenn Siri ihn sich borgte  sofern er das Benzin aus eigener Tasche bezahlte. Er hatte geh&#246;rt, unweit der Grenze, bei Sop Hao, habe eine vietnamesische Einheit ihre Zelte aufgeschlagen. Dieselbe Einheit war bis zu dem gro&#223; angek&#252;ndigten, dann aber doch nur vor&#252;bergehenden Abzug der vietnamesischen Truppen in Laos stationiert gewesen. Es war dieselbe Einheit, die Oberst Ha Hung befehligt hatte. Siri befand, es k&#246;nne nicht schaden, ihr einen kleinen Besuch abzustatten.

Er genoss die Fahrt. W&#228;hrend der Rest des Landes verdorrte, fiel im Nordosten nach wie vor ausreichend Regen zur Bew&#228;sserung der Felder an den H&#228;ngen. In der glei&#223;enden Vormittagssonne lagen sie da wie zu spitzen Pyramiden aufget&#252;rmte Spiegelscherben. Kleine M&#228;dchen, die eben im Dorfteich gebadet hatten und noch zu jung waren, um Scham zu empfinden, marschierten nackt am staubigen Stra&#223;enrand entlang und trugen ihre Sarongs als H&#252;te. Er wurde von einem Lastwagen &#252;berholt, der kleine Schweine in leichten K&#228;figen aus Rohrgeflecht zum Schlachthof transportierte. Ihre Knopfaugen schwammen in Tr&#228;nen.

Rechts und links reihte sich ein liebevoll gepflegtes Reisfeld an das andere. Gro&#223;e L&#246;ffelbl&#252;ten und Juckfr&#252;chte schm&#252;ckten die Hecken. Er kam vorbei an einem Tempel, dessen Portal mit einem Vorh&#228;ngeschloss gesichert war. Stammesleute aus den umliegenden H&#252;geln trugen K&#246;rbe voller Zweige auf dem R&#252;cken, die an Riemen baumelten, die sie sich um die Stirn geschlungen hatten. Mit Schellen beh&#228;ngte Ponys k&#252;ndigten niemand Bestimmtem ihr Kommen an. Irgendwo im Nirgendwo schulterte ein junger Mann eine Gitarre. Die B&#252;ffel, an denen Siri vorbeikam, hoben ohne Ausnahme den Kopf und h&#246;rten auf zu kauen, um den Doktor vor&#252;berfahren zu sehen. Der beschauliche Friede ringsumher w&#228;rmte ihm das Herz. Er l&#228;chelte fr&#246;hlich in sich hinein, und seine Schultern zuckten im Takt einer unh&#246;rbaren Disconummer.

Nach einer Weile kam er auf eine frisch asphaltierte Stra&#223;e, die an einem Fluss urpl&#246;tzlich endete. Etwa f&#252;nf Meter weiter rechts befand sich eine Br&#252;cke. Um dorthin zu gelangen, musste er ein St&#252;ck querfeldein fahren. Am anderen Ufer f&#252;hrte ein schmaler Feldweg von der Br&#252;cke zur&#252;ck zur Stra&#223;e. Da die Br&#252;cke stabil und die Stra&#223;e eben und schnurgerade war, machte diese Unstimmigkeit ihn stutzig. Er stieg aus und fragte den Besitzer der erstbesten H&#252;tte, der ihm erkl&#228;rte, dass in der Provinz Houaphan die Sowjets f&#252;r den Br&#252;ckenbau zust&#228;ndig seien. Die Stra&#223;en wiederum waren Sache der Vietnamesen. Die beiden konnten sich nicht riechen. Die Vietnamesen waren nicht die schnellsten Stra&#223;enbauer, die Russen hingegen hatten ihre Br&#252;cken zum vertraglich vereinbarten Zeitpunkt fertig. Wurden die Stra&#223;en lediglich ausgebaut, war das in der Regel kein Problem. Wenn die vietnamesischen Ingenieure beim Bau einer neuen Stra&#223;e jedoch auf einen Fluss stie&#223;en, mussten sie bisweilen feststellen, dass sie die sowjetische Br&#252;cke um ein paar Meter verfehlt hatten. Die Vietnamesen weigerten sich, die Stra&#223;e zu verlegen; die Russen hatten nicht die Absicht, die Br&#252;cke zu verschieben. Oder um es mit den weisen Worten Civilais zu sagen: Dem M&#246;nch steht es nicht zu, ein Almosen zur&#252;ckzugeben, auch wenn es ihm nicht gef&#228;llt.

Die vietnamesische Infanterie-Einheit hatte auf Schilder und Wegweiser verzichtet, und so war es bereits Nachmittag, als Siri den St&#252;tzpunkt schlie&#223;lich erreichte. Der laotische W&#228;chter an der Abzweigung schwor beim Grab seiner Gro&#223;mutter, dass sich am Ende des von ihm bewachten Feldwegs nichts als B&#228;ume befanden. Da die Zentralkommandantur in Xam Neua Siri sowohl die Nummer der Einheit als auch die exakte Kilometermarke &#252;bermittelt hatte, ignorierte er den Mann und dessen geschultertes Gewehr und bog in den Feldweg ein. Wer sollte schon einen alten Arzt erschie&#223;en, weil der in ein Armeelager einzudringen versuchte?

Nach etwa anderthalb Kilometern fand er das Camp: eine wohlgeordnete Ansammlung von Zelten, die eindeutig mehr als eine Einheit beherbergten. An einer rotwei&#223; gewandeten Schranke stoppte ihn ein uniformierter Wachposten. Der Soldat verlangte mit scharfer Stimme Siris Ausweis und bellte die Personalien des Doktors in sein Walkie-Talkie. W&#228;hrend er wartete, lie&#223; Siri den Blick &#252;ber das Lager schweifen: ausl&#228;ndische Truppen in seiner geliebten Heimat. Er war emp&#246;rt. Der Krieg war vorbei, gewonnen. Was also suchten die Vietnamesen noch hier? Er hatte seine Ausbildung in Vietnam absolviert und jahrzehntelang dort praktiziert. Zugegeben, Laos hatte eine Dankesschuld zu begleichen. Ohne die Hilfe der Vietnamesen h&#228;tten sie weder die Royalisten besiegt, noch w&#228;ren die jetzigen Machthaber an der Regierung. Aber irgendwann musste Schluss sein!

&#220;ber Funk kam Antwort. Der Wachposten hielt sich das knatternde Walkie-Talkie ans Ohr, dann zeigte er auf das Hauptzelt, hob die Schranke und lie&#223; Siri passieren. W&#228;hrend der Laster die kleine Anh&#246;he erklomm, auf der die Ausl&#228;nder Quartier genommen hatten, sah Siri, dass hier und da massive Geb&#228;ude errichtet wurden. Kaum war er auf der Kiesfl&#228;che vor dem Offizierszelt zum Stehen gekommen, eilte auch schon ein Hauptmann auf ihn zu. Siri erkannte ihn sofort.

Dr. Siri. Der Soldat l&#228;chelte und sch&#252;ttelte ihm herzlich die Hand.

Siris Vietnamesisch war ein wenig eingerostet. Hauptmann Vo Chi. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie hier sind. Wie ist das werte Befinden?

Hervorragend, Ihren Bem&#252;hungen sei Dank, mein lieber Freund. Ich dachte, Sie l&#228;gen schon seit geraumer Zeit unter der Erde.

Ihr Verdacht ist nicht ganz unbegr&#252;ndet, Genosse. Ich habe in der Tat herzhaft ins Gras gebissen und mir die Radieschen ein Weilchen von unten angesehen. Aber dann pl&#246;tzlich legte sich ein Lasso um meinen Hals, und ich wurde schnurstracks ins schn&#246;de Dasein zur&#252;ckgezerrt.

Im Messzelt nahmen sie einen Imbiss zu sich und erz&#228;hlten sich Geschichten aus der Zeit, als der Doktor Vo Chis Division als Feldarzt begleitet hatte. Doch Siri war nicht hierhergekommen, um in Erinnerungen zu schwelgen. Bevor er sich auf die lange Heimfahrt machte, musste er jede Menge Informationen sammeln. Siri nannte Vo den Namen des Mannes, f&#252;r den er sich interessierte. Vo war dem Oberst zwar nie begegnet, kannte aber einen alten Oberstabsfeldwebel, der im Krieg jahrelang unter dem Kommandeur gedient hatte. Vo beauftragte einen Offizier, den Mann zu suchen und ins Messzelt zu bringen.

W&#228;hrend Siri sich nicht an Oberstabsfeldwebel Giaps Gesicht entsinnen konnte, erkannte der alte K&#228;mpe den Doktor auf Anhieb wieder. Er wusste sogar noch, wie er hie&#223;. Siri hatte so viele Schlachten, so viele Einheiten, so viele Versetzungen und nicht zuletzt so viele M&#228;nner hinter sich, dass er sich unm&#246;glich an jeden Einzelnen erinnern konnte. Er kam ohne Umschweife zur Sache.

Wie ist der Oberst ums Leben gekommen?

Er geriet in einen Hinterhalt der Hmong, Doktor. Der Oberstabsfeldwebel antwortete prompt, nicht ohne seinem Hauptmann einen verstohlenen Blick zuzuwerfen. Siri fragte sich, ob es sich um die offizielle Lesart des Ablebens von Oberst Ha Hung handelte.

Wenn ich recht verstehe, fuhr Siri fort, nahm der Oberst seine Familie mit, als er nach Vieng Xai versetzt wurde.

Mit der Beantwortung dieser zweiten Frage schien der Oberstabsfeldwebel weitaus weniger Schwierigkeiten zu haben. Ja, Genosse. Seine Frau und seine Tochter.

Sonst niemanden?

Nein. Au&#223;er ihrem moi-Dienstm&#228;dchen, nat&#252;rlich. Moi war die abwertende Bezeichnung f&#252;r die Montagnards. Die Bergv&#246;lker waren f&#252;r die Vietnamesen das, was die Hmong f&#252;r die Laoten waren: eine unterdr&#252;ckte, ungeliebte Minderheit. Aus dem Tonfall des Oberstabsfeldwebels sprachen Hohn und Verachtung.

Kannten Sie die Frau und die Tochter?, fragte Siri.

Aber ja. Selbstverst&#228;ndlich. Da es sich um einen unbefristeten Posten handelte, durften wir unsere Familien mitnehmen. Meine bessere H&#228;lfte war damals auch hier.

Wie war die Tochter?

Bildsch&#246;n. Sie hie&#223; Hong Lan  rosa Orchidee. Sie m&#252;sste damals so um die  siebzehn gewesen sein, w&#252;rde ich sagen. Hinter ihr waren mehr Jungs her als hinter den Hmong. Knusprig, die Kleine.

Siris Fingerspitzen kribbelten. Und hat sie sich jemand geangelt?

Wieder blickte Giap zu seinem Hauptmann. Der Oberst und seine Frau waren sehr strenge Eltern. Vor allem der Oberst h&#252;tete die Kleine wie seinen Augapfel. Er machte von Anfang an klar, dass er jeden Mann erschie&#223;en w&#252;rde, der ihr zu nahe kam. Und wenn er w&#252;tend wurde, konnte man es mit der Angst zu tun bekommen. Er hat mir mehr als einmal einen geh&#246;rigen Schrecken eingejagt.

Meinen Sie, er h&#228;tte seine Drohung wahrgemacht und tats&#228;chlich jeden erschossen, der sich ihr n&#228;herte?

Woher soll ich das wissen, Doktor? Er wandte sich hilflos l&#228;chelnd an den Hauptmann, doch der verzog keine Miene.

Richtig, sagte Siri. Nat&#252;rlich. Dann hat Ihres Wissens also niemand offiziell beim Oberst um sie angehalten?

Das h&#228;tte wohl kaum jemand gewagt, au&#223;er vielleicht 

Wer?

Nun ja, es gab Ger&#252;chte. Aber Sie sind vermutlich nicht hierhergekommen, um sich Klatsch und Tratsch anzuh&#246;ren, oder, Doktor?

In der Not frisst der Teufel Fliegen.

Na sch&#246;n. Das M&#228;dchen war eine Zeitlang schwer krank. Sehr schwer krank. Irgendein Frauenleiden, wenn mich nicht alles t&#228;uscht. Sie lag fast zwei Monate im Krankenhaus. Ein vietnamesischer Arzt operierte sie. Ausl&#228;ndische &#196;rzte lie&#223; der Oberst nicht in ihre N-  Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht beleidigen, Doktor.

Schon gut. Man hat schlie&#223;lich nicht alle Tage das Vergn&#252;gen, im eigenen Land als Ausl&#228;nder bezeichnet zu werden. Dann lag sie also im Krankenhaus bei Kilometer 8?

Genau. Und sie kam durch, zur gro&#223;en Erleichterung ihrer Eltern. Aber bevor die Rekonsalves-, Rekonlasze-  bevor sie sich nicht vollst&#228;ndig erholt hatte, konnte sie nicht entlassen werden. Und w&#228;hrend sie so da oben in den H&#246;hlen lag  und hier kommen die Ger&#252;chte ins Spiel -, freundete sie sich mit einem der Pfleger an. Kubaner. Keine Ahnung, ob er es ihr schon im Krankenhaus besorgt hat oder 

Zu seiner eigenen Verwunderung st&#252;rzte Siri sich quer &#252;ber den Tisch auf den Oberstabsfeldwebel. Tassen und Teller flogen nach allen Seiten. Er schien dem alten Mann einen Kinnhaken versetzen zu wollen. Die beiden Soldaten sprangen auf und sahen den Doktor entsetzt an. Siri war nicht minder erstaunt als sie.

Es  es tut mir schrecklich leid, sagte er und suchte krampfhaft nach einer Erkl&#228;rung. Ich  ich habe diesen nerv&#246;sen Tick. Da kann so etwas schon mal vorkommen. Ich bitte vielmals um Verzeihung. Er klaubte die Bakelittassen vom Fu&#223;boden.

Der Oberstabsfeldwebel lachte. Nichts f&#252;r ungut. Aber Sie haben mir einen h&#246;llischen Schrecken eingejagt. Ich dachte schon, Sie w&#228;ren pr&#252;de oder so.

Alles in Ordnung?, fragte Vo.

Alles bestens, versicherte Siri und faltete die H&#228;nde im Scho&#223;. Odon musste geb&#228;ndigt werden. Bitte fahren Sie fort, Herr Oberstabsfeldwebel.

Gut. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Sie, &#228;h, treibt es also mit dem Pfleger, und der Junge denkt wahrscheinlich, er ist im Himmel und h&#246;rt die Englein singen. Er lernt eine h&#252;bsche kleine Vietnamesin kennen, und weil er wei&#223;, dass es auf der ganzen Welt keine f&#252;gsameren Frauen gibt, will er sie nat&#252;rlich haben. Also marschiert er geradewegs zum Oberst  der Bursche hatte anscheinend Eier wie Kokosn&#252;sse in der Hose  und bittet ihn um die Erlaubnis, seine Tochter auszuf&#252;hren. Der Oberst traute seinen Ohren nicht.

Warum? Das war doch sehr anst&#228;ndig von dem jungen Mann.

Warum? Das kann ich Ihnen sagen, Doktor. Weil dieser Pfleger schwarz war. Schwarz wie das Arschloch eines Affen  Siri haderte mit seinen H&#228;nden -, schwarz wie 

Schon gut. Ich habe verstanden. Er war schwarz.

Sie wissen ja, wie das ist. Einer von diesen Sch&#246;nwetterkommunisten aus der Karibik. Die &#252;berall da zu finden sind, wo es was zu holen gibt. Jedenfalls lachte der Oberst dem Knaben ins Gesicht. Aber der Bimbo blieb einfach sitzen. Der Oberst zeigte ihm die T&#252;r, aber der Bimbo r&#252;hrte sich nicht vom Fleck. Also lie&#223; der Oberst ihn die Bambusrute schmecken. Aber es half alles nichts. Der Mistkerl wollte sich ums Verrecken nicht verpissen. Am Ende brauchte es ein Dutzend M&#228;nner mit Kn&#252;ppeln.

Giap und seine Geschichte wurden Siri von Minute zu Minute unsympathischer. Und dann?

Giap z&#246;gerte. Damit hatte es sich. Das M&#228;dchen wurde aus den H&#246;hlen in ein Krankenhaus verlegt, wo es keine Pfleger, sondern nur Schwestern gab, und ihr keiner an die W&#228;sche ging, w&#228;hrend sie bewusstlos war. Soviel ich wei&#223;, wurde sie wieder gesund.

Und sie hat den Kubaner nie wiedergesehen?

Das glaube ich kaum. Sonst w&#228;re er jetzt tot.

Siri fragte sich, ob er das nicht l&#228;ngst war. Wie haben sich die beiden verst&#228;ndigt?

Was?

Der Pfleger und das M&#228;dchen. In welcher Sprache haben sie sich unterhalten?

Keine Ahnung, Doktor. Aber die Kleine war nicht auf den Kopf gefallen. Sie konnte Russisch, so viel steht fest. Und wer wei&#223;, vielleicht sprach sie sogar Afrikanisch.

Das Gespr&#228;ch dauerte eine weitere halbe Stunde, doch viel mehr hatte der Oberstabsfeldwebel nicht mitzuteilen. Vor allem wusste er nicht, was nach dem Tod des Obersts aus dessen Frau und Tochter geworden war. Siri stellte ihm noch eine Reihe ebenso banaler wie unn&#246;tiger Fragen und wartete darauf, dass Vo das Interesse verlor. Doch Vo lie&#223; sie nur ein einziges Mal kurz allein, um die Latrine aufzusuchen. Da schlug Siri zu.

H&#246;ren Sie, Bruder. Ich verspreche Ihnen, dass Ihre Vorgesetzten kein Wort davon erfahren. Bitte vertrauen Sie mir. Ich muss wissen, was bei dem Hinterhalt genau geschah. Wie ist Oberst Ha Hung ums Leben gekommen?

Giap sah zum Zelteingang, dachte ein paar Sekunden &#252;ber die Frage nach und beugte sich dann quer &#252;ber den Tisch zu Siri. Er wurde von einem Augenblick zum anderen verr&#252;ckt, Doktor. Im Ernst. Wir befanden uns in einem Tal. Unsere Krad-Eskorte hatten sie schon abgeschlachtet, aber unsere Wagen waren gepanzert. Wir h&#228;tten noch tagelang ausharren k&#246;nnen. Normalerweise legten die Hmong einen Konvoi ein paar Stunden lahm, knallten jeden ab, der ihnen vor die Flinte kam, und verschwanden dann im Dschungel, um sich mit ihren Heldentaten zu br&#252;sten. Die Yankees waren kurz zuvor abgezogen, sie hatten also keinen unbegrenzten Munitionsvorrat mehr zur Verf&#252;gung, mit dem sie uns Feuer unterm Hintern h&#228;tten machen k&#246;nnen. Wir h&#228;tten blo&#223; abzuwarten brauchen.

Aber?

Aber  er senkte die Stimme  auf einmal war der Oberst wie von Sinnen. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Im Kampf war er stets die Ruhe selbst gewesen. Ich habe ihn nicht ein einziges Mal die Beherrschung verlieren sehen. Aber an diesem Tag sagt er pl&#246;tzlich so was wie: Du hast es nicht besser verdient! Mit tiefer, unheimlicher Stimme. Er zieht seine Pistole und springt aus dem Panzerwagen. Er springt einfach raus, wie ein Cowboy. Und br&#252;llt Attacke!. Wie kann ein Mensch so bl&#246;d sein, in einer Situation wie dieser anzugreifen? Eben. Also r&#252;hrten wir keinen Finger. Aber damit hatte er wohl auch nicht ernsthaft gerechnet. Er rannte mutterseelenallein &#252;ber die Lichtung. Er landete noch ein, zwei Treffer, aber ich wette, die Hmong sa&#223;en in den B&#228;umen und lachten sich ins F&#228;ustchen. Ein uniformierter Offizier? Damit lie&#223; sich m&#228;chtig Eindruck schinden. Sie durchsiebten ihn mit Blei.

Siri war verbl&#252;fft. Dann war das Ihrer fachm&#228;nnischen Meinung nach also nicht die Tat eines Mannes im Vollbesitz seiner geistigen Kr&#228;fte?

Alle &#220;berlebenden waren sich einig, dass der Teufel in ihn gefahren war, Doktor. Wir alle, ohne Ausnahme.



12

HINTER DEM SCHRANK 

Bei Kasi kam Herr Geung wieder auf die Bundesstra&#223;e 13. Er wusste nicht, dass es dieselbe Stra&#223;e war, die er vier Tage zuvor verlassen hatte. Die Stra&#223;en sahen alle gleich aus. Aber da die Sonne ihn nach S&#252;den lotste, wusste er, dass die Stra&#223;e in die richtige Richtung f&#252;hrte.

In seiner Hand lag ein spitzer Stock. Er diente ihm als Waffe gegen wilde Tiere. Der Stock, der den Tiger get&#246;tet hatte, war sehr viel gr&#246;&#223;er gewesen, doch der Ast hatte sich als zu schwer erwiesen, um ihn mitzuschleppen. Ein Stock war ein Stock. Und ein toter Tiger war ein toter Tiger.

Es war kurz vor Tagesanbruch, und er hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Der Tiger lag direkt unter ihm und wartete darauf, dass er m&#252;de wurde und vom Baum fiel wie eine reife Mango. Er hatte mehrmals versucht, ihm nachzuklettern, ohne Erfolg. Einmal hatte Geung ihm mit seinem Stiefel fast die Z&#228;hne eingetreten. Die Wucht des Tritts war so gro&#223; gewesen, dass der Tiger aus dem Gleichgewicht geraten und zu Boden gest&#252;rzt war. Geung hatte ein schlechtes Gewissen deswegen. Von da an schlief der ebenso frustrierte wie geduldige Tiger mit gespitzten Ohren. Sp&#228;ter &#252;berlegte Geung, ob das Tier das Knacken wohl geh&#246;rt hatte, bevor der Ast, auf dem er sa&#223;, gebrochen war. Er wusste nur noch, dass er und der Ast urpl&#246;tzlich mit rasender Geschwindigkeit in die Tiefe st&#252;rzten. Er h&#246;rte ein zweites Knacken, gefolgt von einem dumpfen Schlag, worauf ihm ein stechender Schmerz vom Stei&#223;bein aus zwischen die Schulterbl&#228;tter fuhr. Er landete im dichten Gras und wartete &#228;chzend und keuchend darauf, dass der Tiger kam und ihn in Fetzen riss. Doch der Tiger kam nicht.

Er wandte den Kopf und sah die Katze neben sich liegen, tot. Sie war wundersch&#246;n. Ihre Augen waren schwarz umrandet wie die der M&#228;dchen hinter dem Markt in der Hanoi Road. (Er hatte sie nur angeschaut, nicht angefasst.) Ihr dichtes Fell war prachtvoll gemustert. Er streckte den Arm aus und lie&#223; die Finger durch das weiche Haarkleid gleiten. Er w&#246;lbte die Hand sch&#252;tzend um ihr trauriges Gesicht. Der Ast hatte ihr das Genick gebrochen. Geung legte seine kalte Nase an ihre warme Schnauze und weinte.

Abgesehen von den Schaben im Leichenschauhaus und den Abermillionen M&#252;cken (die laut Dr. Siri keinen Schmerz empfanden und folglich auch kein Mitleid verdienten) hatte Herr Geung noch nie ein anderes Lebewesen get&#246;tet. Er sch&#228;mte sich schrecklich f&#252;r seinen ersten Mord. Er wusste, was es mit dem Tod auf sich hatte. Schlie&#223;lich hatte er jeden Tag damit zu tun. Der Tod war das Ende. Wenn ein Mensch tot war, kam er nicht mehr wieder. Auch dieses herrliche Tier kam jetzt nicht mehr wieder, und das war seine Schuld. Geung wusste auch, was nach dem Tod geschah. Er war mit den Schwestern in dem einen oder anderen Tempel gewesen und hatte gesehen, wie die Toten f&#252;r ihre Reise ins Nirwana vorbereitet wurden. Obwohl er nie einen hatte fortgehen sehen, wusste er, dass sie sich ins Paradies aufmachten. Die Schwestern hatten es ihm erkl&#228;rt.

Er musste auch der Tigerin die letzte Ehre erweisen. Das war das Mindeste, was er tun konnte. Trotz seiner Verletzung hatte er einen Gro&#223;teil des Vormittags im Wald verbracht und Reisig f&#252;r den Scheiterhaufen gesammelt. Das Tier war unglaublich schwer  zu schwer, um es auf die Stelzen zu hieven. Und so blieb ihm nichts anderes &#252;brig, als das Holz &#252;ber der toten Katze aufzuschichten. Buddha hatte hoffentlich nichts dagegen, wenn ein Verstorbener verkehrt herum eintraf. Mit den Streichh&#246;lzern aus seiner Tasche z&#252;ndete er die trockenen Zweige an und setzte sich neben das Feuer. Bald hatten die Flammen den Scheiterhaufen verschlungen, und die krude Konstruktion brach &#252;ber seinem Opfer zusammen. Das schmorende Fleisch duftete k&#246;stlich, und Geung knurrte der Magen, aber er kam gar nicht auf die Idee, dass sich solche Gedanken nicht geziemten.

Zwar wusste er nicht, welcher Texte die M&#246;nche sich bedienten, aber er wusste, dass bei Bestattungen gesungen wurde. Ihm ging ein Lied im Kopf herum, und so sang er es immer wieder, mit tiefer Stimme, wie er es bei den M&#246;nchen geh&#246;rt hatte.

Geht die Sonne morgens auf/Rutscht sie mir den Buckel rauf/Und abends sinkt vom Scheitel/sie mir in den Beutel.

Herr Geung wusste nicht, wie lange all das her war. Aber die Gewissheit, dass die Tigerin die Sonne fortan stets im R&#252;cken haben w&#252;rde, w&#228;rmte ihm das Herz. Au&#223;erdem war es ihr vorbestimmtes Schicksal.

Seitdem war er auf seinen Plattf&#252;&#223;en &#252;ber unz&#228;hlige H&#252;gel gewandert. Bei jedem Bach machte er halt und trank, widerstand jedoch dem Drang, ein Bad zu nehmen. Wage es nicht, dich zu waschen, hatte die alte Frau gesagt, als sie ihn mit ihrem M&#252;ckenbalsam eingerieben hatte. Deshalb hatte er sich seit Tagen nicht gewaschen und fing allm&#228;hlich an zu stinken. Aber er hatte es der alten Dame versprochen. Seine Haut sch&#228;lte sich, nicht nur im Nacken, auf den die Sonne erbarmungslos herniederbrannte, sondern auch unter seiner Kleidung; das Jucken war l&#228;stig und unangenehm.

Zu allem &#220;bel musste er feststellen, dass er langsam taub wurde. Und das nicht zum ersten Mal. Man hatte ihm gesagt, das sei bei Leuten wie ihm nicht ungew&#246;hnlich, weil sich Fl&#252;ssigkeit in seinen Ohren sammelte. Aber hier, am Ende der Welt, gab es keine Schwester, die ihm h&#228;tte helfen k&#246;nnen. Dtui existierte schlie&#223;lich nur in seinem Kopf.

Was solls. Auf nach Vientiane, sagte sie, und er marschierte los, mitten auf der mit Schlagl&#246;chern &#252;bers&#228;ten Stra&#223;e, mit einer Geschwindigkeit von ungef&#228;hr f&#252;nf Kilometern in der Stunde. Bis nach Hause waren es noch rund zweihundert Kilometer.




Dtui brauchte Siri dringender denn je. Und das nicht etwa, weil sie vor unl&#246;sbaren medizinischen Problemen stand. Nein. Sie brauchte Siri, weil sie mit zwei ganz und gar r&#228;tselhaften F&#228;llen konfrontiert war, f&#252;r die ihr kein medizinisches Lehrbuch dieser Welt eine Erkl&#228;rung liefern konnte. In dem ehemals totenstillen Schlafsaal sa&#223; hellwach ein vierj&#228;hriges M&#228;dchen und brabbelte mit der Stimme einer Siebzigj&#228;hrigen vor sich hin. Meej hatte sich ihr Geplapper eine Stunde lang angeh&#246;rt. Die Kleine war Laotin, sprach aber eindeutig Hmong. Wenn man dem Pfleger Glauben schenken durfte, erz&#228;hlte sie die Lebensgeschichte der alten Frau. Es schien, als lausche man einer Tonbandaufnahme all dessen, was die Frau jemals gesagt hatte, angefangen um 1940  und zwar im schnellen Vorlauf, sodass man kaum ein Wort verstand. Dtui hatte keinen Grund, an Meejs Einsch&#228;tzung zu zweifeln.

Und als sei das noch nicht verwirrend genug, war da auch noch der Antrag des Genossen Lit. Er lag ihr schwer auf der Seele, wie der Kadaver eines wohlgen&#228;hrten Faultiers. Obwohl die unterbezahlten Kollegen, die bei Kilometer 8 bis zum Umfallen schufteten, inzwischen ihre gr&#246;&#223;te Hochachtung genossen, hatte sie nicht die Absicht, mit ihnen &#252;ber ihre intimsten Gef&#252;hle zu sprechen. Sie brauchte einen Zyniker. Sie brauchte jemanden, der ihr den Kopf zurechtr&#252;ckte. Genosse Lit war gro&#223; und schlaksig, aber durchaus eine Umarmung wert. Er hatte ein freundliches, markantes und  im weitesten Sinne  h&#252;bsches Gesicht, neben dem sie gern aufgewacht w&#228;re, im Zweifelsfall sogar f&#252;r den Rest ihres Lebens.

Allein der Umstand, dass er sich wie ein Rindvieh benommen hatte, bewahrte sie davor, in seine Arme zu sinken und zu fl&#246;ten: Ja, ja, Liebster. Nimm mich. Aber konnte nicht auch ein Widerling einen guten Ehemann abgeben? Und w&#252;rde sie sich wirklich so sehr verbiegen m&#252;ssen, um an der Seite dieses hohlen, hirn- und charakterlosen Ekels zu bestehen? Gewiss, wenn sich eine Sau mit einem K&#246;ter paaren konnte, konnte auch Dtui zum braven Parteiweibchen mutieren: zur Gattin eines Mannes, der einen offiziellen Eheschlie&#223;ungsantrag stellte, bevor er um die Hand einer Frau anhielt. Keine Frage. Siri musste ihr ein paar ordentliche Ohrfeigen verpassen, damit sie wieder zur Besinnung kam.

Siri war in der Pr&#228;sidentenh&#246;hle und sa&#223; im Schneidersitz im Versteck des Kubaners. An der Geschichte von der Beziehung zwischen Isandro und der kleinen Vietnamesin war irgendetwas faul. Wenn die beiden Kubaner tats&#228;chlich &#252;ber die magische F&#228;higkeit verf&#252;gten, ihren Vater umzubringen, menschliche F&#246;ten in Affenbabys und Kehlk&#246;pfe in Pfirsichkerne zu verwandeln, h&#228;tten sie das bettl&#228;gerige M&#228;dchen doch blo&#223; zu verzaubern brauchen, um sich an ihm zu vergehen. Warum also h&#228;tte Isandro die Dem&#252;tigung und den Gesichtsverlust auf sich nehmen und ihren Vater um die Erlaubnis bitten sollen, ihr den Hof zu machen? Die Ger&#252;chte des Oberstabsfeldwebels klangen wenig plausibel.

Siri kam zu dem Schluss, dass er Odons Sachen ein zweites Mal durchforsten musste, Spinnen hin oder her. Er musste sich vergewissern, dass er auch nichts vergessen hatte. Er durchw&#252;hlte den Rucksack, sah unter der Strohmatte nach und arbeitete sich durch ein Regalbrett voller B&#252;cher, deren Titel ihm nichts sagten. Aber er fand nichts  nichts, was darauf hingedeutet h&#228;tte, dass zwischen Hong Lan, der rosa Orchidee, und den Kubanern auch nur der leiseste Zusammenhang bestand. Dennoch waren die beiden M&#228;nner zur&#252;ckgekommen. Warum? Sie hatten ihren R&#252;ckflug in die Heimat verfallen lassen und sich als erkennbare Au&#223;enseiter in einer feindseligen Umgebung freiwillig in eine gef&#228;hrliche Situation begeben. Wozu?

Siri war ein Meister in der Kunst der Selbstbefragung. Er brauchte dazu weiter nichts als eine zweite Stimme, die seine Fragen beantworten konnte. Doch immer, wenn er einen dienstbaren Geist am dringendsten ben&#246;tigte, war gerade keiner zur Stelle. Der Geist Odons, so er denn &#252;berhaupt noch in ihm steckte, war ihm bislang keine gro&#223;e Hilfe gewesen. Tanzen und Springen brachte sie in diesem Fall verdammt noch mal nicht weiter. Siri brauchte keinen Rhythmus; er brauchte L&#246;sungen.

Er lie&#223; den Lichtstrahl seiner Taschenlampe zum x-ten Mal durch die H&#246;hle wandern, &#252;ber die verstreuten Kleider, die Feuerstelle, das Bett, den gro&#223;en Teakholzschrank, der bedrohlich an der Wand stand. Er dachte zehn Jahre zur&#252;ck, an seinen kurzen Besuch in dieser H&#246;hle. Wozu hatte dieser Raum damals gedient? Er schloss die Augen und ging den Weg, den er damals gegangen war, in Gedanken ein zweites Mal. Eine Mutter und ihr Sohn aus China waren zu Besuch gewesen. Der Junge hatte sich unterwegs eine Hepatitis eingefangen. Es war nichts Ernstes. Er war ein kr&#228;ftiger Bursche, und wenn er sich ein wenig schonte und sich entsprechend ern&#228;hrte, war er im Handumdrehen wieder auf dem Damm.

Er hatte in einem der Sperrholzverschl&#228;ge gelegen. Das Wohnzimmer befand sich gleich nebenan, und die Schlafzimmer  genau. Dieser Kleiderschrank hatte damals im Schlafzimmer des Pr&#228;sidenten gestanden, am anderen Ende des Komplexes. Das hier waren die Gesch&#228;ftsr&#228;ume gewesen, wo Konferenzen abgehalten und Schlachtpl&#228;ne geschmiedet wurden. Wie, um alles in der Welt, kam jemand auf die abstruse Idee, einen schweren alten Schrank quer durch die gesamte H&#246;hle zu schleifen? Das elende Trumm war offenbar so schwer, dass man es gar nicht erst in das neue Haus hin&#252;bergeschleppt, sondern einfach hier zur&#252;ckgelassen hatte. Aber warum stand es dann nicht an seinem angestammten Platz? Die Kubaner mussten es selbst hierhergeschafft haben. Nur weshalb?

Er stand auf und trat vor den Schrank. Das Innenleben hatte er bereits einer genauen &#220;berpr&#252;fung unterzogen, ohne Erfolg. Er schloss die T&#252;ren und inspizierte die Vorderseite im Schein seiner Lampe. Nichts. Auch die rechte Seite lie&#223; nichts Ungew&#246;hnliches erkennen. Er wollte eben auf die linke Seite wechseln, als er pl&#246;tzlich auf etwas trat und ins Straucheln geriet; fast w&#228;re er gest&#252;rzt. Das Etwas stie&#223; mit einem Klingeln gegen die Wand und rollte zur&#252;ck in seine Richtung. Es dauerte eine Weile, bis er sich von dem Schreck erholt hatte und wieder einigerma&#223;en Luft bekam.

Er richtete seine Taschenlampe auf den Boden. Und sah, worauf er ausgerutscht war. Der Fu&#223;boden war mit Kugellagern &#252;bers&#228;t, wie sie in Lastwagen- oder Traktorr&#228;dern zum Einsatz kamen. Sie lagen zu Hunderten auf dem Fu&#223;boden verstreut. Bei seinem letzten Besuch hatte er sie nicht bemerkt. Aber damals war er ja auch nicht um den Schrank herumgegangen. Als er sie sah, wusste er sofort, wozu sie dienten. Die Idee war einfach, aber genial. Und stammte vermutlich von demselben kreativen Geist, der auch die t&#228;uschend echte T&#252;rattrappe ersonnen hatte. Er ging zur rechten Schrankseite zur&#252;ck und schob. Es erforderte keinen allzu gro&#223;en Kraftaufwand. Dank der Kugellager glitt der massive Holzschrank majest&#228;tisch beiseite wie auf Eis.

Siri trat zur&#252;ck und bewunderte seine Entdeckung. In der H&#246;hlenwand hatte sich eine etwa mannsgro&#223;e &#214;ffnung aufgetan. Das Herz pochte ihm bis zum Hals. Es war, als habe er in einer antiken Pyramide die geheime Grabkammer des Pharaos entdeckt. Er leuchtete mit der Taschenlampe in den Durchgang. Er hatte ihn gefunden. Vor ihm lag der Tempel der Kubaner  eine kleine Kammer, kaum gr&#246;&#223;er als ein Luftschutzraum. Hier befanden sich ihr Opferaltar, ihr Kessel und die dazugeh&#246;rigen Utensilien. Ihn befiel eine d&#252;stere Ahnung. Von hier aus praktizierten sie ihre schwarze Magie, da gab es f&#252;r ihn kaum einen Zweifel.

Er holte den wei&#223;en Talisman hervor und lie&#223; ihn offen auf seine Hemdbrust baumeln. Er holte tief Luft, dann kletterte er durch die &#214;ffnung, um sich den Tempel aus der N&#228;he anzusehen. Im Innern stie&#223; er auf zwei weitere Strohmatten, von besserer Qualit&#228;t als die Lagerstatt im vorderen Zimmer, eine davon mit einem fleckigen Tuch bezogen. T&#246;pfe und Tiegel mit geheimnisvollen Pulvern und Pasten. In einer Ecke stapelten sich Bonbons aus karamellisiertem Opiumsaft. In dieser Form bewahrte die Droge ihre Wirkung &#252;ber Jahre. Er bemerkte den unverkennbaren Geruch von getrocknetem Blut und trat vor den Opferaltar. Er war recht breit, in jedem Falle breit genug f&#252;r einen Menschen. Dahinter standen Fotografien, doch als er die Hand ausstreckte, um sie zu ber&#252;hren, begann der Talisman auf seiner Brust zu zittern.

Er fragte sich, welche D&#228;monen die beiden hier herbeigerufen, welch b&#246;se Geister sie zum Leben erweckt hatten. Er sp&#252;rte, dass dort oben, im Schatten des k&#252;hlen Felsens etwas lauerte. Etwas Unsichtbares, das auch seine Taschenlampe nicht an den Tag zu bringen vermochte. Sein Instinkt riet ihm, den R&#252;ckweg anzutreten. Jetzt wusste er, dass ein finsterer kubanischer Geist in seinem K&#246;rper wohnte, und das machte ihn empf&#228;nglich, angreifbar. Obgleich leise Panik ihn beschlich, zwang er sich, die Hand noch einmal nach den Fotos auszustrecken, die mit Klebeband hinter dem Altar befestigt waren. Als er sie abriss, schienen die Felsen ringsum schrille Schreie auszusto&#223;en.

Er wandte sich eilig zum Gehen und st&#252;rzte durch die &#214;ffnung. Auf der anderen Seite blieb er nach Atem ringend liegen. In Gefahrensituationen versagte die Lunge ihm den Dienst. Wieder einmal hatte er den Rat des Schamanen missachtet: Du darfst den Geist Yeh Mings unter keinen Umst&#228;nden in Gefahr bringen. Du musst dich und deinen Urahn sch&#252;tzen, koste es, was es wolle.

Siri fragte sich, welcher Charakterschw&#228;che er seinen Hang zum Risiko verdankte. Er war tief entt&#228;uscht von sich. Als er sich halbwegs beruhigt hatte, rollte er den Schrank wieder vor den Eingang der geheimen Kammer, lehnte sich gegen die T&#252;r und richtete seine Lampe auf die Fotos. Eins war kaum gr&#246;&#223;er als ein Passbild. Es zeigte einen gutaussehenden Schwarzen in h&#246;lzerner Studiopose. Das andere Foto war gr&#246;&#223;er, etwa f&#252;nfzehn mal zwanzig Zentimeter. Es war ebenfalls ein Atelierportr&#228;t. Das M&#228;dchen  bei dem es sich zweifellos um Hong Lan, die Tochter des Obersts, handelte  richtete den Blick auf einen Punkt &#252;ber der linken Schulter des Fotografen. Sie war eine langhalsige Sch&#246;nheit mit scheuem Mona-Lisa-L&#228;cheln und einer rosa Lotusbl&#252;te im Haar.

Siri verstand nur zu gut, warum Isandro sich in sie verliebt hatte. Welcher Mann h&#228;tte ihr widerstehen k&#246;nnen? Aber darum ging es nicht. Die Tatsache, dass die Bilder im Zentrum eines Opferaltars standen, lie&#223; f&#252;r Siri nur einen Schluss zu. Die Kubaner hatten das M&#228;dchen verhext. Sie hatten ihr buchst&#228;blich das Herz geraubt und sie gegen ihren Willen gezwungen, diesen Mann zu lieben. Odon musste tot sein, sonst h&#228;tte er nicht in Siri fahren k&#246;nnen. Siri wusste nicht, warum der Mann ausgerechnet ihn f&#252;r seine Zwecke ausersehen hatte, konnte sich den Grund aber durchaus vorstellen. Siri bef&#252;rchtete, dass der Endoke-Priester seinen K&#246;rper ben&#246;tigte, um das zu Ende zu f&#252;hren, was in diesem Tempel begonnen hatte. Er wusste, dass er Hong Lan finden musste, vermutete jedoch, dass Odon genau das von ihm wollte. Brachte er das M&#228;dchen wom&#246;glich von Neuem in Gefahr, wenn er mit ihm Verbindung aufnahm? Und gesetzt den Fall, Hong Lans Familie hatte Odon umgebracht: War es dann nicht besser, die Leichen im sprichw&#246;rtlichen Keller zu belassen, um das M&#228;dchen nicht unn&#246;tig zu gef&#228;hrden?



13

DER KLEINE BLAUE PEUGEOT 

Im Juli 1977 lag das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Laoten bei etwas &#252;ber achtzig Dollar. Vieles, was im Westen als lebensnotwendig galt, war in Laos ein unerschwinglicher Luxus, den man bestenfalls aus ausl&#228;ndischen Hochglanzmagazinen kannte. So auch Benzin. Die meisten Leute, die ein Auto besa&#223;en und sich nicht rechtzeitig nach Thailand abgesetzt hatten, betrachteten ihre Gef&#228;hrte als stillgelegt und nutzten sie als Gartenlaube oder Rumpelkammer auf R&#228;dern. Das Gros der Fahrzeuge auf laotischen Stra&#223;en geh&#246;rte entweder dem Staat oder Ausl&#228;ndern. Wer einen Privatwagen sein Eigen nannte und sich weder der einen noch der anderen Kategorie zugeh&#246;rig f&#252;hlte, stand unter Generalverdacht.

Herr Geung hatte sich alle M&#252;he gegeben, den Rat des Igels zu befolgen und die Stra&#223;e sofort zu verlassen, wenn er ein Motorenger&#228;usch h&#246;rte. Er war zu Tode ersch&#246;pft. Seine F&#252;&#223;e waren mit Blasen &#252;bers&#228;t, und die Muskeln in seinen Beinen flehten ihn f&#246;rmlich an, endlich Rast zu machen. Aber er musste ins Leichenschauhaus zur&#252;ck. Dtui hatte ihm geholfen, sich aus Bananenbl&#228;ttern einen Hut zu flechten, der vor der Sonne Schutz bot und ihm obendrein zur Zierde gereichte. Sie war stets an seiner Seite, geizte nicht mit guten Ratschl&#228;gen und feuerte ihn an. Ohne sie h&#228;tte er es niemals so weit geschafft, auch wenn er nicht recht wusste, wie weit er gekommen war.

Da sein Geh&#246;r langsam nachlie&#223;, nahm er die herannahenden Lastwagen und Transporter immer sp&#228;ter wahr. Doch seit etwa einer Stunde befand er sich allein auf weiter Flur. Fast schien es, als ginge der Landstra&#223;e, genau wie Geung, die Puste aus. Der Asphalt hatte sich nach und nach in Kies, der Kies wiederum in Sand verwandelt. Da ihm die Sonne auf die Schulter schien, wusste Geung, dass er auf dem richtigen Weg war, aber die Stra&#223;e unter seinen F&#252;&#223;en schien die Hoffnung aufgegeben zu haben, jemals in Vientiane anzukommen.

Da pl&#246;tzlich schoss ein Auto  ein kleiner blauer Peugeot  aus einem Feldweg knapp hundert Meter weiter. Herr Geung ging mitten auf der Stra&#223;e, die durch offenes Gel&#228;nde verlief. Da er sich nirgends verstecken konnte, marschierte er einfach weiter geradeaus. Schlie&#223;lich gab es keinen Grund zur Sorge. Die alte Frau hatte ihm eingesch&#228;rft, sich vor Armeefahrzeugen in Acht zu nehmen. Und die Armee fuhr keine kleinen blauen Autos, so viel stand fest. Er hoffte, der Fahrer w&#252;rde ihn ignorieren und vorbeifahren, doch der Wagen hielt neben ihm. Der Fahrer hatte offenbar angenommen, auch Geung w&#252;rde stehen bleiben und ihn ansprechen, aber Geung lie&#223; sich nicht beirren. Nach einer Weile setzte der Peugeot zur&#252;ck und rollte langsam neben ihm her.

Der Fahrer war ein Mann mittleren Alters mit schwarz gef&#228;rbtem Haar und einer Zigarette zwischen den Lippen. Guten Tag, Genosse, schrie er gegen den jaulenden Motor an.

Ich  ich gehe, sagte Geung.

Das sehe ich, Bruder. Gehst du freiwillig zu Fu&#223; oder gezwungenerma&#223;en?

Ja.

Was, ja?

Ich  ich g ich gehe ins Leichenschauhaus.

Oha. Warum so pessimistisch, Bruder? Am Gehen ist noch keiner gestorben. Wo willst du denn hin?

Dass der Wagen r&#252;ckw&#228;rtsfuhr, fand Herr Geung komisch. So komisch, dass er lachen musste. Er hatte die ganze Woche noch kein einziges Mal gelacht. Vientiane, sagte er.

Na, das k&#246;nnte durchaus t&#246;dlich enden. Zumal du auf der falschen Stra&#223;e unterwegs bist. Du h&#228;ttest vor gut f&#252;nfzehn Kilometern links abbiegen m&#252;ssen, auf die Bundesstra&#223;e 13. Du hast die Abzweigung verpasst.

Ich muss i immer geradeaus.

Dann landest du schnurstracks in Thailand. Pass auf, Genosse. Ich fahre nach Vang Vieng. Das liegt auf halber Strecke nach Vientiane. Das erspart dir einen Riesenfu&#223;marsch.

Vang Vieng. Davon hatte Geung schon einmal geh&#246;rt. Er wusste zwar nicht, wo es lag, aber die Leute in seinem Dorf hatten oft davon gesprochen. Wenn es in der N&#228;he seines Dorfes lag, konnte es von Vientiane nicht allzu weit entfernt sein.

Na gut, sagte er und blieb stehen. Der Fahrer &#246;ffnete die Beifahrert&#252;r. Auf dem Sitz lag eine Pistole; der Fahrer verstaute sie eilig im Handschuhfach.

Kein Grund zur Sorge, beruhigte ihn der Mann. Geung kletterte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den Beifahrersitz. Als er sa&#223;, beugte der Fahrer sich zur Seite und zog die T&#252;r zu. Sein Fahrgast stank wie eine Latrine. Der Mann stellte sich als Woot vor. Geung stellte sich als Genosse Geung vor, und sie gaben sich die Hand. Woot hatte klebrige Finger, als h&#228;tte er soeben eine Portion Klebreis vertilgt und vergessen, sich die H&#228;nde zu waschen. Wobei Geung einfiel, dass sein Proviant alle war und er Hunger hatte.

Der kleine blaue Peugeot fuhr eine Weile die alte Stra&#223;e entlang und bog dann  genau wie Woot versprochen hatte  auf die Bundesstra&#223;e 13. Geung hatte das Schild zwar gesehen, es aber nicht weiter beachtet, weil die Sonne wollte, dass er geradeaus ging. Nach ein paar Kilometern kamen sie zu einem hohen Wegweiser mit den Namen all der Orte, an denen die Stra&#223;e vorbeif&#252;hrte. Der Fahrer ging vom Gas.

Siehst du, Bruder? sagte er. Da stehts, in der Mitte. Vang Vieng. Kannst du das lesen?

Aber Geung freute sich viel mehr &#252;ber den letzten Namen auf der Liste. Er hatte ihn auf Anhieb entziffert. Er sah Woot breit grinsend an und starrte dann wieder auf das Schild.

Vvvv ien-tiane, sagte er. Vvvvientiane.

Es war das sch&#246;nste Wort, das er jemals buchstabiert hatte. Er konnte gar nicht mehr aufh&#246;ren zu grinsen. Der Wagen nahm Tempo auf, und Geung betrachtete die vorbeiziehenden Reisfelder, bleckte die Z&#228;hne und genoss die warme Luft, die durchs Fenster hereinwehte. Er war gl&#252;cklich und zufrieden. Er &#252;berlegte, wie sch&#246;n es w&#228;re, wenn Genosse Woot bis nach Vientiane durchfahren w&#252;rde. Was er nicht wusste: Genosse Woot fuhr noch nicht einmal bis Vang Vieng.

Siri sa&#223; allein im Speisesaal des G&#228;stehauses und starrte in seinen Kaffee, der so stark war, dass der L&#246;ffel darin stehen blieb. Es war seine zweite Tasse. Ihm fehlten die Baguettes, die Omelettes und der fangfrische Flussfisch aus Vientiane. In diesem Teil des Landes herrschte keine D&#252;rre. Im Gegenteil. Der Nordosten bl&#252;hte und gedieh. Civilai hatte einmal gesagt, wenn man in dieser Gegend einen Zitronendrops fallen lasse, bl&#252;he dort binnen einer Woche ein Zitronenbaum. Weshalb Siri es umso r&#228;tselhafter fand, dass die Speisekarte im G&#228;stehaus Nr. 1 weiter nichts zu bieten hatte als feu-Reisnudeln mit Kohl.

Der Kaffee sollte den Kohlgeschmack vertreiben und seinen bleiernen Verstand auf Touren bringen. Er hatte jede Menge kleiner Hinweise und Anhaltspunkte, zwischen denen sich jedoch beim besten Willen kein sinnvoller Zusammenhang herstellen lie&#223;. In der vergangenen Nacht hatte ihn die Disco bis zwei Uhr morgens wachgehalten. Eine infernalische Bongotrommel wollte ihn in die H&#246;hle zur&#252;cklocken  tapfer widerstand er der Versuchung. Auch seine Hoffnung auf einen Traum erf&#252;llte sich nicht: Als der Schlaf ihn schlie&#223;lich &#252;bermannte, gab es leider nichts zu sehen. Er konnte sich jedenfalls an nichts erinnern.

Er erwachte kurz vor Tagesanbruch, weil er dringend zur Toilette musste. Ein l&#228;stiger Drang, denn das stille &#214;rtchen lag erstens im Parterre und zweitens im Dunkeln. Aber er hatte ein Alter erreicht, in dem die Blase eines Mannes den Spitzenplatz auf der Rangliste der Organe einnahm. Sie diktierte die Spielregeln. Er schl&#252;pfte in seine Sandalen und ging in den Gemeinschaftswaschraum hinunter. Die Luft war still und kalt. Stinkendes Wasser quatschte unter seinen Sohlen. Er legte die Taschenlampe auf die Trennwand. Noch war sein Ged&#228;chtnis nicht so schwach, dass er zum Pinkeln eines Suchscheinwerfers bedurft h&#228;tte. Der Lichtkegel war auf die Duschkabinen gerichtet.

Das tropfende Wasserrinnsal hinter ihm verwandelte sich nach und nach in einen Strahl, als h&#228;tte jemand eine Dusche aufgedreht. Er lie&#223; seinen Sarong sinken und drehte sich um. Das Wasser unter seinen F&#252;&#223;en war drastisch gestiegen. Aus der Dusche gegen&#252;ber ergoss sich ein unfassbarer Wasserschwall  erheblich mehr, als durch ein Bleirohr passte. Siri hatte gelernt, seine Angst in solchen Momenten zu &#252;berwinden. Es war seine D&#228;mmerstunde, die Zeit kurz vor Sonnenaufgang, an der Grenze zwischen Schlafen und Wachen. Eine Zeit des Sehens und des Lernens. Es gab keinen Grund zur Panik.

Das Wasser st&#252;rzte von der Decke der Duschkabine wie ein Gebirgswasserfall. Es reichte ihm inzwischen bis zu den Knien. Es hatte keine Temperatur, keine Substanz. Etwa zwei Meter entfernt konnte er einen undeutlichen Umriss unter der Oberfl&#228;che ausmachen. Er nahm seine Taschenlampe und leuchtete damit ins Wasser. Es war Isandro. Er lag auf den Badezimmerfliesen ausgestreckt wie ein Leichnam, der f&#252;r die Bestattung vorbereitet wird, die riesigen H&#228;nde &#252;ber der Brust gefaltet wie zum Gebet. Er sah ruhig und friedvoll aus  erf&#252;llt.

Pl&#246;tzlich riss ein lautes H&#228;mmern an der T&#252;r Siri aus dem Schlaf. Es war ein w&#252;tendes H&#228;mmern. Seine T&#252;r hatte kein Schloss, deshalb hatte er einen Stuhl unter die Klinke geklemmt, was ihm das Zimmerm&#228;dchen, das zehn Mal t&#228;glich ohne anzuklopfen hereinplatzte, offensichtlich &#252;bel nahm.

Wer ist da?, fl&#246;tete er, obwohl er die Antwort bereits kannte.

Ihr Fr&#252;hst&#252;ck, blaffte sie, steht auf dem Tisch. Wenn Sie nicht in f&#252;nf Minuten unten sind, ist es kalt.

Sie sind ein Engel in Sackleinen, rief er durch die geschlossene T&#252;r. Die Partei wird es Ihnen danken, dass Sie mich bei Kr&#228;ften halten.

Da er aus Erfahrung wusste, dass sein Fr&#252;hst&#252;ck ohnehin kalt sein w&#252;rde, ganz gleich, ob er f&#252;nf oder f&#252;nfzig Minuten brauchte, nahm er sich f&#252;r seine morgendlichen Verrichtungen reichlich Zeit. Dann ging er hinunter, stocherte lustlos in seinen lauwarmen Nudeln und machte sich Gedanken &#252;ber das R&#228;tsel der vergangenen Nacht. Eine Stunde sp&#228;ter sa&#223; er noch immer vor seiner zweiten Tasse Seeschlamm und sann &#252;ber die Vision nach, die ihm im Waschraum zuteilgeworden war. Wenn Isandro friedlich gestorben war, warum fand Odons Geist dann keine Ruhe? Was spielte das Wasser f&#252;r eine Rolle? War er ertrunken? Warum konnten Siris Geisterkollegen die Anworten nicht einfach an eine Tafel schreiben? Warum musste alles so kryptisch sein?

Guten Morgen, Doc.

Siri blickte auf. Zu seinem Erstaunen stand Dtui in der T&#252;r des Speisesaals. Ihr ehemals wei&#223;er Schwesternkittel sah aus, als habe sie ihn einem abstrakten Maler aus dem Ostblock als Leinwand zur Verf&#252;gung gestellt. Sie hatte die kleine Panoy auf dem Arm, die trotz ihrer Schienen und Verb&#228;nde einen recht fidelen Eindruck machte. Der Anblick der beiden riss Siri aus seinen Gr&#252;beleien.

Morgen, Panoy. Morgen, Schwester Dtui. Was machen Sie denn hier?

Die Kubaner sind gelandet. Sie sind gestern Abend eingetroffen. Damit ist mein Dienst beendet.

Wie sind Sie hierhergekommen?

Mit dem Lastwagen, der die neuen &#196;rzte vom Flughafen abgeholt hat.

Sie haben sich doch nicht etwa als Kinderm&#228;dchen verdingt?

Ich habe herausbekommen, aus welchem Dorf ihre Mutter stammt. Sobald sie wieder gesund ist, bringe ich sie nach Hause.

Nett von Ihnen. Die Knochenbr&#252;che sind vermutlich bald verheilt. Wir k&#246;nnen sie jederzeit zur&#252;ckbringen.


&#196;h 

Ja?

Die Knochenbr&#252;che sind meine geringste Sorge.

Er legte der Kleinen die Hand auf die Stirn und sah ihr in die Augen. Hat es Komplikationen gegeben?

Das kann man wohl sagen. Die Fahrt mit dem Lastwagen hat sie ein wenig beruhigt, aber es kann jeden Moment wieder losgehen.

Was kann jeden Moment wieder losgehen?

Frau Wunderlichs Geist verf&#252;gte &#252;ber ein exzellentes Timing. Noch w&#228;hrend Siri die Kleine anstarrte, ging eine tiefgreifende Ver&#228;nderung mit ihr vor. Sie kicherte kurz wie eine Vierj&#228;hrige, dann machte sie da weiter, wo sie aufgeh&#246;rt hatte, mit der Stimme einer alten Frau.

Nanu. Siri zog seine buschigen wei&#223;en Augenbrauen hoch und machte ein verwundertes Gesicht. Der Empfang scheint irgendwie gest&#246;rt zu sein.

Erz&#228;hlen Sie mir mehr.

Genaueres kann ich Ihnen leider auch nicht sagen. Wenn sie ein Radio w&#228;re, brauchten wir nur ein wenig an der Antenne herumzufummeln. Aber der Fall liegt offenbar ein wenig komplizierter. Um nicht zu sagen sehr viel komplizierter.

Herr Woot  Spitzel, Kopfgeldj&#228;ger und H&#252;hner z&#228;hlender Khon-Khouay-Bevollm&#228;chtigter in Personalunion  sa&#223; im B&#252;ro des &#246;rtlichen Rebellenabwehrdienstes acht Kilometer vor Vang Vieng. Er grinste noch immer wie der Sambo auf einer Tube Darkie-Zahnpasta, wenn auch nicht mehr ganz so breit wie zuvor. Woots Beute sa&#223; sicher und wohlbehalten in ihrer Zelle, und Woot wartete auf sein Kopfgeld. Sobald er seinen Lohn erhalten hatte, wollte er zur&#252;ck auf die Stra&#223;e, um Aufst&#228;ndische aufzusp&#252;ren, Doppelagenten zu enttarnen und Sympathisanten des royalistischen Regimes unsch&#228;dlich zu machen. Aber der Bezirksstellenleiter wollte ihn nicht ausbezahlen.

Woot, sagte er. Wei&#223;t du was? Ich glaube nicht, dass Vientiane mir deine Geschichte abkauft.

Was soll das hei&#223;en?, entgegnete Woot aufgebracht. Ich habe ihn in flagranti dabei erwischt, wie er sich am Flugplatz Notizen machte.

Und wo sind die Beweise?

Mann, ich habs dir doch erkl&#228;rt. Bevor ich ihm den Zettel wegnehmen konnte, hatte er ihn auch schon verschluckt. H&#228;tte ich ihm vielleicht die Finger in den Rachen schieben und den Wisch wieder herausfischen sollen, oder was?

Hauptmann Bounyasith war ein alter Saufkumpan von Woot und erhielt einen prozentualen Anteil an s&#228;mtlichen Kopfgeldern, die er seinen Au&#223;endienstmitarbeitern ausbezahlte. Er gab sich alle M&#252;he, die Geschichte ins Rollen zu bringen, aber sie kam einfach nicht vom Fleck. Au&#223;erdem, sagte er, ist der Flugplatz seit dem Abzug von Air America stillgelegt.

Aufkl&#228;rung, Genosse. Aufkl&#228;rung. Die Aufst&#228;ndischen haben den Flugplatz offenbar als k&#252;nftiges Operationsziel ins Auge gefasst. Komm schon. Lass mich nicht h&#228;ngen, Bruder.

Ich sage dir nur, was ich dazu aus Vientiane zu h&#246;ren bekommen werde. Weiter nichts. Der m&#252;de alte Hauptmann tunkte seufzend einen vietnamesischen Keks in seinen Tee. Der Keks zerbrach, und die Einzelteile versanken in der Tasse. Der Hauptmann fluchte halblaut. Alles schien ihm unter den Fingern zu zerbr&#246;ckeln.

Na sch&#246;n, lenkte Woot schlie&#223;lich ein. Immerhin sitzt der Aufst&#228;ndische hinter Gittern.

Der Hauptmann fischte mit einem Kugelschreiber nach den &#220;berresten des verlorenen Backwerks, fand jedoch nicht den geringsten Hinweis darauf, dass der Keks jemals existiert hatte. Hast du denn nicht gemerkt, dass der Bursche nicht ganz dicht ist?, sagte er. Oder dachtest du, das f&#228;llt beim Verh&#246;r schon keinem auf?

Alles Tarnung.

Tarnung? Du meinst, er tut nur so, als ob er aussehen w&#252;rde, wie er aussieht? Du meinst, er hat in Wahrheit gar keinen Sprachfehler und auch keine H&#246;rprobleme? Du meinst, er hat weder schuppige Haut noch Plattf&#252;&#223;e und stinkt auch nicht wie eine Feldlatrine?

Eine Weile herrschte Schweigen.

Er ist gut, das muss man ihm lassen.

Hauptmann Bounyasith lehnte sich zur&#252;ck und kippte seinen Tee durch das offene Fenster in den Hof. Sie h&#246;rten, wie die H&#252;hner sich gackernd dar&#252;ber hermachten. Nein, Woot. Das haut nicht hin. Das glaubt uns doch kein Mensch.

Schei&#223;e! Der Spitzel, der in der ganzen Provinz als Spitzel bekannt und ber&#252;chtigt war, stand auf und verfluchte sein Gl&#252;ck. Was hast du mit ihm vor?

Ich gebe ihm einen Happen zu essen und lasse ihn dann wieder laufen.

Er hatte nicht zuf&#228;llig Geld bei sich?

Keinen blanken Kip.

Mist. Nicht mal mein Benzingeld kriege ich zur&#252;ck. Was f&#252;r ein Schei&#223;tag.



14

FRAU WUNDERLICH KEHRT HEIM 

Obwohl Frau Wunderlichs Dorf nur f&#252;nf Kilometer von Vieng Xai entfernt lag, f&#252;hrte keine Stra&#223;e dorthin. Siri, Dtui, Panoy und ihr F&#252;hrer waren einem schmalen Pfad gefolgt, der sich gem&#228;chlich durch ein sanftes Tal schl&#228;ngelte, vorbei an Felsnadeln, die wie obsz&#246;n gereckte Finger in die H&#246;he ragten. Das Dorf lag dummerweise auch noch auf einer H&#252;gelkuppe, als ob es sich in grauer Vorzeit vor einer Flut dorthin gefl&#252;chtet h&#228;tte. Die letzten f&#252;nfzig Meter schien es fast senkrecht bergan zu gehen. Dtui hatte Panoy den ganzen Weg getragen, und obwohl die Kleine kaum mehr wog als eine Feder, hatte Dtui das Gef&#252;hl, dass ihr das letzte St&#252;ck den Rest geben w&#252;rde. Zum Gl&#252;ck erkannte das M&#228;dchen, das Frau Wunderlichs F&#252;&#223;e mit Blut bestrichen hatte, die dicke Krankenschwester wieder und kam ihr entgegen, um sie von ihrer Last zu befreien.

Die Dorfbewohner hie&#223;en sie verwirrt willkommen und f&#252;hrten sie zur H&#252;tte des Schamanen, der in einer Ecke sa&#223; und sich langsam hin und her wiegte. Mit einer m&#252;den Armbewegung bat er die Fremdlinge herein. Er war um die vierzig, muskul&#246;s und freundlich, aber derart benebelt, dass Siri und Dtui bei seinen Worten beinahe eingeschlafen w&#228;ren. Er hatte angeblich einen Trank aus heimischen Kr&#228;utern erfunden, der, dreimal t&#228;glich eingenommen, jedes Hungergef&#252;hl vertrieb. Er versetzte ihn au&#223;erdem in einen anhaltenden Rauschzustand, den er nur ungern durch Arbeit unterbrach.

Wissen Sie, lallte er mit schwerer Zunge, ein Exorzismus bedarf gr&#252;ndlicher Vorbereitung. Das kann viele, viele Tage dauern. Manchmal sogar Wochen. Jahre. Er hatte offenbar keinen Schimmer, wer ihm gegen&#252;bersa&#223;. Dr. Siri wusste nur zu gut, dass sich ein Exorzismus notfalls auch binnen einer Stunde zuwege bringen lie&#223;. Sofern die geistige Verfassung des Schamanen es erlaubte. Was hier eindeutig nicht der Fall war.

Gro&#223;er, verehrter Hexenmeister, sagte Siri. Sie haben selbstverst&#228;ndlich Recht. Aber hier in Ihrem Dorf liegt eine arme, bedauernswerte Frau in Betelnussbl&#228;tter geh&#252;llt, die nicht verbrannt werden kann, solange ihre Seele nicht in ihren K&#246;rper zur&#252;ckgekehrt ist. Wir haben Ihnen diese Seele mitgebracht, sie steckt im K&#246;rper dieses kleinen M&#228;dchens. Einen Exorzismus kann man das kaum nennen  ich w&#252;rde es eher mit einer Yamswurzel vergleichen, die es in einen anderen Garten umzusetzen gilt. Es k&#246;nnte einfacher nicht sein.

Ganz so einfach war es nat&#252;rlich nicht, aber Siri brauchte den Schamanen nur dazu zu bringen, sein Handwerkszeug zusammenzusuchen, den Rest w&#252;rde Yeh Ming erledigen. Der Schamane stie&#223; einen langen, tiefen Seufzer aus und begann die damit verbundenen Schwierigkeiten aufzuz&#228;hlen. Siri hatte f&#252;r solchen Unsinn keine Zeit. Er beschloss, dem Mann ein wenig Feuer unter dem Hintern zu machen. Er ergriff seine Hand und dr&#252;ckte sie fest. Die Anwesenden bemerkten, wie mit dem Schamanen eine Ver&#228;nderung vor sich ging. Er schien Dinge zu schauen, die au&#223;er ihm niemand sehen konnte. Als w&#252;rde er mit Informationen vollgepumpt wie ein Autoreifen mit Luft. Bevor er platzen konnte, lie&#223; Siri seine Hand los.

Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Der Schamane l&#228;chelte. Herzlich willkommen.

Binnen Stundenfrist standen die n&#246;tigen Requisiten bereit. Der Schamane trug einen roten Umhang mit heruntergezogener Kapuze. Es war eine bescheidene Angelegenheit. Au&#223;er den beiden Betroffenen, dem Schamanen, Siri und Dtui waren nur drei Zeugen zugegen, unter ihnen auch die Ehefrau des Schamanen, die diverse Schlaginstrumente spielte, was sich anh&#246;rte wie eine Schublade voll klappernder K&#252;chenutensilien. Normalerweise h&#228;tte es Siri nicht gest&#246;rt, aber jetzt verursachte ihr mangelndes Rhythmusgef&#252;hl ihm bislang ungekannte Qualen.

Er hatte all das schon einmal erlebt, wenn auch in ungleich gr&#246;&#223;erem Ma&#223;stab, doch f&#252;r Dtui war es die erste paranormale Zeremonie, und sie wollte, sie h&#228;tte die Geistesgegenwart besessen, die Kamera aus der Pathologie mitzunehmen. Fasziniert betrachtete sie das Tablett, auf dem Steine und Schmuckgegenst&#228;nde, ein Dolch und, als Opfergaben, Zigaretten und Lebensmittel lagen. Den Kegel aus kunstvoll gefalteten Bananenbl&#228;ttern, den sie schon des &#214;fteren bei Hochzeiten und Beerdigungen, aber noch nie so &#252;ppig geschm&#252;ckt gesehen hatte. Lange, ungesponnene wei&#223;e Baumwollf&#228;den zogen sich von der Spitze des Gebildes zu Panoy und Frau Wunderlich, die r&#252;cklings auf dem Fu&#223;boden lagen. Zu ihrer aller Gl&#252;ck hatten die Frauen des Dorfes den Leichnam der alten Dame mit Parf&#252;m und Moschus&#246;len eingerieben, die den Verwesungsgeruch des Todes so weit d&#228;mpften, dass die Zeremonie stattfinden konnte.

Der Schamane hockte volle zwanzig Minuten im Schneidersitz vor dem Schrein und skandierte eine Reihe reichlich abgedroschener Mantras. Ein zeremonieller Dolch ragte aus der lockeren Erde zu seinen F&#252;&#223;en. Siri schloss die Finger um sein Amulett. Ein nerv&#246;ser Angstschauer kroch ihm ins Genick. Bei seinem letzten Exorzismus hatten die Phibob den Schamanen get&#246;tet und Siri fast das Leben ausgesaugt. Diesmal war er besser vorbereitet, trotzdem hoffte er inst&#228;ndig, dass die b&#246;sen Geister zu so fr&#252;her Stunde noch schliefen.

Der Schamane, der dem Nirwana ohnehin ein St&#252;ckchen n&#228;her schien als viele andere, verfiel rasch in Trance. Seine Frau zog ihm die Kapuze &#252;ber den Kopf, und Dtui fragte sich, ob er jetzt &#252;berhaupt noch sehen konnte, was er tat. Aber er brauchte seine Augen nicht. In den n&#228;chsten paar Minuten w&#252;rden all seine Bewegungen von einem Un-Wesen gesteuert. Siri hatte Medien gesehen, die von den Geistern, die sie beschworen hatten, quer durch den Raum geschleudert worden waren. Er hatte Schamanen gesehen, die sich selbst mit F&#228;usten traktiert oder zu schweben begonnen hatten. Doch von derlei Sperenzchen war dieser Mann meilenweit entfernt. Der Geist, der ihn heimsuchte, war offenbar genauso lethargisch wie er selbst.

Er erhob sich beinahe schwerelos, wie Rauch, der von einer M&#252;ckenspirale aufsteigt, und bahnte sich einen Weg zwischen den Zuschauern hindurch. Seine F&#252;&#223;e schienen kaum den Boden zu ber&#252;hren. &#196;chzend kniete er vor Panoy nieder, die noch immer mit fremder Stimme vor sich hin murmelte. Er beugte sich zu ihr hinunter und fl&#252;sterte ihr hinter vorgehaltener Hand etwas ins Ohr. Inzwischen wusste Siri, dass der Schamane keine Hilfe brauchte. Er hatte alles im Griff. Nach zwei oder drei Minuten fing der K&#246;rper des M&#228;dchens leise an zu zucken. Nur einer der Zeugen sah, was jetzt geschah. Frau Wunderlichs Geist entstieg dem K&#246;rper des M&#228;dchens, blickte sich in der H&#252;tte um und trat vor seinen eigenen K&#246;rper hin. Er weckte den Geist des kleinen M&#228;dchens, der seinen Platz eingenommen hatte, und sah ihm nach, wie er schlaftrunken zu seinem K&#246;rper zur&#252;ckwankte. Dann rollte Frau Wunderlich sich in ihrem Leichnam zusammen, dessen Geruch sie offenbar nicht weiter st&#246;rte. So einfach war das. Als w&#252;rde man mitten in der Nacht von einem Bett ins andere umziehen.

Die kleine Panoy schlug die Augen auf. Sie betrachtete erst die F&#228;den, die sich wie Spinnweben um ihren K&#246;rper schlangen, und dann die Gestalt mit der roten Kapuze neben sich. Sie erschrak und fing, wie jedes normale vierj&#228;hrige Kind, an zu weinen. Dtui eilte zu ihr, um sie zu tr&#246;sten. Der Schamane war in tiefen Schlaf gesunken und merkte von alldem nichts.

Sp&#228;ter sa&#223;en Siri, Dtui und ihr F&#252;hrer unter einem Strohdach und tranken Tee. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel, doch eine leichte Brise strich &#252;ber die H&#252;gelkuppe. Siri starrte das h&#252;bsche M&#228;dchen an, das ihnen die Tassen gebracht hatte und jetzt unter den Bl&#228;ttern eines Bananenbaums sa&#223;. Irgendetwas an ihr zog ihn magisch an.

Dtuis Stimme riss ihn aus seinen Tr&#228;umereien. Nat&#252;rlich war es interessant. Ich habe auch nichts Gegenteiliges behauptet. Aber ich muss sagen, ich hatte es mir irgendwie  irgendwie turbulenter vorgestellt. Verstehen Sie? Blut, Geschrei und Chaos.

Das kommt gelegentlich vor, sagte Siri. Die heutige Zeremonie war eher von der einschl&#228;fernden Sorte.

Wann der komische Schamane wohl wieder aufwacht?

Seinem normalen Bewusstseinszustand nach zu urteilen w&#252;rde ich sagen, nicht vor November.

Dann k&#246;nnen wir ja wieder gehen.

Nicht so hastig.

Warum?

Hier liegt irgendetwas in der Luft.

Was denn?

Ich wei&#223; nicht. Aber ich habe das dumpfe Gef&#252;hl, dass es da einen Zusammenhang gibt. Es gibt immer einen Zusammenhang. Ich finde, wir sollten noch ein wenig bleiben.

Sie sind der Chef. Ich sehe mal eben nach Panoy. Dtui hievte sich schwerf&#228;llig hoch und ging zu der H&#252;tte hin&#252;ber, in der die Kleine sich von den Strapazen erholte. Siri trank einen Schluck Tee und l&#228;chelte dem halbw&#252;chsigen M&#228;dchen zu. Ihre Z&#252;ge waren feiner geschnitten als die der anderen Frauen im Dorf, und sie hatte dunklere Haut.

Kleine Schwester, rief er ihr zu. Sie l&#228;chelte sch&#252;chtern zur&#252;ck. Woher kommst du?

Aus Vietnam, Onkel.

Du bist eine Montagnard, nicht wahr?

Sie war sichtlich froh, dass er nicht das abwertende moi benutzt hatte. Meine Mutter ist eine Hmong, mein Vater ein Montagnard. Er kam mit seiner Familie hierher, als die Viet Minh anfingen  Sie verstummte.

Ich bin Laote, kein Vietnamese, sagte Siri.

Das Volk meines Vaters k&#228;mpfte auf Seiten der franz&#246;sischen Besatzer gegen die Kommunisten. Als der Krieg verloren war, lie&#223;en die Vietnamesen sie daf&#252;r b&#252;&#223;en.

Es gibt vermutlich nicht allzu viele Montagnards hier in Houaphan.

Ein paar.

Erz&#228;hl mir von ihnen.

Es schien sie zu freuen, dass sich der alte laotische Arzt f&#252;r ihr Volk interessierte. Sie setzte sich zu Siri und erz&#228;hlte ihm von einem jungen Mann, der als Pf&#246;rtner beim Milit&#228;r arbeitete, und einer befreundeten Familie, die f&#252;r die Vietnamesen im Stra&#223;enbau t&#228;tig war. Und so weiter. Der Nachrichtendienst schien perfekt zu funktionieren. Trotz der Abgeschiedenheit des Dorfes wusste sie alles &#252;ber die vielen Dutzend Auswanderer aus dem Zentralen Hochland. Schlie&#223;lich kam sie auf jemanden zu sprechen, der Siris Interesse weckte.

Dann ist da noch HLoi, fuhr sie fort. Sie ist mit einem Laoten verheiratet. Sie war als Dienstm&#228;dchen bei einem hochrangigen vietnamesischen Soldaten besch&#228;ftigt, der inzwischen tot ist. Und 

Da war er: der Zusammenhang. Siri fiel ihr ins Wort. Wei&#223;t du zuf&#228;llig, was aus der Familie geworden ist, f&#252;r die HLoi gearbeitet hat?

Sie meinen die Familie des Soldaten? Nein, Onkel. Ich wei&#223; nur, dass sie nach seinem Tod eine Weile arbeitslos war. Aber dann hat sie das gro&#223;e Los gezogen und sich einen Kerl aus der Umgebung geangelt.

Wei&#223;t du zuf&#228;llig, wo die beiden wohnen?

Na klar.

Ist es weit von hier?

Etwa eine halbe Stunde. Wenn Sie m&#246;chten, bringe ich Sie hin.

Siri schickte Dtui mit Panoy und dem F&#252;hrer zum G&#228;stehaus zur&#252;ck. Zwar hatte sie mit ihm dringend &#252;ber ein anderes wichtiges Thema sprechen wollen, aber das konnte warten. Er hatte das Gef&#252;hl, dass es sich um etwas Ernstes handelte, und versprach, so bald wie m&#246;glich zur&#252;ck zu sein. Dann machte er sich mit dem Montagnard-M&#228;dchen in die umliegenden H&#252;gel auf. Nur wenige Wanderer in Houaphan verlie&#223;en die ausgetretenen Pfade, und das aus gutem Grund. Selbst die ausgetretenen Pfade pflegten von Zeit zu Zeit zu explodieren.

Das Dorf, in dem HLoi wohnte, war so &#228;rmlich, dass der Weiler, aus dem sie kamen, dagegen wie Manhattan wirkte. HLoi war eine unscheinbare, fr&#246;hliche junge Frau Anfang drei&#223;ig, die mit einem extrem h&#228;sslichen, sehr viel &#228;lteren Mann zusammenlebte. Die Hochzeit hatte ihr die laotische Staatsb&#252;rgerschaft eingebracht. Die Not hatte die leidgepr&#252;ften Montagnards erfinderisch werden lassen. Die Frau sprach von Haus aus flie&#223;end Franz&#246;sisch, Vietnamesisch und zwei einheimische Dialekte. Seit ihrer Eheschlie&#223;ung hatte sie auch noch Laotisch gelernt. In jeder anderen Gesellschaft w&#228;re sie eine gefragte Chefsekret&#228;rin oder Dolmetscherin gewesen. In diesem Dorf bekam sie Kinder und kochte. Sie wusste, dass es zwecklos war, mit ihrem Schicksal zu hadern.

Sie sa&#223; mit Siri in ihrer &#228;rmlichen H&#252;tte und sprach freim&#252;tig &#252;ber ihre Zeit beim Oberst und seiner Familie. Als er in Ban Methuot im zentralen Hochland Vietnams stationiert gewesen war, hatte die Frau des Obersts HLoi eingestellt. Der jungen Vietnamesin blieb keine andere Wahl. Sie konnte von Gl&#252;ck sagen, dass sie &#252;berhaupt Arbeit gefunden hatte. Dann zog sie mit der Familie ins gut f&#252;nfzehnhundert Kilometer entfernt gelegene Houaphan. Die Frau entpuppte sich als echter Drachen, ihre Tochter Hong Lan hingegen war ein nettes M&#228;dchen und, um es mit den reizenden Worten HLois zu sagen, so klug und gewitzt wie eine Badewanne voller Richter. HLoi war nicht nur Dienstm&#228;dchen und K&#246;chin, sondern auch die Hauslehrerin des M&#228;dchens. Die beiden wurden Freundinnen.

Als Hong Lan erkrankte, besuchte HLoi sie jeden Tag im Hospital. Manchmal blieb sie sogar &#252;ber Nacht. Hong Lan spielte die Sache herunter  sie habe leichte Bauchschmerzen, sonst nichts -, doch der Arzt hatte HLoi anvertraut, dass es sich um etwas Ernsteres handelte. Sie musste zweimal operiert werden. Das M&#228;dchen lag &#252;ber einen Monat im Krankenhaus bei Kilometer 8 und erholte sich. Eines Tages tauchte wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Mutter auf und lie&#223; Hong Lan in ein Milit&#228;rkrankenhaus bei Xam Dtai verlegen. Dort konnte HLoi sie nicht mehr jeden Tag besuchen, und so sah sie Hong Lan erst wieder, als das M&#228;dchen nach Hause zur&#252;ckkehrte.

Danach war Hong Lan nicht mehr die Alte. Sie war noch sehr schwach, obwohl sie die Operation angeblich gut &#252;berstanden hatte und bald wieder auf die Beine kommen w&#252;rde. Aber da hatte HLoi so ihre Zweifel. Trotz all der sch&#246;nen Worte blieb Hong Lans Zustand unver&#228;ndert. Die beiden f&#252;hrten lange Gespr&#228;che &#252;ber Gott und die Welt. Einmal lie&#223; das M&#228;dchen durchblicken, dass sie sich w&#228;hrend ihres Aufenthalts bei Kilometer 8 verliebt habe. Was HLoi einen kleinen Schock versetzte, denn damit hatte sie nicht gerechnet. Obwohl Hong Lan den Namen des Mannes nicht verraten wollte, war ihren Erz&#228;hlungen zu entnehmen, dass sie mit ihm auf recht vertrautem Fu&#223;e stand. Sie sagte, es gebe einen guten Grund, weshalb sie die Identit&#228;t des Mannes nicht preisgeben k&#246;nne.

Zu dieser Zeit machten jedoch bereits Ger&#252;chte die Runde. HLoi wusste von den schwarzen Magiern und ihren Liebestr&#228;nken, ihren hypnotischen F&#228;higkeiten und ihren Opferungen. Da auch HLois Volk allerlei okkulte Riten praktizierte, wusste sie um die damit verbundenen Gefahren. Obwohl sie das M&#228;dchen, f&#252;r das sie neun Jahre lang gesorgt hatte, &#252;ber alles liebte, wurde sie das Gef&#252;hl nicht los, dass Hong Lan nicht wusste, wovon sie sprach. Sie war verhext worden. Sie hatte noch nie von Liebe gesprochen, sich noch nie f&#252;r M&#228;nner interessiert. Und jetzt, nach nur sechs Wochen in einem H&#246;hlenkrankenhaus, hatte sie sich angeblich Hals &#252;ber Kopf in einen Mann verliebt, den sie kaum kannte, einen Mann, der ganz und gar nicht zu ihr passte.

Als sie Hong Lan schlie&#223;lich zur Rede stellte, machte HLoi keinen Hehl aus dem Hass, den sie f&#252;r die Kubaner empfand. Es spielte keine Rolle, ob sie schwarz waren, rosa oder kobaltblau. Sie waren b&#246;se. Sie erkl&#228;rte Hong Lan, die beiden seien Teufel, worauf ihre Beziehung zu dem M&#228;dchen merklich abk&#252;hlte.

Der Tod des Obersts kam so unerwartet, dass alle wie vor den Kopf geschlagen waren. Der Krieg war aus, und die Familie hatte gehofft, endlich ein gl&#252;ckliches, geregeltes Leben f&#252;hren zu k&#246;nnen. Als Soldatenfamilie unter den Viet Minh war sie nie lange an einem Ort geblieben. Ihr Traum war in greifbare N&#228;he ger&#252;ckt, und pl&#246;tzlich lie&#223; der Oberst sich einfach erschie&#223;en. Nach der Beerdigung begann die Mutter mit der Planung ihrer R&#252;ckkehr nach Vietnam. Von der Armee bekam sie eine bescheidene Pension, genug f&#252;r ein kleines Haus. Vielleicht w&#252;rde Hong Lan sogar studieren k&#246;nnen.

Doch dann, kurz vor ihrer Abreise, wurde das M&#228;dchen entf&#252;hrt. Am helllichten Tag, von der Veranda. Die Mutter befand sich zum fraglichen Zeitpunkt au&#223;er Haus, um letzte Umzugsvorbereitungen zu treffen. HLoi war im Garten und pfl&#252;ckte Obst f&#252;r die Reise. Als sie ins Haus zur&#252;ckkam, war Hong Lan verschwunden. Es gab Spuren eines Kampfes. Eine Kassette war aufgebrochen, das Haushaltsgeld gestohlen worden. HLoi zufolge wussten alle, wer dahintersteckte. Eine gro&#223;angelegte Suchaktion wurde gestartet. Das alte Regiment des Obersts machte mobil. Als man nach zwei Wochen noch immer keine Spur von dem M&#228;dchen und den beiden Kubanern gefunden hatte, nahm man an, dass sie au&#223;er Landes gebracht worden war. Die Mutter kehrte heim nach Vietnam und lie&#223; HLoi allein zur&#252;ck.

Siri hatte so viele Fragen zu dieser faszinierenden Geschichte, dass er gar nicht wusste, wo er anfangen sollte.

Warum haben Sie die Mutter nicht begleitet?, wollte er wissen.

Weil sie es nicht wollte. Sie machte mir Vorw&#252;rfe, weil ich ihre Tochter an diesem Tag unbeaufsichtigt gelassen hatte. Sie verschwand mit ihrem gesamten Hab und Gut und dem Lohn, den ich noch zu bekommen hatte. Ich stand von einem Tag auf den anderen mit leeren H&#228;nden da. Die Bezirkskommandantur hatte Mitleid mit mir und war so freundlich, mir einen Mann zu besorgen.

Wie nett, sagte Siri. Und seither haben Sie nichts mehr von Hong Lan geh&#246;rt?

Es gab nat&#252;rlich die eine oder andere Geschichte. Laos gilt schlie&#223;lich nicht umsonst als der Welt gr&#246;&#223;te Ger&#252;chtek&#252;che. Aber das ist Ihnen sicher nicht neu, Onkel.

Und wie glaubw&#252;rdig klangen diese Geschichten?

Nicht besonders. Mal hie&#223; es, sie h&#228;tten das M&#228;dchen ermordet und die Leiche irgendwo verscharrt. Dann wieder erz&#228;hlte man sich, die Schwarzen h&#228;tten sie nach Kuba geschmuggelt, um sie zur Sexsklavin abzurichten.

Und was meinen Sie?

Sie sah ihn an, als habe sie schon sehr lange niemand mehr nach ihrer Meinung gefragt. Ich habe nicht die geringste Ahnung, Onkel. Ich k&#246;nnte mir allerdings vorstellen, dass sie  Hexerei hin oder her  mit der Liebe, die sie gefunden zu haben glaubte, gl&#252;cklich geworden ist und in seliger Ahnungslosigkeit irgendwo ihr Dasein fristet.

Was hatte Hong Lan f&#252;r ein Verh&#228;ltnis zu ihrer Mutter?, fragte Siri. Wieder zeigte sich die junge Frau erstaunt.

Jetzt kann ich es ja sagen. Ich bezweifle, dass ich die alte Hexe noch einmal zu Gesicht bekommen werde. H&#228;tten sich die beiden nahegestanden, w&#228;re ich &#252;berfl&#252;ssig gewesen. Es war, als ob sie ihre vaterl&#228;ndische Pflicht erf&#252;llt, dem Oberst das gew&#252;nschte Kind geboren und es dann sich selbst &#252;berlassen h&#228;tte. Die Mutter war politisch aktiv. Sie leitete Seminare und organisierte dies und das. Aber ich kann mich nicht entsinnen, dass sie ihre Tochter jemals in den Arm genommen h&#228;tte. Ich war nicht ihr erstes Kinderm&#228;dchen. Die Kleine hatte schon ein halbes Dutzend verschlissen, bevor ich kam.

Und ist dennoch wohlgeraten?

Au&#223;erordentlich wohlgeraten sogar. Das kommt davon, wenn man seine Kinder von einer Montagnard erziehen l&#228;sst.

Dann wei&#223; ich ja, was ich zu tun habe, wenn ich das n&#228;chste Mal Vater werde. Beide lachten, und der Mann steckte sein h&#228;ssliches Haupt durchs Fenster, um zu sehen, wor&#252;ber sie sich am&#252;sierten.

HLoi w&#252;rdigte ihn keines Blickes. Ich frage mich oft, ob sie f&#252;r den Zauber vielleicht weniger empf&#228;nglich gewesen w&#228;re, wenn sie von ihrer Familie etwas mehr Liebe bekommen h&#228;tte.

Wer hat Sie am Tag der Entf&#252;hrung in den Garten geschickt, um Obst zu pfl&#252;cken?

Wieder lachte HLoi. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich mich an so etwas erinnere? Ich bin schlie&#223;lich nur eine einfache Hausfrau.

Madame, entgegnete Siri ernst, mir sind in meinem Leben schon viele einfache Hausfrauen begegnet, und glauben Sie mir, Sie geh&#246;ren nicht dazu. Sie sind eine &#228;u&#223;erst scharfsinnige, intelligente Frau. Sie starrte ihn mit offenem Mund an. Noch nie hatte ihr jemand ein solches Kompliment gemacht. Dass es von einem gebildeten Mann, noch dazu von einem Arzt kam, lie&#223; es noch glaubw&#252;rdiger erscheinen. Noch wahrhaftiger. Eine einzelne Tr&#228;ne schwoll in ihrem Augenwinkel und rollte ihr &#252;ber die Wange.

Ich glaube, es war Hong Lan, sagte sie und wischte sie eilig fort.

Was?

Die mich zum Obstpfl&#252;cken in den Garten schickte. Sie war die Einzige, die so etwas a&#223;. Ich habe noch nie jemanden so viel Obst essen sehen, der danach nicht den halben Tag auf der Toilette verbracht h&#228;tte. Ihre Mutter ern&#228;hrte sich jahrelang ausschlie&#223;lich von Reis und Schweineschwarte. Vielleicht war sie deshalb ein solches Ekel.

Glauben Sie, Hong Lan ist noch am Leben?

Doktor  wenn ich ehrlich bin, sp&#252;re ich ihre Gegenwart nicht mehr.

Auf dem R&#252;ckweg ins Tal verlief Siri sich gleich dreimal, doch da alle Wege ihn fr&#252;her oder sp&#228;ter zu der einzigen Stra&#223;e f&#252;hren w&#252;rden, lie&#223; er sich davon nicht beirren. Die untergehende Sonne schlug ihn in ihren Bann. Sie sah aus wie eine riesige Pistolenkugel, die den Horizont in Zeitlupe durchbohrte. Rotes Blut quoll aus der Einschusswunde und versickerte zwischen den H&#252;geln. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die forensische Pathologie seinen Sinn f&#252;r die Natur zu tr&#252;ben drohte.

An der Vortreppe des Geb&#228;udes angekommen, sah er Dtui und Panoy unter einem don soak, einem Trauerbaum, sitzen. Er trat zu ihnen.

Hallo, sagte er. Macht ihr ein Picknick?

Sie wollen uns nicht ins Haus lassen, erkl&#228;rte Dtui.

In welches Haus?

Ins G&#228;stehaus Nr. 1.

Und warum nicht?

Weil dieses kleine M&#228;dchen  Panoy blickte auf und streckte die Hand l&#228;chelnd nach Siris Augenbrauen aus  sich angeblich illegal hier aufh&#228;lt. Und G&#228;ste, die nicht auf der offiziellen Parteiliste stehen, d&#252;rfen das Haus nicht betreten.

Aber gestern hat sie doch auch hier &#252;bernachtet.

Dtui &#228;ffte den gestrengen Tonfall der Leiterin des G&#228;stehauses nach. Das war ein eklatanter Versto&#223; gegen die Vorschriften, der nicht ungeahndet bleiben wird. Wenn jemand mitbekommen h&#228;tte, dass wir sie ins Haus geschmuggelt haben, w&#228;ren wir vermutlich standrechtlich erschossen worden.

Ich nehme an, Sie haben das Thema bereits hinl&#228;nglich mit der Dame diskutiert.

Sie l&#228;chelte. Ich habe mir den Mund fusselig geredet.

Dann wollen wir ihr doch noch einmal unsere Aufwartung machen und unserem Protest gegen alberne Vorschriften wie diese geb&#252;hrend Ausdruck verleihen.

Die Leiterin stand, noch immer in Tarnanzug und Sch&#252;rze, mit verschr&#228;nkten Armen oben an der Treppe. Sie schien mit diesem zweiten &#220;berfall gerechnet zu haben. Siri hielt einen Augenblick inne und musterte den Feind. Die Frau hatte sich Siri nie vorgestellt, obwohl sie bei jeder Mahlzeit, Besprechung oder anderweitigen Zusammenkunft im Hintergrund zu lauern schien. Sie war um die vierzig und von furchteinfl&#246;&#223;ender K&#246;rperf&#252;lle, aber Siri hatte schon m&#228;chtigeren Gegnern die Stirn geboten.

Guten Abend, Genossin, sagte Siri l&#228;chelnd.

Die Frau antwortete mit einer offenbar sorgf&#228;ltig zurechtgelegten kleinen Rede. Es tut mir leid, Doktor. Ich kann sie nicht ins Haus lassen. Die Vorschriften verbieten das ausdr&#252;cklich. Den gestrigen Versto&#223; habe ich bereits gemeldet.

Sie braucht kein eigenes Zimmer, versuchte er sie zu &#252;berreden.

Sie ist nicht registriert. Und hat deshalb auch keinen Zutritt.

Aber ich dachte, das hier sei ein G&#228;stehaus.

Nicht diese Sorte G&#228;stehaus.

Sie meinen, die Sorte, die G&#228;ste aufnimmt?

Nur, sofern diese G&#228;ste auch auf der Liste stehen. Sie war ein unbewegliches Objekt. Vorschriften sind Vorschriften. Wo k&#228;men wir denn hin, wenn jeder tun und lassen w&#252;rde, was er will?

Ganz recht. Und wie verh&#228;lt es sich mit Beweisen?, fragte die unaufhaltsame Kraft namens Dr. Siri.

Ich  was?

Beweise, Genossin. Ich bin der staatliche Leichenbeschauer. Ich bin im Auftrag des Pr&#228;sidenten in den Norden gekommen, um Beweise zu sammeln.

Sind Beweise nicht in aller Regel Gegenst&#228;nde?

Durchaus, jawohl. Aber auch ein Foto oder eine Aussage kann ein Beweisst&#252;ck sein. Oder eine Person, die Beweise am K&#246;rper tr&#228;gt.

Ich glaube, ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen.

Dieses kleine M&#228;dchen  er zerrte Dtui, die Panoy im Arm hielt, hinter seinem R&#252;cken hervor  ist mit Fingerabdr&#252;cken f&#246;rmlich &#252;bers&#228;t.

Fingerabdr&#252;cke an einem Menschen? Das soll wohl ein Witz sein?

Mir scheint, Sie sind mit den j&#252;ngsten Entwicklungen auf dem Gebiet der Forensik nur unzureichend vertraut. Was glauben Sie wohl, warum wir sie gestern Abend nicht haben duschen lassen? Nach dem Gesetz  und ich bin nicht nur Leichenbeschauer, sondern auch Jurist, ich wei&#223; also, wovon ich spreche  ist dieses M&#228;dchen gar keine Person im eigentlichen Sinne. Sie ist ein Corpus Delicti. Kurz gesagt, sie ist mein Beweisst&#252;ck. Wenn es eine M&#246;glichkeit g&#228;be, die Fingerabdr&#252;cke von ihr zu entfernen und ins Justizministerium zu bringen, w&#252;rde ich das selbstverst&#228;ndlich tun. Aber das w&#228;re eine recht blutige und ethisch kaum zu vertretende Angelegenheit. Sie ist das Beweisst&#252;ck, an dem sich die Fingerabdr&#252;cke befinden. Sie brauchen sich also weiter keine Sorgen zu machen, weil das M&#228;dchen nicht auf Ihrer Liste steht.

Ach  nein?

Nein. Denn da sie rechtlich gesehen keine Person ist, kann sie auch kein Gast sein. L&#228;chelnd zwinkerte er ihr zu. Er bezweifelte, dass sie dumm genug war, ihm diesen Unsinn abzukaufen, aber er hatte ihr die M&#246;glichkeit gegeben, die Vorschriften halbwegs elegant zu umgehen.

Hm.

Genosse Lit von der Staatssicherheit wird Ihnen das sicherlich best&#228;tigen.

Das linke Auge der Frau musterte erst Siri, dann das M&#228;dchen. Das rechte Auge tat es ihm einen Sekundenbruchteil sp&#228;ter nach. Schlie&#223;lich richteten sich beide Augen auf Dtui. Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?

Dtui zuckte die Achseln. Ich bin Krankenschwester. Mit Gesetzen kenne ich mich nicht aus. Ich h&#228;tte gar nicht gewusst, wo ich anfangen soll. Au&#223;erdem dachte ich, in seiner Eigenschaft als Rechtsberater des Pr&#228;sidenten kann Genosse Siri Ihnen die Sache sehr viel besser erkl&#228;ren.

&#196;hm, ja. Meine G&#252;te. Ich hatte ja keine Ahnung.


Panoy lag in Dtuis Zimmer und schlief tief und fest. Siri und Dtui sa&#223;en auf dem Balkon und hatten die F&#252;&#223;e auf die Br&#252;stung gelegt. Dtui hatte dem Doktor soeben ihr Dilemma geschildert. Siri grunzte.

Also, eigentlich ist es ja ein wunderbares Kompliment, sagte sie und blickte zu der Felswand hinauf, die vor ihnen aufragte wie eine teuflische Schwiegermutter. Schlie&#223;lich kann er sich die Frauen aussuchen. In seiner Position. Er wird die Treppe vermutlich immer weiter rauffallen, bis er eines Tages Premierminister ist. Wenn nicht gar Pr&#228;sident. Frauen haben eine Schw&#228;che f&#252;r m&#228;chtige M&#228;nner. Aber wenn er es tats&#228;chlich einmal so weit bringt, wird er sich von mir wohl kaum in seine Politik reinreden lassen wollen. Ich w&#252;rde ihm wahrscheinlich furchtbar auf die Nerven gehen. Und wenn ich mich ein wenig am Riemen rei&#223;en w&#252;rde? Ich k&#246;nnte den Haushalt machen und die Regierungsgesch&#228;fte ihm &#252;berlassen.

Siri trank einen Schluck Tee und l&#228;chelte.

Ich meine, fuhr sie fort, er m&#252;sste sich nat&#252;rlich auch &#228;ndern. Ohne Kompromisse keine gute Ehe. Stimmts? Sie und Boua mussten doch bestimmt auch jede Menge Kompromisse schlie&#223;en. Und Sie waren immerhin hundertsoundsoviel Jahre zusammen. Von nichts kommt nichts. Auch sie nippte an ihrem Tee.

Sie beobachteten einen Reiher, der im Licht des Balkons von einem Felsvorsprung herabstie&#223; und einen nahezu perfekten Looping vollf&#252;hrte, bevor er seinen gleitenden Sinkflug fortsetzte. Siri lag eine Bemerkung auf der Zunge, doch Dtui war mit ihren Gedanken ganz woanders. Ich meine, wie viele solcher Antr&#228;ge wird eine Frau wie ich wohl bekommen? Vielleicht sollte ich mir die Sache doch noch mal durch den Kopf gehen lassen. Wenn ich sein Angebot ausschlage, ende ich wom&#246;glich als alte Jungfer mit Krampfadern und Damenbart, die dieser vergebenen Chance bis in alle Ewigkeit nachtrauert.

Im Traum entfuhr Panoy ein leiser, m&#228;dchenhafter Seufzer. Dtui wartete, bis er verklungen war, und fuhr dann fort. Heiraten oder nicht heiraten? Bleibt die Frage, welche Entscheidung ich mehr bereuen w&#252;rde. Meine Mutter sagt immer, ein Mann ist nie wieder so lieb und nett wie am Tag des Heiratsantrags. Besser wird es nicht. Denn ist man erst mal unter der Haube, braucht er sich nie wieder so viel M&#252;he zu geben. Seine Rede hat mich schier umgehauen. Es w&#252;rde mich allerdings nicht wundern, wenn er sie sich von einem Unterausschuss h&#228;tte schreiben lassen. Von Gef&#252;hlen war darin jedenfalls nicht die Rede. Er hat sie heruntergeleiert wie ein Referat vor der Generalversammlung.

Sie nahm die F&#252;&#223;e herunter, stand auf und st&#252;tzte sich mit den H&#228;nden auf die Balkonbr&#252;stung, als w&#252;rde sie zu einer riesigen Menschenmenge sprechen. Und dann dieses verdammte Antragsformular, spuckte sie ver&#228;chtlich aus. Was f&#252;r ein arroganter, r&#252;ckgratloser Schn&#246;sel. L&#228;sst der sich eigentlich jede Entscheidung von der Partei absegnen? Das ganze Bezirksamt wusste, dass er mir einen Antrag machen wollte, nur ich nicht. Ob er so wohl auch in seinem Privatleben verf&#228;hrt? Dtui, Sch&#228;tzchen. Ich f&#228;nde es sch&#246;n, wenn wir heute Abend eine kleine Nummer schieben k&#246;nnten. Ich muss vorher nur rasch bei der Kommission f&#252;r Partnerschaften und Beziehungen vorbeischauen und ein F27b ausf&#252;llen. Sie err&#246;tete. Ups, Verzeihung, Doc. Siri hob gn&#228;dig die Augenbrauen.

Ich meine  sie schien zum Endspurt anzusetzen -, was ist das eigentlich f&#252;r ein angepasster Trottel, der sich von B&#252;rokraten diktieren l&#228;sst, was er zu tun und zu lassen hat? Und wof&#252;r h&#228;lt der Kerl sich eigentlich  besitzt er doch tats&#228;chlich die Frechheit, um meine Hand anzuhalten, ohne auch nur mit mir geflirtet, geschweige denn mir den Hof gemacht zu haben? Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt? Wahrscheinlich wusste er, dass er bei mir auf Granit bei&#223;en w&#252;rde. Ich h&#228;tte ihn beim leisesten Ann&#228;herungsversuch aus den Latschen gehauen. Da blieb nur der &#220;berraschungsangriff.

Aber das ist nat&#252;rlich alles graue Theorie, Doc. Sie wandte den Kopf, um sich zu vergewissern, dass er noch da war. Wissen Sie, warum? Weil ich mein Lebtag keinen Mann heiraten werde, nur weil er etwas darstellt, verm&#246;gend ist oder in einer Uniform eine halbwegs stattliche Figur macht. Nein, wenn ich jemals heirate, dann einen Mann, der mein Innerstes in Sojapaste verwandelt. Einen Mann, den ich so sehr liebe, dass ich morgens nicht zur Arbeit gehen m&#246;chte, weil ich wei&#223;, dass er mir den ganzen Tag lang schrecklich fehlen wird. Nicht mehr und nicht weniger. Eher verliebe ich mich in diesen grauenhaften Kasten als in den Genossen Lit. Nein, du aufgeblasene Parteimaschine  such dir eine andere Frau, die zu dir passt und sich bereitwillig zu deiner Angetrauten bef&#246;rdern l&#228;sst. Ich spiele da nicht mit.

Sie stie&#223; einen erleichterten Seufzer aus und sank schwerf&#228;llig auf ihren Stuhl. Siri nahm ihre Hand.

Danke, Doc, sagte sie. Ich wusste doch, dass Sie mir den Kopf zurechtr&#252;cken w&#252;rden.

War mir ein Vergn&#252;gen.



15

LAOTISCHE VERH&#196;LTNISSE 

Herr Geung war dem Ufer des Nam-Ngum-Stausees zw&#246;lf Meilen weit gefolgt. Er hatte in einer Fischerh&#252;tte am Strand &#252;bernachtet. Als er aufwachte, stieg ihm sein eigener Gestank in die Nase. Er konnte sich kaum noch erinnern, warum er von Kopf bis Fu&#223; mit diesem klebrigen, dunkelbraunen Zeug bedeckt war, das seine Haut mit einer harten Kruste &#252;berzog, und das frische, klare Wasser lag gleich vor seiner Haust&#252;r. Bis auf seine Stiefel vollst&#228;ndig bekleidet, watete er in den See. Es war ein herrliches Gef&#252;hl. Erst als ihm das Wasser bis zum Hals stand, zog er sich aus. Seine Schulter brannte ein wenig, aber das k&#252;hle Nass entkrampfte seine schmerzenden Muskeln, tr&#228;nkte seine schuppige Haut und sp&#252;lte seinen einzigen Schutz gegen Insektenstiche hinweg.

Die Denguem&#252;cke ist deshalb so gef&#228;hrlich, weil sie zur Unzeit zuschl&#228;gt. Wenn die Sonne hinter dem Horizont versinkt, geraten gew&#246;hnliche M&#252;cken au&#223;er Rand und Band. Die Leute wissen das und beugen vor, indem sie lange &#196;rmel tragen, sich mit M&#252;ckenschutz einreiben und ihre Spiralen einschalten. Nachts schlafen sie unter Netzen. Das ist so eine Art stillschweigende &#220;bereinkunft zwischen dem Menschen und seinem Blut saugenden Widersacher. Doch die Denguem&#252;cke k&#228;me nicht im Traum auf die Idee, sich an diese Vereinbarung zu halten. Sie f&#228;llt am helllichten Tag &#252;ber ihr Opfer her, w&#228;hrend selbiges im Schwei&#223;e seines Angesichts ein Feld beackert, in einer schattigen H&#228;ngematte schaukelt oder splitternackt am Nam-Ngum-Stausee sitzt und darauf wartet, dass seine Kleider trocknen.

Die Inkubationszeit der Krankheit betr&#228;gt f&#252;nf bis sieben Tage. Kurz darauf wei&#223; man, ob die entsprechende Variante einem lediglich heftige Beschwerden verursacht, aber nicht zum Tode f&#252;hrt, oder ob man sich das verflixte Fieber eingefangen hat, das f&#252;r ein rasches, aber ungemein qualvolles Ableben sorgt. Trotz des ausbleibenden Regens hatten die mitt&#228;glichen Attacken der heimt&#252;ckischen Blutr&#228;uber Zehntausende von Menschenleben gefordert. Die diesj&#228;hrige Epidemie hatte ihren Ursprung im Norden der Provinz Vientiane, vermutlich in der Gegend rings um den Staudamm.

Geung schlug sich einen Sekundenbruchteil zu sp&#228;t auf den Arm. Er pickte den &#220;belt&#228;ter von seiner Haut. Die M&#252;cke war winzig, schwarz-wei&#223; gestreift und blutverschmiert. Er fragte sich, wie so viel Blut in ein so kleines Tier hineinging.


Die Leute hatten den sonderbaren Burschen, der auf seinem langen Marsch entlang dem S&#252;dwestufer des Stausees durch ihre D&#246;rfer kam, mit offenen Armen empfangen. Bevor politische T&#228;uschung und Zersplitterung in Laos Einzug gehalten hatten, war derlei v&#246;llig normal gewesen. Wenn ein Fremder das Haus betrat, so gab man ihm, was man entbehren konnte. Selbst Familien, die kaum genug zu bei&#223;en hatten, um ihre Kinder zu ern&#228;hren, kredenzten dem Besucher eine Sch&#252;ssel Klebreis mit scharfer Gem&#252;sesauce. Man begegnete einander mit Vertrauen und Respekt.

In den gro&#223;en St&#228;dten war dieses Gemeinschaftsgef&#252;hl weitgehend verloren gegangen. In den kleinen D&#246;rfern hingegen klammerten sich die Alten an die Hoffnung, dass die laotischen Sitten und Gebr&#228;uche sich gegen die Politik behaupten w&#252;rden. Sie gaben Geung zu essen und Balsam f&#252;r seine Haut, verarzteten seine Blasen und Blessuren und boten ihm ein Bett f&#252;r die Nacht. Sie mussten laut schreien, um sich verst&#228;ndlich zu machen, da f&#252;r ihn s&#228;mtliche Ger&#228;usche zu einem undeutlichen Unterwassersummen verschwammen. Obwohl sie sich alle M&#252;he gaben, konnten sie ihn nicht von seinem t&#246;richten Vorhaben abbringen, zu Fu&#223; in die Hauptstadt zu wandern. Sie br&#252;llten Viel Gl&#252;ck und sahen ihm nach, wenn er gen S&#252;den humpelte. Niemand rechnete damit, dass er sein Ziel lebend erreichen w&#252;rde.

Auch Herr Geung bekam allm&#228;hlich ein ungutes Gef&#252;hl. So weit war er sein Lebtag noch nicht gelaufen. Schon sp&#252;rte er, wie seine Kr&#228;fte schwanden. Er wusste nicht, wie viele Sonnenaufg&#228;nge er schon gesehen, wie viele Schritte er zur&#252;ckgelegt hatte. In seinem Kopf gingen seltsame Dinge vor. Er schien sich in eine Motte zu verwandeln. Vientiane war eine elektrische Gl&#252;hbirne, die ihn magisch anzog. Sie blendete ihn, tauchte alles um ihn herum in dichten Nebel und tr&#252;bte seinen Verstand so sehr, dass er h&#228;ufig nicht mehr wusste, wo er war oder mit wem er sprach. Jede Frau, die ihm begegnete, nannte er Dtui, jeden Mann Genosse Doktor.

Siri und Dtui sa&#223;en unweit der Bruchstelle auf dem Betonweg und schwiegen. Das Beweisst&#252;ck erholte sich noch immer von dem Trauma, das sie unter den wachsamen Augen der Leiterin des G&#228;stehauses durchlitten hatte. Die Sonne verbarg sich hinter Wolken, und der Himmel verhie&#223; eine deprimierende Regenperiode  nicht den guten alten S&#252;dwestmonsun, sondern feinen Nieselregen, der aufs Gem&#252;t schlug und das Denken erschwerte. Siri blockierte die Marschroute einer Kolonne roter Ameisen. Bevor sie in die Richtung zur&#252;ckliefen, aus der sie gekommen waren, trat jede Ameise einzeln vor, um sich den Doktor aus der N&#228;he anzusehen, wie die Besucher eines Mausoleums.

Vielleicht suchen wir an der falschen Stelle, sagte Dtui schlie&#223;lich. Siri hatte ihr das Versteck der Kubaner und den grausigen Altarraum gezeigt. Weder hier noch da waren sie auf neue Anhaltspunkte gesto&#223;en.

Oder nicht gr&#252;ndlich genug an der richtigen. Vielleicht haben wir mit den falschen Leuten gesprochen.

Dann sprechen wir doch mit den richtigen, schlug Dtui vor.

Und wo, bitte, sollen wir damit anfangen?

Gleich hier, unter unserem Allerwertesten. Siri runzelte die Stirn. Beton, so weit das Auge reicht. Was glauben Sie? Wie lange hat es wohl gedauert, diesen Weg zu bauen?

Mit drei, vier Arbeitern? Ein oder zwei Wochen, w&#252;rde ich sagen.

Und die Kubaner waren die ganze Zeit hier in der H&#246;hle hinter ihnen? Dann m&#252;ssten sie doch eigentlich etwas gesehen haben, oder?

Hervorragend. Ja, in der Tat. Mit Ihrem Scharfsinn werden Sie die, &#228;h, Betonk&#246;pfe im Ostblock im Handumdrehen erweichen.

Doc 

Pardon.




Der Lastwagen des G&#228;stehauses traf mit einer Stunde Versp&#228;tung in Xam Neua ein. Es war nicht allzu schwer gewesen, die Bauarbeiter ausfindig zu machen. Bei Regierungsprojekten wurden die meisten Betongussarbeiten von ein und derselben Kolonne erledigt. Derzeit errichtete sie unten an der Br&#252;cke ein neues Polizeirevier. Der Polier der Kolonne war ein ehemaliger Soldat, den Siri von mehreren Feldz&#252;gen her kannte. Der Betonbauer hie&#223; Bui und geh&#246;rte zu jenen M&#228;nnern, deren Gesicht und Statur sich zwischen sechzehn und sechzig nicht nennenswert ver&#228;ndern. Die Wahrscheinlichkeit, in Laos auf alte Bekannte zu treffen, war alles andere als gering. Man begegnete ihnen auf Schritt und Tritt. Dtui fand es beeindruckend, dass sich mit Ausnahme ranghoher B&#252;rokraten alle aufrichtig &#252;ber das Wiedersehen mit ihrem alten Freund Dr. Siri zu freuen schienen.

Sie sa&#223;en zu dritt auf dem frisch getrockneten Betonfu&#223;boden eines B&#252;ros, das in K&#252;rze ein Leutnant der Polizei beziehen w&#252;rde. Bui h&#228;tte dem Doktor zur Begr&#252;&#223;ung gern einen Whisky angeboten, doch leider mussten sie sich mit lauwarmem Wasser begn&#252;gen, das leicht nach Farbverd&#252;nner schmeckte. Nachdem sie die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht hatten, erkl&#228;rte Siri dem alten Mann, warum er sich im Nordosten aufhielt, und fragte ihn, ob er ihm eventuell mit ein paar Informationen aushelfen k&#246;nne. Die Antwort &#252;bertraf seine Erwartungen bei Weitem. Mit ihrem Geistesblitz hatte Dtui den Wasserb&#252;ffel, wie man so sch&#246;n sagt, voll in die Eier getroffen.

W&#228;hrend sie an ihrem Wasser nippten, senkte sich ein leichter Nieselvorhang &#252;ber das Land, und Bui erz&#228;hlte ihnen, was sich eines sch&#246;nen Januartages zugetragen hatte.

Es war ein Dienstag, wenn ich mich recht erinnere, begann er. Das wei&#223; ich deswegen so genau, weil der Fu&#223;weg des Pr&#228;sidenten der letzte war und mittwochs ein Inspektor einfliegen sollte, um unser Werk zu begutachten. Damals gingen nur zwei Fl&#252;ge in der Woche. Wir hinkten unserem Zeitplan ein klein wenig hinterher, darum mussten wir ein paar &#220;berstunden einlegen, um p&#252;nktlich fertig zu werden. Als wir sp&#228;tabends zu unseren H&#252;tten hinuntergingen, war es schon dunkel.

Wir waren alle drei fix und fertig und freuten uns nur noch auf ein gutes Essen und unser Bett. Wir waren gerade beim Fu&#223;ballplatz angekommen. Wie so oft herrschte dieser schreckliche Nebel, der einem kalte Schauer &#252;ber den R&#252;cken jagt, wenn man nur hindurchgeht. Da sahen wir sie.

Die Kubaner?, fragte Siri.

Und das M&#228;dchen.

Hong Lan? Die Vietnamesin?

Da bin ich mir nicht ganz sicher, aber nat&#252;rlich kannten wir die Geschichten &#252;ber schwarze Magie und die Entf&#252;hrung und so weiter. Der gr&#246;&#223;ere der beiden hatte das M&#228;dchen auf dem Arm. Sie wissen schon, wie man alte Leute tr&#228;gt. Sie schien unter Drogen zu stehen. Sie wirkte irgendwie benommen.

Oder tot?, fragte Dtui dazwischen.

Schon m&#246;glich. Ihre Arme baumelten, und ihr Kopf hing schlaff herunter. Sie kamen etwa drei&#223;ig Meter vor uns aus dem Nebel. Ich und die Jungs erstarrten. Wir kamen uns vor wie in einem dieser Geisterfilme aus Hongkong. Der Gr&#246;&#223;ere ging mit dem M&#228;dchen voraus. Der Kleine war etwa f&#252;nf Schritte hinter ihm, und er hatte ein gro&#223;es Messer in der Hand. Oder war es ein Schwert? Es sah jedenfalls ziemlich gef&#228;hrlich aus.

Haben die beiden Sie gesehen?

Wenn ja, haben sie sich das nicht anmerken lassen. Aber sie machten, ehrlich gesagt, nicht den Eindruck, als ob sie sehr viel mitbekommen h&#228;tten  sie waren wie in Trance.

Wohin wollten sie?, fragte Siri.

Zum Hauptquartier der Armee.

In die Konzerthalle, &#228;h, -h&#246;hle?

In diese Richtung, ja. Wir wagten nicht zu sprechen, bis sie weg waren, weit weg. Und auch dann fl&#252;sterten wir nur. Der Nebel tr&#228;gt den Schall. Wir steckten die K&#246;pfe zusammen und &#252;berlegten, was wir tun sollten. Wir wussten, dass die Vietnamesen das M&#228;dchen gesucht hatten, aber die Mutter war schon abgereist  zur&#252;ck nach Hanoi, wenn mich nicht alles t&#228;uscht. Also fuhr einer der Jungs mit dem Fahrrad zum Armeest&#252;tzpunkt hinaus  der an der Kreuzung bei Xam Neua. Erinnern Sie sich?

Den gab es noch? Ich dachte, die Viet Minh w&#228;ren Ende 75 abgezogen.

Der alte Soldat lachte, machte sich jedoch nicht die M&#252;he, dieses Gaunerst&#252;ck der PL n&#228;her zu erl&#228;utern.

Und weiter?, wollte Dtui wissen.

Nichts weiter.

Was soll das hei&#223;en?

Wir haben nichts mehr davon geh&#246;rt.

Und Sie haben auch nicht nachgefragt?

Am n&#228;chsten Morgen sind wir nach Xam Neua zur&#252;ckgefahren und haben uns mit dem Bauinspektor getroffen. Er verlangte ein paar kleinere &#196;nderungen. Sie wissen ja, wie diese Leute sind. Damit war die Angelegenheit f&#252;r uns beendet. Wir hatten sie eigentlich schon vergessen.

Himmel! Ich an Ihrer Stelle w&#228;re geplatzt vor lauter Neugier, sagte Dtui.

Stimmt, best&#228;tigte Siri. Ich habe Schwester Dtui bereits des &#214;fteren vor Neugier platzen sehen, und ich kann Ihnen sagen, Bui, das ist wei&#223; Gott kein sch&#246;ner Anblick.


Zwei Stunden vor Einbruch der Dunkelheit kehrten Siri und Dtui nach Vieng Xai zur&#252;ck. Sie schauten rasch im G&#228;stehaus vorbei, um nach Panoy zu sehen. Lit hatte drei Nachrichten f&#252;r sie hinterlassen, mit der Bitte, sich schnellstm&#246;glich mit ihm in Verbindung zu setzen. Siri und Dtui ignorierten sie, packten zwei Taschenlampen sowie diverses Werkzeug ein und machten sich zu den H&#246;hlen auf.

Als sie die Konzerthalle betraten, staunte Dtui nicht schlecht. Ohne die n&#228;chtlichen T&#228;nzer kam sie dem Doktor noch gr&#246;&#223;er vor.

Seit unserer Ankunft in Houaphan zieht mich irgendetwas hierher, gestand Siri. Ich h&#228;tte vermutlich auf meinen Instinkt h&#246;ren sollen.

Die ist ja riesig, sagte Dtui. Wo fangen wir mit der Suche an?

Oben befinden sich die Unterk&#252;nfte und das Generalsquartier. Darunter liegt dieser Saal, und dort hinten gibt es mehrere Nischen und einen langen Tunnel, der quer durch den Berg in den Mess- und K&#252;chenbereich f&#252;hrt. Ich schlage vor, wir folgen einfach unserem Riecher und sehen uns ein wenig um.

Doc? Dtui lie&#223; den Lichtstrahl ihrer Taschenlampe &#252;ber die hohen, gew&#246;lbten W&#228;nde wandern. Die unregelm&#228;&#223;igen Felsvorspr&#252;nge warfen bedrohliche Schatten. Wir sind  &#228;h  ganz allein hier, nicht?

Das will ich doch stark hoffen, antwortete Siri. Jedenfalls bis Mitternacht.

Wieso bis Mitternacht?

Weil dann die Disco losgeht.

Er n&#228;herte sich der B&#252;hne, w&#228;hrend sie sich fragte, ob das einer von Dr. Siris dummen Witzen war oder sie ernstlich um seinen Verstand f&#252;rchten musste. Gemeinsam suchten sie die W&#228;nde nach Zeichen oder Symbolen wie denen ab, die sie am Altar gesehen hatten. Ohne Erfolg. Blieb die Frage, weshalb die beiden Kubaner mit Hong Lan hierhergekommen waren, wo sie doch in der Pr&#228;sidentenh&#246;hle einen Opferschrein errichtet hatten?

Sie durchk&#228;mmten das Auditorium Zentimeter f&#252;r Zentimeter und machten sich dann an die Untersuchung der H&#246;hlennischen. Hier hatte die Armeef&#252;hrung milit&#228;rische Strategien entwickelt, sich in der Kunst des Bombenbauens und des Guerillakriegs ge&#252;bt und bei Kerzenlicht Tischtennis gespielt. Es gab einen kleinen Raum, in dem von Dr. Siri pers&#246;nlich angelernte Krankenschwestern Medikamente verabreicht hatten, und einen weiteren, der als Waffenkammer genutzt worden war. Aber keiner von ihnen gab ein Geheimnis preis.

Gehen wir zur K&#252;che durch, beschloss Siri, als sie sich dem schmalen Tunnel n&#228;herten, der f&#252;nfzig Meter weit in den massiven Fels hineinreichte. Sie stiegen &#252;ber einen unterirdischen Bach hinweg, der in einer Betonrinne verlief und einst als Sammelstelle f&#252;r Trinkwasser gedient hatte. Siri betrat den Tunnel als erster  und blieb schlagartig stehen. Fast h&#228;tte Dtui ihn &#252;ber den Haufen gerannt.

He, sagte sie.

Dtui, treten Sie ein St&#252;ck zur&#252;ck.

Sie gehorchte. Was ist denn?

Siri war aus zwei Gr&#252;nden stehen geblieben. Zum einen hatte er das Gef&#252;hl, dass in seinen Beinen die Beine eines anderen steckten, die in die entgegengesetzte Richtung wollten. Zum anderen erinnerte er sich an die Vision, die ihm im Waschraum des G&#228;stehauses zuteilgeworden war  Isandro, dessen Leiche friedvoll im Wasser lag. Er drehte sich um und inspizierte die etwa zwei Meter lange Wasserrinne. Das Quellwasser sammelte sich auf der einen Seite des Ganges und floss auf der anderen wieder ab. Sobald es den schmalen Kanal verlassen hatte, suchte es sich rasch seinen Weg und verschwand zwischen den Felsen.

Leuchten Sie mal hierher, Dtui. Auf einer L&#228;nge von drei oder vier Metern fiel der Boden sanft ab. Die Erde war eine Mischung aus Lehm, Sand und feinem Kies. Es war eine der wenigen Stellen, die man seinerzeit nicht zubetoniert hatte, vermutlich wegen des flie&#223;enden Wassers. Ohne seine alten Ledersandalen auszuziehen, stieg Siri in das kn&#246;cheltiefe Nass und ging in die Hocke.

Sehen Sie etwas?, fragte Dtui.

Ich wei&#223; nicht genau. W&#228;ren Sie wohl so gut, ein paar Meter zur&#252;ckzutreten und die Lampe anders zu halten? Sie gehorchte. Ein bisschen h&#246;her, wenn es geht. Ausgezeichnet. F&#228;llt Ihnen etwas auf?

Sie tat ihr Bestes. Sie kniff die Augen zusammen, r&#252;ttelte und sch&#252;ttelte die Lampe und gab sich alle M&#252;he, etwas zu sehen, konnte au&#223;er den welligen Furchen jedoch nichts Ungew&#246;hnliches entdecken. Es sei denn nat&#252;rlich, die Furchen  Sie hob die Lampe noch h&#246;her und ging langsam zur&#252;ck in Siris Richtung. Endlich sah sie, was er gesehen hatte. Es mochte an der Dichte oder Beschaffenheit des Bodens oder an der leichten Erh&#246;hung liegen, aber sie erkannte zwei ovale Umrisse. Sie lagen direkt nebeneinander und waren so gleichm&#228;&#223;ig und akkurat angeordnet, dass sie unm&#246;glich auf nat&#252;rliche Art und Weise entstanden sein konnten.

Ja, ich sehe sie, Dr. Siri. Sie glauben doch nicht etwa ?

Es gibt nur eine M&#246;glichkeit, das herauszufinden. Er richtete sich auf und lie&#223; seinen alten Armeerucksack von seinen Schultern gleiten. Er enthielt das Werkzeug, das sie aus Vientiane mitgebracht hatten. Da sie nicht hatten wissen k&#246;nnen, was sie erwartete, waren sie f&#252;r alle F&#228;lle ger&#252;stet. Er reichte Dtui eine kurzstielige Gartenschaufel und wappnete sich mit einer Maurerkelle.

Zun&#228;chst stellten sie fest, dass die Erde rings um die Ovale kompakter war als innerhalb der beiden eif&#246;rmigen Gebilde. Was sie in dem Verdacht best&#228;rkte, dass hier wom&#246;glich etwas vergraben lag. Dann begannen sie in der Mitte des ersten Ovals zu graben, was ihnen sinnvoller und weniger m&#252;hsam erschien, als den ganzen Bereich auf einmal freizulegen. Nachdem sie etwa zwei Handbreit tief gegraben hatten, gingen sie etwas vorsichtiger zu Werke. Wenn hier eine Leiche verscharrt worden war, lag sie vermutlich nicht besonders tief.

Sie buddelten und buddelten  drei, vier, f&#252;nf Handbreit tief  und hatten noch immer nichts gefunden. In dem Loch sammelte sich klares Wasser und verursachte immer wieder kleine Lawinen, die ihre Arbeit erheblich erschwerten. Ehe sie sichs versahen, waren beide patschnass und fr&#246;stelten.

Pl&#246;tzlich h&#246;rte Dtui auf zu graben und lehnte sich zur&#252;ck. Dr. Siri 

Ich wei&#223;, sagte er.

Sie hatten sieben Handbreit tief gegraben und waren auf festen Lehm gesto&#223;en. Das vermeintliche Grab war leer. Dtui beschlich ein eigenartiges Gef&#252;hl. Ihr wurde klar, dass sich ihr Anstands- und Sittlichkeitsempfinden im Laufe des vergangenen Jahres grundlegend ge&#228;ndert hatte. Vorher w&#228;re es ihr im Traum nicht eingefallen, in feuchter Erde zu graben, in der Hoffnung  ja, sie hatte wirklich und wahrhaftig gehofft -, dort eine Leiche zu finden. Sie wusste, dass es Siri &#228;hnlich ging. Was war aus ihr geworden? Ein gemeiner Leichenfledderer, weiter nichts.

Wir sollten wohl nicht entt&#228;uscht sein, sagte Siri, als habe er ihre Gedanken gelesen.

Dann hat es wohl auch keinen Zweck, es an der anderen Stelle zu versuchen, setzte sie hinzu.

Wohl kaum.

Es wird langsam sp&#228;t. Wir sollten unbedingt die anderen R&#228;ume durchsuchen, bevor 

Die Disco losgeht?

Genau.

Dennoch starrten sie auf das zweite Oval wie ein sattes Kind, das sehns&#252;chtig ein s&#252;&#223;es Ziegenmilch-roti be&#228;ugt und sich fragt, ob in seinem B&#228;uchlein daf&#252;r nicht vielleicht doch noch Platz ist. Wortlos sanken sie von Neuem auf ihre nassen Knie und trugen die oberste Kiesschicht ab. In drei Handbreit Tiefe stie&#223; Dtuis Schaufel auf ein Hindernis.

Doc?

Sofort floss Wasser in das ausgehobene Loch, und ein Gegenstand trieb an die Oberfl&#228;che. Ein h&#246;lzerner Hemdknopf. Schweigend erweiterten sie ihre Ausgrabungsst&#228;tte. Die Exhumierung der unter dem Wasserlauf verscharrten Leiche erforderte eine Stunde sorgf&#228;ltiger Arbeit. Sie r&#228;umten den kiesigen Sand beiseite und h&#228;uften ihn neben sich auf, damit er nicht in das Loch zur&#252;ckfiel. Schlie&#223;lich war der Leichnam vollst&#228;ndig freigelegt und schwamm in einem Bad aus kristallklarem Wasser. Siri und Dtui standen rechts und links des Grabes und zitterten in der feuchten H&#246;hle. Ihre Batterien gingen allm&#228;hlich zur Neige, und die schaurige Szenerie schimmerte im schwachen Licht ihrer Taschenlampen.

Dtui, sagte Siri schlie&#223;lich. So etwas werden wir in diesem Leben wohl nicht noch einmal zu Gesicht bekommen.




Die Leute redeten zwar noch mit ihm, aber Herr Geung konnte sie nicht mehr h&#246;ren. Sie sahen ihn freundlich an, doch er vermochte ihr L&#228;cheln nicht zu erwidern. Wenn er sich konzentrierte, gelang es ihm mit letzter Kraft, einen Fu&#223; vor den anderen zu setzen, einen Fu&#223;  vor  den anderen. Erst links, dann rechts. Erst links, dann rechts. Sein schmerzender Sch&#228;del baumelte ihm auf die Brust, und er starrte auf seine Stiefel. Das Leichenschauhaus. Links  rechts  essen  Wasser. Insektenstiche. Links  links, nein, falsch.

Erst ein Dorf, dann noch eins. Und noch eins. Wie viele D&#246;rfer eigentlich noch? Wie viele Kilometer auf der immer gleichen Stra&#223;e? Hatte er die Sonne im R&#252;cken? Seine Tasche war verschwunden, und damit auch der Schulterriemen. Wo war sie geblieben? War die Sonne &#252;berhaupt irgendwo, und sank sie ihm vom Scheitel in den Beutel? Morgens auf  Buckel rauf  wie ging das Lied noch gleich? Da pl&#246;tzlich  h&#246;rte die Stra&#223;e einfach auf. Eben war sie noch da gewesen  jetzt nicht mehr. Stattdessen ein breiter, sich z&#228;h dahinw&#228;lzender Fluss. Eine Gruppe von Leuten, die stumm miteinander sprechen und dann lachend mit dem Finger auf ihn zeigen. Eine F&#228;hre, ein flacher Metallquader, so schwer, dass er sich fragt, wie sie sich &#252;ber Wasser h&#228;lt. Untergehen, ja. Aber schwimmen? Nein. Sie kommt ihm irgendwie  bekannt vor.

Die Gruppe betritt den Metallquader wie eine riesige vielk&#246;pfige Krabbe. Wie durch ein Wunder schwimmen sie, die Krabbe, das Auto, das gute Dutzend Motorr&#228;der. Ein Junge kommt. Er bohrt Herrn Geung den Zeigefinger in die Brust und streckt die Hand aus. Wieder st&#246;&#223;t er ihm den Finger in die Brust. Geung sieht dem Jungen in die Augen und erblickt sein Spiegelbild darin.

Der Metallquader st&#246;&#223;t ans gegen&#252;berliegende Ufer, als habe er mit diesem Hindernis nicht gerechnet. Die Krabbe ger&#228;t ins Straucheln, f&#228;llt aber nicht hin. Herr Geung wird aufs Deck geschleudert. H&#228;nde sammeln ihn auf, zerren ihn mit sich. Die Stra&#223;e taucht wieder auf. Vor ihm, hinter ihm, &#252;berall stehen Leute. Zahllose M&#252;nder und ebenso viele Z&#228;hne. Sie lenken ihn wie ein mit Zuckerrohr bepacktes Fahrrad. Sie lotsen ihn von der Stra&#223;e, und die Sonne scheint ihm nicht mehr auf die Schulter, sondern auf die Nase, in die Augen. Pl&#246;tzlich schiebt sich ein Gesicht davor, verdeckt die Sonne, und die Gl&#252;hbirne &#252;ber Vientiane erlischt. Es ist ein ausdrucksloses, nichtssagendes Gesicht, das sich da &#252;ber ihn beugt, wie ein Tischtennisschl&#228;ger ganz in Schwarz. Herr Geung blinzelt. Warum legt der Tischtennisschl&#228;ger ihm den Arm um die Schultern und streicht ihm das Haar aus der Stirn?

Er und der Tischtennisschl&#228;ger drehen sich um die eigene Achse und tanzen einen sonderbaren Tango. Und wie durch ein Wunder bekommt der Tischtennisschl&#228;ger mit einem Mal ein vertrautes Gesicht  das Gesicht von Herrn Watajak, dem Mann, der sich dereinst die M&#252;he gemacht hatte, sieben Kinder zu zeugen, von denen allerdings nur eins ein Dummkopf war.



16

DER WEISSE NEGER 

In der einst unter Tarnnetzen verborgenen, jetzt aber offen einsehbaren K&#252;che des milit&#228;rischen H&#246;hlenkomplexes dr&#228;ngten sich Genosse Lit, Dr. Siri und Schwester Dtui um einen Tisch mit dem nahezu vollst&#228;ndigen Leichnam Isandro Jesus Montanos. Genosse Lit f&#252;hlte sich nicht gut. Er hatte sich bereits einmal erbrochen und stand kurz davor, sich ein zweites Mal zu &#252;bergeben. Gewiss, er war nerv&#246;s, denn in knapp vier Tagen w&#252;rde das gesamte Politb&#252;ro einem Konzert beiwohnen, das keine drei&#223;ig Meter vom Leichenfundort entfernt stattfinden sollte. Er war nerv&#246;s, denn die Frau, die seinen Antrag noch immer nicht geb&#252;hrend zu w&#252;rdigen wusste, obwohl er sie der Kommission f&#252;r Partnerschaften und Beziehungen bereits als seine Zuk&#252;nftige genannt hatte, stand praktisch direkt neben ihm. Doch trotz dieser &#228;u&#223;erst unersprie&#223;lichen Umst&#228;nde war es zweifellos der Anblick der Leiche, der ihm den Magen umdrehte.

Er hatte nat&#252;rlich auch den anderen Kubaner gesehen, ja sogar dessen mumifizierte Leiche getragen. Aber die hatte ihn weniger an einen Menschen, denn an einen knorrigen Baumstamm erinnert. Dieses  Ding hingegen war obsz&#246;n. Es wirkte so lebendig, als wollte es jeden Augenblick vom Tisch aufspringen und ihm an die Kehle gehen. Und wie, bitte, konnte jemand, der zeitlebens schwarz gewesen war, so wei&#223; werden? Zwar schillerte sie hier und da in Gelb- und Gr&#252;nt&#246;nen, doch ein Gro&#223;teil der aufgedunsenen Haut war aschfahl wie das Fleisch des chinesischen Buddha. Siri wusste sogar, wie man diese Erscheinung nannte  adipici  adipoci oder so &#228;hnlich -, aber im Laotischen gab es daf&#252;r kein Wort. Dem Doktor zufolge handelte es sich um ein recht ungew&#246;hnliches Ph&#228;nomen: Da die Leiche in k&#252;hler, feuchter Erde begraben worden war, hatte sich das Fett unter Beibehaltung der urspr&#252;nglichen K&#246;rperform in eine z&#228;he, seifige Substanz verwandelt. Lit d&#252;rfe sich gl&#252;cklich sch&#228;tzen, meinte Siri, dieser Anblick werde nur wenigen Menschen zuteil.

Doch statt Gl&#252;cksgef&#252;hlen versp&#252;rte Lit vor allem eines  Brechreiz. Der k&#228;sige Geruch sickerte durch das Tuch, das seine untere Gesichtsh&#228;lfte bedeckte, und er wusste, dass das, was der Doktor vorhatte, seinem Magen den Rest geben w&#252;rde.

Auf zum fr&#246;hlichen Schneiden, verk&#252;ndete Siri mit Unschuldsmiene. Nur keine &#220;belkeit vorsch&#252;tzen.

Das Skalpell in seiner Hand schimmerte im Morgenlicht.

Lit begann zu schwanken.

Der Diensthabende hatte den Sicherheitschef um Mitternacht geweckt und ihn von der Entdeckung des zweiten Kubaners unterrichtet. Angeblich gab es weiter nichts zu tun, als den Leichnam bis zum Morgen zu bewachen. Lit war gegen sechs in Begleitung zweier Adjutanten eingetroffen, und Siri hatte ihn vor der Konzerth&#246;hle l&#228;chelnd in Empfang genommen. Ohne ihren Ekel auch nur im Geringsten zu verhehlen, hatten die Adjutanten den Leichnam aus seinem Bad auf eine Trage bugsiert und ihn durch den langen Tunnel in die K&#252;che geschleppt.

W&#228;hrenddessen hatte Siri den Genossen Lit auf den neuesten Stand der Ermittlungen gebracht. Lit hatte dem Doktor zu seiner meisterhaften Detektivarbeit gratuliert und eifrig in sein Notizbuch gekritzelt. Doch jetzt, wo das Skalpell &#252;ber dem Bauch des Toten schwebte, zog er es vor, sich aus dem Staub zu machen. Er werde sp&#228;ter wiederkommen, wenn es ihm besser gehe. Dann, und erst dann, wolle er &#252;ber das Obduktionsergebnis unterrichtet werden.

Ein wackliger Tisch in einer Freiluftk&#252;che inmitten einer Wolke neugieriger Fliegen war schwerlich der ideale Ort f&#252;r eine postmortale Untersuchung. Der verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig gute Zustand der Leiche machte die Sache ein klein wenig ertr&#228;glicher. Das einzige Anzeichen &#228;u&#223;erer Gewalteinwirkung war eine etwa zwanzig Zentimeter lange Inzision im Oberbauchbereich. Zwar mochte sich das Erscheinungsbild der Wunde dadurch, dass der Tote so lange in feuchter Erde gelegen hatte, etwas ver&#228;ndert haben, aber Siri fand weder Narbengewebe noch Tumore, was den Schluss nahelegte, dass der Eingriff nach Isandros Ableben erfolgt war.

Je weiter die Obduktion voranschritt, desto unglaublicher erschien es ihnen, dass sie es mit einer f&#252;nf Monate alten Leiche zu tun hatten. Der Grund f&#252;r das Loch im Abdomen war schnell gefunden. Jemand hatte den Brustkorb ge&#246;ffnet, um das sehnige Muskelgewebe des Zwerchfells durchtrennen und in die Perikardialh&#246;hle vordringen zu k&#246;nnen. Dann hatte er das Herz vorsichtig herausgetrennt und entnommen. Zu diesem Zeitpunkt war Isandro bereits tot gewesen.

Darf ich jetzt Das ist aber komisch sagen?, fragte Dtui.

Nur zu, sagte Siri.

Das ist aber komisch.

F&#228;llt Ihnen sonst noch etwas Merkw&#252;rdiges auf?

Geben Sie mir einen Tipp.

Sehen Sie irgendwo parallele Narben?

Nein. Keine Narbe, nirgends. Auch komisch.

Blieb die Frage, was den Tod des Kubaners verursacht hatte. Sie fanden keine weiteren Verletzungen, keine inneren Traumata, und ohne Labor konnten sie auch den Mageninhalt nicht analysieren. Alles deutete darauf hin, dass Isandro trotz seiner blendenden Gesundheit friedlich verschieden war.

Da sie leider nicht hatten feststellen k&#246;nnen, was passiert war, sondern nur, was nicht passiert war, hatten Dr. Siri und Dtui keinen Schimmer, wie es nun weitergehen sollte. W&#228;hrend sie die Proben eint&#252;teten, lie&#223;en sie die Geschehnisse des fraglichen Abends noch einmal Revue passieren: Die Kubaner werden dabei beobachtet, wie sie eine sedierte, wenn nicht gar tote vietnamesische Sch&#246;nheit in diese H&#246;hlen bringen. Isandro stirbt friedlich und wird in einem nassen Grab zur letzten Ruhe gebettet. Noch am selben Abend wird Odon brutal ermordet, in Zement ertr&#228;nkt. Doch ihr bezauberndes Opfer verschwindet spurlos und entgeht auf mysteri&#246;se Art und Weise dem zweiten, mutma&#223;lich f&#252;r sie bestimmten Grab.

Um den Anschein von Ordnung zu wahren, verstauten sie Isandro in einem Leichensack, den die Sicherheitsabteilung ihnen zur Verf&#252;gung gestellt hatte, und kehrten ins G&#228;stehaus zur&#252;ck, um sich frischzumachen. Sie standen vor einem ebenso verwirrenden wie aufregenden R&#228;tsel. Es war noch nicht zehn. Panoy kniete bei ihnen an dem kleinen Beistelltisch und spielte mit ihrer gesunden Hand Karten. Sie hatte die Herzen des G&#228;stehauspersonals erobert, selbst das der furchteinfl&#246;&#223;enden Leiterin, die gew&#246;hnlich wartete, bis Siri und Dtui gegangen waren, bevor sie mit dem M&#228;dchen spielte.

Der Zustrom von fehlgeleiteten Lakaien des kapitalistischen Systems war vorerst verebbt. In zwei Tagen w&#252;rden die ersten Delegierten zum Konzert in Vieng Xai eintreffen. Wer nicht als Ehrengast in den Privatgem&#228;chern der Mitglieder des laotischen Politb&#252;ros n&#228;chtigen durfte, w&#252;rde hier im G&#228;stehaus wohnen. Man hoffte, dass das G&#228;stehaus Nr. 2, das am anderen Ende der Stadt in Windeseile aus dem Boden gestampft wurde, die Flut w&#252;rde aufnehmen k&#246;nnen. Doch bis dahin hatten die Mitarbeiter des G&#228;stehauses Nr. 1 wenig mehr zu tun, als sich in ein vierj&#228;hriges Waisenm&#228;dchen zu verlieben.

Trotz seiner reichlich vorhandenen Freizeit zeigte sich das Personal nach wie vor erstaunlich unflexibel, was den Tagesablauf der G&#228;ste anging. Siri und Dtui waren bereits vor dem Fr&#252;hst&#252;ck aufgebrochen, w&#252;rden aber fr&#252;hestens in zwei Stunden etwas zu essen bekommen. Und so setzten sie sich mit einer Tasse Tee auf die Veranda, knabberten Sonnenblumenkerne und sahen Panoy zu, die sich angeregt mit der Karten-K&#246;nigsfamilie unterhielt. Zum Gl&#252;ck erschien Lit gegen halb elf mit zwei Tafeln Erdnusskrokant, welche die drei hei&#223;hungrig verschlangen. W&#228;hrend er keine Gelegenheit auslie&#223;, seiner Auserw&#228;hlten in die Augen zu schauen, legte Lit ihnen das Ergebnis der Nachforschungen dar, um die Siri ihn zuvor gebeten hatte.

Bevor er sie ins Bild setzte, machte er ihnen unmissverst&#228;ndlich klar, dass es sich um streng vertrauliche Informationen handele, die eine als geheim eingestufte Mission betr&#228;fen. Was er ihnen zu sagen habe, d&#252;rfe die Veranda unter keinen Umst&#228;nden verlassen. Es gehe um eine Frage der nationalen Sicherheit. Siri meinte, die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Anwesenden, einschlie&#223;lich Panoy, geheime Informationen an die Amerikaner weitergeben werde, tendiere stark gegen null, und er solle endlich zur Sache kommen.

Also gut, begann Lit. Bei der Einheit  und es war nur eine Einheit -, die in der Nacht, in der Isandro zu Tode kam, an der Kreuzung bei Xam Neua stationiert war, handelte es sich um eine Guerillatruppe, die in den von den Hmong besetzten Gebieten geheime Operationen durchf&#252;hren sollte. Sie war zwei Monate zuvor, kurz nach dem &#220;berfall auf Oberst Ha Hungs M&#228;nner, zusammengestellt worden. Einige ihrer Mitglieder hatten in Ha Hungs Bataillon gedient, und die meisten waren an der Suche nach der entf&#252;hrten Tochter ihres Kommandeurs beteiligt gewesen.

Inzwischen waren die Einheit aufgel&#246;st und die M&#228;nner anderen Divisionen zugeteilt worden, doch Lit zog stolz einen Durchschlag mit den Namen ihrer Mitglieder aus seiner Tasche. Er reichte ihn Siri, der mit dem Finger an der Liste entlangglitt. Obgleich ihm die Namen der meisten vietnamesischen Soldaten wenig sagten, sprang ihn ein Name f&#246;rmlich an. Siri umkringelte ihn mit dem Bleistift aus seiner Brusttasche. Er l&#228;chelte Dtui und Lit vielsagend zu, behielt die Erkl&#228;rung jedoch f&#252;r sich.

Haben Sie Zeit, Genosse Lit?, fragte Siri.

Dr. Siri, in zwei Tagen muss ich f&#252;r die Sicherheit von sechzig ausl&#228;ndischen W&#252;rdentr&#228;gern, unserem gesamten Kabinett sowie &#252;ber vierzig Gener&#228;len garantieren. Bis dahin habe ich einen Mordfall zu l&#246;sen, zur Zufriedenheit des Pr&#228;sidenten. Wenn Sie das irgendwie m&#246;glich machen k&#246;nnten, w&#252;rde ich in den kommenden zweiundsiebzig Stunden mit Freuden auf meinen Sch&#246;nheitsschlaf verzichten.

Gut. Dann machen wir doch eine kleine Spritztour.

W&#228;hrend Lit fuhr und Dtui schweigend auf dem R&#252;cksitz hockte, setzte Siri seinem Zuh&#246;rer das Obduktionsergebnis in allen Einzelheiten auseinander. Zwar nickte der junge Mann an den richtigen Stellen, aber Siri merkte schnell, dass Lit heillos &#252;berfordert war. Er bekleidete einen Posten, den er lediglich als Zwischenstation betrachtete, musste ihn jedoch nach bestem Wissen und Gewissen ausf&#252;llen, um schnellstm&#246;glich bef&#246;rdert werden zu k&#246;nnen. Folglich bot er Siri bereitwillig jede nur erdenkliche Unterst&#252;tzung. Lit sah immer wieder in den R&#252;ckspiegel, nicht etwa, um nach eventuellen Verfolgern Ausschau zu halten, sondern weil er den Blickkontakt mit Dtui suchte. Trotz der Breite des Spiegels und des betr&#228;chtlichen Umfangs seiner Verlobten gelang es ihr irgendwie, sich seinem Gesichtsfeld zu entziehen. Die Fahrt h&#228;tte deshalb beinahe in einer Katastrophe geendet. Lit starrte gebannt in den Spiegel und bemerkte dar&#252;ber nicht, dass die Stra&#223;e schnurstracks in den Fluss f&#252;hrte. Siri erwachte gerade noch rechtzeitig aus seinem Nickerchen, um einen Warnschrei auszusto&#223;en.

Siri kannte die Strecke gut. Als sie an der richtigen Kilometermarke abbogen, sa&#223; dort derselbe zerlumpte Wachposten unter seinem Strohdach. Sie hielten gar nicht erst an, um sich seine L&#252;gen anzuh&#246;ren. Als der arme Mann sein Jagdgewehr endlich von seiner Schulter bugsiert und umst&#228;ndlich in Anschlag gebracht hatte, war der Jeep l&#228;ngst au&#223;er Sicht. Was nicht weiter st&#246;rte, denn es war ohnehin nicht geladen.

Zehn Minuten sp&#228;ter sa&#223;en Siri, Lit und Dtui an einem Tisch in einem ansonsten leeren Zelt. Siri hatte seinen alten Freund Hauptmann Vo beiseitegenommen und ihm die Lage geschildert. Doch die Zeit der zwanglosen Plaudereien war vorbei. Es handelte sich um eine hochoffizielle Angelegenheit, die den gesamten Milit&#228;rapparat betraf und sich auf Zeugenaussagen und Unterlagen st&#252;tzte. W&#228;hrend die Vietnamesen den Amtsschimmel auf Trab brachten, hatte Siri weiter nichts zu tun, als zwischen Dtui und Lit zu sitzen wie eine italienische Gro&#223;mutter, die beim ersten Rendezvous die Anstandsdame spielt. Dtui war dankbar, Lit stocksauer.

Eine Reihe ernst dreinblickender M&#228;nner in Paradeuniform, die bis auf einen s&#228;mtliche verbliebenen Sitzpl&#228;tze am Tisch einnahmen, machte dem betretenen Schweigen ein j&#228;hes Ende. Siri hegte den nicht ganz unbegr&#252;ndeten Verdacht, dass diese Atmosph&#228;re schwerlich geeignet war, einen Berufssoldaten zu einem Mordgest&#228;ndnis zu bewegen. Er ging in Gedanken verschiedene Strategien durch, doch auch als Oberstabsfeldwebel Giap schlie&#223;lich ins Zelt eskortiert wurde, salutierte und auf dem letzten freien Stuhl Platz nahm, hatte Siri noch immer nicht die leiseste Ahnung, wie er den Mann zum Reden bringen sollte. Wie sich herausstellte, war seine Sorge v&#246;llig unbegr&#252;ndet. Hauptmann Vo &#252;bernahm die Gespr&#228;chsf&#252;hrung.

Oberstabsfeldwebel Giap ?

Jawohl?

Im Januar dieses Jahres dienten Sie in einer drei&#223;ig Kilometer vor Xam Neua stationierten Einheit von Viet-Minh-Soldaten.

Als Giap in die fremden Gesichter ringsum sah, wurde ihm klar, dass die Armee die Wahrheit von ihm h&#246;ren wollte, Geheimoperation hin oder her. Ganz recht, Herr Hauptmann.

Eines Abends, fuhr Vo fort, kam ein Handwerker aus Vieng Xai in Ihr Lager und meldete, dass er die beiden vermissten Kubaner gesehen hatte. Stimmt das?

H&#228;tte der Oberstabsfeldwebel mit Nein geantwortet, w&#228;re der Fall vermutlich zu den Akten gelegt worden, dachte Siri sp&#228;ter. Doch als der alte Soldat ein zweites Mal in die ausdruckslosen Gesichter seiner Ankl&#228;ger blickte, sagte ihm sein Instinkt, dass es auf all diese Fragen bereits Antworten gab.

Ja.

Der Hauptmann sah ihm scharf in die Augen. Er hatte nichts mehr mit dem fr&#246;hlichen Burschen gemein, mit dem Siri tief in namenlosen Dschungeln Schach gespielt hatte. Aus Hauptmann Vo war ein unerbittlicher milit&#228;rischer F&#252;hrer geworden, der von seinen Untergebenen unbedingte Loyalit&#228;t und schonungslose Offenheit verlangte.

Als Dr. Siri das letzte Mal hier war, fuhr er fort, hielten Sie es anscheinend nicht f&#252;r n&#246;tig, diese nicht ganz unbedeutende Tatsache zu erw&#228;hnen. Haben Sie daf&#252;r eine Erkl&#228;rung?

Er hat mich nicht danach gefragt.

Der Hauptmann &#252;berspielte seinen Zorn mit einem fl&#252;chtigen L&#228;cheln. Er fragt Sie jetzt, Herr Oberstabsfeldwebel.

Der alte Soldat hatte keine Wahl: Wenn er schwieg, w&#252;rde er erschossen, wenn er log, w&#252;rde er erschossen, und wenn er redete, w&#252;rde er erst vor ein Kriegsgericht gestellt und dann erschossen. Die vietnamesische Armee kannte keine Kompromisse. Jeder Widerspruch war zwecklos. Mit St&#252;mpern wie Giap machte das Milit&#228;r kurzen Prozess.

Die Truppe wurde von unserem Leutnant pers&#246;nlich zusammengestellt, begann er. Ein uniformierter Offizier stenografierte jedes seiner Worte mit. Er w&#228;hlte nur Leute aus, die direkt unter dem Oberst gedient hatten. Einige von uns waren an der Suche nach seiner Tochter beteiligt gewesen. Wir konnten selbst entscheiden, ob wir mitmachen wollten oder nicht. Nat&#252;rlich wollten wir. Wir waren zu siebt beziehungsweise acht, wenn man den alten Hmong-Sp&#228;her mitz&#228;hlt. Es musste alles sehr diskret vonstattengehen  keine Schusswaffen. Die Aktion war nicht genehmigt. Wir wurden zu strengstem Stillschweigen verpflichtet, egal, was passierte.

Wir r&#252;ckten so schnell wie m&#246;glich aus. Wir wussten ja nicht, wie lange die Kubaner noch in der Gegend sein w&#252;rden. Wir schnappten uns einen Transporter, parkten ein paar hundert Meter vor der H&#246;hle und gingen hinein.

Womit waren Sie bewaffnet?, fragte der Hauptmann.

Wir alle hatten Messer. Zwei Kameraden hatten Armbr&#252;ste, f&#252;r Distanzsch&#252;sse.

Siri h&#228;tte sich ohrfeigen k&#246;nnen. Warum war er nicht von selbst darauf gekommen? Nat&#252;rlich steckte keine Kugel in Odons Wunde. Sie stammte gar nicht von einer Feuerwaffe. Wenn er von einem Armbrustbolzen getroffen worden war, hatte der Angreifer ihn herausgezogen und eine Wunde hinterlassen, die einer Schussverletzung t&#228;uschend &#228;hnlich sah. Er fragte sich, ob auch Dtui dahintergekommen war, bis ihm einfiel, dass sie ahnungslos dasa&#223; und einer Sprache lauschte, die zu lernen sie nie das Bed&#252;rfnis versp&#252;rt hatte.

Giap fuhr fort. Wir st&#252;rmten die Armeeh&#246;hlen von beiden Seiten. Der Anf&#252;hrer jeder Einheit hatte eine Rotlichttaschenlampe. Die Einheit, die durch das Auditorium in die H&#246;hle eindrang, sah sie zuerst. Nach der endlosen Suche zerriss es uns fast das Herz. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie w&#252;tend uns ihr Anblick machte. Sie war tot, Herr Hauptmann.

Fr&#228;ulein Hong Lan?, fragte Siri, obwohl er bei diesem Milit&#228;rtribunal offiziell gar nicht h&#228;tte zugegen sein d&#252;rfen.

Nicht nur tot, Doktor. Ausgeweidet. Sie lag mit herausquellenden Ged&#228;rmen in ihrem nassen Grab. Sie hatten sie aufgeschlitzt. Um eine so gro&#223;e Wunde zu verursachen, muss man mit dem Messer schon ganze Arbeit leisten. Es war widerlich, einfach widerlich. Das konnten nur diese verfluchten Kubaner gewesen sein.

Sie haben nur die eine Leiche gesehen?, fragte Siri.

Eine war mehr als genug.

Das ist sehr wichtig, Herr Oberstabsfeldwebel. Siri wusste, dass er die Vernehmung an sich riss, aber er musste dringend ein paar Fragen loswerden. Wo genau lag die Leiche?

In einem Grab. Ein kleiner Bach floss durch die H&#246;hle, und das Loch befand sich direkt daneben.

Aber es gab nur dieses eine Grab?

Jawohl.

Und es war v&#246;llig offen?

Nicht ganz. Die Beine des M&#228;dchens waren mit Sand bedeckt, und neben ihr lag ein kleiner Spaten, als h&#228;tten wir die Kubaner gest&#246;rt, bevor sie ihr Werk vollenden konnten.

Und das Wasser hatte das Blut aus dem K&#246;rper gesp&#252;lt?

Genau.

Fanden Sie sonst irgendwo Blut? Oder Spuren eines Kampfes?

Ich kann mich an nichts dergleichen erinnern. Aber Sie d&#252;rfen nicht vergessen, wir hatten nur Rotlichttaschenlampen.

Und dann?, fragte der Hauptmann.

Dann gingen wir die Schweine suchen. Sie durften auf keinen Fall ungeschoren davonkommen. Wenn sie uns tats&#228;chlich geh&#246;rt hatten und abgehauen waren, konnten sie noch nicht weit sein. Der Hmong-Sp&#228;her entdeckte eine Spur vor der Konzerth&#246;hle.

Nur eine?

Jawohl. Wir nahmen an, dass die Kubaner in verschiedene Richtungen geflohen waren. Ich wei&#223; nicht, wie lange wir nach ihnen suchten. Eine Stunde? Zwei? Dann fanden wir einen der beiden, oben vor der alten Pr&#228;sidentenh&#246;hle. Er sang. So wahr ich hier sitze. Er trug weiter nichts als eine alte Turnhose und tanzte singend im Kreis. Typen wie der haben keinen fairen Prozess verdient. Wir schossen mit der Armbrust auf ihn, ohne Erfolg. Er hielt sich noch immer auf den Beinen. Wir st&#252;rzten uns auf ihn, alle sieben. Ich kann Ihnen sagen, der Bursche war stark, stark wie ein Ochse. Trotzdem. Die Sache mit dem Zement war nicht geplant.

Aber umbringen wollten Sie ihn schon, sagte der Hauptmann.

Eigentlich nicht.

Sie hatten Messer und Armbr&#252;ste mitgenommen.

Nur zur Selbstverteidigung, Herr Hauptmann.

Ich glaube Ihnen kein Wort. Reden Sie weiter.

Also, der Zement war frisch gegossen und noch feucht. Als wir ihn hineinstie&#223;en, erwachte er aus seiner Trance und merkte, was los war. Er k&#228;mpfte wie ein Tiger  er kratzte und trat um sich. Dann endlich lag er still. Der Sch&#252;tze zog seinen Bolzen heraus, wir strichen den Zement glatt und machten uns aus dem Staub, bevor noch jemand kam, der wissen wollte, was es mit dem Geschrei und dem Gesinge auf sich hatte.

Die M&#228;nner um den Tisch atmeten erleichtert auf, als er verstummte.

Herr Oberstabsfeldwebel, fragte der Hauptmann, haben Sie auch den zweiten Mann gefunden?

Nein, Herr Hauptmann. Wir sind am n&#228;chsten Abend nochmal hingefahren, aber er war spurlos verschwunden.

Und was haben Sie mit dem M&#228;dchen gemacht?

Wir haben das Grab zugesch&#252;ttet, die Kleine auf den Transporter verfrachtet und mit ins Lager genommen. Der Leutnant hat sich mit der Mutter in Hanoi in Verbindung gesetzt und ihr erkl&#228;rt, was passiert war. Wir dachten, sie w&#252;rde herkommen oder uns bitten, die Leiche nach Vietnam zu &#252;berstellen, aber sie wollte nur, dass wir sie anst&#228;ndig begraben und ihr eine Haarstr&#228;hne ihrer Tochter schicken.

Wo haben Sie das M&#228;dchen begraben?, fragte Siri.


Thangon war ein winziges Dorf, in dem jeder jeden kannte. Selbst die Leute auf der F&#228;hre hatten den kleinen Geung sofort erkannt. Schlie&#223;lich war er achtzehn Jahre seines Lebens eine Ber&#252;hmtheit  einer der beiden Dorftrottel  gewesen. Herr Watajak war &#252;ber das Wiedersehen mit seinem Sohn nicht sonderlich erfreut, wollte sich vor den Nachbarn aber keine Bl&#246;&#223;e geben. Geungs Vater lebte jetzt allein und wurde langsam alt. Seine Frau hatte ihren versoffenen Mann schon vor Jahren verlassen. Die inzwischen erwachsenen Kinder waren in die Stadt gezogen. Wenn er nicht gerade nach Vientiane fuhr, um seinen Nachwuchs um Geld anzubetteln, setzte er kaum einen Fu&#223; vor die T&#252;r. Er hauste in derselben H&#252;tte, in der Geung zur Welt gekommen und gro&#223;geworden war, bevor er in der Mahosot-Klinik angefangen hatte.

Als Geung am ersten Morgen aus seinem Ersch&#246;pfungsschlaf erwachte und alles genau so vorfand, wie er es in Erinnerung hatte, glaubte er zun&#228;chst, er habe alles  Vientiane, das Leichenschauhaus, Dr. Siri, Dtui und die Fahrt nach Luang Prabang  nur getr&#228;umt. Nichts davon war tats&#228;chlich passiert, und er war immer noch ein halbw&#252;chsiger Junge in Thangon. Er rief nach seinen Geschwistern, er rief nach seiner Mutter, aber es kam niemand au&#223;er seinem Vater. Nur dass sein Vater sehr viel &#228;lter war, als er h&#228;tte sein sollen  und das Haus war staubig und leer.

Die Nachbarn schauten in regelm&#228;&#223;igen Abst&#228;nden herein und brachten Geung zu essen und zu trinken und Balsam f&#252;r seine trockene Haut. Er erinnerte sich an ihre Gesichter. Er erinnerte sich an die Hebamme, die schon uralt gewesen war, als sie Geung zur Welt gebracht hatte, und heute immer noch uralt war. Wie in seinen Kindertagen punktierte sie Geungs Ohren mit einer Spritze, damit die Fl&#252;ssigkeit abfloss, und wie damals war ihre Stimme das Erste, was er vernahm, als er endlich wieder h&#246;ren konnte.

Sch&#246;n, dass du wieder da bist, kleiner Geung.

Mit seinem Geh&#246;r kehrte auch die Wirklichkeit zur&#252;ck. Endlich konnte er die Fragen der neugierigen Besucher verstehen und beantworten. Da es im Ort weder Strom noch anderweitige Zerstreuung gab, kamen die Leute gern vorbei und lauschten seinen Geschichten &#252;ber die Klinik und die F&#228;lle aus Dr. Siris Leichenschauhaus. Nat&#252;rlich neigte er dazu, die Dinge zu vereinfachen und das eine oder andere wichtige Detail zu unterschlagen, was die einfachen Leute von Thangon jedoch gar nicht bemerkten.

Geung ahnte nichts von den schleichenden Ver&#228;nderungen, die in der elterlichen H&#252;tte vor sich gingen. Sein Vater hatte in weiser Voraussicht und mit der Regelm&#228;&#223;igkeit einer Fabrik, die Fleischkl&#246;&#223;chen am Flie&#223;band produziert, Kinder in die Welt gesetzt, die eines Tages seinen Lebensabend sichern sollten. Ein cleveres B&#252;rschchen, dieser Watajak, hatten die Leute von Thangon gesagt. Bei sieben Kindern braucht er nie wieder einen Finger krumm zu machen. Und da sa&#223; er nun einsam und allein in seiner Ecke wie ein Idiot. Wer brachte ihm noch Respekt entgegen? Wer h&#246;rte noch auf ihn? Hilflos musste er mit ansehen, wie die Leute herbeistr&#246;mten, um den weisen Worten seines Sohnes zu lauschen. Aus dem Dummkopf war ein Genie geworden.



17

DIE OBDUKTION DER ROSA ORCHIDEE 

Die Leute aus Vientiane hatten sich bereits in Vieng Xai eingefunden, um Vorbereitungen f&#252;r das Konzert zu treffen. Morgen w&#252;rden die Unterhaltungsk&#252;nstler aus Hanoi einfliegen. Ein Tag war f&#252;r die Proben angesetzt, und dann, am Sonntagvormittag, w&#252;rden die Delegierten und Parteibonzen eintreffen. Deshalb bestand Genosse Khong nachdr&#252;cklich darauf, dass Dr. Siri die Leiche auf der Stelle aus der K&#252;che der Konzerthalle entfernte.

Genosse Khong war ein strenger Mann mit breiter Brust und bedrohlichem Blick. Kein Erdbeben, keine Invasion und schon gar keine Obduktion w&#252;rden seiner sorgf&#228;ltigen Planung des Konzerts f&#252;r Freundschaft und Zusammenarbeit im Wege stehen. Die Hausangestellten emp&#246;rten sich &#252;ber die Einzelteile der Mumie im Konferenzzimmer des Pr&#228;sidenten. Auch sie mussten verschwinden. Da sie im G&#228;stehaus Nr. 1, das einem gr&#252;ndlichen Fr&#252;hjahrsputz unterzogen wurde, alles andere als willkommen waren, wurden die beiden Kubaner zum Schauplatz des ersten Akts zur&#252;ckgebracht, ins Krankenhaus bei Kilometer 8.

Lit hatte die ganze Nacht &#252;ber seinem ausf&#252;hrlichen Bericht gebr&#252;tet. Es fehlte nur noch der Schlussabsatz mit dem Befund der letzten noch ausstehenden Obduktion, der von Hong Lan, der rosa Orchidee. Jetzt sa&#223; er auf der Bank vor demselben Mittelschulklassenzimmer, in dem Siri die Nacht mit den B&#252;ffeln verbracht hatte. Die Patienten in den anderen H&#228;usern, die ihn von ihren Fenstern aus beobachteten, konnten sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum er eine Gasmaske trug.

Dazu h&#228;tten sie schon neben ihm sitzen m&#252;ssen. Im Klassenzimmer beugten Siri und Dtui sich schwitzend und verwirrt &#252;ber das Skelett, das einst ein bildsch&#246;nes vietnamesisches M&#228;dchen gewesen war. Sie trugen je drei OP-Masken &#252;ber Mund und Nase. Die mittlere Maske hatten sie gro&#223;z&#252;gig mit duftendem Tigerbalsam bestrichen. Doch nichts konnte den schrecklichen Gestank vertreiben, der das Zimmer und alles darin durchdrang. Sie hatten den Genossen Lit ausgelacht, als er mit Gasmaske erschienen war. Ihre Nasen seien den Geruch des Todes gewohnt, hatten sie gesagt. Aber w&#228;ren die Gl&#228;ser nicht so hinderlich gewesen, h&#228;tten sie die beiden Masken, die er ihnen mitgebracht hatte, wohl nicht verschm&#228;ht. Seit sie in der Pathologie arbeiteten, hatten sie so etwas noch nie gerochen.

Eine Mumie, eine Wachsleiche, die sich an der frischen Luft zersetzte, und eine tote Frau, die in einem Leichensack aus Plastik verscharrt worden und dem W&#252;ten der Bakterien ausgesetzt gewesen war  sie alle faulten vor sich hin, die eine langsamer, die andere schneller, und verstr&#246;mten jede ihr ganz eigenes Aroma. Die Kombination war unertr&#228;glich, doch der Doktor hatte sie zusammen aufbahren lassen, um sich Anregungen holen und Vergleiche anstellen zu k&#246;nnen. Bei der Obduktion Hong Lans stie&#223;en sie auf die erste Gemeinsamkeit. Wie bei Isandro legten die &#220;berreste des Zwerchfells den Schluss nahe, dass es durchtrennt worden war. Der Leichensack hatte den Zerfallsprozess so weit verlangsamt, dass sie eine Reihe von Anhaltspunkten fanden, die andernfalls von Ungeziefer vernichtet worden w&#228;ren. Obwohl die T&#228;ter dem Leichnam s&#228;mtliche Organe entnommen hatten, deuteten Kerben an der Innenseite des Brustkorbs auf einen laienhaften operativen Eingriff hin. Was wiederum daf&#252;r sprach, dass auch Hong Lan das Herz aus dem Leib geschnitten worden war.

Sehnen und B&#228;nder hatten der Zersetzung bislang standgehalten, und auch der Uterus war noch teilweise intakt.

Meine G&#252;te, sehen Sie sich das an, sagte Siri zu Dtui.

Was ist das?

Erkl&#228;ren Sie es mir.

Sieht aus wie Fibrome, aber sie war doch erst  wie alt?  achtzehn?

Ungew&#246;hnlich, nicht? Ich frage mich, ob sie deswegen ins Krankenhaus eingewiesen wurde.

Ich dachte, Fibrome seien gutartig.

Nicht unbedingt. Und Sie d&#252;rfen nicht vergessen, dass sie wom&#246;glich auch Zysten hatte. Aber selbst wenn, w&#228;re das jetzt nicht mehr nachzuweisen.

L&#228;sst sich das denn nicht irgendwie feststellen?

Siri schob den Geb&#228;rmutterhals beiseite und nahm die Wirbels&#228;ule in Augenschein. Oje.

Was ist?

Sehen Sie das?

O Gott. Was ist denn mit ihrer Wirbels&#228;ule passiert?

Sie ist zerfressen, Dtui. Der Krebs hat vom Uterus aus gestreut, das Knochenmark befallen und ihr R&#252;ckgrat angegriffen. Sie muss zum Schluss furchtbare Schmerzen gehabt haben.

K&#246;nnte sie daran gestorben sein?

Wenn nicht, w&#228;re ihr wohl nicht mehr viel Zeit geblieben.

Und was hat das alles zu bedeuten?

Siri streifte seine Masken ab. Er brauchte die Luft dringender als den Schutz vor dem Gestank. Er nahm ein paar tiefe Atemz&#252;ge und schluckte die &#220;belkeit in seiner Kehle hinunter.

Dass sie in den letzten Monaten ihres Lebens gelitten hat. Wir k&#246;nnen nur hoffen, dass die Entf&#252;hrer ihr Schmerzmittel gegeben haben. Er musste an die Opiumbonbons in der Pr&#228;sidentenh&#246;hle denken.

Sie k&#246;nnen unm&#246;glich so herzlos gewesen sein 

Wissen Sie was? Ich glaube  Den zweiten Galleschwall konnte er nicht mehr herunterw&#252;rgen, und Dtui beobachtete am&#252;siert, wie er herumwirbelte und sich erbrach. Sie hatte l&#228;nger durchgehalten als der gro&#223;e Chirurg.


Eine halbe Stunde sp&#228;ter pr&#228;sentierten sie Lit ihre Befunde. Obwohl sie das Klassenzimmer l&#228;ngst verlassen hatten und im Schatten der Felswand hinter dem Krankenhaus sa&#223;en, wurden sie den Geruch nicht los. Sie hatten nicht mit Sicherheit feststellen k&#246;nnen, ob Hong Lan an ihrem Krebsleiden gestorben war. Um an ihr Zwerchfell zu gelangen, h&#228;tte der T&#228;ter zun&#228;chst das Abdomen aufschneiden m&#252;ssen. Dabei w&#228;re das M&#228;dchen wahrscheinlich verblutet, aber auch das lie&#223; sich weder beweisen noch widerlegen. Und wie schon bei Isandro hatten sie keinerlei Anhaltspunkte f&#252;r eine andere Todesursache gefunden. Zufrieden notierte Genosse Lit, dass in beiden F&#228;llen Hinweise auf ein Verbrechen vorl&#228;gen, und schloss seinen Bericht mit den Worten: Beiden Leichen wurde das Herz entnommen, und da sich zum fraglichen Zeitpunkt nur ein weiterer Verd&#228;chtiger am Tatort aufhielt, darf davon ausgegangen werden, dass Odon beide Morde ver&#252;bte.

Da Lits eigentlicher Fall  die Leiche in Beton  gel&#246;st war, bereitete es ihm umso gr&#246;&#223;ere Genugtuung, dass die anderen beiden Morde ungekl&#228;rt blieben. Seine Vorgesetzten konnten wohl kaum von ihm verlangen, einen toten Tatverd&#228;chtigen zu befragen. Er wusste, dass die Armee selbst &#252;ber das Strafma&#223; f&#252;r Giap und die anderen Mitglieder des Lynchmobs befinden musste. Angesichts der Schwere des Verbrechens, f&#252;r das die Soldaten Rache genommen hatten, rechnete er eher mit einem Tadel und einer Degradierung als mit standrechtlicher Erschie&#223;ung. Aber das brauchte ihn nun nicht mehr zu k&#252;mmern. Er war aus dem Schneider.

Bevor er den Bericht einreichte, erkl&#228;rte er Dtui, er werde beizeiten zur&#252;ck sein, um die Vereinigungsformalit&#228;ten abzuschlie&#223;en. Womit er offenbar die Hochzeit meinte, und es wunderte Dtui nicht im Geringsten, dass er &#252;ber eine Verlobung sprach wie &#252;ber eine Firmenfusion. Sie wanderte mit Siri am Fu&#223; des Berges entlang und atmete den Duft des wilden Wasserschlauches, der dort &#252;ppig gedieh. Inzwischen hielten sie sich an die ausgetretenen Pfade. Dtui bezweifelte, dass sie je wieder den Mut zu einem Spaziergang &#252;ber nicht markierte Felder oder durch jungfr&#228;uliche W&#228;lder aufbringen w&#252;rde.

Sie war ebenso besorgt wie ihr Chef, und seit Lit gegangen war, hatten sie kein Wort mehr gesprochen. Der Mann war trunken gewesen vor Gl&#252;ck. Als habe er die letzte H&#252;rde auf dem Weg zu seiner n&#228;chsten Bef&#246;rderung genommen. Siri bemerkte Dtuis m&#252;rrische Miene.

&#220;berlegen Sie, was Sie dem Genossen Lit sagen sollen?

Nein. Eigentlich nicht. Das wird sich schon irgendwie regeln.

Was dann?

Sie blieb stehen und stemmte die H&#228;nde in die H&#252;ften. Ich habe ein ungutes Gef&#252;hl, was diesen Fall angeht.

Ich auch.

Gut. Sie zuerst. Was bereitet Ihnen Kopfzerbrechen?

Wahrscheinlich mehr oder weniger dasselbe, was Ihnen Kopfzerbrechen bereitet. Gehen wir alles noch einmal durch. Sie setzten sich nebeneinander auf einen schattigen Felsblock. Ich wei&#223;, es sieht ganz danach aus, als sei die Geschichte hiermit zu Ende, aber ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass uns ein wesentlicher Teil der Handlung entgangen ist.

Mir gehts genauso. Meine weibliche Intuition piesackt mich schon seit geraumer Zeit. Vor allem die Mutter macht mir Sorgen. Ihre Tochter ist verschwunden, aber sie zieht in aller Seelenruhe nach Vietnam, als w&#228;re nichts gewesen. Und als die Leiche schlie&#223;lich gefunden wird, kommt sie noch nicht mal zur Beerdigung. Zur Beerdigung ihrer einzigen Tochter. Das klingt mir nicht nach einem besonders herzlichen Mutter-Tochter-Verh&#228;ltnis.

Vielleicht hat sie den Tod ihres Mannes nicht verkraftet.

Aber gerade das schwei&#223;t die Hinterbliebenen doch besonders eng zusammen. Nein. Zwischen den beiden ist irgendetwas vorgefallen. Da habe ich nicht den geringsten Zweifel. Steckt Odon eigentlich immer noch in Ihnen?

Die Frage &#252;berraschte Siri. Er hatte den aufs&#228;ssigen Geist v&#246;llig vergessen. Ich glaube kaum. Ich wei&#223; es nicht. Ich habe nichts mehr gesp&#252;rt, seit wir die Leiche gefunden haben. Ich habe in den vergangenen vierundzwanzig Stunden nicht ein einziges Mal mit den Fingern geschnippt. Ich war ohnehin nie wirklich besessen, ich habe lediglich seine Gegenwart gef&#252;hlt  seinen Einfluss. Und auch das will mir irgendwie nicht recht einleuchten. Wenn Odon und Isandro tats&#228;chlich so b&#246;se waren, wie st&#228;ndig behauptet wird, warum habe ich davon dann nichts gemerkt? Warum habe ich ihre Macht nicht ein einziges Mal gesp&#252;rt? Ich wei&#223; auch nicht. Ich frage mich 

Was?

Ich frage mich, ob wir vielleicht nur das sehen, was wir sehen sollen.

Und was machen wir jetzt?

Wir k&#246;nnten nach Vientiane zur&#252;ckfahren und feierlich verk&#252;nden, dass Inspektor Maigret und seine rechte Hand erneut ein heimt&#252;ckisches Verbrechen gekl&#228;rt haben, obwohl wir insgeheim wissen, dass dem nicht so ist 

Ich bin f&#252;r die zweite Alternative.

Das dachte ich mir.




Dr. Sounsak  der junge Arzt, der das vietnamesische Hausm&#228;dchen angeblich von einem Affenf&#246;tus entbunden hatte  war als einer von wenigen Laoten in die zwielichtigen Machenschaften der Kubaner verwickelt gewesen. W&#228;hrend man ihn in ein Krankenhaus in der Provinz Savannakhet versetzt hatte, lebte Fr&#228;ulein Bong, die junge Dame, mit der er damals liiert gewesen war, noch immer in dem Dorf bei Kilometer 8, wie das K&#252;chenpersonal des G&#228;stehauses begeistert kolportierte.

Siri und Dtui hatten eine Theorie entwickelt  ein alternatives Szenario f&#252;r die r&#228;tselhaften Vorg&#228;nge des vergangenen Jahres. An dieser Hypothese hangelten sie sich nun entlang, lie&#223;en die Ereignisse Revue passieren und klopften sie auf ihre Wahrscheinlichkeit hin ab. Fr&#228;ulein Bong war eine st&#228;mmige, sonnengegerbte Frau, der die jahrzehntelange Feldarbeit einen krummen R&#252;cken beschert hatte. Sie trafen sie auf dem Reisfeld an, wo sie Sch&#246;sslinge pflanzte. Sie lie&#223; sich nur widerwillig auf ein Gespr&#228;ch ein. Ihr war bei diesem Thema offensichtlich nicht ganz wohl.

Dtui ging es &#228;hnlich. Ist dieses Feld auch sicher?, fragte sie.

Nicht mehr und nicht weniger als jedes andere, Tantchen, erwiderte Fr&#228;ulein Bong. Prompt explodierte Dtui. Die Fetzen flogen nach allen Seiten. Tantchen? Die Frau war mindestens zehn Jahre &#228;lter als sie. War sie im Lauf der letzten Woche so sehr gealtert? Nachdem sie sich einigerma&#223;en gesammelt hatte, musste sie feststellen, dass weder Siri noch die Frau &#252;berhaupt bemerkt hatten, dass sie in die Luft gegangen war. Sie versuchte es mit Fassung zu tragen.

K&#246;nnten Sie vielleicht einen Moment Pause machen und mit uns sprechen?, sagte Siri. Ich bekomme langsam einen steifen Hals.

Wir m&#252;ssen fertig werden, bevor der gro&#223;e Regen kommt, sagte Fr&#228;ulein Bong. Da habe ich f&#252;r sinnloses Geschw&#228;tz keine Zeit. Sie hoffte wohl, sich die Gro&#223;st&#228;dter mit derlei Unh&#246;flichkeiten vom Hals halten zu k&#246;nnen.

Na sch&#246;n. Siri lie&#223; sich auf einem Erdwall nieder. Dann erz&#228;hlen Sie uns doch einfach vom Genossen Sounsak.

Da gibts nichts zu erz&#228;hlen.

Sie hatten ein Verh&#228;ltnis mit ihm, als 

Wir waren verlobt, fiel sie ihm ins Wort.

Verzeihung. Sie waren mit dem Genossen Sounsak verlobt, als er im Krankenhaus ein seltsames und wenig erfreuliches Erlebnis hatte.

Ach ja? Was denn f&#252;r eins?

Es hatte mit einem Affenf&#246;tus zu tun.

Sie starrte Siri an, wie man eine Eidechse anstarren w&#252;rde, die mit blo&#223;en Zehen eine Dose Corned Beef zu &#246;ffnen versucht. H&#228;?

Hat er Ihnen nichts davon erz&#228;hlt?

Wir haben nur selten &#252;ber Affen gesprochen.

Eine schwangere Vietnamesin hatte ein totes Affenbaby zur Welt gebracht. Hat er das Ihnen gegen&#252;ber nicht erw&#228;hnt?

Die Frau sah Dtui an. Hat Ihr Gro&#223;vater sie noch alle?

Dtui seufzte und sprach ganz langsam, denn die Frau war anscheinend nicht besonders helle. Es gab da ein vietnamesisches Hausm&#228;dchen, sagte sie. Sie kochte f&#252;r die Ingenieure, die am Bau des Krankenhauses beteiligt waren. Die Frau rammte die armen kleinen Sch&#246;sslinge jetzt buchst&#228;blich in den Boden. Kannten Sie sie?

Die K&#246;rperhaltung der Frau sagte Ja. Was wissen Sie &#252;ber sie?

Genosse Sounsaks ehemalige Verlobte hob den Kopf und funkelte die ungebetenen Besucher w&#252;tend an. Was ich &#252;ber sie wei&#223;? Ich wei&#223;, dass sie eine Hure war, die anderen Frauen die M&#228;nner reihenweise ausgespannt hat, eine Hure und ein Teufel. Gen&#252;gt Ihnen das?

Siri warf Dtui einen Blick zu, der sie f&#246;rmlich aufzufordern schien, die n&#228;chste Frage zu stellen. Sie tat ihm den Gefallen.

Was hat die Schlampe Ihnen angetan?, fragte sie.

Fr&#228;ulein Bong kehrte Siri den R&#252;cken zu und richtete ihre giftspr&#252;henden Augen auf Dtui. Sie hat regelrecht Jagd auf sie gemacht  M&#228;nner, die in einer gl&#252;cklichen, liebevollen Beziehung lebten. Sie hat ihnen ihre vietnamesischen H&#228;ngetitten gezeigt, ein paarmal mit ihrem fetten Arsch gewackelt, und schon war es um sie geschehen.

Diese Hure, bekr&#228;ftigte Dtui. Und Ihr Verlobter ?

Den hat sie sich genauso geangelt. Und als sie schwanger wurde, wer war da wohl so dumm, sich hinzustellen und die Vaterschaft anzuerkennen? Sie war das Tintenfass auf dem Schreibtisch des Zahlmeisters. Es dauerte keine vier Wochen, und s&#228;mtliche M&#228;nner im Dorf hatten ihren Federkiel in ihr versenkt, aber nur mein Sounsak war so d&#228;mlich, es auch zuzugeben.

Und?

Sie hat das Blag bekommen. Er hat es sogar eigenh&#228;ndig zur Welt gebracht.

Lebend?, fragte Siri.

Leider.

Was ist aus den beiden geworden?

Sie sind noch in derselben Nacht durchgebrannt. Als w&#228;ren sie unsterblich verliebt. Ich hab ihn nie wieder gesehen. Ihre Augen schimmerten feucht.

Wie schrecklich, sagte Siri und nickte, obwohl aus seiner Miene vor allem Faszination zu sprechen schien. Wissen Sie, ob zwischen ihr und den beiden Kubanern etwas vorgefallen ist?

Aber ja. Sie konnte die beiden auf den Tod nicht ausstehen.

Weil sie etwas gegen Schwarze hatte?

Ach, sie h&#228;tte es auch mit denen getrieben. Aber die beiden waren als Einzige schlau genug, dem Teufel aus dem Weg zu gehen. Sie probierte es mit allen Tricks, kriegte die beiden Jungs aber ums Verrecken nicht in ihr Bett. Sie hat immer wieder damit geprahlt, dass sie den Gro&#223;en &#252;ber kurz oder lang zwischen ihre Schenkel bekommen w&#252;rde. Als ihr ganzes Pogewackel nicht zum gew&#252;nschten Erfolg f&#252;hrte, versuchte sie es mit dem Kleineren, aber auch der wollte nichts von ihr. Also erz&#228;hlte sie &#252;berall herum, sie w&#228;re  Sie wissen schon  mit ihm zusammen.

Das hat sie gesagt?, fragte Siri.

Sie geh&#246;rte zu der Sorte Frau, die davon &#252;berzeugt ist, dass ihr ein richtiger Mann nicht widerstehen kann.


Auf der Fahrt zur&#252;ck ins G&#228;stehaus musterte Dtui ihren Chef. Er hatte diesen glasigen Blick, der ihr schon des &#214;fteren aufgefallen war. Meinen Sie, wir sind der Wahrheit ein St&#252;ck n&#228;her gekommen?

Das wird sich weisen, teure Assistentin.

Vielleicht hat sie gelogen.

Schon m&#246;glich.

Oder ihr Verlobter hat ihr nicht erz&#228;hlt, was wirklich passiert ist. Vielleicht wollte er sie schonen.

Auch das w&#228;re denkbar. Aber es gibt da, glaube ich, noch eine andere M&#246;glichkeit.

Gut, wenn ich den Schock &#252;berwunden habe, &#252;ber Nacht steinalt geworden zu sein, komme vielleicht auch ich dahinter. Was machen wir jetzt?

Schlafen. Wir sollten uns aufs Ohr hauen. Ich muss noch rasch mit Vientiane telefonieren, und dann hoffe ich auf den einen oder anderen Traum. Ihr Verlobter wird um diese Zeit wohl nicht mehr auf uns warten. Morgen fr&#252;h machen wir eine kleine Spritztour. Wenn sich die Dinge so entwickeln, wie ich es mir vorstelle, m&#252;sste der Fall sp&#228;testens morgen Abend gekl&#228;rt sein. Eigentlich k&#246;nnten wir auch noch einen Tag l&#228;nger bleiben und uns das Konzert anh&#246;ren, ohne uns allzu gro&#223;e Vorw&#252;rfe machen zu m&#252;ssen, weil wir Herrn Geung so lange allein gelassen haben. Ich wette, der arme Kerl langweilt sich in der Pathologie zu Tode.




Hallo?

Hallo?

Civilai?

Ja, wer ist da?

Die Kaiserinwitwe von China.

Siri? Bist dus? Die Leitung ist erb&#228;rmlich. Gott, du h&#246;rst dich an, als w&#252;rdest du in einem Schmalzbottich stehen.

Ja. Das ist mein neuestes Steckenpferd. Habe ich dir gefehlt?

Warum? Bist du verreist?

Ich bin in Houaphan.

Im Ernst? Dann sehen wir uns &#252;bermorgen. Ich komme zum Konzert.

Du wirst doch hoffentlich nicht singen.

Nein. Ich f&#252;hre nur meinen exotischen Tanz auf. Du wei&#223;t schon, den mit der Federboa?

Dann werde ich vorher tunlichst nichts Fettiges zu mir nehmen. Pass auf, du musst mir einen Gefallen tun.

&#214;fter mal was Neues.

Kennst du jemanden, der Spanisch spricht?

Ja, warum?

Wie sp&#228;t ist es in Kuba?


Die Kr&#228;he und die Sp&#228;tzin lagen in dem matschigen Reisfeld und atmeten nur noch schwach. Ihre Augen waren glasig. Zwei M&#228;nner beugten sich &#252;ber sie: der Lehrer und der Sch&#252;ler. Hinter ihnen stand ein &#228;lteres Paar, schw&#228;rzer als die Nacht ringsum. Die Frau legte dem jungen Mann die Hand auf die Schulter. Der Lehrer nickte, und der dunkelh&#228;utige Novize hob die V&#246;gel behutsam auf und legte die H&#228;nde wie zum Gebet aneinander. Nun presste er die Handfl&#228;chen zusammen, sachte erst, und dann, als die beiden V&#246;gel eins wurden, verschr&#228;nkte er die Finger und dr&#252;ckte zu, bis ihnen ein Rauchfetzen entstieg und gen Himmel waberte. Er &#246;ffnete die H&#228;nde, und die V&#246;gel, das Paar und der Lehrer waren verschwunden. Nur der Novize blieb zur&#252;ck. Er l&#228;chelte dem Tr&#228;umenden zu und machte sich dann daran, Siri langsam, ohne Worte zu erkl&#228;ren, was er soeben mit angesehen hatte. Als die Morgensonne aufging, sah der Doktor vieles klarer.



18

FREUNDSCHAFT, ZUSAMMENARBEIT UND DENGUEFIEBER 

Einst war Herr Watajak Fr&#252;haufsteher gewesen. In der Provinz diktierte die Sonne, wann man zu Bett zu gehen und wann man aufzustehen hatte. Bauern besa&#223;en eine etwas feinere innere Uhr, die ihnen sagte, wenn &#252;ber dem Irrawaddy-Delta die D&#228;mmerung anbrach, eine Stunde bevor sie Laos erreichte. Und so schufteten sie l&#228;ngst auf ihren Feldern, wenn das erste Morgenlicht &#252;ber die H&#252;gel kroch. Aber der Reiswhisky lie&#223; die Zahnr&#228;der von Herrn Watajaks innerer Uhr zusehends verrosten. Als er an diesem Morgen schwei&#223;gebadet erwachte, brannte die Sonne bereits auf die Ostwand seiner alten H&#252;tte. Er war allein. Sofort packte ihn die S&#228;uferpanik. Was ist denn hier los?

Inzwischen war er es gewohnt, den Dummkopf um sich zu haben, der die Nachbarn anzog, kluge Spr&#252;che klopfte, allm&#228;hlich zu Kr&#228;ften kam und ihn zum Lachen brachte. Insgeheim hatte der alte Herr Watajak Gefallen an dem Jungen gefunden. Er spielte mit dem Gedanken, ihn bei sich zu behalten. Geung war ein strammer Bursche. Vielleicht konnte er einige der Reisfelder neu bestellen, falls der Regen jemals kam. Oder sogar eine Fischfarm er&#246;ffnen und damit gutes Geld verdienen. Es gab jede Menge M&#246;glichkeiten, und doch war die Bambush&#252;tte bis auf Herrn Watajak leer. Das machte ihn so w&#252;tend, dass er erst einmal etwas trinken musste. Und nach den ersten Schlucken erinnerte der Schnaps ihn daran, wie einsam er doch war. Der kleine Dummkopf w&#252;rde ihm fehlen.


Sie hatten es ihm gesagt. Alle hatten es gesagt. Die Nachbarn, die Touristen und die Kinder aus der Tempelschule. Er hatte sie immer wieder gefragt, weil ihm zwanzig Meilen als Antwort nicht gen&#252;gte. Unter zwanzig Meilen konnte er sich wenig vorstellen. Eine halbe Ewigkeit, noch ein paar Tage und ein paar hundert M&#252;ckenstiche oder l&#228;nger, als eine Leiche zum Verwesen braucht, w&#228;re ihm lieber gewesen. Inzwischen konnte Herr Geung ihnen die Namen s&#228;mtlicher Ortschaften nennen, durch die er auf seinem Weg gekommen war, wenn er sich nicht sogar an die Namen all derer erinnerte, die nett zu ihm gewesen waren, und an die Namen ihrer Kinder. Aber er begriff beim besten Willen nicht, was es mit den zwanzig Meilen auf sich hatte und wann er endlich im Leichenschauhaus eintreffen w&#252;rde, wo in der Zwischenzeit bestimmt allerhand passiert war.

Sie hatten ihm gesagt, das spiele keine Rolle. Sie k&#246;nnten ihn in den Bus setzen oder einen Lastwagen anhalten. Sobald er nach Vientiane aufbrechen wolle, sei es ein Kinderspiel, ihm eine Mitfahrgelegenheit zu besorgen. Doch aus irgendeinem Grunde erstaunte es die Leute nicht allzu sehr, dass sie ihn an diesem Morgen nicht zu Hause antrafen. Es war der gro&#223;e Tag der Unterzeichnung des Vertrages mit den Vietnamesen, und die Regierung hatte einen zweit&#228;gigen Feiertag ausgerufen. Der Vater konnte ihnen nicht sagen, wohin sein genialer Sohn verschwunden war, und in seinem Suff schien es ihn auch nicht sonderlich zu interessieren.

Geung war in aller Fr&#252;he losmarschiert. Die Sonne stand hinter seiner linken Schulter, und er wanderte am Stra&#223;enrand entlang. Es war sicherer, zu Fu&#223; zu gehen. Immer wenn ihn ein Fahrzeug mitgenommen hatte, war es in die falsche Richtung gefahren. Das gab nur unn&#246;tige Scherereien. Nein, von Autos und Lastwagen hatte Herr Geung die Nase voll. Er war bereit f&#252;r seine letzte Pr&#252;fung. Die Schulter tat ihm nicht mehr weh. Seine Blasen waren abgeheilt, seine Muskeln ausgeruht. Seine Haut hatte sich von seinem Sonnenbrand erholt, und er konnte wieder h&#246;ren.

Sein Gewissen plagte ihn, weil er so lange in Thangon geblieben war. Der alte Mann, sein Vater, betr&#252;bte ihn, auch wenn er nicht recht wusste, weshalb. Eine innere Stimme hatte ihm zum Bleiben geraten. Es war eine andere Stimme als jene, die ihn unabl&#228;ssig an sein Versprechen und seine Verpflichtungen erinnerte. Die vergangenen paar Tage hatten Geung verwirrt. Er wusste nicht, auf welche Stimme er h&#246;ren sollte. Dann kehrte Dtui zur&#252;ck. Er war au&#223;er sich vor Freude. Sie half ihm auf die Spr&#252;nge.

Sie erinnerte ihn an das, was man Liebe nennt. Dar&#252;ber sprach sie oft und gern. Sie erkl&#228;rte ihm, gerade in Zeiten, in denen es nahezu unm&#246;glich scheine, jemanden zu lieben  Zeiten, in denen einem eher nach Hass und Ablehnung zumute ist -, gerade in diesen Zeiten sei die Liebe bitter n&#246;tig. Sie erkl&#228;rte ihm, sein Vater habe seine Liebe verdient. Er m&#252;sse sie sich nicht erarbeiten. Er geh&#246;re schlie&#223;lich zur Familie, und in einer Familie bek&#228;men alle ihren Anteil Liebe, allein weil sie verwandt seien. Geung fragte sich, wann er seinen Anteil erhalten w&#252;rde. Aber vielleicht musste man ja erst etwas geben, um etwas zu bekommen. Seine Vater hatte nichts. Das war selbst Geung nicht entgangen. Da konnte er bestimmt eine Kleinigkeit gebrauchen. Darum hatte Geung seinen betrunkenen Vater am Vorabend der letzten Etappe seines langen Marsches auf die Stirn gek&#252;sst und ihm gesagt, dass er ihn liebte.

Der verwirrte Mann hatte seinen schwachsinnigen Sohn angewidert von sich gesto&#223;en und die z&#228;rtliche Geste weggewischt wie ein schleimiges Insekt. Er warf seinem Sohn Dinge an den Kopf, die ihn h&#228;tten treffen k&#246;nnen, ihr Ziel jedoch verfehlten. Geung erkl&#228;rte ihm, wie stolz er auf seinen intelligenten Vater sei, der ihn einmal monatlich besuche, um ihn mit Neuigkeiten zu versorgen und sich nach seinem Wohlergehen zu erkundigen. Als er sich schlie&#223;lich schlafen legte, sah er dem Alten an, dass ihm das zu denken gegeben hatte. Er vergoss sogar die eine oder andere Tr&#228;ne, aber das mochte am Reiswhisky liegen.

Mit gest&#228;rktem Selbstbewusstsein ging Geung weiter, in der sicheren Gewissheit, dass er schon bald seine vertraute Umgebung wiedersehen w&#252;rde. Er hoffte, dass die &#220;belkeit, die immer wieder in ihm aufstieg, nachlassen w&#252;rde, doch diese Hoffnung erf&#252;llte sich nicht. Auch seine Kopfschmerzen wollten einfach nicht vergehen. F&#252;nf Tage war es her, dass ihn die Dengue-M&#252;cke gestochen hatte, und heute w&#252;rde das Fieber kommen. Das Virus in seinem Blut hatte sich vermehrt, und langsam schwoll sein Zahnfleisch an.

In Vientiane wurde ein Federhalter einmal kurz gesch&#252;ttelt, um die Tinte zum Flie&#223;en zu bringen, und setzte sodann mit leisem Kratzen die Namen s&#228;mtlicher Delegierten unter den Vertrag &#252;ber Freundschaft und Zusammenarbeit, der den Laoten weitere f&#252;nfzig Jahre Knechtschaft garantierte. Noch bevor die Tinte auf dem Pergament getrocknet war, wurden die Anwesenden in Milit&#228;rtransportern zum Flughafen chauffiert, daselbst in Helikopter der Luftwaffe verladen und nach Houaphan geflogen. Dort wurden sie k&#246;niglich bewirtet (auch wenn dieses Adverb niemand auszusprechen wagte). Gegen sieben Uhr abends entschieden sie, welches graue Safarihemd sie anziehen sollten, genehmigten sich einen letzten Cocktail und gingen zu Fu&#223; zur Konzerth&#246;hle, um sich die spektakul&#228;ren Darbietungen vietnamesischer K&#252;nstler anzusehen.

Von alldem ahnte Herr Geung nat&#252;rlich nichts. Er wusste nur, dass das Leichenschauhaus seit Gott wei&#223; wie vielen Tagen nicht gefegt worden war. Die K&#252;chenschaben bev&#246;lkerten vermutlich den Seziersaal, vor der T&#252;r stapelten sich die Leichen, und das alles nur, weil Herr Geung sein Wort gebrochen hatte. Unverzeihlich. Vollkommen unverzeihlich. Welche Strafe ihn auch erwarten mochte, er hatte sie verdient. Er sank auf die Knie und erbrach sich in die schlanke Rutenhirse am Stra&#223;enrand.



19

EIN IRRTUM KOMMT SELTEN ALLEIN 

Heute fand das Konzert statt. Obwohl sie den T&#228;ter schon am Abend zuvor h&#228;tten dingfest machen k&#246;nnen, kamen Siri und Dtui &#252;berein, noch einen Tag zu bleiben und weitere Ermittlungen anzustellen, um auch die letzten Zweifel auszur&#228;umen. Au&#223;erdem erwartete Siri einen wichtigen Anruf aus Vientiane. Die Leiterin des G&#228;stehauses war am Boden zerst&#246;rt, als sie erfuhr, dass der alte Arzt und die dicke Krankenschwester noch da waren und zwei wertvolle Zimmer belegten. Zum Gl&#252;ck hatten sie das Beweisst&#252;ck fortgeschafft, denn sie wusste nicht, wie sie dem Genossen Khong aus Vientiane das h&#228;tte erkl&#228;ren sollen.

Am Vortag hatte Dtui die kleine Panoy in ihr Dorf zur&#252;ckgebracht. Damals hatte die gro&#223;e Landflucht noch nicht eingesetzt, und das Wort Nachbarn bedeutete mehr als nur die Leute nebenan. Gegen&#252;ber von Panoys Mutter wohnte eine Frau, die durch denselben Konflikt zur Witwe geworden war, der Panoys Vater das Leben gekostet hatte. Sie nahm Dtui das M&#228;dchen ab, als st&#252;nde es g&#228;nzlich au&#223;er Frage, wo es leben und aufwachsen w&#252;rde. Ohne gro&#223;e Umst&#228;nde hatte das Dorf die L&#252;cke in Panoys Leben ausgef&#252;llt wie wei&#223;e Blutk&#246;rperchen, die eine Wunde schlie&#223;en, ohne eine Narbe zu hinterlassen. Ohne Debatte, ohne Diskussion.

Dtuis Bewunderung f&#252;r diese Menschen kannte keine Grenzen. Ihre Mutter war einst eine von ihnen gewesen. Auch Dtui war in einem solchen Dorf zur Welt gekommen, hatte aber keinerlei Erinnerung daran. Dies war ihr Land. Und dies war ihr Volk: freundliche, selbstlose, ehrliche Menschen. Neunzig Prozent aller Laoten bestellten den Boden und setzten sich f&#252;reinander ein. Dtui sa&#223; unter einer Markise auf dem Platz inmitten dieses Drei&#223;ig-H&#252;tten-Dorfes und sah, was aus ihrem Land h&#228;tte werden k&#246;nnen, wenn es &#252;ber sich selbst h&#228;tte bestimmen d&#252;rfen.

Die Dorfkinder hatten sogleich erkannt, dass Panoy noch nicht wieder ganz gesund war, und bezogen sie behutsam in ihre Spiele ein. Die Leute nickten und lachten &#252;ber einfache Dinge. Sie kamen mit S&#252;&#223;igkeiten und Getr&#228;nken f&#252;r die nette Krankenschwester, die dieses Kind des Dorfes den F&#228;ngen des Todes entrissen hatte. Obwohl alle besch&#228;ftigt waren, wirkten sie ungemein entspannt. Sie alle hatten Zeit f&#252;r ein Schw&#228;tzchen mit Dtui, und wenn ihnen keine Frage einfiel, setzten sie sich einfach zu ihr und hielten ihre Hand.

Als sie so dasa&#223;, fiel ihr pl&#246;tzlich etwas auf. Wie in jedem anderen Dorf tummelten sich das Vieh, die Babys und die Hunde in ein und demselben Staub. Die H&#252;hner pickten den ganzen Tag nach den vielen tausend Ameisen, die zusammen kaum eine Kalorie enthielten. Das Spielen im Dreck st&#228;rkte das Immunsystem der Kinder, doch der Spielkamerad eines kleinen Jungen lie&#223; Dtui stutzen. Ein so sonderbares Wesen hatte sie noch nie gesehen. Aus der Ferne sah es aus wie ein kleines schwarzes Schwein. Aber es war irgendwie anders als andere Schweine. Statt F&#252;&#223;en hatte es Pfoten. Und es besa&#223; zwar einen Ringelschwanz, doch der wedelte hin und her. Obwohl es eigentlich h&#228;tte grunzen oder quieken m&#252;ssen, kl&#228;ffte es den kleinen Jungen an und hatte sichtlich Spa&#223; an ihrem Spiel.

Sie h&#228;tte einfach fragen k&#246;nnen. Oder n&#228;her treten, um sich zu vergewissern, dass das Ferkel Schlamm an den F&#252;&#223;en und noch dazu eine schwere Erk&#228;ltung hatte, doch stattdessen entschloss sie sich zu gehen. Obwohl sie sich in einem animistischen Dorf inmitten eines offiziell agnostischen Landes befand, hielt sie zuvor kurz Zwiesprache mit Buddha. Sie versprach, sich nie wieder &#252;ber die Gesetze der Natur lustig zu machen. Sie habe ihre Lektion gelernt.

Sie k&#252;sste Panoy auf die Wange, in der Gewissheit, dass das M&#228;dchen sich im Falle eines Wiedersehens wohl nicht an sie erinnern w&#252;rde. Sie dankte allen, obgleich niemand so recht wusste, wof&#252;r, und verlie&#223; das kleine Dorf. Ihr Mutterinstinkt war erwacht, und sie w&#252;nschte sich nichts sehnlicher als einen Ehemann und eine eigene Familie.


F&#252;r den Genossen Lit gab es nur einen Grund, weshalb Dr. Siri und Schwester Dtui sich noch immer in Vieng Xai aufhielten, obwohl das R&#228;tsel des Kubaners in Beton gel&#246;st war. Seit er seinen Bericht eingereicht hatte, war er mit den Sicherheitsvorkehrungen f&#252;r das Konzert besch&#228;ftigt gewesen. Tags zuvor hatte er im G&#228;stehaus vorbeigeschaut, doch niemand wusste, wo die beiden steckten. Als er es gegen Abend ein zweites Mal versuchte, waren sie noch immer nicht zur&#252;ck. Eigentlich h&#228;tte er sich auf das bevorstehende Gro&#223;ereignis konzentrieren sollen, aber er konnte an nichts anderes denken als an Schwester Dtui.

Er war zu dem Schluss gelangt, dass Dr. Siri sich bereit erkl&#228;rt hatte, als ihr Zeuge zu fungieren, wenn sie Lits Heiratsantrag annahm. Siri hatte angerufen und ihn gebeten, sie mit dem Jeep abzuholen. Er &#252;bertrug seinem Stellvertreter die Aufsicht &#252;ber die letzten Vorbereitungen in der Konzerth&#246;hle und fuhr mit pochendem Herzen zum G&#228;stehaus. Als er seine Zuk&#252;nftige auf der Vortreppe stehen sah, wo die Morgensonne das nat&#252;rliche Rouge ihrer Wangen besonders gut zur Geltung brachte, stockte ihm der Atem. Was hatte er f&#252;r eine gro&#223;artige Wahl getroffen.

Doch als Siri und Schwester Dtui in seinen Jeep stiegen, war von Hochzeitsvorbereitungen mit keinem Wort die Rede. Siri bat ihn, sie nach Xam Neua zu bringen. Was ihm unter den gegebenen Umst&#228;nden gar nicht passte, aber der Doktor versicherte ihm, es handele sich um eine &#228;u&#223;erst dringliche Angelegenheit, die keinen Aufschub dulde. Da die beiden beharrlich schwiegen, tr&#228;umte er im Stillen von einer Fahrt zum Zentralmarkt, um gute nordlaotische Seide f&#252;r Dtuis Hochzeitskleid zu kaufen, und einem Besuch bei einer Wahrsagerin, die ihnen einen g&#252;nstigen Termin f&#252;r die Trauung nennen w&#252;rde. Vielleicht war das so Sitte. Da er noch nie geheiratet hatte, konnte er das schwerlich wissen. Aber er war so zufrieden mit sich, dass er den Tag nicht mit Jammern und Klagen verderben wollte.

Er sch&#246;pfte erst Verdacht, als der Doktor ihn auf das Gel&#228;nde des provisorischen Krankenhauses lotste und ihn bat, vor dem B&#252;ro des Direktors zu halten.

Und jetzt?, fragte er.

Jetzt besuchen wir Dr. Santiago.

Lit war emp&#246;rt. Wie bitte? Warum haben Sie mir nicht gleich gesagt, dass Sie hierher wollten?

W&#228;ren Sie dann auch gekommen?

Ich  ich habe keine Ahnung, was ich hier soll.

Nein? Wie w&#228;re es mit Rache nehmen?

Ich wei&#223; nicht, wovon Sie reden.

Das wissen Sie sogar sehr gut. Sie haben schon viel zu lange Angst vor Dr. Santiago, Genosse Lit. Es ist h&#246;chste Zeit, ihm die Stirn zu bieten.

Sie irren sich.

Ach ja? W&#252;rden Sie uns dann freundlicherweise erkl&#228;ren, was mit Ihrem Finger geschehen ist?

Ich, &#228;h  Er musterte Dtui im R&#252;ckspiegel. Wie w&#252;rde sie darauf wohl reagieren? W&#252;rde sie den Respekt vor ihm verlieren? Ihr Gesicht verriet keinerlei Regung. Siri kletterte aus dem Jeep und zeigte auf den Schl&#252;ssel im Z&#252;ndschloss. Die zuversichtliche Miene des Doktors gab Lit neuen Mut. Einen Moment lang glaubte er tats&#228;chlich, aus dem Schatten des verfluchten Kubaners heraustreten zu k&#246;nnen. Er stellte den Motor ab und stieg aus.


Santiago blickte nicht von seinen Papieren auf, als die drei ungebetenen Besucher in sein Zimmer kamen, doch er l&#228;chelte und sagte etwas zu Dtui.

Er hat Sie bereits erwartet, erkl&#228;rte sie Siri. Sie trat beiseite. Ihre Rolle bei diesem Gespr&#228;ch beschr&#228;nkte sich auf die der Dolmetscherin. Sie w&#252;rde Siris Fragen nach bestem Wissen und Gewissen &#252;bersetzen und versuchen, die Antworten des Kubaners richtig zu verstehen. Falls es zu einer Auseinandersetzung kam, w&#252;rde sie sich brav heraushalten. Darauf hatten sie sich geeinigt.

Santiagos Augen funkelten missbilligend, als Lit das B&#252;ro betrat. Wieder sagte er etwas.

Dr. Santiago findet es sehr mutig, dass Sie sich in seine N&#228;he wagen. Er fragt, ob Ihr Freund, der Magier  das sind Sie, Doc -, Ihnen das n&#246;tige Selbstvertrauen gegeben hat, um nach all der Zeit hier aufzukreuzen. Aber er warnt Sie: Dr. Siri wird Ihnen keine gro&#223;e Hilfe sein.

Ein fahler Schatten huschte &#252;ber Lits Gesicht, und allm&#228;hlich ahnte Siri, welche Macht Dr. Santiago &#252;ber andere Menschen besa&#223;.

Wenn er uns ohnehin alle zur H&#246;lle schickt, sagte Siri l&#228;chelnd, hat er doch sicher nichts dagegen, wenn ich ihm meine Theorie rasch auseinandersetze. Sagen Sie ihm, er d&#252;rfe mich gern korrigieren.

Er will wissen, ob das wirklich n&#246;tig ist, sagte Dtui.

Ich m&#246;chte den Doktor um Nachsicht bitten und ersuche hiermit h&#246;flichst um ein paar Minuten seiner kostbaren Zeit, begann Siri. Genosse Lit, wie Sie aus schmerzlicher Erfahrung wissen, ist Dr. Santiago weit mehr als nur ein gl&#228;nzender Chirurg. Er ist n&#228;mlich auch und vor allem ein erfahrener Endoke-Priester. Viele Leute haben den Eindruck, dass er in dieser finsteren Kunst &#252;beraus bewandert ist. Bei Durchsicht der einschl&#228;gigen Unterlagen werden Sie feststellen, dass seine Versetzung auf diesen gottverlassenen Au&#223;enposten nichts mit seinen fachlichen F&#228;higkeiten zu tun hat, die ich mit keinem Wort in Abrede stellen m&#246;chte. Es war seine letzte Chance  die einzige Arbeit, die er finden konnte. Er wurde aus seinem eigenen Land geworfen, weil er eine Gefahr darstellte. Nicht wahr, Doktor?

Dtui versuchte, den Faden nicht zu verlieren. Sie erkl&#228;rte Siri, der Doktor wolle ihn nicht unterbrechen.

Das glaube ich gern. Weil er genau wei&#223;, dass wir jetzt zum interessanten Teil der Geschichte kommen. Siri lehnte sich auf seinem Stuhl zur&#252;ck und sah in die sp&#246;ttischen Augen seines alten Freundes. Denn, Genosse Lit, als Odon und Isandro in dieses Land kamen, hatten sie von der Geisterwelt nicht die geringste Ahnung. Sie waren t&#252;chtige, arbeitsame junge M&#228;nner, die einem aufstrebenden Dritte-Welt-Land ihr K&#246;nnen zur Verf&#252;gung stellen wollten. Sie lernten unsere Sprache und gaben sich alle M&#252;he, unsere Kultur zu verstehen. Sie waren nicht etwa deshalb so beliebt, weil sie die Leute verhexten, damit diese wurden wie sie selbst. Nein, sie waren beliebt, weil sie schlicht und einfach nette Jungs waren.

Einer dieser Jungs, Isandro, lernte im Krankenhaus eine Patientin kennen, die wundersch&#246;ne Tochter eines vietnamesischen Obersts. Sie hie&#223; Hong Lan, und in den beiden Monaten, die sie im Krankenhaus bei Kilometer 8 lag und sich von ihrer schweren Krankheit erholte, verliebten sich die beiden. An ihrer Beziehung war nichts Ungeh&#246;riges. Das M&#228;dchen war krank, und er war ihr Pfleger. Sie sprachen &#252;ber Gott und die Welt und kamen sich n&#228;her, und welche Chemikalien auch immer daf&#252;r verantwortlich sein m&#246;gen, dass in einer Beziehung die Funken spr&#252;hen, bei Hong Lan und Isandro leisteten sie ganze Arbeit.

Das M&#228;dchen hatte viele Verehrer, aber einem Mann wie Isandro war sie noch nie zuvor begegnet. Er sah gut aus, war intelligent und liebensw&#252;rdig. Sie war sich so sicher, dass sie den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen wollte, dass sie sogar ihrer Mutter davon erz&#228;hlte. Einen gr&#246;&#223;eren Fehler h&#228;tte sie kaum machen k&#246;nnen. Ein Ausl&#228;nder  und noch dazu ein Schwarzer! Was hatte sich das M&#228;dchen dabei blo&#223; gedacht? Ihre Mutter war am Boden zerst&#246;rt; ihr Vater sch&#228;umte vor Wut. Niemand durfte erfahren, dass seine Tochter wahnsinnig geworden war. Sie verlegten Hong Lan in ein anderes Krankenhaus, aber die Schande blieb an ihnen haften. Die Schwarzen mussten verschwinden. Unser Freund Dr. Santiago wurde mit dieser Aufgabe betraut.

Als er die &#220;bersetzung h&#246;rte, wischte der Kubaner sie mit der arroganten Handbewegung eines Musketiers beiseite. Siri sch&#252;ttelte l&#228;chelnd den Kopf und fuhr fort.

Zu seinem Gl&#252;ck war dem Doktor kurz zuvor ein b&#246;ses Missgeschick widerfahren. Ein paar Kinder hatten in den Tunnels gespielt, deren Betreten ihnen ausdr&#252;cklich verboten war, und dabei einen eigenartigen Altar entdeckt. Sie erz&#228;hlten ihren Eltern davon, die den Vorgang unverz&#252;glich den Beh&#246;rden meldeten.

Wie Sie sich vermutlich denken k&#246;nnen, werter Genosse Lit, handelte es sich um denselben Altar, von dem ich Ihnen im Sheraton de Laos erz&#228;hlt habe. Er diente als Schauplatz kleiner Opferungen und b&#246;ser Hexenfl&#252;che. Er war Dr. Santiagos pers&#246;nlicher Tempel, der Schrein, an dem er seine Magie praktizierte und seine Zaubertr&#228;nke braute. Dr. Santiago tr&#228;gt seine Amulette nicht zum Schutz gegen andere Vertreter seiner zweifelhaften Zunft. Er ist ein gl&#252;hender Anh&#228;nger des Endoke-Kults. Sie sind seine Amtskette. Der Altar hatte mit den Pflegern nichts zu tun, aber indem er sie der Hexerei bezichtigte, scheinbare Beweise vorlegte und Ger&#252;chte &#252;ber ihr angebliches Treiben in Umlauf brachte, gelang es ihm, die Leute gegen die beiden aufzuhetzen. Die Vietnamesen glaubten nur zu gern, dass Isandro ihre Tochter verhext hatte.

F&#252;r die Jungs war Dr. Santiago ein verst&#228;ndnisvoller Landsmann, ein netter alter Onkel. Er versicherte ihnen, er sei von ihrer Unschuld &#252;berzeugt, aber die &#246;ffentliche Meinung lasse ihm leider keine andere Wahl, als sie nach Kuba zur&#252;ckzuschicken. Es lief alles wie am Schn&#252;rchen. Eines sch&#246;nen Tages r&#252;ckte der Oberst mit Soldaten an, um die beiden festnehmen und gewaltsam nach Hanoi schaffen zu lassen. H&#228;tten sie sich gef&#252;gt und Vietnam verlassen, w&#228;re alles in Butter und die Geschichte damit zu Ende gewesen. Aber Isandros Liebe zu Hong Lan war st&#228;rker als sein &#220;berlebenswille. Und Odon wollte seinen Freund auf gar keinen Fall im Stich lassen.

Sie flohen, bevor man sie in ein Flugzeug verfrachten konnte, und gelangten auf verschlungenen Pfaden zur&#252;ck nach Houaphan. Es muss eine beschwerliche Reise voller Gefahren gewesen sein. Es gab niemanden, der ihnen helfen konnte  und noch dazu &#252;berall Soldaten, die sie vermutlich f&#252;r amerikanische GIs gehalten h&#228;tten. Trotz allem schafften sie es. Nach ihrer R&#252;ckkehr versteckten sie sich dort, wo man sie am wenigsten vermuten w&#252;rde, in der alten Pr&#228;sidentenh&#246;hle. Dann holten sie Hong Lan zu sich. Es war keine Entf&#252;hrung. Nachdem Isandro ihr Bescheid gegeben hatte, dass er wieder da war, planten sie gemeinsam ihre Flucht aus dem Krankenhaus.

Zu diesem Zeitpunkt wussten Isandro und Hong Lan bereits, dass ihr Krebs unheilbar war und sie h&#246;chstens noch zwei Monate zu leben hatte. Sie wollte ihre letzten Tage nicht mit einer Mutter verbringen, die sie mit Verachtung strafte und ihr t&#228;glich vorwarf, den Namen der Familie in den Schmutz gezogen zu haben. Nein, Hong Lan wollte mit dem Mann zusammen sein, den sie liebte. Diese letzten Wochen sollten die gl&#252;cklichsten ihres Lebens werden.

Dtui geriet ins Stocken, denn sie k&#228;mpfte mit den Tr&#228;nen.

W&#228;hrend er auf die Jagd ging, fuhr Siri fort, und die Schmerzen seiner Geliebten zu lindern versuchte, sammelte Isandro seine Gedanken. Da die drei in der H&#246;hle festsa&#223;en und wenig anderes zu tun hatten, f&#252;hrten sie vermutlich viele Gespr&#228;che. Sie wussten, dass der Altar im Sheraton einen Besitzer haben musste. Au&#223;er ihnen gab es in Houaphan nicht sehr viele Kubaner. Auch hatte Hong Lan ihnen wahrscheinlich erz&#228;hlt, dass es Santiago gewesen war, der die beiden Jungs bei ihrem Vater angeschw&#228;rzt hatte. Oder sie erinnerten sich an das Ger&#252;cht, dass eine h&#252;bsche junge Krankenschwester, die in ihrem Heimatdorf verlobt war, sich in Santiago verliebt hatte. Niemand begriff, weshalb sie so begierig schien, mit dem alten Arzt ins Bett zu steigen.

Santiago lachte, als er die &#220;bersetzung h&#246;rte, und fragte Siri, warum er so eifers&#252;chtig sei. Ob er sich nicht vorstellen k&#246;nne, dass junge Frauen den Kubaner attraktiv f&#228;nden?

Siri &#252;berh&#246;rte die Bemerkung. Vielleicht erinnerten sie sich aber auch an den kubanischen Buchhalter, der an einer Halsentz&#252;ndung erkrankt war. Und dass sie die Notwendigkeit bezweifelt hatten, wegen einer solchen Lappalie einen Luftr&#246;hrenschnitt durchzuf&#252;hren. Dann fiel ihnen ein, dass er nach Havanna ausgeflogen worden war, bevor er die B&#252;cher des Doktors einer vollst&#228;ndigen Pr&#252;fung hatte unterziehen k&#246;nnen.

Santiago hatte derweil heimlich, still und leise eine Schreibtischschublade ge&#246;ffnet, in der ein kleines Holzk&#228;stchen mit dem farbenpr&#228;chtigen Emblem der Hunan Tea Company lag. Das graue Pulver darin hatte monatelang Zeit gehabt, den Zauber zu empfangen und in sich aufzunehmen.

Vielleicht hatten sie aber auch von Ihrem bedauerlichen Zusammentreffen mit dem Doktor geh&#246;rt, Genosse Lit, fuhr Siri fort.

Ich glaube nicht , murmelte der Sicherheitschef nerv&#246;s.

Keine falsche Scheu, Genosse, sagte Siri. Sie haben hier und heute nicht das Geringste zu bef&#252;rchten. Vertrauen Sie mir.

Und tats&#228;chlich gaben ihm Siris Worte Selbstvertrauen. Das fortw&#228;hrende Grinsen des alten Kubaners erregte seinen Zorn. Er holte tief Luft und setzte zu einer Geschichte an, die er bislang niemandem erz&#228;hlt hatte.

Wir hatten eine unserer zahlreichen Meinungsverschiedenheiten, begann Lit. Dr. Santiago hatte die Gesamtleitung des Projekts inne, und die vietnamesischen Soldaten waren ver&#228;rgert, weil er vom Bauen nichts verstand. Einige seiner Entscheidungen hielten sie f&#252;r regelrecht gef&#228;hrlich. Ich wei&#223; noch 

Nur zu.

Ich wei&#223; noch, dass ich ihm mit dem Finger vor der Nase herumfuchtelte, um ihm klarzumachen, dass er sich in einem wichtigen Punkt irrte. Er starrte mich an und sagte, diesen Finger w&#252;rde ich nie wieder benutzen. Ich solle mich h&#252;ten, seine F&#228;higkeiten zu untersch&#228;tzen. Ich lachte ihn aus und ging, aber als ich am n&#228;chsten Morgen wach wurde, war der Finger schon taub. Nach ein paar Tagen fing er an zu verk&#252;mmern. Ich wusste, dass er dahintersteckte. Ich wusste nicht, wie er es angestellt hatte, aber von diesem Tag an ging ich ihm aus dem Weg. Auch ich habe Geschichten &#252;ber seine Hexenk&#252;nste geh&#246;rt.

Tja, jetzt wissen Sies, sagte Siri. Und da sind Sie nicht der Einzige. Auch Isandro wusste Bescheid. Er war vermutlich nicht sonderlich begeistert, als ihm klar wurde, dass der Doktor sie verleumdet und ihnen dieses ganze Elend eingehandelt hatte.

Wenn die beiden Jungs mit schwarzer Magie aber doch nichts zu schaffen hatten, fragte Lit, woher stammten dann die Kratzer auf Odons Brust?

Ja, ich gebe zu, es hat ein Weilchen gedauert, bis ich dahinterkam. Vor allem der Umstand, dass Odons Leichnam die Male aufwies, Isandros hingegen nicht, verwirrte mich. Dann &#252;berlegte ich, was den Jungs ihr Wissen um Santiagos kleines Hobby eigentlich brachte. Wenn sie beispielsweise drohten, ihn zu verraten und einen Brief an die Projektleiter in Havanna zu schreiben, in dem sie darlegten, was ihr hiesiger Vertreter so im Schilde f&#252;hrte, was konnte Santiago ihnen dann als Gegenleistung bieten? Womit wir bei den Todesf&#228;llen w&#228;ren. Sie alle wussten, dass Hong Lan nicht mehr lange zu leben hatte. Aber Isandro konnte den Gedanken, sie zu verlieren, nicht ertragen. Ihre Seelen sollten bis in alle Ewigkeit vereint sein. Odon erz&#228;hlte Isandro von einem alten Palo-Brauch. Ein &#228;lteres Ehepaar aus einem Dorf in der N&#228;he seiner Heimatstadt hatte sich vergiftet. Dann hatte ein Schamane ihre Seelen im Tod vereint.

Santiago fragte Dtui, woher der Doktor all das wisse.

Ich habe mich gestern Abend angeregt mit Odon unterhalten, antwortete Siri l&#228;chelnd. Sagen Sie ihm, er w&#252;rde sich wundern, wie gut sich zwei M&#228;nner, die keine gemeinsame Sprache sprechen, mit Hilfe von H&#228;nden und F&#252;&#223;en und einem spitzen Stock zu verst&#228;ndigen wissen.

Gen&#252;sslich &#252;bersetzte Dtui seine Worte.

Der Leichenbeschauer fuhr fort. Die Kubaner dachten, wenn Santiago wirklich ein so gro&#223;er Priester sei, m&#252;sse er mit dieser Zeremonie vertraut sein. Vielleicht w&#252;rde er sich ja bereiterkl&#228;ren, sie zu vollziehen, als Gegenleistung f&#252;r ihr Schweigen. Aber Santiago weigerte sich, sie zu vollziehen. Er willigte jedoch ein, Odon darin zu unterweisen. Die Kratzer geh&#246;rten wahrscheinlich zu den Vorbereitungen des Rituals. Aber vielleicht ist der gute Doktor ja so freundlich, uns die Zeremonie zu erl&#228;utern, damit wir uns ein genaueres Bild davon machen k&#246;nnen, was in der fraglichen Nacht passierte.

Santiago hielt erschrocken inne. Er war damit besch&#228;ftigt gewesen, den Deckel der Teekiste m&#246;glichst unbemerkt zu &#246;ffnen. Trotzdem willigte er ein, die Geheimnisse der Zeremonie preiszugeben. Es wunderte Siri, dass er diese mutma&#223;lich streng geheimen Informationen so bereitwillig weitergab. Doch der Kubaner lie&#223; kein noch so nebens&#228;chliches Detail aus und sch&#246;pfte mit sichtlichem Stolz aus dem reichen Schatz seines Wissens. Wie es schien, mussten die Herzen der Liebenden frisch sein, damit das Ritual seine Wirkung tun konnte. Am besten sei es, wenn die noch schlagenden Herzen bei lebendigem Leib herausgeschnitten w&#252;rden, aber das sei den meisten Leuten etwas zu blutig. In jedem Falle m&#252;sse man die Leichen nach dem Exitus so lange wie m&#246;glich frisch halten.

Daher das nasse Grab, folgerte Siri. Aber warum?

Santiago erkl&#228;rte Dtui, dass das Paar in der Ewigkeit genau so aussehe wie zu dem Zeitpunkt, da die Verschmelzung ihrer Seelen vollzogen worden sei. Und da selbst die Untoten so etwas wie &#228;sthetisches Empfinden bes&#228;&#223;en, s&#228;hen sie es ungern, wenn der oder die Geliebte sich im fortgeschrittenen Zustand der Verwesung befindet.

In den drei N&#228;chten vor der Zeremonie r&#252;hrt der Priester eine spezielle Paste an. Nur die allerbesten Priester kennen die erforderlichen Zutaten und Beschw&#246;rungsformeln. Der Kubaner prahlte mit seinen F&#228;higkeiten und nannte sich einen f&#252;hrenden Vertreter der schwarzen Kunst.

Siri unterbrach Dtui in ihrer &#220;bersetzung. Bitte danken Sie dem Doktor f&#252;r seine Werbung in eigener Sache. Aber es w&#228;re nett, wenn er auf die fragliche Nacht zur&#252;ckkommen k&#246;nnte.

Santiago lachte.

Was ist denn so komisch?, wollte Lit von Dtui wissen.

Sie wand sich auf ihrem Stuhl, bevor sie ihm eine Antwort gab. Er sagt, er k&#246;nne uns alles verraten, was wir wissen wollen, weil 

Weil?

Weil wir drei uns an dieses Zusammentreffen ohnehin nicht erinnern werden. Er sagt, morgen fr&#252;h bei Sonnenaufgang werden wir nicht einmal mehr wissen, wer wir sind. Dtui und Lit machte diese Ank&#252;ndigung sichtlich Angst. Nur Siri konnte ihr etwas Komisches abgewinnen.

Darauf freue ich mich jetzt schon, sagte er unwirsch. Aber dieses kleine Kunstst&#252;ck haben Civilai und ich schon tausend Mal fertiggebracht. Mit einer Flasche Reiswhisky ist das wahrhaftig kein Problem. Und nun zur Zeremonie.

Santiago gratulierte dem Doktor zu seiner Kaltschn&#228;uzigkeit angesichts des grausigen Endes, das er in K&#252;rze nehmen werde. Er erkl&#228;rte sich bereit, das Ritual in allen Einzelheiten zu schildern. Der Priester, sagte er, entnimmt den Liebenden das Herz. Dann schneidet er es auf dem Altar in kleine St&#252;cke und vermischt diese in einem M&#246;rser mit der heiligen Paste. Dabei skandiert er immer wieder die entsprechende Beschw&#246;rungsformel, immer wieder, bis er in eine tiefe Trance f&#228;llt. Er nimmt nichts mehr wahr, au&#223;er den Handlungen, die es zu vollziehen gilt. Auf dem Altar, demselben Altar, auf dem er die Herzen zerkleinert hat, modelliert er aus der Paste nun einen Vogel. Einen fliegenden Vogel. Der Priester braucht kein gro&#223;er K&#252;nstler zu sein. Der grobe Umriss eines Vogels gen&#252;gt vollauf. Dann wird der Vogel verh&#252;llt. Niemand darf ihn sehen oder gar ber&#252;hren, damit er ein Eigenleben entwickeln und in die Ewigkeit davonfliegen kann. Dann werden die Liebenden f&#252;r immer eins sein.

Und wie lange dauert dieser Vorgang?, fragte Siri.

Santiago &#252;berlegte einen Augenblick. Das sei schwer zu sagen. Wochen? Monate? Manchmal sogar Jahre. Und manchmal klappe es &#252;berhaupt nicht. Das h&#228;nge allein von der Willensst&#228;rke der Liebenden ab. Dann setzte Santiago seufzend seine Brille ab, als habe er genug gesagt. Pl&#246;tzlich war er wie ausgewechselt. Er nahm die Teekiste aus der Schublade und stellte sie vor sich auf den Schreibtisch. Mit schroffer Stimme und blutunterlaufenen Augen knurrte er seine G&#228;ste an.

Ein Zittern schlich sich in Dtuis Stimme. Er  er sagt, es habe ihn sehr gefreut, aber jetzt m&#252;ssten wir leider gehen. Sie fiel aus ihrer Dolmetscherrolle. Doc, die Sache ist mir irgendwie nicht ganz geheuer. Ich finde, wir sollten schnellstens 

Bevor sie ihre Warnung zu Ende bringen konnte, hatte Santiago die Kiste mit der linken Hand ergriffen und schwang sie in hohem Bogen durch die Luft. Eine Wolke grauen Pulvers h&#252;llte die drei G&#228;ste ein. Der Geruch toter Tiere und der Gestank verdorbener Gew&#252;rze stieg ihnen in die Nase. Ein lang gedehnter, w&#252;tender Singsang drang zwischen den nikotingelben Z&#228;hnen des Kubaners hervor. Obwohl das Pulver ihnen in den Augen brannte, sahen sie, wie Santiago sich r&#252;cklings gegen die Wand presste und die Arme einem unsichtbaren Gott entgegenreckte.

Dtui hatte eigentlich erwartet, dass ihr H&#246;rner sprie&#223;en, ihre Haut h&#228;ssliche Blasen werfen und sie ein Gef&#252;hl des Grauens &#252;berkommen w&#252;rde, musste aber lediglich heftig niesen. Auch Lit nieste. Siri tauchte aus der Wolke auf. Er hielt sich Mund und Nase zu und starrte den Kubaner an, der jetzt hinter seinem Schreibtisch auf dem Boden lag.

Sie k&#246;nnen ihm sagen, dass er mit diesem Unfug aufh&#246;ren soll, Dtui. Es hat nicht funktioniert, sagte Siri.

Aber warum nicht?, fragte Lit, zog die Pistole aus seinem G&#252;rtel und richtete sie auf den verwirrten Kubaner.

Weil es noch nie funktioniert hat, erkl&#228;rte Siri. Unser guter Dr. Santiago ist n&#228;mlich ein Schwindler  ein Scharlatan. Er ist nur in seiner Einbildung der gro&#223;e Endoke-Hohepriester. Mit seinem Hokuspokus k&#246;nnte er noch nicht einmal eine Flasche Lao-Bier zum Sch&#228;umen bringen.

Aber das ist unm&#246;glich. Sie haben doch selbst gesagt, die Kubaner h&#228;tten ihn ausgewiesen, weil 

Weil er ihnen auf die Nerven ging und nicht etwa wegen seiner angeblichen Zauberkr&#228;fte. Sie hielten ihn schlicht f&#252;r verr&#252;ckt. Seine Experimente wirkten sich negativ auf seine Arbeit aus. Niemand stellt einen Chirurgen ein, und sei er noch so talentiert, der allen Ernstes glaubt, dass die b&#246;sen Geister ihm das Skalpell f&#252;hren. Dtui, w&#252;rden Sie ihm bitte auf die Beine helfen, bevor er Gelenkstarre bekommt?

Dtui half dem Doktor auf seinen Stuhl zur&#252;ck. Er murmelte noch immer einen alten Hexenfluch und konnte es nicht fassen, dass seine potenziellen Opfer nach wie vor bei klarem Bewusstsein waren.

Ich will gar nicht leugnen, dass er die schwarze Kunst studiert hat, fuhr Siri fort. Im Gegenteil. Er ist vermutlich sogar ein veritabler Experte f&#252;r die Riten und Rituale von Santer&#237;a und Palo Mayombe. Aber es kann sich nun einmal nicht jeder hergelaufene Jos&#233; zum Gro&#223;magier stilisieren, ebenso wenig wie ich mich mir nichts, dir nichts zum Mr. Universum ernennen kann. Dazu braucht es schon ein wenig mehr. N&#228;mlich eine unmittelbare Verbindung zur Geisterwelt. Und damit kann der gute Santiago, trotz seines nicht mehr ganz jugendlichen Eifers, leider nicht dienen.

Da ihm Siris Worte niemand &#252;bersetzte, sa&#223; der Kubaner mit ratloser Miene an seinem Schreibtisch.

Lit stand kopfsch&#252;ttelnd auf. Aber das  das kann nicht sein. Was ist hiermit? Er hob seinen Finger, der sich leblos kr&#252;mmte wie ein aufgespie&#223;tes Insekt. Siri trat vor den riesigen K&#252;hlschrank und &#246;ffnete die T&#252;r, worauf Tausende von ordentlich aufgereihten Petrischalen zum Vorschein kamen.

Genosse Lit, wenn es einem Menschen nicht gegeben ist, Wunder zu vollbringen  und diese F&#228;higkeit ist den wenigsten unserer Mitmenschen zu eigen -, muss er notgedrungen auf T&#228;uschungsman&#246;ver und Taschenspielertricks zur&#252;ckgreifen. Nachdem feststand, dass unser Freund hier ein Betr&#252;ger ist, brauchte ich nur die Tricks Revue passieren zu lassen, mit denen er die vermeintlichen Wunder erkl&#228;rte. Einige waren schlicht erfunden. F&#252;r andere gibt es eine rationale Erkl&#228;rung. Nehmen wir zum Beispiel seinen sogenannten Liebestrank, mit dem er die junge Krankenschwester in sein Bett lockte. Sie folgte jedoch mitnichten einem Fluch. Vielmehr hatte er sie beim Diebstahl von Medikamenten erwischt, die sie nach Hause schicken wollte, in ihr Dorf. Ihre Liebesdienste waren der Preis f&#252;r sein Stillschweigen. Simple Erpressung.

Viele seiner anderen Zaubereien lassen sich wissenschaftlich leicht erkl&#228;ren. Er ist n&#228;mlich unter anderem ein brillanter Chemiker. Ich habe versucht dahinterzukommen, wie er Ihren Finger zum Atrophieren brachte. Da Sie alle in derselben H&#246;hle einquartiert waren, hat er Sie wahrscheinlich mit irgendeinem Virus infiziert. Wie Sie sehen, verf&#252;gt er &#252;ber eine reichhaltige Sammlung von Kulturen. Er konnte ohne Weiteres nachts zu Ihrer Koje schleichen und Sie mit einem kontaminierten Pr&#228;parat in Ber&#252;hrung bringen.

Genosse Lit war wie vor den Kopf geschlagen. Hatte man ihn tats&#228;chlich wie einen naiven Dorfbewohner hinters Licht gef&#252;hrt?

Ich habe s&#228;mtliche merkw&#252;rdigen Ereignisse der letzten Zeit Santiago und dem &#220;bernat&#252;rlichen zugeschrieben, sagte er. Ich habe sie nicht gemeldet, aus Angst vor der Reaktion meiner Vorgesetzten und nicht zuletzt aus Angst vor ihm. Meinen Sie, er hat auch etwas mit Oberst Has Tod zu tun? Anders kann ich mir dessen Reaktion auf den Hinterhalt nicht erkl&#228;ren.

Ist ein Ger&#252;cht erst einmal in die Welt gesetzt, entwickelt es rasch ein Eigenleben, junger Mann, antwortete Siri. Die Nachricht von der Krankheit seiner Tochter hatte den Oberst so schwer getroffen, dass er sich mit Opium dar&#252;ber hinwegzutr&#246;sten versuchte. Ich f&#252;rchte, zum Zeitpunkt des Hinterhalts war er auf Grund seines Kummers und seines Drogenkonsums au&#223;er Stande, die Situation richtig einzusch&#228;tzen. Sein Bursche war der Ansicht, der Oberst sei nicht diensttauglich gewesen. Von Rechts wegen h&#228;tte er die Streife eigentlich gar nicht begleiten d&#252;rfen. Aber mit Hexerei hatte seine Reaktion nichts zu tun. Das Rauschgift hatte seine Sinne verwirrt.

Dann war also auch Isandro und Odons letzte Hoffnung nichts weiter als eine Fata Morgana. Auch sie waren einer T&#228;uschung aufgesessen.

Ja und nein. Santiago weigerte sich, die Zeremonie zu vollziehen, weil er wusste, dass er nicht mit dem erhofften Resultat w&#252;rde aufwarten k&#246;nnen. Indem er Odon die Verantwortung &#252;bertrug, nahm er den Druck von seinen Schultern. Verstehen Sie? Dr. Santiago glaubt von ganzem Herzen an seine Magie. Er muss furchtbar entt&#228;uscht gewesen sein, als er merkte, dass er damit nichts ausrichten konnte. Aber ich sp&#252;re  und vielleicht sp&#252;rte er es ja auch -, dass Odon weitaus mehr Talent besa&#223;. Er hoffte wohl, auf indirektem Wege doch noch zum Erfolg gelangen zu k&#246;nnen, wenn er Odon das Ritual vollziehen lie&#223;.

Wollen Sie damit sagen, Odon war ein Schamane?

Nein, nur dass er vermutlich &#252;ber mediale F&#228;higkeiten verf&#252;gte. Er glaubte fest daran, dass der ganze Hokuspokus funktionieren w&#252;rde und sein Freund und dessen Geliebte tats&#228;chlich vereint in die Ewigkeit eingehen k&#246;nnten. Das machte ihn f&#252;r die Geister zu einem attraktiven Werkzeug.

Glauben Sie, es hat geklappt?

Siri dachte an seinen ersten Besuch in der Pr&#228;sidentenh&#246;hle, an den Schrank und den Schatten der geheimnisvollen Fledermaus zur&#252;ck. M&#246;glich w&#228;re es, sagte er. Vielleicht ist der Doktor ja ausnahmsweise einmal auf die richtige Formel gesto&#223;en.

Dann soll ich ihm sagen, sein Zauber h&#228;tte funktioniert?, fragte Dtui.

Um Himmels willen, nein. Wir d&#252;rfen ihn unter keinen Umst&#228;nden in seinem Glauben best&#228;rken, dass er tats&#228;chlich die F&#228;higkeit besitzt, Menschen in die Ewigkeit zu schicken. Je gebremster sein Eifer, desto besser. Ich habe das dumpfe Gef&#252;hl, dass Dr. Santiago in K&#252;rze von seinem Posten entbunden werden k&#246;nnte. Von Civilai wei&#223; ich, dass die kubanische Botschaft sich brennend f&#252;r sein Interesse an der schwarzen Magie interessiert. Er tritt vermutlich schon in den n&#228;chsten Tagen die Heimreise an.

Dtui musterte den alten Kubaner, der nach wie vor vergeblich nach einem Zauber suchte, um sich die ungebetenen G&#228;ste vom Hals zu schaffen. Gut, eine letzte Frage, sagte sie. Angenommen, die Zeremonie hatte den gew&#252;nschten Erfolg, und Isandro und Hong Lan sitzen jetzt gl&#252;cklich vereint unter einem Bobaum irgendwo im Himmel und schl&#252;rfen ein Fl&#228;schchen prickelnden Nirwananektar. Warum gibt Odons Geist dann noch immer keine Ruhe?

Ah, ja. Gute Frage, meinte Siri. Anfangs dachte ich, sein Geist suchte lediglich einen knackigen, makellosen K&#246;rper, in dem er die N&#228;chte durchtanzen konnte. Weshalb seine Wahl naturgem&#228;&#223; auf mich fiel. Dann fragte ich mich, was ihn derart aufgebracht hatte. Die Antwort darauf gab mir der Hmong-Sp&#228;her, der den &#220;berfall in der besagten Nacht anf&#252;hrte. Ein interessanter alter Knabe. Ein echter Exzentriker. Er tr&#228;gt die N&#228;gel seiner kleinen Finger traditionell lang und lackiert.

Der Fingernagel im Grab der Mumie?

Genau. Aber das habe ich nicht weiter verfolgt. Er erz&#228;hlte mir, dass der &#220;berfalltrupp in der Nacht, als der Arbeiter seine Begegnung mit den beiden Kubanern meldete, l&#228;ngst zum Angriff bereitstand.

Wie das?, wollte Lit wissen.

Diesmal beantwortete Dtui seine Frage. Sie hatten einen Tipp bekommen.

Dreimal d&#252;rfen Sie raten, von wem, setzte Siri hinzu. Santiago wollte die Zeremonie so schnell wie m&#246;glich vollziehen. Er war neugierig. Aber er bef&#252;rchtete auch, dass Odon ihn hinterher erpressen k&#246;nnte. Oder dass sich herumsprechen w&#252;rde, dass er, der gro&#223;e Arzt und Magier, ein Schwindler war. Er rechnete wohl nicht damit, dass die vietnamesischen Soldaten Odon umbringen w&#252;rden. Oder es war ihm egal. Jedenfalls streute er nach dem gewaltsamen Ableben des jungen Mannes jede Menge Indizien, die den Schluss nahelegten, dass Odon der Palo-Priester gewesen war.

Und Odons Geist wei&#223; das und sinnt auf Rache, sagte Dtui.

Da bleibt nur eins, befand Siri. Er trat vor den Schreibtisch und l&#228;chelte Santiago an. Der Kubaner schien sich von seinem Schock erholt zu haben und war offenbar wieder obenauf. W&#252;rden Sie dem guten Doktor bitte sagen, dass wir alles wissen? Nicht, dass ich seine Machenschaften guthei&#223;en w&#252;rde, aber ich habe nach wie vor den gr&#246;&#223;ten Respekt vor seinen F&#228;higkeiten als Chirurg. Ich bedauere sehr, dass er seinen Beruf nach Abschluss dieser Angelegenheit wohl nicht mehr wird aus&#252;ben k&#246;nnen, w&#252;nsche ihm aber dennoch alles Gute f&#252;r die Zukunft.

W&#228;hrend Dtui &#252;bersetzte, reichte Siri dem Kubaner die Hand und bedachte ihn mit einem herzlichen L&#228;cheln. Santiago schlug ein und erwiderte das L&#228;cheln. Zun&#228;chst schien er erstaunt &#252;ber Siris festen H&#228;ndedruck. Dann d&#228;mmerte es ihm.

Der Kubaner schrie und versuchte vergeblich, seine Hand zur&#252;ckzuziehen. Eine Kraft ging von Siri auf Santiago &#252;ber. Dtui sah, wie der Kubaner sich auf seinem Stuhl wand und kr&#252;mmte. Dann richtete er sich langsam zu voller Gr&#246;&#223;e auf, und sein Gesicht wirkte irgendwie j&#252;nger als zuvor. Als Siri schlie&#223;lich seine Hand loslie&#223;, schien ein anderer Mensch am Schreibtisch zu sitzen.

Auch Genosse Lit hatte die Verwandlung bemerkt. Dr. Siri, darf ich fragen, was gerade passiert ist?

Nach allem, was der Sicherheitschef mit angeh&#246;rt hatte, hielt Siri es f&#252;r sinnlos, ihn weiter im Unklaren zu lassen. Genosse Lit, in der vergangenen Woche hat der Geist Odons in meinem K&#246;rper gewohnt. Er fuhr an Santiagos Altar in mich. Damals dachte ich, er wolle sich an Schwester Dtui vergehen, aber wie sich herausstellte, richtete sich seine Wut gegen Santiago. Darauf h&#228;tte ich eigentlich schon viel fr&#252;her kommen k&#246;nnen.

Worauf? Dass ein Geist, der etwas auf sich h&#228;lt, nie und nimmer &#252;ber meine s&#252;&#223;e kleine Wenigkeit herfallen w&#252;rde?, fragte Dtui. Da sie sich dem alten Kubaner gegen&#252;ber nicht l&#228;nger zur H&#246;flichkeit verpflichtet f&#252;hlte, hatte sie das &#220;bersetzen aufgegeben.

Dass es daf&#252;r keinen logischen Grund gab, sagte Siri. Geister gehen im Allgemeinen logisch vor. Odon wollte seinen Namen und den seines Freundes reinwaschen, weil der Ruf eines Menschen seinen Tod &#252;berdauert. Und um uns auf die richtige F&#228;hrte zu f&#252;hren. Jetzt hat er den K&#246;rper des Mannes in Besitz genommen, der seinen Tod verschuldet hat.

Und was soll ich jetzt tun?, fragte Lit.

Ach, ich denke, die t&#228;tige Mithilfe des Doktors d&#252;rfte Ihnen sicher sein. Vielleicht legt er sogar das eine oder andere Gest&#228;ndnis ab. Sie sollten ihn &#252;ber Nacht in eine Zelle stecken und morgen ein wenig mit ihm plaudern, am besten im Beisein der kubanischen Delegation. Die Herren werden sich wundern, wenn sie h&#246;ren, was er zu sagen hat. Sie werden sich vermutlich mit den Familien von Isandro und Odon in Verbindung setzen wollen, um zu kl&#228;ren, was mit den Leichen geschehen soll. Unser Politb&#252;ro wird den R&#252;cktransport bestimmt gern &#252;bernehmen.

Sollte Hong Lan nicht gemeinsam mit ihnen bestattet werden?, fragte Dtui.

Ich w&#252;sste nicht, warum, erwiderte Siri. Es geht nur noch um ihren K&#246;rper. Ihre Seelen sind bereits vereint.



20

DIE TANZENDEN TURNSCHUHE 

Das Konzert sollte um halb sieben anfangen. Jetzt war es schon fast acht, und Dr. Siri sa&#223; noch immer neben einem leeren Stuhl etwa f&#252;nfzig Meter von der leeren B&#252;hne entfernt. Die ersten sechsundzwanzig Reihen begannen sich eben zu f&#252;llen, und er hatte einen herrlichen Blick auf die Hinterk&#246;pfe ber&#252;hmter Laoten und andere, vermutlich ebenso ber&#252;hmte K&#246;pfe aus befreundeten kommunistischen L&#228;ndern. Die Mitglieder des Politb&#252;ros waren mit ihren Frauen angereist, unter ihnen auch Civilai und seine Lebensgef&#228;hrtin, das reizende Fr&#228;ulein Nong. Ein Kordon uniformierter Soldaten trennte die Ehreng&#228;ste vom gemeinen Volk im hinteren Teil des Saales, wo Siri in einer der letzten Reihen sa&#223; und Dtui einen Stuhl freihielt.

Als Platzanweiser fungierten ehemals hochrangige Offiziere der royalistischen Armee. Nach fast zwei Jahren Umerziehung galten sie als einigerma&#223;en vertrauensw&#252;rdig. Sie trugen geborgte Hemden und Krawatten und machten eine gekr&#228;nkte Miene. Dabei konnte man ihre heutige Aufgabe  gemessen an ihren Erlebnissen im Dschungel  schwerlich als Dem&#252;tigung bezeichnen. Kaum einer von ihnen wusste, dass ihr K&#246;nig und ihre K&#246;nigin ebenfalls im Exil weilten, und es interessierte sie auch nicht.

Mit geb&#252;hrender Versp&#228;tung betraten der Pr&#228;sident, der Premierminister und die Leiter der vietnamesischen Delegation den Saal, begleitet vom donnernden Applaus des Publikums. Sie drehten sich um und erwiderten den Beifall, bevor sie sich auf den Sofas und Sesseln in der ersten Reihe niederlie&#223;en. Wie bei allen gro&#223;en und kleinen Veranstaltungen in der Volksrepublik Laos mussten die Zuh&#246;rer zun&#228;chst eine unertr&#228;glich lange und langweilige Rede &#252;ber sich ergehen lassen, in der s&#228;mtliche Revolution&#228;re sowie deren V&#228;ter und Gro&#223;v&#228;ter gew&#252;rdigt wurden. Dtui traf gegen Ende der Ansprache ein.

Ich dachte schon, Sie kommen nicht mehr, sagte Siri, ohne die Stimme zu d&#228;mpfen. Die meisten Leute auf den billigen Pl&#228;tzen plauderten ausgelassen miteinander. Um des laotischen Publikums Herr zu werden, waren sozialistische Verst&#228;rkeranlagen mit besonders leistungsf&#228;higen Lautsprechern ausgestattet.

Ich musste nur noch rasch zwei traumatische Erlebnisse hinter mich bringen, erkl&#228;rte sie.

Sie haben sich mit Lit getroffen?

Das war das erste. Er machte eigentlich nicht den Eindruck, als ob ich ihm das Herz gebrochen h&#228;tte. Ich habe wohl eher seine Lebensplanung durcheinandergebracht. Verstehen Sie? Ehrlich gesagt, hatte ich das Gef&#252;hl, dass dem werten Genossen bei unserer kleinen Vorstellung heute Morgen der eine oder andere Zweifel gekommen ist, ob ich tats&#228;chlich die Richtige f&#252;r ihn bin.

Er wei&#223; doch, dass Sie mit dem ganzen Schwindel nichts zu tun hatten.

Ja, aber ihm ist wohl nicht entgangen, dass ich auch nicht sonderlich erstaunt war. Ich bin schlie&#223;lich nicht kreischend in Ohnmacht gefallen. Vielleicht erwartet er das von einer Frau. Die ganze Geschichte scheint ihn ziemlich mitgenommen zu haben. Er hat mich jedenfalls nicht gebeten, meine Entscheidung noch einmal zu &#252;berdenken.

Umso besser. Ihr Entschluss stand schlie&#223;lich felsenfest.

Ja. Trotzdem w&#228;re es nett gewesen, einen Verehrer zu haben. Ich h&#228;tte mit ihm tanzen gehen und ihn den M&#228;dels vorf&#252;hren k&#246;nnen. Au&#223;erdem h&#228;tte ich ihn gern meiner Mutter vorgestellt.

Eine versehentliche R&#252;ckkopplung schrillte durch den Saal. Besch&#228;mt verstummten die Zuschauer.

Und haben Sie mit Ihrer Mutter gesprochen?, fl&#252;sterte Siri.

Ja. Das war der zweite Schock.

Um Gottes willen. Warum?

Sie hat mir einen Brief vorgelesen.

Schlechte Nachrichten?

Das wei&#223; ich noch nicht genau.

Aber sie haben Ihnen einen Schock versetzt?

Ich bin vor Schreck fast gestorben.

Wollen Sie mir vielleicht verraten, was in dem Brief stand?

Eine Prozession von rosa und gelb gewandeten Musikern betrat den Saal und verschwand samt Instrumenten im Orchestergraben. Es war eine Schande, dass man ihre wundersch&#246;nen Kost&#252;me nur ein paar Sekunden lang zu sehen bekam. Kurz darauf stiegen auch schon die ersten T&#246;ne aus dem Graben auf und wurden von dem ausgekl&#252;gelten Lautsprechersystem bis unter die gew&#246;lbte Decke getragen. Die ganze H&#246;hle vibrierte. Die nat&#252;rliche Akustik, ohne elektronische Verst&#228;rkung, h&#228;tte einen ungleich angenehmeren Klang produziert. Siri sp&#252;rte Dtuis warmen Atem, als sie ihm ins Ohr br&#252;llte.

Er war vom Pr&#252;fungsausschuss.

Und?

Ich soll im Dezember in die UdSSR fliegen.

Sie haben bestanden? Die Ouvert&#252;re gelangte unvermittelt an ihr Ende, und Siris Freudenschrei zerriss die Stille. Einige Parteibonzen wandten den Kopf, aber das gemeine Volk lachte und bedachte das unsichtbare Orchester mit st&#252;rmischem Beifall. Siri genierte sich nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Am liebsten w&#228;re er auf die B&#252;hne gest&#252;rmt und h&#228;tte es &#246;ffentlich verk&#252;ndet. Er k&#252;sste Dtui auf die Wange und hielt bis zum Schluss des Konzerts breit grinsend ihre Hand.

Die Veranstaltung dauerte bis in die Nacht. Wundersch&#246;ne vietnamesische Ballerinen in Armeeuniform drehten auf Turnschuhen Pirouetten. Akrobaten stellten mit St&#252;hlen schier unglaubliche Dinge an. Ein M&#228;dchen balancierte kopf&#252;ber auf einem Esel, der im Kreis lief und auf ein Stromkabel pisste, das daraufhin zu qualmen anfing. Ein kleiner Engelschor mit roten Halst&#252;chern und Baretten schmetterte Parteilieder, die Ballerinen kamen noch einmal auf die B&#252;hne und vollf&#252;hrten einen mitrei&#223;enden Tanz mit Gewehren, und ein nordvietnamesischer Popstar sang eine romantische Ballade, die dem alten Mann die Tr&#228;nen in die Augen trieb.

Die letzte Nummer des Abends war ein laotischer ramwong -Tanz, der sich von der B&#252;hne in den Saal hinunterschl&#228;ngelte, wo sich Zuschauer um Zuschauer in den Zug der Tanzenden einreihte. Civilai sprang als einer der Ersten auf. Er winkte, als er Siri erblickte, der inst&#228;ndig hoffte, dass sein Freund seine Federboa in Vientiane gelassen hatte. Da den Zuschauern hinter der Milit&#228;rabsperrung die Teilnahme an der bizarren Polonaise verboten war, blieben sie einfach, wo sie waren, und tanzten auf der Stelle. Dtui und Siri sahen einander an, wippten im Rhythmus der Musik und ahmten sich gegenseitig nach.

Hinter ihr, im Schatten der Nebenh&#246;hlen, in den Ecken und Winkeln, sah Siri, wie die Verstorbenen zusammenstr&#246;mten. Sie warteten geduldig, bis sie an der Reihe waren. Nachdem die alten M&#228;nner zu Bett gegangen waren, sollte eine offizielle Party f&#252;r alle Jungen und Junggebliebenen stattfinden. Aus gegebenem Anlass durfte die laotische Jugend bis in die fr&#252;hen Morgenstunden tanzen. Obwohl die Feiernden nichts davon ahnten, wusste Siri, dass die Geister sich die Chance, mit den Lebenden eine kesse Sohle aufs Parkett zu legen, um keinen Preis der Welt w&#252;rden entgehen lassen.


Da Civilai f&#252;r moderne Musik wenig &#252;brighatte, flog er gleich nach dem Konzert mit den anderen Partymuffeln nach Vientiane zur&#252;ck. Im Hubschrauber war noch Platz, und so nahm er Siri und Dtui einfach mit. Trotz des Rotorenl&#228;rms genoss Civilai den Flug, weil er sich die Ereignisse der vergangenen zehn Tage von Siri ins Ohr br&#252;llen lie&#223;. Inzwischen fristete er ein derart &#246;des, eint&#246;niges Dasein, dass Siris wundersame Geschichte auf ihn regelrecht belebend wirkte.

Warum haben die Vietnamesen Isandro nicht gefunden, als sie die Leiche des M&#228;dchens entdeckten?, fragte Civilai und stie&#223; damit zielsicher in eine der wenigen L&#252;cken in Siris Beweisf&#252;hrung.

Ich nehme an, Odon begrub erst seinen Freund und tarnte das Grab, damit es nicht entdeckt wurde, bevor das Ritual vollzogen war. Als er mit Hong Lan dann ebenso verfahren wollte, kamen ihm die Soldaten dazwischen.

Willst du die Sache nicht lieber der Polizei &#252;bergeben? Du hast doch gen&#252;gend Beweise gegen die vietnamesische Miliz und den Sp&#228;her wegen des Mordes an Odon?

Ich f&#252;rchte, die Armee wird das Problem auf ihre Weise l&#246;sen.

Wie es so ihre Art ist. Damit war eigentlich alles klar. Blieb nur eine Frage, und Civilai wusste, dass die Antwort auf blo&#223;en Vermutungen beruhte. Hast du eine Ahnung, wie das Paar gestorben ist?

Dazu waren die beiden Leichen schon zu stark verwest. Das M&#228;dchen ist wahrscheinlich an ihrer Krankheit gestorben. Falls sie doch noch am Leben war, haben die beiden vermutlich Gift getrunken, als sie in der H&#246;hle ankamen. Es handelte sich schlie&#223;lich um einen Liebespakt.

Und du glaubst im Ernst, der ganze Hokuspokus hat gewirkt, und ihre Seelen sind im Jenseits vereint?

Siri dachte an den verschlossenen Schrank und an die Kreatur zur&#252;ck, die er befreit hatte. Ich wei&#223; es nicht. Aber die Vorstellung gef&#228;llt mir.

Nach all den Jahren bist du noch immer ein Romantiker.

Wenn man in unser Alter kommt, &#228;lterer Bruder, w&#252;nscht man sich, man h&#228;tte der romantischen Liebe etwas mehr Zeit gewidmet, als man noch die Gelegenheit dazu hatte.

Du sagst es. Civilai beugte sich zu Fr&#228;ulein Nong und fl&#252;sterte seiner Begleiterin etwas ins Ohr, worauf ihre Augenbrauen in die H&#246;he schnellten und ein Hauch von Rot ihre Wangen f&#228;rbte. Sie sah aus dem Fenster und grinste &#252;bers ganze Gesicht.

Ich hoffe, du hast ihr keine Versprechungen gemacht, die ein alter Knacker wie du nicht mehr halten kann, sagte Siri.


Dtui und der Doktor waren gegen drei Uhr morgens in ihrem &#252;berf&#252;llten Vorstadtasyl angekommen. Die Promenadenmischung schlummerte nach wie vor friedlich in ihrem Nest, und ein Rudel Geckos scharte sich wie eine dreidimensionale Tapete um die Lampe auf der Veranda. Siri f&#252;hrte eine fl&#252;chtige Inventur durch und stellte fest, dass w&#228;hrend ihrer Abwesenheit ein neuer Bewohner hinzugekommen war. Neben Manoluk, Dtuis Mutter, hatten Herr Inthanet aus Luang Prabang und Frau Fah, deren Mann vor Kurzem verstorben war, sowie ihre beiden Kinder unter Siris Dach Quartier gefunden. Und jetzt lag ausgerechnet ein M&#246;nch in seiner H&#228;ngematte im Garten. Keiner von ihnen r&#252;hrte sich.

Siri und Dtui a&#223;en und schliefen ein wenig, doch schon gegen sechs waren beide wieder so hellwach wie die H&#228;hne auf dem Dach. Prompt wurden sie von ihren Mitbewohnern ins Kreuzverh&#246;r genommen. Wer ist ermordet worden? Wie? Wer war der T&#228;ter?

Die H&#246;rspielserien im Radio waren ihnen anscheinend zu langweilig geworden. Der Doktor gab sich alle M&#252;he, ihre Abenteuer im Nordosten kurz zusammenzufassen; dennoch war er erleichtert, als sie endlich zur Arbeit gehen konnten. Auf halbem Weg in die Stadt fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, nach dem M&#246;nch zu fragen, vielleicht weil er nur ungern zur Antwort bekommen h&#228;tte: Welcher M&#246;nch?

Schwester Dtui und er trafen zur gewohnten Zeit in der Klinik ein. Es war Montagmorgen, und schon schien ihr Aufenthalt im Nordosten unendlich fern, wie eine Reise in eine andere Zeit, ein anderes Land. Siri stellte sein Motorrad auf seinem Stammparkplatz ab, und Dtui schloss die Pathologie auf. Statt nach Bleich- und Desinfektionsmitteln roch es muffig. Wie eine Pathologie, die zehn Tage leer gestanden hatte. Wenigstens war es sauber, und alles war an seinem Platz, genau wie sie es zur&#252;ckgelassen hatten.

Sie &#246;ffneten die Fenster, um die hei&#223;e Luft hinaus- und noch hei&#223;ere Luft hereinzulassen. Dann setzten sie sich an ihre Schreibtische und machten sich daran, ihre bruchst&#252;ckhaften Erinnerungen an den Houaphan-Fall zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzuf&#252;gen. Es w&#252;rde sie vermutlich den halben Tag kosten, sie in eine Form zu bringen, die Richter Haengs beschr&#228;nktes Begriffsverm&#246;gen nicht &#252;berm&#228;&#223;ig strapazierte.

Um zwanzig nach acht kam Herr Geung wie ein Betrunkener ins B&#252;ro getorkelt. Er hatte noch nicht einmal seine Stiefel ausgezogen. Siri und Dtui blickten auf und sahen seine schwankende Silhouette in der T&#252;r stehen. Das Einzige, was ihn noch auf den Beinen zu halten schien, war sein schiefes L&#228;cheln.

Hallo, S&#252;&#223;er, sagte Dtui. O Gott, Geung. Was ist denn mit Ihnen passiert? Sie stand auf und ging auf ihn zu.




Bevor er auf die Knie sank und mit lautem Krachen auf dem Betonfu&#223;boden landete, h&#246;rte Geung die Stimme des Doktors. Sie klang so wunderbar  und er hatte schon bef&#252;rchtet, er w&#252;rde sie nie wieder zu h&#246;ren bekommen. Er hatte dieses Zusammentreffen die ganze Zeit vor Augen gehabt, als er unter Schmerzen durch die Vororte und quer durch die Stadt getaumelt war und am Rande der belebten Stra&#223;en immer wieder das Bewusstsein verloren hatte. Er hatte davon getr&#228;umt, die Gesichter seiner Kollegen wiederzusehen, und jetzt war es so weit  das Leichenschauhaus stand noch, und er hatte sein Wort gehalten. Er war &#252;bergl&#252;cklich. Auch das war sein vorbestimmtes Schicksal.

Herr Geung, hatte der Doktor mit einem Blick auf seine Armbanduhr gesagt. Sie kommen zu sp&#228;t.



21

R&#196;CHER MIT SCHLOHWEISSEN HAAREN 

Als Leiter des laotischen Justizministeriums h&#228;tte sich Richter Haeng ohne Weiteres sieben Tage die Woche zu besch&#228;ftigen gewusst. Doch da er erstens &#252;ber einen Beraterstab verf&#252;gte, der mit der Arbeitsweise des Ministeriums weitaus vertrauter war als er, und zweitens eine ausgepr&#228;gte Abneigung gegen neue Projekte hegte, gelang es ihm immer wieder, gr&#246;&#223;ere L&#252;cken in seinen Terminplan zu sprengen. Diese f&#252;llte er mit Besuchen der familieneigenen Fischfarm, nachmitt&#228;glichen Stelldicheins mit schillernden Nachtclubs&#228;ngerinnen und seiner Lieblingsbesch&#228;ftigung: die Schuhe von den F&#252;&#223;en schleudern und ein ausgiebiges Nickerchen halten. W&#228;re Dauerd&#246;sen eine sportliche Disziplin gewesen, h&#228;tte Haeng bei den Asienspielen darin m&#252;helos die Goldmedaille errungen. Er hatte alles fest im Griff und sich obendrein als kompetenter Nachfolger jener korrupten royalistischen Halunken erwiesen, die er bei Dorfseminaren so oft gegei&#223;elt hatte.

Daher reagierte er besonders ungehalten, wenn das Politb&#252;ro ihn mit Aufgaben betraute, die ihn um seine dreist&#252;ndigen Mittagspausen und seine freien Sagen-Sie-einfach-ich-bin-bei-Gericht-Nachmittage brachten. Die Unterzeichnung des Vietnam-Vertrages hatte sein Leben in eine infernalische Abfolge von Konferenzen, Galadiners und endlosen Reden verwandelt, die er nicht selten selbst zu halten hatte. Die Juristendelegation aus Hanoi war besonders l&#228;stig gewesen. Die Kollegen hatten unbedingt einen Blick in das Innenleben des laotischen Rechtssystems werfen wollen. Leider mangelte es fraglichem Mechanismus nicht nur an &#214;l, sondern auch an einer ganzen Reihe unentbehrlicher Ersatzteile. Was er jedoch schwerlich zugeben konnte. Und so hatte sich Richter Haeng ein raffiniertes T&#228;uschungsman&#246;ver einfallen lassen.

Um die Belegschaft der beiden Polizeireviere aufzustocken, denen die Vietnamesen einen Besuch abstatten wollten, hatte er Beamte aus den Randbezirken abberufen und im Zentralgericht eine get&#252;rkte Verhandlung inszeniert. Er lie&#223; vier nagelneue Mikrofiche-Leseger&#228;te aus dem alten USAID-Komplex in die Kriminaltechnische Abteilung bringen. Da keine einzige laotische Verbrecherakte auf Microfiche vorlag und die Apparate ohnehin niemand bedienen konnte, kam es am Tag des Delegationsbesuches zu einem ebenso pl&#246;tzlichen wie r&#228;tselhaften Stromausfall, sodass die Besucher abziehen mussten, ohne das System in Aktion gesehen zu haben. Der Richter war der Ersch&#246;pfung nahe und dankte dem Himmel, dass er die Vietnamesen in sp&#228;testens zw&#246;lf Stunden wieder los sein w&#252;rde.

Ein Mitglied der Gruppe  seines Zeichens Mediziner, genauer gesagt, Gerichtsmediziner  hatte seine Landsleute davon &#252;berzeugt, dass zu einer umfassenden Inspektion des Rechtssystems auch ein Besuch der Pathologie geh&#246;re. Richter Haeng hatte dem nach Kr&#228;ften widersprochen  der Gestank, das viele Blut, die Hitze -, doch alle schienen die Einsch&#228;tzung des nervt&#246;tenden kleinen Quacksalbers zu teilen. Haeng kam der Gedanke, dass wom&#246;glich jedes Land unter den Eskapaden eines aufs&#228;ssigen Leichenbeschauers zu leiden hatte. Aber ihm blieb keine Wahl. Am Abend des letzten Besuchstages, nach einem Abschiedsbankett im alten Pr&#228;sidentenpalast, lie&#223; Haeng sich von seinem Fahrer zu Dr. Siri hinauschauffieren. Es war nicht nur sein erster Besuch in dem neuen Vorort hinter dem That-Luang-Schrein, sondern auch sein erstes Zusammentreffen mit Siri, seit dieser in den Nordosten aufgebrochen war und Haeng seinen schwachsinnigen Handlanger aus der Pathologie hatte entfernen lassen.

Auf der Fahrt atmete er ein paar Mal tief durch und legte sich passende Antworten auf die zweifellos zu erwartenden Klagen und Beschwerden zurecht. Siri war zwar unversch&#228;mt, verf&#252;gte aber durchaus &#252;ber gewisse Qualit&#228;ten. Zumindest in Xam Neua hatte er ordentliche Arbeit geleistet. Um ihn gn&#228;dig zu stimmen, beschloss Haeng, ihn daf&#252;r zun&#228;chst &#252;ber Geb&#252;hr zu loben und ihm im Namen der Partei f&#252;r seine erfolgreichen Bem&#252;hungen zu danken. Keinesfalls jedoch w&#252;rde er sich von Siri wegen des verschollenen Idioten auf der Nase herumtanzen lassen. Er war schlie&#223;lich der Leiter des Justizministeriums und der Doktor nichts weiter als ein Angestellter. Trotzdem zitterten ihm die H&#228;nde, als er durch das hohe Tor in den gepflegten Vorgarten trat. Die Haust&#252;r stand sperrangelweit offen, und er sah Siri in der K&#252;che hantieren. Haeng ballte die F&#228;uste und rief Siris Namen, war aber nicht im Mindesten auf Siris Reaktion gefasst. Der Doktor winkte ihm l&#228;chelnd zu und kam aus dem Haus getrottet, um ihn willkommen zu hei&#223;en. Er war so h&#246;flich, so freundlich, dass Haeng sich ernsthaft fragte, ob er ihn vielleicht verwechselte. Doch Siri nahm den Richter am Arm und f&#252;hrte ihn hinein.

Der Bungalow war ein Irrenhaus: Alte, Kranke, durchgedrehte G&#246;ren. Siri hatte ein tadelloses, aus &#246;ffentlichen Geldern finanziertes Eigenheim in einen Schweinestall verwandelt. Das w&#252;rde er dem Wohnungsausschuss melden m&#252;ssen, keine Frage, aber es gab Dringenderes zu erledigen. Siri stellte ihm seine Entourage der Reihe nach vor; Haeng nahm die Namen fl&#252;chtig zur Kenntnis und strich sie sofort wieder aus seinem Ged&#228;chtnis. Bei der erstbesten Gelegenheit lotste er Siri und Dtui auf die Veranda. Er nahm ihnen das Versprechen ab, sich bei dem morgigen Besuch von ihrer besten Seite zu zeigen, nicht zuletzt was ihre Berufskleidung betraf: der Doktor im wei&#223;en Kittel, die Schwester in frisch gest&#228;rkter wei&#223;er Tracht. Auch d&#252;rften unter keinen Umst&#228;nden Patienten zugegen sein. Siri fragte, ob er Leichen meine, und Haeng sagte Ja, genau das meine er. Falls noch welche in der K&#252;hlkammer l&#228;gen, m&#252;sse Siri morgen eben etwas fr&#252;her kommen und sie rechtzeitig entsorgen.

Siri konnte sich die Frage nicht verkneifen, was sie tun sollten, falls sie just zu dem Zeitpunkt, da die Delegation erwartet wurde, eine Leiche hereinbek&#228;men, aber Haeng k&#252;mmerte es einen feuchten Dreck, was sie damit anstellten, solange in der Pathologie nur alles blitzblank und picobello sei. Sie versicherten ihm, er brauche keine Angst zu haben: Nichts Totes werde den Ruf des staatlichen Leichenschauhauses gef&#228;hrden, es werde ein Tag wie kein anderer. Erleichtert trat Haeng den Heimweg an. Der einzige Makel, der das ansonsten beispielhafte Bild effizienter Ministerialarbeit h&#228;tte beflecken k&#246;nnen, war beseitigt. Und, Wunder &#252;ber Wunder, sie hatten das leidige Thema mit keinem Wort erw&#228;hnt. Dieser Siri war vielleicht doch nicht ganz so unbelehrbar, wie er angenommen hatte. Haeng lehnte sich bequem zur&#252;ck und l&#228;chelte zum ersten Mal an diesem Tag.


Am n&#228;chsten Morgen um Viertel nach neun hielt der Konvoi schwarz gl&#228;nzender Zil-Limousinen vor der Pathologie. Der Klinikdirektor war erschienen, um die Delegierten willkommen zu hei&#223;en. Er hatte eigens eine Rede verfasst und trug sich mit der Absicht, jedem Besucher ein Armband aus Orchideenbl&#252;ten zu &#252;berreichen. Doch es herrschte eine Bullenhitze, und die Autos hatten eine Menge Staub aufgewirbelt. Die Vietnamesen wollten von den Albernheiten des Direktors nichts wissen. Sie wollten weiter nichts als den letzten sinnlosen Besuch hinter sich bringen und dann auf schnellstem Wege zum Flughafen. Sie hielten sich ohnehin schon viel zu lange in Laos auf. Sie zw&#228;ngten sich am Direktor und einem Trupp applaudierender Krankenschwestern vorbei und hielten zielstrebig auf den k&#252;hlen Schatten im Eingang der Pathologie zu. Der Direktor erkannte mindestens zwei hochrangige Parteimitglieder, einen Richter und zwei Polizeigener&#228;le, als sie ihn beiseitedr&#228;ngten. Leider hing seine Kamera noch immer &#252;ber seiner Schulter, und er hatte keinen fotografischen Beweis f&#252;r die ungeheure Ehre, die der Klinik hier und jetzt zuteilwurde.

Im Vorraum nahm Dr. Siri die Delegierten in Empfang. Er trug nicht nur einen schneewei&#223;en Laborkittel, sondern noch dazu Hemd und Krawatte. Um seinen Hals hing ein schimmerndes Stethoskop. Er trat neben den breit grinsenden Richter Haeng und begr&#252;&#223;te die Vietnamesen in ihrer Muttersprache. Er brauchte keinen Dolmetscher, wie Haeng missmutig zur Kenntnis nahm. Zwar hatte der Richter einen Gro&#223;teil seines Grundstudiums in Hanoi absolviert, doch sprach er mit grauenhaftem laotischen Akzent, und auch sein Wortschatz lie&#223; stark zu w&#252;nschen &#252;brig. Der Doktor bedauerte, den illustren G&#228;sten keine Leichen pr&#228;sentieren zu k&#246;nnen, bat sie aber dennoch in den Sektionssaal. Der Pulk schlurfte ihm hinterdrein und stie&#223; auf Dtui, die frisch herausgeputzt und in ihrer wei&#223;esten Tracht vor der K&#252;hlkammer stand. Sie hatte weder Kosten noch M&#252;hen gescheut und sich sogar eine rosa champa-Bl&#252;te ins Haar gesteckt. Mit einem zuckers&#252;&#223;en L&#228;cheln auf den Lippen &#246;ffnete sie die T&#252;r der Kammer wie die Assistentin in einem thail&#228;ndischen Fernsehquiz.

Die Besucher starrten in die leere K&#252;hlkammer der leichenlosen Pathologie und fragten sich, was sie hier sollten. Richter Haeng strahlte &#252;ber alle vier Backen. Er h&#228;tte seine Begeisterung am liebsten laut herausgeschrien, aber ihm kam jemand zuvor. Das markersch&#252;tternde Kreischen schien durch die geschlossene T&#252;r des Lagerraums zu dringen. Pl&#246;tzlich flog die T&#252;r auf, traf einen hochrangigen Polizeibeamten empfindlich an der Schulter, und gab den Blick frei auf ein schier unglaubliches Schauspiel. Die Besucher schnappten h&#246;rbar nach Luft. Ein dunkelh&#228;utiger Mann mutma&#223;lich indischer Herkunft bahnte sich, unrasiert und mit nacktem Oberk&#246;rper, einen Weg durch die ver&#228;ngstigten Zuschauer und trat neben den Richter. Ein &#228;u&#223;erst knappsitzender Sarong verh&#252;llte notd&#252;rftig seine Scham, und auf seinem Handteller lag ein offenbar menschliches Gehirn, das auf den blitzblanken Betonfu&#223;boden tropfte. Er &#246;ffnete den Mund und brach in stummes Gel&#228;chter aus.

Genosse Nguyen, der vietnamesische Pathologe, fand als Erster seine Stimme wieder. Richter Haeng, sagte er entr&#252;stet. Was hat das zu bedeuten?

Haengs Miene verriet, dass er den halbnackten Mann erkannt hatte. Was das nicht der Irre, der ziellos durch die Stadt streifte und um Essensreste bettelte? Der notorische Exhibitionist, der bereits wiederholt aufgegriffen worden war und mehrere N&#228;chte hinter Gittern verbracht hatte? Wie nannten sie ihn noch gleich? Genau, den Verr&#252;ckten Rajid. Was suchte der hier im Leichenschauhaus?

Siri, was hat das zu bedeuten?, wollte Haeng wissen.

Meine Herren, ich glaube, ich schulde Ihnen eine Erkl&#228;rung, sagte Siri. Sie m&#252;ssen den Aufzug unseres neuen Pathologieassistenten entschuldigen.

Neuer Pathologie?, stammelte der Richter. Er rang sich ein gequ&#228;ltes Lachen ab, um den Eindruck zu erwecken, er habe von Anfang an von diesem Scherz gewusst. Siri hievte sich auf den Sektionstisch und richtete das Wort an die Besucher.

Sehen Sie, sagte er, Herr Rajid war als Einziger bereit, f&#252;r das halbe Gehalt zu arbeiten, das man uns f&#252;r diesen Posten zugesteht. Rajid hatte sich auf dem Fu&#223;boden niedergelassen und brachte das Gehirn wie Knetgummi in die Form eines Pilzes.

Ich glaube kaum , begann Haeng, brachte jedoch beim besten Willen keinen leidlich souver&#228;nen Satz auf Vietnamesisch zustande, mit dem er seinen Kopf aus der Schlinge h&#228;tte ziehen k&#246;nnen.

Siri fuhr fort: Wir hatten einen &#252;beraus kompetenten  um nicht zu sagen brillanten  Assistenten, der sich mit Freuden f&#252;r einen Hungerlohn verdingte. Er hatte mehr Berufserfahrung als ich und Schwester Dtui zusammen.

Was ist aus ihm geworden?, fragte Nguyen. Die anderen Delegierten waren fasziniert n&#228;her getreten. Zum ersten Mal seit ihrer Anreise bekamen sie etwas Authentisches geboten.

Nun ja, er hatte gewiss gute Gr&#252;nde, aber Richter Hae  ich meine, das Justizministerium  hat ihn entlassen.

Ich habe ihn nicht entlas, versuchte Haeng zu widersprechen. Sein L&#228;cheln schwand dahin.

Warum?, fragte Nguyen. Warum haben Sie einen tadellosen Assistenten entlassen?

Weil  Siri machte eine Kunstpause. Weil er am Down-Syndrom leidet.

Ein Raunen ging durch die Reihen.

Sie haben einen Mann entlassen, weil er mongoloid ist?, fragte der Delegationsleiter mit ungl&#228;ubiger Miene. Er h&#228;tte vermutlich ebenso gehandelt  wahrscheinlich h&#228;tte keiner der anwesenden W&#252;rdentr&#228;ger den Behinder ten &#252;berhaupt erst eingestellt -, aber gruppendynamische Prozesse wirken bisweilen Wunder.

Ich  ich habe ihn nicht entlassen, sagte Haeng. Ich habe ihn  versetzt.

Warum?, fragte Nguyen. Hat er dem sozialistischen Staat etwa nicht treu gedient? Und einen wertvollen Beitrag f&#252;r die Gemeinschaft geleistet?

O doch, antwortete Siri.

Rajid hatte sich das Gehirn wie einen Hut auf den Kopf gesetzt. Einer der Gener&#228;le musterte ihn angewidert und wandte sich dann an Siri. K&#246;nnen wir mit dem Idioten sprechen  und uns selbst ein Bild machen?

Ich f&#252;rchte, nein, sagte Siri. Der Doktor und Dtui lie&#223;en den Kopf h&#228;ngen. Sehen Sie, er wurde von bewaffneten Soldaten in den Norden, nach Luang Prabang verschleppt. Aber seine Loyalit&#228;t und die Liebe zu seiner Arbeit und den damit verbundenen Verpflichtungen waren so gro&#223;, dass er die Flucht ergriff und sich zu Fu&#223;  jawohl, Genossen, zu Fu&#223;  auf den R&#252;ckweg hierher, in dieses Leichenschauhaus machte. Zehn lange Tage marschierte er unter der sengenden Sonne vor sich hin  ein Schluchzen drang von der K&#252;hlkammer her&#252;ber  und legte dabei eine Strecke von sage und schreibe vierhundertachtzig Kilometern zur&#252;ck. Aber wie Sie sich sicher vorstellen k&#246;nnen, schw&#228;chte ihn die Reise, und nicht nur das, er infizierte sich au&#223;erdem mit Denguefieber. Als er hier ankam, war er so gut wie tot. Er brach gleich hinter Ihnen zusammen.

Alle drehten sich um, als w&#252;rde der Arme immer noch dort liegen. Siri benutzte die Gelegenheit, um verstohlen zu Haeng zu blicken, der die Z&#228;hne so fest zusammenbiss, als seien sie verschwei&#223;t. Die Delegation wandte sich wieder um und sah, dass Tr&#228;nen &#252;ber die runden Wangen der jungen Krankenschwester liefen.

Er ist tot?, fragte jemand.

Nein, antwortete Siri. Aber sein Leben h&#228;ngt am seidenen Faden. Die Vietnamesen durchbohrten Haeng, der entbl&#246;&#223;t und hilflos neben ihm stand, mit w&#252;tenden Blicken. Siri rechnete mit wenigstens einem letzten Verteidigungsschlag des Richters, und er wurde nicht entt&#228;uscht.

Wir  tun alles, was in unserer Macht steht, um ihn am Leben zu erhalten, sagte Haeng. Es klang nicht besonders &#252;berzeugend; er hatte nicht gewusst, dass der Schwachkopf wieder da war. Wenn er durchkommt, werden wir seinen Mut und seinen Einsatz nat&#252;rlich geb&#252;hrend w&#252;rdigen.

Das will ich doch stark hoffen, sagte der altgediente Kader. Genau diesen Geist brauchen wir in einem sozialistischen Staat. Er k&#246;nnte den Werkt&#228;tigen ein enormer Ansporn sein. Wenn ein Mongoloider sich derart f&#252;r die Partei einsetzt 

Wohl wahr, bekr&#228;ftigte jemand.

Ein Orden, mindestens, sagte Dr. Nguyen.

Die ganze Strecke zu Fu&#223;  unfassbar, sagte der Polizist.

Nicht lange, und die Pathologie schwirrte von Begeisterung und Hoffnung f&#252;r den leicht angeschlagenen, aber mutigen Soldaten der Revolution. Jemand schlug vor, dem tapferen Krieger einen Besuch abzustatten und ihm Respekt zu zollen. Sie st&#252;rmten quer &#252;ber das Klinikgel&#228;nde zur Intensivstation. Der Verr&#252;ckte Rajid schloss sich dem Pilgerzug an, und so blieben Dtui, Siri und sein alter Freund Dr. Nguyen allein im Sektionssaal zur&#252;ck.

Das lief ja wie am Schn&#252;rchen, meinte der Vietnamese, finden Sie nicht auch?

Ihren Bem&#252;hungen sei Dank, sagte Siri. Ich stehe tief in Ihrer Schuld. Wie soll ich das je wiedergutmachen?

Mir wird schon etwas einfallen, keine Sorge. Sie k&#246;nnten mir zum Beispiel ein paar dieser wundersch&#246;nen Schwestern &#252;berlassen. Er bedachte Dtui mit einem L&#228;cheln. Aber jetzt muss ich wieder zur&#252;ck zu meinen Leuten.

Sie gaben sich lachend die Hand, und Nguyen marschierte fr&#246;hlich zur T&#252;r hinaus.

Tja, sagte Dtui. Ich habe zwar kein Wort verstanden, aber Haengs langem Gesicht nach zu urteilen scheint es prima geklappt zu haben.

Eine Gestalt l&#246;ste sich aus dem Schatten des Vorraums. Haengs B&#252;rovorsteherin Frau Manivone trat kopfsch&#252;ttelnd ins grelle Neonlicht. Sie hatte aus sicherer Entfernung alles mit angesehen und kannte ihren Vorgesetzten nur zu gut.

Das wird er Ihnen nie verzeihen.

Ich wei&#223;, sagte Siri schelmisch l&#228;chelnd.

Im Ernst. Er kann Ihnen das Leben buchst&#228;blich zur H&#246;lle machen, Dr. Siri.

Er wird mich doch wohl nicht gleich entlassen und in die Provinz verbannen?

Das k&#246;nnte Ihnen so passen. Manivone lachte. Sie trat vor den Pathologen hin und schnupperte an seiner Wange. Der f&#252;r Laoten typische ber&#252;hrungslose Kuss. Ich muss Ihnen wohl nicht extra sagen, dass Sie mein Held sind, sagte sie.

Siri dr&#252;ckte ihr die Hand, err&#246;tete leicht und verlie&#223; den Sektionssaal. Manivone schlang Dtui den Arm um die Schulter.

Wie geht es Geung?

Er wirds &#252;berleben, sagte Dtui. Heute Morgen sah er schon wieder so frisch aus, dass Dr. Siri mich gebeten hat, seiner Bl&#228;sse mit Puder ein wenig nachzuhelfen.

Wollen wir nicht die Chefs tauschen?, fragte Manivone.

Nie im Leben, Schwester. Nie im Leben.



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