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Zwei hervorragenden Mitgliedern des O. F. D. gewidmet 

Carlotta und Peter



Erstes Kapitel



Der wei&#223;haarige Mann

Es war beinahe Mitternacht, als ein Mann den Place de la Concorde &#252;berquerte. Trotz des sch&#246;nen Pelzmantels, der seine magere Gestalt umgab, haftete ihm etwas grundlegend Schwaches und Sch&#228;biges an.

Ein kleiner Mann mit einem Rattengesicht. Ein Mann, m&#246;chte man sagen, der nie eine bedeutende Rolle spielen oder in irgendeinem Umfeld herausragen k&#246;nnte. Und doch h&#228;tte ein Betrachter sich geirrt, wenn er zu diesem Schluss gelangt w&#228;re. Denn dieser Mann, so gering und unscheinbar er auch schien, spielte eine wichtige Rolle im Geschick der Welt. In einem Reich, in dem die Ratten herrschten, war er der K&#246;nig der Ratten.

Gerade jetzt wartete eine Botschaft auf seine R&#252;ckkehr. Aber er hatte vorher noch Gesch&#228;fte zu erledigen  Gesch&#228;fte, von denen die Botschaft offiziell keine Kenntnis hatte. Sein Gesicht glomm wei&#223; und scharf im Mondlicht. Die leise Andeutung einer Kr&#252;mmung war in der schmalen Nase. Sein Vater war polnischer Jude gewesen, Schneidergeselle. Was ihn in dieser Nacht unterwegs sein lie&#223;, war ein Gesch&#228;ft, wie es sein Vater geliebt h&#228;tte.

Er erreichte die Seine, ging &#252;ber die Br&#252;cke und betrat eines der weniger reputierlichen Viertel von Paris. Vor einem hohen, verwahrlosten Haus blieb er stehen und stieg dann zu einer Wohnung im vierten Stock hinauf. Er hatte kaum die Zeit zum Klopfen, als die T&#252;r schon von einer Frau ge&#246;ffnet wurde, die offenbar auf ihn gewartet hatte. Sie begr&#252;&#223;te ihn nicht, half ihm aber aus dem Mantel und ging voran in ein geschmacklos eingerichtetes Wohnzimmer. Die elektrische Lampe wurde ged&#228;mpft durch einen Schirm aus schmutzig rosa Girlanden, was das Gesicht des M&#228;dchens mit der Maske aus grob aufgetragener Schminke zwar weicher machte, aber nicht zu verschleiern vermochte. Es konnte auch nicht ihre breiten mongolischen Z&#252;ge verbergen. Am Beruf von Olga Demiroff gab es keinen Zweifel, ebenso wenig an ihrer Nationalit&#228;t.

Alles in Ordnung, Kleines?

<Alles in Ordnung, Boris Iwanowitsch.

Er nickte und murmelte: Ich glaube nicht, dass mir jemand gefolgt ist.

Aber seine Stimme klang besorgt. Er ging zum Fenster, zog die Vorh&#228;nge ein wenig zur Seite und sp&#228;hte vorsichtig hinaus. Er fuhr heftig zur&#252;ck.

Da sind zwei M&#228;nner drau&#223;en  auf der anderen Stra&#223;enseite. Mir scheint... Er brach ab und begann an den N&#228;geln zu kauen, was er immer tat, wenn er beunruhigt war.

Die Russin sch&#252;ttelte langsam, beschwichtigend den Kopf.

Die waren schon da, bevor du gekommen bist.

Trotzdem sieht es so aus, als ob sie dieses Haus beobachten.

M&#246;glich, r&#228;umte sie gleichg&#252;ltig ein.

Aber dann.

Na und? Selbst wenn sie etwas wissen  von hier aus werden sie nicht dich verfolgen.

Ein d&#252;nnes, grausames L&#228;cheln kroch um seine Lippen.

Nein, gab er zu, das stimmt.

Er &#252;berlegte ein paar Momente und bemerkte dann:

Dieser verdammte Amerikaner  soll selber auf sich aufpassen, wie jeder andere.

Finde ich auch.

Er ging wieder zum Fenster.

Harte Jungs, murmelte er mit einem Glucksen. Sicher gute Bekannte der Polizei. Na, ich w&#252;nsche Bruder Apache eine gute Jagd.

Olga Demiroff sch&#252;ttelte den Kopf.

Wenn der Amerikaner wirklich der Mann ist, f&#252;r den man ihn h&#228;lt, dann sind mehr als ein paar feige Apachen n&#246;tig, um mit ihm fertig zu werden. Sie machte eine Pause. Ich frage mich nur.

Ja?

Ach, nichts, aber heute Abend ist zweimal ein Mann die Stra&#223;e entlanggegangen  einer mit wei&#223;em Haar.

Und?

Als er an den beiden da vorbeigekommen ist, hat er einen Handschuh fallen lassen. Einer hat ihn aufgehoben und ihm zur&#252;ckgegeben. Ziemlich durchsichtig.

Du meinst, der Wei&#223;haarige ist ihr  ihr Auftraggeber?

So was &#196;hnliches.

Der Russe blickte beunruhigt und besorgt drein.

Bist du sicher  dass das Paket in Sicherheit ist? Niemand hat sich daran zu schaffen gemacht? Es ist so viel geredet worden  viel zu viel geredet.

Er kaute wieder an den N&#228;geln.

&#220;berzeuge dich selbst.

Sie beugte sich zur Feuerstelle und schob geschickt die Kohlen beiseite. Darunter lagen zerkn&#252;llte Papierklumpen; mitten heraus nahm sie ein l&#228;ngliches P&#228;ckchen, in schmieriges Zeitungspapier gewickelt, und reichte es dem Mann.

Gerissen, sagte er mit einem beif&#228;lligen Nicken.

Die Wohnung ist zweimal durchsucht worden. Man hat die Matratze in meinem Bett aufgeschlitzt.

Wie ich schon sagte, murmelte er. Es ist zu viel geredet worden. Dieses Feilschen um den Preis  das war ein Fehler.

Er hatte das Zeitungspapier entfernt. Darin lag ein kleines, braunes Papierp&#228;ckchen. Er &#246;ffnete es, pr&#252;fte den Inhalt und wickelte alles schnell wieder ein. Als er noch damit besch&#228;ftigt war, schrillte eine Klingel.

Der Amerikaner ist p&#252;nktlich, sagte Olga mit einem Blick auf die Uhr.

Sie verlie&#223; den Raum. Nach einer Minute f&#252;hrte sie einen Fremden herein, einen gro&#223;en, breitschultrigen Mann, der ganz offensichtlich von jenseits des Atlantiks stammte. Sein scharfer Blick ging von der Frau zum Mann.

Monsieur Krassnine?, fragte er h&#246;flich.

Der bin ich, sagte Boris. Ich muss mich f&#252;r  f&#252;r diesen ungew&#246;hnlichen Treffpunkt entschuldigen. Aber Geheimhaltung ist unabdingbar. Ich  ich kann es mir nicht leisten, mit diesem Gesch&#228;ft in Verbindung gebracht zu werden.

Ich verstehe, sagte der Amerikaner h&#246;flich.

Ich habe Ihr Wort, nicht wahr, dass kein Detail dieser Transaktion an die &#214;ffentlichkeit gelangt? Das ist eine der Verkaufsbedingungen. 

Der Amerikaner nickte.

Das haben wir doch schon vereinbart, sagte er gleichm&#252;tig. Vielleicht k&#246;nnten Sie mir jetzt die Ware zeigen.

Sie haben das Geld bei sich  in Banknoten?

Ja, erwiderte der andere.

Er machte jedoch keine Anstalten, das Geld zu zeigen. Nach kurzem Z&#246;gern deutete Krassnine auf das P&#228;ckchen auf dem Tisch.

Der Amerikaner nahm es und wickelte das Packpapier ab. Mit dem Inhalt ging er zu einer kleinen Lampe und pr&#252;fte ihn sehr gr&#252;ndlich. Er schien zufrieden, zog aus seiner Tasche eine dicke lederne Brieftasche und entnahm ihr ein B&#252;ndel Banknoten. Diese gab er dem Russen, der sie sorgf&#228;ltig z&#228;hlte.

In Ordnung?

Ich danke Ihnen, Monsieur. Alles ist korrekt.

Ah!, sagte der andere. L&#228;ssig steckte er sich das P&#228;ckchen in die Tasche. Er verbeugte sich vor Olga. Guten Abend, Mademoiselle. Guten Abend, Monsieur Krassnine.

Er ging hinaus und schloss die T&#252;r hinter sich. Die Augen der beiden im Raum trafen sich. Der Mann fuhr mit der Zunge &#252;ber seine trockenen Lippen.

Ich frage mich  ob er je zu seinem Hotel zur&#252;ckkommt?

Wie auf Verabredung gingen die beiden ans Fenster. Sie kamen gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der Amerikaner unten auf die Stra&#223;e trat. Er wandte sich nach links und ging raschen Schrittes die Stra&#223;e entlang, ohne sich auch nur einmal umzusehen. Aus einem Hausflur stahlen sich zwei Schatten und folgten ihm lautlos. Die Verfolger und der Verfolgte verschwanden in der Nacht. Olga Demiroff sagte:

Er wird unbehelligt heimkommen. Du hast nichts zu bef&#252;rchten  oder zu hoffen  was auch immer.

Warum glaubst du, dass er sicher ist?, fragte Krassni-ne neugierig.

Ein Mann, der so viel Geld gemacht hat wie er, kann kein Dummkopf sein, sagte Olga. Und da wir von Geld reden.

Sie sah Krassnine bedeutsam an.

Hm?

Mein Anteil, Boris Iwanowitsch.

Ein wenig widerwillig gab Krassnine ihr zwei der Scheine. Sie nickte zum Dank, ohne jede Gef&#252;hlsregung, und steckte sie in ihren Strumpf.

Das ist gut, bemerkte sie befriedigt.

Er sah sie neugierig an.

Du empfindest kein Bedauern, Olga Wassilowna?

Bedauern? Weshalb?

Wegen der Dinge, die du aufbewahrt hast. Es gibt Frauen  die meisten Frauen, glaube ich, w&#252;rden bei so etwas verr&#252;ckt werden.

Sie nickte versonnen.

Ja, da hast du Recht. Die meisten Frauen leiden an diesem Wahnsinn. Ich nicht. Ich frage mich. Sie brach ab.

Was denn?, fragte Krassnine neugierig.

Der Amerikaner ist in Sicherheit, trotz des P&#228;ckchens, das er bei sich tr&#228;gt  ja, davon bin ich &#252;berzeugt. Aber sp&#228;ter.

Eh? Woran denkst du?

Er wird sie nat&#252;rlich einer Frau schenken, sagte Olga nachdenklich. Ich frage mich, was dann geschieht.

Sie riss sich zusammen und ging zum Fenster. Pl&#246;tzlich stie&#223; sie einen Laut aus und rief ihren Gef&#228;hrten.

Sieh mal, jetzt geht er die Stra&#223;e entlang  der Mann, von dem ich gesprochen hatte.

Beide starrten gemeinsam hinunter. Eine schlanke, elegante Gestalt ging gem&#228;chlich vorbei. Sie trug Zylinder und Abendmantel. Als sie unter einer Laterne entlangging, fiel das Licht auf einen vollen wei&#223;en Schopf.



Zweites Kapitel



Monsieur le Marquis

Der Wei&#223;haarige ging ohne Eile seines Weges, anscheinend v&#246;llig gleichg&#252;ltig seiner Umgebung gegen&#252;ber. Er bog in eine Seitenstra&#223;e nach rechts ein und in eine weitere nach links. Hin und wieder summte er eine Melodie vor sich hin.

Pl&#246;tzlich blieb er stehen und lauschte gespannt. Er hatte ein bestimmtes Ger&#228;usch geh&#246;rt. Es konnte das Platzen eines Reifens gewesen sein oder vielleicht  ein Schuss. Ein seltsames L&#228;cheln spielte kurz um seine Lippen. Dann ging er gelassen weiter.

Als er um die n&#228;chste Ecke bog, erreichte er eine recht bewegte Szenerie. Ein H&#252;ter des Gesetzes schrieb etwas in sein Notizbuch, und ein paar sp&#228;te Passanten hatten sich angesammelt. Einen von ihnen bat der Wei&#223;haarige h&#246;flich um Ausk&#252;nfte.

Hier ist etwas vorgefallen, nicht wahr?

Mais oui, Monsieur. Zwei Apachen haben einen &#228;lteren amerikanischen Herrn &#252;berfallen.

Haben sie ihm etwas getan?

Aber keineswegs. Der Mann lachte. Der Amerikaner hatte einen Revolver in der Tasche, und ehe sie ihm etwas tun konnten, hat er sie so mit Kugeln eingedeckt, dass die Kerle Angst gekriegt haben und geflohen sind. Die Polizei ist wie &#252;blich zu sp&#228;t gekommen.

Ah!, bemerkte der Frager.

Er zeigte keinerlei Gem&#252;tsregung.

Gelassen und unber&#252;hrt nahm er seinen n&#228;chtlichen Bummel wieder auf. Bald &#252;berquerte er die Seine und gelangte in die reicheren Viertel der Hauptstadt. Etwa zwanzig Minuten sp&#228;ter blieb er vor einem bestimmten Haus in einer ruhigen, eher aristokratischen Stra&#223;e stehen.

Der Laden, denn ein solcher war es, wirkte zur&#252;ckhaltend und unaufdringlich. D. Papopoulos, Antiquit&#228;tenh&#228;ndler, war so ber&#252;hmt, dass er keine Reklame brauchte, und tats&#228;chlich machte er die meisten Gesch&#228;fte nicht am Ladentisch. Monsieur Papopoulos besa&#223; eine sehr elegante Wohnung an den Champs-Elysees, und man h&#228;tte ihn nat&#252;rlich zu dieser Zeit eher dort erwartet als in seinem Gesch&#228;ft, aber der Wei&#223;haarige schien seiner Sache sicher, als er die fast verborgene T&#252;rglocke dr&#252;ckte, nachdem er zun&#228;chst einen schnellen Blick die verlassene Stra&#223;e hinauf und hinab geworfen hatte.

Seine Zuversicht war gerechtfertigt. Die T&#252;r &#246;ffnete sich, und ein Mann stand im Rahmen. Er trug goldene Ohrringe und war von eher dunkler Hautfarbe.

Guten Abend, sagte der Fremde. Ihr Herr ist zu Hause?

Er ist da, aber zu dieser Nachtzeit empf&#228;ngt er keine unangemeldeten Besucher, knurrte der andere.

Ich glaube, er wird mich empfangen. Sagen Sie ihm, sein Freund Monsieur le Marquis sei da.

Der Mann &#246;ffnete die T&#252;r etwas weiter und lie&#223; den Besucher eintreten.

Der andere, der sich Monsieur le Marquis nannte, hatte beim Sprechen das Gesicht mit der Hand bedeckt. Als der Diener mit der Mitteilung zur&#252;ckkehrte, dass Monsieur Papopoulos sich freuen w&#252;rde, den Besucher zu empfangen, war eine Ver&#228;nderung im Aussehen des Fremden erfolgt. Der Diener musste entweder sehr unaufmerksam oder sehr gut ausgebildet sein, denn er zeigte keinerlei &#220;berraschung angesichts der kleinen schwarzen Seidenmaske, die die Z&#252;ge des anderen verbarg. Der Diener ging voran zu einer T&#252;r am Ende des Vorraums, &#246;ffnete sie und meldete in einem respektvollen Gemurmel: Monsieur le Marquis.

Die Gestalt, die sich erhob, um diesen seltsamen Gast zu empfangen, war beeindruckend. Monsieur Papopoulos haftete etwas Ehrw&#252;rdiges und Patriarchalisches an. Er hatte eine hohe, gew&#246;lbte Stirn und einen sch&#246;nen wei&#223;en Bart. In seiner Manier war etwas von einem g&#252;tigen Geistlichen.

Mein lieber Freund, sagte Monsieur Papopoulos. Er sprach franz&#246;sisch, und seine Stimme war schwer und salbungsvoll.

Ich muss um Entschuldigung bitten, sagte der Besucher, dass ich zu so sp&#228;ter Stunde komme.

Aber keineswegs, sagte Monsieur Papopoulos. Eine interessante Zeit. Hatten Sie m&#246;glicherweise einen interessanten Abend?

Nicht pers&#246;nlich, sagte Monsieur le Marquis.

Nicht pers&#246;nlich, wiederholte Monsieur Papopoulos, nein, nein, nat&#252;rlich nicht. Und es gibt Neuigkeiten, wie?

Er warf seinem Besucher einen scharfen Seitenblick zu, einen Blick, der nicht im Geringsten priesterlich oder g&#252;tig war.

Es gibt nichts Neues. Der Anschlag ist misslungen. Ich hatte kaum etwas anderes erwartet.

Ganz recht, sagte Monsieur Papopoulos, jede rohe Gewalt.

Er machte eine Handbewegung, die seine intensive Ablehnung f&#252;r jede Form von Rohheit ausdr&#252;ckte. Tats&#228;chlich war nichts Rohes an Monsieur Papopoulos und den G&#252;tern, mit denen er handelte. An den meisten europ&#228;ischen F&#252;rstenh&#246;fen war er sehr bekannt, und K&#246;nige nannten ihn freundschaftlich Demetrius. Er stand im Ruf erlesenster Diskretion. Dies und sein aristokratisches Aussehen hatten ihm bei mehreren fragw&#252;rdigen Transaktionen geholfen.

Der direkte Angriff., sagte Papopoulos. Er sch&#252;ttelte den Kopf. Manchmal ist er n&#252;tzlich. Aber sehr selten.

Der andere zuckte mit den Schultern.

Er spart Zeit, bemerkte er, und kostet nichts, wenn er scheitert  oder fast nichts. Der andere Plan wird nicht scheitern.

Ah, sagte Monsieur Papopoulos; er musterte ihn scharf.

Der andere nickte langsam.

Ich habe gro&#223;es Vertrauen in Ihren  hm  guten Ruf, sagte der Antiquit&#228;tenh&#228;ndler.

Monsieur le Marquis l&#228;chelte sanft.

Ich glaube sagen zu d&#252;rfen, murmelte er, dass ich Ihr Vertrauen rechtfertigen werde.

Sie haben einzigartige M&#246;glichkeiten, sagte der andere, mit etwas wie Neid in der Stimme.

Ich schaffe sie mir, sagte Monsieur le Marquis.

Er stand auf und griff nach dem Mantel, den er nachl&#228;ssig auf eine Sessellehne geworfen hatte.

Ich werde Sie auf dem Laufenden halten, Monsieur Papopoulos, durch die &#252;blichen Kan&#228;le. Aber es darf nichts schief gehen bei Ihren Vorkehrungen.

Papopoulos wirkte gequ&#228;lt.

Bei meinen Vorkehrungen gibt es nie Schwierigkeiten, protestierte er.

Der andere l&#228;chelte, und ohne weitere Abschiedsworte verlie&#223; er den Raum; die T&#252;r schloss er hinter sich.

Monsieur Papopoulos stand einen Moment in Gedanken versunken da und strich &#252;ber seinen ehrw&#252;rdigen wei&#223;en Bart; dann ging er zu einer zweiten T&#252;r, die sich nach innen &#246;ffnete. Als er die Klinke dr&#252;ckte, stolperte eine junge Frau, die nur allzu deutlich mit dem Ohr am Schl&#252;sselloch an der T&#252;r gelehnt hatte, kopf&#252;ber ins Zimmer. Monsieur Papopoulos zeigte weder &#220;berraschung noch &#196;rger. Offenbar fand er all dies ganz nat&#252;rlich.

Nun, Zia?, fragte er.

Ich habe ihn nicht weggehen h&#246;ren, erkl&#228;rte Zia.

Sie war eine h&#252;bsche junge Frau von junonischer Gestalt, mit dunklen blitzenden Augen, und insgesamt sah sie Monsieur Papopoulos so &#228;hnlich, dass man sie m&#252;helos als Vater und Tochter erkannte.

Es ist l&#228;stig, fuhr sie ver&#228;rgert fort, dass man durch ein Schl&#252;sselloch nicht gleichzeitig horchen und schauen kann.

Das hat mich oft ge&#228;rgert, sagte Monsieur Papopou-los sehr schlicht.

Das also ist Monsieur le Marquis, sagte Zia langsam. Tr&#228;gt er immer eine Maske, Vater?

Immer.

Nach einer Pause fragte Zia: Es geht um die Rubine, nicht wahr?

Ihr Vater nickte.

Was h&#228;ltst du von ihm, meine Kleine?, erkundigte er sich mit einem leicht am&#252;sierten Funkeln in seinen schwarzen Augen.

Von Monsieur le Marquis?

Ja. Ich finde, sagte Zia langsam, dass man sehr selten einen wohlerzogenen Engl&#228;nder findet, der so gut franz&#246;sisch spricht.

Ah!, sagte Monsieur Papopoulos, das also findest du?

Wie gew&#246;hnlich legte er sich nicht fest, betrachtete Zia jedoch mit g&#252;tiger Anerkennung.

Au&#223;erdem finde ich, sagte Zia, dass sein Kopf eine seltsame Form hat.

Massig, sagte ihr Vater, ein wenig massig. Aber diese Wirkung hat eine Per&#252;cke immer.

Die beiden sahen einander an und l&#228;chelten.



Drittes Kapitel



Das Feuerherz

Rufus Van Aldin trat durch die Dreht&#252;r des Savoy und ging zur Rezeption. Der Empfangschef begr&#252;&#223;te ihn mit einem respektvollen L&#228;cheln.

Freut mich, Sie wieder zu sehen, Mr Van Aldin.

Der amerikanische Million&#228;r erwiderte den Gru&#223; mit einem beil&#228;ufigen Nicken.

Alles in Ordnung?, fragte er.

Ja, Sir. Major Knighton ist jetzt oben in der Suite.

Van Aldin nickte abermals.

Post gekommen?, erkundigte er sich.

Es ist alles nach oben geschickt worden, Mr Van Aldin. Ah! Einen Augenblick bitte.

Er tauchte in eines der F&#228;cher und nahm einen Brief heraus.

Soeben gekommen, erkl&#228;rte er.

Rufus Van Aldin nahm den Brief entgegen, und als er die Handschrift sah, eine schwungvolle Frauenhandschrift, verwandelte sich sein Gesicht. Die herben Z&#252;ge schienen weicher, der harte Zug um den Mund entspannte sich. Er sah aus wie ein anderer Mensch. Als er mit dem Brief in der Hand zum Lift ging, lag das L&#228;cheln noch um seine Lippen.

Im Salon seiner Suite sa&#223; ein junger Mann an einem Schreibtisch und sortierte die Korrespondenz mit jener Fertigkeit, die lange Praxis verleiht. Er sprang auf, als Van Aldin eintrat.

Hallo, Knighton!

Freut mich, dass Sie wieder da sind, Sir. Hatten Sie angenehme Tage?

Ging so, sagte der Million&#228;r gleichm&#252;tig. Paris ist ein bisschen provinziell geworden. Immerhin  ich habe erreicht, was ich wollte.

Er l&#228;chelte grimmig vor sich hin.

Das tun Sie doch wohl meistens, sagte der Sekret&#228;r lachend.

Allerdings, stimmte der andere zu.

Er sagte es n&#252;chtern und gesch&#228;ftsm&#228;&#223;ig wie jemand, der eine allgemein bekannte Tatsache best&#228;tigt. Er streifte seinen schweren Mantel ab und kam zum Schreibtisch.

Etwas Dringendes?

Ich glaube nicht, Sir. Fast nur das &#252;bliche Zeug. Ich bin noch nicht ganz mit dem Sortieren fertig.

Van Aldin nickte kurz. Er war ein Mann, der selten lobte oder tadelte. Seine Methode den Angestellten gegen&#252;ber war einfach; er gab ihnen eine faire Chance, und die Ungeeigneten entlie&#223; er prompt. In der Auswahl seiner Leute war er unkonventionell. Knighton, zum Beispiel, hatte er vor zwei Monaten in einem Schweizer Kurort kennen gelernt. Der Mann hatte ihm gefallen; als er dessen Kriegsunterlagen durchsah, fand er darin die Erkl&#228;rung f&#252;r sein leichtes Hinken. Knighton hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass er eine Stellung suchte; tats&#228;chlich hatte er den Million&#228;r ganz offen gefragt, ob er nicht einen Posten f&#252;r ihn w&#252;sste. Van Aldin erinnerte sich mit einem L&#228;cheln grimmiger Belustigung an das ma&#223;lose Erstaunen des jungen Mannes, als er ihn kurzerhand selbst als Privatsekret&#228;r engagierte.

Ich  ich habe aber keine kaufm&#228;nnische Praxis, hatte er gestammelt.

Ist mir v&#246;llig schnuppe, hatte Van Aldin geantwortet. F&#252;r so etwas habe ich schon drei Sekret&#228;re. Ich werde aber wohl sechs Monate in England sein und brauche einen Engl&#228;nder, der  na ja, die Spielregeln kennt und die gesellschaftlichen Dinge f&#252;r mich erledigen kann.

Bisher hatte sich Van Aldins Urteil best&#228;tigt. Knighton erwies sich als schnell, intelligent, einfallsreich und war au&#223;erdem charmant.

Der Sekret&#228;r wies auf drei oder vier Briefe, die er beiseite gelegt hatte.

Auf die hier sollten Sie vielleicht selbst noch einen Blick werfen, Sir, riet er. Der oberste betrifft den Col-ton-Vertrag.

Aber Rufus Van Aldin hob abwehrend die Hand.

Heute Abend schaue ich mir den bl&#246;den Kram nicht an, sagte er. Die k&#246;nnen alle bis morgen warten. Bis auf das hier, setzte er hinzu. Dabei blickte er auf den Brief, den er in der Hand hielt. Und wieder glitt jenes seltsame verwandelnde L&#228;cheln &#252;ber sein Gesicht.

Richard Knighton l&#228;chelte verst&#228;ndnisvoll.

Mrs Kettering?, murmelte er. Sie hat gestern und heute angerufen. Sie scheint Sie ganz dringend sofort sehen zu wollen, Sir.

Ach, will sie das!

Das L&#228;cheln schwand aus dem Gesicht des Million&#228;rs. Er riss den Umschlag auf, den er in der Hand hielt, und nahm das Blatt heraus. W&#228;hrend er den Brief las, verfinsterte sich sein Gesicht, um den Mund legte sich wieder der grimme Zug, den man an der Wall Street so gut kannte, und seine Brauen zogen sich Unheil verk&#252;ndend zusammen. Knighton wandte sich taktvoll ab, &#246;ffnete wieder Briefe und sortierte sie. Ein gemurmelter Fluch entfuhr dem Million&#228;r, und seine geballte Faust fiel hart auf den Tisch.

Das lasse ich mir nicht bieten, knurrte er. Gut, dass die arme Kleine ihren alten Vater hinter sich hat.

Einige Minuten lang ging er im Raum auf und ab; die zusammengekniffenen Brauen machten eine Grimasse aus seinem Gesicht. Knighton beugte sich noch immer beflissen &#252;ber den Schreibtisch. Dann blieb Van Aldin j&#228;h stehen. Er nahm seinen Mantel von dem Sessel, auf den er ihn geworfen hatte.

Gehen Sie noch einmal aus, Sir?

Ja, ich gehe zu meiner Tochter.

Wenn Coltons Leute anrufen.?

Sagen Sie ihm, sie sollen zum Teufel gehen.

Sehr wohl, sagte der Sekret&#228;r gleichm&#252;tig.

Van Aldin hatte inzwischen den Mantel angezogen. Er setzte den Hut auf und ging zur T&#252;r. Mit der Hand an der Klinke blieb er stehen.

Sie sind ein guter Kerl, Knighton, sagte er. Sie bel&#228;stigen mich nicht, wenn ich Sorgen habe.

Knighton l&#228;chelte fl&#252;chtig, antwortete aber nicht.

Ruth ist mein einziges Kind, sagte Van Aldin, und niemand wei&#223; wirklich, was sie mir bedeutet.

Ein schwaches L&#228;cheln erhellte seine Z&#252;ge. Er steckte die Hand in die Tasche.

Soll ich Ihnen was zeigen, Knighton?

Er kam zum Sekret&#228;r zur&#252;ck.

Aus der Tasche zog er ein nachl&#228;ssig in braunes Papier gewickeltes P&#228;ckchen. Er lie&#223; die H&#252;lle fallen und hielt ein gro&#223;es, sch&#228;biges rotes Samtetui hoch. In der Mitte des Deckels waren verschlungene Initialen mit einer Krone dar&#252;ber zu sehen. Er klappte das Etui auf, und der Sekret&#228;r schnappte nach Luft. Auf der schmutzig wei&#223;en Unterlage gl&#252;hten die Steine wie Blut.

Mein Gott! Sir, sagte Knighton. Sind sie  sind sie echt?

Van Aldin stie&#223; ein leises, erheitertes Keckern aus.

Wundert mich nicht, dass Sie das fragen. Unter diesen Rubinen sind die drei gr&#246;&#223;ten der Welt. Katharina von Russland hat sie getragen, Knighton. Der in der Mitte ist als das Feuerherz bekannt. Er ist vollkommen  nicht der kleinste Makel.

Aber, murmelte der Sekret&#228;r, die m&#252;ssen ein Verm&#246;gen wert sein.

Vier- oder f&#252;nfhunderttausend Dollar, sagte Van Al-din beil&#228;ufig, abgesehen vom historischen Interesse.

Und Sie tragen das herum  einfach so, lose in der Tasche?

Van Aldin lachte am&#252;siert.

Sehen Sie ja. Wissen Sie, das ist mein kleines Geschenk f&#252;r Ruthie.

Der Sekret&#228;r l&#228;chelte diskret.

Jetzt verstehe ich Mrs Ketterings Besorgnis am Telefon.

Aber Van Aldin sch&#252;ttelte den Kopf. Der harte Gesichtsausdruck kehrte zur&#252;ck.

Da irren Sie sich, sagte er. Sie wei&#223; nichts davon; das ist meine kleine &#220;berraschung f&#252;r sie.

Er schloss das Etui und begann es langsam wieder einzuwickeln.

Es ist traurig, Knighton, sagte er, wie wenig man f&#252;r die tun kann, die man liebt. Ich k&#246;nnte die halbe Welt f&#252;r Ruth kaufen, wenn sie etwas davon h&#228;tte, hat sie aber nicht. Ich kann ihr dieses Zeug hier um den Hals h&#228;ngen; vielleicht wird sie sich einen Moment oder zwei dar&#252;ber freuen, aber.

Er sch&#252;ttelte den Kopf.

Wenn eine Frau in ihrem Heim nicht gl&#252;cklich ist.

Er lie&#223; den Satz unvollendet. Der Sekret&#228;r nickte diskret. Niemand kannte den Ruf des ehrenwerten Derek Kettering besser als er. Van Aldin seufzte. Er steckte das P&#228;ckchen wieder in die Manteltasche, nickte Knighton zu und verlie&#223; den Raum.



Viertes Kapitel



In der Curzon Street

Mrs Derek Kettering wohnte in der Curzon Street. Der Butler, der die T&#252;r &#246;ffnete, erkannte Rufus Van Aldin sofort und gestattete sich ein diskretes Begr&#252;&#223;ungsl&#228;cheln. Er ging voran, die Treppe hinauf zum gro&#223;en doppelten Salon in der ersten Etage.

Eine Frau, die dort am Fenster sa&#223;, sprang mit einem Schrei auf.

Also, so was Liebes von dir, Dad, dass du gekommen bist! Den ganzen Tag lang habe ich mit Major Knighton telefoniert, um dich zu erreichen, aber er konnte nicht genau sagen, wann man dich zur&#252;ckerwartet.

Ruth Kettering war achtundzwanzig Jahre alt. Ohne sch&#246;n oder im eigentliche Sinn des Wortes h&#252;bsch zu sein, sah sie doch sehr reizvoll aus, und zwar wegen ihrer Farben. Van Aldin war zu seiner Zeit M&#246;hre und Ingwer gerufen worden, und Ruths Haar war ein beinahe reines Rotbraun. Hinzu kamen dunkle Augen und tiefschwarze Wimpern  Kunstfertigkeit verst&#228;rkte die Wirkung ein wenig. Sie war gro&#223; und schlank und bewegte sich anmutig. Auf den ersten Blick hatte sie das Gesicht einer Raffael-Madonna. Erst wenn man genauer hinsah, bemerkte man die ausgepr&#228;gten Wangenknochen und das markante Kinn wie in Van Aldins Gesicht, was f&#252;r die gleiche H&#228;rte und Entschlossenheit sprach. Dem Mann stand es gut, der Frau jedoch weniger. Seit ihrer Kindheit war Ruth Van Aldin daran gew&#246;hnt, immer ihren Willen durchzusetzen, und wer sich ihr entgegenstellte, erfuhr bald, dass Rufus Van Aldins Tochter nie nachgab.

Knighton hat mir gesagt, dass du angerufen hast. Ich bin erst vor einer halben Stunde aus Paris zur&#252;ckgekommen. Was ist denn wieder los mit Derek?

Ruths Gesicht r&#246;tete sich vor &#196;rger.

Es ist uns&#228;glich. Es geht auf keine Kuhhaut, rief sie. Er  er h&#246;rt auf gar nichts, was ich sage.

In ihrer Stimme mischten sich Verwunderung und &#196;rger.

Auf mich wird er h&#246;ren m&#252;ssen, sagte der Million&#228;r grimmig.

Ruth fuhr fort.

Seit einem Monat habe ich ihn kaum gesehen. &#220;berall taucht er mit dieser Frau auf.

Mit welcher Frau?

Mirelle. Sie tanzt im Parthenon, wei&#223;t du.

Van Aldin nickte.

Vorige Woche war ich in Leconbury. Ich  ich habe mit Lord Leconbury gesprochen. Er war ganz reizend zu mir, voller Verst&#228;ndnis. Er hat gesagt, er w&#252;rde Derek gr&#252;ndlich die Leviten lesen.

Ah!, sagte Van Aldin.

Was meinst du mit <ah!>, Vater?

Das, was du gerade denkst, Ruthie. Der arme alte Leconbury ist doch am Ende. Nat&#252;rlich spielt er den Verst&#228;ndnisvollen, nat&#252;rlich versucht er, dich zu beschwichtigen. Da er seinen Sohn und Erben mit der Tochter eines der reichsten M&#228;nner aus den Staaten verheiratet hat, will er die Sache jetzt nat&#252;rlich nicht vermurksen. Aber er steht doch schon mit einem Fu&#223; im Grab, jeder wei&#223; das, und was immer er sagt, wird bei Derek verdammt wenig bewegen. Kannst du nicht etwas tun, Dad?, bedr&#228;ngte Ruth ihn nach ein paar Momenten des Schweigens.

Ich k&#246;nnte, sagte der Million&#228;r. Er dachte eine Sekunde nach und fuhr dann fort: Es gibt ein paar Dinge, die ich tun k&#246;nnte, aber nur eins h&#228;tte wirklich Sinn. Wie viel Mumm hast du denn, Ruthie?

Sie starrte ihn an. Er nickte ihr zu.

Ich meine genau das, was ich sage. H&#228;ttest du den Mut, vor aller Welt zuzugeben, dass du einen Fehler gemacht hast? Aus diesem Schlamassel gibt es nur einen Ausweg. Schreib deine Verluste ab und fang neu an.

Du meinst.?

Scheidung.

Scheidung!

Van Aldin l&#228;chelte trocken.

Du sprichst das Wort aus, Ruth, als ob du es noch nie geh&#246;rt h&#228;ttest. Dabei lassen sich doch all deine Freundinnen jeden Tag scheiden.

Ach, das wei&#223; ich doch. Aber.

Sie hielt inne und biss sich auf die Lippen. Ihr Vater nickte verst&#228;ndnisvoll.

Ich wei&#223;, Ruth. Du bist wie ich, du kannst es nicht ertragen, etwas aufzugeben. Aber ich habe gelernt, und auch du musst es lernen, dass es Zeiten gibt, wo das die einzige M&#246;glichkeit ist. Ich k&#246;nnte Mittel finden, um De-rek zur&#252;ckzupfeifen, zur&#252;ck zu dir, aber am Ende k&#228;me alles wieder auf dasselbe hinaus. Er taugt nichts, Ruth; er ist durch und durch verdorben. Und wei&#223;t du, ich mache mir Vorw&#252;rfe, dass ich dir je erlaubt habe, ihn zu heiraten. Aber du hattest ihn dir nun mal in den Kopf gesetzt, und damals schien er ernsthaft ein neues Leben anfangen zu wollen  und, tja, ich hatte dir einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht, Liebes .

Er sah sie bei den letzten Worten nicht an. H&#228;tte er es getan, so h&#228;tte er die pl&#246;tzliche R&#246;te bemerken k&#246;nnen, die ihr Gesicht &#252;berzog.

Das hast du, sagte sie mit harter Stimme.

Ich war verdammt zu weich, das ein zweites Mal zu machen. Aber ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich w&#252;nsche, ich h&#228;tte es doch getan. Die letzten Jahre hast du ein Hundeleben gehabt, Ruth.

Es war nicht besonders  angenehm, stimmte Mrs Kettering zu.

Deshalb sage ich dir, damit muss jetzt Schluss sein! Er schlug die Hand heftig auf den Tisch. Vielleicht h&#228;ngst du immer noch an dem Kerl. Mach Schluss! Stell dich den Tatsachen. Derek Kettering hat dich wegen deines Gelds geheiratet. Mehr ist nicht dran. Gib ihm den Laufpass, Ruth.

Ruth Kettering schaute ein paar Momente zu Boden; dann sagte sie, ohne den Kopf zu heben:

Und wenn er nicht einwilligt?

Van Aldin sah sie erstaunt an.

Er hat dazu gar nichts zu sagen.

Sie err&#246;tete und biss sich auf die Lippen.

Nein  nein  nat&#252;rlich nicht. Ich habe nur gemeint.

Sie hielt inne. Ihr Vater musterte sie aufmerksam.

Was hast du gemeint?

Ich meine. Sie machte eine Pause und w&#228;hlte ihre Worte sorgf&#228;ltig. Vielleicht nimmt er es nicht so einfach hin.

Der Million&#228;r reckte grimmig das Kinn.

Du meinst, er wird die Scheidung verweigern? Soll er doch! Aber, ganz nebenbei, da irrst du. Jeder Anwalt, den er konsultiert, wird ihm sagen, dass er keinen Boden unter den F&#252;&#223;en hat. Du glaubst also nicht  , sie z&#246;gerte  ich meine  aus reiner B&#246;swilligkeit mir gegen&#252;ber k&#246;nnte er  also, er k&#246;nnte Schwierigkeiten machen?

Ihr Vater sah sie einigerma&#223;en erstaunt an.

Die Scheidung anfechten, meinst du?

Er sch&#252;ttelte den Kopf.

Ziemlich unwahrscheinlich. Wei&#223;t du, er m&#252;sste n&#228;mlich einen Grund haben.

Mrs Kettering antwortete nicht. Van Aldin sah sie scharf an.

Komm, Ruth, raus damit! Dich beunruhigt doch was  was ist es?

Nichts, wirklich gar nichts.

Aber ihre Stimme klang nicht &#252;berzeugend.

Du hast Angst vor der &#214;ffentlichkeit, wie? Ist es das? &#220;berlass das nur mir. Ich dr&#252;cke die ganze Aff&#228;re so glatt durch, dass es &#252;berhaupt kein Aufsehen gibt.

Na gut, Dad, wenn du meinst, dass es wirklich das Beste ist.

Hast du den Burschen etwa noch gern? Ist es das?

Nein.

Sie sagte das mit unmissverst&#228;ndlichem Nachdruck. Van Aldin schien zufrieden. Er klopfte seiner Tochter auf die Schulter.

Alles wird gut werden, Kleines. Mach dir keine Sorgen. Jetzt denk nicht mehr daran. Ich habe dir ein Geschenk aus Paris mitgebracht.

F&#252;r mich? Etwas Sch&#246;nes?

Ich hoffe doch, dass du es sch&#246;n findest, sagte Van Aldin l&#228;chelnd.

Er nahm das P&#228;ckchen aus der Manteltasche und reichte es ihr. Sie packte es eifrig aus und klappte das Etui auf.

Ein lang gezogenes Oh kam &#252;ber ihre Lippen. Ruth Kettering liebte Juwelen  hatte sie immer geliebt.

O Dad, wie  wie wunderbar!

Eine Klasse f&#252;r sich, oder?, sagte der Million&#228;r befriedigt. Sie gefallen dir, was?

Gefallen? Dad, sie sind einzigartig. Wie bist du an sie gekommen?

Van Aldin l&#228;chelte.

Ah! Das ist mein Geheimnis. Ich habe sie nat&#252;rlich privat kaufen m&#252;ssen. Sie sind ziemlich bekannt. Siehst du den gro&#223;en Stein in der Mitte? Vielleicht hast du von ihm geh&#246;rt; das ist das historische Feuerherz.

Feuerher^-, wiederholte Mrs Kettering.

Sie hatte die Steine aus dem Etui genommen und hielt sie an ihren Busen. Der Million&#228;r beobachtete sie. Er dachte an all die Frauen, die diese Juwelen getragen hatten. Die gebrochenen Herzen, die Verzweiflung, den Neid. Das Feuerherz hatte wie alle ber&#252;hmten Steine eine Spur von Trag&#246;dien und Gewalt hinterlassen. In Ruth Ketterings ruhiger Hand schien das Juwel jedoch seine b&#246;se Kraft zu verlieren. Mit ihrer k&#252;hlen, beherrschten Haltung schien diese Frau aus dem Westen eine Widerlegung aller Tragik, aller wilden Aufwallungen zu sein. Ruth legte die Steine zur&#252;ck ins Etui; dann sprang sie auf und schlang die Arme um den Hals ihres Vaters.

Danke, danke, danke, Dad. Sie sind ganz wunderbar! Immer machst du mir die herrlichsten Geschenke.

So ist das richtig, sagte Van Aldin; er t&#228;tschelte ihre Schulter. Du bist alles, was ich habe, wei&#223;t du, Ruthie.

Du bleibst doch zum Dinner, Vater, nicht wahr?

Ich glaube nicht. Du wolltest doch ausgehen?

Ja, aber das kann ich ohne weiteres absagen. Nichts besonders Aufregendes. Nein, sagte Van Aldin. Halt deine Verabredung ein. Ich habe noch genug zu erledigen. Wir sehen uns morgen, Liebes. Ich rufe dich noch an, vielleicht k&#246;nnten wir uns bei Galbraith treffen?

Galbraith, Cuthbertson & Galbraith waren Van Aldins Londoner Anw&#228;lte.

Gut, Dad. Sie z&#246;gerte. Ich hoffe, diese  diese Sache wird mich nicht daran hindern, an die Riviera zu fahren?

Wann willst du los?

Am Vierzehnten.

Ach, das geht schon in Ordnung. So etwas dauert immer eine ganze Weile, bis es reif ist. &#220;brigens, Ruth, an deiner Stelle w&#252;rde ich diese Rubine nicht mitnehmen. Lass sie in der Bank.

Mrs Kettering nickte.

Wir wollen doch nicht, dass du wegen des Feuerherzens beraubt und umgebracht wirst, sagte der Million&#228;r scherzend.

Und dabei hast du sie in der Tasche herumgetragen, gab seine Tochter l&#228;chelnd zur&#252;ck.

Ja.

Etwas, ein Z&#246;gern, erregte ihre Aufmerksamkeit.

Was ist, Dad?

Nichts. Er l&#228;chelte. Ich habe nur an ein kleines Abenteuer gedacht, das ich in Paris hatte.

Ein Abenteuer?

Ja. In der Nacht, als ich diese Dinger gekauft habe.

Er wies auf das Juwelen-Etui.

Ach, erz&#228;hl es mir bitte.

Nichts Besonderes, Kind. Ein paar Apachen sind ein bisschen frech geworden, da habe ich auf sie geschossen, und sie sind abgehauen. Das ist alles.

Sie sah ihn bewundernd an.

Du bist wirklich eine harte Nuss, Dad.

Worauf du dich verlassen kannst, Ruthie.

Er k&#252;sste sie z&#228;rtlich und ging. Als er ins Savoy zur&#252;ckkam, gab er Knighton eine knappe Anweisung.

Treiben Sie einen Mann namens Goby auf; Sie finden seine Adresse in meinem privaten Notizbuch. Er soll morgen um halb zehn hier sein.

Jawohl, Sir.

Und ich m&#246;chte Mr Kettering sprechen. St&#246;bern Sie ihn f&#252;r mich auf, wenns geht. Versuchen Sies in seinem Club  also, schnappen Sie ihn sich irgendwie und sorgen Sie daf&#252;r, dass er mich morgen fr&#252;h hier aufsucht. Oder lieber sp&#228;ter, so gegen zw&#246;lf. Fr&#252;her steht diese Art Leute sowieso nicht auf.

Der Sekret&#228;r nickte zur Best&#228;tigung der Anweisungen. Van Aldin lieferte sich nun seinem Kammerdiener aus. Das Bad war vorbereitet, und als er im warmen Wasser schwelgte, schweiften seine Gedanken zur&#252;ck zum Gespr&#228;ch mit seiner Tochter. Insgesamt war er ganz zufrieden. Sein scharfer Verstand hatte schon l&#228;ngst akzeptiert, dass Scheidung der einzige m&#246;gliche Ausweg war. Ruth hatte der vorgeschlagenen L&#246;sung bereitwilliger zugestimmt, als er erwartet hatte. Und doch konnte er sich trotz der Einwilligung eines leichten Unbehagens nicht erwehren. Etwas in ihrem Benehmen, fand er, war nicht ganz nat&#252;rlich gewesen. Er runzelte die Stirn.

Vielleicht bilde ich mir das nur ein, murmelte er. Und trotzdem  ich wette, da gibt es etwas, was sie mir nicht erz&#228;hlt hat.



F&#252;nftes Kapitel



Ein n&#252;tzlicher Herr

Rufus Van Aldin hatte soeben sein karges Fr&#252;hst&#252;ck aus Kaffee und trockenem Toast beendet, als Knighton eintrat.

Mr Goby ist unten, Sir, um Sie zu sprechen.

Der Million&#228;r warf einen Blick auf die Uhr. Es war gerade halb zehn.

Na gut, sagte er kurz. Er soll heraufkommen.

Eine oder zwei Minuten sp&#228;ter trat Mr Goby ins Zimmer. Er war ein kleiner, &#228;lterer Mann, sch&#228;big gekleidet, dessen Augen immer neugierig im Zimmer umherblickten, aber nie den Gespr&#228;chspartner ansahen.

Morgen, Goby, sagte der Million&#228;r. Setzen Sie sich.

Danke, Mr Van Aldin.

Goby setzte sich, die H&#228;nde auf den Knien, und betrachtete ernst den Heizk&#246;rper.

Ich habe einen Job f&#252;r Sie.

Und zwar, Mr Van Aldin?

Sie wissen vielleicht, dass meine Tochter mit Mr Derek Kettering verheiratet ist.

Mr Goby lie&#223; seinen Blick von der Heizung zur linken Schublade des Schreibtischs wandern und ein geringsch&#228;tziges L&#228;cheln &#252;ber sein Gesicht huschen. Mr Goby wusste viele Dinge, gab das aber nicht gern zu.

Auf meinen Rat hin wird sie die Scheidung einreichen. Das ist nat&#252;rlich Sache des Anwalts. Aber aus privaten Gr&#252;nden w&#252;nsche ich vollst&#228;ndige und eingehende Informationen.

Mr Goby sah den Wandsims an und murmelte:

&#220;ber Mr Kettering?

&#220;ber Mr Kettering.

Sehr gut, Sir.

Mr Goby stand auf.

Wann kann ich damit rechnen?

Ist es eilig, Sir?

Bei mir ist es immer eilig, sagte der Million&#228;r.

Mr Goby l&#228;chelte verst&#228;ndnisvoll das Kamingitter an.

Sagen wir heute Nachmittag um zwei, Sir?, fragte er.

Ausgezeichnet, sagte der andere. Guten Morgen, Goby.

Guten Morgen, Mr Van Aldin.

Ein sehr n&#252;tzlicher Mann, sagte der Million&#228;r, als Goby hinausging und der Sekret&#228;r hereinkam. In seiner Branche ist er ein Fachmann.

Was ist seine Branche?

Informationen. Geben Sie ihm vierundzwanzig Stunden Zeit, und er wird das Privatleben des Erzbischofs von Canterbury vor Ihnen blo&#223;legen.

Wirklich ein n&#252;tzlicher Bursche, sagte Knighton l&#228;chelnd.

Er war mir schon ein- oder zweimal sehr n&#252;tzlich, sagte Van Aldin. Also dann, Knighton, ich bin so weit. An die Arbeit.

In den n&#228;chsten paar Stunden wurde ein gro&#223;es Quantum an Arbeit rasch bew&#228;ltigt. Es war halb eins, als das Telefon l&#228;utete und Van Aldin davon unterrichtet wurde, dass Mr Kettering da sei. Knighton sah Van Aldin an und deutete dessen knappes Nicken.

Bitte lassen Sie Mr Kettering heraufkommen.

Der Sekret&#228;r packte seine Papiere zusammen und ging. Er begegnete dem Besucher in der T&#252;r, und Derek Kettering trat beiseite, um den andern vorbeizulassen. Dann trat er ein und schloss die T&#252;r hinter sich.

Guten Morgen, Sir. Wie ich h&#246;re, willst du mich dringend sprechen.

Die tr&#228;ge Stimme mit dem leicht ironischen Unterton weckte Erinnerungen in Van Aldin. Charme lag darin  hatte immer darin gelegen. Er sah seinen Schwiegersohn durchdringend an. Derek Kettering war vierunddrei&#223;ig, schlank, mit dunklem, schmalem Gesicht, das selbst jetzt etwas unbeschreiblich Jungenhaftes hatte.

Komm rein, sagte Van Aldin knapp. Setz dich.

Kettering lie&#223; sich in einen Armsessel fallen. Er betrachtete seinen Schwiegervater mit einer Art nachsichtiger Belustigung.

Lange nicht gesehen, Sir, bemerkte er freundlich. An die zwei Jahre, glaube ich. Hast du Ruth schon gesehen?

Ich habe sie gestern Abend besucht, sagte Van Aldin.

Sieht ganz gut aus, wie?, sagte der andere leichthin.

Ich glaube nicht, dass du viele Gelegenheiten hattest, das zu beurteilen, sagte Van Aldin trocken Derek Kettering hob die Brauen.

Ach, wir treffen uns manchmal im selben Nachtclub, wei&#223;t du, sagte er unbek&#252;mmert.

Ich will nicht um den hei&#223;en Brei herumreden, sagte Van Aldin br&#252;sk. Ich habe Ruth geraten, die Scheidung einzureichen.

Derek Kettering schien unbewegt.

Arg drastisch!, murmelte er. St&#246;rt es dich, wenn ich rauche, Sir?

Er z&#252;ndete sich eine Zigarette an und stie&#223; eine Rauchwolke aus, w&#228;hrend er gelassen hinzusetzte:

Und was hat Ruth gesagt?

Ruth will meinem Rat folgen, sagte ihr Vater.

Wirklich?

Sonst hast du nichts dazu zu sagen?, fragte Van Aldin scharf.

Kettering schnipste die Asche in den Kamin.

Wei&#223;t du, ich glaube, sagte er, als ob es ihn nicht betr&#228;fe, dass sie da einen gro&#223;en Fehler macht.

Von deinem Standpunkt aus bestimmt, sagte Van Al-din grimmig.

Ach, komm schon, sagte der andere, wir wollen doch nicht pers&#246;nlich werden. Ich habe gerade wirklich nicht an mich gedacht, sondern an Ruth. Du wei&#223;t, mein armer alter Herr wird es nicht mehr lange machen, das sagen alle &#196;rzte. Ruth sollte lieber noch ein paar Jahre durchhalten, dann bin ich Lord Leconbury, und sie kann Schlossherrin von Leconbury spielen. Deswegen hat sie mich doch geheiratet.

Ich lasse mir deine verdammte Dreistigkeit nicht bieten, br&#252;llte Van Aldin.

Derek Kettering l&#228;chelte ihn unbewegt an.

Du hast Recht. Es ist eine antiquierte Idee, sagte er. Ein Titel ist ja heute nichts mehr wert. Trotzdem, Le-conbury ist ein sch&#246;ner alter Ort, und immerhin geh&#246;ren wir zu den &#228;ltesten Familien Englands. Es wird sehr &#228;rgerlich f&#252;r Ruth, wenn sie sich von mir scheiden l&#228;sst und ich wieder heirate und statt ihrer eine andere Frau in Le-conbury die K&#246;nigin spielt.

Ich meine es ernst, junger Mann, sagte Van Aldin.

Ich auch, sagte Kettering. Finanziell sitze ich ziemlich auf dem Trockenen; ich komme in eine scheu&#223;liche Klemme, wenn Ruth sich scheiden l&#228;sst, und schlie&#223;lich hat sie es zehn Jahre ausgehalten, warum nicht noch ein bisschen l&#228;nger? Ich gebe dir mein Ehrenwort, dass der alte Mann keine achtzehn Monate mehr &#252;bersteht, und, wie gesagt, es w&#228;re doch ein Jammer, wenn Ruth nicht das kriegt, wof&#252;r sie mich geheiratet hat.

Du willst behaupten, meine Tochter h&#228;tte dich wegen deines Titels und deiner Stellung geheiratet?

Derek Kettering lachte, aber es klang nicht am&#252;siert.

Du glaubst doch nicht, es w&#228;re eine Liebesheirat gewesen?

Ich wei&#223;, sagte Van Aldin langsam, dass du in Paris vor zehn Jahren ganz anders geredet hast.

Habe ich das? M&#246;glich. Ruth war sehr sch&#246;n, wei&#223;t du  fast wie ein Engel oder eine Heilige oder irgendwas, das aus einer Nische in einer Kirche herabgestiegen ist. Ich wei&#223; noch, ich hatte damals gute Vors&#228;tze, wollte ein neues Leben anfangen und sesshaft werden und ein h&#246;chst traditionelles englisches Familienleben f&#252;hren, mit einer sch&#246;nen Frau, die mich liebt.

Er lachte wieder, diesmal eher misst&#246;nend.

Aber das glaubst du mir ja doch nicht, wie?, f&#252;gte er hinzu.

F&#252;r mich gibt es keinen Zweifel, dass du Ruth wegen ihres Geldes geheiratet hast, sagte Van Aldin unger&#252;hrt.

Und sie mich aus Liebe?, fragte der andere ironisch.

Gewiss, sagte Van Aldin.

Derek Kettering sah ihn lange an, dann nickte er nachdenklich.

Wie ich sehe, glaubst du das wirklich, sagte er. Ich damals auch. Ich kann dir versichern, mein lieber Schwiegervater, dass ich bald aufgekl&#228;rt worden bin. Ich wei&#223; nicht, worauf du hinauswillst, sagte Van Aldin, es ist mir auch egal. Du hast Ruth verdammt schlecht behandelt.

Ja, hab ich, gab Kettering leichthin zu, aber sie ist hart im Nehmen, wei&#223;t du. Sie ist deine Tochter. Unter dieser rosawei&#223;en Weichheit ist sie hart wie Granit. Du hast immer als harter Mann gegolten, wie ich h&#246;rte, aber Ruth ist h&#228;rter als du. Du liebst wenigstens einen Menschen mehr als dich selbst. Ruth hat das nie getan und wird es nie tun.

Das reicht, sagte Van Aldin. Ich habe dich herbestellt, um dir klar und offen zu sagen, was ich tun werde. Mein Kind hat Anspruch auf ein bisschen Gl&#252;ck, und vergiss nie, ich stehe hinter ihr.

Derek Kettering erhob sich und ging zum Kamin. Er warf seine Zigarette hinein. Als er sprach, war seine Stimme sehr ruhig.

Was genau meinst du damit, frage ich mich?, sagte er.

Ich meine, sagte Van Aldin, dass du die Scheidung besser nicht anfechten solltest.

Ach, sagte Kettering, ist das eine Drohung?

Das kannst du nehmen, wie du willst, erwiderte Van Aldin.

Kettering zog einen Stuhl zum Tisch. Er setzte sich dem Million&#228;r gegen&#252;ber.

Und mal angenommen, sagte er sanft, nur so theoretisch, ich willige doch nicht ein?

Van Aldin hob die Schultern.

Du hast doch &#252;berhaupt keine Handhabe, du junger Narr. Frag deine Anw&#228;lte, die werden es dir schon sagen. Dein Lebenswandel ist notorisch, ganz London redet dar&#252;ber. Ruth hat wegen Mirelle herumgezetert, nehme ich an. Sehr dumm von ihr. Ich k&#252;mmere mich ja auch nicht um ihre Freunde.

Was willst du damit sagen?, fragte Van Aldin scharf.

Derek Kettering lachte.

Wie ich sehe, wei&#223;t du nicht alles, Sir, sagte er. Vielleicht ist es ganz nat&#252;rlich, dass du voreingenommen bist.

Er nahm Hut und Stock und ging zur T&#252;r.

Ratschl&#228;ge sind eigentlich nicht meine Sache. Nun kam sein letzter Hieb. Aber in diesem Fall rate ich ganz dringend zu vollst&#228;ndiger Offenheit zwischen Vater und Tochter.

Er ging schnell aus dem Zimmer und hatte die T&#252;r schon hinter sich geschlossen, als der Million&#228;r aufsprang.

Also, was zum Teufel hat er damit gemeint?, sagte Van Aldin, als er sich wieder auf den Stuhl sinken lie&#223;.

All sein Unbehagen kehrte verst&#228;rkt zur&#252;ck. Da gab es etwas, das er noch nicht ausgelotet hatte. Das Telefon stand gleich neben ihm; er nahm den H&#246;rer und verlangte die Nummer des Hauses seiner Tochter.

Hallo, hallo, ist dort Mayfair 81-907? Ist Mrs Kettering zu Hause? Ah, sie ist ausgegangen? Ja, zum Lunch. Wann kommt sie zur&#252;ck? Das wissen Sie nicht? Na gut; nein, es ist nichts auszurichten.

&#196;rgerlich knallte er den H&#246;rer auf die Gabel. Um zwei Uhr ging er in seinem Zimmer auf und ab und wartete auf Goby. Dieser wurde um zehn nach zwei hereingef&#252;hrt.

Also?, bellte der Million&#228;r scharf.

Aber der kleine Mr Goby lie&#223; sich nicht hetzen. Er setzte sich an den Tisch, zog ein sehr sch&#228;biges Notizbuch hervor und begann mit eint&#246;niger Stimme daraus vorzulesen. Der Million&#228;r lauschte aufmerksam, mit wachsender Befriedigung. Goby kam zum Schluss und musterte aufmerksam den Papierkorb.

Ha!, sagte Van Aldin. Sieht ziemlich eindeutig aus. Das Verfahren wird glatt durchgehen. Die Beweise f&#252;r die Hotelgeschichte sind solide, nehme ich an?

Wie Gusseisen, sagte Mr Goby mit einem b&#246;sen Blick auf einen vergoldeten Sessel.

Er sitzt also v&#246;llig auf dem Trockenen. Er versucht gerade, ein Darlehen aufzunehmen, sagen Sie? Hat schon praktisch alles zusammengekratzt, was er im Hinblick auf die zu erwartende Erbschaft seines Vaters kriegen kann. Wenn sich die Nachricht von der Scheidung herumspricht, kriegt er keinen Cent mehr, und nicht nur das; die Forderungen an ihn kann man aufkaufen und nutzen, um Druck auf ihn auszu&#252;ben. Wir haben ihn, Goby. Wir haben ihn im Schraubstock.

Er lie&#223; die Faust auf den Tisch krachen. Sein Gesicht war grimmig und triumphierend.

Die Information, sagte Mr Goby mit d&#252;nner Stimme, scheint zufrieden stellend zu sein.

Ich muss jetzt in die Curzon Street, sagte der Million&#228;r. Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Goby. Sie sind die richtige Adresse.

Ein mattes L&#228;cheln der Befriedigung zeigte sich auf dem Gesicht des kleinen Mannes.

Danke, Mr Van Aldin, sagte er, ich tue, was ich kann.

Van Aldin ging nicht gleich zur Curzon Street. Er begab sich zuerst in die City, wo er zwei Besprechungen hatte, die zu seiner Befriedigung beitrugen. Von dort fuhr er mit der Untergrundbahn zur Down Street. Als er die Curzon Street entlangging, trat aus dem Haus Nr. 160 eine Gestalt und kam ihm die Stra&#223;e hinauf entgegen, so dass sie einander passierten. Einen Moment lang hatte der Million&#228;r gedacht, es sei Derek Kettering; Figur und Gr&#246;&#223;e waren nicht un&#228;hnlich. Aber als er an dem anderen vorbeiging, sah er, dass ihm der Mann unbekannt war. Das hei&#223;t  nicht eigentlich unbekannt, sein Gesicht weckte irgendeine Erinnerung, und sie bezog sich ganz entschieden auf etwas Unangenehmes. Er marterte vergeblich sein Gehirn, kam aber nicht darauf. Er ging weiter und sch&#252;ttelte &#228;rgerlich den Kopf. Er hasste es, verbl&#252;fft zu sein.

Ruth Kettering erwartete ihn offensichtlich. Sie lief auf ihn zu und k&#252;sste ihn, als er eintrat.

Nun, Dad, wie stehen die Dinge?

Sehr gut, sagte Van Aldin, aber ich habe dir ein paar Worte zu sagen, Ruth.

Er sp&#252;rte die kaum sichtbare Ver&#228;nderung in ihr; etwas Listiges, Lauerndes verdr&#228;ngte die Impulsivit&#228;t ihrer Begr&#252;&#223;ung. Sie setzte sich in einen gro&#223;en Lehnstuhl.

Ja, Dad?, sagte sie. Worum geht es?

Ich habe heute fr&#252;h mit deinem Mann gesprochen, sagte Van Aldin.

Du hast mit Derek gesprochen?

Ja. Er hat alles M&#246;gliche gesagt, das meiste war die reine Frechheit. Beim Weggehen hat er etwas gesagt, das ich nicht verstanden habe. Er hat mir geraten, mich zu vergewissern, ob zwischen Vater und Tochter vollkommene Offenheit herrscht. Was meint er damit?

Mrs Kettering bewegte sich ein wenig auf dem Stuhl.

Ich  ich wei&#223; nicht, Dad. Wie sollte ich auch?

Nat&#252;rlich wei&#223;t du es, sagte Van Aldin. Er hat noch etwas gesagt; dass er seine Freunde hat und sich bei deinen Freunden nicht einmischt. Was hat er damit gemeint?

Ich wei&#223; es nicht, sagte Ruth Kettering wieder.

Van Aldin setzte sich. Sein Mund wurde zu einem grimmigen Strich.

Pass mal auf, Ruth. Ich werde da nicht mit geschlossenen Augen reintappen. Ich bin &#252;berhaupt nicht sicher, ob dein Mann nicht doch &#196;rger machen will. Also, eigentlich kann er das nicht. Ich habe die M&#246;glichkeiten, ihn zum Schweigen zu bringen, so dass er endg&#252;ltig den Mund h&#228;lt, aber ich muss wissen, ob es n&#246;tig ist, diese M&#246;glichkeiten einzusetzen. Was meint er damit, dass du deine eigenen Freunde hast?

Mrs Kettering zuckte mit den Schultern.

Ich habe viele Freunde, sagte sie unsicher. Ich wei&#223; wirklich nicht, was er meint.

Wei&#223;t du doch, sagte Van Aldin.

Nun sprach er wie er mit einem gesch&#228;ftlichen Gegner.

Ich will die Frage deutlicher stellen. Wer ist der Mann?

Welcher Mann?

Der' Mann. Darauf will Derek doch hinaus. Irgendein besonderer Mann, mit dem du befreundet bist. Mach dir keine Sorgen, Liebes, ich wei&#223;, es ist nichts daran, aber wir m&#252;ssen alles so betrachten, wie es vor Gericht aussehen wird. Die k&#246;nnen alles gr&#252;ndlich verdrehen, wei&#223;t du. Ich will wissen, wer der Mann ist und wie weit deine Freundschaft mit ihm geht.

Ruth gab keine Antwort. Ihre Finger verflochten sich in nerv&#246;ser Anspannung.

Komm schon, Kleines, sagte Van Aldin sanfter. Hab keine Angst vor deinem alten Vater. Ich bin doch nie so streng gewesen, oder, nicht mal damals in Paris?  Bei Gott!

Er hielt inne, wie vom Donner ger&#252;hrt.

Der war das also, murmelte er vor sich hin. Ich wusste doch, ich kenne das Gesicht.

Wovon redest du, Dad? Ich verstehe dich nicht.

Der Million&#228;r ging zu ihr und hielt sie fest am Handgelenk.

Also, Ruth, hast du diesen Kerl wieder getroffen?

Welchen Kerl?

Den, dessentwegen wir vor Jahren diesen Krach hatten. Du wei&#223;t sehr gut, wen ich meine.

Du meinst  , sie z&#246;gerte  du meinst den Comte de la Roche?

Comte de la Roche!, schnaubte Van Aldin. Ich habe dir damals schon gesagt, dass der nichts als ein Schwindler ist. Du hattest dich viel zu weit mit ihm eingelassen, aber ich habe dich aus seinen Klauen herausgeholt.

Ja, hast du, sagte Ruth bitter. Und ich habe Derek Kettering geheiratet.

Das hast du gewollt, sagte der Million&#228;r scharf.

Sie zuckte mit den Schultern.

Und jetzt, sagte Van Aldin langsam, triffst du dich wieder mit ihm  nach allem, was ich dir gesagt habe. Er ist heute in diesem Haus gewesen. Ich habe ihn drau&#223;en gesehen und konnte ihn nicht sofort einsortieren.

Ruth Kettering hatte ihre Beherrschung wiedergefunden.

Eins will ich dir sagen, Dad; du liegst falsch, was Armand angeht  den Comte de la Roche, meine ich. Ja, ich wei&#223;, es hat in seiner Jugend ein paar bedauerliche Vorf&#228;lle gegeben  er hat mir davon erz&#228;hlt; aber er hat mich immer geliebt. Es hat ihm das Herz gebrochen, als du uns damals in Paris getrennt hast, und jetzt.

Ihr Vater stie&#223; ein entr&#252;stetes Schnauben aus, das sie unterbrach.

Du bist ihm also wieder auf den Leim gegangen? Du, meine Tochter! Mein Gott!

Er hob die H&#228;nde &#252;ber den Kopf.

Dass Frauen so verfluchte N&#228;rrinnen sein k&#246;nnen!



Sechstes Kapitel



Mirelle

Derek Kettering hatte Van Aldins Suite so &#252;berst&#252;rzt verlassen, dass er mit einer Dame zusammenstie&#223;, die &#252;ber den Korridor ging. Er bat um Entschuldigung; sie gew&#228;hrte die Bitte mit einer l&#228;chelnden Aufmunterung und ging weiter, hinterlie&#223; ihm den angenehmen Eindruck einer ausgeglichenen Pers&#246;nlichkeit und sehr h&#252;bscher grauer Augen.

Bei aller Nonchalance hatte ihn die Auseinandersetzung mit seinem Schwiegervater &#228;rger mitgenommen, als er zeigen mochte. Er a&#223; allein zu Mittag und begab sich dann, immer noch mit einem etwas finsteren Gesicht, zu der luxuri&#246;sen Wohnung, in der die als Mirelle bekannte Dame wohnte. Eine adrette Franz&#246;sin empfing ihn l&#228;chelnd. Treten Sie doch ein, Monsieur. Madame ruht nur ein wenig. Sie f&#252;hrte ihn in das lange Zimmer mit der orientalischen Einrichtung, das er so gut kannte. Mirelle lag auf dem Diwan, gest&#252;tzt auf eine unglaubliche Menge von Kissen in verschiedenen Bernsteint&#246;nen, die zu ihrem ockerfarbenen Teint ausgezeichnet passten. Die T&#228;nzerin hatte eine wunderbare Figur, und wenn ihr Gesicht unter der gelben Maske tats&#228;chlich ein wenig hager war, hatte es doch einen bizarren und sehr eigenen Charme, und ihre orangeroten Lippen l&#228;chelten Derek Kettering einladend an.

Er k&#252;sste sie und warf sich in einen Sessel.

Was hast du getrieben? Eben erst aufgestanden, wie?

Der orangerote Mund dehnte sich zu einem langen L&#228;cheln.

Nein, sagte die T&#228;nzerin. Ich habe gearbeitet.

Sie wies mit einer schmalen, blassen Hand auf den Fl&#252;gel, auf dem ein Gewirr von Noten lag.

Ambrose ist hier gewesen. Er hat mir die neue Oper vorgespielt.

Kettering nickte, ohne besondere Aufmerksamkeit. Er war zutiefst uninteressiert an Claude Ambrose und seiner Oper nach Ibsens Peer Gynt. &#220;brigens ging es Mirelle ebenso, die das Werk nur als einzigartige Chance f&#252;r sich in der Rolle der Anitra sah.

Es ist ein wundervoller Tanz, murmelte sie. Ich werde die ganze Leidenschaft der W&#252;ste hineinlegen. Ich werde mit Juwelen &#252;bers&#228;t sein, wenn ich ihn tanze  ah!, und apropos Juwelen, mon ami. Ich habe gestern in der Bond Street eine Perle gesehen  eine schwarze Perle.

Sie hielt inne und sah ihn auffordernd an.

Mein liebes M&#228;dchen, sagte Kettering, es ist zwecklos, mit mir &#252;ber schwarze Perlen zu reden. Was mich betrifft, herrscht im Moment in der Kasse vollkommene Ebbe.

Sie reagierte schnell auf seinen Tonfall. Sie setzte sich auf, und ihre gro&#223;en schwarzen Augen &#246;ffneten sich weit.

Was sagst du da, Derek? Was ist denn passiert?

Mein verehrter Schwiegervater, sagte Kettering, geht daran, N&#228;gel mit K&#246;pfen zu machen.

Eh?

Mit anderen Worten, er will, dass Ruth sich von mir scheiden l&#228;sst.

Wie d&#228;mlich!, sagte Mirelle. Warum will sie sich denn von dir scheiden lassen?

Derek Kettering grinste.

In erster Linie wegen dir, cherie.

Mirelle zuckte mit den Schultern.

Das ist albern, bemerkte sie mit sachlicher Stimme.

Ziemlich albern, stimmte Derek zu.

Und was willst du dagegen unternehmen?, fragte Mirelle.

Mein liebes M&#228;dchen, was kann ich denn tun? Auf der einen Seite der Mann mit unbegrenzten Geldmitteln; auf der anderen Seite der Mann mit unbegrenzten Schulden. Keine Frage, wer da am Ende der St&#228;rkere ist.

Ganz merkw&#252;rdig, diese Amerikaner, kommentierte Mirelle. Dabei h&#228;ngt deine Frau doch gar nicht an dir.

Tja, sagte Derek, was wollen wir dagegen unternehmen?

Sie sah ihn fragend an. Er n&#228;herte sich ihr und nahm ihre beiden H&#228;nde in seine.

H&#228;ltst du zu mir?

Was meinst du? Danach.?

Ja, sagte Kettering. Danach, wenn die Gl&#228;ubiger sich auf mich st&#252;rzen wie W&#246;lfe auf die L&#228;mmerherde. Ich hab dich verdammt gern, Mirelle; wirst du mich im Stich lassen?

Sie entzog ihm ihre H&#228;nde.

Du wei&#223;t, dass ich dich anbete, Derek.

Er bemerkte das Ausweichen schon am Tonfall.

So also siehts aus? Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.

Ach, Derek!

Raus damit, sagte er heftig. Du wirst mich also &#252;ber Bord werfen, hab ich Recht?

Sie zuckte mit den Schultern.

Ich hab dich gern, mon ami  ich hab dich wirklich gern. Du bist ganz reizend  un beaugarcon, aber ce nest pas pratique.

Du bist ein Luxusspielzeug f&#252;r einen Reichen, wie? Ist es so?

Wenn du es unbedingt so ausdr&#252;cken willst.

Sie lehnte sich in die Kissen, den Kopf in den Nacken gelegt.

Trotzdem habe ich dich gern, Derek.

Er ging zum Fenster, blieb dort stehen und schaute eine Weile hinaus, den R&#252;cken ihr zugewandt. Irgendwann st&#252;tzte sich die T&#228;nzerin auf den Ellenbogen und starrte ihn neugierig an.

Woran denkst du, mon ami?

Er blickte sie &#252;ber die Schulter an, mit einem seltsamen Grinsen, das bei ihr ein vages Unbehagen hervorrief.

Zuf&#228;llig habe ich eben an eine Frau gedacht, meine Liebe.

Eine Frau, eh?

Mirelle st&#252;rzte sich auf etwas, das sie verstehen konnte.

Du denkst an eine andere Frau, ja?

Ach, mach dir keine Sorgen; es ist nur ein feines Portr&#228;t. Portr&#228;t einer Dame mit grauen Augen.

Mirelle sagte scharf: Wann bist du ihr begegnet?

Derek Kettering lachte, und das Gel&#228;chter hatte einen sp&#246;ttischen, ironischen Klang.

Ich bin im Korridor des Savoy mit ihr zusammengeprallt.

So was! Und was hat sie gesagt?

Soweit ich mich erinnere, habe ich gesagt: <Ich bitte um Entschuldigung), und sie <Nicht weiter wichtig> oder so etwas. Und dann? Die T&#228;nzerin lie&#223; nicht locker.

Und dann  nichts. Das war alles.

Ich verstehe &#252;berhaupt nicht, was du da redest, erkl&#228;rte die T&#228;nzerin.

Portr&#228;t einer Dame mit grauen Augen, murmelte Derek versonnen. Ganz gut, dass ich sie vermutlich nie wieder sehen werde.

Warum?

Sie k&#246;nnte mir Ungl&#252;ck bringen. Frauen tun das.

Mirelle glitt ruhig von ihrer Couch, kam zu ihm und legte einen ihrer langen, schlangenartigen Arme um seinen Hals.

Du bist albern, Derek, murmelte sie. Du bist sehr albern. Du bist ein beau garcon, und ich bete dich an, aber ich bin nicht dazu gemacht, arm zu sein  nein, ich bin wirklich nicht dazu gemacht, arm zu sein. Jetzt h&#246;r mir mal zu; alles ist ganz einfach. Du musst dich mit deiner Frau vers&#246;hnen.

Ich f&#252;rchte, das liegt wirklich au&#223;erhalb der Sph&#228;re praktischer Politik, sagte Derek trocken.

Was meinst du? Ich verstehe dich nicht.

Van Aldin, meine Liebe, ist nicht zu kaufen. Das ist einer, der sich zu etwas entschlie&#223;t und dann dabei bleibt.

Ich habe von ihm geh&#246;rt. Die T&#228;nzerin nickte. Er ist sehr reich, oder? Beinahe der reichste Mann in Amerika. Vor ein paar Tagen hat er in Paris den sch&#246;nsten Rubin der Welt gekauft  Feuerherz, so hei&#223;t er.

Kettering antwortete nicht. Die T&#228;nzerin fuhr nachdenklich fort:

Ein wundersch&#246;ner Stein  ein Edelstein, der einer Frau, wie ich es bin, geh&#246;ren sollte. Ich liebe Juwelen, Derek; sie erz&#228;hlen mir etwas. Ah!, einen Rubin wie Feuerherz tragen!

Sie seufzte, wurde aber gleich wieder sachlich.

Du verstehst von solchen Sachen nichts, Derek, du bist ja nur ein Mann. Van Aldin wird diese Rubine seiner Tochter schenken, nehme ich an. Ist sie sein einziges Kind?

Ja.

Wenn er einmal stirbt, wird sie all sein Geld erben. Sie wird eine reiche Frau sein.

Sie ist schon eine reiche Frau, sagte Kettering trocken. Bei der Hochzeit hat er ihr ein paar Millionen ausgesetzt.

Ein paar Millionen! Aber das ist ja ungeheuerlich. Und wenn sie eines Tages pl&#246;tzlich sterben sollte, eh? Es w&#252;rde alles an dich gehen.

Wie die Dinge heute stehen, sagte Kettering langsam, w&#252;rde es das. Soviel ich wei&#223;, hat sie kein Testament gemacht.

Mon Dieu!, seufzte die T&#228;nzerin. Wenn sie sterben w&#252;rde, was f&#252;r eine L&#246;sung das w&#228;re.

Es entstand eine kurze Pause. Dann lachte Kettering laut auf.

Ich mag deinen schlichten, praktischen Verstand, Mi-relle, aber ich f&#252;rchte, dass dein Wunsch nicht in Erf&#252;llung geht. Meine Frau ist sehr gesund.

Eh bien!, sagte Mirelle. Es gibt Unf&#228;lle.

Er sah sie scharf an, erwiderte aber nichts.

Sie fuhr fort:

Aber du hast Recht, mon ami, an solche M&#246;glichkeiten sollten wir nicht denken. Jetzt pass auf, mein lieber De-rek, von dieser Scheidung darf keine Rede mehr sein. Deine Frau muss sich das aus dem Kopf schlagen.

Und wenn sie es nicht tut?

Die Augen der T&#228;nzerin wurden zu Schlitzen.

Ich glaube, sie wird, mein Freund. Sie ist eine von denen, die das Gerede nicht m&#246;gen w&#252;rden. Es gibt eine oder zwei h&#252;bsche Geschichten, von denen sie nicht m&#246;chte, dass ihre Freunde sie in der Zeitung lesen.

Was meinst du damit?, fragte Kettering scharf.

Mirelle lachte mit zur&#252;ckgeworfenem Kopf.

Parbleu! Ich meine den Gentleman, der sich Comte de la Roche nennt. Ich wei&#223; alles &#252;ber ihn. Vergiss nicht, dass ich Pariserin bin. Er war doch ihr Liebhaber, bevor sie dich geheiratet hat.

Kettering packte sie grob bei den Schultern.

Das ist eine verdammte L&#252;ge, sagte er, und vergiss du bitte nicht, dass du trotz allem von meiner Frau sprichst.

Mirelle war ein wenig ern&#252;chtert.

Ihr Engl&#228;nder seid komisch, klagte sie. Trotzdem, vielleicht hast du Recht. Die Amerikaner sind so kalt, nicht wahr? Aber mit deiner Erlaubnis darf ich doch sagen, dass sie ihn geliebt hat, bevor sie dich heiratete, und dann hat ihr Vater sich eingemischt und den Comte in die W&#252;ste geschickt. Und die kleine Mademoiselle hat viele Tr&#228;nen geweint! Aber sie hat gehorcht. Allerdings m&#252;sstest du so gut wie ich wissen, dass die Geschichte jetzt anders aussieht. Sie trifft ihn fast jeden Tag, und am Vierzehnten f&#228;hrt sie nach Paris, um mit ihm zusammen zu sein.

Woher wei&#223;t du das alles?, fragte Kettering.

Ich? Ich habe Freunde in Paris, mein lieber Derek, die den Comte sehr gut kennen. Alles ist abgemacht. Angeblich f&#228;hrt sie an die Riviera, aber in Wahrheit trifft der Comte sie in Paris, und  wer wei&#223;! Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist alles arrangiert!

Derek Kettering stand bewegungslos da.

Siehst du, gurrte die T&#228;nzerin, wenn du es klug anstellst, hast du sie in der Hand. Du kannst alles f&#252;r sie sehr unangenehm machen.

Ach, um Himmels willen, sei still, rief Kettering. Halt deinen verfluchten Mund!

Lachend warf sich Mirelle auf den Diwan. Kettering nahm Hut und Mantel und verlie&#223; die Wohnung; er schlug die T&#252;r heftig hinter sich zu. Und immer noch sa&#223; die T&#228;nzerin auf dem Diwan und lachte leise in sich hinein. Sie war mit ihrer Arbeit nicht unzufrieden.



Siebtes Kapitel



Briefe

Mrs Samuel Harfield entbietet Miss Katherine Grey die besten Gr&#252;&#223;e und m&#246;chte darauf hinweisen, dass Miss Grey sich unter den obwaltenden Umst&#228;nden vielleicht nicht klargemacht...

Bis hierhin hatte Mrs Harfield fl&#252;ssig geschrieben; nun kam sie nicht mehr weiter, aufgehalten durch eine Schwierigkeit, die schon vielen anderen als un&#252;berwindlich erschienen ist  n&#228;mlich die Schwierigkeit, sich fl&#252;ssig in der dritten Person auszudr&#252;cken.

Nach einer oder zwei Minuten des Zauderns zerriss Mrs Harfield das Blatt ihres Briefpapiers und begann von vorn.

Liebe Miss Grey  Obgleich wir die kundige Art zu sch&#228;tzen wissen, in der Sie Ihre Pflichten gegen&#252;ber meiner Kusine Emma ef&#252;llt haben (deren Tod f&#252;r uns alle ein schwerer Schlag war), kann ich doch nicht umhin...

Wieder hielt Mrs Harfield inne. Abermals wurde der Brief dem Papierkorb &#252;bergeben. Erst nach dem vierten falschen Anfang gelang es Mrs Harfield endlich, ein zufrieden stellendes Schreiben zu verfertigen. Es wurde geziemend versiegelt, mit einer Briefmarke versehen und adressiert an Miss Katherine Grey, Little Crampton, St.

Mary Mead, Kent, und am folgenden Morgen lag es zum Fr&#252;hst&#252;ck neben dem Teller dieser Dame, zusammen mit einer bedeutender aussehenden Mitteilung in einem langen blauen Umschlag.

Katherine Grey &#246;ffnete Mrs Harfields Brief als ersten. Das Endprodukt lautete folgenderma&#223;en:

Liebe Miss Grey

Mein Gatte und ich m&#246;chten Ihnen unseren Dank aussprechen f&#252;r die Dienste, die Sie meiner armen Kusine Emma geleistet haben. Ihr Tod war ein schwerer Schlag f&#252;r uns, obgleich uns nat&#252;rlich bekannt war, dass ihr Geist seit einiger Zeit immer weiter nachgelassen hat. Soweit ich wei&#223;, sind ihre letzten testamentarischen Verf&#252;gungen ganz merkw&#252;rdiger Natur, und nat&#252;rlich w&#252;rde kein Gericht der Welt sie anerkennen. Ich zweifle nicht daran, dass Ihre Vernunft Sie diese Tatsache l&#228;ngst hat erkennen lassen. Wenn dergleichen Angelegenheiten privat erledigt werden k&#246;nnen, ist es nat&#252;rlich viel besser, sagt mein Gatte. Es wird uns ein Vergn&#252;gen sein, Sie f&#252;r eine &#228;hnliche Stellung auf das Allerw&#228;rmste zu empfehlen, und wir hoffen ferner, dass Sie ein kleines Geschenk nicht ablehnen.

Mit besten Gr&#252;&#223;en Ihre ergebene Mary Anne Harfield

Katherine Grey las den Brief, l&#228;chelte ein wenig und las ihn ein zweites Mal. Ihr Gesicht wirkte deutlich am&#252;siert, als sie den Brief zu Ende gelesen hatte. Dann nahm sie das zweite Schreiben zur Hand. Sie &#252;berflog es kurz, legte es beiseite und schaute gerade vor sich hin. Diesmal l&#228;chelte sie nicht. Einem Beobachter w&#228;re es wohl schwer gefallen zu erraten, welche Gef&#252;hle hinter diesem ruhigen, versonnenen Blick lagen.

Katherine Grey war dreiunddrei&#223;ig. Sie stammte aus guter Familie, aber ihr Vater hatte sein ganzes Verm&#246;gen verloren, und schon in jungen Jahren hatte Katherine sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen m&#252;ssen. Mit knapp dreiundzwanzig war sie als Gesellschafterin zur alten Mrs Harfield gekommen.

Es war allgemein bekannt, dass die alte Mrs Harfield schwierig war. Ihre Gesellschafterinnen kamen und gingen erschreckend schnell. Sie kamen voller Hoffnung und gingen gew&#246;hnlich mit Tr&#228;nen. Aber seit dem Tag, da Katherine Grey vor zehn Jahren Little Crampton betrat, hatte dort eitel Friede geherrscht. Niemand wei&#223;, wie derlei sich ergibt. Schlangenb&#228;ndiger, sagt man, werden geboren, nicht erzogen. Katherine Grey war geboren worden mit der F&#228;higkeit, mit alten Damen, Hunden und kleinen Jungen wunderbar umgehen zu k&#246;nnen, und sie tat dies ohne sichtbare Zeichen von M&#252;he.

Mit dreiundzwanzig war sie ein ruhiges M&#228;dchen mit sch&#246;nen Augen gewesen. Mit dreiunddrei&#223;ig war sie eine ruhige Frau mit denselben grauen Augen, die mit einer Art gelassener Heiterkeit, die nichts ersch&#252;ttern konnte, stetig in die Welt leuchteten. Au&#223;erdem war sie mit Sinn f&#252;r Humor auf die Welt gekommen und den besa&#223; sie noch immer.

Als sie beim Fr&#252;hst&#252;ck sa&#223; und vor sich hin starrte, klingelte die T&#252;rglocke, begleitet von einem energischen Rappeln am Klopfer. Eine Minute sp&#228;ter &#246;ffnete das kleine Dienstm&#228;dchen die T&#252;r und meldete beinahe atemlos:

Dr. Harrison.

Der mittelalte, gro&#223;e Arzt st&#252;rmte mit Energie und Schwung herein, wie seine Attacke auf den T&#252;rklopfer es angek&#252;ndigt hatte.

Guten Morgen, Miss Grey.

Guten Morgen, Dr. Harrison.

Ich komme so fr&#252;h vorbei, begann der Doktor, f&#252;r den Fall, dass Sie von einer dieser Harfield-Kusinen geh&#246;rt haben. Mrs Samuel, so nennt sie sich  eine reichlich giftige Person.

Ohne ein Wort reichte Katherine dem Arzt Mrs Har-fields Brief. Mit einiger Erheiterung beobachtete sie ihn bei der Lekt&#252;re: die zusammengekniffenen buschigen Brauen, das Schnauben und Knurren heftiger Missbilligung. Er knallte den Brief auf den Tisch.

Absolut monstr&#246;s, fauchte er. Lassen Sie sich davon nicht ins Bockshorn jagen, meine Liebe. Die reden wild drauflos. Die alte Mrs Harfield war genauso bei Verstand wie Sie und ich, und es wird sich keiner finden, der das Gegenteil behauptet. Die haben nichts, worauf sie setzen k&#246;nnen, und die wissen das. All das Gerede von Gerichtsverfahren ist der reine Bluff. Deshalb dieser Versuch, Sie hintenrum reinzulegen. H&#246;ren Sie, meine Liebe, lassen Sie sich von denen nicht einseifen. Und glauben Sie blo&#223; nicht, es w&#228;re Ihre Pflicht, denen das Geld auszuh&#228;ndigen, oder sonst was, weil Sie Skrupel haben.

Ich f&#252;rchte, es ist mir gar nicht in den Sinn gekommen, deswegen Skrupel zu haben, sagte Katherine. All diese Leute sind entfernte Verwandte von Mrs Harfields Mann, und die sind nie hergekommen und haben sich nicht um sie gek&#252;mmert, als sie noch lebte.

Sie sind eine vern&#252;nftige Frau, sagte der Arzt. Ich wei&#223; besser als sonst einer, dass Sie es die letzten zehn Jahre nicht leicht gehabt haben. Was immer die alte Dame zur&#252;ckgelegt hat, steht Ihnen vollkommen zu.

Katherine l&#228;chelte nachdenklich.

Was immer sie zur&#252;ckgelegt hat, wiederholte sie. Sie haben nicht zuf&#228;llig eine Ahnung, um welche Summe es geht?

Na ja  so um die f&#252;nfhundert pro Jahr, nehme ich an.

Katherine nickte.

Das hatte ich auch gedacht, sagte sie. Jetzt lesen Sie mal das hier.

Sie reichte ihm den Brief, den sie dem langen blauen Umschlag entnommen hatte. Der Doktor las ihn und stie&#223; einen Ruf h&#246;chsten Erstaunens aus.

Unm&#246;glich, murmelte er, unm&#246;glich.

Sie war einer der ersten Aktion&#228;re von Mortaulds. Vor vierzig Jahren muss sie ein Einkommen von acht- oder zehntausend Pfund im Jahr gehabt haben. Ich bin ganz sicher, dass sie nie mehr als vierhundert im Jahr ausgegeben hat. Mit Geld ist sie immer sehr vorsichtig umgegangen. Ich habe immer gedacht, sie m&#252;sste jeden Penny dreimal umdrehen.

Und die Zeit hat das Verm&#246;gen durch Zins und Zinseszins vermehrt. Meine Liebe, Sie werden eine sehr reiche Frau.

Katherine Grey nickte.

Ja, sagte sie, das werde ich.

Sie sprach distanziert, fast unpers&#246;nlich, als betrachte sie die Lage von au&#223;en.

Also, sagte der Arzt, der sich anschickte aufzubrechen, meine herzlichsten Gl&#252;ckw&#252;nsche. Er schnipste mit dem Daumen an Mrs Samuel Harfields Brief. K&#252;mmern Sie sich nicht um diese Frau und ihren scheu&#223;lichen Brief.

Der Brief ist gar nicht so scheu&#223;lich, sagte Miss Grey tolerant. Unter den Umst&#228;nden finde ich das eigentlich ganz nat&#252;rlich.

Manchmal machen Sie mich ganz misstrauisch, sagte der Arzt.

Warum?

Was Sie alles ganz nat&#252;rlich finden.

Katherine Grey lachte.

Beim Mittagessen erz&#228;hlte Dr. Harrison seiner Frau die gro&#223;e Neuigkeit. Sie war ganz aufgeregt dar&#252;ber.

Man stelle sich das vor  Mrs Harfield mit all dem Geld. Ich freue mich, dass sie es Katherine Grey hinterlassen hat. Das M&#228;dchen ist eine Heilige.

Der Doktor schnitt eine kleine Grimasse.

Den Umgang mit Heiligen habe ich mir immer ziemlich schwierig vorgestellt. Katherine Grey ist zu menschlich f&#252;r eine Heilige.

Sie ist eine Heilige mit Sinn f&#252;r Humor, sagte die Frau des Arztes zwinkernd. Und ich nehme zwar an, dass du es nie bemerkt hast, aber sie sieht auch sehr gut aus.

Katherine Grey? Der Arzt war ehrlich &#252;berrascht. Sie hat ganz h&#252;bsche Augen, ich wei&#223;.

O ihr M&#228;nner!, rief seine Frau. Blind wie die Maulw&#252;rfe. Katherine hat alles, was zu einer richtigen Sch&#246;nheit geh&#246;rt. Alles, was ihr fehlt, sind Kleider.

Kleider? Was stimmt denn nicht mit ihren Kleidern? Ich finde, sie sieht immer ganz nett aus.

Mrs Harrison stie&#223; einen entr&#252;steten Seufzer aus, und der Arzt stand auf, um seine Patientenbesuche zu machen.

Du k&#246;nntest mal bei ihr reinschauen, Polly, schlug er vor.

Das werde ich tun, sagte Mrs Harrison prompt.

Sie machte ihren Besuch um drei Uhr nachmittags.

Meine Liebe, ich freue mich ja so, sagte sie warm, als sie Katherines Hand dr&#252;ckte. Und alle anderen im Dorf werden sich auch freuen.

Es ist sehr nett von Ihnen, vorbeizuschauen und mir das zu sagen, sagte Katherine. Ich hatte gehofft, dass Sie vorbeikommen w&#252;rden, weil ich nach Johnnie fragen wollte.

Oh! Johnnie. Tja...

Johnnie war Mrs Harrisons j&#252;ngster Sohn. Sekunden sp&#228;ter st&#252;rzte sie sich in eine lange Erz&#228;hlung, in der es vor allem um Johnnies Lymphdr&#252;sen und Mandeln ging. Katherine h&#246;rte verst&#228;ndnisvoll zu. Alte Gewohnheiten wird man nicht so schnell los. Zuh&#246;ren war zehn Jahre lang ihre Hauptaufgabe gewesen. Meine Liebe, habe ich Ihnen eigentlich je von dem Flottenball in Portsmouth erz&#228;hlt? Als Lord Charles mein Kleid bewundert hat? Und gefasst und freundlich antwortete Katherine dann: Ich glaube fast, ja, Mrs Harfield, aber ich habe das ganz vergessen. M&#246;chten Sie es mir nicht noch einmal erz&#228;hlen? Und dann hatte die alte Dame immer losgelegt, mit zahlreichen Ausschm&#252;ckungen und Pausen und Einzelheiten, an die sie sich erinnerte. Und Katherine lauschte mit halbem Ohr und sagte mechanisch die richtigen Dinge, wenn die alte Dame innehielt.

Mit ebendiesem merkw&#252;rdigen Gef&#252;hl, zweigeteilt zu sein, an das sie gew&#246;hnt war, lauschte sie nun Mrs Harri-son.

Nach einer halben Stunde rief Letztere sich pl&#246;tzlich zur Ordnung.

Jetzt rede ich die ganze Zeit von mir, rief sie. Dabei bin ich hergekommen, um &#252;ber Sie und Ihre Pl&#228;ne zu sprechen.

Ich glaube, eigentlich habe ich noch gar keine.

Meine Liebe  Sie wollen doch wohl nicht hier bleiben?

Katherine l&#228;chelte &#252;ber das Entsetzen im Tonfall der anderen.

Nein, ich glaube, ich m&#246;chte gern reisen. Ich habe nie viel von der Welt gesehen, wissen Sie. Das kann ich mir denken. Es war bestimmt ein schlimmes Dasein f&#252;r Sie, all die Jahre hier eingesperrt gewesen zu sein.

Ich wei&#223; nicht, sagte Katherine. Es hat mir viel Freiheit gegeben.

Sie h&#246;rte die anderen &#228;chzen und wurde ein wenig rot.

Das klingt wohl ziemlich verr&#252;ckt  so etwas zu sagen. Nat&#252;rlich hatte ich nicht viel Freiheit im engen physischen Sinn.

Das will ich wohl meinen, sagte Mrs Harrison. Sie dachte daran, dass Katherine selten einen freien Tag zur Verf&#252;gung gehabt hatte.

Aber irgendwie gibt physische Ersch&#246;pfung einem viel geistigen Raum. Man kann immer denken. Ich hatte immer so ein herrliches Gef&#252;hl von geistiger Freiheit.

Mrs Harrison sch&#252;ttelte den Kopf.

Das kann ich nicht verstehen.

Ach, das k&#246;nnten Sie aber, wenn Sie an meiner Stelle w&#228;ren. Aber trotz alledem habe ich das Gef&#252;hl, ich h&#228;tte gern eine Ver&#228;nderung. Ich m&#246;chte  tja, ich m&#246;chte, dass etwas geschieht. O nein, nicht mit mir  das meine ich nicht. Aber ich m&#246;chte irgendwo sein, wo etwas geschieht  aufregende Dinge , auch wenn ich nur Zuschauer bin. Sie wissen doch, hier in St. Mary Mead passiert nie etwas.

Da haben Sie Recht, sagte Mrs Harrison mit Nachdruck.

Zuerst fahre ich nach London, sagte Katherine. Ich muss ohnehin mit den Anw&#228;lten sprechen. Danach geht es wahrscheinlich ins Ausland.

Sehr sch&#246;n.

Aber vorher, nat&#252;rlich.

Ja? . brauche ich etwas zum Anziehen.

Genau das habe ich Arthur heute Morgen gesagt, rief die Frau des Arztes. Wissen Sie, Katherine, dass Sie richtig sch&#246;n sein k&#246;nnten, wenn Sie sich etwas M&#252;he geben w&#252;rden?

Miss Grey lachte ungek&#252;nstelt.

Ach, eine Sch&#246;nheit wird man wohl nicht aus mir machen k&#246;nnen, sagte sie offen. Aber nat&#252;rlich freue ich mich darauf, ein paar wirklich gute Sachen zu haben. Ich f&#252;rchte, ich rede furchtbar viel &#252;ber mich.

Mrs Harrison sah sie durchdringend an.

Das muss allerdings eine ganz neue Erfahrung f&#252;r Sie sein, sagte sie trocken.

Ehe sie das Dorf verlie&#223;, machte Katherine einen Abschiedsbesuch bei der alten Miss Viner. Sie war zwei Jahre &#228;lter als Mrs Harfield, und vor allem mit dem Erfolg befasst, ihre Freundin &#252;berlebt zu haben.

H&#228;tten Sie nicht gedacht, dass ich l&#228;nger durchhalte als Jane Harfield, oder?, sagte sie triumphierend. Wir waren zusammen in der Schule, sie und ich. Und jetzt ist sie weg und ich bin &#252;brig. Wer h&#228;tte das gedacht?

Sie haben immer braunes Brot zu Abend gegessen, nicht wahr?, murmelte Katherine mechanisch.

Also, dass Sie das noch wissen, meine Liebe. Ja, wenn Jane Harfield jeden Abend eine Scheibe braunes Brot gegessen und zu den Mahlzeiten etwas Stimulierendes getrunken h&#228;tte, k&#246;nnte sie noch hier sein.

Die alte Dame hielt inne und nickte triumphierend; dann erinnerte sie sich pl&#246;tzlich an etwas und setzte hinzu:

Also, Sie haben einen Batzen Geld geerbt, wie ich geh&#246;rt habe? Gut, gut. Passen Sie gut darauf auf. Und Sie wollen nach London, um sich ein paar sch&#246;ne Tage zu machen? Bilden Sie sich aber nicht ein, dass Sie geheiratet werden, meine Liebe, das werden Sie n&#228;mlich nicht. Sie sind nicht von der Sorte, die M&#228;nner anzieht. Und au&#223;erdem kommen Sie in die Jahre. Wie alt sind Sie inzwischen?

Dreiunddrei&#223;ig, sagte Katherine.

Tja, bemerkte Miss Viner zweifelnd, das ist nicht einmal so alt. Aber auch nicht mehr ganz taufrisch.

Das ist wohl wahr, sagte Katherine erheitert.

Aber sind Sie ein sehr nettes M&#228;dchen, sagte Miss Viner freundlich. Und ich bin sicher, f&#252;r den einen oder anderen Mann w&#228;re es gar nicht schlecht, Sie zur Frau zu nehmen statt eines dieser flatterhaften Dinger, die heute herumlaufen und mehr Bein zeigen, als ihr Sch&#246;pfer je vorgesehen hatte. Auf Wiedersehen, meine Liebe, und ich hoffe, Sie haben viel Freude, aber in diesem Leben sind die Dinge selten das, was sie zu sein scheinen.

Von diesen Prophezeiungen ermutigt nahm Katherine Abschied. Auf dem Bahnhof war das halbe Dorf versammelt, um auf Wiedersehen zu sagen, so auch Alice, das kleine Dienstm&#228;dchen. Sie brachte ihr ein starres Bouquet mit Drahtkorsett und weinte bittere Tr&#228;nen.

Solche wie die gibts nicht viele, schluchzte Alice, als der Zug endlich abgefahren war. Damals, als Charlie mich verlassen wollte, wegen der aus der Meierei, so lieb, wie Miss Grey da zu mir gewesen ist, h&#228;tte sonst keiner sein k&#246;nnen, da bin ich ganz sicher, und mit dem Messing und dem Staub ist sie ja immer ziemlich eigen gewesen, sie hats aber immer gemerkt, wenn man sich besonders angestrengt hat. Ich w&#252;rde mich f&#252;r sie in St&#252;cke hacken lassen, w&#252;rd ich wirklich, und zwar jederzeit. Eine richtige Lady ist sie, jawohl, das ist sie.

Das war Katherines Abschied von St. Mary Mead.



Achtes Kapitel



Lady Tamplin schreibt einen Brief

Tja, sagte Lady Tamplin, tja.

Sie lie&#223; die Kontinental-Ausgabe der Daily Mail sinken und schaute hinaus auf die blauen Fluten des Mittelmeeres. Der goldfarbene Mimosenzweig, der &#252;ber ihrem Kopf hing, gab einen wirkungsvollen Rahmen f&#252;r ein sehr reizendes Bild ab. Eine goldhaarige, blau&#228;ugige Dame in einem sehr kleidsamen Neglige. Es lie&#223; sich nicht leugnen, dass das goldene Haar der Kunst einiges verdankte, ebenso wie der wei&#223;-rosa Teint, aber das Blau der Augen war ein Geschenk der Natur, und mit vierundvierzig konnte Lady Tamplin noch immer als Sch&#246;nheit gelten.

So reizend sie auch gerade dreinblickte  Lady. Tamplin dachte ausnahmsweise einmal nicht an sich. Das hei&#223;t nicht an ihr Aussehen. Sie befasste sich mit ernsteren Dingen.

Lady Tamplin war eine bekannte Erscheinung an der Riviera, und ihre Partys in der Villa Marguerite waren mit Recht ber&#252;hmt. Sie war eine Frau von betr&#228;chtlicher Lebenserfahrung und hatte vier M&#228;nner gehabt. Der erste war lediglich ein Irrtum gewesen, daher sprach die Lady nur selten von ihm. Er war so vern&#252;nftig gewesen, lobenswert prompt zu sterben, und seine Witwe heiratete daraufhin einen reichen Knopffabrikanten. Auch dieser war nach drei Jahren Eheleben in eine andere Sph&#228;re entschwunden  angeblich nach einem fr&#246;hlichen Abend mit seinen Zechkumpanen. Danach kam Viscount Tamplin, der Rosalie sicher auf jene gesellschaftlichen H&#246;hen gehoben hatte, wo sie zu wandeln w&#252;nschte. Sie behielt ihren Titel, als sie zum vierten Mal heiratete. Dieses vierte Unterfangen hatte sie aus reinem Vergn&#252;gen get&#228;tigt. Mr Charles Evans, ein au&#223;erordentlich gut aussehender junger Mann, siebenundzwanzig, mit bezaubernden Umgangsformen, gro&#223;er Liebe zum Sport und ein leidenschaftlicher Liebhaber aller kostspieligen Dinge dieser Welt, hatte &#252;berhaupt kein eigenes Geld.

Lady Tamplin war mit dem Leben allgemein gl&#252;cklich und zufrieden, hatte aber bisweilen leichte Besorgnisse wegen des Geldes. Der Knopffabrikant hatte seiner Witwe ein betr&#228;chtliches Verm&#246;gen hinterlassen, aber, wie Lady Tamplin h&#228;ufig sagte, was so dies und das angeht. (dies war der Wertverlust der Aktien durch den Krieg, das waren die Extravaganzen des seligen Lord Tamplin). Es ging ihr noch immer recht gut, aber recht gut war kaum zufrieden stellend f&#252;r eine mit Rosalie Tamplins Temperament.

An diesem besonderen Januarmorgen &#246;ffnete sie daher ihre blauen Augen au&#223;erordentlich weit, als sie eine gewisse Notiz in der Zeitung gelesen hatte, und &#228;u&#223;erte dieses unverf&#228;ngliche einsilbige Wort tja. Die einzige andere Person auf dem Balkon war ihre Tochter, Lenox Tamplin. Eine Tochter wie Lenox war ein tr&#252;ber Dorn in Lady Tamplins Auge, ein M&#228;dchen ohne jedes Taktgef&#252;hl. Sie sah &#228;lter aus, als sie tats&#228;chlich war, und ihr spezieller sardonischer Humor war, um es gelinde auszudr&#252;cken, ungem&#252;tlich.

Liebling, sagte Lady Tamplin, stell dir blo&#223; mal vor.

Was gibts denn?

Lady Tamplin nahm die Daily Mail auf, gab sie ihrer Tochter und wies mit aufgeregtem Zeigefinger auf die interessante Meldung.

Lenox las sie ohne ein Anzeichen jener Erregung, die ihre Mutter gezeigt hatte.

Na und?, fragte sie. So was passiert doch dauernd. In allen D&#246;rfern sterben doch dauernd geizige alte Frauen, die dann ihren treuen Gesellschafterinnen ein Millionenverm&#246;gen hinterlassen.

Ja, Liebes, wei&#223; ich, sagte ihre Mutter, und ich nehme an, das Verm&#246;gen ist gar nicht so gro&#223;, wie man behauptet; Zeitungen sind so unzuverl&#228;ssig. Aber selbst wenn man die H&#228;lfte abzieht.

Tja, sagte Lenox, sie hat es nicht uns hinterlassen.

Nicht direkt, Liebes, sagte Lady Tamplin, aber dieses M&#228;dchen, diese Katherine Grey, ist eigentlich eine Kusine von mir. Eine der Greys aus Worcestershire. Meine eigene Kusine! Stell dir das vor!

Aha, sagte Lenox.

Und ich frage mich., sagte ihre Mutter.

Was da f&#252;r uns drin ist, beendete Lenox, mit dem schr&#228;gen L&#228;cheln, das ihre Mutter immer so schwierig zu verstehen fand.

Ach, Liebling, sagte Lady Tamplin, mit einem Hauch von Vorwurf in der Stimme.

Es war wirklich nur ein Hauch, denn Rosalie Tamplin war an die Offenherzigkeit ihrer Tochter und ihre ungem&#252;tliche Art, die Dinge beim Namen zu nennen, gew&#246;hnt.

Ich frage mich, sagte Lady Tamplin, wobei sie wieder ihre kunstvoll nachgezeichneten Augenbrauen zusammenzog, ob  ah, guten Morgen, Chubby, mein Lieber; gehst du Tennis spielen? Wie nett.

Auf diese Anrede hin l&#228;chelte Chubby ihr freundlich zu, bemerkte leichthin: Wie blendend du in diesem pfirsich-farbenen Etwas aussiehst, und schlenderte an ihnen vor&#252;ber, die Stufen hinab.

Der liebe Junge, sagte Lady Tamplin; sie blickte ihrem Gatten z&#228;rtlich nach. Aber was wollte ich eben sagen? Ah! Sie richtete ihre Gedanken wieder auf das Gesch&#228;ftliche. Ich frage mich.

Nun komm doch um Himmels willen zur Sache. Das sagst du jetzt zum dritten Mal.

Tja, Liebes, sagte Lady Tamplin, ich frage mich, ob es nicht sehr nett von mir w&#228;re, der lieben Katherine zu schreiben und ihr vorzuschlagen, uns hier zu besuchen. Sie hat nat&#252;rlich keinerlei Kontakt zur Gesellschaft. Es w&#228;re doch viel netter f&#252;r sie, von einer ihrer Verwandten eingef&#252;hrt zu werden. Ein Vorteil f&#252;r sie und ein Vorteil f&#252;r uns.

Was meinst du denn, wie viel du ihr daf&#252;r abschwatzen kannst?, fragte Lenox.

Ihre Mutter sah sie tadelnd an und murmelte:

Nat&#252;rlich m&#252;sste man irgendein finanzielles Arrangement treffen. Was so dies und das angeht  der Krieg  dein armer Vater.

Und jetzt Chubby, sagte Lenox. Er ist ein teurer Luxusgegenstand, wenn man so will.

Soweit ich mich erinnere, war sie ein nettes M&#228;dchen, murmelte Lady Tamplin, die ihren eigenen Gedanken nachging, ruhig, hat sich nie vorgedr&#228;ngt, keine Sch&#246;nheit, und sie ist nie den M&#228;nnern nachgelaufen.

Sie wird also die Finger von Chubby lassen?, sagte Lenox.

Lady Tamplin sah sie vorwurfsvoll an. Chubby w&#252;rde nie., begann sie.

Nein, sagte Lenox, das glaube ich auch nicht; er wei&#223; doch viel zu gut, woher die Butter auf seinem Brot kommt.

Liebling, sagte Lady Tamplin, du hast so eine direkte Art, die Dinge auszudr&#252;cken. Entschuldige, sagte Lenox.

Lady Tamplin raffte die Daily Mail, ihr Neglige, ihre Handtasche und etliche Briefe zusammen.

Ich werde der lieben Katherine sofort schreiben, sagte sie, und sie an die sch&#246;nen alten Zeiten in Edgeworth erinnern.

Sie lief ins Haus, leuchtende Entschlossenheit im Blick.

Anders als bei Mrs Samuel Harfield floss ihr die Korrespondenz leicht aus der Feder. Ohne Pause oder M&#252;he f&#252;llte sie vier Seiten, und als sie alles noch einmal las, hatte sie nicht das Bed&#252;rfnis, auch nur ein Wort zu &#228;ndern.

Katherine erhielt den vier Seiten langen Brief am Morgen ihres Eintreffens in London. Ob sie etwas zwischen den Zeilen herauslas oder nicht, ist eine andere Frage. Sie steckte ihn in die Handtasche und machte sich auf, um den Termin mit Mrs Harfields Anw&#228;lten wahrzunehmen.

Es handelte sich um eine alteingesessene Soziet&#228;t in Lincolns Inn Fields, und nach wenigen Minuten des Wartens wurde Katherine zum Seniorpartner gef&#252;hrt, einem freundlichen &#228;lteren Herrn mit klugen blauen Augen und v&#228;terlicher Art.

Zwanzig Minuten lang besprachen sie Mrs Harfields Testament und verschiedene juristische Fragen. Danach reichte Katherine ihm Mrs Samuels Brief.

Das sollte ich Ihnen wohl zeigen, nehme ich an, sagte sie, wenn es auch ziemlich albern ist.

Er las es mit einem leisen L&#228;cheln.

Ein ziemlich plumper Versuch, Miss Grey. Ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, dass diese Leute nicht den geringsten Anspruch auf das Erbe haben, und wenn sie versuchen, das Testament anzufechten, wird ihnen kein Gericht Recht geben.

Ich hatte es mir schon gedacht.

Die menschliche Natur ist nicht immer sehr klug. An Mrs Samuels Stelle h&#228;tte ich viel eher an Ihren Gro&#223;mut appelliert.

Unter anderem dar&#252;ber wollte ich mit Ihnen sprechen. Ich m&#246;chte diesen Leuten eine gewisse Summe zukommen lassen.

Sie sind dazu in keiner Weise verpflichtet.

Das wei&#223; ich.

Und sie werden es nicht so annehmen, wie es gemeint ist. Vermutlich werden sie es als Versuch auffassen, sie billig auszuzahlen. Was sie aber nicht daran hindern wird, es anzunehmen.

Das sehe ich auch so, aber da kann man nichts machen.

Ich w&#252;rde Ihnen raten, Miss Grey, diese Idee fallen zu lassen.

Katherine sch&#252;ttelte den Kopf. Ich wei&#223;, Sie haben vollkommen Recht, aber ich m&#246;chte es trotzdem so machen.

Sie werden das Geld nehmen und nachher erst recht &#252;ber Sie herziehen.

Tja, sagte Katherine, sollen sie doch, wenn es ihnen Spa&#223; macht. Jeder von uns am&#252;siert sich auf seine Weise. Immerhin waren sie Mrs Harfields einzige Verwandte, und wenn sie sie auch als arme Verwandte verachtet und sich nie um sie gek&#252;mmert haben, als sie noch lebte, kommt es mir nicht richtig vor, dass sie ganz leer ausgehen sollen.

Sie setzte sich durch, sosehr ihr der Anwalt auch abriet, und bald darauf ging sie durch die Stra&#223;en Londons mit der angenehmen Sicherheit, nach Herzenslust Geld ausgeben und f&#252;r die Zukunft die Pl&#228;ne machen zu k&#246;nnen, die ihr gefielen. Ihre erste Ma&#223;nahme war der Besuch im Gesch&#228;ft einer ber&#252;hmten Modistin.

Eine schlanke, &#228;ltliche Franz&#246;sin, die aussah wie eine vertr&#228;umte Herzogin, empfing sie, und Katherine sagte mit einer gewissen Naivit&#228;t:

Ich m&#246;chte mich, wenn ich darf, ganz in Ihre H&#228;nde geben. Mein Leben lang bin ich sehr arm gewesen und verstehe nichts von Kleidern, aber jetzt bin ich zu etwas Geld gekommen und m&#246;chte wirklich gut gekleidet aussehen.

Die Franz&#246;sin war entz&#252;ckt. Sie hatte das Temperament einer K&#252;nstlerin, und dieses war fr&#252;her am Vormittag arg misshandelt worden durch den Besuch einer argentinischen Fleischbaronin, die darauf bestanden hatte, die f&#252;r ihren extravaganten Sch&#246;nheitstyp am wenigstens geeigneten Modelle zu kaufen. Sie pr&#252;fte Katherine mit k&#252;hlen, klugen Augen. Ja  ja, es wird mir ein Vergn&#252;gen sein. Mademoiselle hat eine ausgezeichnete Figur; schlichte Linien werden ihr am besten stehen. Au&#223;erdem ist sie tres anglaise. Manche Leute w&#228;ren beleidigt, wenn ich das sagte, aber Mademoiselle nicht. Une belle anglaise, es gibt keinen entz&#252;ckenderen Stil.

Die Manier einer vertr&#228;umten Herzogin war pl&#246;tzlich verschwunden. Sie sprudelte Anweisungen f&#252;r ihre Mannequins heraus. Clothilde, Virginie, schnell, meine Kleinen, das kleine tailleur gris clair und die robe de soiree soupir dautomne. Marcelle, mein Kind, das kleine complet aus crepe de Chine, mimosenfarben.

Es war ein herrlicher Vormittag. Marcelle, Clothilde, Virginie, gelangweilt und hochm&#252;tig, paradierten langsam im Kreis, wobei sie sich nach altehrw&#252;rdiger MannequinArt drehten und wanden. Die Herzogin stand neben Ka-therine und machte Notizen in ein kleines Buch.

Eine ausgezeichnete Wahl, Mademoiselle. Mademoiselle hat sehr feinen go&#223;t. Ja, wahrhaftig. Mademoiselle kann nichts Besseres ausw&#228;hlen als diese kleinen complets, wenn sie, wie ich vermute, diesen Winter an die Riviera f&#228;hrt.

Lassen Sie mich doch dieses Abendkleid noch einmal sehen, sagte Katherine  das in Rose und Malve.

Virginie erschien und kreiselte langsam vor&#252;ber.

Das ist das h&#252;bscheste von allen, sagte Katherine, als sie das erlesene Ensemble aus Malve und Grau und Blau betrachtete. Wie haben Sie es genannt?

Soupir dautomne; ja, ja, das ist wirklich das Kleid f&#252;r Mademoiselle.Warum kamen diese Worte Katherine mit einem leisen Gef&#252;hl von Traurigkeit wieder ins Ged&#228;chtnis, als sie den Salon verlassen hatte?

<Soupir dautomne, das ist wirklich das Kleid f&#252;r Mademoiselle>. Herbst, ja, es war Herbst f&#252;r sie. Fr&#252;hling oder Sommer hatte sie nie gekannt, und sie w&#252;rde sie auch niemals kennen lernen. Sie hatte etwas verloren, das ihr nie zur&#252;ckgegeben werden konnte. All die Jahre des Dienens in St. Mary Mead  und die ganze Zeit war das Leben an ihr vor&#252;bergegangen.

Ich bin eine N&#228;rrin, sagte Katherine. Ich bin eine N&#228;rrin. Was will ich denn eigentlich? Also, vor einem Monat war ich zufriedener als jetzt.

Aus ihrer Handtasche nahm sie den Brief, den sie am Morgen von Lady Tamplin erhalten hatte. Katherine war nicht dumm. Sie verstand sehr wohl die Nuancen dieses Briefs, und die Gr&#252;nde f&#252;r Lady Tamplins pl&#246;tzlich bekundete Zuneigung zu einer so lange vergessenen Kusine waren ihr durchaus klar. Nutzen, nicht Vergn&#252;gen lie&#223; Lady Tamplin die Gesellschaft ihrer lieben Kusine so sehr ersehnen. Nun ja, warum nicht? Beide Seiten w&#252;rden profitieren.

Ich fahre hin, sagte Katherine.

Da ging sie gerade Piccadilly hinunter und begab sich zu Cooks, um gleich N&#228;gel mit K&#246;pfen zu machen. Einige Minuten musste sie warten. Der Mann, mit dem sich der Angestellte gerade besch&#228;ftigte, w&#252;rde auch an die Riviera reisen. Alles f&#228;hrt jetzt dahin, dachte sie. Nun denn, zum ersten Mal in ihrem Leben w&#252;rde sie nun auch tun, was alle taten.

Der Mann vor ihr drehte sich pl&#246;tzlich um und ging, und sie nahm seinen Platz ein. Sie trug dem Angestellten ihr Anliegen vor, aber gleichzeitig besch&#228;ftigte sich ein Teil ihrer Gedanken mit etwas anderem. Das Gesicht dieses Mannes  irgendwie kam es ihr bekannt vor. Wo hatte sie ihn nur gesehen? Pl&#246;tzlich erinnerte sie sich. Es war vor ihrem Zimmer im Savoy gewesen, an diesem Morgen. Sie war mit ihm auf dem Korridor zusammengesto&#223;en. Merkw&#252;rdiger Zufall, ihm zweimal an einem Tag zu begegnen. Sie warf einen Blick &#252;ber die Schulter, mit einem Gef&#252;hl des Unbehagens, dessen Grund sie nicht kannte. Der Mann stand im Eingang und schaute zu ihr zur&#252;ck. Ein kalter Schauer &#252;berlief Katherine; sie hatte eine Vorahnung von Trag&#246;die, von drohendem Unheil.

Dann sch&#252;ttelte sie mit ihrer gesunden Vernunft den Eindruck ab und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf das, was der Angestellte sagte.



Neuntes Kapitel



Ein abgelehntes Angebot

Derek Kettering lie&#223; sich nur selten von Stimmungen unterkriegen. L&#228;ssige Sorglosigkeit war sein wichtigster Wesenszug und hatte ihm schon aus mancher Klemme geholfen. Auch nun, da er Mirelles Wohnung verlassen hatte, war er bald wieder gefasst. K&#252;hle &#220;berlegung tat Not. Die Klemme, in der er jetzt steckte, war die schlimmste, in der er sich je befunden hatte, und es waren unvorhergesehene Faktoren aufgetaucht, mit denen er im Moment noch nicht umzugehen wusste.

Tief in Gedanken schlenderte er dahin. Seine Stirn war zerfurcht, und die muntere, l&#228;ssige Art, die ihm so gut anstand, war verschwunden. Mehrere M&#246;glichkeiten gingen ihm durch den Kopf. Man h&#228;tte durchaus sagen k&#246;nnen, dass Derek Kettering nicht so n&#228;rrisch war, wie er wirkte. Er sah verschiedene gangbare Wege  einer davon schien ihm besonders geeignet. Wenn er davor zur&#252;ckschreckte, so nur f&#252;r den Moment. In einer verzweifelten Lage greift man zu verzweifelten Mitteln. Er hatte seinen Schwiegervater ganz richtig eingesch&#228;tzt. Ein Krieg zwischen Derek Kettering und Rufus Van Aldin konnte nur auf eine Weise enden. Im Geiste fluchte Derek heftig auf das Geld und die Macht des Geldes. Er ging die St. Ja-mess Street hinauf, &#252;berquerte Piccadilly und schlenderte weiter in Richtung Piccadilly Circus. Als er am B&#252;ro von Thomas Cook & Sons vor&#252;berging, wurden seine Schritte langsamer. Er ging jedoch weiter, wobei er die Angelegenheit im Kopf hin und her w&#228;lzte. Schlie&#223;lich nickte er kurz und machte kehrt  so j&#228;h, dass er mit ein paar hinter ihm gehenden Passanten zusammenstie&#223;. Diesmal ging er nicht an Cooks vorbei, sondern hinein. Das B&#252;ro war relativ leer, und man k&#252;mmerte sich sofort um ihn.

Ich m&#246;chte n&#228;chste Woche nach Nizza fahren. K&#246;nnten Sie mir alles zusammenstellen?

An welchem Tag, Sir?

Am Vierzehnten. Welchen Zug k&#246;nnen Sie mir empfehlen?

Also, der beste Zug ist nat&#252;rlich der so genannte Blaue Express. Dabei vermeidet man den l&#228;stigen Zoll in Calais.

Derek nickte. Er wusste das alles besser als die meisten.

Am Vierzehnten, murmelte der Angestellte, das ist schon bald. Der Blaue Express ist fast immer ausgebucht.

Sehen Sie bitte nach, ob ein Schlafcoupe frei ist, sagte Derek. Falls nicht. Er lie&#223; den Satz unbeendet, mit einem sonderbaren L&#228;cheln.

Der Angestellte verschwand f&#252;r einige Minuten, kam aber bald zur&#252;ck. Das geht in Ordnung, Sir, es sind noch drei Coupes frei. Ich kann Ihnen eines reservieren. Auf welchen Namen bitte?

Pavett, sagte Derek. Er nannte seine Adresse in der Jermyn Street.

Der Angestellte nickte, schrieb alles auf, w&#252;nschte De-rek h&#246;flich einen guten Morgen und wandte sich dem n&#228;chsten Kunden zu.

Ich m&#246;chte nach Nizza fahren  am Vierzehnten. Gibt es da nicht einen Zug namens Blauer Express?

Derek schaute sich j&#228;h um.

Ein Zufall  ein seltsamer Zufall. Er erinnerte sich an seine leicht verschrobenen Worte zu Mirelle. Portr&#228;t einer Dame mit grauen Augen. Vermutlich werde ich sie nie wieder sehen. Und jetzt hatte er sie wieder gesehen; mehr als das, sie wollte am gleichen Tag wie er an die Riviera fahren.

Einen Moment lang &#252;berlief ihn ein Schauer; in gewisser Weise war er abergl&#228;ubisch. Er hatte mit einem halbherzigen Lachen gesagt, dass diese Frau ihm vielleicht Ungl&#252;ck bringen w&#252;rde. Angenommen  angenommen, das w&#228;re wahr? Vom Eingang schaute er zu ihr zur&#252;ck, wie sie da stand und mit dem Angestellten sprach. Diesmal hatte ihm sein Ged&#228;chtnis keinen Streich gespielt. Eine Lady  eine Dame in jedem Sinn dieses Worts. Nicht sehr jung, nicht besonders h&#252;bsch. Aber sie hatte etwas  graue Augen, die vielleicht zu viel sahen. Als er hinausging, wurde ihm klar, dass er sich irgendwie vor dieser Frau f&#252;rchtete.

Er ging zur&#252;ck zu seinen R&#228;umen in der Jermyn Street und l&#228;utete seinem Diener.

Nehmen Sie diesen Scheck, Pavett, und gehen Sie zu Cooks, Piccadilly. Da liegen ein paar Fahrkarten auf Ihren Namen; bezahlen Sie sie und bringen Sie sie her.

Sehr wohl, Sir.

Pavett verschwand.

Derek schlenderte zu einer Anrichte und nahm eine Hand voll Briefe auf. Es war eine allzu vertraute Form von Post. Rechnungen, kleine und gro&#223;e Rechnungen, alle dringend zu begleichen. Noch war der Ton der Mahnungen h&#246;flich. Derek wusste, wie rasch sich dieser h&#246;fliche Ton &#228;ndern w&#252;rde, wenn  wenn gewisse Neuigkeiten bekannt w&#252;rden.

Missmutig warf er sich in einen gro&#223;en, mit Leder bezogenen Sessel. Er steckte in einer verdammten Klemme. Ja, eine verdammte Klemme! Und die Wege aus dieser Klemme waren s&#228;mtlich nicht verhei&#223;ungsvoll.

Pavett erschien mit einem diskreten H&#252;steln.

Ein Herr w&#252;nscht Sie zu sprechen, Sir  Major Knigh-ton.

Knighton, wie?

Derek setzte sich aufrecht hin, schnitt eine Grimasse, war pl&#246;tzlich ganz wach. Leiser, fast als Selbstgespr&#228;ch, sagte er: Knighton  was mag da nun wieder im Busch sein?

Soll ich  &#228;h  ihn hereinf&#252;hren, Sir?

Derek nickte. Als Knighton eintrat, fand er sich von einem charmanten und liebensw&#252;rdigen Hausherrn erwartet.

Nett von Ihnen, dass Sie mich besuchen, sagte Derek.

Knighton war nerv&#246;s.

Die scharfen Augen des anderen bemerkten es sofort. Der Auftrag, den der Sekret&#228;r auszuf&#252;hren hatte, war ihm zweifellos unangenehm. Fast mechanisch antwortete er auf Dereks leicht dahinflie&#223;endes Geplauder. Einen Drink lehnte er ab, und sein Benehmen wurde bestenfalls noch steifer. Derek schien das endlich zu bemerken.

Also, sagte er munter. Was hat mein verehrter Schwiegervater mit mir vor? Sie kommen ja wohl in seinem Auftrag?

Knighton erwiderte das L&#228;cheln nicht.

So ist es, ja, sagte er vorsichtig. Ich  ich wollte, Mr Van Aldin h&#228;tte jemand anderen damit betraut.

Mit sp&#246;ttischer Betroffenheit hob Derek die Brauen.

So schlimm ist es? Ich kann Ihnen versichern, Knighton, dass ich nicht besonders d&#252;nnh&#228;utig bin.

Gut, sagte Knighton, aber das.

Er machte eine Pause.

Derek musterte ihn aufmerksam.

Kommen Sie, raus damit, sagte er freundlich. Ich kann mir vorstellen, dass die Auftr&#228;ge meines lieben Schwiegervaters nicht immer angenehm sind.

Knighton r&#228;usperte sich. Dann sagte er in einem Tonfall, aus dem er alle Verlegenheit herauszuhalten suchte:

Ich bin von Mr Van Aldin beauftragt, Ihnen ein unwiderrufliches Angebot zu machen.

Ein Angebot? Einen Moment lang zeigte Derek seine &#220;berraschung. Knightons Er&#246;ffnung war sichtlich nicht das, was er erwartet hatte. Er bot Knighton eine Zigarette an, nahm selbst eine, lie&#223; sich wieder in den Sessel sinken und murmelte in leicht sardonischem Ton:

Ein Angebot? Das klingt recht interessant.

Soll ich fortfahren?

Bitte. Sie m&#252;ssen meine &#220;berraschung verzeihen, aber mir scheint, dass mein lieber Schwiegervater seit unserer Plauderei von heute Morgen ein bisschen vom hohen Ross gestiegen ist. Und das ist nicht unbedingt, was man von einem starken Mann, einem Napoleon der Finanzwelt erwartet. Es zeigt  ich glaube, es zeigt, dass er seine Position doch nicht f&#252;r ganz so stark h&#228;lt.

Knighton lauschte h&#246;flich der l&#228;ssigen, sp&#246;ttischen Stimme, aber auf seiner beherrschten Miene lie&#223; sich nichts ablesen. Er wartete, bis Derek fertig war, und sagte dann ruhig:

Ich will die Sachlage mit so wenig Worten darlegen wie m&#246;glich.

Fahren Sie fort.

Knighton sah den anderen nicht an. Seine Stimme war k&#252;hl und sachlich.

Die Sache ist ganz einfach. Wie Sie wissen, ist Mrs Kettering im Begriff, die Scheidung einzureichen. Sollten Sie keinen Widerspruch erheben, erhalten Sie hunderttausend an dem Tag, da die Scheidung rechtsg&#252;ltig wird.

Derek hatte eben seine Zigarette anz&#252;nden wollen und hielt j&#228;h inne. Hunderttausend!, sagte er scharf. Dollar?

Pfund.

Mindestens zwei Minuten lang herrschte Totenstille. Kettering hatte die Brauen zusammengekniffen und dachte nach. Hunderttausend Pfund. Das bedeutete Mi-relle und die Fortdauer seines ersprie&#223;lichen, sorglosen Lebens. Es bedeutete, dass Van Aldin etwas wusste. Van Aldin zahlte nicht umsonst. Derek stand auf und lehnte sich an den Kamin.

Und wenn ich dieses nette Angebot nicht annehme?, fragte er mit kalter, ironischer H&#246;flichkeit.

Knighton machte eine wegwerfende Handbewegung.

Ich kann Ihnen versichern, Mr Kettering, sagte er ernst, dass ich &#228;u&#223;erst widerstrebend mit dieser Botschaft hergekommen bin.

Das ist schon recht, sagte Kettering. Gr&#228;men Sie sich nicht, es ist nicht Ihr Fehler. Also dann  ich habe Sie etwas gefragt, w&#252;rden Sie wohl antworten?

Knighton stand ebenfalls auf. Mit noch mehr Widerstreben als zuvor sagte er:

F&#252;r den Fall, dass Sie diesen Vorschlag ablehnen, hat Mr Van Aldin mich beauftragt, Ihnen ganz schlicht zu sagen, dass er Sie vernichten wird. Das ist alles.

Kettering hob die Brauen, wahrte aber seine lockere, am&#252;sierte Art.

Tja, also!, sagte er. Ich nehme an, er k&#246;nnte es. Ich w&#228;re sicher nicht f&#228;hig, dem Meister der Millionen aus Amerika lange Widerstand zu leisten. Hunderttausend! Wenn man denn jemanden bestechen will, sollte man es gleich gr&#252;ndlich erledigen. Angenommen, ich sagte Ihnen, f&#252;r zweihunderttausend w&#252;rde ich tun, was er will, was dann?

Ich w&#252;rde Mr Van Aldin Ihre Botschaft ausrichten, sagte Knighton unbewegt. Ist das Ihre Antwort?

Nein, sagte Derek, komischerweise ist sie das nicht. Sie k&#246;nnen zur&#252;ck zu meinem Schwiegervater gehen und ihm sagen, er soll sich samt seinem Bestechungsgeld zum Teufel scheren. Ist das klar?

Vollkommen, sagte Knighton. Er z&#246;gerte einen Augenblick und err&#246;tete. Ich  wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, Mr Kettering, ich freue mich, dass Ihre Antwort so ausgefallen ist.

Derek schwieg. Nachdem der andere das Zimmer verlassen hatte, blieb er noch eine Zeit lang nachdenklich beim Kamin stehen. Ein seltsames L&#228;cheln spielte um seine Lippen.

Das w&#228;re es dann, sagte er leise.



Zehntes Kapitel



Im Blauen Express

Dad!

Mrs Kettering schrak heftig auf. Ihre Nerven waren an diesem Morgen nicht ganz unter Kontrolle. Perfekt gekleidet mit einem kostbaren Nerzmantel und einem roten chinesischen Lackh&#252;tchen, war sie tief in Gedanken versunken durch das Gedr&#228;nge auf dem Bahnsteig von Victoria Station gegangen, und das pl&#246;tzliche Auftauchen ihres Vaters und seine herzhafte Begr&#252;&#223;ung hatten eine unerwartete Wirkung auf sie.

Also, Ruth, warum zuckst du denn so zusammen?

Ich hatte nur nicht erwartet, dich hier zu sehen, Dad. Du hast dich ja gestern von mir verabschiedet und gesagt, du h&#228;ttest heute Morgen eine Konferenz.

Habe ich auch, sagte Van Aldin, aber du bist mir wichtiger als alle bl&#246;den Konferenzen zusammen. Ich wollte dich nur unbedingt noch einmal treffen, weil ich dich ja eine ganze Weile nicht mehr sehen werde.

Das ist sehr lieb von dir, Dad. Ich w&#252;nschte, du k&#246;nntest mitkommen.

Was w&#252;rdest du dazu sagen, wenn ich mitk&#228;me?

Die Bemerkung war nur scherzhaft gemeint. Er war &#252;berrascht, eine j&#228;he R&#246;te auf Ruths Wangen zu sehen. Einen Moment lang glaubte er fast, ein Erschrecken in ihren Augen zu bemerken. Sie lachte unsicher und nerv&#246;s.

Einen Moment habe ich wirklich gedacht, du meinst das ernst, sagte sie.

H&#228;ttest du dich dar&#252;ber gefreut?

Selbstverst&#228;ndlich. Sie sprach mit &#252;bertriebenem Nachdruck.

Na, sagte Van Aldin, dann ist es ja gut.

Es ist aber doch gar nicht so lang, Dad, fuhr Ruth fort, n&#228;chsten Monat kommst du ja nach.

Ah!, sagte Van Aldin unbewegt, manchmal denke ich mir, ich sollte einfach zu einem der gro&#223;en M&#228;nner in der Harley Street gehen und mir von ihm erz&#228;hlen lassen, dass ich sofort einen Klimawechsel und Sonne brauche.

Sei nicht so faul, rief Ruth, n&#228;chsten Monat ist es da dr&#252;ben viel sch&#246;ner als diesen Monat. Du hast doch alle m&#246;glichen Dinge am Hals, die du jetzt nicht einfach liegen lassen kannst.

Tja, so ist es wohl, sagte Van Aldin mit einem Seufzer. Aber du solltest jetzt in deinen Zug steigen, Ruth. Wo ist dein Sitzplatz?

Ruth Kettering sah sich um. In der T&#252;r eines der Pull-man-Wagen stand eine gro&#223;e, d&#252;nne Frau in Schwarz  Ruth Ketterings Zofe. Sie trat beiseite, als ihre Herrin zu ihr kam.

Ich habe die kleine Reisetasche unter Ihren Sitz gestellt, Madam, falls Sie sie brauchen. Soll ich die Decken nehmen, oder m&#246;chten Sie eine haben?

Nein, nein, ich brauche jetzt keine. Suchen Sie jetzt lieber Ihren eigenen Platz, Mason.

Ja, Madam.

Die Zofe verschwand.

Van Aldin begleitete Ruth in den Pullman-Wagen. Sie fand ihren Platz, und Van Aldin legte einige Zeitungen und Magazine auf das Tischchen vor ihr. Der Platz gegen&#252;ber war bereits besetzt, und der Amerikaner streifte die dort sitzende Dame mit einem Blick. Er behielt einen fl&#252;chtigen Eindruck von attraktiven grauen Augen und einem h&#252;bschen Reisekost&#252;m. Er g&#246;nnte sich noch ein kleines Gespr&#228;ch mit Ruth  das Geplauder von Leuten, die andere zum Zug bringen.

Sehr bald, als die Pfeifen schrillten, sah er auf seine Uhr.

Ich sollte wohl besser aussteigen. Auf Wiedersehen, meine Liebe. Mach dir keine Sorgen. Ich k&#252;mmere mich um alles.

Ach, Vater!

Er wandte sich rasch um. Etwas lag in Ruths Stimme, das so wenig zu ihrer gewohnten Art passte, dass er erschrak. Es klang beinahe wie ein Ruf der Verzweiflung. Sie hatte eine impulsive Bewegung zu ihm hin gemacht, aber gleich darauf hatte sie sich wieder in der Gewalt.

Bis n&#228;chsten Monat, sagte er behutsam.

Zwei Minuten sp&#228;ter fuhr der Zug ab.

Ruth sa&#223; ganz still da, biss auf die Unterlippe und versuchte mit aller Kraft, die ungewohnten Tr&#228;nen zu unterdr&#252;cken. Pl&#246;tzlich empfand sie eine schreckliche Trostlosigkeit. Ein wildes Verlangen packte sie, aus dem Zug zu springen und heimzukehren, ehe es zu sp&#228;t war. Sie, sonst so ruhig und selbstsicher, kam sich zum ersten Mal im Leben wie ein vom Wind verwehtes Blatt vor. Wenn ihr Vater das w&#252;sste  was w&#252;rde er wohl sagen?

Wahnsinn! Ja, genau das, Wahnsinn! Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie von Gef&#252;hlen fortgesp&#252;lt, so weit fortgetragen, dass sie etwas tun wollte, wovon sie selbst wusste, dass es unglaublich t&#246;richt und gef&#228;hrlich war.

Als Van Aldins Tochter war sie sich ihrer Torheit vollkommen bewusst und n&#252;chtern genug, das eigene Tun zu verurteilen. Aber auch in einem anderen Sinne war sie seine Tochter. Sie hatte die gleiche eiserne Entschiedenheit, das zu erreichen, was sie haben wollte, und, einmal entschlossen, lie&#223; sie sich nicht vom Ziel abbringen. Von der Wiege an war sie dickk&#246;pfig gewesen; und ihre Lebensumst&#228;nde hatten diese Willenskraft weiterentwickelt. Sie trieb sie nun unweigerlich voran. Die W&#252;rfel waren gefallen. Jetzt musste sie sich durchbei&#223;en.

Sie schaute auf, und ihr Blick begegnete dem der Frau gegen&#252;ber. Pl&#246;tzlich kam es ihr vor, als ob die andere irgendwie ihre Gedanken h&#228;tte lesen k&#246;nnen. In diesen grauen Augen sah sie Verst&#228;ndnis und  ja  Mitgef&#252;hl.

Es war nur ein ganz kurzer Eindruck. Die Gesichter der beiden Frauen erstarrten zum anerzogenen Gleichmut. Mrs Kettering nahm ein Magazin zur Hand, Katherine Grey blickte aus dem Fenster und betrachtete die scheinbar endlose Abfolge von deprimierenden Stra&#223;en und Vororth&#228;usern.

Ruth fand es zunehmend schwierig, ihre Gedanken auf die bedruckte Seite vor ihr zu konzentrieren. Gegen ihren Willen plagten sie tausend Bedenken. Was f&#252;r eine N&#228;rrin sie doch gewesen war! Was f&#252;r eine N&#228;rrin sie immer noch war! Wie alle k&#252;hlen, selbstgen&#252;gsamen Leute verlor sie die Kontrolle entweder gar nicht oder v&#246;llig. Es war zu sp&#228;t. War es zu sp&#228;t? Wenn sie doch jetzt jemanden zum Reden h&#228;tte, jemanden, der ihr raten k&#246;nnte. So einen Wunsch hatte sie noch nie gehabt; die Vorstellung, sich auf ein anderes als das eigene Urteil zu verlassen, h&#228;tte sie mit Hohn von sich gewiesen, aber jetzt  was war mit ihr los? Panik. Ja, das beschrieb es am besten  Panik. Sie, Ruth Kettering, war ganz und gar von Panik befallen.

Verstohlen blickte sie die Dame gegen&#252;ber an. Wenn sie doch so jemanden kennen w&#252;rde, eine nette, k&#252;hle, ruhige, verst&#228;ndnisvolle Person. Die Art Mensch, mit der man reden konnte. Aber nat&#252;rlich kann man sich nicht einer Fremden anvertrauen. Und Ruth l&#228;chelte ein wenig &#252;ber sich bei diesem Gedanken. Sie nahm die Zeitschrift wieder auf. Wirklich, sie musste sich endlich beherrschen. Schlie&#223;lich hatte sie all das ausgeheckt. Sie hatte sich aus eigenem Antrieb dazu entschieden. Hatte sie denn in ihrem bisherigen Leben so etwas wie Gl&#252;ck gekannt? Ruhelos sagte sie sich: <Warum soll ich denn nicht gl&#252;cklich sein? Niemand wird es je erfahrene

Die Fahrt nach Dover verging wie im Fluge. Ruth war seefest, mochte aber die K&#228;lte nicht und war froh, die Zuflucht der telegraphisch reservierten privaten Kabine zu erreichen. Sie h&#228;tte es nie zugegeben, aber Ruth war in gewisser Weise abergl&#228;ubisch. Sie geh&#246;rte zu denen, die sich von Zuf&#228;lligkeiten beeindrucken lassen. Nachdem Calais erreicht war und sie sich mit ihrer Zofe im Doppelabteil des Blauen Express eingerichtet hatte, begab sie sich in den Speisewagen. Es l&#246;ste bei ihr einen leichten Schock der &#220;berraschung aus, als man ihr einen Platz an einem Tischchen anwies, der gleichen Frau gegen&#252;ber, die ihr vis-a-vis im Pullman-Wagen gesessen hatte. Beide Damen setzten ein fl&#252;chtiges L&#228;cheln auf.

Das ist ja ein Zufall, sagte Mrs Kettering.

Ja, wirklich, sagte Katherine, seltsam, wie es manchmal so geht.

Mit der wundersamen Schnelligkeit, die die Angestellten der Compagnie Internationale des Wagons-Lits immer an den Tag legten, eilte ein Kellner herbei und servierte zwei Tassen mit Suppe. Als das Omelett der Suppe folgte, plauderten die beiden bereits ganz freundlich miteinander.

Es wird herrlich sein, in die Sonne zu kommen, seufzte Ruth.

Ich bin sicher, dass es ein wunderbares Gef&#252;hl ist.

Kennen Sie die Riviera gut?

Nein, ich fahre zum ersten Mal hin.

Nicht m&#246;glich!

Ich nehme an, Sie reisen jedes Jahr dorthin?

Beinahe. Januar und Februar in London sind scheu&#223;lich.

Ich habe immer auf dem Land gelebt. Auch dort sind das keine erhebenden Monate. Gr&#246;&#223;tenteils Schlamm.

Und was hat Sie auf einmal bewogen zu reisen?

Geld, sagte Katherine. Zehn Jahre lang war ich bezahlte Gesellschafterin mit gerade genug eigenem Geld, um mir feste Landschuhe kaufen zu k&#246;nnen; jetzt hat man mir etwas hinterlassen, was mir wie ein Verm&#246;gen vorkommt, wenn ich auch annehme, Ihnen w&#252;rde es nicht als so viel erscheinen.

Jetzt w&#252;sste ich aber doch gern, warum Sie das gesagt haben  dass es mir nicht so vork&#228;me.

Katherine lachte. Ich wei&#223; nicht. Ich glaube, man macht sich einen Eindruck, ohne dar&#252;ber nachzudenken. Im Geiste habe ich Sie zu den besonders Reichen auf Erden gez&#228;hlt. Einfach so ein Eindruck. Wahrscheinlich irre ich mich.

Nein, sagte Ruth. Sie irren sich nicht. Pl&#246;tzlich war sie ganz ernst geworden. Ich w&#252;nschte, Sie w&#252;rden mir erz&#228;hlen, welche anderen Eindr&#252;cke Sie von mir gewonnen haben.

Ich.

Ruth redete weiter, ohne auf die Verlegenheit der anderen zu achten. Ach, bitte, seien Sie nicht so konventionell. Ich w&#252;rde es gern wissen. Als wir aus Victoria herausgefahren sind, habe ich zu Ihnen hin&#252;bergeschaut, und da hatte ich das Gef&#252;hl, dass Sie  na ja, dass Sie wussten, was in mir vorging.

Ich versichere Ihnen, ich kann keine Gedanken lesen, sagte Katherine l&#228;chelnd.

Nein, aber sagen Sie mir doch bitte einfach, was Sie gedacht haben. Ruths Eifer war so nachdr&#252;cklich und ehrlich, dass Katherine nachgab.

Ich will es Ihnen sagen, wenn Sie wollen, aber halten Sie mich bitte nicht f&#252;r unversch&#228;mt. Ich habe gedacht, dass Sie aus irgendwelchen Gr&#252;nden in gro&#223;er seelischer Bedr&#228;ngnis seien, und Sie haben mir Leid getan.

Sie haben Recht. Sie haben ganz Recht. Ich bin in einer schrecklichen Lage. Ich  ich w&#252;rde Ihnen gern davon erz&#228;hlen, wenn ich darf.

Du liebe G&#252;te, dachte Katherine, wie au&#223;erordentlich &#228;hnlich sich alle zu sein scheinen! In St. Mary Mead haben die Leute mir immer alles M&#246;gliche erz&#228;hlt. Hier ist es wieder das Gleiche, und eigentlich will ich mir die Probleme der anderen gar nicht anh&#246;ren!

H&#246;flich antwortete sie:

Erz&#228;hlen Sie ruhig.

Sie waren eben mit dem Essen fertig. Ruth st&#252;rzte ihren Kaffee hinunter, stand auf, ohne zu bemerken, dass Katherine ihren Kaffee noch nicht anger&#252;hrt hatte, und sagte:

Kommen Sie doch mit in mein Abteil.

Es handelte sich um zwei Einzelabteile mit einer Verbindungst&#252;r. Im zweiten sa&#223; eine d&#252;nne Zofe, die Kathe-rine in Victoria Station bemerkt hatte, kerzengerade auf dem Sitz und umklammerte eine gro&#223;e, dunkelrote Lederkassette mit den Initialen R.V.K. Mrs Kettering schloss die Verbindungst&#252;r und sank in die Polster. Ka-therine setzte sich neben sie.

Ich bin verzweifelt und wei&#223; nicht, was ich tun soll. Es gibt da einen Mann, an dem mir liegt  an dem mir sehr viel liegt. Wir haben uns sehr gemocht, als wir jung waren, und man hat uns ganz brutal und ungerecht getrennt. Jetzt haben wir uns wieder gefunden.

Ja?

Ich  ich werde ihn jetzt treffen. Sie finden wahrscheinlich, dass das ganz schlecht ist, aber Sie kennen ja die Umst&#228;nde nicht. Mein Gatte ist unm&#246;glich. Er hat mich sch&#228;ndlich behandelt.

Ja, sagte Katherine wieder.

Aber der Grund, weshalb ich mich so schlecht f&#252;hle. Ich habe meinen Vater hintergangen  das ist der, der mich nach Victoria begleitet hat. Er will, dass ich mich von meinem Mann scheiden lasse, und hat nat&#252;rlich keine Ahnung davon, dass  dass ich zu diesem anderen fahre. Er w&#252;rde es f&#252;r eine schlimme Torheit halten.

Ist es das denn nicht auch?

Ich  ich glaube schon.

Ruth Kettering sah auf ihre H&#228;nde hinunter; sie zuckten nerv&#246;s.

Aber ich kann jetzt nicht mehr zur&#252;ck.

Warum nicht?

Ich  alles ist abgemacht, und ihm w&#252;rde es das Herz brechen.

Glauben Sie das blo&#223; nicht, sagte Katherine robust, Herzen sind ziemlich z&#228;h.

Er wird meinen, ich h&#228;tte keine Courage, keine Entschlossenheit.

Was Sie da vorhaben, kommt mir wirklich ziemlich dumm vor, sagte Katherine. Ich glaube, Sie wissen das selbst.

Ruth Kettering vergrub ihr Gesicht in den H&#228;nden. Ich wei&#223; es nicht  ich wei&#223; es nicht. Schon die ganze Reise habe ich ein schlimmes Gef&#252;hl  eine Ahnung, dass mir bald etwas zust&#246;&#223;t  dass ich nicht entkommen kann.

Sie umklammerte Katherines Hand.

Sie m&#252;ssen mich f&#252;r verr&#252;ckt halten, dass ich so mit Ihnen rede. Aber ich sage Ihnen, ich wei&#223;, dass etwas Furchtbares geschehen wird.

So etwas sollten Sie nicht denken, sagte Katherine, versuchen Sie, sich zusammenzurei&#223;en. Sie k&#246;nnen Ihrem Vater von Paris aus telegrafieren, wenn Sie das m&#246;chten, und er kommt sicher sofort zu Ihnen.

Ruths Gesicht hellte sich auf.

Ja, das k&#246;nnte ich tun. Der liebe, alte Dad. Es ist merkw&#252;rdig  bis heute habe ich nie so richtig gewusst, wie schrecklich gern ich ihn habe. Sie richtete sich auf und trocknete die Augen mit einem Taschentuch. Ich bin sehr dumm gewesen. Vielen Dank daf&#252;r, dass ich mit Ihnen reden durfte. Ich wei&#223; gar nicht, wie ich in einen solchen Zustand von Hysterie geraten bin.

Sie stand auf. Es geht mir schon viel besser. Ich glaube, ich habe einfach nur jemanden zum Reden gebraucht. Jetzt verstehe ich selbst nicht mehr, warum ich mich derartig zum Narren gemacht habe.

Katherine stand ebenfalls auf.

Ich freue mich, dass es Ihnen besser geht, sagte sie in m&#246;glichst konventionellem Ton. Sie wusste nur zu gut, dass auf Vertraulichkeiten Verlegenheit folgt. Taktvoll setzte sie hinzu:

Ich muss zur&#252;ck in mein Abteil.

Sie trat im gleichen Moment auf den Gang, als Mrs Ketterings Zofe ihr Abteil verlie&#223;. &#220;ber die Schulter blickte sie in Katherines Richtung, und auf ihr Gesicht trat ein Ausdruck h&#246;chster &#220;berraschung. Auch Katherine wandte sich um, aber wer auch immer das Interesse der Zofe erregt haben mochte, war inzwischen in seinem oder ihrem Abteil verschwunden, und der Korridor war leer. Katherine ging weiter, um zu ihrem Platz zu gelangen, der sich im n&#228;chsten Wagen befand. Als sie das letzte Abteil passierte, &#246;ffnete sich dessen T&#252;r; einen Augenblick lang schaute das Gesicht einer Frau heraus, gleich darauf wurde die T&#252;r mit einem Ruck geschlossen. Es war ein Gesicht, das man nicht so leicht verga&#223;, wie Ka-therine feststellen sollte, als sie es sp&#228;ter wieder sah. Ein sch&#246;nes Gesicht, oval und dunkel, stark und beinahe bizarr geschminkt. Katherine hatte das Gef&#252;hl, es schon einmal irgendwo gesehen zu haben.

Ohne weitere Zwischenf&#228;lle erreichte sie ihr Abteil und sa&#223; dort eine Weile in Gedanken an die vertraulichen Er&#246;ffnungen, die ihr eben gemacht worden waren. M&#252;&#223;ig fragte sie sich, wer diese Frau mit dem Nerzmantel sein mochte; au&#223;erdem &#252;berlegte sie, wie ihre Geschichte wohl enden w&#252;rde.

Wenn ich jemanden davon abgehalten h&#228;tte, sich zum Narren zu machen, h&#228;tte ich wohl ein gutes Werk getan, sagte sie sich. Aber wer wei&#223;! Diese Sorte Frau ist ihr Leben lang stur und egoistisch, und vielleicht w&#228;re es gut f&#252;r sie, zur Abwechslung mal etwas anderes zu tun. Na ja  ich nehme an, ich sehe sie nie wieder. Sie wird jedenfalls mich nie wieder sehen wollen. Das wollen die Leute nie, und das ist das &#196;rgste daran, wenn man sie &#252;ber sich selbst reden l&#228;sst.

Sie hoffte, beim Abendessen nicht auf den gleichen Platz gesetzt zu werden. Nicht ohne Humor bedachte sie, dass das f&#252;r beide peinlich sein k&#246;nnte. Als sie den Kopf an ein Kissen lehnte, f&#252;hlte sie sich m&#252;de und leicht deprimiert. Sie hatten Paris erreicht, und die langsame Fahrt rund um die ceinture, wo sie zahllose Male anhalten und warten mussten, war erm&#252;dend. Als sie im Gare de Lyon eingelaufen waren, freute sie sich, aussteigen und auf dem Bahnsteig hin und her gehen zu k&#246;nnen. Die scharfe, kalte Luft war nach dem dampfgeheizten Zug erfrischend. Mit einem L&#228;cheln sah sie, dass ihre Freundin mit dem Nerzmantel der m&#246;glichen Peinlichkeit eines gemeinsamen Abendessens aus dem Wege ging. Ein Dinnerkorb wurde zum Abteilfenster hochgehoben und dort von der Zofe entgegengenommen.

Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte und schrilles Glockenl&#228;uten das Abendessen ank&#252;ndigte, begab Katherine sich ganz erleichtert in den Speisewagen. Ihr gegen&#252;ber sa&#223; diesmal ein kleiner Mann, von eindeutig unbritischem Aussehen, mit starr gewichstem Schnurrbart und einem eif&#246;rmigen Sch&#228;del, den er ein wenig schief hielt. Katherine hatte ein Buch zum Abendessen mitgebracht. Sie bemerkte, wie die Augen des kleinen Mannes sich mit einem am&#252;sierten Zwinkern darauf richteten.

Wie ich sehe, Madame, haben Sie da einen roman poli-cier. M&#246;gen Sie so etwas?

Sie am&#252;sieren mich, gab Katherine zu.

Der kleine Mann nickte, als ob er diese Meinung vollkommen verst&#252;nde.

Sie verkaufen sich gut, sagt man. Woran liegt das wohl, eh, Mademoiselle? Ich frage Sie als einer, der das Wesen des Menschen studiert  woran mag es wohl liegen?

Katherine war belustigt.

Vielleicht geben sie einem die Illusion, ein aufregendes Leben zu f&#252;hren, schlug sie vor.

Er nickte feierlich.

Ja, da ist etwas dran.

Nat&#252;rlich wei&#223; man, dass solche Sachen in Wirklichkeit nicht geschehen, fuhr Katherine fort, aber er unterbrach sie schroff.

Manchmal doch, Mademoiselle! Manchmal! Mir  der ich mit Ihnen rede  mir sind sie geschehen.

Sie warf ihm einen raschen, interessierten Blick zu.

Eines Tages, wer wei&#223;, geraten Sie vielleicht auch einmal mitten hinein, fuhr er fort. Alles ist Zufall.

Das halte ich f&#252;r unwahrscheinlich, sagte Katherine. So etwas geschieht mir nie.

Er beugte sich vor.

H&#228;tten Sie das denn gern?

Die Frage erschreckte sie, und sie atmete scharf ein.

Es ist vielleicht Einbildung, sagte der kleine Mann, dabei polierte er geschickt eine der Gabeln, aber ich glaube, Sie sehnen sich nach interessanten Ereignissen. Eh bien, Mademoiselle, mein ganzes Leben lang habe ich eines beobachtet.  <Was man will, das kriegt man!> Wer wei&#223;? Er schnitt eine komische Grimasse. Vielleicht kriegen Sie mehr, als Ihnen lieb ist.

Ist das eine Prophezeiung?, fragte Katherine, wobei sie sich l&#228;chelnd erhob.

Der kleine Mann sch&#252;ttelte den Kopf.

Ich prophezeie nie, erkl&#228;rte er pomp&#246;s. Zwar gestehe ich, dass ich immer Recht behalte  aber ich prahle nicht damit. Gute Nacht, Mademoiselle, und schlafen Sie gut

Von ihrem kleinen Nachbarn am&#252;siert und angeregt ging Katherine durch den Zug zur&#252;ck. Sie kam an der offenen T&#252;r des Abteils ihrer neuen Bekannten vorbei und sah, wie der Schaffner das Bett zurechtmachte. Die Dame im Nerzmantel stand am Fenster und schaute hinaus. Durch die Verbindungst&#252;r sah Katherine, dass das zweite Abteil leer war. Decken und Taschen t&#252;rmten sich auf dem Sitz. Die Zofe war nicht da.

Katherine fand ihr Bett schon bereit, und da sie m&#252;de war, legte sie sich hin und schaltete gegen halb zehn das Licht aus.

Pl&#246;tzlich schrak sie aus dem Schlaf; sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Sie schaute auf die Uhr und stellte fest, dass diese stehen geblieben war. Ein Gef&#252;hl starken Unbehagens erfasste sie und wuchs von Minute zu Minute. Schlie&#223;lich stand sie auf, zog ihren Morgenrock an und trat auf den Gang. Der ganze Zug schien zu schlummern. Katherine lie&#223; das Fenster herunter und sa&#223; einige Minuten dort, sog die k&#252;hle Nachtluft ein und versuchte vergeblich, ihre unbehaglichen &#196;ngste zu unterdr&#252;cken. Dann beschloss sie, zum Ende des Wagens zu gehen und den Schaffner nach der Zeit zu fragen, damit sie ihre Uhr stellen konnte. Dessen kleinen Sitz fand sie jedoch leer. Sie z&#246;gerte einen Moment und ging dann weiter in den n&#228;chsten Wagen. Sie blickte den langen, matt beleuchteten Gang entlang und sah zu ihrem Erstaunen, dass vor dem Abteil der Dame mit dem Nerzmantel ein Mann stand, eine Hand an der T&#252;r. Das hei&#223;t, sie meinte, es sei das betreffende Abteil. Aber wahrscheinlich irrte sie sich. Er stand einige Momente dort mit dem R&#252;cken zu ihr, seine Haltung wirkte unsicher und zaudernd. Dann drehte er sich langsam um, und mit einem seltsamen Gef&#252;hl des Schicksalhaften erkannte Ka-therine in ihm den Mann, den sie bereits zweimal bemerkt hatte  einmal auf dem Korridor des Savoy, das zweite Mal bei Cooks. Dann &#246;ffnete er die Abteilt&#252;r und ging hinein, wobei er die T&#252;r hinter sich schloss.

Ein Gedanke durchzuckte Katherine. Konnte dies der Mann sein, von dem die andere Frau gesprochen hatte  der Mann, zu dem sie fuhr?

Dann sagte Katherine sich, dass dies romantische Spinnerei sei. H&#246;chstwahrscheinlich irrte sie sich in dem Abteil.

Sie kehrte in ihren Wagen zur&#252;ck. F&#252;nf Minuten sp&#228;ter verlangsamte der Zug sein Tempo. Man h&#246;rte das lange, klagende Zischen der Westinghouse-Bremse, und bald darauf hielt der Zug in Lyon.



Elftes Kapitel



Mord

Am n&#228;chsten Morgen erwachte Katherine bei strahlendem Sonnenschein. Sie begab sich zeitig zum Fr&#252;hst&#252;ck, traf aber keine ihrer Bekanntschaften vom Vortag. Als sie in ihr Abteil zur&#252;ckkehrte, hatte der Schaffner, ein Mann mit herabh&#228;ngendem Schnurrbart und melancholischem Gesicht, es gerade f&#252;r den Tag hergerichtet.

Madame hat Gl&#252;ck, sagte er, die Sonne scheint. Es ist immer eine gro&#223;e Entt&#228;uschung f&#252;r die Passagiere, wenn sie an einem grauen Morgen ankommen.

Ich w&#228;re sicherlich entt&#228;uscht gewesen, sagte Katherine.

Der Mann wandte sich zum Gehen.

Wir haben einige Versp&#228;tung, Madame, fuhr der Mann fort. Kurz bevor wir in Nizza sind, sage ich Ihnen Bescheid.

Katherine nickte. Sie sa&#223; am Fenster, bezaubert vom sonnigen Panorama. Die Palmen, das tiefe Blau des Meeres, die goldgelben Mimosen wirkten mit dem vollen Reiz der Neuheit auf die Frau, die vierzehn Jahre lang nur Englands tr&#252;bselige Winter gekannt hatte.

Als sie Cannes erreichten, stieg Katherine aus und ging den Bahnsteig auf und ab. Sie war neugierig hinsichtlich der Dame im Nerzmantel und sah zu den Fenstern ihres Abteils hoch. Die Blenden waren noch heruntergelassen  die einzigen im ganzen Zug. Katherine wunderte sich ein wenig, und als sie wieder in den Zug stieg, ging sie den Korridor entlang und bemerkte, dass die beiden Abteile auch zum Gang hin noch verh&#228;ngt und geschlossen waren. Die Dame mit dem Nerzmantel war offensichtlich keine Fr&#252;haufsteherin.

Bald kam der Schaffner zu ihr und sagte, der Zug werde in wenigen Minuten Nizza erreichen. Katherine gab ihm ein Trinkgeld; der Mann dankte ihr, ging aber nicht weiter. Sein Benehmen kam ihr seltsam vor. Katherine glaubte zuerst, ihm sei das Trinkgeld nicht hoch genug gewesen, merkte dann aber, dass es sich um etwas viel Ernsteres handeln musste. Sein Gesicht war fahl, er zitterte am ganzen Leib und schien zu Tode erschrocken. Er sah sie ganz merkw&#252;rdig an. Pl&#246;tzlich sagte er abrupt: Madame werden entschuldigen, aber erwartet sie, von Freunden in Nizza abgeholt zu werden?

Wahrscheinlich, sagte Katherine. Warum?

Aber der Mann sch&#252;ttelte nur den Kopf, murmelte etwas, was Katherine nicht verstand, und entfernte sich, um erst wieder zu erscheinen, als der Zug im Bahnhof stand; er begann, ihr Handgep&#228;ck durch das Fenster hinauszureichen.

Katherine stand einen oder zwei Momente etwas ratlos auf dem Bahnsteig, aber dann n&#228;herte sich ein junger blonder Mann mit offenem Gesicht und sagte z&#246;gernd:

Miss Grey, nicht wahr?

Katherine nickte; der junge Mann strahlte sie engelhaft an und murmelte: Ich bin Chubby, wissen Sie  Lady Tamplins Mann. Ich nehme an, sie hat mich erw&#228;hnt, vielleicht hat sie es aber vergessen. Haben Sie Ihr bittet de bagages? Als ich dieses Jahr hier angekommen bin, hatte ich meines n&#228;mlich verloren, und Sie glauben gar nicht, was die deshalb f&#252;r einen Zirkus gemacht haben. Franz&#246;sische B&#252;rokratie!

Katherine gab ihm den Schein und wollte eben mit ihm aufbrechen, als eine sehr h&#246;fliche und eindringliche Stimme ihr ins Ohr murmelte:

Einen Augenblick bitte, Madame.

Katherine drehte sich um und sah ein Individuum, das die Unscheinbarkeit seiner Gestalt durch eine Uniform und reichlich goldene Litzen wettmachte. Das Individuum erkl&#228;rte: Es handelt sich um gewisse Formalit&#228;ten. Madame wird vielleicht so liebensw&#252;rdig sein, mich zu begleiten. Die Polizeivorschriften. Er hob die Arme. Absurd, ohne Zweifel, aber so ist es nun einmal.

Mr Chubby Evans lauschte, ohne viel zu verstehen, da sein Franz&#246;sisch recht beschr&#228;nkt war.

Sieht den Franzosen &#228;hnlich, murmelte Mr Evans. Er geh&#246;rte zu jenen stramm patriotischen Briten, die, sobald sie sich einen Teil eines fremden Landes zu Eigen gemacht haben, die urspr&#252;nglichen Bewohner zu schm&#228;hen belieben. Immer neue dusselige Schikanen. Aber im Bahnhof haben sie sich bisher nie &#252;ber Leute hergemacht. Das ist was ganz Neues. Ich sch&#228;tze mal, Sie werden mitgehen m&#252;ssen.

Katherine entfernte sich mit ihrem F&#252;hrer. Sie war ein wenig verbl&#252;fft, als er sie zu einem Nebengleis brachte, auf das ein Wagen des bereits abgefahrenen Zuges geschoben worden war. Er bat sie einzusteigen, ging durch den Korridor voraus und &#246;ffnete die T&#252;r eines Abteils. Darin sa&#223; ein pomp&#246;s dreinblickender Beamter und neben ihm ein unscheinbares Gesch&#246;pf, das ein Schreiber zu sein schien. Der Pomp&#246;se erhob sich h&#246;flich, verbeugte sich vor Katherine und sagte:

Sie werden entschuldigen, Madame; aber es gibt gewisse Formalit&#228;ten, die einzuhalten sind. Madame spricht Franz&#246;sisch, nicht wahr?

Einigerma&#223;en, glaube ich, Monsieur, antwortete Ka-therine auf Franz&#246;sisch.

Das ist gut. Bitte setzen Sie sich, Madame. Mein Name ist Caux, Kommissar der hiesigen Polizei. Er w&#246;lbte bedeutsam die Brust, und Katherine versuchte, angemessen beeindruckt dreinzuschauen.

M&#246;chten Sie meinen Pass sehen?, fragte sie. Hier ist er.

Der Kommissar musterte sie aufmerksam und knurrte leise.

Danke, Madame, sagte er und nahm den Pass entgegen. Er r&#228;usperte sich. Aber was ich wirklich m&#246;chte, sind ein paar Ausk&#252;nfte.

Ausk&#252;nfte?

Der Kommissar nickte langsam.

&#220;ber eine Dame, eine Mitreisende. Sie haben gestern mit ihr gegessen.

Ich f&#252;rchte, ich kann Ihnen nichts &#252;ber sie sagen. Wir haben uns beim Essen unterhalten, aber im &#220;brigen kenne ich sie gar nicht. Ich habe sie vorher nie gesehen.

Und trotzdem, sagte der Kommissar scharf, haben Sie sie nach dem Essen in ihr Abteil begleitet und mit ihr dort eine Weile gesessen und geredet?

Ja, sagte Katherine, das stimmt.

Der Kommissar schien mehr zu erwarten. Er sah sie aufmunternd an.

Ja, Madame?

Nun, Monsieur?, sagte Katherine.

Sie k&#246;nnten mir vielleicht etwas &#252;ber dieses Gespr&#228;ch erz&#228;hlen?

Das k&#246;nnte ich, sagte Katherine, aber im Augenblick sehe ich keinen Grund dazu.

Auf eine eher britische Weise f&#252;hlte sie sich behelligt. Dieser ausl&#228;ndische Beamte kam ihr unversch&#228;mt vor.

Keinen Grund?, rief der Kommissar. O doch, Madame, ich kann Ihnen versichern, dass es durchaus einen Grund gibt.

Dann k&#246;nnten Sie ihn mir vielleicht nennen.

Der Kommissar rieb sich nachdenklich einige Momente das Kinn.

Madame, sagte er schlie&#223;lich, der Grund ist sehr einfach. Die fragliche Dame wurde heute Morgen in ihrem Abteil tot aufgefunden.

Tot!, stie&#223; Katherine hervor. Was war es  Herzversagen?

Nein, sagte der Kommissar mit versonnener, vertr&#228;umter Stimme. Nein  sie ist ermordet worden.

Ermordet?, rief Katherine.

Sie sehen also, Madame, warum wir versuchen, uns jede verf&#252;gbare Information zu verschaffen.

Aber ihre Zofe wird doch sicher.

Die Zofe ist verschwunden.

Oh! Katherine hielt inne, um ihre Gedanken zu sammeln.

Da der Schaffner Sie mit der Dame in ihrem Abteil hat reden sehen, hat er diese Tatsache nat&#252;rlich der Polizei mitgeteilt, und deshalb, Madame, haben wir Sie aufgehalten, in der Hoffnung, einige Ausk&#252;nfte zu erhalten.

Es tut mir sehr Leid, sagte Katherine, ich wei&#223; nicht einmal ihren Namen.

Ihr Name ist Kettering. Das wissen wir durch ihren Pass und die Gep&#228;ckaufkleber. Wenn wir.

Es klopfte an die T&#252;r des Abteils. Monsieur Caux runzelte die Stirn. Er &#246;ffnete die T&#252;r eine Handbreit.

Was ist los?, sagte er im Befehlston. Ich will jetzt nicht gest&#246;rt werden.

Der eif&#246;rmige Sch&#228;del von Katherines Dinnerbekanntschaft tauchte in der &#214;ffnung auf. Ein wohlwollendes L&#228;cheln lag auf seinem Gesicht.

Mein Name, sagte er, ist Hercule Poirot.

Doch nicht., stammelte der Kommissar, nicht der Hercule Poirot?

Ebendieser, sagte Monsieur Poirot. Ich erinnere mich, Ihnen einmal begegnet zu sein, Monsieur Caux, und zwar bei der Surete in Paris, obwohl Sie mich zweifellos vergessen haben?

Keineswegs, Monsieur, keineswegs, erkl&#228;rte der Kommissar herzlich. Aber kommen Sie doch bitte herein. Sie wissen von dieser.?

Ja, ich wei&#223;, sagte Hercule Poirot. Ich wollte sehen, ob ich irgendwie behilflich sein kann?

Wir w&#252;rden uns geschmeichelt f&#252;hlen, antwortete der Kommissar sofort. Monsieur Poirot, ich m&#246;chte Sie bekannt machen mit  er konsultierte den Pass, den er immer noch in der Hand hielt  Madame  eh  Mademoiselle Grey.

Poirot l&#228;chelte Katherine an.

Es ist seltsam, nicht wahr, murmelte er, wie schnell meine Worte in Erf&#252;llung gegangen sind?

Mademoiselle kann uns, helasl, sehr wenig erz&#228;hlen, sagte der Kommissar.

Ich habe eben erkl&#228;rt, sagte Katherine, dass mir diese arme Dame vollkommen fremd war.

Poirot nickte.

Aber sie hat mit Ihnen gesprochen, nicht wahr?, sagte er sanft. Sie haben einen Eindruck gewonnen  oder nicht?

Ja, sagte Katherine nachdenklich. Das kann man sagen. Und dieser Eindruck war.?

Ja, Mademoiselle  der Kommissar beugte sich abrupt vor  lassen Sie uns unbedingt Ihre Eindr&#252;cke wissen.

Katherine sa&#223; da und &#252;berlegte hin und her. In gewisser Weise hatte sie das Gef&#252;hl, einen Vertrauensbruch zu begehen, aber da ihr das h&#228;ssliche Wort Mord noch in den Ohren klang, wagte sie nicht, etwas zu verheimlichen. Zu viel konnte davon abh&#228;ngen. Sie wiederholte deshalb so w&#246;rtlich wie m&#246;glich das Gespr&#228;ch, das sie mit der Toten gef&#252;hrt hatte.

Das ist interessant, sagte der Kommissar; er blickte den anderen an. Eh, Monsieur Poirot, das ist interessant? Ob es etwas mit dem Verbrechen zu tun hat. Er lie&#223; den Satz unbeendet.

Es kann wohl kein Selbstmord sein?, sagte Katherine zweifelnd.

Nein, sagte der Kommissar, Selbstmord kann es nicht sein. Sie wurde mit einem St&#252;ck schwarzer Schnur erdrosselt.

Oh! Katherine schauderte.

Monsieur Caux spreizte entschuldigend die Arme. Es ist nicht nett  nein. Ich glaube, unsere Eisenbahnr&#228;uber sind brutaler als die in Ihrem Land.

Es ist schrecklich.

Ja, ja  er klang beschwichtigend und so, als wolle er um Entschuldigung bitten  aber Sie haben viel Mut, Mademoiselle. Als ich Sie gesehen habe, da habe ich mir sofort gesagt: <Mademoiselle hat viel Mut.> Deshalb will ich Sie um noch etwas bitten  etwas Betr&#252;bliches, aber es ist sehr notwendig, versichere ich Ihnen.

Katherine schaute ihn beklommen an.

Wieder breitete er bedauernd die Arme aus.

Ich m&#246;chte Sie bitten, Mademoiselle, mich freundlicherweise ins Nachbarabteil zu begleiten.

Muss das sein?, fragte Katherine leise.

Jemand muss sie identifizieren, sagte der Kommissar, und da die Zofe verschwunden ist  er hustete bedeutungsvoll  scheinen Sie diejenige zu sein, die w&#228;hrend der Fahrt am meisten mit ihr beisammen war.

Nun gut, sagte Katherine ruhig, wenn es notwendig ist.

Sie stand auf. Poirot nickte ihr beif&#228;llig zu.

Mademoiselle ist vern&#252;nftig, sagte er. Darf ich Sie begleiten, Monsieur Caux?

Es ist mir ein Vergn&#252;gen, mein lieber Poirot.

Sie traten auf den Gang hinaus, und Monsieur Caux schloss die T&#252;r des Abteils der Toten auf. Die Blenden am Fenster waren halb aufgezogen worden, um Licht hereinzulassen. Die Tote lag auf dem linken Bett, in einer so nat&#252;rlichen Stellung, dass man h&#228;tte meinen k&#246;nnen, sie schliefe. Das Bettzeug war &#252;ber sie gebreitet und der Kopf zur Wand gedreht, so dass man nur die rotbraunen Locken sah. Sehr sanft legte Monsieur Caux ihr die Hand auf die Schulter und drehte die Leiche um, bis das Gesicht zu sehen war. Katherine zuckte ein wenig zur&#252;ck und bohrte ihre Fingern&#228;gel in die Handfl&#228;chen. Ein schwerer Hieb hatte die Z&#252;ge fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Poirot stie&#223; einen scharfen Laut aus.

Wann ist das geschehen, w&#252;sste ich gern, sagte er. Vor oder nach dem Tod?

Der Doktor sagt, nachher, sagte Monsieur Caux.

Seltsam, sagte Poirot; er kniff die Brauen zusammen und wandte sich an Katherine. Seien Sie tapfer, Mademoiselle. Schauen Sie sie gut an. Sind Sie sicher, dass das die Frau ist, mit der Sie gestern im Zug gesprochen haben?

Katherine hatte gute Nerven. Sie wappnete sich, um die liegende Gestalt lang und genau zu betrachten. Dann beugte sie sich vor und nahm die Hand der Toten.

Ich bin ziemlich sicher, antwortete sie schlie&#223;lich. Das Gesicht ist zu sehr entstellt, um es zu erkennen, aber Gestalt und Gr&#246;&#223;e und Haar stimmen, und au&#223;erdem habe ich das bemerkt  sie zeigte auf ein kleines Muttermal am Handgelenk der Toten  als ich mich mit ihr unterhalten habe.

Bon, sagte Poirot anerkennend. Sie sind eine ausgezeichnete Zeugin, Mademoiselle. Es besteht also kein Zweifel bez&#252;glich der Identit&#228;t, aber trotzdem ist das Ganze seltsam. Ratlos starrte er auf die Tote.

Caux zuckte mit den Schultern.

Offenbar hat sich der M&#246;rder von Wut hinrei&#223;en lassen, schlug er vor.

Wenn sie niedergeschlagen worden w&#228;re, k&#246;nnte man es verstehen, murmelte Poirot, aber der Mann, der sie erw&#252;rgt hat, ist von hinten herangeschlichen und hat sie &#252;berrascht. Ein kurzes W&#252;rgen  ein leises Gurgeln  mehr h&#228;tte man nicht geh&#246;rt, und danach dann dieser schlimme Hieb ins Gesicht. Nur: warum? Hat er gehofft, wenn das Gesicht nicht zu erkennen ist, w&#252;rde sie nicht identifiziert? Oder hat er sie so sehr gehasst, dass er es nicht unterlassen konnte, diesen Hieb auszuf&#252;hren, obwohl sie schon tot war?

Katherine schauderte, und sogleich wandte er sich ihr freundlich zu.

Lassen Sie sich von mir nicht deprimieren, Mademoiselle, sagte er. F&#252;r Sie ist das alles sehr neu und schrecklich. F&#252;r mich, helas!, ist es eine alte Geschichte. Ich darf Sie beide um einen Moment Geduld bitten.

Sie standen an der T&#252;r und sahen zu, wie er schnell das Abteil untersuchte. Er registrierte die Kleider der Toten, s&#228;uberlich am Fu&#223;ende des Betts gefaltet, den langen Pelzmantel, der an einem Haken hing, und das rote Lackh&#252;tchen auf einem Bord. Dann ging er in das Nebenabteil, in dem Katherine die Zofe hatte sitzen sehen. Dort war das Bett nicht hergerichtet. Drei oder vier Decken lagen locker auf dem Sitz; man sah eine Hutschachtel und einige Reisetaschen. Pl&#246;tzlich wandte er sich zu Katherine um.

Sie waren gestern hier drin, sagte er. F&#228;llt Ihnen eine Ver&#228;nderung auf? Fehlt etwas?

Katherine sah sich in beiden Abteilen sorgf&#228;ltig um.

Ja, sagte sie, etwas fehlt  ein kleiner dunkelroter Lederkoffer mit den Initialen R.V.K. darauf. Es k&#246;nnte eine kleine Toilettentasche oder eine gro&#223;e Schmuckschatulle gewesen sein. Als ich sie gesehen habe, hatte die Zofe sie in der Hand.

Ah!, sagte Poirot.

Aber das ist doch, sagte Katherine, ich  ich verstehe nat&#252;rlich nichts von so etwas, aber das ist doch ziemlich eindeutig, wenn die Zofe und die Schmuckschatulle fehlen?

Sie meinen, die Zofe war die Diebin? Nein, Mademoiselle, dagegen spricht ein sehr gewichtiger Grund, sagte Caux.

Und zwar?

Die Zofe ist in Paris zur&#252;ckgeblieben.

Er wandte sich an Poirot. Sie sollten sich am besten selbst die Geschichte des Schaffners anh&#246;ren, murmelte er vertraulich. Sie ist sehr aufschlussreich.

Mademoiselle w&#252;rde sie sicher auch gern h&#246;ren, sagte Poirot. Sie haben doch nichts dagegen, Monsieur le Commissaire? Nein, sagte der Kommissar, der offensichtlich sehr viel dagegen hatte. Nein, nat&#252;rlich nicht, Monsieur Poirot, wenn Sie es sagen. Sind Sie hier fertig?

Ich glaube schon. Einen Augenblick noch.

Er hatte sich &#252;ber die Decken gebeugt; nun trug er eine davon zum Fenster und las etwas mit spitzen Fingern auf.

Was ist das?, fragte Caux scharf.

Vier rotbraune Haare. Er beugte sich &#252;ber die Tote. Ja, sie stammen von Madames Kopf.

Na und? Messen Sie dem irgendeine Bedeutung bei?

Poirot lie&#223; die Decke wieder auf den Sitz fallen.

Was ist wichtig? Was ist unwichtig? In diesem Stadium l&#228;sst sich das nicht sagen. Aber wir m&#252;ssen jedes kleine Faktum sorgf&#228;ltig registrieren.

Sie kehrten in das erste Abteil zur&#252;ck und nach ein paar Minuten erschien der Schaffner zur Befragung.

Sie hei&#223;en Pierre Michel?, sagte der Kommissar.

Ja, Monsieur le Commissaire.

Ich m&#246;chte, dass Sie diesem Herrn, er wies auf Poirot, die Geschichte wiederholen, die Sie mir &#252;ber die Vorg&#228;nge in Paris erz&#228;hlt haben.

Sehr wohl, Monsieur le Commissaire. Nachdem wir den Gare de Lyon verlassen hatten, bin ich hergekommen, um die Betten zu machen; ich hatte n&#228;mlich angenommen, Madame w&#228;re im Speisewagen, aber sie hatte einen Dinnerkorb im Abteil. Sie sagte mir, sie h&#228;tte ihre Zofe in Paris zur&#252;cklassen m&#252;ssen, deshalb brauchte ich nur ein Bett zu machen. Sie ist mit dem Korb ins Nebenabteil gegangen und hat da gesessen, w&#228;hrend ich das Bett hergerichtet habe. Danach hat sie mir gesagt, sie will nicht fr&#252;h geweckt werden, da sie ausschlafen m&#246;chte. Ich habe geantwortet, dass ich verstanden h&#228;tte, und sie hat mir eine gute Nacht gew&#252;nscht. Sie sind selbst nicht ins Nebenabteil gegangen?

Nein, Monsieur.

Dann haben Sie auch nicht zuf&#228;llig gesehen, ob dort beim Gep&#228;ck eine rote Ledertasche war?

Nein, Monsieur, habe ich nicht.

K&#246;nnte m&#246;glicherweise im Nebenabteil ein Mann verborgen gewesen sein?

Der Schaffner &#252;berlegte.

Die T&#252;r war halb offen, sagte er. Wenn ein Mann hinter der T&#252;r gestanden h&#228;tte, dann h&#228;tte ich ihn nicht sehen k&#246;nnen, er w&#228;re aber f&#252;r Madame nat&#252;rlich deutlich sichtbar gewesen, als sie da hineingegangen ist.

Ganz richtig, sagte Poirot. K&#246;nnen Sie uns sonst noch etwas erz&#228;hlen?

Ich glaube, das ist alles, Monsieur. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Und was war heute Morgen?, bohrte Poirot.

Wie Madame angeordnet hatte, habe ich sie nicht gest&#246;rt. Erst kurz vor der Ankunft habe ich an die T&#252;r geklopft. Als sie keine Antwort gab, habe ich die T&#252;r aufgemacht. Die Dame lag im Bett und schien noch zu schlafen. Ich habe ihre Schulter ber&#252;hrt, um sie zu wecken, und dann.

Und dann haben Sie gesehen, was geschehen war, erg&#228;nzte Poirot. Tres bien. Ich glaube, ich wei&#223; nun alles, was ich wissen wollte.

Ich hoffe, Monsieur le Commissaire, ich habe mich keiner Nachl&#228;ssigkeit schuldig gemacht, sagte der Mann kl&#228;glich. Dass so etwas im Blauen Express geschieht! Es ist schrecklich.

Tr&#246;sten Sie sich, sagte der Kommissar. Man wird alles tun, um die Sache so diskret wie m&#246;glich zu behandeln, und sei es auch nur im Interesse der Justiz. Ich glaube nicht, dass Sie in irgendeiner Weise nachl&#228;ssig waren.

Und wird Monsieur le Commissaire das auch der Gesellschaft berichten?

Aber sicher, aber sicher, sagte Monsieur Caux unwirsch. Das gen&#252;gt f&#252;r den Moment.

Der Schaffner verzog sich.

Der Arzt ist der Ansicht, sagte der Kommissar, dass die Dame wahrscheinlich tot war, bevor der Zug Lyon erreicht hatte. Wer also war der M&#246;rder? Aus Mademoi-selles Erz&#228;hlung scheint klar hervorzugehen, dass sie w&#228;hrend der Fahrt irgendwo diesen Mann treffen wollte, von dem sie gesprochen hat. Dass sie ihre Zofe loswerden wollte, ist doch bezeichnend. Ist der Mann in Paris zugestiegen, und hat sie ihn im Nebenabteil versteckt? Und wenn ja, dann haben sie sich vielleicht gestritten, und er k&#246;nnte sie in einem Wutanfall get&#246;tet haben. Das ist eine M&#246;glichkeit. Die andere, f&#252;r mich die wahrscheinlichere, ist die, dass der M&#246;rder ein Bahnr&#228;uber war, der mit dem Zug gereist ist. Er k&#246;nnte, vom Schaffner nicht bemerkt, durch den Gang geschlichen sein, sie get&#246;tet und sich mit dem roten Lederkoffer, der zweifellos ziemlich wertvolle Juwelen enthielt, davongemacht haben. H&#246;chstwahrscheinlich hat er den Zug in Lyon verlassen. Wir haben schon an den Bahnhof dort telegrafiert, wegen der genauen Beschreibung aller, die beim Verlassen des Zugs gesehen wurden.

Er k&#246;nnte auch bis Nizza mitgefahren sein, warf Poi-rot ein.

K&#246;nnte er, stimmte der Kommissar zu, aber das w&#228;re sehr riskant gewesen.

Poirot lie&#223; eine oder zwei Minuten verstreichen, ehe er sagte: Im zweiten Fall meinen Sie, der Mann sei ein gew&#246;hnlicher Bahnr&#228;uber gewesen?

Der Kommissar zuckte mit den Schultern.

Das kommt darauf an. Wir m&#252;ssen die Zofe finden. M&#246;glicherweise hat sie den roten Lederkoffer bei sich. In diesem Fall k&#246;nnte der Mann, &#252;ber den Madame mit Mademoiselle gesprochen hat, in die Sache verwickelt sein, und dann w&#228;re es wohl ein Verbrechen aus Leidenschaft. Ich pers&#246;nlich halte die L&#246;sung mit dem Bahnr&#228;uber f&#252;r plausibler. Diese Banditen werden in letzter Zeit immer dreister.

Poirot blickte pl&#246;tzlich Katherine an.

Und Sie, Mademoiselle, sagte er, haben Sie in der Nacht nichts geh&#246;rt und gesehen?

Nichts, sagte Katherine.

Poirot wandte sich an den Kommissar.

Ich glaube, wir brauchen Mademoiselle nicht l&#228;nger aufzuhalten, sagte er.

Der Kommissar nickte.

Sie hinterlassen uns bitte Ihre Adresse?, sagte er.

Katherine nannte ihm Lady Tamplins Villa. Poirot machte eine leichte Verbeugung.

Gestatten Sie, dass ich Sie wieder sehe, Mademoiselle?, sagte er. Oder haben Sie so viele Freunde, dass all Ihre Zeit schon vergeben ist?

Im Gegenteil, sagte Katherine. Ich werde genug Mu&#223;e haben und mich sehr freuen, Sie wieder zu sehen.

Ausgezeichnet, sagte Poirot und nickte ihr freundlich zu. Dies wird ein roman policier a nous. Wir werden in dieser Aff&#228;re gemeinsam ermitteln.



Zw&#246;lftes Kapitel



In der Villa Marguerite

Du bist also richtig mitten darin gewesen!, sagte Lady Tamplin neidisch. Wie aufregend, meine Liebe! Sie &#246;ffnete ihre veilchenblauen Augen weit und stie&#223; einen leichten Seufzer aus.

Ein echter Mord, sagte Mr Evans triumphierend.

An so etwas hat Chubby nat&#252;rlich nicht gedacht, fuhr Lady Tamplin fort, er konnte einfach nicht verstehen, weshalb die Polizei dich mit Beschlag belegt hat. Liebe G&#252;te, was f&#252;r eine Gelegenheit! Wei&#223;t du, ich glaube  ja, ich glaube wirklich, man m&#252;sste irgendwas daraus machen k&#246;nnen.

Ein berechnender Blick st&#246;rte die scheinbare Naivit&#228;t der blauen Augen.

Katherine f&#252;hlte sich ein wenig unbehaglich. Sie waren eben mit dem Essen fertig, und sie betrachtete der Reihe nach die drei Leute, die um den Tisch sa&#223;en. Lady Tamplin, voll neuer Pl&#228;ne, Mr Evans in strahlend naiver Begeisterung, und Lenox mit einem seltsam schiefen L&#228;cheln auf dem dunklen Gesicht.

So ein Gl&#252;ck, murmelte Chubby, wenn ich doch nur mit dir gehen  und alles  eh, alles h&#228;tte sehen k&#246;nnen. Er klang sehns&#252;chtig und kindlich.

Katherine sagte nichts. Die Polizei hatte ihr keinerlei Geheimhaltung auferlegt, und es war nat&#252;rlich unm&#246;glich, die nackten Tatsachen zu unterdr&#252;cken oder vor ihrer Gastgeberin zu verschweigen. Das tun zu k&#246;nnen w&#228;re ihr aber lieber gewesen.

Ja, sagte Lady Tamplin, die pl&#246;tzlich aus ihrer Tr&#228;umerei auffuhr, ich finde wirklich, dass man etwas daraus machen k&#246;nnte. Ein kleiner Artikel, wisst ihr, geschickt geschrieben. Bericht einer Augenzeugin, mit weiblichem touch: <Mein Geplauder mit der Toten, wie h&#228;tte ich denn auch ahnen k&#246;nnen.. .>, etwas in der Art, versteht ihr?

Quatsch!, sagte Lenox.

Ihr habt ja keine Ahnung, sagte Lady Tamplin mit sanfter, versonnener Stimme, was Zeitungen f&#252;r so eine Kleinigkeit zahlen! Nat&#252;rlich m&#252;sste es von jemandem in wirklich unangreifbarer gesellschaftlicher Stellung geschrieben werden. Du wirst es wohl nicht selbst schreiben wollen, nehme ich an, Katherine, aber gib mir doch einfach die schieren Fakten, dann erledige ich das Ganze f&#252;r dich. Mr de Haviland ist einer meiner besonderen Freunde. Wir kommen sehr gut miteinander aus. Ein ganz bezaubernder Mann  &#252;berhaupt nicht wie ein Reporter. Was h&#228;ltst du denn von dieser Idee, Katherine?

Ich w&#252;rde lieber nichts Derartiges tun, sagte Katheri-ne direkt.

Lady Tamplin war durch diese vorbehaltlose Absage ein wenig aus dem Konzept geraten. Sie seufzte und machte sich daran, weitere Einzelheiten zu erhellen.

Also sehr interessant sah die Frau aus, sagst du? Ich frage mich, wer sie nur gewesen sein k&#246;nnte. Ihren Namen hast du nicht geh&#246;rt?

Er wurde erw&#228;hnt, gab Katherine zu, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Ich war ziemlich aufgeregt, wei&#223;t du.

Man darf bezweifeln, dass Katherine den Namen preisgegeben h&#228;tte, selbst wenn sie sich an ihn erinnert h&#228;tte. Lady Tamplins erbarmungsloses Kreuzverh&#246;r zerrte an ihren Nerven. Lenox, die auf ihre Art Taktgef&#252;hl besa&#223;, bemerkte das und bot Katherine an, sie nach oben auf ihr Zimmer zu begleiten. Sie lie&#223; sie dort allein, und bevor sie ging, bemerkte sie noch freundlich: Nimm es Mutter nicht &#252;bel; wenn sie k&#246;nnte, w&#252;rde sie noch aus ihrer sterbenden Gro&#223;mutter ein paar Groschen Profit schlagen.

Lenox ging wieder nach unten und fand Mutter und Stiefvater damit besch&#228;ftigt, den neu angekommenen Gast zu taxieren.

Pr&#228;sentabel, sagte Lady Tamplin, durchaus pr&#228;sentabel. Ihre Kleider sind ganz ordentlich. Der graue Fummel ist genau das Modell, das Gladys Cooper in Unter &#196;gyptens Palmen getragen hat.

Hast du ihre Augen bemerkt  was?, warf Mr Evans ein.

Lass nur ihre Augen beiseite, Chubby, sagte Lady Tamplin streng, wir reden gerade &#252;ber Dinge, die wirklich z&#228;hlen.

Ganz recht, sagte Mr Evans und verkroch sich in seiner Schale.

Sie scheint mir nicht besonders  formbar zu sein, sagte Lady Tamplin; sie z&#246;gerte l&#228;nger, bis sie das treffende Wort gefunden hatte.

Sie hat alle Instinkte einer Lady, wie es so sch&#246;n in B&#252;chern hei&#223;t, sagte Lenox mit einem Grinsen.

Engstirnig, murmelte Lady Tamplin. Unvermeidlich unter solchen Umst&#228;nden, nehme ich an.

Du wirst zweifellos alles tun, um das zu beheben. Le-nox grinste noch immer. Aber es wird ein sch&#246;nes St&#252;ck Arbeit f&#252;r dich werden. Gerade eben hat sie ja die Vorderhufe in den Boden gerammt und die Ohren angelegt und sich geweigert, auch nur einen Schritt zu machen. Jedenfalls, sagte Lady Tamplin hoffnungsvoll, kommt sie mir &#252;berhaupt nicht geizig vor. Manche Leute, die zu Geld kommen, messen dem dann ja eine viel zu gro&#223;e Bedeutung bei.

Ach, es wird dir schon gelingen, sie zu melken, sagte Lenox, und das ist doch schlie&#223;lich alles, worauf es dir ankommt, oder? Deshalb ist sie doch hier.

Sie ist meine Kusine, sagte Lady Tamplin mit W&#252;rde.

Kusine, was?, sagte Mr Evans, der wieder erwachte. Dann kann ich sie ja Katherine nennen, oder?

Wie du sie nennst, ist v&#246;llig gleichg&#252;ltig, Chubby, sagte Lady Tamplin.

Gut, sagte Mr Evans, dann nenne ich sie Katherine. Meinst du, sie spielt Tennis?, setzte er hoffnungsvoll hinzu.

Nat&#252;rlich nicht, sagte Lady Tamplin. Sie war doch Gesellschafterin, vergiss das nicht. Gesellschafterinnen spielen weder Tennis noch Golf. Vielleicht spielen sie Krocket, ich habe aber immer angenommen, den gr&#246;&#223;ten Teil des Tages wickeln sie Wolle auf und waschen Hunde.

Ach du liebe Zeit!, sagte Mr Evans, ist das wirklich wahr?

Lenox schlenderte wieder zu Katherines Zimmer hinauf. Kann ich dir irgendwie helfen?, fragte sie beil&#228;ufig.

Als Katherine verneinte, setzte Lenox sich auf die Bettkante und sah den Gast nachdenklich an.

Warum bist du hergekommen?, fragte sie schlie&#223;lich. Zu uns, meine ich. Wir sind doch gar nicht deine Kragenweite.

Ach, ich w&#252;rde gern in die Gesellschaft eingef&#252;hrt.

Sei doch kein Trottel, sagte Lenox prompt, worauf sie die Spur eines L&#228;chelns in Katherines Gesicht entdeckte.

Du wei&#223;t sehr gut, was ich meine. Du bist &#252;berhaupt nicht, wof&#252;r ich dich gehalten habe. Nebenbei, du hast wirklich anst&#228;ndige Kleider. Sie seufzte. Mir bringen Kleider nichts. Ich bin ungelenk geboren. Ein Jammer, ich mag Kleider n&#228;mlich.

Ich auch, sagte Katherine, aber bisher hat mir das M&#246;gen nicht viel gen&#252;tzt. Findest du das hier h&#252;bsch?

Mit Kenntnis und Hingabe diskutierten sie und Lenox mehrere Modelle.

Du gef&#228;llst mir, sagte Lenox pl&#246;tzlich. Ich bin eigentlich raufgekommen, um dich vor Mutter zu warnen, aber jetzt glaube ich, das ist gar nicht n&#246;tig. Du bist furchtbar ehrlich und aufrichtig und all dies komische Zeug, aber dumm bist du nicht. Ach, zum Teufel, was ist denn schon wieder?

Lady Tamplins Stimme rief klagend aus der Diele:

Lenox, Derek hat gerade angerufen. Er will heute Abend zum Essen kommen. Geht das? Ich meine, wir haben nichts irgendwie Komisches vorgesehen, Wachteln oder so etwas?

Lenox beruhigte sie und kam wieder in Katherines Zimmer. Ihr Gesicht wirkte heller und weniger verdrossen.

Ich freue mich, dass der alte Derek kommt, sagte sie, der wird dir gefallen.

Wer ist Derek?

Der Sohn von Lord Leconbury, hat eine reiche Amerikanerin geheiratet. Die Frauen fliegen nur so auf ihn.

Warum?

Ach, das &#220;bliche  sieht sehr gut aus und taugt &#252;berhaupt nichts. Der verdreht allen den Kopf.

Dir auch?

Manchmal ja, sagte Lenox, und manchmal glaube ich, ich w&#252;rde am liebsten einen braven Pastor heiraten und auf dem Land wohnen und Gem&#252;se in Fr&#252;hbeeten ziehen. Sie machte eine kurze Pause und setzte dann hinzu: Ein irischer Landpfarrer w&#228;re am besten, und dann k&#246;nnte ich jagen.

Nach einer oder zwei Minuten kam sie auf ihr voriges Thema zur&#252;ck. Irgendwas ist komisch an Derek. Die ganze Familie ist ein bisschen &#252;bergeschnappt  besessene Spieler, verstehst du? In den alten Zeiten haben sie ihre Frauen und ihre Latifundien verspielt und einfach zum Spa&#223; die tollsten Sachen gemacht. Derek h&#228;tte einen prima Stra&#223;enr&#228;uber abgegeben  artig und munter, einfach die richtige Haltung. Sie ging zur T&#252;r. Na ja, komm einfach runter, wenn dir danach ist.

Als sie allein war, hing Katherine ihren Gedanken nach. Im Moment f&#252;hlte sie sich durch und durch unwohl und in dieser Umgebung v&#246;llig deplaciert. Der Schock der Entdeckung im Zug und die Art, wie ihre neuen Freunde den Bericht aufgenommen hatten, verst&#246;rten sie in ihrer Empfindsamkeit. Sie dachte lange und ernst &#252;ber die Ermordete nach. Ruth hatte ihr Leid getan, aber sie konnte wirklich nicht behaupten, dass sie sie gemocht h&#228;tte. Nur zu gut hatte sie den r&#252;cksichtslosen Egoismus erahnt, der ihren Charakter pr&#228;gte, und er stie&#223; sie ab.

Sie war erheitert und ein bisschen verletzt gewesen, als die andere sie k&#252;hl verabschiedete, nachdem sie ihren Zweck erf&#252;llt hatte. Katherine war ganz sicher, dass die Frau zu irgendeinem Entschluss gelangt war, aber nun fragte sie sich, was das f&#252;r ein Entschluss gewesen sein mochte. Was auch immer  der Tod hatte eingegriffen und alle Beschl&#252;sse zunichte gemacht. Seltsam, dass es so gekommen war, dass ein brutales Verbrechen die unheilvolle Reise beendet hatte. Aber pl&#246;tzlich fiel Katherine eine kleine Tatsache ein, die sie vielleicht der Polizei h&#228;tte mitteilen sollen  eine Tatsache, an die sie im Moment der Befragung nicht gedacht hatte. Ob es denn wirklich wichtig war? Sie war ziemlich sicher gewesen, dass sie einen Mann in dieses Abteil hatte hineingehen sehen, aber ihr war nun klar, dass sie sich leicht geirrt haben k&#246;nnte. Es konnte das benachbarte Abteil gewesen sein, und ganz bestimmt war der fragliche kein Bahnr&#228;uber. Sie erinnerte sich ganz deutlich an ihn, da sie ihn ja vorher schon zweimal gesehen hatte  einmal im Savoy und einmal bei Cooks. Nein, zweifellos hatte sie sich geirrt. Er war nicht in das Abteil der Toten gegangen, und vielleicht war es besser, dass sie der Polizei nichts gesagt hatte. Sie h&#228;tte damit unabsehbaren Schaden anrichten k&#246;nnen.

Sie ging hinunter und gesellte sich zu den anderen auf der Terrasse. Durch die Mimosenzweige blickte sie auf das Blau des Mittelmeers hinaus, und w&#228;hrend sie mit halbem Ohr Lady Tamplins Geplapper lauschte, war sie doch froh, hergekommen zu sein. Dies hier war besser als St. Mary Mead.

Am Abend zog sie das Kleid in Rose und Mauve namens soupir dautomne an, l&#228;chelte ihrem Spiegelbild zu und ging dann nach unten, zum ersten Mal in ihrem Leben empfand sie ein leichtes Gef&#252;hl von Sch&#252;chternheit.

Die meisten G&#228;ste waren bereits eingetroffen, und da L&#228;rm f&#252;r Lady Tamplins Partys essenziell war, herrschte bereits ein ohrenbet&#228;ubendes Stimmengewirr. Chubby eilte auf Katherine zu, n&#246;tigte sie zu einem Cocktail und nahm sie unter seine Fittiche.

Da bist du ja endlich, Derek, rief Lady Tamplin, als die T&#252;r sich &#246;ffnete, um den letzten Gast einzulassen. Endlich bekommen wir etwas zu essen. Ich sterbe schon vor Hunger.

Katherine sah zur anderen Seite des Raums. Sie schrak zusammen. Das also war Derek, und sie war sich bewusst, dass sie nicht &#252;berrascht war. Sie hatte die ganze Zeit gewusst, dass sie dem Mann, den sie infolge einer seltsamen Verkettung von Zuf&#228;llen dreimal gesehen hatte, irgendwann begegnen w&#252;rde. Auch er schien sie wieder zu erkennen. Er hielt pl&#246;tzlich im Sprechen inne, und es schien ihn M&#252;he zu kosten, sein Gespr&#228;ch mit Lady Tamplin wieder aufzunehmen. Als sie zum Dinner hineingingen, stellte Katherine fest, dass man ihn neben sie gesetzt hatte. Sofort wandte er sich ihr mit einem lebhaften L&#228;cheln zu.

Ich wusste, dass ich Sie bald kennen lernen w&#252;rde, bemerkte er, aber ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass es hier sein k&#246;nnte. Es musste einfach so kommen. Einmal im Savoy und einmal bei Cooks  und aller guten Dinge sind drei. Sagen Sie jetzt nur nicht, Sie k&#246;nnten sich nicht erinnern oder h&#228;tten mich nie bemerkt. Tun Sie bitte wenigstens so, als ob ich Ihnen aufgefallen w&#228;re.

Ich habe Sie wirklich bemerkt, sagte Katherine, aber es ist jetzt nicht das dritte, sondern schon das vierte Mal. Ich habe Sie im Blauen Express gesehen.

Im Blauen Express! Eine undefinierbare &#196;nderung ging mit ihm vor; sie h&#228;tte nicht sagen k&#246;nnen, was es genau war. Es schien, als habe er eine Art R&#252;ckschlag erlitten. Dann sagte er leichthin:

Was war das heute Morgen eigentlich f&#252;r eine Aufregung? Stimmt es, dass da jemand gestorben ist?

Ja, sagte Katherine langsam, jemand ist gestorben.

Man sollte in einem Zug nicht sterben, bemerkte De-rek schnippisch. Ich glaube, das verursacht alle m&#246;glichen juristischen und internationalen Verwicklungen und liefert der Zuggesellschaft eine Ausrede daf&#252;r, noch mehr Versp&#228;tung zu haben als ohnehin.

Mr Kettering? Eine st&#228;mmige amerikanische Dame, die den beiden gegen&#252;bersa&#223;, beugte sich vor und sagte mit der nachdr&#252;cklichen Intonation ihres Landes zu De-rek: Mr Kettering, mir scheint, Sie haben mich vergessen, und dabei habe ich Sie immer f&#252;r so einen wunderbaren Mann gehalten.

Derek beugte sich ebenfalls vor und antwortete ihr, und Katherine sa&#223; da wie bet&#228;ubt.

Kettering! Nat&#252;rlich, das war der Name! Jetzt erinnerte sie sich wieder daran  aber was f&#252;r eine seltsame, bizarre Situation! Hier sa&#223; der Mann, den sie in der vorigen Nacht ins Abteil seiner Frau hatte gehen sehen, der sie lebendig und wohlauf zur&#252;ckgelassen hatte, und der nun hier bei Tisch sa&#223;, ohne eine Ahnung von dem Ungl&#252;ck zu haben, das seine Gattin ereilt hatte. Daran konnte es keinen Zweifel geben. Er wusste von nichts.

Ein Diener neigte sich zu Derek, &#252;berreichte ihm ein Schreiben und fl&#252;sterte ihm etwas ins Ohr. Mit einem Wort der Entschuldigung zu Lady Tamplin riss er den Umschlag auf, und ein Ausdruck &#228;u&#223;erster Verbl&#252;ffung trat auf sein Gesicht, als er las; dann sah er die Gastgeberin an.

Das ist sehr merkw&#252;rdig. Es tut mir Leid, Rosalie, aber ich f&#252;rchte, ich muss Sie verlassen. Der Polizeipr&#228;fekt will mich sofort sehen. Ich habe keine Ahnung, worum es sich handelt.

Deine Verbrechen haben dich eingeholt, sagte Lenox.

Das muss es wohl sein, sagte Derek, wahrscheinlich irgendein kompletter Bl&#246;dsinn, aber ich muss mich wohl auf die Pr&#228;fektur schleppen. Wie kann der alte Knabe es verantworten, mich vom Dinnertisch hochzuscheuchen? Es muss schon etwas Todernstes sein, um das zu rechtfertigen, und er lachte, als er seinen Stuhl zur&#252;ckschob und aufstand, um den Raum zu verlassen.



Dreizehntes Kapitel



Van Aldin erh&#228;lt ein Telegramm

Am Nachmittag des 15. Februar lag dicker gelber Nebel &#252;ber London. Rufus Van Aldin hielt sich in seiner Suite im Savoy auf, machte das Beste aus den atmosph&#228;rischen Verh&#228;ltnissen, indem er noch l&#228;nger arbeitete als gew&#246;hnlich. Knighton war &#252;bergl&#252;cklich. In der letzten Zeit war es ihm schwer gefallen, seinen Arbeitgeber dazu zu bewegen, sich auf anstehende Gesch&#228;fte zu konzentrieren. Wenn er versucht hatte, bestimmte Dinge anzuregen, hatte Van Aldin ihn mit einem schroffen Wort abgefertigt. Heute aber schien Van Aldin sich mit doppelter Energie in die Arbeit zu st&#252;rzen, und der Sekret&#228;r nutzte diese Gelegenheit aus. Taktvoll setzte er die Sporen so ein, dass Van Aldin es nie bemerkte.

Aber sosehr ihn auch die gesch&#228;ftlichen Angelegenheiten gefangen nahmen, ging Van Aldin doch eine winzige Tatsache nicht aus dem Kopf. Daf&#252;r hatte eine zuf&#228;llige Bemerkung von Knighton gesorgt, die dieser gemacht hatte, ohne sich bewusst zu sein, was sie f&#252;r Van Aldin bedeutete. Dessen Gedanken kreisten beharrlich um diese Bemerkung, bis er ihnen schlie&#223;lich widerwillig nachgab.

Er schien Knightons Darlegungen mit seiner &#252;blichen konzentrierten Aufmerksamkeit zu folgen, aber in Wirklichkeit drang kein einziges Wort zu ihm durch. Er nickte jedoch automatisch, und der Sekret&#228;r wandte sich dem n&#228;chsten Schriftst&#252;ck zu. W&#228;hrend er sie sortierte, sagte sein Dienstherr: K&#246;nnten Sie mir das noch einmal erz&#228;hlen, Knigh-ton?

Einen Moment lang war Knighton ratlos.

Meinen Sie das hier, Sir? Er hob den eng geschriebenen Gesch&#228;ftsbericht einer Firma hoch.

Nein, nein, sagte Van Aldin, was Sie mir vorhin erz&#228;hlt haben, dass Sie Ruths Zofe gestern Abend in Paris gesehen h&#228;tten. Ich werde nicht schlau daraus. Sie m&#252;ssen sich geirrt haben.

Ich kann mich nicht geirrt haben, Sir; ich habe n&#228;mlich mit ihr gesprochen.

Na, erz&#228;hlen Sie mir das Ganze noch einmal.

Knighton gehorchte.

Ich hatte die Vereinbarung mit Bartheimer abgeschlossen, erkl&#228;rte er, und war zur&#252;ck zum Ritz gegangen, um meine Sachen abzuholen; ich wollte noch zu Abend essen und am Gare du Nord den Neunuhrzug erwischen. An der Rezeption sah ich eine Frau und war ganz sicher, dass es Mrs Ketterings Zofe war. Ich bin zu ihr gegangen und habe sie gefragt, ob Mrs Kettering hier abgestiegen sei.

Ja, ja, sagte Van Aldin. Nat&#252;rlich. Ganz klar. Und sie hat Ihnen gesagt, dass Ruth weiter an die Riviera gefahren ist und sie ins Ritz geschickt hat, um dort weitere Weisungen zu erwarten.

Ganz genau, Sir.

Sehr seltsam, sagte Van Aldin. Wirklich sehr seltsam, es sei denn, diese Frau w&#228;re frech geworden oder etwas in der Art.

In diesem Fall, wandte Knighton ein, h&#228;tte Mrs Kettering sie wohl ausgezahlt und gesagt, sie soll nach England zur&#252;ckfahren. Ins Ritz h&#228;tte sie sie wohl kaum geschickt.

Nein, murmelte der Million&#228;r, das stimmt.

Er wollte noch etwas sagen, unterlie&#223; es aber. Er sch&#228;tzte Knighton, mochte ihn gern und vertraute ihm, aber er konnte nicht gut mit seinem Sekret&#228;r die Privatangelegenheiten seiner Tochter besprechen. Ruths Mangel an Offenheit hatte ihn schon fr&#252;her verletzt, und diese zuf&#228;llige Mitteilung war nicht dazu angetan, seinen &#196;rger zu zerstreuen.

Warum hatte Ruth ihre Zofe in Paris gelassen? Welches Ziel oder Motiv konnte sie dabei gehabt haben?

Ein paar Momente bedachte er, wie merkw&#252;rdig der Zufall manchmal spielt. Wie h&#228;tte Ruth annehmen k&#246;nnen, dass der Erste, dem ihre Zofe in Paris &#252;ber den Weg lief, der Sekret&#228;r ihres Vaters w&#228;re? Aber so etwas kam vor. So kamen Dinge an den Tag.

Bei diesem Gedanken verzog er das Gesicht; der Satz war ihm v&#246;llig nat&#252;rlich in den Sinn gekommen. Welche Dinge gab es denn, die an den Tag kommen konnten? Er stellte sich diese Frage sehr ungern und er zweifelte nicht an der Antwort. Die Antwort lautete  dessen war er sich ganz sicher  Armand de la Roche.

Es war bitter f&#252;r Van Aldin, dass seine eigene Tochter sich von einem solchen Menschen einwickeln lie&#223;, und dabei musste er zugeben, dass sie sich in guter Gesellschaft befand  dass andere gebildete und intelligente Frauen der Faszination des Comte ebenso leicht erlegen waren. M&#228;nner durchschauten ihn, Frauen nicht.

Er suchte nach Worten, die den m&#246;glicherweise erwachten Verdacht seines Sekret&#228;rs zerstreuen sollten.

Ruth &#228;ndert ihre Pl&#228;ne immer von einem Augenblick auf den andern, bemerkte er und setzte dann in einem gewollt sorglosen Ton hinzu: Die Zofe hat wohl keinen

 &#228;h  Grund f&#252;r diese &#196;nderung der Pl&#228;ne genannt?

Knighton gab sich M&#252;he, seine Stimme so nat&#252;rlich wie m&#246;glich klingen zu lassen, als er antwortete: Sie sagte, Sir, Mrs Kettering habe pl&#246;tzlich einen Bekannten getroffen.

Ah ja?

Das trainierte Ohr des Sekret&#228;rs registrierte die Besorgnis unter dem scheinbar beil&#228;ufigen Ton.

Aha, einen Bekannten also. Oder sagte sie vielleicht, eine Bekannte?

Ich glaube, sie hat von einem Mann gesprochen, Sir.

Van Aldin nickte. Seine schlimmsten Bef&#252;rchtungen erf&#252;llten sich. Er stand auf und ging mit gro&#223;en Schritten im Zimmer auf und ab, was er immer tat, wenn er erregt war. Au&#223;erstande, seine Gef&#252;hle l&#228;nger zur&#252;ckzuhalten, brach er los:

Eine Sache schafft kein Mann, und das ist, eine Frau dazu zu bringen, dass sie sich vern&#252;nftige Gr&#252;nde anh&#246;rt. Irgendwie scheinen die keinerlei Vernunft zu haben. Das Gerede vom weiblichen Instinkt  dabei wei&#223; die ganze Welt, dass f&#252;r jeden schurkischen Schwindler Frauen das beste Ziel sind. Nicht mal eine von zehn erkennt einen Schwindler, wenn sie ihn sieht; jeder gut aussehende Bursche, der ein bisschen S&#252;&#223;holz raspelt, kann sie m&#252;helos ausnutzen. Wenn es nach mir ginge.

Er wurde unterbrochen. Ein Page mit einem Telegramm trat ein. Van Aldin riss es auf und sein Gesicht wurde pl&#246;tzlich kreidebleich. Er hielt sich an einer Stuhllehne fest, um nicht zu taumeln, und winkte den Jungen hinaus.

Was gibt es, Sir?

Knighton hatte sich besorgt erhoben.

Ruth!, sagte Van Aldin heiser.

Mrs Kettering?

Tot!

Ein Zugungl&#252;ck?

Van Aldin sch&#252;ttelte den Kopf.

Nein. Dem hier zufolge ist sie auch noch beraubt worden. Die benutzen das Wort nicht, Knighton, aber mein armes M&#228;dchen ist ermordet worden.

Um Gottes willen, Sir!

Van Aldin klopfte mit dem Zeigefinger auf das Telegramm.

Es ist von der Polizei in Nizza. Ich muss mit dem ersten erreichbaren Zug hin.

Knighton war effizient wie immer. Er sah auf die Uhr.

Um f&#252;nf Uhr ab Victoria Station, Sir.

Gut. Sie kommen mit, Knighton. Instruieren Sie meinen Diener, Archer, und packen auch Sie. K&#252;mmern Sie sich hier um alles. Ich will in die Curzon Street.

Das Telefon schrillte, und der Sekret&#228;r hob den H&#246;rer ab.

Ja, bitte?

Dann zu Van Aldin:

Mr Goby, Sir.

Goby? Den kann ich jetzt nicht empfangen. Nein  warten Sie, wir haben noch genug Zeit. Die sollen ihn raufschicken.

Van Aldin war ein starker Mann. Inzwischen hatte er seine eiserne Ruhe wiedergewonnen. Als er Mr Goby begr&#252;&#223;te, h&#228;tten nur wenige etwas in seiner Stimme bemerkt.

Ich bin in Eile, Goby. Haben Sie mir etwas Wichtiges zu erz&#228;hlen?

Mr Goby hustete.

Mr Ketterings Unternehmungen, Sir. Sie wollten &#252;ber alles unterrichtet sein.

Ja  und? Mr Kettering, Sir, ist gestern Vormittag an die Riviera abgereist.

Was?

Etwas in seiner Stimme musste Mr Goby erschreckt haben. Der ehrbare Gentleman brach mit seiner Gewohnheit, niemals den Gespr&#228;chspartner anzusehen, und warf einen fl&#252;chtigen Seitenblick auf den Million&#228;r.

Welchen Zug hat er genommen?, fragte Van Aldin.

Den Blauen Express, Sir.

Mr Goby hustete erneut und sagte zur Uhr auf dem Kaminsims:

Mademoiselle Mirelle, die T&#228;nzerin vom Parthenon, hat den gleichen Zug genommen.



Vierzehntes Kapitel



Ada Masons Geschichte

Ich kann Ihnen gar nicht oft genug unser Entsetzen, unsere Betroffenheit und unser tiefes Mitgef&#252;hl wiederholen, Monsieur.

So wandte sich Monsieur Carrege, der Untersuchungsrichter, an Van Aldin. Monsieur Caux, der Kommissar, grunzte mitf&#252;hlend. Van Aldin wischte Entsetzen, Betroffenheit und Mitgef&#252;hl mit einer br&#252;sken Geste beiseite. Sie befanden sich im B&#252;ro des Untersuchungsrichters in Nizza. Au&#223;er Monsieur Carrege, dem Kommissar und Van Aldin war noch eine Person anwesend, die nun das Wort ergriff.

Monsieur Van Aldin, sagte der Mann, w&#252;nscht, dass gehandelt wird  dass sofort gehandelt wird.

Ah!, rief der Kommissar. Ich habe Sie noch gar nicht vorgestellt. Monsieur Van Aldin, das ist Monsieur Hercu-le Poirot; Sie haben zweifellos von ihm geh&#246;rt. Zwar hat er sich vor einigen Jahren aus seinem Beruf zur&#252;ckgezogen, aber noch immer kennt jeder seinen Namen als den eines der gr&#246;&#223;ten lebenden Detektive.

Freut mich, Sie kennen zu lernen, Monsieur Poirot, sagte Van Aldin; mechanisch griff er auf diese Formel zur&#252;ck, die er sich vor etlichen Jahren abgew&#246;hnt hatte. Sie haben sich aus Ihrem Beruf zur&#252;ckgezogen?

So ist es, Monsieur. Ich genie&#223;e jetzt die Welt.

Der kleine Mann machte eine gro&#223;sprecherische Geste.

Monsieur Poirot fuhr zuf&#228;llig mit dem Blauen Express, erkl&#228;rte der Kommissar, und er war so freundlich, uns mit seiner gro&#223;en Erfahrung zu helfen.

Der Million&#228;r musterte Poirot aufmerksam. Dann sagte er zur &#220;berraschung der anderen:

Ich bin ein sehr reicher Mann, Monsieur Poirot. Gew&#246;hnlich sagt man, reiche Leute leben in dem Glauben, alles und alle kaufen zu k&#246;nnen. Das stimmt nicht. Ich bin auf meinem Gebiet ein gro&#223;er Mann, und ein gro&#223;er Mann darf einen anderen gro&#223;en Mann um einen Gefallen bitten.

Poirot nickte schnell, billigend.

Sehr gut gesagt, Monsieur Van Aldin. Ich stehe ganz zu Ihrer Verf&#252;gung.

Danke, sagte Van Aldin. Ich kann nur sagen, wenden Sie sich zu jeder beliebigen Zeit an mich, und Sie werden mich nicht undankbar finden. Und jetzt, meine Herren, an die Arbeit.

Ich schlage vor, sagte Monsieur Carrege, die Zofe zu verh&#246;ren, Ada Mason. Sie haben sie mitgebracht, h&#246;rte ich.

Ja, sagte Van Aldin. Wir haben sie unterwegs in Paris aufgegabelt. Der Tod meiner armen Tochter hat sie sehr ersch&#252;ttert, aber sie erz&#228;hlt ihre Geschichte durchaus zusammenh&#228;ngend.

Dann wollen wir sie hereinholen, sagte Monsieur Carrege.

Er l&#228;utete die Glocke auf seinem Schreibtisch, und bald darauf trat Ada Mason ein.

Sie war sehr zierlich und in Schwarz gekleidet, und ihre Nasenspitze war rot. Die grauen Reisehandschuhe hatte sie gegen schwarze aus Wildleder eingetauscht. Nicht ohne Scheu sah sie sich in dem Amtsraum um und schien erleichtert, als sie die Anwesenheit des Vaters ihrer Herrin bemerkte. Der Untersuchungsrichter, stolz auf seine Jovialit&#228;t, gab sich alle M&#252;he, ihr Unbehagen zu mildern. Dabei half ihm Poirot, der den Dolmetscher spielte; seine freundliche Art munterte die Engl&#228;nderin auf.

Sie hei&#223;en Ada Mason, nicht wahr?

Ich wurde Ada Beatrice getauft, Sir, sagte Mason geziert.

Sehr gut. Und wir verstehen vollkommen, Mason, dass all das sehr betr&#252;blich f&#252;r Sie war.

Das kann man wohl sagen, Sir. Ich bin bei vielen Ladys gewesen und hoffe, dass alle mit mir zufrieden waren. Ich h&#228;tte nicht im Traum daran gedacht, dass so etwas mit irgendwem passieren k&#246;nnte, bei dem ich angestellt bin.

Nein, nat&#252;rlich nicht, sagte Carrege.

Nat&#252;rlich habe ich von so was gelesen, in den Sonntagszeitungen. Und dann hatte ich immer den Eindruck, dass diese ausl&#228;ndischen Z&#252;ge. Sie unterbrach ihren Redefluss j&#228;h, als ihr einfiel, dass die Herren, mit denen sie da redete, der gleichen Nation angeh&#246;rten wie die g.

Nun lassen Sie uns einmal diese Angelegenheit besprechen, sagte Carrege. Stimmt es, dass bei der Abreise aus London noch keine Rede davon war, dass Sie in Paris bleiben sollten?

Nein, Sir. Wir wollten durchfahren bis Nizza.

Sind Sie fr&#252;her schon einmal mit Ihrer Herrin im Ausland gewesen?

Nein, Sir. Wissen Sie, ich war ja erst seit zwei Monaten bei ihr.

Kam Sie Ihnen wie gew&#246;hnlich vor, als Sie aufgebrochen sind?

Sie war irgendwie besorgt und ein bisschen aufgeregt, und sie war gereizt, und ich konnte ihr nichts recht machen.

Monsieur Carrege nickte.

Nun denn, Mason, wann war zum ersten Mal die Rede davon, dass Sie in Paris bleiben sollten?

In diesem Bahnhof, der Gare de Lyon hei&#223;t, Sir. Meine Herrin wollte aussteigen und ein bisschen auf dem Bahnsteig herumlaufen. Sie war gerade auf dem Gang, da hat sie pl&#246;tzlich was gerufen, und dann ist sie mit einem Gentleman wieder in ihr Abteil gegangen. Die T&#252;r zwischen ihrem und meinem Abteil hat sie zugemacht, deshalb habe ich nichts gesehen oder geh&#246;rt, bis sie sie dann pl&#246;tzlich wieder aufgemacht und mir gesagt hat, sie h&#228;tte ihre Pl&#228;ne ge&#228;ndert. Sie hat mir Geld gegeben und gesagt, ich soll aussteigen und ins Ritz gehen. Sie sagte, die kennen sie da gut und geben mir bestimmt ein Zimmer. Da soll ich warten, bis ich etwas von ihr h&#246;re; sie w&#252;rde mir ein Telegramm schicken mit Anweisungen, was ich tun soll. Ich hatte gerade noch Zeit, meine Sachen zu packen und aus dem Zug zu springen, ehe der wieder losgefahren ist. Das war eine Hetzerei.

Wo war der Herr, als Mrs Kettering Ihnen diese Anweisungen gab?

Der war in dem anderen Abteil, Sir, und hat aus dem Fenster gesehen.

K&#246;nnen Sie ihn uns beschreiben?

Also, wissen Sie, Sir, ich habe ihn kaum gesehen. Die meiste Zeit hat er mir den R&#252;cken zugedreht. Er war gro&#223; und dunkelhaarig; mehr kann ich nicht sagen. Einfach wie jeder andere Gentleman mit dunkelblauem Mantel und grauem Hut.

War er einer der Fahrg&#228;ste des Blauen Express? Das glaube ich nicht, Sir. Ich hatte den Eindruck, er ist zum Bahnhof gekommen, um Mrs Kettering auf der Durchreise zu sehen. Er kann aber auch einer der Fahrg&#228;ste gewesen sein, daran habe ich vorher nicht gedacht.

Mason schien ein wenig verwirrt von diesem Gedanken.

Ah! Monsieur Carrege ging elegant zu einem anderen Thema &#252;ber. Ihre Herrin hat sp&#228;ter den Schaffner gebeten, sie am Morgen nicht fr&#252;h zu wecken. Halten Sie das bei ihr f&#252;r ungew&#246;hnlich?

&#220;berhaupt nicht, Sir. Die gn&#228;dige Frau hat nie gefr&#252;hs-t&#252;ckt und nachts meistens schlecht geschlafen, deshalb ist sie morgens gern l&#228;nger liegen geblieben.

Wieder wechselte Carrege das Thema.

Beim Handgep&#228;ck war eine rote Lederschatulle, nicht wahr?, fragte er. Das Schmuckk&#246;fferchen Ihrer Herrin?

Ja, Sir.

Haben Sie diese Schatulle mit ins Ritz genommen?

Ich soll die Schmuckkassette der gn&#228;digen Frau ins Ritz mitgenommen haben? Also, nein, wirklich nicht, Sir. Mason klang ganz entsetzt.

Sie haben sie im Abteil gelassen?

Ja, Sir.

Wissen Sie, ob Ihre Herrin viel Schmuck dabeihatte?

Ziemlich viel, Sir. Mir war deshalb manchmal ein bisschen mulmig, kann ich Ihnen sagen, wo man so schlimme Geschichten h&#246;rt, dass man im Ausland beklaut wird. Ich wei&#223; ja, die waren versichert, aber trotzdem ist mir das ziemlich riskant vorgekommen. Allein die Rubine, hat die gn&#228;dige Frau gesagt, w&#228;ren einige hunderttausend Pfund wert.

Die Rubine! Was f&#252;r Rubine?, bellte Van Aldin pl&#246;tzlich.

Mason wandte sich an ihn. Ich glaube, Sie waren das doch, Sir, von dem sie sie erst neulich gekriegt hat.

Um Gottes willen!, rief Van Aldin. Sie wollen doch nicht etwa sagen, sie h&#228;tte die Rubine bei sich gehabt? Ich habe ihr gesagt, sie soll sie in der Bank lassen.

Mason h&#252;stelte diskret, was f&#252;r sie offenbar zu ihren Pflichten als Zofe einer Lady geh&#246;rte. Diesmal dr&#252;ckte das H&#252;steln eine ganze Menge aus. Viel deutlicher, als Worte dies gekonnt h&#228;tten, sagte es, dass Masons Herrin eine Dame gewesen sei, die ihren eigenen Kopf durchsetzte.

Ruth muss verr&#252;ckt gewesen sein, murmelte Van Aldin. Was kann sie da blo&#223; geritten haben?

Nun hustete zur Abwechslung Monsieur Carrege, und wieder war es ein bedeutungsvolles Husten. Es lenkte Van Aldins Aufmerksamkeit auf ihn.

Im Moment, sagte Carrege, an Mason gewandt, war das wohl alles. Wenn Sie sich bitte ins Nebenzimmer begeben, Mademoiselle, wird man Ihnen die Fragen und Antworten vorlesen, und Sie werden es bitte unterschreiben.

Mason ging hinaus, begleitet vom Schreiber, und Van Aldin wandte sich sofort an den Untersuchungsrichter:

Also?

Monsieur Carrege &#246;ffnete eine Schublade seines Schreibtischs, nahm einen Brief heraus und reichte ihn Van Aldin.

Dies hier fand sich in der Handtasche von Madame.

Chere Amie (begann der Brief)  ich will dir gehorchen. Ich werde umsichtig sein, diskret  alles, was ein Liebender am meisten hasst. Paris w&#228;re vielleicht unklug gewesen, aber die Isles d Or liegen fernab von der Welt, und du darfst sicher sein, dass nichts durchsickern wird. Es passt zu dir und deinem g&#246;ttlichen Einf&#252;hlungsverm&#246;gen, dass du dich so f&#252;r das Werk &#252;ber ber&#252;hmte Edelsteine interessierst, an dem ich schreibe. Es w&#228;re wahrlich ein au&#223;erordentliches Privileg diese historischen Rubine tats&#228;chlich zu sehen und in der Hand zu halten. Dem Feuerherzen widme ich einen besonderen Abschnitt. Meine wunderbare Geliebte! Bald werde ich dich entsch&#228;digen f&#252;r all diese traurigen Jahre der Trennung und der Leere.  Immer in Liebe und Anbetung dein Armand



F&#252;nfzehntes Kapitel



Der Comte de la Roche

Van Aldin las den Brief schweigend durch. Seine Gesichtsfarbe wechselte in ein mattes Zornrot. Die M&#228;nner, die ihn beobachteten, sahen, wie die Adern auf seiner Stirn hervortraten und seine gro&#223;en H&#228;nde sich unbewusst zu F&#228;usten ballten. Wortlos gab er den Brief zur&#252;ck. Monsieur Carrege musterte aufmerksam seinen Schreibtisch, Caux hatte die Augen an die Decke geheftet, und Hercule Poirot b&#252;rstete z&#228;rtlich ein St&#228;ubchen von seinem Rock&#228;rmel. Mit gr&#246;&#223;tm&#246;glichem Takt vermieden sie es alle, Van Aldin anzuschauen.

Eingedenk seines Amtes und seiner Pflichten griff dann Monsieur Carrege das unerfreuliche Thema auf.

Vielleicht haben Sie eine Ahnung, Monsieur, murmelte er, wer  hm  diesen Brief geschrieben hat?

Ja, das wei&#223; ich, sagte Van Aldin dumpf.

Ah?, sagte der Richter fragend.

Ein Schurke, der sich Comte de la Roche nennt.

Es trat eine Pause ein, dann beugte Poirot sich vor, richtete ein Lineal auf dem Tisch des Untersuchungsrichters aus und redete den Million&#228;r direkt an.

Wir alle, Monsieur Van Aldin, verstehen sehr gut, wie schmerzlich es f&#252;r Sie sein muss, &#252;ber diese Dinge zu reden, aber es ist nicht die Zeit f&#252;r Diskretion. Wenn Gerechtigkeit walten soll, m&#252;ssen wir alles wissen. Wenn Sie einen Moment nachdenken, werden Sie das sicher begreifen.

Van Aldin schwieg einen Augenblick, dann nickte er beinahe widerstrebend.

Sie haben ganz Recht, Monsieur Poirot, sagte er. So schmerzlich es auch ist, ich habe nicht das Recht, etwas zur&#252;ckzuhalten.

Der Kommissar stie&#223; einen Seufzer der Erleichterung aus; der Untersuchungsrichter lehnte sich in seinem Sessel zur&#252;ck und schob den Kneifer auf seiner langen d&#252;nnen Nase zurecht.

Vielleicht m&#246;chten Sie uns mit Ihren eigenen Worten alles erz&#228;hlen, Monsieur Van Aldin, sagte er, was Sie &#252;ber diesen Herrn wissen.

Es fing vor elf oder zw&#246;lf Jahren an  in Paris. Meine Tochter war damals ein junges M&#228;dchen voll t&#246;richter, romantischer Ideen wie alle jungen M&#228;dchen. Ohne dass ich es wusste, machte sie die Bekanntschaft dieses Comte de la Roche. Sie haben vielleicht von ihm geh&#246;rt?

Der Kommissar und Poirot nickten.

Er nennt sich Comte de la Roche, fuhr Van Aldin fort, aber ich bezweifle, dass er ein Recht auf diesen Titel hat.

Im Gotha h&#228;tten Sie seinen Namen jedenfalls nicht gefunden, stimmte der Kommissar zu.

Das habe ich auch festgestellt, sagte Van Aldin. Der Mann war ein gut aussehender, &#252;berzeugender Schuft und &#252;bte auf die Frauen eine fatale Faszination aus. Ruth war in ihn verliebt, aber ich habe der Geschichte bald ein Ende gemacht. Der Kerl war nichts anderes als ein gew&#246;hnlicher Schwindler.

Sie haben ganz Recht, best&#228;tigte der Kommissar. Der Comte de la Roche ist uns wohl bekannt. Wenn es m&#246;glich w&#228;re, h&#228;tten wir ihm schon l&#228;ngst das Handwerk gelegt, aber, ma foi!, es ist nicht einfach; der Bursche ist gerissen, und seine Aff&#228;ren hat er immer mit Damen aus h&#246;chsten Gesellschaftsschichten. Wenn er ihnen unter falschem Vorwand oder durch Erpressung Geld abluchst, eh bien!, zeigen sie ihn nat&#252;rlich nicht an. Vor der Welt als N&#228;rrin dazustehen, o nein, das geht auf keinen Fall, und er hat eine au&#223;erordentliche Macht &#252;ber Frauen.

So ist es, sagte der Million&#228;r finster. Nun ja, wie gesagt habe ich die Aff&#228;re sehr energisch beendet. Ich habe Ruth genau gesagt, wer er ist, und sie musste mir zwangsl&#228;ufig glauben. Ungef&#228;hr ein Jahr sp&#228;ter hat sie ihren heutigen Gatten getroffen und ihn geheiratet. Soweit ich wusste, war das das Ende der Geschichte. Aber erst vor einer Woche habe ich zu meiner Verbl&#252;ffung herausgefunden, dass meine Tochter die Verbindung mit dem Comte de la Roche wieder aufgenommen hatte. Sie hat ihn h&#228;ufig getroffen, in London und in Paris. Ich habe ihr Vorw&#252;rfe deswegen gemacht; ich kann Ihnen n&#228;mlich sagen, Gentlemen, dass sie auf mein Betreiben hin dabei war, die Scheidung gegen ihren Mann einzureichen.

Das ist interessant, murmelte Poirot leise, die Augen zur Decke gerichtet.

Van Aldin warf ihm einen scharfen Blick zu und fuhr dann fort.

Ich habe ihr klargemacht, was f&#252;r eine Dummheit es ist, unter diesen Umst&#228;nden weiterhin den Comte zu treffen. Ich dachte, sie h&#228;tte es eingesehen.

Der Untersuchungsrichter h&#252;stelte.

Aber diesem Brief zufolge., begann er; dann hielt er inne.

Van Aldin reckte das Kinn.

Ich wei&#223;. Es hat keinen Sinn, darum herumzureden. Wie unangenehm es auch ist, wir m&#252;ssen uns den Tatsachen stellen. Es scheint so zu sein, dass Ruth alles arrangiert hatte, um nach Paris zu fahren und de la Roche dort zu treffen. Nach meinen Vorhaltungen scheint sie dem Grafen aber geschrieben zu haben, um ein anderes Rendezvous vorzuschlagen.

Die Isles d Or, sagte der Kommissar nachdenklich, liegen gegen&#252;ber Hyeres, ein entlegener und idyllischer Fleck.

Van Aldin nickte.

Lieber Gott! Wie konnte Ruth sich so zum Narren machen?, rief er bitter. All dies Geschw&#228;tz dar&#252;ber, dass er ein Buch &#252;ber Edelsteine schreiben will! Er muss von Anfang an hinter den Rubinen her gewesen sein.

Es gibt einige bedeutende Rubine, sagte Poirot, urspr&#252;nglich Teil der russischen Kronjuwelen; sie sind ganz einzigartig, und ihr Wert ist nahezu fabelhaft. Es gab das Ger&#252;cht, sie seien vor kurzem in den Besitz eines Amerikaners &#252;bergegangen. Gehen wir recht in der Annahme, Monsieur, dass Sie der K&#228;ufer waren?

Ja, sagte Van Aldin. Vor ungef&#228;hr zehn Tagen, in Paris, bin ich in ihren Besitz gelangt.

Verzeihen Sie, Monsieur, aber haben Sie vorher l&#228;ngere Zeit wegen des Ankaufs verhandelt?

Etwas &#252;ber zwei Monate. Warum?

Das hat sich herumgesprochen, sagte Poirot. Hinter solchen Steinen ist immer eine ziemliche Menge von Leuten her.

Im Gesicht des anderen zuckte es.

Ich erinnere mich, sagte er mit br&#252;chiger Stimme, an einen Scherz, den ich Ruth gegen&#252;ber gemacht habe, als ich ihr die Steine schenkte. Ich habe ihr gesagt, sie soll sie nicht mit an die Riviera nehmen, weil ich es mir nicht leisten kann, sie wegen der Steine beraubt und ermordet zu sehen. Liebe Zeit, was f&#252;r Dinge man so sagt  ohne zu ahnen, dass sie wahr werden.

Mitf&#252;hlendes Schweigen senkte sich &#252;ber den Raum; dann redete Poirot sachlich weiter.

Lassen Sie uns die Fakten ordentlich und pr&#228;zise sortieren. Nach unserer augenblicklichen Theorie sehen sie so aus. Der Comte de la Roche wei&#223;, dass Sie diese Steine gekauft haben. Durch eine simple Kriegslist bringt er Madame Kettering dazu, die Steine mitzunehmen. Er muss also der Mann sein, den Mason in Paris im Zug gesehen hat.

Die anderen drei nickten einvernehmlich.

Madame ist erstaunt, ihn zu sehen, aber er kl&#228;rt die Lage sofort. Mason wird aus dem Weg geschafft; es wird ein Speisekorb bestellt. Wir wissen vom Schaffner, dass er im ersten Abteil das Bett gemacht, das zweite aber nicht betreten hat, und dass sich dort f&#252;r ihn unsichtbar ein Mann h&#228;tte aufhalten k&#246;nnen. Bis hierhin kann der Comte al-lerbestens versteckt gewesen sein. Niemand au&#223;er Madame wei&#223; von seiner Anwesenheit im Zug. Er hat daf&#252;r gesorgt, dass die Zofe sein Gesicht nicht sieht. Sie konnte ja lediglich sagen, dass er gro&#223; und dunkelhaarig war. Alles sehr vage. Sie sind allein  und der Zug rast durch die Nacht. Es d&#252;rfte keinen Aufschrei, keinen Kampf gegeben haben; der Mann ist ja, meint sie, ihr Liebhaber.

Er wandte sich freundlich an Van Aldin.

Der Tod, Monsieur, muss fast augenblicklich eingetreten sein. Lassen wir dies rasch beiseite. Der Comte nimmt den griffbereit daliegenden Juwelenkoffer. Kurz darauf l&#228;uft der Zug in Lyon ein.

Monsieur Carrege nickte beif&#228;llig.

Genau. Der Schaffner am Wagenende steigt aus. Es w&#228;re einfach f&#252;r unseren Mann, den Zug ungesehen zu verlassen; es w&#228;re leicht, einen Zug zur&#252;ck nach Paris oder nach einem beliebigen Ort zu nehmen. Und das Verbrechen w&#228;re als gew&#246;hnlicher Bahnraub eingestuft worden. Wenn man nicht den Brief in Madames Handtasche gefunden h&#228;tte, w&#228;re der Comte nie erw&#228;hnt worden.

Es war leichtfertig von ihm, die Tasche nicht zu durchsuchen, erkl&#228;rte der Kommissar.

Zweifellos hat er angenommen, sie h&#228;tte diesen Brief vernichtet. Es war  verzeihen Sie, Monsieur , es war eine Indiskretion erster G&#252;te von ihr.

Und trotzdem, murmelte Poirot, war es eine Indiskretion, die der Comte h&#228;tte vorhersehen k&#246;nnen.

Wie meinen Sie?

Ich meine, wir haben uns doch alle &#252;ber einen Punkt geeinigt, und zwar, dass der Comte de la Roche etwas a fond versteht: Frauen. Wie kommt es, dass er, der Frauen so gut kennt, nicht damit rechnet, dass Madame diesen Brief aufhebt?

Ja  ja, sagte der Untersuchungsrichter zweifelnd, es ist etwas an dem, was Sie sagen. Aber in solchen Momenten, wissen Sie, ist man nicht Herr seiner selbst. Man denkt nicht ruhig alles durch. Mon Dieu!, setzte er mit Nachdruck hinzu, wenn unsere Verbrecher immer k&#252;hlen Kopf bewahrten, wie sollten wir sie dann fangen?

Poirot l&#228;chelte vor sich hin.

Der Fall scheint mir klar, sagte der andere, aber schwer zu beweisen. Der Comte ist aalglatt, und falls ihn nicht die Zofe identifizieren kann.

Was sehr unwahrscheinlich ist, sagte Poirot.

Das stimmt, das stimmt. Der Untersuchungsrichter rieb sich das Kinn. Es wird sehr schwierig.

Wenn er das Verbrechen wirklich begangen hat., begann Poirot. Monsieur Caux unterbrach ihn.

Wenn  Sie sagen wenn?

Ja, Monsieur le Commissaire, ich sage wenn.

Der andere sah ihn scharf an. Sie haben Recht, sagte er schlie&#223;lich. Es ist m&#246;glich, dass der Comte ein Alibi hat. Dann s&#228;hen wir schlecht aus.

Ah, ca par exemple, erwiderte Poirot, das hat &#252;berhaupt keine Bedeutung. Wenn er das Verbrechen begangen hat, wird er nat&#252;rlich ein Alibi haben. Ein Mann mit der Erfahrung des Comte vergisst nicht, Vorkehrungen zu treffen. Nein, ich habe aus einem ganz bestimmten Grund wenn gesagt.

Und zwar?

Poirot wackelte emphatisch mit dem Zeigefinger. Die Psychologie.

Eh?, sagte der Kommissar.

Die Psychologie stimmt nicht. Der Comte ist ein Schuft  ja. Der Comte ist ein Schwindler  ja. Der Comte nutzt Frauen aus  ja. Er hat die Absicht, Madames Juwelen zu stehlen  abermals ja. Ist er die Sorte Mann, die einen Mord begeht? Ich sage nein! Ein Mann vom Typ des Comte ist immer ein Feigling; er geht kein Risiko ein. Er spielt auf sicher, mit kleinem Einsatz, was die Engl&#228;nder the lowdown game nennen; aber Mord, hundertmal nein! Er sch&#252;ttelte unzufrieden den Kopf.

Der Untersuchungsrichter schien jedoch nicht bereit, ihm zuzustimmen.

Eines Tages verlieren solche Leute immer den Kopf und gehen zu weit, bemerkte er weise. Zweifellos ist das hier der Fall. Ich will Ihnen ja nicht widersprechen, Monsieur Poirot.

Ich habe nur eine Meinung ge&#228;u&#223;ert, beeilte Poirot sich zu erkl&#228;ren. Der Fall liegt selbstverst&#228;ndlich in Ihren H&#228;nden, und Sie werden tun, was Sie f&#252;r richtig halten.

Ich meinerseits bin davon &#252;berzeugt, dass der Comte de la Roche derjenige ist, den wir schnappen m&#252;ssen, sagte Carrege. Stimmen Sie mir zu, Monsieur le Com-missaire?

Vollkommen.

Und Sie, Monsieur Van Aldin?

Ja, sagte der Million&#228;r. Ja, dieser Mann ist ein Schurke durch und durch, da gibt es keinen Zweifel.

Es wird schwer sein, ihn zu fassen, sagte der Untersuchungsrichter, aber wir werden unser Bestes tun. Es werden sofort telegraphische Anweisungen hinausgehen.

Gestatten Sie mir, Ihnen zu helfen, sagte Poirot. Da d&#252;rfte es keine Probleme geben.

Eh?

Die anderen starrten ihn an. Der kleine Mann l&#228;chelte strahlend zur&#252;ck.

Es ist mein Beruf, alles zu wissen, erkl&#228;rte er. Der Comte ist ein intelligenter Mann. Im Moment befindet er sich in einer Villa, die er gemietet hat, in der Villa Marina in Antibes.



Sechzehntes Kapitel



Poirot er&#246;rtert den Fall

Alle sahen Poirot respektvoll an. Zweifellos hatte der kleine Mann einen schweren Treffer gelandet. Der Kommissar lachte  aber es klang ein wenig hohl.

Sie bringen uns bei, wo es langgeht, rief er. Monsieur Poirot wei&#223; mehr als die Polizei.

Poirot starrte selbstgef&#228;llig zur Decke hinauf, in gespielter Bescheidenheit.

Was wollen Sie, es ist mein kleines Hobby, dies und das zu wissen, murmelte er. Nat&#252;rlich habe ich Zeit, mich damit zu am&#252;sieren. Ich bin ja nicht von Pflichten &#252;berlastet.

Ah!, sagte der Kommissar und sch&#252;ttelte gewichtig den Kopf. Was mich betrifft.

Er machte eine &#252;bertriebene Geste, die andeuten sollte, welche Sorgen auf seinen Schultern lasteten.

Poirot wandte sich pl&#246;tzlich an Van Aldin.

Stimmen Sie dem zu, Monsieur? Sind Sie sicher, dass der Comte de la Roche der M&#246;rder ist?

Sieht doch so aus  ja, gewiss.

Eine gewisse Zur&#252;ckhaltung in der Antwort brachte den Untersuchungsrichter dazu, den Amerikaner neugierig anzuschauen. Van Aldin war sich des forschenden Blickes bewusst und schien einen Vorbehalt absch&#252;tteln zu wollen.

Was ist mit meinem Schwiegersohn?, fragte er. Haben Sie ihn schon unterrichtet? Er ist in Nizza, soviel ich wei&#223;.

Gewiss, Monsieur. Der Kommissar z&#246;gerte und murmelte dann sehr diskret: Es ist Ihnen zweifellos bekannt, Monsieur Van Aldin, dass Monsieur Kettering in jener Nacht ebenfalls Fahrgast des Blauen Express war?

Der Million&#228;r nickte.

Habe ich geh&#246;rt, bevor ich London verlie&#223;, sagte er lakonisch.

Er sagt, fuhr der Kommissar fort, er habe keine Ahnung davon gehabt, dass seine Frau in diesem Zug war.

Darauf w&#252;rde ich wetten, sagte Van Aldin grimmig. Es w&#228;re ein ziemlich scheu&#223;licher Schreck f&#252;r ihn gewesen, ihr da zu begegnen.

Die drei M&#228;nner sahen ihn fragend an.

Ich will kein Blatt vor den Mund nehmen, sagte Van Aldin heftig. Kein Mensch wei&#223;, was mein armes M&#228;dchen hat wegstecken m&#252;ssen. Derek Kettering war nicht allein. Er hatte eine Dame dabei.

Ah?

Mirelle  die T&#228;nzerin.

Monsieur Carrege und der Kommissar tauschten Blicke und nickten wie zur Best&#228;tigung eines fr&#252;heren Gespr&#228;chs. Carrege lehnte sich auf seinem Stuhl zur&#252;ck, faltete die H&#228;nde und heftete die Augen an die Decke.

Ah!, murmelte er wieder. Man fragt sich. Er hustete. Man hat Ger&#252;chte geh&#246;rt.

Die Dame, sagte Monsieur Caux, ist ber&#252;chtigt.

Und, murmelte Poirot sanft, sehr teuer.

Van Aldin war sehr rot geworden. Er beugte sich vor und knallte die Faust auf den Tisch.

Mein Schwiegersohn, schrie er, ist ein verdammter Schurke!

Er funkelte sie an, sah von einem Gesicht zum anderen.

Ach, ich wei&#223; nicht, fuhr er fort. Gutes Aussehen und eine charmante, lockere Art. Anfangs bin ich auch darauf hereingefallen. Hat wahrscheinlich so getan, als ob ihm das Herz bricht, als Sie ihn &#252;ber den Tod meiner Tochter informiert haben  das hei&#223;t, wenn er es nicht schon gewusst hat.

Es war durchaus eine &#220;berraschung f&#252;r ihn. Er war &#252;berw&#228;ltigt.

Verdammter Heuchler, sagte Van Aldin. Hat Ihnen die gro&#223;e Trauer vorgespielt, was?

N-nein, sagte der Kommissar vorsichtig. Das w&#252;rde ich nicht gerade sagen  wie, Monsieur Carrege?

Der Richter legte die Fingerspitzen aneinander und schloss die Augen halb.

Schock, Verbl&#252;ffung, Entsetzen  so etwas, ja, sagte er &#252;berlegt. Gro&#223;e Trauer  nein  das m&#246;chte ich nicht sagen.

Hercule Poirot ergriff wieder das Wort.

Gestatten Sie mir die Frage, Monsieur Van Aldin, ob Monsieur Kettering vom Tod seiner Frau profitiert?

Er profitiert in der Gr&#246;&#223;enordnung von zwei Millionen, sagte Van Aldin.

Dollar?

Pfund. Ich habe Ruth bei ihrer Heirat diese Summe vorbehaltlos &#252;berschrieben. Sie hat kein Testament gemacht und hinterl&#228;sst keine Kinder, also geht das Geld an den Gatten. Von dem sie sich gerade scheiden lassen wollte, murmelte Poirot. Ah ja  preasement.

Der Kommissar drehte sich zu ihm um und sah ihn scharf an.

Meinen Sie etwa.?, begann er.

Ich meine gar nichts, sagte Poirot. Ich sortiere die Fakten, das ist alles.

Der kleine Mann stand auf.

Ich glaube nicht, dass ich Ihnen augenblicklich weiter dienlich sein kann, Monsieur le Juge, sagte er h&#246;flich mit einer Verbeugung vor Carrege. W&#252;rden Sie mich &#252;ber den weiteren Gang der Dinge auf dem Laufenden halten? Das w&#228;re sehr liebensw&#252;rdig.

Aber gewiss  selbstverst&#228;ndlich.

Auch Van Aldin erhob sich.

Brauchen Sie mich im Moment noch?

Nein, Monsieur, wir haben alle Informationen, die wir im Augenblick ben&#246;tigen.

Dann m&#246;chte ich ein bisschen mit Monsieur Poirot spazieren gehen. Das hei&#223;t, wenn er nichts dagegen hat.

Ich bin entz&#252;ckt, Monsieur, sagte der kleine Mann mit einer Verbeugung.

Van Aldin z&#252;ndete sich eine dicke Zigarre an, nachdem er Poirot eine angeboten hatte, der jedoch ablehnte und eine seiner winzigen Zigaretten ansteckte. Van Aldin, ein Mann von sehr starkem Charakter, war schon wieder ganz er selbst. Schweigend gingen sie einige Minuten, dann sagte der Million&#228;r:

Wenn ich das richtig verstanden habe, Monsieur Poi-rot, &#252;ben Sie Ihren Beruf nicht mehr aus?

So ist es, Monsieur. Ich genie&#223;e die Welt.

Trotzdem helfen Sie der Polizei in dieser Angelegenheit? Monsieur, wenn ein Arzt auf der Stra&#223;e spazieren geht und ein Unfall sich ereignet, sagt er dann: <Ich praktiziere nicht mehr, ich spaziere weiten, wenn zu seinen F&#252;&#223;en jemand verblutet? Wenn ich schon in Nizza gewesen w&#228;re und die Polizei nach mir geschickt und gefragt h&#228;tte, ob ich ihnen helfe, dann h&#228;tte ich abgelehnt. Aber diesen Fall hat mir sozusagen der liebe Gott aufgetragen.

Sie waren dabei, sagte Van Aldin nachdenklich. Sie haben das Abteil untersucht, nicht wahr?

Poirot nickte.

Zweifellos haben Sie Dinge gefunden, die Ihnen, sagen wir, bedeutsam erscheinen?

Vielleicht, sagte Poirot.

Ich hoffe, Sie wissen, worauf ich hinauswill?, sagte Van Aldin. Die Schuld dieses Comte de la Roche scheint mir vollkommen klar zu sein, aber ich bin kein Trottel. Ich habe Sie die vergangene Stunde beobachtet und stelle fest, dass Sie aus irgendeinem Grunde nicht mit dieser Theorie &#252;bereinstimmen.

Poirot zuckte mit den Schultern.

Vielleicht irre ich mich.

Dann lassen Sie uns zu dem Gefallen kommen, um den ich Sie bitten m&#246;chte. Wollen Sie in dieser Sache f&#252;r mich t&#228;tig werden?

F&#252;r Sie pers&#246;nlich?

Genau so meine ich das.

Poirot schwieg einige Augenblicke, dann sagte er:

Wissen Sie, was Sie da verlangen?

Ich glaube schon, sagte Van Aldin.

Sehr gut, sagte Poirot. Ich nehme an. Aber in diesem Fall brauche ich freim&#252;tige Antworten auf meine Fragen.

Ja, nat&#252;rlich. Das ist klar.

Poirot wurde pl&#246;tzlich ein anderer: sachlich im Ton und gesch&#228;ftsm&#228;&#223;ig.

Diese Scheidungssache, sagte er. Haben Sie Ihrer Tochter dazu geraten?

Ja.

Wann?

Vor ungef&#228;hr zehn Tagen. Sie hatte mir einen Brief geschrieben, in dem sie &#252;ber das Verhalten ihres Gatten klagte, und ich habe ihr ganz deutlich klargemacht, dass Scheidung das einzige Heilmittel ist.

Inwiefern hat sie &#252;ber sein Verhalten geklagt?

Er lie&#223; sich mit einer sehr ber&#252;chtigten Dame blicken, &#252;ber die wir vorhin gesprochen haben  Mirelle.

Die T&#228;nzerin. Aha! Und Madame Kettering war damit nicht einverstanden? Hatte sie ihren Mann sehr gern?

Das eigentlich nicht, sagte Van Aldin ein wenig z&#246;gernd.

Dann hat also nicht ihr Herz gelitten, sondern ihr Stolz  k&#246;nnte man das so sagen?

Ja, das k&#246;nnte man wohl.

Die Ehe war von Anfang an nicht sehr gl&#252;cklich?

Derek Kettering ist verdorben bis ins Mark, sagte Van Aldin. Er ist unf&#228;hig, eine Frau gl&#252;cklich zu machen.

Er ist also das, was man in England a bad lot nennt.

Van Aldin nickte.

Tres bien! Sie raten Madame, sich scheiden zu lassen, sie stimmt zu. Sie konsultieren Ihre Anw&#228;lte. Wann erf&#228;hrt Monsieur Kettering von den Dingen, die da im Busch sind?

Ich selbst habe ihn zu mir kommen lassen und ihm dargelegt, was ich zu unternehmen beabsichtigte.

Und was hat er gesagt?

Van Aldins Gesicht verd&#252;sterte sich bei der Erinnerung.

Er war teuflisch dreist.

Entschuldigen Sie die Frage, Monsieur, aber hat er den Comte de la Roche erw&#228;hnt?

Nicht namentlich, knurrte der andere widerwillig, aber er hat gezeigt, dass er von der Aff&#228;re wusste.

Wie war, wenn ich fragen darf, Monsieur Ketterings finanzielle Lage zu dieser Zeit?

Wieso meinen Sie, ich k&#246;nnte das wissen?, fragte Van Aldin nach kurzem Z&#246;gern.

Ich halte es f&#252;r wahrscheinlich, dass Sie hierzu Erkundigungen angestellt haben.

Na ja  Sie haben ganz Recht, das habe ich getan. Ich habe festgestellt, dass Kettering blank war.

Und jetzt hat er zwei Millionen Pfund geerbt! La vie ist schon recht seltsam, nicht wahr?

Van Aldin blickte ihn scharf an.

Was meinen Sie damit?

Ich moralisiere, sagte Poirot, ich reflektiere, ich philosophiere. Aber zur&#252;ck zum Thema. Monsieur Kettering war doch sicherlich nicht bereit, sich so ohne weiteres scheiden zu lassen?

Van Aldin schwieg einen Augenblick, dann sagte er:

Ich wei&#223; nicht genau, was er vorhatte.

Haben Sie sich danach nicht mehr mit ihm unterhalten?

Wieder schwieg Van Aldin kurz und sagte dann:

Nein.

Poirot blieb stehen, lupfte den Hut und reichte dem Million&#228;r die Hand.

Ich w&#252;nsche Ihnen einen guten Tag, Monsieur. Ich kann nichts f&#252;r Sie tun.

Was soll das hei&#223;en?, fragte Van Aldin &#228;rgerlich.

Wenn Sie mir nicht die Wahrheit sagen, kann ich nichts tun.

Ich wei&#223; nicht, was Sie meinen.

Das glaube ich doch. Sie k&#246;nnen beruhigt sein, Monsieur Van Aldin, ich wei&#223; zu schweigen.

Nun denn, sagte der Million&#228;r. Ich gebe zu, dass ich vorhin nicht die Wahrheit gesagt habe. Ich habe mich noch einmal mit meinem Schwiegersohn in Verbindung gesetzt.

Ja?

Genau genommen habe ich meinen Sekret&#228;r geschickt, Major Knighton, mit der Anweisung, ihm die Summe von hunderttausend Pfund in bar daf&#252;r anzubieten, dass er in die Scheidung einwilligt.

Eine h&#252;bsche Summe, sagte Poirot anerkennend, und die Antwort von Monsieur Schwiegersohn?

Er lie&#223; mir ausrichten, ich sollte zum Teufel gehen, sagte der Million&#228;r betont.

Ah!, sagte Poirot.

Er zeigte keinerlei Gem&#252;tsregung. Im Moment war er damit besch&#228;ftigt, methodisch Tatsachen zu sammeln.

Monsieur Kettering hat der Polizei gesagt, er h&#228;tte auf der Reise von England hierher seine Frau weder gesehen noch gesprochen. Sind Sie geneigt, dieser Erkl&#228;rung zu glauben, Monsieur?

Ja, bin ich, sagte Van Aldin. Er hat sich bestimmt besondere M&#252;he gegeben, ihr nicht zu begegnen, sch&#228;tze ich.

Warum?

Weil er diese Frau bei sich hatte. Mirelle?

Ja.

Wie haben Sie davon erfahren?

Einer meiner Leute, die ich auf seine Beobachtung angesetzt hatte, hat mir berichtet, dass beide mit diesem Zug abgereist sind.

Ich verstehe, sagte Poirot. In diesem Fall wird er, wie Sie schon sagten, wohl kaum versucht haben, sich mit Madame Kettering in Verbindung zu setzen.

Der kleine Mann versank in Schweigen. Van Aldin unterbrach seine Meditationen nicht.



Siebzehntes Kapitel



Ein aristokratischer Herr

Sind Sie schon einmal an der Riviera gewesen, Georges?, fragte Poirot am n&#228;chsten Morgen seinen Diener.

George war ein zutiefst englisches Individuum mit reglos h&#246;lzernen Z&#252;gen.

Ja, Sir. Vor zwei Jahren, als ich im Dienst von Lord Edward Frampton stand.

Und jetzt, murmelte sein Dienstherr, stehen Sie im Dienst von Hercule Poirot. Welch ein Aufstieg in der Welt!

Der Diener beliebte nicht auf diese Bemerkung zu reagieren. Nach geziemender Pause fragte er:

Den braunen Anzug, Sir? Es ist heute etwas k&#252;hl.

Auf der Weste ist ein Fettfleck, wandte Poirot ein. Ein morceau von Filet de sole a la Jeanette hat sich dort niedergelassen, als ich vorigen Dienstag im RJt% gegessen habe.

Da ist jetzt kein Fleck mehr, Sir, sagte George vorwurfsvoll. Ich habe ihn entfernt.

Tres bien!, sagte Poirot. Ich bin zufrieden mit Ihnen, Georges.

Danke, Sir.

Eine Pause trat ein, dann murmelte Poirot vertr&#228;umt:

Stellen Sie sich vor, mein lieber Georges, Sie w&#228;ren in derselben gesellschaftlichen Sph&#228;re auf die Welt gekommen wie Ihr letzter Herr, Lord Edward Frampton  Sie h&#228;tten, ohne eigenes Geld, eine &#228;u&#223;erst wohlhabende Frau geheiratet, aber diese Frau wollte sich aus guten Gr&#252;nden von Ihnen scheiden lassen, was w&#252;rden Sie da unternehmen?

Ich w&#252;rde versuchen, Sir, antwortete George, sie davon abzubringen.

Friedlich oder gewaltsam?

George blickte schockiert drein.

Verzeihen Sie, Sir, sagte er, aber ein Gentleman aus der Aristokratie w&#252;rde sich doch nicht wie ein Fischh&#228;ndler aus Whitechapel benehmen. Er w&#252;rde nichts Unstandesgem&#228;&#223;es tun.

W&#252;rde er nicht, Georges? Tja, ich frage mich. Aber vielleicht haben Sie Recht.

Es klopfte. George ging zur T&#252;r und &#246;ffnete sie diskret einen Spaltbreit. Es folgte eine gemurmelte Konversation, dann kam der Diener zur&#252;ck zu Poirot.

Ein Brief, Sir.

Poirot nahm ihn entgegen. Er war von Monsieur Caux, dem Polizeikommissar.

Wir sind eben dabei, den Comte de la Roche zu verh&#246;ren. Der Juge d Instruction bittet um Ihre Anwesenheit.

Rasch meinen Anzug, Georges! Ich muss mich beeilen.

Trefflich herausgeputzt in seinem braunen Anzug betrat Poirot eine Viertelstunde sp&#228;ter das B&#252;ro des Untersuchungsrichters. Monsieur Caux war bereits dort, und wie Carrege begr&#252;&#223;te er Poirot mit h&#246;flichem empressement.

Die Aff&#228;re ist ein wenig entmutigend, murmelte Caux. Wie es scheint, ist der Comte am Tag vor dem Mord in Nizza eingetroffen.

Wenn das stimmt, ist Ihre h&#252;bsche Theorie erledigt, antwortete Poirot.

Carrege r&#228;usperte sich.

Wir d&#252;rfen dieses Alibi nicht ohne &#228;u&#223;erst umsichtige Nachforschungen hinnehmen, erkl&#228;rte er. Mit der Hand bet&#228;tigte er die Glocke auf seinem Schreibtisch.

Bald darauf trat ein gro&#223;er, dunkelhaariger Mann ein, vorz&#252;glich gekleidet, mit einer etwas hochm&#252;tigen Miene. So aristokratisch sah der Comte aus, dass es wie die schiere Ketzerei anmutete, auch nur im Fl&#252;sterton zu &#228;u&#223;ern, sein Vater sei ein kleiner Getreideh&#228;ndler in Nantes gewesen  was tats&#228;chlich der Fall war. Bei seinem Anblick w&#228;re man bereit gewesen zu beschw&#246;ren, dass zahllose seiner Ahnen w&#228;hrend der Franz&#246;sischen Revolution auf der Guillotine umgekommen sein mussten.

Da bin ich, meine Herren, sagte der Comte hochm&#252;tig. Darf ich fragen, warum Sie mich sprechen wollen?

Nehmen Sie doch bitte Platz, Monsieur le Comte, sagte der Untersuchungsrichter h&#246;flich. Es geht um den Tod von Madame Kettering, wir ermitteln in dieser Angelegenheit.

Den Tod von Madame Kettering? Ich verstehe nicht.

Ich glaube, Sie waren mit der Dame  ahemm!  bekannt, Monsieur le Comte?

Gewiss war ich mit ihr bekannt! Was hat das mit der Angelegenheit zu tun?

Er klemmte ein Monokel ins Auge und sah sich eisig im Zimmer um, dabei ruhte sein Blick am l&#228;ngsten auf Poi-rot, der ihn mit einer Art schlichter Bewunderung anstarrte, die der Eitelkeit des Grafen durchaus schmeichelte. Monsieur Carrege lehnte sich auf seinem Stuhl zur&#252;ck und r&#228;usperte sich.

Sie wissen vielleicht nicht, Monsieur le Comte  er machte eine Pause  dass Madame Kettering ermordet wurde?

Ermordet? Mon Dieu, wie furchtbar!

&#220;berraschung und Schmerz waren trefflich gespielt  so gut, dass sie ganz echt wirkten.

Madame Kettering wurde im Zug zwischen Paris und Lyon erdrosselt, fuhr Carrege fort, und ihr Schmuck geraubt.

Es ist sch&#228;ndlich!, rief der Graf hitzig. Die Polizei m&#252;sste etwas gegen diese Bahnr&#228;uber unternehmen. Heutzutage ist doch keiner mehr sicher.

In Madames Handtasche, fuhr der Richter fort, fanden wir einen Brief von Ihnen. Wie es scheint, hatten Sie ein Treffen mit Madame vereinbart?

Der Graf hob die Schultern und breitete die Arme aus. Was n&#252;tzt alle Heimlichkeit?, sagte er freim&#252;tig. Wir sind doch alle M&#228;nner von Welt. Privat, ganz unter uns, gebe ich die Aff&#228;re zu.

Sie haben sie in Paris getroffen und sind mit ihr hierher gereist, nehme ich an?, sagte Monsieur Carrege.

So war es urspr&#252;nglich vorgesehen, aber auf Madames Wunsch wurde der Plan ge&#228;ndert. Ich sollte sie in Hyeres treffen.

Sie haben sie nicht im Gare de Lyon am Abend des Vierzehnten im Zug getroffen?

Im Gegenteil, ich bin am Morgen des gleichen Tages in Nizza angekommen; was Sie da nahe legen, ist also ganz unm&#246;glich.

Gewiss, gewiss, sagte Carrege. Nur der Vollst&#228;ndigkeit halber k&#246;nnten Sie mir vielleicht berichten, was Sie am Abend des Vierzehnten und in der folgenden Nacht getan haben.

Der Graf dachte einen Augenblick lang nach.

Ich habe in Monte Carlo gegessen, im Cafe de Paris. Danach bin ich ins Le Sporting gegangen. Ich habe ein paar tausend Francs gewonnen. Er zuckte mit den Schultern. Ungef&#228;hr um ein Uhr war ich wieder zu Hause.

Entschuldigen Sie, Monsieur, aber wie sind Sie nach Hause gelangt?

In meinem Zweisitzer.

Es war niemand bei Ihnen?

Niemand.

K&#246;nnten Sie Zeugen beibringen, die Ihre Angaben best&#228;tigen?

Sicher haben mich viele meiner Freunde an dem Abend dort gesehen. Gegessen habe ich allein.

Ihr Diener hat Sie nach Ihrer R&#252;ckkehr in die Villa eingelassen?

Ich habe mich selbst eingelassen, mit meinem Hausschl&#252;ssel.

Ah!, murmelte der Untersuchungsrichter.

Wieder hieb er die Hand auf die Glocke. Die T&#252;r wurde ge&#246;ffnet, und ein Bote erschien.

Bringen Sie die Zofe Mason her, sagte Monsieur Carrege.

Sehr wohl, Monsieur le Juge.

Ada Mason wurde hereingebracht.

W&#228;ren Sie so freundlich, Mademoiselle, sich diesen Herrn anzusehen? Und sagen Sie uns, so gut Sie k&#246;nnen, ob er derjenige ist, der in Paris das Abteil Ihrer Herrin betreten hat.

Lange und eingehend musterte die Frau den Grafen, der sich, wie es Poirot vorkam, dabei einigerma&#223;en unbehaglich f&#252;hlte.

Ich wei&#223; es wahrhaftig nicht sicher, Sir, sagte Mason schlie&#223;lich. Vielleicht ja, vielleicht aber auch nein. Wo ich doch nur seinen R&#252;cken gesehen habe, ist das schwer zu sagen. Ich glaube aber, es war der Gentleman.

Sicher sind Sie aber nicht?

Nei-enn, sagte Ada Mason widerwillig, n-nein, sicher bin ich nicht.

Haben Sie diesen Gentleman schon einmal in der Cur-zon Street gesehen?

Mason sch&#252;ttelte den Kopf.

Ich kriege eigentlich keinen Besucher in der Curzon Street zu sehen, erkl&#228;rte sie, au&#223;er, er wohnt l&#228;nger bei uns.

Sehr gut, das gen&#252;gt, sagte der Untersuchungsrichter scharf. Er war offenbar entt&#228;uscht.

Einen Moment, sagte Poirot. Ich w&#252;rde Mademoiselle gern eine Frage stellen, wenn ich darf?

Aber gewiss, Monsieur Poirot  selbstverst&#228;ndlich.

Poirot wandte sich an die Zofe.

Was ist mit den Fahrkarten geschehen, Mademoiselle?

Den Fahrkarten?

Ja, den Fahrkarten von London nach Nizza. Wer hatte die  Sie oder Ihre Herrin?

Die gn&#228;dige Frau hatte ihre eigene Pullman-Karte, Sir; die anderen hatte ich verwahrt.

Was ist damit geschehen?

Ich habe sie dem Schaffner im franz&#246;sischen Zug gegeben, Sir; er hat gesagt, das ist so &#252;blich. H&#228;tte ich das nicht tun sollen, Sir?

Doch, doch, das ist vollkommen in Ordnung. Ich wollte es nur wissen.

Monseieur Caux und der Untersuchungsrichter sahen ihn neugierig an. Ada Mason stand einen Augenblick unschl&#252;ssig da, bis der Untersuchungsrichter sie mit einem kurzen Nicken verabschiedete; sie ging hinaus. Poirot kritzelte etwas auf ein St&#252;ckchen Papier und reichte es Carrege. Dieser las es, und seine Z&#252;ge hellten sich auf.

Nun denn, meine Herren, sagte der Graf hochn&#228;sig, wollen Sie mich noch l&#228;nger festhalten?

Keineswegs, keineswegs, beeilte Carrege sich mit gro&#223;er Liebensw&#252;rdigkeit zu antworten. Was Ihre Rolle in der Angelegenheit angeht, ist nun alles gekl&#228;rt. Wegen Ihres Briefes an Madame mussten wir Sie nat&#252;rlich befragen.

Der Graf erhob sich, nahm seinen feinen Stock aus dem St&#228;nder, verbeugte sich sehr knapp und verlie&#223; das Zimmer.

Das w&#228;re dies, sagte Carrege. Sie hatten ganz Recht, Monsieur Poirot  viel besser, wenn er glaubt, dass man ihn nicht verd&#228;chtigt. Zwei meiner Leute werden ihn Tag und Nacht beschatten, und gleichzeitig werden wir sein Alibi ein bisschen abklopfen. Es scheint mir ziemlich  hm  vage.

M&#246;glicherweise, stimmte Poirot nachdenklich zu.

Ich habe Monsieur Kettering gebeten, sich heute Vormittag hier einzufinden, fuhr der Richter fort, wenn ich auch eigentlich nicht wei&#223;, was wir ihn fragen sollen, aber es gibt da ein oder zwei verd&#228;chtige Umst&#228;nde. Er machte eine Pause und rieb sich die Nase.

Und zwar?, fragte Poirot.

Also  der Untersuchungsrichter hustete  diese Dame, mit der er angeblich reist  Mademoiselle Mirelle. Die beiden wohnen in getrennten Hotels. Das kommt mir  eh  ziemlich merkw&#252;rdig vor.

Es sieht so aus, sagte Monsieur Caux, als ob die beiden sich in Acht n&#228;hmen.

Genau, sagte Carrege triumphierend, und wovor sollten sie sich in Acht nehmen m&#252;ssen?

Allzu viel Umsicht ist verd&#228;chtig, was?, sagte Poirot.

Preasement.

Wir k&#246;nnten, finde ich, murmelte Poirot, Monsieur Kettering durchaus ein paar Fragen stellen.

Der Untersuchungsrichter gab Anweisungen. Bald darauf trat Derek Kettering ein, l&#228;ssig wie immer.

Guten Morgen, Monsieur, sagte der Richter h&#246;flich.

Morgen, sagte Derek Kettering knapp. Sie haben mich holen lassen. Gibt es etwas Neues?

Bitte nehmen Sie Platz, Monsieur.

Derek warf Hut und Stock auf den Tisch und setzte sich.

Also?, fragte er ungeduldig.

Wir haben eigentlich keine neuen Einzelheiten, sagte Monsieur Carrege vorsichtig.

Sehr interessant, sagte Derek trocken. Haben Sie mich etwa rufen lassen, um mir das mitzuteilen?

Wir dachten nat&#252;rlich, Monsieur, dass Sie &#252;ber die Fortschritte in diesem Fall informiert werden m&#246;chten, sagte der Richter streng.

Selbst wenn der Fortschritt nicht existent ist.

Au&#223;erdem wollten wir Ihnen einige Fragen stellen.

Fragen Sie.

Sind Sie ganz sicher, dass Sie Ihre Frau im Zug weder gesehen noch mit ihr gesprochen haben?

Habe ich Ihnen doch l&#228;ngst beantwortet. Ja, weder  noch.

Sie hatten zweifellos Gr&#252;nde daf&#252;r.

Derek starrte ihn misstrauisch an.

Ich  habe  nicht  gewusst  dass  sie  im  Zug  war, erkl&#228;rte er &#252;berdeutlich, als spr&#228;che er mit einem Schwachsinnigen.

Das sagen Sie, murmelte Carrege.

Derek runzelte die Stirn.

Ich w&#252;sste gern, worauf Sie hinauswollen. Wissen Sie, was ich finde, Monsieur Carrege?

Was finden Sie denn, Monsieur?

Ich finde, die franz&#246;sische Polizei wird sehr &#252;bersch&#228;tzt. Sie m&#252;ssen doch sicher Daten &#252;ber die Banden von Bahnr&#228;ubern haben. Es ist emp&#246;rend, dass in einem solchen train de luxe so etwas &#252;berhaupt vorkommen kann und dass die franz&#246;sische Polizei in der Sache zu hilflos ist, um sich damit zu befassen.

Wir befassen uns damit, keine Sorge, Monsieur.

Soviel ich wei&#223;, hat Madame Kettering kein Testament hinterlassen, warf Poirot pl&#246;tzlich ein. Er hatte die Fingerspitzen aneinander gelegt und musterte aufmerksam die Decke.

Ich glaube nicht, dass sie je eines gemacht hat, sagte Kettering. Warum?

Es ist ein nettes kleines Verm&#246;gen, das Sie da erben, sagte Poirot, ein sehr nettes kleines Verm&#246;gen.

Zwar hingen seine Augen noch immer an der Decke, aber dennoch entging ihm die pl&#246;tzliche R&#246;te nicht, die Derek Ketterings Gesicht &#252;berzog.

Was meinen Sie damit, und wer sind Sie &#252;berhaupt?

Poirot hatte mit &#252;bereinander geschlagenen Beinen dagesessen; nun setzte er beide F&#252;&#223;e auf den Boden, nahm die Augen von der Decke und sah dem jungen Mann voll ins Gesicht.

Mein Name ist Hercule Poirot, sagte er ruhig, und wahrscheinlich bin ich der gr&#246;&#223;te Detektiv der Welt. Sind Sie ganz sicher, dass Sie Ihre Frau w&#228;hrend der Reise weder gesehen noch gesprochen haben?

Worauf wollen Sie hinaus? Wollen Sie  wollen Sie etwa unterstellen, dass ich  dass ich sie get&#246;tet h&#228;tte?

Pl&#246;tzlich lachte er.

Ich sollte mich nicht aufregen, das ist doch offensichtlich absurd. Also, wenn ich sie get&#246;tet h&#228;tte, h&#228;tte ich doch nicht ihre Juwelen zu stehlen brauchen, oder?

Das ist wahr, murmelte Poirot mit einem einigerma&#223;en erstaunten Gesichtsausdruck. Das habe ich nicht bedacht.

Wenn es jemals einen klaren Fall von Raubmord gegeben hat, dann ist es dieser, sagte Derek Kettering. Arme Ruth, es waren diese verfluchten Rubine. Es muss sich herumgesprochen haben, dass sie sie bei sich hatte. Ich glaube, wegen dieser Steine sind schon fr&#252;her Morde begangen worden.

Poirot richtete sich pl&#246;tzlich in seinem Sessel auf. In seinen Augen glomm ein schwaches gr&#252;nes Leuchten und er sah einer geputzten, wohlgen&#228;hrten Katze bemerkenswert &#228;hnlich.

Eine Frage noch, Monsieur Kettering, sagte er. K&#246;nnten Sie mir sagen, an welchem Tag Sie Ihre Frau zuletzt gesehen haben?

Mal sehen, &#252;berlegte Kettering. Es muss  ja, vor &#252;ber drei Wochen gewesen sein. Ich f&#252;rchte, das genaue Datum kann ich Ihnen nicht nennen.

Macht nichts, sagte Poirot trocken, mehr wollte ich nicht wissen.

Also, sagte Derek Kettering unwirsch, sonst noch was?

Er sah Carrege an. Dieser suchte Inspiration bei Poirot und erhielt sie in Form eines schwachen Kopfsch&#252;tteins.

Nein, Monsieur Kettering, sagte er h&#246;flich, nein, ich glaube, wir m&#252;ssen Sie nicht l&#228;nger behelligen. Ich w&#252;nsche Ihnen einen guten Morgen.

Guten Morgen, sagte Kettering. Er ging hinaus, dabei schlug er die T&#252;r hinter sich zu.

Sobald der junge Mann das Zimmer verlassen hatte, beugte Poirot sich vor und fragte scharf:

Sagen Sie, wann haben Sie mit Monsieur Kettering &#252;ber diese Rubine gesprochen?

Ich habe &#252;berhaupt nicht von ihnen gesprochen, sagte Carrege. Wir haben erst gestern Nachmittag durch Monsieur Van Aldin von ihnen erfahren.

Ja, aber im Brief des Comte werden sie erw&#228;hnt.

Carrege wirkte gekr&#228;nkt.

Selbstverst&#228;ndlich habe ich mit Monsieur Kettering nicht &#252;ber diesen Brief gesprochen, sagte er mit schockierter Stimme. Beim augenblicklichen Stand der Aff&#228;re w&#228;re das &#228;u&#223;erst leichtfertig gewesen.

Poirot beugte sich vor und klopfte auf den Tisch.

Woher wusste er dann davon?, fragte er leise. Madame kann es ihm nicht erz&#228;hlt haben; er hat sie doch seit drei Wochen nicht gesehen. Es ist unwahrscheinlich, dass Monsieur Van Aldin oder sein Sekret&#228;r sie erw&#228;hnt h&#228;tten. Bei ihren Gespr&#228;chen mit ihm ging es um ganz andere Dinge. Und in den Zeitungen gab es keinen Hinweis und keine Anspielung auf die Rubine.

Er stand auf und nahm Hut und Stock.

Und trotzdem, murmelte er vor sich hin, wei&#223; unser Gentleman &#252;ber sie Bescheid. Also, da fragt man sich  ja, man fragt sich!



Achtzehntes Kapitel



Derek isst zu Mittag

Derek Kettering ging geradewegs ins Negresco, wo er zun&#228;chst einige Cocktails bestellte und schnell hinunterst&#252;rzte. Dann starrte er m&#252;rrisch auf das blendend blaue Meer. Mechanisch registrierte er die Passanten  eine verdammt &#246;de Gesellschaft, schlecht angezogen und fast schmerzhaft uninteressant; in diesen Tagen sah man ja kaum je etwas Bemerkenswertes. Diese letztere Feststellung korrigierte er allerdings sogleich, als sich eine Frau an einen nicht weit entfernten Tisch setzte. Sie trug eine wundervolle Komposition in Orange und Schwarz, mit einem H&#252;tchen, das ihr Gesicht beschattete. Er bestellte einen weiteren Cocktail; wieder starrte er aufs Meer hinaus und zuckte dann pl&#246;tzlich zusammen. Ein wohl bekanntes Parf&#252;m stieg ihm in die Nase, und als er aufblickte, stand die Dame in Orange und Schwarz neben ihm. Nun sah er ihr Gesicht und erkannte sie. Es war Mirelle. Sie sah ihn mit dem herausfordernden, verf&#252;hrerischen L&#228;cheln an, das er so gut kannte.

Derek, murmelte sie. Du freust dich doch, mich zu sehen, oder?

Sie setzte sich in einen Sessel auf der anderen Seite des Tisches.

Aber dann begr&#252;&#223; mich doch, du Dummkopf, spottete sie.

Welch unerwartetes Vergn&#252;gen, sagte Derek. Wann hast du London verlassen?

Sie zuckte mit den Schultern.

Vor einem oder zwei Tagen?

Und das Parthenon?

Ich habe denen, wie sagt man das?  den Kram hingeschmissen!

Wirklich?

Du bist nicht besonders entgegenkommend, Derek.

Hattest du das denn erwartet?

Mirelle z&#252;ndete sich eine Zigarette an und rauchte ein paar Minuten, ehe sie sagte:

Meinst du vielleicht, es w&#228;re unvorsichtig, so bald?

Derek starrte sie an, dann zuckte er mit den Schultern und sagte f&#246;rmlich:

Willst du hier zu Mittag essen?

Mais oui. Ich esse mit dir.

Es tut mir wirklich sehr Leid, sagte Derek. Ich habe eine &#252;beraus wichtige Verabredung.

Mon Dieu! Ihr M&#228;nner seid wie die Kinder, rief die T&#228;nzerin aus. O ja, jetzt spielst du mir das verzogene Kind vor, und zwar seit dem Tag in London, als du aus meiner Wohnung gerauscht bist, seitdem schmollst du. Ah!, mais cest inoui!

Mein liebes M&#228;dchen, sagte Derek, ich wei&#223; wirklich nicht, wovon du da redest. In London haben wir uns dar&#252;ber geeinigt, dass Ratten ein sinkendes Schiff verlassen; mehr ist nicht dazu zu sagen.

Trotz seiner achtlosen Rede wirkte sein Gesicht eingefallen und bedr&#252;ckt. Mirelle beugte sich pl&#246;tzlich vor.

Du kannst mir nichts vormachen, murmelte sie. Ich wei&#223;  ich wei&#223;, was du f&#252;r mich getan hast.

Scharf blickte er zu ihr auf. Ein Unterton in ihren Worten fesselte seine Aufmerksamkeit. Sie nickte ihm zu.

Ah! Hab keine Angst, ich bin verschwiegen. Du bist gro&#223;artig! Du hast ungeheuren Mut, aber trotz allem  ich war diejenige, die dich auf den Gedanken gebracht hat, als ich dir in London gesagt habe, dass manchmal Unf&#228;lle geschehen. Und bist du nicht in Gefahr? Verd&#228;chtigt dich die Polizei nicht?

Was zum Teufel.?

Pssst!

Sie hob eine schlanke, olivfarbene Hand mit einem gro&#223;en Smaragd am kleinen Finger.

Du hast Recht, ich h&#228;tte hier in der &#214;ffentlichkeit nicht so reden sollen. Wir werden nicht mehr davon sprechen, aber unsere Probleme sind gel&#246;st; unser gemeinsames Leben wird wunderbar sein  wunderbar!

Derek lachte pl&#246;tzlich  ein schroffes, unangenehmes Lachen.

Die Ratten kehren also zur&#252;ck, wie? Zwei Millionen machen etwas aus  nat&#252;rlich. Ich h&#228;tte es wissen m&#252;ssen! Er lachte noch einmal. Du willst mir helfen, diese zwei Millionen auszugeben, oder, Mirelle? Du wei&#223;t, wie man das macht; keine Frau w&#252;sste es besser. Wieder lachte er.

Pssst!, zischte die T&#228;nzerin. Was ist mit dir los, Derek? Sieh mal  die Leute drehen sich schon nach dir um.

Mit mir? Ich will dir sagen, was mit mir los ist. Ich bin fertig mit dir, Mirelle. H&#246;rst du? Es ist aus!

Mirelle nahm dies nicht so auf, wie er erwartet hatte. Sie sah ihn eine oder zwei Minuten lang an, dann l&#228;chelte sie sanft.

Also, was f&#252;r ein Kind! Du bist w&#252;tend  du bist verletzt, und all das nur, weil ich praktisch denke. Habe ich dir denn nicht immer gesagt, dass ich dich anbete?

Sie beugte sich vor.

Aber ich kenne dich, Derek. Sieh mich an  sieh mal, ich bins, Mirelle, die hier mit dir redet. Du kannst nicht ohne sie leben, das wei&#223;t du auch. Ich habe dich vorher geliebt, jetzt werde ich dich hundertmal mehr lieben. Ich werde dir ein wundersch&#246;nes Leben bereiten  ganz wundersch&#246;n. Keine andere ist wie Mirelle.

Ihre Augen brannten auf ihn nieder. Sie sah ihn erblassen und Luft holen, und sie l&#228;chelte befriedigt vor sich hin. Sie kannte ihren Zauber, und ihre Macht &#252;ber M&#228;nner.

Das w&#228;re also abgemacht, sagte sie leise und lachte. Und jetzt, Derek, l&#228;dst du mich zum Essen ein?

Nein.

Er holte scharf Luft und stand auf.

Es tut mir Leid, aber ich habe es dir gesagt  ich habe eine Verabredung.

Du isst mit jemand anderem? Bah! Das glaube ich dir nicht.

Ich esse mit der Dame da dr&#252;ben.

Br&#252;sk ging er quer durch den Raum zu einer Dame in Wei&#223;, die eben die Stufen heraufgekommen war. Ein wenig atemlos sprach er sie an.

Miss Grey, m&#246;chten Sie  darf ich Sie zum Essen einladen? Wir haben uns bei Lady Tamplin getroffen, wenn Sie sich erinnern m&#246;gen.

Katherine sah ihn ein paar Momente mit ihren nachdenklichen grauen Augen an, die so viel sagten.

Danke sehr, sagte sie nach einer kurzen Pause, ich nehme Ihre Einladung gern an.



Neunzehntes Kapitel



Unerwarteter Besuch

Der Comte de la Roche hatte soeben sein dejeuner beendet, das aus einer omelette fines herbes, einem entrecote Bearnaise und einem Savarin au Rhum bestanden hatte. Er tupfte mit der Serviette geziert seinen feinen schwarzen Schnurrbart ab und erhob sich von der Tafel. Als er den Salon der Villa durchquerte, registrierte er mit Wohlgefallen die wenigen objets dart, die achtlos im Raum verteilt waren: die Louis-XV.-Schnupftabaksdose, den Satinschuh, den Marie Antoinette getragen hatte, und die &#252;brigen historischen Kleinigkeiten, die zur mise en scene des Comte geh&#246;rten. Seinen sch&#246;nen Besucherinnen pflegte er zu erz&#228;hlen, es handle sich um Familienerbst&#252;cke. Er trat auf die Terrasse und sah zerstreut auf das blaue Meer hinaus. Er war nicht in der Stimmung, die Sch&#246;nheit der Landschaft zu w&#252;rdigen. Man hatte seinen ausgereiften Plan roh zunichte gemacht, und er musste alles wieder von neuem aust&#252;fteln. In einem Korbsessel ausgestreckt, eine Zigarette zwischen den wei&#223;en Fingern, versank der Comte in tiefes Gr&#252;beln.

Hippolyte, sein Diener, brachte den Kaffee und einige Flaschen zur Wahl. Der Comte entschied sich f&#252;r einen sehr feinen alten Brandy.

Als der Diener sich eben entfernen wollte, hielt der Comte ihn durch eine knappe Geste zur&#252;ck. Hippolyte stand ehrerbietig stramm. Er hatte kein besonders einnehmendes Gesicht, aber seine korrekte Haltung trug viel dazu bei, diese Tatsache geschickt zu verbergen. Er war nun das Bild ehrerbietiger Aufmerksamkeit.

Es ist m&#246;glich, sagte der Comte, dass in den n&#228;chsten Tagen verschiedene Fremde ins Haus kommen. Sie werden versuchen, mit Ihnen und Marie Bekanntschaft zu schlie&#223;en. Wahrscheinlich werden sie Ihnen einiges an Fragen &#252;ber mich stellen.

Ja, Monsieur le Comte.

Vielleicht ist das bereits geschehen?

Nein, Monsieur le Comte.

Es sind keine Fremden hier gewesen? Sind Sie sicher?

Es war niemand hier, Monsieur le Comte.

Das ist gut, sagte der Comte trocken, aber sie werden kommen  dessen bin ich sicher. Sie werden Fragen stellen.

Hippolyte sah seinen Herrn mit verst&#228;ndiger Erwartung an.

Der Comte sprach langsam, ohne Hippolyte anzusehen.

Wie Sie wissen, bin ich hier am vorigen Dienstag morgens angekommen. Sollte die Polizei oder sonst jemand Sie fragen, dann vergessen Sie das nicht. Ich bin Dienstag, den Vierzehnten angekommen  nicht Mittwoch, dem F&#252;nfzehnten. Verstehen Sie?

Vollkommen, Monsieur le Comte.

In einer Aff&#228;re, von der eine Dame betroffen ist, muss man immer diskret sein. Ich bin &#252;berzeugt, Hippolyte, dass Sie diskret sein k&#246;nnen.

Ich kann diskret sein, Monsieur le Comte.

Und Marie?

Marie ebenfalls. Ich verb&#252;rge mich f&#252;r sie.

Dann ist es gut, murmelte der Comte.

Als Hippolyte gegangen war, schl&#252;rfte der Comte nachdenklich seinen schwarzen Kaffee. Zuweilen runzelte er die Stirn, einmal sch&#252;ttelte er ein wenig den Kopf, zweimal nickte er. Inmitten dieser Erw&#228;gungen erschien Hippolyte abermals.

Eine Dame, Monsieur.

Eine Dame?

Der Comte war &#252;berrascht. Nicht, dass Damenbesuch etwas Ungew&#246;hnliches in der Villa Marina gewesen w&#228;re, aber in diesem Moment hatte der Comte keine Ahnung, wer die Dame wohl sein mochte.

Es ist, glaube ich, keine Dame, die Monsieur bereits kennt, murmelte der Diener hilfsbereit.

Der Comte zeigte sich nun st&#228;rker interessiert.

Bringen Sie sie hierher, Hippolyte, befahl er.

Einen Augenblick sp&#228;ter trat eine herrliche Erscheinung in Orange und Schwarz auf die Terrasse, und mit ihr schwebte ein starker Duft exotischer Bl&#252;ten herein.

Monsieur le Comte de la Roche?

Zu Ihren Diensten, Mademoiselle, sagte der Comte mit einer Verbeugung.

Mein Name ist Mirelle. Vielleicht haben Sie schon von mir geh&#246;rt?

Ah, selbstverst&#228;ndlich, Mademoiselle, wer w&#228;re denn nicht hingerissen von Mademoiselle Mirelles Tanzkunst? Exquisit!

Die T&#228;nzerin quittierte das Kompliment mit einem kurzen, mechanischen L&#228;cheln.

Ich &#252;berfalle Sie ganz formlos, begann sie.

Aber nehmen Sie doch Platz, Mademoiselle, rief der Comte; er holte einen Sessel herbei.

Unter seiner Maske von Galanterie beobachtete er sie scharf. Es gab nur wenig, was der Comte nicht &#252;ber Frauen wusste. Allerdings beliefen sich seine Erfahrungen weniger auf Damen der Klasse von Mirelle, die selbst zu einer Art Raubtiergattung z&#228;hlten. Er und die T&#228;nzerin waren gewisserma&#223;en aus dem gleichen Holz geschnitzt. Seine K&#252;nste, das wusste der Comte sehr wohl, w&#228;ren an Mirelle vergeudet. Sie war eine Pariserin, und eine raffinierte dazu. Eines jedoch erkannte der Comte unfehlbar, er sa&#223; einer sehr zornigen Frau gegen&#252;ber, und der Com-te wusste sehr wohl, dass eine zornige Frau immer mehr sagt, als klug w&#228;re, und dass zuweilen ein beherrschter Gentleman Nutzen aus einer solchen Frau ziehen kann.

Es ist sehr liebensw&#252;rdig von Ihnen, Mademoiselle, meine bescheidene Unterkunft in dieser Weise zu ehren.

Wir haben in Paris gemeinsame Bekannte, sagte Mi-relle, die mir von Ihnen erz&#228;hlt haben, aber ich bin heute aus einem anderen Grund zu Ihnen gekommen. Seit ich in Nizza bin, habe ich einiges &#252;ber Sie geh&#246;rt  in einem anderen Zusammenhang, wissen Sie.

Ah?, sagte der Comte sanft.

Ich will sehr direkt mit Ihnen sein, fuhr die T&#228;nzerin fort, aber glauben Sie mir, Ihr Wohl liegt mir am Herzen. Man erz&#228;hlt sich in Nizza, Monsieur le Comte, dass Sie der M&#246;rder dieser englischen Lady seien, Madame Kettering.

Ich!  Madame Ketterings M&#246;rder? Bah, wie absurd!

Er sprach eher gelangweilt als emp&#246;rt, da er wusste, dass das sie zum Weitersprechen provozieren w&#252;rde.

Aber ja, beharrte sie, es ist so, wie ich es Ihnen sage.

Die Leute tratschen eben gern, murmelte der Comte unger&#252;hrt. Es w&#228;re unter meiner W&#252;rde, solche wilden Anschuldigungen ernst zu nehmen.

Sie haben es nicht richtig verstanden. Mirelle beugte sich vor, ihre schwarzen Augen funkelten. Es geht nicht um m&#252;&#223;iges Geschw&#228;tz auf der Stra&#223;e. Es geht um die Polizei.

Die Polizei  ah?

Der Comte setzte sich auf, nun wieder in voller Aufmerksamkeit.

Mirelle nickte mehrmals nachdr&#252;cklich. Ja, ja. Verstehen Sie  ich habe &#252;berall Freunde. Der Pr&#228;fekt selbst. Sie beendete den Satz durch ein beredtes Schulterzucken.

Wer w&#228;re einer sch&#246;nen Frau gegen&#252;ber nicht indiskret?, murmelte der Comte h&#246;flich.

Die Polizei glaubt, dass Sie Madame Kettering umgebracht haben. Aber die Polizei irrt sich.

Nat&#252;rlich irrt sie sich, stimmte der Comte gelassen zu.

Das sagen Sie, aber die Wahrheit kennen Sie nicht. Ich dagegen kenne sie.

Der Comte sah sie neugierig an.

Sie wissen, wer Madame Kettering ermordet hat? Ist es das, was Sie sagen wollen, Mademoiselle?

Mirelle nickte lebhaft.

Ja.

Wer war es?, fragte der Comte scharf.

Ihr eigener Gatte. Sie beugte sich vor und sprach mit leiser, vor Wut und Aufregung zitternder Stimme. Ihr Mann hat sie get&#246;tet.

Der Comte lehnte sich im Sessel zur&#252;ck. Sein Gesicht war eine Maske.

Darf ich fragen, Mademoiselle, woher Sie das wissen?

Woher ich das wei&#223;? Mirelle sprang mit einem Lachen auf. Er hat vorher schon damit geprahlt. Er war ruiniert, bankrott, am Ende. Nur der Tod seiner Frau konnte ihn retten. Das hat er mir selbst gesagt. Er hat den gleichen Zug genommen  aber das durfte sie nicht wissen. Warum? frage ich. Damit er sich in der Nacht &#252;ber sie hermachen konnte! Sie schloss die Augen. Ich sehe die Szene vor mir.

Der Comte h&#252;stelte.

M&#246;glich  m&#246;glich, murmelte er. Aber in diesem Fall, Mademoiselle, w&#252;rde er doch nicht die Juwelen stehlen.

Die Juwelen!, hauchte Mirelle. Die Juwelen. Ah, diese Rubine.

Ihre Augen verschleierten sich, ein fernes Licht leuchtete in ihnen. Der Comte schaute sie neugierig an und staunte zum hundertsten Mal, welch magische Macht Edelsteine &#252;ber das weibliche Geschlecht hatten. Dann rief er sie in die Realit&#228;t zur&#252;ck.

Was wollen Sie von mir, Mademoiselle?

Mirelle wurde wieder aufmerksam und sachlich.

Das ist doch ganz einfach. Sie gehen zur Polizei. Sie sagen denen, dass Monsieur Kettering das Verbrechen begangen hat.

Und wenn man mir nicht glaubt? Wenn man Beweise von mir verlangt? Er musterte sie aufmerksam.

Mirelle lachte leise und zog die schwarz-orange H&#252;lle enger.

Dann schicken Sie die Polizei zu mir, Monsieur le Comte, sagte sie sanft, ich werde ihr die Beweise geben, die sie verlangt.

Damit verschwand sie, ein st&#252;rmischer Wirbelwind, sie hatte ihre Aufgabe erledigt.

Der Comte sah ihr nach, die Brauen zierlich gehoben.

Sie ist in Rage, murmelte er. Was mag sie nur derart aufgebracht haben? Aber sie zeigt ihre Karten zu offen. Glaubt sie wirklich, dass Monsieur Kettering seine Frau get&#246;tet hat? Sie will, dass ich es glaube. Sie m&#246;chte sogar, dass die Polizei es glaubt.

Er l&#228;chelte. Er hatte nicht die geringste Absicht, zur Polizei zu gehen. Er sah verschiedene andere M&#246;glichkeiten  seinem L&#228;cheln nach ein h&#252;bsches Panorama von M&#246;glichkeiten.

Gleich darauf zog allerdings ein Schatten &#252;ber sein Gesicht. Mirelle zufolge verd&#228;chtigte die Polizei ihn. Das mochte stimmen oder nicht. Eine zornige Frau vom Typ der T&#228;nzerin w&#252;rde sich nicht gerade um die Wahrhaftigkeit ihrer Erkl&#228;rungen sorgen. Andererseits mochte sie durchaus Informationen aus erster Hand erhalten haben. In diesem Fall  sein Mund wurde zu einer grimmigen Linie , in diesem Fall musste er gewisse Vorsichtsma&#223;nahmen treffen.

Er ging ins Haus und befragte Hippolyte abermals eingehend, ob wirklich keine Fremden da gewesen seien. Der Diener versicherte ihm ganz fest, dies sei nicht der Fall gewesen. Der Comte ging in sein Schlafzimmer hinauf zum alten Schreibtisch, der dort an der Wand stand. Er klappte ihn auf, und seine flinken Finger suchten nach einer Feder hinten in einem bestimmten Fach. Eine geheime Schublade sprang heraus, darin lag ein kleines P&#228;ckchen in braunem Packpapier. Der Comte nahm es heraus und wog es ein paar Momente in der Hand. Dann hob er die Hand an den Kopf und riss sich mit einer kleinen Grimasse ein einzelnes Haar aus. Er legte es auf den Rand der Schublade und verschloss sie sorgf&#228;ltig wieder. Mit dem P&#228;ckchen in der Hand ging er nach unten und aus dem Haus zur Garage, wo ein roter Zweisitzer stand. Zehn Minuten sp&#228;ter war er unterwegs nach Monte Carlo.

Er verbrachte ein paar Stunden im Casino und schlen-derte dann in die Stadt. Bald stieg er wieder ins Auto und fuhr davon in Richtung Menton. Schon am Nachmittag war ihm in einiger Entfernung hinter ihm ein unscheinbarer grauer Wagen aufgefallen. Jetzt bemerkte er ihn wieder. Er l&#228;chelte vor sich hin. Die Stra&#223;e stieg steil an. Der Fu&#223; des Comte senkte sich auf das Gaspedal. Der kleine rote Wagen, eigens nach den W&#252;nschen des Comte gebaut, hatte einen viel st&#228;rkeren Motor, als man vom Augenschein her angenommen h&#228;tte. Das Auto schoss vorw&#228;rts.

Er schaute zur&#252;ck und l&#228;chelte, der graue Wagen folgte ihm. Von Staub bedeckt flog das kleine rote Auto &#252;ber die Stra&#223;e dahin. Inzwischen war das Tempo gef&#228;hrlich geworden, aber der Comte war ein erstklassiger Fahrer. Nun ging es bergab, Biegungen und Serpentinen folgten aufeinander. Irgendwann wurde der Wagen langsamer und kam schlie&#223;lich vor einem kleinen Bureau de Poste zum Stehen. Der Comte sprang hinaus, hob den Deckel des Kofferraums, nahm das kleine braune Paket heraus und eilte ins Postamt. Zwei Minuten sp&#228;ter fuhr er weiter in Richtung Menton. Als der graue Wagen dort ankam, trank der Comte auf der Terrasse eines der dortigen Hotels einen englischenfive oclock tea.

Sp&#228;ter fuhr er zur&#252;ck nach Monte Carlo, speiste dort und war gegen elf Uhr wieder zu Hause. Hippolyte kam heraus, um ihn mit einem verst&#246;rten Gesicht zu begr&#252;&#223;en.

Ah! Monsieur le Comte ist wieder da. Monsieur le Comte hat mich heute Nachmittag nicht zuf&#228;llig angerufen?

Der Comte sch&#252;ttelte den Kopf.

Und trotzdem habe ich um drei Uhr von Monsieur le Comte die Weisung erhalten, mich bei ihm in Nizza im Negresco einzufinden.

Ah ja?, sagte der Comte. Und Sie sind hingefahren?

Nat&#252;rlich, Monsieur, aber im Negresco wusste niemand etwas von Monsieur le Comte. Er war nicht da gewesen.

Ah, sagte der Comte, und zu dieser Zeit hat Marie wohl gerade ihre Nachmittagseink&#228;ufe gemacht?

So ist es, Monsieur le Comte.

Nun ja, sagte der Comte, es hat keine Bedeutung. Ein Irrtum.

Er ging die Treppe hinauf, dabei l&#228;chelte er vor sich hin.

In seinem Schlafzimmer angelangt, verriegelte er die T&#252;r und sah sich aufmerksam um. Alles schien wie gew&#246;hnlich. Er &#246;ffnete verschiedene Schubladen und Schr&#228;nke. Dann nickte er. Man hatte alles fast genauso wieder hingestellt, wie er es hinterlassen hatte, aber nicht ganz. Offenbar hatte man eine sehr gr&#252;ndliche Durchsuchung vorgenommen.

Er ging zum Schreibtisch und dr&#252;ckte die verborgene Feder. Die Geheimlade sprang auf, aber das Haar war nicht mehr da, wo er es hingelegt hatte. Er nickte mehrmals.

Sie sind vorz&#252;glich, unsere franz&#246;sischen Polizisten, murmelte er vor sich hin, vorz&#252;glich. Ihnen entgeht nichts.



Zwanzigstes Kapitel



Katherine schlie&#223;t Freundschaft

Am n&#228;chsten Morgen sa&#223;en Katherine und Lenox auf der Terrasse der Villa Marguerite. Trotz des Altersunterschieds schien eine Art Freundschaft zwischen ihnen zu entstehen. Ohne Lenox h&#228;tte Katherine das Leben in der Villa ganz unertr&#228;glich gefunden. Der Kettering-Fall war zurzeit das einzige Thema. Lady Tamplin beutete die Verbindung ihres Gastes mit der Aff&#228;re &#252;bergr&#252;ndlich aus. Die beharrlichsten Zur&#252;ckweisungen, deren Katherine f&#228;hig war, prallten an Lady Tamplins Selbstbewusstsein ab. Lenox wahrte Distanz, am&#252;sierte sich offenbar &#252;ber die Machenschaften ihrer Mutter, hatte aber doch auch mitf&#252;hlendes Verst&#228;ndnis f&#252;r Katherine. Die Lage wurde durch Chubby keineswegs verbessert, dessen naiver Eifer nicht zu unterdr&#252;cken war und der Katherine Gott und der Welt so vorstellte:

Das ist Miss Grey. Haben Sie von der Sache mit dem Blauen Express geh&#246;rt? Sie hat da bis zum Hals dringesteckt. Hat sich mit Ruth Kettering ein paar Stunden vor dem Mord noch ganz lange unterhalten! Ziemlich viel Schwein f&#252;r sie, was?

Ein paar Bemerkungen dieser Art hatten Katherine morgens zu einer ungew&#246;hnlich scharfen Zurechtweisung bewogen, und als sie allein waren, bemerkte Lenox in ihrer &#252;blichen tr&#228;gen Redeweise:

Nicht daran gew&#246;hnt, so benutzt zu werden, wie? Du hast noch einiges zu lernen, Katherine. Tut mir Leid, dass ich die Beherrschung verloren habe. Das passiert mir sonst nicht.

War h&#246;chste Zeit, dass du mal lernst, Dampf abzulassen. Chubby ist blo&#223; ein Esel, der meints nicht b&#246;se. Mutter dagegen geht einem auf die Nerven, aber bei der kannst du die Beherrschung verlieren, bis du platzt, ohne dass es auf sie einen Eindruck macht. Die sieht dich dann blo&#223; mit gro&#223;en, traurigen blauen Augen an und schert sich den Teufel darum.

Katherine antwortete nicht auf diese wenig respektvolle Bemerkung der Tochter, und Lenox fuhr fort:

Ich bin da eher wie Chubby. Ich habe Spa&#223; an so einem sch&#246;nen Mord, und au&#223;erdem  na ja, Derek zu kennen macht schon was aus.

Katherine nickte.

Du hast also gestern mit ihm gegessen, sagte Lenox versonnen. Gef&#228;llt er dir, Katherine?

Katherine dachte ein paar Momente nach.

Ich wei&#223; nicht, sagte sie sehr langsam.

Er ist sehr attraktiv.

Ja, er ist attraktiv.

Was gef&#228;llt dir nicht an ihm?

Katherine beantwortete die Frage nicht oder wenigstens nicht direkt. Er hat &#252;ber den Tod seiner Frau gesprochen, sagte sie. Er sagte, er wolle nicht so tun, als ob das f&#252;r ihn etwas anderes als ein ganz au&#223;erordentlicher Gl&#252;cksfall w&#228;re.

Und dar&#252;ber warst du vermutlich entsetzt, sagte Lenox. Sie hielt inne, und dann setzte sie in einem seltsamen Tonfall hinzu: Er mag dich, Katherine.

Er hat mich zu einem sehr guten Essen eingeladen, sagte Katherine l&#228;chelnd.

Lenox lie&#223; sich nicht ablenken.

Das habe ich an dem Abend gesehen, als er hergekommen ist, sagte sie nachdenklich. Wie er dich angeschaut hat, und dabei bist du eigentlich gar nicht sein Typ  ganz im Gegenteil. Na ja, wahrscheinlich ist das so was wie Religion  in einem bestimmten Alter erwischt es einen.

Mademoiselle wird am Telefon verlangt, sagte Marie, sie erschien am Salonfenster. Monsieur Hercule Poirot w&#252;nscht Sie zu sprechen.

Noch mehr Blut und B&#252;chsenknall. Na los, Katherine, geh ein bisschen mit deinem Detektiv schmusen.

Hercule Poirots betonte, pr&#228;zise Intonation kam durch den Telefonh&#246;rer.

Ist dort Mademoiselle Grey? Bon. Mademoiselle, ich habe eine Nachricht f&#252;r Sie von Monsieur Van Aldin, Madame Ketterings Vater. Er w&#252;rde sehr gern mit Ihnen sprechen, Mademoiselle; entweder in der Villa Marguerite oder in seinem Hotel, was immer Sie bevorzugen.

Katherine dachte einen Augenblick nach, beschloss dann aber, dass es f&#252;r Van Aldin unangenehm und auch unn&#246;tig w&#228;re, zur Villa Marguerite zu kommen. Lady Tamplin w&#252;rde seine Ankunft mit viel zu viel Trara bejubeln. Sie lie&#223; nie eine Chance aus, Million&#228;re anzuhimmeln. Deshalb sagte sie Poirot, sie z&#246;ge es vor, nach Nizza zu kommen.

Ausgezeichnet, Mademoiselle. Ich werde Sie selbst mit einem Wagen abholen. Sagen wir, in etwa einer Dreiviertelstunde?

Poirot erschien p&#252;nktlich auf die Minute. Katherine erwartete ihn bereits, und sie fuhren sofort los.

Nun, Mademoiselle, wie geht es?

Sie schaute in seine zwinkernden Augen und wurde in ihrem ersten Eindruck best&#228;tigt, dass Monsieur Poirot etwas sehr Anziehendes hatte.

Das ist unser privater roman poli&#228;er, nicht wahr?, sagte Poirot. Ich habe Ihnen versprochen, dass wir ihn zusammen untersuchen. Und ich halte meine Versprechen immer.

Sie sind zu freundlich, murmelte Katherine.

Ah, Sie spotten &#252;ber mich; aber Sie m&#246;chten sicher etwas &#252;ber die weitere Entwicklung des Falles h&#246;ren, oder nicht?

Katherine gab zu, dass sie gern etwas h&#246;ren w&#252;rde, und Poirot entwarf ihr ein knappes Portr&#228;t des Comte de la Roche.

Sie glauben also, er hat sie get&#246;tet, sagte Katherine nachdenklich.

Das ist die Theorie, sagte Poirot zur&#252;ckhaltend.

Glauben Sie selbst es auch?

Das habe ich nicht gesagt. Und Sie, Mademoiselle, was meinen Sie dazu?

Katherine sch&#252;ttelte den Kopf.

Wie soll ich das wissen? Ich verstehe doch nichts von solchen Sachen, aber ich finde, dass.

Ja?, sagte Poirot ermutigend.

Also  nach allem, was Sie mir &#252;ber den Comte erz&#228;hlt haben, klingt er nicht wie die Art Mann, die wirklich jemanden umbringen w&#252;rde.

Ah! Sehr gut, rief Poirot. Sie stimmen mir zu, das ist genau das, was ich gesagt habe. Er sah sie scharf an. Aber sagen Sie mir, haben Sie Mr Derek Kettering kennen gelernt?

Ich bin ihm bei Lady Tamplin begegnet, und gestern habe ich mit ihm gegessen.

Un mauvais sujet, sagte Poirot kopfsch&#252;ttelnd. Aber les femmes  sie m&#246;gen das, wie?

Er zwinkerte Katherine zu, und sie lachte.

Er ist die Sorte Mann, die man &#252;berall bemerken w&#252;rde, fuhr Poirot fort. Zweifellos haben Sie ihn doch im Blauen Express bemerkt?

Ja, ich habe ihn bemerkt.

Im Speisewagen?

Nein. Bei den Mahlzeiten habe ich ihn nicht bemerkt. Gesehen habe ich ihn nur ein einziges Mal  als er ins Abteil seiner Frau gegangen ist.

Poirot nickte. Eine merkw&#252;rdige Geschichte, murmelte er. Ich glaube, Mademoiselle, Sie haben gesagt, Sie seien in Lyon aufgewacht und h&#228;tten aus dem Fenster geschaut? Sie haben nicht zuf&#228;llig einen gro&#223;en, dunkelhaarigen Mann wie den Comte de la Roche den Zug verlassen sehen?

Katherine sch&#252;ttelte den Kopf. Nein, ich glaube nicht, sagte sie. Es gab da einen jungen Burschen mit Kappe und Mantel, der ausgestiegen ist, aber ich glaube, er hat gar nicht den Zug verlassen, sondern ist nur ein wenig auf dem Bahnsteig hin und her gegangen. Dann war da noch ein dicker Franzose mit Bart, in Pyjama und Mantel, der wollte eine Tasse Kaffee. Ich glaube, au&#223;er diesen beiden war da nur noch das Zugpersonal.

Poirot nickte mehrmals. Es ist n&#228;mlich so, wissen Sie, sagte er vertraulich. Der Comte de la Roche hat ein Alibi. Ein Alibi, das hat immer etwas Pestilenzialisches, und es l&#228;dt immer zu schlimmstem Argwohn ein. Aber wir sind da!

Sie fuhren sofort hinauf zu Van Aldins Suite, wo sie Knighton fanden. Poirot machte ihn mit Katherine bekannt. Nachdem sie ein paar H&#246;flichkeiten ausgetauscht hatten, sagte Knighton: Ich lasse Mr Van Aldin wissen, dass Miss Grey da ist.

Er ging durch eine zweite T&#252;r in einen Nebenraum. Sie h&#246;rten ein leises Stimmengemurmel, und dann kam Van Aldin ins Zimmer, ging mit ausgestreckter Hand auf Ka-therine zu und musterte sie dabei aufmerksam und durchdringend.

Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Grey, sagte er einfach. Ich wollte sehr gern h&#246;ren, was Sie mir &#252;ber Ruth erz&#228;hlen k&#246;nnen.

Die ruhige Art des Million&#228;rs beeindruckte Katherine. Sie f&#252;hlte seinen echten Schmerz umso st&#228;rker, weil er ihn nicht zur Schau trug.

Er holte einen Sessel f&#252;r sie herbei.

Setzen Sie sich doch bitte hierhin und erz&#228;hlen Sie einfach.

Poirot und Knighton zogen sich diskret ins Nebenzimmer zur&#252;ck, und Katherine und Van Aldin blieben allein zur&#252;ck. Ganz schlicht und nat&#252;rlich gab sie, so genau sie konnte, ihre Unterhaltung mit Ruth Kettering wieder. Er h&#246;rte, im Sessel zur&#252;ckgelehnt, schweigend zu, mit einer Hand beschirmte er seine Augen. Als sie geendet hatte, sagte er ruhig:

Ich danke Ihnen, meine Liebe.

Dann schwiegen beide. Katherine f&#252;hlte, dass Worte des Mitgef&#252;hls fehl am Platze w&#228;ren. Als der Million&#228;r zu sprechen begann, war sein Tonfall ver&#228;ndert:

Ich bin Ihnen sehr dankbar, Miss Grey. Ich glaube, Sie haben etwas getan, um meiner armen Ruth in den letzten Stunden ihres Lebens das Herz zu erleichtern. Jetzt m&#246;chte ich Sie etwas fragen. Sie wissen  Monsieur Poirot wird es Ihnen erz&#228;hlt haben  von dem Halunken, mit dem sich mein armes M&#228;dchen eingelassen hatte. Er ist der Mann, von dem sie Ihnen erz&#228;hlt hat  der Mann, den sie treffen wollte. Halten Sie es f&#252;r m&#246;glich, dass sie nach dem Gespr&#228;ch mit Ihnen ihre Meinung ge&#228;ndert haben k&#246;nnte?

Ich kann es Ihnen wirklich nicht sagen. Offensichtlich war sie zu einem Entschluss gelangt. Sie wirkte sp&#228;ter fr&#246;hlicher.

Sie haben aber keine Ahnung, wo sie diesen Fiesling treffen wollte  in Paris oder in Hyeres?

Katherine sch&#252;ttelte den Kopf.

Dar&#252;ber hat sie nichts gesagt.

Ah!, sagte Van Aldin nachdenklich, und das ist der springende Punkt. Tja, die Zeit wird es an den Tag bringen.

Er stand auf und &#246;ffnete die T&#252;r zum Nebenraum. Poi-rot und Knighton traten wieder ein.

Katherine lehnte die Einladung des Million&#228;rs zum Essen ab, und Knighton begleitete sie nach unten und half ihr in den wartenden Wagen. Als er zur&#252;ckkehrte, fand er Poirot und Van Aldin ins Gespr&#228;ch vertieft.

Wenn wir nur w&#252;ssten, sagte der Million&#228;r nachdenklich, zu welchem Entschluss Ruth gekommen ist. Es gibt ein halbes Dutzend M&#246;glichkeiten. Vielleicht wollte sie den Zug in Paris verlassen und mir telegrafieren. Oder sie hatte die Absicht, weiter nach S&#252;dfrankreich zu fahren, um hier eine Aussprache mit dem Grafen herbeizuf&#252;hren. Wir tappen vollkommen im Dunkeln  absolut im Dunkeln. Durch die Zofe wissen wir, dass sie von seinem pl&#246;tzlichen Auftauchen auf dem Bahnhof in Paris &#252;berrascht und sogar betroffen war. Dieses Zusammentreffen war also offenbar nicht im Programm vorgesehen. Stimmen Sie mir zu, Knighton?

Der Sekret&#228;r fuhr auf. Ich bitte um Entschuldigung, Mr Van Aldin! Ich habe nicht zugeh&#246;rt.

Sie tr&#228;umen wohl, was?, sagte Van Aldin. Ist doch sonst nicht Ihre Art. Ich glaube, das M&#228;dchen hat Sie umgehauen.

Knighton wurde rot.

Ein bemerkenswert nettes M&#228;dchen, sagte Van Aldin versonnen, sehr nett. Haben Sie zuf&#228;llig ihre Augen bemerkt?

Ihre Augen, antwortete Knighton, muss wohl jeder Mann bemerken.



Einundzwanzigstes Kapitel



Beim Tennis

Einige Tage waren verstrichen. Katherine hatte eines Morgens einen einsamen Spaziergang gemacht, und als sie zur&#252;ckkehrte, grinste Lenox ihr erwartungsvoll entgegen.

Dein Verehrer hat angerufen, Katherme!

Wen meinst du?

Einen neuen  Rufus Van Aldins Sekret&#228;r. Du scheinst da einen ziemlichen Eindruck hinterlassen zu haben. Aus dir wird noch eine richtige Herzensbrecherin. Zuerst Derek Kettering und jetzt dieser junge Knighton. Das Lustige an der Geschichte ist, ich erinnere mich noch gut an ihn. Er war in Mutters Lazarett, das sie hier drau&#223;en hatte. Da war ich noch ein Kind, so um die acht.

War er schwer verwundet?

Ein Beinschuss, wenn ich mich nicht irre  ziemlich scheu&#223;liche Sache. Ich glaube, die &#196;rzte haben da einiges versaut. Sie haben gesagt, er w&#252;rde nichts davon zur&#252;ckbehalten, aber als er von hier wegging, hinkte er immer noch.

Lady Tamplin kam heraus und gesellte sich zu ihnen.

Hast du Katherine von Major Knighton erz&#228;hlt?, fragte sie. So ein netter Kerl! Zuerst habe ich mich nicht an ihn erinnert  es gab ja so viele , aber jetzt ist mir wieder alles gegenw&#228;rtig.

Damals war er auch ein bisschen zu unwichtig, um sich an ihn zu erinnern, sagte Lenox. Heute, wo er Sekret&#228;r des amerikanischen Million&#228;rs ist, liegen die Dinge ganz anders.

Liebling!, sagte Lady Tamplin in ihrem vage tadelnden Ton.

Warum hat Major Knighton angerufen?, erkundigte sich Katherine.

Er fragte, ob du Lust h&#228;ttest, heute Nachmittag zum Tennis zu kommen. Wenn ja, w&#252;rde er dich mit dem Auto abholen. Mutter und ich haben in deinem Namen angenommen, avec empressement. Und wenn du mit dem Sekret&#228;r eines Million&#228;rs herumflirtest, k&#246;nntest du mir doch eine Chance mit dem Million&#228;r verschaffen, Katherine. Er muss so um die sechzig sein, nehme ich an, also wird er bestimmt gerade nach einem s&#252;&#223;en jungen Ding wie mir suchen.

Ich w&#252;rde Mr Van Aldin gern kennen lernen, sagte Lady Tamplin ernst, man hat so viel von ihm geh&#246;rt. Diese pr&#228;chtigen rauen Gestalten aus dem Westen, sie brach ab, faszinierend.

Major Knighton hat ausdr&#252;cklich betont, dass es Mr Van Aldins Einladung ist, sagte Lenox. Er hat das so oft gesagt, dass es mir verd&#228;chtig vorkam. Du und Knigh-ton, ihr w&#252;rdet ein sehr h&#252;bsches Paar abgeben. Meinen Segen habt ihr, Kinder.

Katherine lachte und ging nach oben, um sich umzuziehen.

Knighton kam bald nach dem Mittagessen und lie&#223; Lady Tamplins Szene des Wiedererkennens mannhaft &#252;ber sich ergehen.

Als sie unterwegs nach Cannes waren, sagte er zu Ka-therine: Lady Tamplin ist wunderbar unver&#228;ndert.

In der Art oder im Aussehen?

Beides. Ich nehme an, sie muss gut &#252;ber vierzig sein, aber sie ist noch immer eine bemerkenswert sch&#246;ne Frau.

Das stimmt, sagte Katherine.

Ich freue mich sehr, dass Sie heute mitkommen k&#246;nnen, fuhr Knighton fort. Monsieur Poirot wird auch dort sein. Was f&#252;r ein au&#223;erordentlicher kleiner Mann! Kennen Sie ihn gut, Miss Grey?

Katherine sch&#252;ttelte den Kopf. Ich habe ihn erst im Zug kennen gelernt, auf dem Weg hierher. Ich las gerade einen Detektivroman und habe beil&#228;ufig gesagt, dass so etwas im wirklichen Leben nicht passiert. Nat&#252;rlich hatte ich keine Ahnung, wer er ist.

Er ist ein ganz bemerkenswerter Mensch, sagte Knighton langsam, und hat einige au&#223;erordentliche Dinge getan. Er ist ein Genie darin, den Dingen auf den Grund zu kommen, und bis zum Schluss hat niemand eine Ahnung, was er wirklich denkt. Ich wei&#223; noch, wie ich einmal zu Besuch in einem Haus in Yorkshire war, als Lady Clanravons Schmuck gestohlen wurde. Zuerst schien es ein ganz gew&#246;hnlicher Diebstahl zu sein, aber die dortige Polizei war absolut ratlos. Ich wollte, dass sie Hercule Poirot hinzuziehen, und habe ihnen gesagt, er w&#228;re der Einzige, der ihnen helfen kann, aber sie haben ihr Vertrauen auf Scotland Yard gesetzt.

Und was geschah weiter?, fragte Katherine neugierig.

Der Schmuck wurde nie gefunden, sagte Knighton trocken.

Sie glauben also wirklich an ihn?

Ja, unbedingt. Der Comte de la Roche ist ziemlich gerissen. Er hat seinen Kopf schon aus einigen Schlingen gezogen, aber in Hercule Poirot wird er seinen Meister finden. Der Comte de la Roche, sagte Katherine nachdenklich, Sie meinen also wirklich, dass er es getan hat?

Nat&#252;rlich. Knighton sah sie erstaunt an. Sie nicht?

O doch, sagte Katherine eilig, das hei&#223;t, ich meine, wenn es kein gew&#246;hnlicher Bahnraub war.

Das k&#246;nnte nat&#252;rlich sein, stimmte er zu, mir scheint aber, dass der Comte de la Roche bemerkenswert gut ins Bild passt.

Aber er hat ein Alibi.

Ach, Alibis! Knighton lachte; sein Gesicht zeigte ein angenehm jungenhaftes L&#228;cheln.

Sie gestehen, dass Sie gern Detektivromane lesen, Miss Grey. Dann m&#252;ssten Sie doch eigentlich wissen, dass jeder, der ein perfektes Alibi hat, besonders verd&#228;chtig ist.

Glauben Sie, dass es im wirklichen Leben so ist?, fragte Katherine l&#228;chelnd.

Warum nicht? Dichtung beruht auf Wahrheit.

Ist ihr aber weit &#252;berlegen, sagte Katherine.

Vielleicht. Jedenfalls h&#228;tte ich, wenn ich ein Verbrecher w&#228;re, nicht gern Hercule Poirot auf den Fersen.

Ich auch nicht, sagte Katherine und lachte.

Als sie ankamen, wurden sie von Poirot empfangen. Da es ein warmer Tag war, trug er einen wei&#223;en Leinenanzug mit einer wei&#223;en Kamelie im Knopfloch.

Bonjour, Mademoiselle, sagte Poirot. Ich sehe sehr englisch aus, nicht wahr?

Sie sehen wunderbar aus, sagte Katherine taktvoll.

Sie machen sich lustig &#252;ber mich, sagte Poirot gut gelaunt, aber das macht nichts. Papa Poirot lacht immer zuletzt.

Wo ist Mr Van Aldin?, fragte Knighton.

Wir treffen ihn bei unseren Sitzpl&#228;tzen. Um die Wahrheit zu sagen, mein Freund, ist er nicht besonders zufrieden mit mir. Oh, diese Amerikaner  Ruhe, Entspannung, so etwas kennen sie nicht. Monsieur Van Aldin h&#228;tte am liebsten, dass ich mich auf der Jagd nach Verbrechern in alle Winkel und Gassen von Nizza st&#252;rze.

Ich w&#252;rde sagen, dass das kein schlechter Plan w&#228;re, bemerkte Knighton.

Sie irren sich, sagte Poirot, bei solchen Dingen braucht man nicht Energie, sondern Finesse. Auch beim Tennis trifft man viele Menschen. Das ist sehr wichtig. Ah, da ist Mr Kettering.

Derek kam direkt auf sie zu. Er sah rastlos und ver&#228;rgert aus, als sei etwas geschehen, was ihn aus der Ruhe gebracht hatte. Knighton und er begr&#252;&#223;ten einander recht k&#252;hl. Einzig Poirot schien keinerlei Missstimmung zu bemerken und plauderte munter weiter, in dem l&#246;blichen Versuch, alle aufzuheitern. Er verteilte kleine Komplimente.

Es ist erstaunlich, Monsieur Kettering, wie gut Sie Franz&#246;sisch sprechen, bemerkte er, so gut, dass man Sie f&#252;r einen Franzosen halten k&#246;nnte, wenn Sie wollten. Das ist eine seltene Leistung f&#252;r einen Engl&#228;nder.

Ich wollte, ich k&#246;nnte das, sagte Katherine. Mir ist nur zu klar, dass mein Franz&#246;sisch von der schrecklichen britischen Art ist.

Sie erreichten ihre Pl&#228;tze und setzten sich, und fast sofort bemerkte Knighton seinen Dienstherrn, der ihn von der anderen Seite des Platzes zu sich winkte. Er ging sofort zu ihm hin&#252;ber.

Mir gef&#228;llt der junge Mann, sagte Poirot und schickte dem davoneilenden Sekret&#228;r ein strahlendes L&#228;cheln nach, und Ihnen, Mademoiselle Grey?

Ich finde ihn sehr nett.

Und Sie, Monsieur Kettering?

Eine schnippische Antwort lag Derek auf der Zunge, aber er verschluckte sie, als ob ihn etwas in den zwinkernden Augen des kleinen Belgiers pl&#246;tzlich gewarnt h&#228;tte. Er sprach vorsichtig, wog seine Worte ab.

Knighton ist ein anst&#228;ndiger Bursche.

Einen kurzen Moment kam es Katherine so vor, als blicke Poirot entt&#228;uscht drein.

&#220;brigens ist er ein gro&#223;er Verehrer von Ihnen, Monsieur Poirot, sagte sie und berichtete einiges von dem, was Knighton erz&#228;hlt hatte. Es machte ihr Spa&#223; zu beobachten, wie der kleine Mann sich f&#246;rmlich aufplusterte, sich in die Brust warf und dabei eine gespielte Bescheidenheit zur Schau trug, die niemanden t&#228;uschen konnte.

Dabei f&#228;llt mir ein, Mademoiselle Grey, sagte er pl&#246;tzlich, dass ich eine kleine gesch&#228;ftliche Angelegenheit mit Ihnen zu besprechen habe. Als Sie sich im Zug mit dieser armen Dame unterhielten, m&#252;ssen Sie wohl ein Zigarettenetui verloren haben.

Katherine wirkte sehr erstaunt. Ich glaube nicht, sagte sie. Poirot zog aus der Tasche ein Zigarettenetui aus weichem blauem Leder, das mit einem goldenen K geschm&#252;ckt war.

Nein, das geh&#246;rt nicht mir, sagte Katherine.

Ah, ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Dann geh&#246;rt es sicher Madame selbst. K steht nat&#252;rlich f&#252;r Kettering. Wir haben daran gezweifelt, weil sich in ihrer Handtasche ein anderes Zigarettenetui befand, und es schien uns merkw&#252;rdig, dass sie zwei bei sich hatte. Er wandte sich pl&#246;tzlich an Derek. Ich nehme an, Sie wissen nicht, ob dieses Etui Ihrer Frau geh&#246;rt hat oder nicht?

Derek schien einen Moment verbl&#252;fft. Bei seiner Antwort stotterte er ein bisschen: Ich  ich wei&#223; es nicht. Ich nehme es an.

Ihnen geh&#246;rt es nicht zuf&#228;llig?

Bestimmt nicht. Wenn es mir geh&#246;rte, h&#228;tte es sich wohl kaum im Besitz meiner Frau befunden.

Poirot sah naiver und kindlicher drein denn je.

Ich dachte, Sie h&#228;tten es vielleicht verloren, als Sie im Abteil Ihrer Frau waren, erkl&#228;rte er harmlos.

Da war ich nie. Das habe ich der Polizei schon ein Dutzend Mal gesagt.

Ich bitte tausendfach um Pardon, sagte Poirot mit &#252;beraus zerknirschter Miene. Es war Mademoiselle hier, die erw&#228;hnte, dass sie Sie hineingehen sah.

Sichtlich verlegen hielt er inne.

Katherine blickte Derek an. Sein Gesicht war ziemlich wei&#223; geworden, aber vielleicht bildete sie sich das nur ein. Denn als er lachte, klang es ganz nat&#252;rlich.

Sie m&#252;ssen sich geirrt haben, Miss Grey, sagte er leichthin. Aus dem, was mir die Polizei gesagt hat, entnehme ich, dass mein Abteil nur eine oder zwei T&#252;ren von dem meiner Frau entfernt war  was ich zu dieser Zeit allerdings nicht ahnte. Sie m&#252;ssen mich wohl gesehen haben, als ich in mein Abteil gegangen bin. Er stand rasch auf, als er Van Aldin und Knighton kommen sah.

Ich verlasse Sie jetzt, k&#252;ndigte er an. Meinen Schwiegervater kann ich um keinen Preis vertragen.

Van Aldin begr&#252;&#223;te Katherine sehr h&#246;flich, war aber offensichtlich in schlechter Laune.

Sie scheinen ja gern beim Tennis zuzusehen, Monsieur Poirot, knurrte er.

Es macht Vergn&#252;gen, ja, antwortete Poirot gelassen.

Gut f&#252;r Sie, dass Sie in Frankreich sind, sagte Van Aldin. In den Staaten sind wir aus h&#228;rterem Holz geschnitzt. Dort kommt zuerst das Gesch&#228;ft, dann das Vergn&#252;gen.

Poirot war keineswegs beleidigt; tats&#228;chlich l&#228;chelte er den erz&#252;rnten Million&#228;r sanft und vertraulich an.

Geraten Sie nicht in Zorn, ich bitte Sie! Jeder nach seiner eigenen Methode. Ich habe es immer als angenehme und erfreuliche Idee empfunden, Vergn&#252;gen und Gesch&#228;ft miteinander zu verbinden.

Er streifte die beiden anderen mit einem Blick. Sie waren in ein angeregtes Gespr&#228;ch vertieft. Poirot nickte befriedigt, beugte sich dann zu dem Million&#228;r und sagte mit ged&#228;mpfter Stimme:

Ich bin aber nicht nur zum Vergn&#252;gen hier, Monsieur Van Aldin. Sehen Sie den gro&#223;en, alten Mann da dr&#252;ben  den mit dem gelben Gesicht und dem w&#252;rdevollen Bart?

Was ist mit ihm?

Das, sagte Poirot, ist Monsieur Papopoulos.

Ein Grieche, wie?

Wie Sie sagen  ein Grieche. Er ist ein Antiquit&#228;tenh&#228;ndler von Weltruf. Er hat einen kleinen Laden in Paris, und die Polizei verd&#228;chtigt ihn, noch etwas ganz anderes zu sein.

Was denn?

Ein Hehler, vor allem f&#252;r Juwelen. Was das Neuschleifen und Neufassen von Edelsteinen angeht, gibt es nichts, was er nicht wei&#223;. Er macht Gesch&#228;fte mit den H&#246;chsten in Europa und dem niedrigsten Abschaum der Unterwelt.

Van Aldin musterte Poirot mit pl&#246;tzlich geweckter Aufmerksamkeit.

Und?, fragte er in einem ganz neuen Tonfall.

Ich frage mich, sagte Poirot, ich, Hercule Poirot, frage mich  er schlug sich dramatisch an die Brust. Warum ist Monsieur Papopoulospl&#246;tzlich nach Nizza gekommen ?

Van Aldin war beeindruckt. Einen Moment lang hatte er an Poirot gezweifelt und vermutet, der kleine Mann tauge l&#228;ngst nicht mehr f&#252;r seinen Beruf, sei nur noch ein poseur. Von einem Augenblick zum anderen kehrte er wieder zu seiner fr&#252;heren Meinung zur&#252;ck. Er sah den Detektiv direkt an.

Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Monsieur Poi-rot.

Poirot tat die Entschuldigung mit einer extravaganten Geste ab. Bah!, rief er, das ist ohne Bedeutung. Jetzt h&#246;ren Sie gut zu, Monsieur Van Aldin, ich habe Neuigkeiten f&#252;r Sie.

Der Million&#228;r schaute ihn scharf an, sein Interesse war geweckt.

Poirot nickte.

Es ist so, wie ich sage. Es wird Sie interessieren. Wie Sie wissen, Monsieur Van Aldin, wird der Comte de la Roche seit seinem Gespr&#228;ch mit dem luge d Instruction von der Polizei &#252;berwacht. Einen Tag danach hat man in seiner Abwesenheit in der Villa Marina eine Haussuchung vorgenommen.

Und?, sagte Van Aldin. Hat man irgendetwas gefunden? Ich wette, nein.

Poirot machte eine leichte Verbeugung.

Ihr Scharfsinn irrt nicht, Monsieur Van Aldin. Man hat nichts Belastendes gefunden. Das war auch nicht zu erwarten. Der Comte de la Roche ist, wie Ihre sch&#246;ne Wendung sagt, nicht von gestern. Er ist ein listenreicher Gentleman mit gro&#223;er Erfahrung.

Weiter, knurrte Van Aldin.

Es ist nat&#252;rlich m&#246;glich, dass der Comte nichts Belastendes zu verbergen hatte. Wir d&#252;rfen aber die M&#246;glichkeit nicht au&#223;er Acht lassen. Wenn er also etwas zu verbergen hat  wo ist es? In seinem Hause nicht  die Polizei hat gr&#252;ndlich gesucht. In seinen Taschen sicher auch nicht, denn er muss jeden Augenblick damit rechnen, verhaftet zu werden. Es bleibt  sein Auto. Wie gesagt, er wurde beschattet. Man ist ihm nach Monte Carlo gefolgt. Von dort fuhr er nach Menton. Sein Auto ist sehr stark, er hat die Verfolger abgesch&#252;ttelt, und etwa eine Viertelstunde lang haben sie ihn vollkommen aus den Augen verloren.

Und Sie meinen, in der Zwischenzeit hat er etwas am Stra&#223;enrand versteckt?, fragte Van Aldin mit gespanntem Interesse.

Am Stra&#223;enrand, nein. Pa n estpas pratique. Aber h&#246;ren Sie zu  ich habe Monsieur Carrege einen kleinen Vorschlag gemacht. Er war so freundlich, ihn zu billigen. In jedem Bureau de Poste in der Umgebung hat man daf&#252;r gesorgt, dass jemand dort ist, der den Comte de la Roche vom Sehen kennt. Denn wissen Sie, Monsieur, die beste Art, etwas zu verstecken, ist, es mit der Post wegzuschicken.

Und?, fragte Van Aldin, sein Gesicht leuchtete vor Interesse und Erwartung.

Und  voila! Mit einem dramatischen Schwung zog Poirot ein lose eingewickeltes braunes P&#228;ckchen aus der Tasche, die Schnur hatte man entfernt.

In der erw&#228;hnten Viertelstunde hat unser guter Gentleman das hier aufgegeben.

An welche Adresse?, fragte der andere scharf.

Poirot nickte.

H&#228;tte uns etwas sagen k&#246;nnen, sagt uns aber leider nichts. Das P&#228;ckchen war an einen dieser kleinen Zeitungsl&#228;den in Paris adressiert, wo Briefe und Pakete bis auf Abruf gegen eine kleine Geb&#252;hr aufbewahrt werden.

Ja, aber was ist drin?, fragte Van Aldin ungeduldig.

Poirot entfernte das Packpapier und enth&#252;llte eine viereckige Pappschachtel. Er sah sich um.

Der Augenblick ist g&#252;nstig, sagte er ruhig. Alle Augen sind beim Tennis. Sehen Sie, Monsieur!

Er hob den Deckel der Schachtel den Bruchteil einer Sekunde lang. Ein Ausruf &#228;u&#223;ersten Erstaunens entfuhr dem Million&#228;r. Sein Gesicht wurde kreidebleich.

Mein Gott!, stie&#223; er hervor, die Rubine.

Einen Augenblick lang sa&#223; er wie bet&#228;ubt. Poirot steckte die Schachtel wieder in die Tasche und strahlte gelassen. Dann schien der Million&#228;r pl&#246;tzlich aus seiner Erstarrung zu erwachen, er beugte sich zu Poirot und dr&#252;ckte dessen Hand so herzhaft, dass der kleine Mann vor Schmerz st&#246;hnte.

Das ist gro&#223;artig, sagte Van Aldin. Gro&#223;artig! Sie liefern, was Sie versprechen, Monsieur Poirot. Ein f&#252;r alle Mal, Sie bringens!

Es ist nichts, sagte Poirot bescheiden. Ordnung, Methode, auf Eventualit&#228;ten gefasst sein  mehr geh&#246;rt nicht dazu.

Und nun hat man den Comte de la Roche verhaftet, nehme ich an?, fuhr Van Aldin eifrig fort.

Nein, sagte Poirot.

H&#246;chstes Erstaunen zeigte sich auf Van Aldins Z&#252;gen. Aber warum nicht? Was will man denn noch mehr?

Das Alibi des Comte ist noch immer unersch&#252;ttert.

Aber das ist Unsinn!

Ja, sagte Poirot, ich halte es auch eher f&#252;r Unsinn, aber leider m&#252;ssen wir beweisen, dass es Unsinn ist.

Und unterdessen rutscht er uns durch die Finger!

Poirot sch&#252;ttelte sehr energisch den Kopf.

Nein, sagte er, das tut er nicht. Das Einzige, was der Comte zu opfern sich nicht leisten kann, ist seine gesellschaftliche Stellung. Er muss um jeden Preis bleiben, wo er ist, und sich auf seine Frechheit verlassen.

Van Aldin war noch nicht zufrieden.

Ich sehe aber nicht ein.

Poirot hob eine Hand. Einen Augenblick, Monsieur. Ich habe eine kleine Idee. Viele Leute haben sich schon &#252;ber Hercule Poirots kleine Ideen lustig gemacht  und sich geirrt.

Also, sagte Van Aldin, reden Sie weiter. Was ist das f&#252;r eine kleine Idee?

Poirot schwieg einen Augenblick, dann sagte er:

Ich suche Sie morgen Vormittag um elf in Ihrem Hotel auf. Bis dahin sagen Sie nichts, zu niemandem.



Zweiundzwanzigstes Kapitel



Monsieur Papopoulos fr&#252;hst&#252;ckt

Monsieur Papopoulos fr&#252;hst&#252;ckte. Ihm gegen&#252;ber sa&#223; seine Tochter Zia.

Es klopfte an die Salont&#252;r, und ein Page trat mit einer Visitenkarte ein, die er Monsieur Papopoulos brachte. Dieser studierte sie eingehend, hob die Brauen und reichte sie seiner Tochter.

Ah!, sagte Monsieur Papopoulos, dabei kratzte er sich versonnen das linke Ohr. Hercule Poirot. Ich frage mich.

Vater und Tochter sahen einander an.

Gestern habe ich ihn beim Tennis gesehen, sagte Monsieur Papopoulos. Zia, das gef&#228;llt mir gar nicht.

Er hat dir einmal einen Dienst erwiesen, erinnerte ihn seine Tochter.

Das ist wahr, best&#228;tigte Papopoulos, au&#223;erdem hat er sich ins Privatleben zur&#252;ckgezogen, wie es hei&#223;t.

Diese Worte waren in der Muttersprache der beiden gewechselt worden. Jetzt wandte sich Monsieur Papopou-los an den Pagen und sagte auf Franz&#246;sisch:

Faites monter ce monsieur.

Ein paar Minuten sp&#228;ter trat Hercule Poirot ein, vorz&#252;glich gekleidet, dabei schwang er munter seinen Stock.

Mein lieber Monsieur Papopoulos.

Mein lieber Monsieur Poirot. Und Mademoiselle Zia. Poirot verbeugte sich tief.

Sie werden verzeihen, wenn wir unser Fr&#252;hst&#252;ck beenden, sagte Papopoulos; er goss sich eine zweite Tasse Kaffee ein. Ihr Besuch ist  ahemm!  ein wenig fr&#252;h.

Skandal&#246;s fr&#252;h, sagte Poirot, aber ich bin in Eile, m&#252;ssen Sie wissen.

Ah!, murmelte Papopoulos. Sie kommen also in Gesch&#228;ften?

In sehr ernsten Gesch&#228;ften, sagte Poirot. Es handelt sich um den Tod von Madame Kettering.

Einen Augenblick, bitte. Monsieur Papopoulos schaute unschuldig zur Decke empor. War das die Dame, die im Blauen Express gestorben ist? Ich habe eine Notiz dar&#252;ber in der Zeitung gesehen, aber da gab es keine Andeutung, dass es ein Verbrechen gewesen sei.

Im Interesse der Gerechtigkeit, sagte Poirot, hielt man es f&#252;r besser, diese Tatsache zu verschweigen.

Und wie kann ich Ihnen behilflich sein, Monsieur Poi-rot?, fragte der H&#228;ndler nach einer Pause h&#246;flich.

Voil&#228;, sagte Poirot, ich komme zur Sache. Aus der Tasche zog er die gleiche Schachtel hervor, die er in Cannes gezeigt hatte, &#246;ffnete sie, nahm die Rubine heraus und schob sie Papopoulos &#252;ber den Tisch zu.

Obwohl Poirot ihn aufmerksam beobachtete, sah er doch keinen Muskel im Gesicht des alten Mannes zucken. Monsieur Papopoulos nahm die Juwelen und untersuchte sie mit einer Art von distanziertem Interesse, dann sah er den Detektiv fragend an.

Prachtvoll, nicht wahr?, fragte Poirot.

Ganz ausgezeichnet, sagte Papopoulos.

Wie viel sind sie Ihrer Ansicht nach wert?

Im Gesicht des Griechen zuckte es jetzt ein wenig.

Muss ich Ihnen das wirklich sagen, Monsieur Poirot?, fragte er.

Sie sind scharfsinnig, Monsieur Papopoulos. Nein, es ist nicht n&#246;tig. F&#252;nfhunderttausend Dollar sind sie zum Beispiel nicht wert.

Papopoulos lachte, und Poirot fiel ein.

Als Imitation, sagte Papopoulos, indem er Poirot die Steine zur&#252;ckgab, sind sie, wie ich schon sagte, ganz ausgezeichnet. W&#228;re es indiskret zu fragen, Monsieur Poirot, wie Sie zu ihnen gekommen sind?

Keineswegs, sagte Poirot, ich habe nichts dagegen, es einem alten Freund wie Ihnen zu erz&#228;hlen. Sie befanden sich im Besitz des Comte de la Roche.

Monsieur Papopoulos Augenbrauen hoben sich beredt.

Tats&#228;chlich, murmelte er.

Poirot beugte sich vor und setzte seine naivste und liebensw&#252;rdigste Miene auf.

Monsieur Papopoulos, sagte er, ich will meine Karten auf den Tisch legen. Die Originale dieser Juwelen wurden Madame Kettering im Blauen Express gestohlen. Nun m&#246;chte ich Ihnen zuerst eines sagen: Ich bin nicht mit der Wiederbeschaffung der Juwelen befasst. Das ist Sache der Polizei. Ich arbeite nicht f&#252;r die Polizei, sondern f&#252;r Monsieur Van Aldin. Ich will den Mann in die H&#228;nde bekommen, der Madame Kettering get&#246;tet hat. Die Steine interessieren mich nur insoweit, als sie mich auf die Spur des M&#246;rders f&#252;hren k&#246;nnen. Verstehen Sie?

Die letzten beiden W&#246;rter betonte er ganz besonders. Papopoulos sagte ruhig, mit unbewegtem Gesicht:

Fahren Sie fort!

Ich halte es f&#252;r wahrscheinlich, Monsieur, dass die Steine in Nizza ihren Besitzer wechseln  vielleicht schon gewechselt haben.

Ah!, sagte Papopoulos.

Nachdenklich trank er seinen Kaffee und sah noch edler und patriarchalischer aus als sonst.

Ich sage mir, fuhr Poirot lebhaft fort, was f&#252;r ein Gl&#252;cksfall! Mein alter Freund, Monsieur Papopoulos, ist in Nizza. Er wird mir helfen.

Und wie, meinen Sie, kann ich Ihnen helfen?, fragte Papopoulos kalt.

Ich sagte mir, Monsieur Papopoulos ist zweifellos gesch&#228;ftlich in Nizza.

Keineswegs, sagte Papopoulos, ich bin aus gesundheitlichen Gr&#252;nden hier  auf Weisung meines Arztes.

Er hustete hohl.

Ich bin untr&#246;stlich, das zu h&#246;ren, sagte Poirot mit unaufrichtigem Mitgef&#252;hl. Aber fahren wir fort. Wenn ein russischer Gro&#223;herzog, eine &#246;sterreichische Erzherzogin oder ein italienischer F&#252;rst ihren Familienschmuck zu ver&#228;u&#223;ern w&#252;nschen  zu wem gehen sie? Zu Monsieur Papopoulos, nicht wahr? Zu ihm, der aufgrund der Diskretion, mit der er solche Gesch&#228;fte abwickelt, Weltruf genie&#223;t.

Der andere verneigte sich.

Sie schmeicheln mir.

Diskretion ist etwas Gro&#223;es, sann Poirot und wurde durch ein fl&#252;chtiges L&#228;cheln belohnt, das &#252;ber das Gesicht des Griechen zog. Auch ich kann diskret sein.

Die Blicke der beiden M&#228;nner kreuzten sich.

Dann fuhr Poirot langsam fort, wobei er offensichtlich jedes Wort sorgsam w&#228;hlte:

Ich sage mir ferner: Wenn diese Steine in Nizza ihren Besitzer gewechselt haben, h&#228;tte Monsieur Papopoulos davon geh&#246;rt. Er wei&#223; alles, was in der Welt edler Steine geschieht.

Ah!, sagte Papopoulos; er nahm ein Croissant.

Die Polizei, verstehen Sie, sagte Poirot, hat mit der Sache nichts zu tun. Es ist eine Privatangelegenheit.

Man h&#246;rt Ger&#252;chte, gab Papopoulos vorsichtig zu.

Zum Beispiel?, sagte Poirot.

H&#228;tte ich denn einen Grund, sie weiterzugeben?

Ja, sagte Poirot, ich glaube, es gibt einen. Sie werden sich vielleicht erinnern, Monsieur Papopoulos, dass sich vor siebzehn Jahren ein gewisser Wertgegenstand in Ihren H&#228;nden befand, den eine sehr  hm  prominente Person als Sicherheit bei Ihnen hinterlegt hatte. Sie waren f&#252;r das St&#252;ck verantwortlich, und es verschwand auf unerkl&#228;rliche Weise. Sie sa&#223;en, wenn ich diese englische Wendung benutzen darf, damals in der Suppe.

Er warf einen freundlichen Blick auf das M&#228;dchen. Sie hatte Tasse und Teller beiseite geschoben und lauschte gespannt, mit beiden Ellenbogen auf dem Tisch, das Kinn auf die H&#228;nde gest&#252;tzt. Er behielt sie im Auge und fuhr fort:

Zu dieser Zeit bin ich in Paris. Sie lassen mich holen. Sie begeben sich in meine H&#228;nde. Wenn ich Ihnen diesen Gegenstand wieder beschaffe, sagen Sie, erringe ich mir Ihre unsterbliche Dankbarkeit. Eh bien! Ich habe es Ihnen zur&#252;ckgebracht.

Ein langer Seufzer kam von Monsieur Papopoulos.

Es war der unangenehmste Moment meiner Laufbahn, murmelte er.

Siebzehn Jahre sind eine lange Zeit, sagte Poirot nachdenklich, aber ich glaube, ich kann mit Recht sagen, dass ein Mann Ihres Volks nicht vergisst.

Ein Grieche?, murmelte Papopoulos mit einem ironischen L&#228;cheln.

Ich habe nicht den Griechen gemeint, sagte Poirot.

Einige Augenblicke herrschte Schweigen, dann richtete sich der alte Mann stolz auf.

Sie haben Recht, Monsieur Poirot, sagte er ruhig. Ich bin Jude. Und, wie Sie sagen, unser Volk vergisst nicht.

Sie werden mir also helfen?

Was die Juwelen angeht, Monsieur, kann ich nichts tun.

Der alte Mann w&#228;hlte seine Worte ebenso sorgf&#228;ltig wie zuvor Poirot.

Ich wei&#223; nichts. Ich habe nichts geh&#246;rt. Aber vielleicht kann ich Ihnen einen Gefallen tun  vorausgesetzt, Sie interessieren sich f&#252;r Pferderennen.

Unter gewissen Umst&#228;nden k&#246;nnte ich mich daf&#252;r interessieren, sagte Poirot; er musterte ihn ruhig.

In Longchamps l&#228;uft zurzeit ein Pferd, das der Aufmerksamkeit wert w&#228;re, glaube ich. Ich kann nichts mit Gewissheit sagen, verstehen Sie, diese Nachricht ist durch so viele H&#228;nde gegangen.

Er hielt inne und fixierte Poirot mit den Augen, als wolle er sich versichern, dass der andere ihn wirklich verstand.

Ich verstehe vollkommen, sagte Poirot und nickte.

Der Name des Pferdes, sagte Monsieur Papopoulos, dabei lehnte er sich zur&#252;ck und legte die Fingerspitzen aneinander, ist Marquis. Ich glaube, dass es ein englisches Pferd ist, bin mir dessen aber nicht ganz sicher. Was meinst du, Zia?

Ich glaube, ja, sagte das M&#228;dchen.

Poirot erhob sich j&#228;h.

Ich danke Ihnen, Monsieur, sagte er. Es ist etwas Wundervolles, einen, wie die Engl&#228;nder sagen, Tipp aus den St&#228;llen zu bekommen. Au revoir, Monsieur, und vielen Dank.

Er wandte sich dem M&#228;dchen zu.

Au revoir, Mademoiselle Zia. Es ist mir, als ob ich Sie erst gestern in Paris gesehen h&#228;tte. Man k&#246;nnte meinen, es seien h&#246;chstens zwei Jahre vergangen.

Und doch ist ein Unterschied zwischen sechzehn und dreiunddrei&#223;ig, sagte Zia melancholisch.

In Ihrem Fall nicht!, erkl&#228;rte Poirot galant. Ob Sie und Ihr Herr Vater vielleicht an einem der n&#228;chsten Abende mit mir speisen w&#252;rden?

Es wird uns ein Vergn&#252;gen sein, antwortete Zia.

Dann werden wir das arrangieren, erkl&#228;rte Poirot, und nun je me sauve.

Poirot ging die Stra&#223;e hinab und summte vor sich hin. Munter zwirbelte er seinen Stock, ein- oder zweimal l&#228;chelte er bei sich. Er betrat das erste Bureau de Poste, an dem er vorbeikam, und gab ein Telegramm auf. F&#252;r den Wortlaut brauchte er eine Weile, denn es war in einem Code abgefasst, und er musste sein Ged&#228;chtnis bem&#252;hen. Das Telegramm lie&#223; sich &#252;ber eine verloren gegangene Krawattennadel aus. Es war an Inspektor Japp, Scotland Yard, gerichtet.

Entschl&#252;sselt war es jedoch knapp und sachlich.

Kabeln Sie mir alles, was &#252;ber einen Mann mit dem Spitznamen Marquis bekannt ist.



Dreiundzwanzigstes Kapitel



Eine neue Theorie

Punkt elf Uhr erschien Poirot in Van Aldins Hotel. Er fand den Million&#228;r allein.

Sie sind p&#252;nktlich, Monsieur Poirot, sagte er l&#228;chelnd, als er sich erhob, um den Detektiv zu begr&#252;&#223;en.

Ich bin immer p&#252;nktlich, sagte Poirot. Die Pr&#228;zision  ich halte mich immer daran. Ohne Ordnung und Methode.

Er brach ab. Ah, es ist durchaus m&#246;glich, dass ich Ihnen all das schon einmal gesagt habe. Lassen Sie uns gleich zum Zweck meines Besuchs kommen.

Ihre kleine Idee?

Ja, meine kleine Idee. Poirot l&#228;chelte.

Vor allen Dingen m&#246;chte ich noch einmal mit der Zofe sprechen, Ada Mason. Ist sie da?

Ja, sie ist hier.

Ah!

Van Aldin sah ihn neugierig an. Er l&#228;utete, und ein paar Minuten sp&#228;ter betrat die Zofe das Zimmer.

Poirot begr&#252;&#223;te sie mit seiner gewohnten H&#246;flichkeit, die auf Leute ihres Standes nie ihre Wirkung verfehlte.

Guten Tag, Mademoiselle, sagte er munter. Bitte, nehmen Sie Platz, falls Monsieur nichts dagegen hat.

Ja, ja, setzen Sie sich, sagte Van Aldin.

Vielen Dank, Sir, sagte Mason geziert und nahm auf der vordersten Kante eines Stuhls Platz. Sie sah d&#252;rrer und s&#228;uerlicher aus denn je.

Ich bin hergekommen, um Ihnen noch einige Fragen zu stellen, sagte Poirot. Wir m&#252;ssen dieser Sache auf den Grund gehen. Ich komme immer wieder auf diesen Mann im Zug zur&#252;ck. Man hat Ihnen den Comte de la Roche gezeigt. Sie sagen, er k&#246;nnte es gewesen sein, Sie sind aber nicht sicher.

Wie ich Ihnen schon gesagt habe, Sir, ich habe eben das Gesicht des Herrn nicht gesehen. Das macht es so schwierig.

Poirot strahlte und nickte.

Gewiss, genau. Ich verstehe die Schwierigkeit sehr gut. Also, Mademoiselle, Sie waren seit zwei Monaten im Dienst von Madame Kettering, sagen Sie. Wie oft haben Sie in dieser Zeit Ihren Herrn gesehen?

Mason &#252;berlegte ein paar Momente, dann sagte sie:

Nur zweimal, Sir.

Und war das aus der N&#228;he oder von fern?

Also, einmal, Sir, da ist er in die Curzon Street gekommen. Ich war oben und habe &#252;ber das Gel&#228;nder geschaut und habe ihn unten in der Diele gesehen. Ich war ein bisschen neugierig, verstehen Sie, so wie die Dinge eben  eh  waren. Mason endete mit ihrem diskreten H&#252;steln.

Und das zweite Mal?

Ich war im Park, Sir, mit Annie  einem der Hausm&#228;dchen, Sir, und sie hat mir den gn&#228;digen Herrn gezeigt, der ist da eben mit einer ausl&#228;ndischen Dame herumspaziert.

Wieder nickte Poirot.

Jetzt passen Sie auf, Mason. Dieser Mann, den Sie gesehen haben, wie er sich im Abteil mit Ihrer Herrin unterhalten hat, im Gare de Lyon  woher wissen Sie, dass das nicht Ihr gn&#228;diger Herr war?

Mr Kettering, Sir? Also, das glaube ich aber gar nicht.

Aber Sie sind nicht sicher, beharrte Poirot.

Ach  ich habe einfach nie daran gedacht.

Mason war sichtlich erregt bei diesem Gedanken.

Sie haben aber geh&#246;rt, dass Ihr Herr ebenfalls im Zug war. W&#228;re es denn nicht ganz nat&#252;rlich, wenn er der Mann gewesen w&#228;re, der den Korridor entlangkam?

Aber der Gentleman, der mit der gn&#228;digen Frau geredet hat, muss von drau&#223;en gekommen sein. Er hatte Stra&#223;enkleidung an  &#220;berzieher und Hut.

Ganz recht, Mademoiselle, aber denken Sie einen Augenblick nach. Der Zug ist gerade am Gare de Lyon angekommen. Viele Fahrg&#228;ste vertreten sich ein wenig auf dem Bahnsteig die Beine. Ihre Herrin wollte das ja auch gerade tun und hat zu diesem Zweck sicher ihren Pelzmantel angezogen, eh?

Ja, Sir, best&#228;tigte Mason.

Ihr Herr tut also das Gleiche. Der Zug ist geheizt, aber drau&#223;en auf dem Bahnsteig ist es kalt. Er zieht Mantel und Hut an und spaziert den Zug entlang, und als er zu den beleuchteten Fenstern hochschaut, sieht er pl&#246;tzlich Madame Kettering. Bis dahin hat er keine Ahnung, dass sie im Zug ist. Nat&#252;rlich steigt er ein und geht zu ihrem Abteil. Sie st&#246;&#223;t einen &#220;berraschungsschrei aus, als sie ihn sieht, und schlie&#223;t rasch die Verbindungst&#252;r, denn die Unterhaltung war vermutlich privater Natur.

Er lehnte sich im Sessel zur&#252;ck und beobachtete, wie seine Worte langsam zu wirken begannen. Niemand wusste besser als Hercule Poirot, dass man die Schicht, zu der Mason geh&#246;rte, nicht antreiben darf. Er musste ihr Zeit geben, sich von ihren vorgefassten Vorstellungen zu trennen. Nach drei Minuten sagte sie: Na ja, Sir, also, das k&#246;nnte schon sein. Ich habe blo&#223; noch nie daran gedacht. Mr Kettering ist gro&#223; und dunkel und so &#228;hnlich gebaut. Ich habe den Hut und den Mantel gesehen, deswegen habe ich gedacht, das muss ein Gentleman von drau&#223;en sein. Ja, es kann auch der gn&#228;dige Herr gewesen sein. Ich bin aber nicht sicher, weder so herum noch andersherum.

Vielen Dank, Mademoiselle. Ich brauche Sie wohl nicht l&#228;nger. Ah, eine Sache noch. Er zog das Zigarettenetui aus der Tasche, das er bereits Katherine gezeigt hatte. Ist das das Etui von Madame?

Nein, Sir, geh&#246;rt nicht der Gn&#228;digen  das hei&#223;t.

Pl&#246;tzlich blickte sie erschrocken drein. Offenbar nahm eine Idee in ihrem Kopf Gestalt an.

Ja?, sagte Poirot ermutigend.

Ich denke mir, Sir  ich bin nicht sicher, aber ich meine  vielleicht hat sie das gekauft, um es dem gn&#228;digen Herrn zu schenken.

Ah, sagte Poirot, ohne sich festzulegen.

Aber ob sie es ihm wirklich gegeben hat, das wei&#223; ich nat&#252;rlich nicht.

Genau, sagte Poirot, ganz genau. Ich glaube, das w&#228;re alles, Mademoiselle. Ich w&#252;nsche Ihnen einen sch&#246;nen Tag.

Ada Mason zog sich unauff&#228;llig zur&#252;ck, wobei sie die T&#252;r ger&#228;uschlos hinter sich schloss.

Poirot sah Van Aldin mit einem schwachen L&#228;cheln an. Der Million&#228;r schien vom Donner ger&#252;hrt.

Sie meinen  Sie meinen, es war Derek?, fragte er. Aber bisher deutet doch alles in eine andere Richtung. Man hat den Comte mit den Juwelen doch sozusagen in flagranti erwischt.

Nein. Was? Sie haben mir doch erz&#228;hlt.

Was habe ich Ihnen erz&#228;hlt?

Diese Geschichte mit den Juwelen. Sie haben sie mir doch sogar gezeigt.

Nein.

Van Aldin starrte ihn an.

Wollen Sie behaupten, Sie h&#228;tten sie mir nicht gezeigt?

Ja.

Gestern  beim Tennis? Nicht gezeigt?

Nein.

Sind Sie verr&#252;ckt, Poirot, oder ich?

Keiner von uns ist verr&#252;ckt, sagte der Detektiv. Sie stellen mir eine Frage, ich antworte. Sie fragen mich, ob ich Ihnen gestern nicht die Juwelen gezeigt habe. Ich antworte  nein. Was ich Ihnen gezeigt habe, Monsieur Van Aldin, war eine erstklassige Imitation. Allerdings eine Imitation, die selbst der Fachmann kaum von den echten unterscheiden kann.



Vierundzwanzigstes Kapitel



Poirot erteilt Ratschl&#228;ge

Zuerst blickte der Million&#228;r Poirot verst&#228;ndnislos an. Es dauerte einige Zeit, bis er alles begriff. Der kleine Belgier nickte ihm freundlich zu.

Ja, sagte er, das ver&#228;ndert die Sachlage, nicht wahr?

Imitation!

Der Million&#228;r beugte sich vor.

Hatten Sie von Anfang an diese Idee, Monsieur Poi-rot? Wollten Sie die ganze Zeit darauf hinaus? Haben Sie nie geglaubt, dass der Comte de la Roche der M&#246;rder ist?

Ich hatte meine Zweifel, sagte Poirot ruhig. Das habe ich Ihnen auch gesagt. Raubmord  er sch&#252;ttelte energisch den Kopf  nein, das ist kaum vorstellbar. Es passt nicht zur Pers&#246;nlichkeit des Comte de la Roche.

Aber Sie glauben, dass er die Rubine stehlen wollte?

Selbstverst&#228;ndlich. Daran gibt es keinen Zweifel. H&#246;ren Sie, ich werde Ihnen sagen, wie ich die Sache sehe. Der Comte wusste von den Rubinen und hat entsprechende Pl&#228;ne gemacht. Er heckt diese romantische Geschichte aus, &#252;ber ein Buch, an dem er schreibt, um Ihre Tochter zu veranlassen, den Schmuck mitzubringen. Und er verschafft sich eine genaue Kopie der Juwelen. Es ist doch ganz klar, nicht wahr, dass er sie austauschen wollte. Madame Tochter war keine Expertin f&#252;r Juwelen. Sie h&#228;tte alles sicher erst viel sp&#228;ter bemerkt, und dann  ich glaube nicht, dass sie den Comte verklagt h&#228;tte. Es w&#228;re zu viel herausgekommen. Er hatte sicher etliche Briefe von ihr. O ja  vom Standpunkt des Comte aus war das ein ganz sicherer Plan  ein Gaunertrick, den er wahrscheinlich schon einmal versucht hat.

Ja, das klingt plausibel, sagte Van Aldin nachdenklich.

Es passt zur Pers&#246;nlichkeit des Comte de la Roche, sagte Poirot.

Ja, aber. Van Aldin blickte den anderen fragend an. Was ist wirklich geschehen? Sagen Sie mir das, Monsieur Poirot.

Poirot zuckte die Schultern.

Ganz einfach, sagte er, jemand ist dem Comte zuvorgekommen.

Eine lange Pause trat ein.

Van Aldin schien gr&#252;ndlich zu &#252;berlegen. Als er weitersprach, kam er direkt zur Sache.

Seit wann verd&#228;chtigen Sie meinen Schwiegersohn, Monsieur Poirot?

Von Anfang an. Er hatte Motiv und Gelegenheit. Alle sind davon ausgegangen, dass der Mann in Madames Abteil in Paris der Comte de la Roche war. Ich habe das auch angenommen. Dann haben Sie zuf&#228;llig erw&#228;hnt, dass Sie den Comte einmal fast mit Ihrem Schwiegersohn verwechselt hatten. Dem entnahm ich, dass die beiden einander in Gr&#246;&#223;e, K&#246;rperbau und Haarfarbe einigerma&#223;en &#228;hneln. Das hat mir ein paar seltsame Ideen eingefl&#246;&#223;t. Die Zofe war erst seit kurzem bei Ihrer Tochter. Es war nicht wahrscheinlich, dass sie Mr Kettering gut vom Sehen kennt, da er ja nicht in der Curzon Street wohnt; au&#223;erdem hatte der Mann sorgsam das Gesicht abgewandt.

Sie meinen, er  hat sie ermordet?, sagte Van Aldin heiser.

Poirot hob schnell die Hand.

Nein, nein, das habe ich nicht gesagt  aber es ist eine M&#246;glichkeit  eine sehr plausible M&#246;glichkeit. Er sa&#223; in der Klemme, einer b&#246;sen Klemme, vom Ruin bedroht. Hier gab es einen Ausweg.

Aber warum sollte er die Juwelen mitnehmen?

Damit es so aussieht, als w&#228;re es ein gew&#246;hnliches Verbrechen von Bahnr&#228;ubern. Sonst w&#228;re der Verdacht sofort auf ihn gefallen.

Wenn das so ist, was hat er dann mit den Rubinen gemacht?

Das m&#252;ssen wir noch herausfinden. Es gibt mehrere M&#246;glichkeiten. In Nizza gibt es einen Mann, der uns vielleicht helfen kann, der, den ich Ihnen beim Tennis gezeigt habe.

Er stand auf. Auch Van Aldin erhob sich und legte dem kleinen Mann die Hand auf die Schulter. Als er sprach, war seine Stimme sehr rau.

Finden Sie Ruths M&#246;rder f&#252;r mich, sagte er, mehr verlange ich nicht.

Poirot richtete sich auf.

&#220;berlassen Sie alles Hercule Poirot, sagte er mit gro&#223;er Geste. Keine Angst, ich werde die Wahrheit finden.

Er b&#252;rstete ein St&#228;ubchen von seinem Hut, l&#228;chelte dem Million&#228;r beruhigend zu und verlie&#223; das Zimmer. Als er aber die Treppe hinabging, schwand einiges von der Zuversicht aus seinen Z&#252;gen.

Alles sch&#246;n und gut, murmelte er vor sich hin, aber es gibt Probleme. Ja, es gibt gro&#223;e Probleme. Als er das Hotel verlie&#223;, blieb er pl&#246;tzlich stehen. Vor der Hotelt&#252;r war ein Auto vorgefahren. Katherine Grey sa&#223; darin, und Derek Kettering stand daneben und redete ernsthaft auf sie ein. Ein paar Minuten sp&#228;ter fuhr der Wagen ab, und Derek blieb auf dem Pflaster stehen und sah hinterher. Er machte eine sehr seltsame Miene. Pl&#246;tzlich hob er in einer unwirschen Geste die Schultern, seufzte tief, drehte sich um und sah Hercule Poirot unmittelbar vor sich. Unwillk&#252;rlich zuckte er zusammen. Die beiden M&#228;nner schauten einander an, Poirot ruhig und sicher, Derek mit einer Art l&#228;ssiger Herausforderung. Als er sprach, hob er kaum merklich die Brauen, und unter dem lockeren Spott seines Tonfalls lag einiges an Sch&#228;rfe.

Reizendes M&#228;dchen, nicht?, fragte er leichthin.

Sein Benehmen war ganz ungezwungen.

Ja, sagte Poirot nachdenklich. Das beschreibt Mademoiselle Katherine sehr treffend. Sehr englisch, Ihr Satz, und Mademoiselle Katherine selbst ist auch sehr englisch.

Derek blieb v&#246;llig regungslos stehen, ohne zu antworten.

Und dabei ist sie sympathique, nicht wahr?

Ja, sagte Derek, von der Art gibt es nicht viele.

Er sagte das ganz leise, wie zu sich selbst. Poirot nickte bedeutungsvoll. Dann beugte er sich zu Derek vor und sagte in einem anderen, einem ruhigen, ernsten Ton, der f&#252;r Derek Kettering neu war:

Sie werden einem alten Mann verzeihen, Monsieur, wenn er Ihnen etwas sagt, was Sie f&#252;r dreist halten k&#246;nnten. Es gibt da eines Ihrer englischen Sprichworte, das ich Ihnen gern zitieren m&#246;chte. Es lautet: <Mach Schluss mit der alten Liebe, ehe du mit der neuen anf&#228;ngst>.

Kettering fuhr ihn w&#252;tend an.

Was zum Teufel meinen Sie damit?

Sie sind &#228;rgerlich &#252;ber mich, sagte Poirot seelenruhig. Ich habe es erwartet. Damit Sie verstehen, was ich meine  ich meine, Monsieur, dass da ein zweiter Wagen ist, mit einer Dame darin. Wenn Sie sich umdrehen, werden Sie sie sehen.

Derek wandte sich hastig um. Sein Gesicht wurde finster vor Zorn.

Mirelle, zum Teufel mit ihr!, murmelte er. Ich werde gleich.

Poirot hielt ihn zur&#252;ck.

Ist es klug, was Sie da tun wollen?, sagte er warnend. Ein gr&#252;nlicher Schimmer leuchtete in seinen Augen. Aber Derek sah keine Warnsignale mehr. In seiner Wut war er vollkommen unbeherrscht.

Ich bin absolut fertig mit ihr, und sie wei&#223; es, rief er ver&#228;rgert.

Sie sind fertig mit ihr, ja, aber ist sie auch fertig mit Ihnen?

Pl&#246;tzlich lachte Derek heiser.

Sie wird sich h&#252;ten, freiwillig zwei Millionen Pfund im Stich zu lassen, murmelte er grob, da k&#246;nnen Sie sich auf Mirelle verlassen.

Poirot hob die Brauen.

Sie sind ein Zyniker, murmelte er.

Bin ich das? In seinem j&#228;hen breiten L&#228;cheln lag keinerlei Freude. Ich bin lange genug auf der Welt, Monsieur Poirot, um zu wissen, dass die Frauen alle ziemlich gleich sind. Sein Gesichtsausdruck wurde pl&#246;tzlich weich. Alle au&#223;er einer.

Er trotzte Poirots Blick. Etwas wie Aufmerksamkeit trat in seine Augen und schwand wieder. Die da, sagte er; mit dem Kopf wies er in die Richtung von Cap Martin, wo Katherines Wagen verschwunden war.

Ah!, sagte Poirot.

Seine kalkulierte Ruhe provozierte das ungest&#252;me Temperament des anderen.

Ich wei&#223;, was Sie sagen wollen, sagte Derek rasch, die Sorte Leben, die ich gef&#252;hrt habe, die Tatsache, dass ich ihrer nicht wert bin. Sie werden sagen, ich h&#228;tte kein Recht, an so etwas auch nur zu denken. Sie werden sagen, dass Sie mich nicht schlechtreden k&#246;nnen, weil ich schon schlecht bin. Ich wei&#223;, es ist nicht anst&#228;ndig, so zu reden, wo meine Frau gerade erst ein paar Tage tot ist, und ermordet noch dazu.

Er hielt inne, um Luft zu holen, und Poirot nutzte die Pause, um in fast beleidigtem Ton zu bemerken:

Aber ich habe von alldem doch gar nichts gesagt.

Aber Sie werden es sagen.

Eh?, sagte Poirot.

Sie werden sagen, dass ich nicht die geringste Chance habe, Katherine zu heiraten.

Nein, sagte Poirot, das w&#252;rde ich nicht sagen. Ihr Ruf ist schlecht, ja, aber bei Frauen  das schreckt sie doch niemals ab. Wenn Sie ein Mann mit vorz&#252;glichem Charakter w&#228;ren, mit strenger Moral, einer, der nichts getan hat, was er nicht h&#228;tte tun sollen, und  vielleicht sogar alles, was er tun sollte  eh bien!, dann h&#228;tte ich gro&#223;e Zweifel an Ihren Erfolgsaussichten. Moralischer Wert, wissen Sie, ist nicht romantisch. Witwen wissen ihn jedoch zu sch&#228;tzen.

Derek Kettering starrte ihn an, dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging zum wartenden Wagen.

Poirot blickte interessiert hinter ihm her. Er sah, wie sich die liebliche Vision aus dem Wagen beugte und sprach.

Derek Kettering blieb nicht stehen. Er hob den Hut und ging vorbei.

Ca y est, sagte Monsieur Hercule Poirot, ich glaube, es ist an der Zeit, wieder chez moi zu gehen.

Dort fand er einen unbeirrbaren George vor, der Hosen b&#252;gelte.

Ein angenehmer Tag, Georges, ein wenig erm&#252;dend, aber nicht uninteressant, sagte er.

George nahm diese Bemerkungen mit seiner &#252;blichen h&#246;lzernen Miene entgegen.

In der Tat, Sir.

Die Pers&#246;nlichkeit eines Verbrechers, Georges, ist ein interessantes Thema. Viele M&#246;rder sind M&#228;nner von gro&#223;em pers&#246;nlichem Charme.

Ich habe immer geh&#246;rt, Sir, dass Dr. Crippen ein &#252;beraus einnehmender Gentleman war. Und trotzdem hat er seine Frau zu Ragout zerschnitten.

Ihre Beispiele sind immer sehr treffend, Georges.

Der Diener antwortete nicht, und in diesem Moment l&#228;utete das Telefon. Poirot hob den H&#246;rer ab.

allo  allo  ja, ja, hier spricht Hercule Poirot.

Hier Knighton. Bleiben Sie bitte einen Augenblick am Apparat, Monsieur Poirot. Mr Van Aldin m&#246;chte Sie sprechen. Nach kurzer Pause war die Stimme des Million&#228;rs zu h&#246;ren. Sind Sie es, Monsieur Poirot? Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Mason von sich aus eben zu mir gekommen ist. Sie hat noch mal dar&#252;ber nachgedacht und sagt, sie ist jetzt beinahe sicher, dass der Mann in Paris Derek Kettering war. Irgendetwas ist ihr an ihm bekannt vorgekommen, sagt sie, aber zuerst wusste sie nicht, was es war. Sie scheint jetzt ziemlich sicher zu sein.

Ah, sagte Poirot, danke, Monsieur Van Aldin. Das bringt uns weiter.

Er legte den H&#246;rer auf und blieb eine Weile mit einem sehr merkw&#252;rdigen L&#228;cheln stehen. George musste ihn zweimal ansprechen, bevor er eine Antwort erhielt. Eh?, sagte Poirot. Was haben Sie gesagt?

Essen Sie zu Hause, Sir, oder gehen Sie aus?

Weder noch, sagte Poirot. Ich werde ins Bett gehen und eine tisane zu mir nehmen. Das Erwartete ist eingetreten, und wenn das Erwartete geschieht, regt es mich immer ein bisschen auf.



F&#252;nfundzwanzigstes Kapitel



Trotz

Als Derek Kettering am Wagen vor&#252;berging, beugte Mirelle sich hinaus.

Derek  ich muss dich einen Moment sprechen.

Aber Derek hob den Hut und ging vorbei.

In seinem Hotel riss sich der Concierge aus seinem h&#246;lzernen Pferch los und trat ihm in den Weg.

Ein Herr wartet auf Sie, Monsieur.

Wer ist es?, fragte Derek.

Er hat keinen Namen genannt, Monsieur, aber er sagt, sein Anliegen sei wichtig, deshalb w&#252;rde er warten.

Wo ist er?

Im kleinen Salon, Monsieur. Er sagt, man k&#246;nnte dort ungest&#246;rter reden als in der Lounge.

Derek nickte und begab sich dorthin.

Der kleine Salon war leer bis auf den Besucher, der sich bei Dereks Eintreten erhob und mit m&#252;heloser Anmut verbeugte. Derek war dem Comte de la Roche zwar erst ein einziges Mal begegnet, hatte jedoch keine Schwierigkeiten, diesen aristokratischen Gentleman zu erkennen, und runzelte ver&#228;rgert die Stirn. Der Gipfel der Dreistigkeit!, sagte er sich.

Der Comte de la Roche, nicht wahr?, sagte er. Ich f&#252;rchte, es war Zeitvergeudung von Ihnen herzukommen.

Ich hoffe nicht, sagte der Comte freundlich. Seine wei&#223;en Z&#228;hne blitzten.

Charme und Manieren des Comte hatten gew&#246;hnlich keinerlei Wirkung bei seinen Geschlechtsgenossen. M&#228;nner konnten ihn ausnahmslos nicht leiden, und zwar aus vollem Herzen nicht. In Derek Kettering erwachte bereits der deutliche Wunsch, den Grafen mit einem Fu&#223;tritt an die Luft zu bef&#246;rdern. Nur der Gedanke, dass ein Skandal gegenw&#228;rtig das Letzte war, was er brauchen konnte, hielt ihn zur&#252;ck. Wieder staunte er dar&#252;ber, dass Ruth sich offenbar in diesen Mann verliebt hatte. Ein Hochstapler, und mehr als das. Mit Abscheu betrachtete er die feins-tens manik&#252;rten H&#228;nde des Grafen.

Ich wollte Sie, sagte der Comte, in einer kleinen gesch&#228;ftlichen Angelegenheit sprechen. Ich glaube, es w&#228;re ratsam f&#252;r Sie, mich anzuh&#246;ren.

Wieder f&#252;hlte Derek sich versucht, ihn hinauszuwerfen, aber er beherrschte sich. Die Andeutung einer Drohung hatte er durchaus registriert, legte sie jedoch eigenwillig aus. Es gab mehrere Gr&#252;nde, warum es besser w&#228;re, sich anzuh&#246;ren, was der Comte zu sagen hatte.

Er setzte sich und trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf dem Tisch.

Also, sagte er scharf, worum geht es?

Es war nicht die Art des Comte, den direkten Weg zu w&#228;hlen.

Erlauben Sie mir zun&#228;chst, Monsieur, Ihnen mein Beileid zu Ihrem j&#252;ngst erlittenen Verlust auszusprechen.

Wenn Sie frech werden, erwiderte Derek ruhig, werfe ich Sie aus dem Fenster da.

Mit dem Kopf wies er zum Fenster neben dem Comte, dieser bewegte sich unbehaglich.

Ich werde Ihnen gern meine Sekundanten schicken, Monsieur, wenn es das ist, was Sie wollen, sagte er hochm&#252;tig.

Derek lachte.

Ein Duell, was? Mein lieber Graf, dazu nehme ich Sie nicht ernst genug. Es w&#252;rde mir aber einiges Vergn&#252;gen bereiten Sie mit Fu&#223;tritten die Promenade des Anglais hinabzujagen.

Dem Comte lag es fern, sich beleidigt zu f&#252;hlen. Er hob lediglich die Brauen und murmelte:

Barbaren, diese Engl&#228;nder.

Also, sagte Derek, was haben Sie mir zu sagen?

Ich will ganz offen sein, sagte der Comte, und sofort zur Sache kommen. Das w&#228;re uns doch beiden recht, nicht wahr?

Wieder l&#228;chelte er auf seine angenehme Art.

Weiter, sagte Derek schroff.

Der Comte blickte zur Decke, legte die Fingerspitzen aneinander und murmelte sanft:

Sie sind zu einer Menge Geld gelangt, Monsieur.

Was zum Teufel geht das Sie an?

Der Comte richtete sich auf.

Monsieur, mein Name ist besudelt worden! Man verd&#228;chtigt  bezichtigt  mich eines scheu&#223;lichen Verbrechens.

Ich habe mit dieser Beschuldigung nichts zu tun, sagte Derek kalt, als Befangener habe ich keine Meinung ge&#228;u&#223;ert.

Ich bin unschuldig, sagte der Comte. Ich schw&#246;re beim Himmel  er hob eine Hand  dass ich unschuldig bin. Der zust&#228;ndige Juge d Instruction f&#252;r diesen Fall ist, soviel ich wei&#223;, Monsieur Carrege, sagte Derek h&#246;flich.

Der Comte reagierte nicht darauf.

Nicht nur werde ich zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt, das ich nicht begangen habe, sondern ich brauche auch dringend Geld.

Er hustete sanft und bedeutsam.

Derek stand auf.

Darauf habe ich gewartet, sagte er leise, Sie elender Erpresser! Keinen Penny bekommen Sie von mir. Meine Frau ist tot, und kein Skandal, den Sie jetzt inszenieren, wird sie noch treffen. Sie hat Ihnen t&#246;richte Briefe geschrieben, nehme ich an. Wenn ich sie Ihnen in diesem Moment f&#252;r eine runde Summe abkaufte, w&#252;rden Sie, da bin ich sicher, zuf&#228;llig einen oder zwei behalten. Und ich sage Ihnen eines, Monsieur de la Roche, Erpressung ist ein h&#228;ssliches Wort in England wie in Frankreich. Das ist meine Antwort. Guten Tag.

Einen Moment. Der Comte streckte eine Hand aus, als Derek sich umdrehte, um den Raum zu verlassen. Sie irren sich, Monsieur. Ich bin ein Gentleman. Derek lachte.

Briefe, die eine Dame an mich richtet, sind mir heilig. Er hob den Kopf in einer h&#252;bschen Geb&#228;rde des Edelmuts. Das Gesch&#228;ft, das ich Ihnen vorschlagen will, ist ganz anderer Natur. Ich bin, wie ich sagte, in Geldnot, und mein Gewissen k&#246;nnte mich dazu veranlassen, mit gewissen Informationen zur Polizei zu gehen.

Derek kam langsam zur&#252;ck in den Salon.

Was wollen Sie damit sagen?

Das angenehme L&#228;cheln des Comte blitzte wieder auf.

Ich muss doch sicher nicht ins Detail gehen, s&#228;uselte er. Sieh nach, wem das Verbrechen n&#252;tzt, sagt man doch, oder? Wie eben bereits bemerkt sind Sie k&#252;rzlich zu recht viel Geld gekommen.

Derek lachte.

Wenn das alles ist., sagte er ver&#228;chtlich.

Aber der Comte sch&#252;ttelte den Kopf.

Das ist nicht alles, eher Monsieur. Ich k&#228;me nicht zu Ihnen, wenn ich nicht viel genauere und eingehendere Informationen h&#228;tte. Es ist nicht angenehm, Monsieur, wegen Mordes verhaftet und verurteilt zu werden.

Derek trat ganz nah an ihn heran. Sein Gesicht dr&#252;ckte eine derart ma&#223;lose Wut aus, dass der Comte unwillk&#252;rlich einen oder zwei Schritte zur&#252;ckwich.

Wollen Sie mir drohen?, fragte der junge Mann w&#252;tend.

Sie w&#252;rden nie wieder etwas von der Angelegenheit h&#246;ren, versicherte der Comte.

Ich habe schon viele unversch&#228;mte Bluffs erlebt, aber.

Der Comte hob eine wei&#223;e Hand.

Sie irren sich. Das ist kein Bluff. Um Sie zu &#252;berzeugen, will ich Ihnen Folgendes sagen. Meine Information stammt von einer gewissen Dame. Sie ist diejenige, die den unwiderleglichen Beweis daf&#252;r hat, dass Sie den Mord begangen haben.

Sie? Wer?

Mademoiselle Mirelle.

Derek fuhr zur&#252;ck, als habe man ihn geschlagen.

Mirelle, murmelte er.

Der Comte beeilte sich, das zu nutzen, was er f&#252;r seinen Vorteil hielt.

Eine Bagatelle von hunderttausend Francs, sagte er. Mehr verlange ich nicht. Eh?, sagte Derek geistesabwesend.

Ich sagte, Monsieur, dass eine Bagatelle von hunderttausend Francs mein  Gewissen beschwichtigen w&#252;rde.

Derek schien sich wieder zu sammeln. Ernst sah er den Comte an.

Sie erwarten sofortige Antwort?

Bitte sehr, Monsieur.

Hier ist sie. Scheren Sie sich zum Teufel. Klar?

Er lie&#223; den Comte, der zu verbl&#252;fft war, um etwas zu sagen, stehen, drehte sich auf dem Absatz herum und ging aus dem Salon.

Vor dem Hotel winkte er einem Taxi und fuhr zu Mirel-les Hotel. Als er sich erkundigte, sagte man ihm, die T&#228;nzerin sei vor wenigen Minuten zur&#252;ckgekehrt. Er gab dem Concierge seine Karte.

Bringen Sie das Mademoiselle und fragen Sie sie, ob sie mich empfangen k&#246;nnte.

Nach kurzer Zeit wurde Derek gebeten, einem Pagen zu folgen.

Als er &#252;ber die Schwelle zur Suite der T&#228;nzerin trat, f&#252;llte eine Woge exotischer D&#252;fte Dereks Nase. Der Raum war &#252;berf&#252;llt von Nelken, Orchideen und Mimosen. Mirelle stand in einem peignoir aus sch&#228;umenden Spitzen am Fenster.

Sie kam ihm mit ausgestreckten H&#228;nden entgegen.

Derek  du bist gekommen. Ich wusste, dass du zu mir kommen w&#252;rdest!

Er entwand sich ihren Armen und blickte sie finster an.

Warum hast du den Comte de la Roche zu mir geschickt?

Sie betrachtete ihn mit einer Verbl&#252;ffung, die er f&#252;r echt hielt.

Ich? Ich soll den Comte de la Roche zu dir geschickt haben? Aber wozu?

Offenbar  zu einer Erpressung, sagte Derek grimmig.

Wieder starrte sie ihn an. Dann l&#228;chelte sie pl&#246;tzlich und nickte.

Nat&#252;rlich. Das war zu erwarten. Ce type-l&#228;, das sieht ihm &#228;hnlich. Ich h&#228;tte es wissen m&#252;ssen. Nein, Derek, ich habe ihn wirklich nicht zu dir geschickt.

Er sah sie durchdringend an, als wolle er ihre Gedanken lesen.

Ich will es dir erz&#228;hlen, sagte Mirelle. Ich sch&#228;me mich, aber ich erz&#228;hle es dir. Neulich, wei&#223;t du, war ich wahnsinnig vor Wut, ganz rasend, sie machte eine beredte Geste. Mein Temperament. Ich bin ja nicht geduldig. Ich wollte mich an dir r&#228;chen, und deshalb bin ich zum Comte de la Roche gegangen und habe ihm gesagt, er soll zur Polizei gehen und die Aussage machen. Aber keine Angst, Derek, ganz habe ich den Kopf nicht verloren. Der Beweis ist in meinen H&#228;nden. Ohne mein Wort kann die Polizei nichts tun, verstehst du? Und jetzt  jetzt?

Sie dr&#228;ngte sich an ihn, blickte ihn mit schmelzenden Augen an.

Er stie&#223; sie grob von sich. Sie stand da, ihre Brust hob und senkte sich, die Augen verengten sich zu katzenhaften Schlitzen.

Nimm dich in Acht, Derek, nimm dich in Acht! Du bist doch zu mir zur&#252;ckgekommen, oder nicht?

Ich werde nie zu dir zur&#252;ckkehren, sagte Derek ruhig. Ah!

Mehr denn je glich die T&#228;nzerin jetzt einer Katze. Ihre Lider zuckten.

Du hast eine andere Frau? Die, mit der du neulich gegessen hast. Eh! Hab ich Recht?

Ich werde diese Dame bitten, meine Frau zu werden. Das kannst du ruhig erfahren.

Diese gezierte Engl&#228;nderin? Meinst du, das w&#252;rde ich zulassen! Niemals! Ihr sch&#246;ner, geschmeidiger K&#246;rper zitterte. H&#246;r zu, Derek, erinnerst du dich an unser Gespr&#228;ch in London? Du hast gesagt, das Einzige, was dich retten k&#246;nnte, w&#228;re der Tod deiner Frau. Du hast bedauert, dass sie so gesund ist. Dann kam dir die Idee mit dem Unfall. Und mehr als nur ein Unfall.

Ich nehme an, sagte Derek ver&#228;chtlich, dieses Gespr&#228;ch hast du dem Comte de la Roche gegen&#252;ber wiederholt.

Mirelle lachte.

F&#252;r wie dumm h&#228;ltst du mich? K&#246;nnte die Polizei mit einer so vagen Geschichte etwas anfangen? H&#246;r zu  ich gebe dir eine letzte Chance. Du wirst diese Engl&#228;nderin aufgeben. Du kommst zu mir zur&#252;ck. Und dann, cheri, wird niemals  niemals jemand erfahren, dass ich.

Dass du was?

Sie lachte leise. Du meinst, niemand h&#228;tte dich gesehen.

Was soll das hei&#223;en?

Wie gesagt, du meinst, niemand h&#228;tte dich gesehen  aber ich habe dich gesehen, Derek, mon ami; ich habe gesehen, wie du aus dem Abteil deiner Madame gekommen bist, in dieser Nacht, kurz bevor der Zug Lyon erreicht hat. Und ich wei&#223; noch mehr. Ich wei&#223;, dass deine Frau tot war, als du aus dem Abteil gekommen bist.

Er starrte sie an. Dann, wie ein Schlafwandler, drehte er sich sehr langsam um, ging aus dem Zimmer, und dabei taumelte er ganz leicht.



Sechsundzwanzigstes Kapitel



Eine Warnung

Also, es bleibt dabei, sagte Poirot, dass wir gute Freunde sind und keine Geheimnisse voreinander haben.

Katherine wandte den Kopf, um Poirot anzusehen. Etwas lag in seiner Stimme, ein Unterton von Ernst, den sie bisher nicht geh&#246;rt hatte.

Sie sa&#223;en in den Parkanlagen von Monte Carlo. Kathe-rine war mit ihren Freunden hergekommen, und gleich bei der Ankunft waren sie Knighton und Poirot begegnet. Lady Tamplin hatte sich Knightons bem&#228;chtigt und &#252;berw&#228;ltigte ihn mit Erinnerungen, die Katherine f&#252;r gr&#246;&#223;tenteils erfunden hielt. Sie waren losgezogen, Lady Tamplin mit der Hand auf dem Arm des jungen Mannes. Knighton hatte ihnen ein paar Blicke &#252;ber die Schulter zugeworfen, und als er sie sah, zwinkerten Poirots Augen ein wenig.

Nat&#252;rlich sind wir Freunde, sagte Katherine.

Wir hatten von Beginn an ein gegenseitiges Einverst&#228;ndnis, sann Poirot.

Seit Sie mir sagten, dass sich auch im wirklichen Leben ein roman policier ereignen kann?

Und hatte ich etwa nicht Recht? Er forderte sie mit emphatisch erhobenem Zeigefinger heraus. Wir befinden uns doch mitten in einem. F&#252;r mich ist das ganz nat&#252;rlich  es ist mein metier , aber f&#252;r Sie ist das anders.

Ja, setzte er in nachdenklichem Ton hinzu, f&#252;r Sie ist das etwas anderes.

Sie sah ihn scharf an. Es war, als wolle er sie warnen, warnen vor einer Bedrohung, die sie noch nicht gesehen hatte.

Warum sagen Sie, dass ich mitten darin bin? Ich hatte zwar dieses Gespr&#228;ch mit Mrs Kettering, kurz bevor sie gestorben ist, aber jetzt  jetzt ist das alles vorbei. Ich habe mit dem Fall nichts mehr zu tun.

Ah, Mademoiselle, Mademoiselle, k&#246;nnen wir je sagen: <Ich habe mit diesem oder jenem nichts mehr zu tun>?

Trotzig wandte Katherine sich um und sah ihn an.

Worum geht es?, fragte sie. Sie wollen mir doch etwas sagen  oder eher andeuten. Ich bin aber nicht sehr gut darin, verschl&#252;sselte Anspielungen zu deuten. Mir w&#228;re lieber, Sie w&#252;rden das, was Sie zu sagen haben, geradeheraus sagen.

Poirot sah sie bek&#252;mmert an. Ah, mais cest anglais ca, murmelte er, alles schwarz oder wei&#223;, alles klar umrissen und sauber definiert. Aber so ist das Leben nicht, Mademoiselle. Es gibt Dinge, die noch nicht da sind, aber ihre Schatten vorauswerfen.

Er tupfte sich die Stirn mit einem riesigen seidenen Taschentuch und murmelte:

Aber ich glaube fast, ich werde poetisch. Lassen Sie uns, wie Sie sagen, nur von Tatsachen sprechen. Und, &#228; propos Tatsachen, sagen Sie mir, was Sie von Major Knighton halten.

Er gef&#228;llt mir sehr gut, sagte Katherine warm, er ist ganz reizend.

Poirot seufzte.

Was haben Sie?, fragte Katherine.

Ihre Antwort klang so herzlich, sagte Poirot. Wenn Sie ganz gleichm&#252;tig geantwortet h&#228;tten, <Ach, ganz nett>, eh bien, wissen Sie, das h&#228;tte mir besser gefallen.

Katherine antwortete nicht. Sie f&#252;hlte sich ein wenig unbehaglich. Poirot fuhr vertr&#228;umt fort:

Und doch, wer wei&#223;. Lesfemmes, ah, sie haben so viele Methoden, ihre Gef&#252;hle zu verbergen  Herzlichkeit ist vielleicht so gut wie jede andere.

Er seufzte.

Ich verstehe nicht., begann Katherine.

Er unterbrach sie.

Sie verstehen nicht, warum ich so zudringlich bin, Mademoiselle? Ich bin ein alter Mann, und hie und da  nicht sehr oft  begegnet mir jemand, dessen Wohlergehen mir am Herzen liegt. Wir sind Freunde, Sie haben es selbst gesagt. Und  ich m&#246;chte Sie einfach gern gl&#252;cklich sehen.

Katherine schaute starr vor sich hin. Sie hatte einen Cretonne-Schirm in der Hand, und mit dessen Spitze zeichnete sie kleine Figuren in den Kies vor ihren F&#252;&#223;en.

Ich habe Ihnen eine Frage &#252;ber Major Knighton gestellt, jetzt stelle ich Ihnen noch eine. Gef&#228;llt Ihnen Mr Derek Kettering?

Ich kenne ihn ja kaum, sagte Katherine.

Das ist keine Antwort.

Ich glaube doch.

Er sah sie an, vom Ton ihrer Stimme eigenartig ber&#252;hrt. Dann nickte er ernst und langsam.

Vielleicht haben Sie Recht, Mademoiselle. Sehen Sie, ich, der ich mit Ihnen rede, habe viel von der Welt gesehen, und ich wei&#223;, es gibt immer zwei Wahrheiten. Ein guter Mann kann durch die Liebe zu einer schlechten Frau ruiniert werden  aber auch das Gegenteil gilt. Ein schlechter Mann kann ebenso durch die Liebe zu einer guten Frau ruiniert werden.

Katherine blickte scharf auf.

Wenn Sie ruinieren sagen.

Ich meine, von seinem Standpunkt aus. Bei Verbrechen, wie bei allem anderen, muss man mit ganzem Herzen bei der Sache sein.

Sie wollen mich warnen, sagte Katherine leise. Vor wem?

Ich kann nicht in Ihr Herz sehen, Mademoiselle; und wenn ich k&#246;nnte, w&#252;rden Sie mich, glaube ich, nicht lassen. Ich will nur so viel sagen: Es gibt M&#228;nner, die eine seltsame Faszination auf Frauen aus&#252;ben.

Der Comte de la Roche, sagte Katherine mit einem L&#228;cheln.

Es gibt andere  gef&#228;hrlicher als der Comte de la Roche. Sie haben attraktive Eigenschaften  K&#252;hnheit, R&#252;cksichtslosigkeit, Wagemut. Sie sind fasziniert, Mademoiselle, das sehe ich, aber ich glaube, es ist nicht mehr als das. Dieser Mann, von dem ich rede  was er empfindet, ist durchaus echt, aber trotzdem.

Ja?

Er stand auf und sah zu ihr nieder. Dann sagte er leise, aber sehr deutlich:

Sie k&#246;nnten vielleicht einen Dieb lieben, Mademoiselle, aber keinen M&#246;rder.

Damit wandte er sich rasch ab und lie&#223; sie dort sitzen.

Er h&#246;rte ihren leichten Seufzer, schenkte dem aber keine Aufmerksamkeit. Er hatte gesagt, was er hatte sagen wollen. Nun lie&#223; er sie diesen letzten, unmissverst&#228;ndlichen Satz verdauen.

Derek Kettering, der aus dem Casino in die Sonne trat, sah sie allein auf der Bank sitzen und gesellte sich zu ihr.

Ich habe gespielt, sagte er, mit einem leichten Lachen. Erfolglos nat&#252;rlich. Ich habe alles verloren  ich meine nat&#252;rlich alles, was ich bei mir hatte.

Mit besorgtem Gesicht sah Katherine ihn an. Sogleich sp&#252;rte sie etwas Neues an ihm, eine verborgene Erregung, die sich durch hundert winzige Zeichen verriet.

Ich nehme an, Sie waren immer schon ein Spieler. Das Spiel an sich lockt Sie.

Jeden Tag und auf jede Art ein Spieler? Sie m&#246;gen Recht haben. Finden Sie denn nichts Aufreizendes daran? Alles auf eine Karte setzen  es gibt nichts Vergleichbares.

Sie hatte sich immer f&#252;r ruhig und besonnen gehalten, aber nun empfand Katherine etwas wie ein Erschauern  eine Art Best&#228;tigung.

Ich m&#246;chte mit Ihnen sprechen, fuhr Derek fort, und wer wei&#223;, wann sich mir wieder eine Gelegenheit dazu bietet? Es wird gemunkelt, ich h&#228;tte meine Frau ermordet  nein, bitte unterbrechen Sie mich nicht. Es ist nat&#252;rlich Unsinn. Er hielt einen Augenblick inne und fuhr dann in entschiedenerem Ton fort. Beim Umgang mit der Polizei und den hiesigen Beh&#246;rden musste ich nat&#252;rlich eine gewisse  na ja  Anst&#228;ndigkeit an den Tag legen. Ihnen aber m&#246;chte ich nichts vormachen. Ich wollte Geld heiraten. Ich war auf der Suche nach Geld, als ich Ruth Van Aldin das erste Mal gesehen habe. Sie hatte etwas von einer schlanken Madonna an sich, und ich  na ja , ich habe alle m&#246;glichen guten Vors&#228;tze gehabt und wurde bitter entt&#228;uscht. Meine Frau hat einen anderen geliebt, als sie mich heiratete. Sie hat sich nie das Geringste aus mir gemacht. Ich will mich nicht beklagen, es war ein absolut reelles Gesch&#228;ft. Sie wollte Leconbury und ich wollte Geld. Der ganze &#196;rger kam einfach aus Ruths amerikanischer Herkunft. Ich war ihr v&#246;llig gleichg&#252;ltig, und trotzdem wollte sie, dass ich pausenlos um sie herumscharwenzelte. Immer wieder hat sie mir mehr oder weniger deutlich gesagt, dass sie mich gekauft hat und dass ich ihr geh&#246;re. Die Folge war, dass ich mich ihr gegen&#252;ber scheu&#223;lich benommen habe. Mein Schwiegervater wird Ihnen das sagen, und er hat ganz Recht. Zur Zeit von Ruths Tod stand ich vor der absoluten Katastrophe. Er lachte pl&#246;tzlich auf. Man steht eben vor der absoluten Katastrophe, wenn man es mit einem Mann wie Rufus Van Aldin zu tun hat.

Und dann?, fragte Katherine leise.

Und dann  Derek zuckte die Schultern  wurde Ruth ermordet. In einem sehr g&#252;nstigen Moment.

Er lachte, und der Klang seines Lachens tat Katherine weh. Sie verzog das Gesicht.

Ja, sagte Derek, das war ziemlich geschmacklos. Aber es ist wahr. Jetzt will ich Ihnen noch etwas sagen. Von dem Augenblick an, da ich Sie zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich, dass Sie die einzige Frau auf der Welt f&#252;r mich sind. Ich hatte  Angst vor Ihnen. Ich f&#252;rchtete, Sie w&#252;rden mir Ungl&#252;ck bringen.

Ungl&#252;ck?, sagte Katherine scharf.

Er starrte sie an. Warum wiederholen Sie das so? Was geht Ihnen durch den Kopf?

Ich dachte an etwas, das man mir erz&#228;hlt hat.

Derek grinste pl&#246;tzlich. Man wird Ihnen einiges &#252;ber mich erz&#228;hlen, und das meiste davon wird stimmen. Ja, auch schlimmere Dinge  Dinge, die ich Ihnen nie erz&#228;hlen werde. Ich bin immer ein Spieler gewesen  und ich habe einiges riskiert. Ich will nicht bei Ihnen beichten, weder jetzt noch irgendwann sp&#228;ter. Die Vergangenheit ist vorbei. Aber es gibt eines, von dem ich w&#252;nschte, Sie k&#246;nnten es mir glauben. Ich schw&#246;re Ihnen feierlich, dass ich meine Frau nicht umgebracht habe.

Die Worte klangen durchaus ernst, und doch lag etwas Theatralisches in ihnen. Er sah ihren bek&#252;mmerten Blick und fuhr fort:

Ich wei&#223;. Neulich habe ich gelogen. Es war das Abteil meiner Frau, in das ich gegangen bin.

Ah, sagte Katherine.

Es ist schwer zu erkl&#228;ren, warum ich hineingegangen bin, aber ich will es versuchen. Ich habe einem Impuls gehorcht. Wissen Sie, ich habe meiner Frau mehr oder minder nachspioniert. Im Zug habe ich mich au&#223;er Sichtweite gehalten. Mirelle hatte mir erz&#228;hlt, dass sie in Paris den Comte de la Roche treffen w&#252;rde. Also, soweit ich gesehen hatte, war das nicht der Fall. Ich habe mich gesch&#228;mt und dachte pl&#246;tzlich, es w&#228;re gut, all das ein f&#252;r alle Mal mit ihr zu kl&#228;ren, also habe ich die T&#252;r aufgemacht und bin hineingegangen.

Er machte eine Pause.

Ja, sagte Katherine sanft.

Ruth hat in dieser Koje gelegen und geschlafen  ihr Gesicht war von mir weggedreht  ich konnte nur ihren Hinterkopf sehen. Nat&#252;rlich h&#228;tte ich sie wecken k&#246;nnen. Aber pl&#246;tzlich wurde mir ganz anders. Was h&#228;tte es denn da noch zu sagen gegeben, was wir uns nicht schon hundertmal gesagt hatten? Sie sah so friedlich aus, wie sie da lag. Ich habe das Abteil so leise verlassen, wie ich gekommen war.

Warum sagen Sie der Polizei nicht die Wahrheit?, fragte Katherine.

Weil ich nicht komplett verr&#252;ckt bin. Von Anfang an war mir klar, dass ich, was das Motiv angeht, der ideale M&#246;rder bin. Wenn ich erst einmal zugebe, dass ich kurz vor dem Mord in ihrem Abteil war, lege ich mir doch selbst die Schlinge um den Hals.

Ich verstehe.

Verstand sie wirklich? Sie wusste es selbst nicht. Sie sp&#252;rte die magnetische Anziehung von Dereks Pers&#246;nlichkeit, aber etwas in ihrem Inneren leistete Widerstand, hielt sie zur&#252;ck.

Katherine.

Ich.

Sie wissen, dass mir viel an Ihnen liegt. Machen  machen Sie sich auch etwas aus mir?

Ich  ich wei&#223; es nicht.

Sie sp&#252;rte die Schw&#228;che. Entweder wusste sie, oder sie wusste nicht. Wenn  wenn doch nur.

Sie sah sich verzweifelt, wie Hilfe suchend um. Eine zarte R&#246;te stieg in ihre Wangen, als sie einen gro&#223;en, schlanken Mann leicht hinkend auf sie zukommen sah  Major Knighton.

Erleichterung und unerwartete W&#228;rme lagen in ihrer Stimme, als sie ihn begr&#252;&#223;te.

Derek erhob sich mit einer Grimasse, das Gesicht finster wie eine Gewitterwolke.

Hat Lady Tamplin kein Gl&#252;ck?, sagte er locker. Ich muss ihr wohl Gesellschaft leisten und sie von meinem Roulettesystem profitieren lassen.

Er machte auf dem Absatz kehrt und lie&#223; die beiden allein. Katherine setzte sich wieder hin. Ihr Herz schlug schnell und ungleichm&#228;&#223;ig, aber als sie dasa&#223; und mit dem ruhigen, beinahe scheuen Mann neben ihr zu plaudern begann, kehrte ihre Selbstbeherrschung zur&#252;ck.

Dann begriff sie pl&#246;tzlich, dass auch Knighton ihr sein Inneres offenbaren wollte, ganz wie Derek, wenn auch in anderer Weise.

Er war sch&#252;chtern und stotterte. Die W&#246;rter kamen z&#246;gernd, auf keinerlei Beredsamkeit gest&#252;tzt.

Vom ersten Augenblick, da ich Sie sah  ich  ich sollte eigentlich nicht so bald davon sprechen  aber Mr Van Aldin kann jeden Tag abreisen, und vielleicht finde ich keine andere Gelegenheit mehr. Ich wei&#223;, dass Sie nach so kurzer Zeit f&#252;r mich noch nichts empfinden k&#246;nnen  das ist unm&#246;glich. Es ist sowieso anma&#223;end von mir. Ich habe ein wenig Verm&#246;gen  nicht viel , nein, bitte antworten Sie jetzt nicht. Ich wei&#223;, wie Ihre Antwort ausfallen muss. Aber f&#252;r den Fall, dass ich pl&#246;tzlich abreisen muss, wollte ich, dass Sie wissen  dass mir an Ihnen liegt.

Sie war ersch&#252;ttert  ger&#252;hrt. Er war so sanft und anziehend.

Da ist noch etwas. Ich wollte nur sagen, dass  wenn Sie jemals Hilfe brauchen  was immer ich f&#252;r Sie tun kann.

Er nahm ihre Hand in die seine und hielt sie eine Minute lang fest. Dann lie&#223; er sie los und ging schnell zur&#252;ck zum Casino, ohne sich umzusehen.

Katherine blieb regungslos sitzen. Derek Kettering  Richard Knighton  zwei so verschiedene M&#228;nner  so grundverschieden. Knighton hatte etwas G&#252;tiges, er war anst&#228;ndig und vertrauensw&#252;rdig, Derek hingegen.

Dann hatte Katherine pl&#246;tzlich eine ganz seltsame Empfindung. Sie hatte das Gef&#252;hl, nicht mehr allein auf der Bank im Garten des Casinos zu sein, sondern dass jemand neben ihr stehe, und dieser Jemand sei die Tote, Ruth Kettering. Sie hatte au&#223;erdem das Gef&#252;hl, dass Ruth ihr  ganz dringend  etwas mitteilen wollte. Der Eindruck war so seltsam, so lebhaft, dass er sich nicht absch&#252;tteln lie&#223;. Sie war absolut sicher, dass Ruth Ketterings Geist versuchte, ihr etwas mitzuteilen, was f&#252;r sie von lebenswichtiger Bedeutung war. Der Eindruck verblasste. Katherine stand auf; sie zitterte ein wenig. Was hatte Ruth Kettering ihr so dringend sagen wollen?



Siebenundzwanzigstes Kapitel



Gespr&#228;ch mit Mirelle

Als Knighton Katherine verlie&#223;, begab er sich auf die Suche nach Hercule Poirot. Er fand ihn am Roulettetisch, wo er eben behutsam den Minimaleinsatz auf die geraden Zahlen setzte. Als Knighton zu ihm trat, blieb die Kugel bei 33 liegen, und Poirots Einsatz wurde weggeharkt.

Pech!, sagte Knighton, spielen Sie weiter?

Poirot sch&#252;ttelte den Kopf.

Im Moment nicht.

Sp&#252;ren Sie die Faszination des Spielens?, fragte Knighton neugierig.

Nicht beim Roulette.

Knighton warf ihm einen schnellen Blick zu. Sein Gesicht tr&#252;bte sich. Er sprach stockend, beinahe ehrerbietig.

Sind Sie gerade sehr besch&#228;ftigt, Monsieur Poirot? Ich m&#246;chte Sie etwas fragen.

Ich stehe zu Ihrer Verf&#252;gung. Wollen wir hinausgehen? In der Sonne ist es angenehm.

Sie schlenderten hinaus, und Knighton holte tief Luft.

Ich liebe die Riviera, sagte er. Das erste Mal war ich vor zw&#246;lf Jahren hier, im Krieg, als ich in Lady Tamplins Lazarett geschickt wurde. Nach dem Sch&#252;tzengraben in Flandern kam es einem vor wie das Paradies.

Das kann ich mir vorstellen, sagte Poirot.

Wie weit entfernt der Krieg heute scheint!, sann Knighton.

Ein paar Minuten gingen sie schweigend nebeneinanderher.

Haben Sie etwas auf dem Herzen?, fragte Poirot.

Knighton blickte ihn &#252;berrascht an.

Sie haben ganz Recht, gestand er. Ich wei&#223; allerdings nicht, woher Sie das wissen.

Es war ganz deutlich zu sehen, sagte Poirot trocken.

Ich wusste nicht, dass ich so leicht zu durchschauen bin.

Es geh&#246;rt zu meinem Gesch&#228;ft, die Physiognomie zu beobachten, erkl&#228;rte der kleine Mann w&#252;rdevoll.

Ich will es Ihnen sagen, Monsieur Poirot. Haben Sie von dieser T&#228;nzerin geh&#246;rt  Mirelle?

La chere amie von Monsieur Kettering?

Ja, die meine ich. Und da Sie die Geschichte kennen, werden Sie verstehen, dass Mr Van Aldin nat&#252;rlich Vorbehalte ihr gegen&#252;ber hat. Sie hat ihm geschrieben und um ein Gespr&#228;ch gebeten. Er hat mich angewiesen, ihr eine knappe Ablehnung zu schicken, und das habe ich auch getan. Heute Morgen kam sie ins Hotel und hat ihre Karte hochschicken lassen; sie hat mitgeteilt, es sei wichtig und ganz dringend, Mr Van Aldin sofort zu sprechen.

Interessant, sagte Poirot.

Mr Van Aldin war w&#252;tend. Er hat mir befohlen, sie abzuweisen. Ich habe mir erlaubt, ihm zu widersprechen. Es schien mir sowohl m&#246;glich als auch wahrscheinlich, dass diese Mirelle wertvolle Informationen f&#252;r uns hat. Wir wissen ja, dass sie im Blauen Express war, und sie kann ja etwas gesehen oder geh&#246;rt haben, das zu wissen f&#252;r uns wichtig sein k&#246;nnte. Sind Sie nicht auch meiner Meinung, Monsieur Poirot? Durchaus, sagte Poirot trocken. Monsieur Van Aldin hat sich, wenn ich das so sagen darf, &#228;u&#223;erst t&#246;richt benommen.

Ich freue mich, dass Sie die Sache so sehen, sagte der Sekret&#228;r. Nun will ich Ihnen etwas erz&#228;hlen, Monsieur Poirot. So fest war ich davon &#252;berzeugt, dass Van Aldins Haltung falsch war, dass ich gegen seine Weisung hinuntergegangen bin und mit der Dame gesprochen habe.

Eh bien?

Das Problem war, dass sie darauf bestanden hat, Mr Van Aldin pers&#246;nlich zu sprechen. Ich habe seine Mitteilung so weit abgemildert, wie ich nur konnte. In Wahrheit  um ganz offen zu sein  habe ich sie in eine andere Form gekleidet. Ich habe ihr gesagt, dass Mr Van Aldin augenblicklich zu besch&#228;ftigt sei, um sie zu empfangen, dass sie aber alles, was sie ihm mitzu teilen hat, mir anvertrauen soll. Dazu lie&#223; sie sich jedoch nicht bewegen, und sie ist gegangen, ohne etwas zu sagen. Ich habe aber den deutlichen Eindruck, Monsieur Poirot, dass diese Frau etwas wei&#223;.

Eine ernste Angelegenheit, sagte Poirot ruhig. Wissen Sie, wo sie wohnt?

Ja. Knighton nannte den Namen des Hotels.

Gut, sagte Poirot, wir gehen sofort hin.

Der Sekret&#228;r sah zweifelnd drein.

Und Mr Van Aldin?, fragte er z&#246;gernd.

Van Aldin ist ein Dicksch&#228;del, sagte Poirot trocken. Ich streite nicht mit Dicksch&#228;deln. Ich handle einfach. Ich sage ihr, dass Sie von Van Aldin bevollm&#228;chtigt sind, f&#252;r ihn zu handeln, und Sie h&#252;ten sich bitte, mir zu widersprechen.

Knighton blickte noch immer zweifelnd, aber Poirot nahm keine Notiz von seinem Z&#246;gern.

Im Hotel sagte man ihnen, Mademoiselle sei anwesend, und Poirot lie&#223; seine und Knightons Karte zu ihr bringen; auf beide schrieb er mit Bleistift Von Mr Van Al-din.

Von oben kam die Mitteilung, Mademoiselle Mirelle werde sie empfangen.

Als sie in die R&#228;ume der T&#228;nzerin gef&#252;hrt worden waren, &#252;bernahm Poirot sofort das Kommando.

Mademoiselle, murmelte er mit einer tiefen Verbeugung, wir kommen im Auftrag von Monsieur Van Al-din.

Ah! Und warum kommt er nicht selbst?

Er ist unp&#228;sslich, log Poirot, die typischen RivieraHalsschmerzen haben ihn erwischt, aber sowohl ich als auch Major Knighton, sein Sekret&#228;r, sind bevollm&#228;chtigt, f&#252;r ihn zu handeln. Es sei denn, Mademoiselle z&#246;ge es vor, etwa vierzehn Tage zu warten.

Wenn Poirot von etwas &#252;berzeugt war, dann davon, dass bei einem Temperament wie dem von Mirelles das blo&#223;e Wort warten verp&#246;nt war.

Eh bien, ich will sprechen, Messieurs, rief sie. Ich war geduldig. Ich habe mich zur&#252;ckgehalten. Und wozu? Um beleidigt zu werden! Ja, beleidigt! Glaubt er, man k&#246;nnte mit Mirelle so umspringen? Sie wegwerfen wie einen alten Handschuh? Ich sage Ihnen, noch nie ist ein Mann meiner &#252;berdr&#252;ssig geworden. Immer werde ich der M&#228;nner &#252;berdr&#252;ssig!

Sie ging im Raum auf und ab; ihr schlanker K&#246;rper bebte vor Wut. Ein Tischchen, das ihr im Weg stand, warf sie an die Wand, wo es zerbrach.

Das werde ich auch mit ihm machen, schrie sie, und das!

Sie ergriff eine mit Lilien gef&#252;llte Glasvase und schleuderte sie in den Kamin, wo sie in hundert St&#252;cke zerbarst.

Knighton betrachtete sie mit k&#252;hler britischer Missbilligung. Er f&#252;hlte sich peinlich ber&#252;hrt und unwohl. Poirot mit seinen zwinkernden Augen schien sich dagegen k&#246;niglich zu am&#252;sieren.

Ah, das ist wunderbar!, rief er. Man sieht  Madame hat Temperament.

Ich bin K&#252;nstlerin, sagte Mirelle, jede K&#252;nstlerin hat Temperament. Ich habe Derek gesagt, er soll sich in Acht nehmen, aber er wollte nicht h&#246;ren. Sie drehte sich pl&#246;tzlich schnell zu Poirot um. Es stimmt, nicht wahr, dass er diese englische Miss heiraten will?

Poirot hustete.

On ma dit, murmelte er, dass er sie leidenschaftlich verehrt.

Mirelle ging auf sie los.

Er hat seine Frau umgebracht, kreischte sie. So  da haben Sie es! Er hat mir vorher gesagt, dass er es tun will! Er war in einer impasse  zutl und hat den einfachsten Ausweg genommen.

Sie sagen, Monsieur Kettering hat seine Frau ermordet.

Ja, ja, ja. Habe ich es denn nicht deutlich genug gesagt?

Die Polizei, murmelte Poirot, wird Beweise f&#252;r diese  eh  Behauptung brauchen.

Ich sage Ihnen, ich habe ihn in dieser Nacht im Zug aus dem Abteil seiner Frau kommen sehen.

Wann?, fragte Poirot scharf.

Unmittelbar bevor der Zug Lyon erreicht hat.

Werden Sie das beschw&#246;ren, Mademoiselle?

Nun sprach ein anderer Poirot, scharf und entschieden.

Ja.

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Mirelle rang nach Atem, und ihre Augen  halb herausfordernd, halb &#228;ngstlich  gingen von einem Gesicht zum anderen.

Das ist eine ernste Sache, Mademoiselle, sagte der Detektiv. Wissen Sie, wie ernst?

Nat&#252;rlich.

Gut, sagte Poirot. Dann werden Sie verstehen, Mademoiselle, dass wir keine Zeit verlieren d&#252;rfen. Am besten begleiten Sie uns sofort zum B&#252;ro des Untersuchungsrichters.

Mirelle stutzte. Sie z&#246;gerte, aber wie Poirot vorausgesehen hatte, gab es f&#252;r sie jetzt kein Schlupfloch mehr.

Also gut, murmelte sie, ich hole einen Mantel.

Als sie allein waren, wechselten Poirot und Knighton einen Blick.

Man muss handeln, solange  wie sagen Sie?  das Eisen hei&#223; ist, murmelte Poirot. Sie ist von Stimmungen abh&#228;ngig; vielleicht bereut sie in einer Stunde alles und w&#252;rde ihre Anschuldigungen gern zur&#252;cknehmen. Das m&#252;ssen wir um jeden Preis verhindern.

Mirelle kam zur&#252;ck, in ein sandfarbenes Samtcape geh&#252;llt, das mit Leopardenfell besetzt war. Sie sah selbst einer Leopardin nicht un&#228;hnlich, dunkel und gef&#228;hrlich. Noch immer blitzten ihre Augen vor Wut und Entschlossenheit.

Sie fanden Monsieur Caux und den Untersuchungsrichter zusammen vor. Nach einigen einleitenden Worten von Poirot wurde Mademoiselle Mirelle h&#246;flich aufgefordert, ihre Geschichte zu erz&#228;hlen. Sie tat dies fast mit den gleichen Worten wie vor Knighton und Poirot, aber in weit n&#252;chternerer Art.

Das ist eine au&#223;erordentliche Geschichte, Mademoiselle, sagte Carrege langsam. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zur&#252;ck, schob den Kneifer zurecht und musterte die T&#228;nzerin scharf und forschend.

Sie wollen uns also klarmachen, dass Monsieur Kettering tats&#228;chlich vorher Ihnen gegen&#252;ber mit dem Verbrechen geprahlt hat?

Ja, ja. Sie sei zu gesund, hat er gesagt. Wenn sie sterben soll, muss es ein Unfall sein  und den w&#252;rde er arrangieren.

Sind Sie sich bewusst, Mademoiselle, sagte Carrege streng, dass Sie sich damit gewisserma&#223;en der Beihilfe zum Mord bezichtigen?

Ich? Aber nicht die Spur, Monsieur. Ich habe seine Worte doch keinen Augenblick ernst genommen. Ah nein, wirklich nicht! Ich kenne die M&#228;nner, Monsieur; die sagen schlie&#223;lich so manches. Es w&#252;rde sehr seltsam in der Welt zugehen, wenn man alles, was sie sagen, au pied de la lettre nehmen wollte.

Der Untersuchungsrichter hob die Brauen.

Wir haben also davon auszugehen, dass Ihnen Monsieur Ketterings Drohungen nur als leeres Gerede erschienen? Darf ich fragen, Mademoiselle, was Sie dazu gebracht hat, Ihre Verpflichtungen in London einfach im Stich zu lassen und an die Riviera zu reisen?

Mirelle schaute ihn aus schmelzenden schwarzen Augen an.

Ich wollte bei dem Mann sein, den ich liebte, sagte sie schlicht. Ist das so unnat&#252;rlich?

Poirot schob behutsam eine Frage ein.

Sie haben Monsieur Kettering also auf seinen Wunsch nach Nizza begleitet?

Mirelle schien die Beantwortung dieser Frage ein wenig schwierig zu finden. Sie z&#246;gerte merklich, bevor sie sprach. Als sie es tat, geschah es mit hochm&#252;tiger Gleichg&#252;ltigkeit.

In solchen Dingen tue ich das, was mir passt, Monsieur, sagte sie.

Keinem der drei M&#228;nner entging, dass diese Antwort eigentlich keine war. Sie sagten nichts dazu.

Wann sind Sie zu der &#220;berzeugung gelangt, dass Monsieur Kettering seine Gattin ermordet hat?

Wie ich Ihnen schon sagte, Monsieur, habe ich Monsieur Kettering, unmittelbar bevor der Zug in Lyon einfuhr, aus dem Abteil seiner Frau kommen sehen. Auf seinem Gesicht war ein Ausdruck  ah!, in dem Moment konnte ich ihn nicht verstehen  ein gehetzter Ausdruck, furchtbar. Ich werde das nie vergessen.

Ihre Stimme war hoch und schrill geworden, und sie warf ihre Arme in einer extravaganten Geste empor.

Ah ja, sagte Monsieur Carrege.

Hinterher, als ich erfahren habe, dass Madame Kettering tot war, als der Zug Lyon verlie&#223;  da habe ich es gewusst!

Und dennoch sind Sie nicht zur Polizei gegangen, Mademoiselle, sagte der Kommissar mild.

Mirelle sah ihn gro&#223; an; sie gefiel sich augenscheinlich in der Rolle, die sie spielte.

Soll ich meinen Geliebten verraten?, fragte sie. Ah nein, das d&#252;rfen Sie von einer Frau nicht verlangen.

Aber jetzt., warf Monsieur Caux ein.

Jetzt ist es anders. Er hat mich betrogen! Soll ich das schweigend hinnehmen?

Der Untersuchungsrichter bremste sie.

Ganz recht, ganz recht, murmelte er beruhigend. Und jetzt, Mademoiselle, m&#246;chten Sie vielleicht das Protokoll Ihrer Aussage durchlesen, die Korrektheit pr&#252;fen und es unterzeichnen.

Mirelle vergeudete keine Zeit mit dem Dokument.

Ja, ja, sagte sie, alles ist richtig. Sie stand auf. Sie brauchen mich nicht l&#228;nger, Messieurs?

Augenblicklich nicht, Mademoiselle.

Und Derek wird verhaftet?

Unverz&#252;glich, Mademoiselle.

Mirelle lachte grausam und drapierte sich enger in ihr Pelzcape.

Er h&#228;tte daran denken sollen, bevor er mich beleidigt, rief sie.

Nur noch eine Kleinigkeit., Poirot r&#228;usperte sich, als ob er um Entschuldigung b&#228;te, wirklich eine Kleinigkeit.

Ja?

Woraus schlie&#223;en Sie, dass Madame Kettering tot war, als der Zug Lyon verlie&#223;?

Mirelle starrte ihn an.

Aber sie war doch tot.

So, sie war tot?

Nat&#252;rlich, ich.

Sie hielt j&#228;h inne. Poirot musterte sie eindringlich und sah den Argwohn in ihren Augen.

Man hat es mir so erz&#228;hlt. Alle sagen es.

Oh, sagte Poirot, ich wusste nicht, dass die Tatsache au&#223;erhalb dieses B&#252;ros erw&#228;hnt worden ist.

Mirelle schien ein wenig in Aufl&#246;sung begriffen.

Man h&#246;rt solche Dinge, sagte sie vage, es spricht sich herum. Jemand hat es mir erz&#228;hlt. Ich wei&#223; nicht mehr wer.

Sie ging zur T&#252;r. Caux sprang auf, um sie ihr zu &#246;ffnen, und in diesem Augenblick ert&#246;nte abermals Poirots milde Stimme.

Und die Juwelen? Pardon, Mademoiselle. K&#246;nnen Sie mir etwas dar&#252;ber sagen?

Die Juwelen? Welche Juwelen?

Die Rubine von Katharina der Gro&#223;en. Da Sie so viel h&#246;ren, werden Sie auch davon geh&#246;rt haben.

Ich wei&#223; nichts von Juwelen, sagte Mirelle scharf.

Sie ging hinaus und schloss die T&#252;r hinter sich. Monsieur Caux nahm wieder Platz; der Untersuchungsrichter seufzte.

Welch eine Furie!, sagte er. Aber diablement schick. Ich frage mich, ob sie die Wahrheit sagt. Ich glaube, ja.

Es ist sicher etwas Wahres an ihrer Geschichte, sagte Poirot, Miss Grey hat es best&#228;tigt. Sie hat den Korridor entlanggeschaut, kurz bevor der Zug Lyon erreichte, und sah Monsieur Kettering ins Abteil seiner Frau gehen.

Alles scheint klar gegen ihn zu sprechen, sagte der Kommissar seufzend. Leider!, murmelte er dann.

Warum leider?, fragte Poirot.

Ich habe es mir zum Lebensziel gemacht, den Comte de la Roche zu erwischen. Diesmal, ma foi, habe ich gedacht, wir h&#228;tten ihn. Dieser andere ist l&#228;ngst nicht so befriedigend.

Carrege rieb sich die Nase.

Wenn etwas schief geht, bemerkte er vorsichtig, w&#228;re das sehr peinlich. Monsieur Kettering geh&#246;rt zum Adel. Es wird in die Zeitungen kommen. Wenn wir einen Fehler gemacht h&#228;tten. In d&#252;steren Vorahnungen hob er die Schultern.

Also, die Juwelen, sagte der Kommissar, was hat er Ihrer Meinung nach mit ihnen gemacht?

Nat&#252;rlich hat er sie zur Ablenkung mitgenommen, sagte Carrege, sie m&#252;ssen sehr l&#228;stig f&#252;r ihn gewesen sein, und sehr schwer loszuwerden.

Poirot l&#228;chelte.

&#220;ber die Juwelen habe ich so meine eigenen Gedanken. Sagen Sie mir, Messieurs, was wissen Sie &#252;ber einen Mann namens Der Marquis?

Der Kommissar beugte sich aufgeregt vor.

Der Marquis, sagte er, der Marquis? Meinen Sie, dass er in diesen Fall verwickelt ist, Monsieur Poirot?

Ich fragte, was Sie &#252;ber ihn wissen.

Der Kommissar schnitt eine viel sagende Grimasse.

Nicht so viel, wie wir gern w&#252;ssten, sagte er bedauernd. Er arbeitet hinter den Kulissen, verstehen Sie? Die groben Arbeiten verrichten Handlanger f&#252;r ihn. Aber er ist einer von ganz oben. Dessen sind wir sicher. Er kommt nicht aus den kriminellen Schichten.

Franzose?

J-ja. Wenigstens glauben wir das. Sicher sind wir aber nicht. Er hat in Frankreich, in England, in Amerika gearbeitet. Vergangenen Herbst gab es in der Schweiz eine Anzahl von Raub&#252;berf&#228;llen, die angeblich auf sein Konto gehen. Jedenfalls ist er ein grand seigneur, spricht Franz&#246;sisch und Englisch gleicherma&#223;en tadellos, und seine Herkunft ist ein R&#228;tsel.

Poirot nickte und erhob sich, um zu gehen.

Mehr k&#246;nnen Sie uns nicht sagen, Monsieur Poirot?, bedr&#228;ngte ihn der Kommissar.

Im Augenblick nicht, sagte Poirot, aber vielleicht finde ich in meinem Hotel weitere Nachrichten vor.

Monsieur Carrege blickte unbehaglich drein. Wenn der Marquis in die Geschichte verwickelt ist., begann er, dann brach er ab.

Das bringt uns alles durcheinander, klagte Caux.

Mich nicht, sagte Poirot. Im Gegenteil, ich glaube, es passt sehr gut zu meinen Ideen. Au revoir, Messieurs. Sollte ich wichtige Neuigkeiten erfahren, so werde ich es Sie sofort wissen lassen.

Mit ernster Miene ging er zu seinem Hotel zur&#252;ck. In seiner Abwesenheit war ein Telegramm f&#252;r ihn gekommen. Er zog einen Brief&#246;ffner aus der Tasche und &#246;ffnete es. Es war ein langes Telegramm, und er las es zweimal durch, bevor er es langsam in die Tasche steckte. Oben erwartete George seinen Herrn.

Ich bin ersch&#246;pft, Georges, sehr ersch&#246;pft. W&#252;rden Sie mir ein K&#228;nnchen Schokolade bestellen?

Die Schokolade wurde bestellt und gebracht, und George stellte sie in Reichweite seines Herrn auf den Beistelltisch. Als er sich gerade entfernen wollte, sagte Poi-rot:

Ich glaube, George, dass Sie in der englischen Aristokratie sehr bewandert sind.

George l&#228;chelte geschmeichelt.

Ich glaube, ich darf das von mir behaupten, Sir, antwortete er.

Ich nehme an, Sie sind der Meinung, Georges, dass Verbrecher unweigerlich den untersten Schichten entstammen?

Nicht immer, Sir. Es gab einmal gro&#223;en &#196;rger mit einem der j&#252;ngeren S&#246;hne des Duke of Devize. Er musste Eton in diskreter Schande verlassen, und danach machte er der Familie wiederholt gro&#223;e Sorgen. Die Polizei wollte nicht akzeptieren, dass es Kleptomanie war. Ein sehr schlauer junger Gentleman, Sir, aber durch und durch lasterhaft, wenn Sie verstehen, was ich meine. Seine Durchlaucht hat ihn nach Australien eingeschifft, und ich h&#246;rte, er sei dort unter einem anderen Namen verurteilt worden. Sehr seltsam, Sir, aber da haben Sie es. Der junge Gentleman, das muss ich wohl nicht betonen, hatte keine finanziellen N&#246;te.

Poirot nickte langsam.

Ein Hang zu aufregenden Dingen, murmelte er, und wahrscheinlich ein kleiner Dachschaden. Ich frage mich.

Er zog das Telegramm aus der Tasche und las es zum dritten Mal.

Und dann die Sache mit der Tochter von Lady Mary Fox, fuhr der Diener in seinen Reminiszenzen fort. Sie hat ihre Lieferanten betrogen  schockierend. Sehr unangenehm f&#252;r die besten Familien, wenn ich das sagen darf, und ich k&#246;nnte noch viele andere seltsame F&#228;lle nennen.

Sie sind ein erfahrener Mann, Georges, murmelte Poi-rot. Es wundert mich eigentlich, dass Sie, der Sie immer in gro&#223;en H&#228;usern gearbeitet haben, es nicht f&#252;r unter Ihrer W&#252;rde halten, als Diener bei mir zu sein. Ich schreibe es auch bei Ihnen einem Hang zu aufregenden Dingen zu.

Nicht ganz, Sir, sagte George. In Society Snippets las ich zuf&#228;llig, dass Sie im Buckingham-Palast empfangen wurden. Damals suchte ich gerade eine neue Stellung. Seine Majest&#228;t, hei&#223;t es, soll zu Ihnen sehr nett und liebensw&#252;rdig gewesen sein und sehr viel von Ihren F&#228;higkeiten halten.

Ah, sagte Poirot, man m&#246;chte doch immer die Gr&#252;nde f&#252;r alles wissen.

Er dachte einen Moment nach und sagte dann:

Haben Sie Mademoiselle Papopoulos angerufen?

Ja, Sir; sie und ihr Vater sind erfreut, heute Abend mit Ihnen zu speisen.

Ah, sagte Poirot nachdenklich. Er trank seine Schokolade aus, stellte die Tasse und Untertasse s&#228;uberlich in die Mitte des Tabletts und sagte sanft, mehr zu sich als zu seinem Diener:

Das Eichh&#246;rnchen, mein guter Georges, sammelt N&#252;sse. Es lagert sie im Herbst ein, um sie sp&#228;ter zu nutzen. Wenn die Menschheit ein Erfolg werden soll, Georges, m&#252;ssen wir aus den Lektionen lernen, die uns jene erteilen, die im Tierreich unter uns stehen. Das habe ich immer getan. Ich war die Katze vor dem Mauseloch. Ich war der gute Hund, der der Duftspur folgt und die Nase nicht von der F&#228;hrte hebt. Und, mein guter Georges, ich bin auch das Eichh&#246;rnchen gewesen. Ich habe einmal hier eine kleine Tatsache gehamstert und dann wieder dort. Ich gehe jetzt zu meinem Lager und hole eine ganz bestimme Nuss hervor. Eine Nuss, die ich vor  warten Sie mal , ja, vor genau siebzehn Jahren eingelagert habe. K&#246;nnen Sie mir folgen, Georges?

Ich h&#228;tte nicht geglaubt, Sir, sagte George, dass N&#252;sse sich so lange halten, obwohl ich wei&#223;, dass man mit Konservierungsgl&#228;sern Wunder wirken kann.

Poirot sah ihn an und l&#228;chelte.



Achtundzwanzigstes Kapitel



Poirot spielt Eichh&#246;rnchen

Poirot brach so fr&#252;h auf, dass ihm bis zu seiner Verabredung zum Dinner noch eine Dreiviertelstunde Zeit blieb. Er verfolgte eine bestimmte Absicht. Der Wagen brachte ihn nicht gleich nach Monte Carlo, sondern zum Haus von Lady Tamplin nahe Cap Martin, dort fragte er nach Miss Grey. Die Damen waren mit dem Ankleiden besch&#228;ftigt, und man bat Poirot, in einem kleinen Salon zu warten. Nach etwa drei oder vier Minuten kam Lenox Tamplin zu ihm.

Katherine ist noch nicht ganz fertig, sagte sie. Soll ich ihr etwas ausrichten, oder wollen Sie lieber warten, bis sie herunterkommt?

Poirot musterte sie nachdenklich. Bis er antwortete, verstrichen fast zwei Minuten; es war, als hinge etwas ungeheuer Gewichtiges von seiner Entscheidung ab. Offenbar war die Antwort auf eine so einfache Frage bedeutsam.

Nein, sagte er schlie&#223;lich, nein, ich glaube, ich muss nicht unbedingt auf Mademoiselle Katherine warten. Vielleicht ist es sogar besser, wenn ich nicht warte. Diese Dinge sind manchmal schwierig.

Lenox wartete geduldig, mit nur leicht gehobenen Brauen.

Ich habe eine Nachricht, fuhr Poirot fort. Vielleicht sind Sie so gut, sie Ihrer Freundin weiterzugeben. Monsieur Kettering wurde heute Abend verhaftet  unter der Anklage, seine Frau ermordet zu haben.

Das soll ich Katherine sagen?, fragte Lenox. Sie atmete schwer, als ob sie gerannt sei; ihr Gesicht, dachte Poirot, wirkte wei&#223; und bedr&#252;ckt  und zwar sehr merklich.

Ich bitte darum, Mademoiselle.

Warum?, sagte Lenox. Glauben Sie, die Nachricht haut Katherine um? Meinen Sie, sie macht sich etwas daraus?

Ich wei&#223; es nicht, Mademoiselle, sagte Poirot. Sehen Sie, ich gebe es freim&#252;tig zu. Im Allgemeinen wei&#223; ich alles, aber in diesem Fall  nun ja, wei&#223; ich es nicht. Vielleicht wissen Sie das besser als ich.

Ja, sagte Lenox, ich wei&#223; es  aber ich sage es Ihnen trotzdem nicht.

Sie schwieg eine Weile, ihre dunklen Augenbrauen waren zusammengezogen.

Glauben Sie, er war es?, sagte sie pl&#246;tzlich.

Poirot zuckte mit den Schultern.

Die Polizei sagt es.

Ah, sagte Lenox, Sie weichen aus, wie? Also gibt es einen Grund zum Ausweichen.

Wieder schwieg sie und verzog das Gesicht. Poirot sagte sanft:

Sie kennen Derek Kettering schon lange, nicht wahr?

Ich habe ihn immer mal wieder gesehen, seit ich ein Kind war, sagte Lenox m&#252;rrisch. Poirot nickte mehrmals, ohne etwas zu sagen.

Mit einer ihrer br&#252;sken Bewegungen zog Lenox einen Stuhl herbei und setzte sich darauf, die Ellenbogen auf dem Tisch und das Gesicht auf die H&#228;nde gest&#252;tzt. Als sie sa&#223;, blickte sie Poirot &#252;ber den Tisch direkt an.

Was haben sie gegen ihn in der Hand?, fragte sie. Wahrscheinlich ein Motiv. Er ist durch ihren Tod sicher zu viel Geld gekommen.

Er hat zwei Millionen Pfund geerbt.

Und ohne ihren Tod w&#228;re er ruiniert gewesen.

Ja.

Da muss aber doch noch mehr gewesen sein, beharrte Lenox. Ich wei&#223; ja, er ist mit dem gleichen Zug gefahren, aber  das allein reicht doch noch nicht.

Ein Zigarettenetui mit dem Buchstaben K darauf, das nicht Mrs Kettering geh&#246;rte, wurde in ihrem Abteil gefunden, und zwei Personen haben ihn gesehen, wie er das Abteil betreten und verlassen hat, unmittelbar bevor der Zug Lyon erreichte.

Welche zwei Personen?

Ihre Freundin Miss Grey ist die eine. Die andere ist Mademoiselle Mirelle, die T&#228;nzerin.

Und er, Derek, was hat er dazu zu sagen?, fragte Lenox scharf.

Er leugnet, &#252;berhaupt im Abteil seiner Frau gewesen zu sein, sagte Poirot.

Trottel!, sagte Lenox mit einer Grimasse. Unmittelbar vor Lyon, sagen Sie? Wei&#223; denn niemand genau, wann  wann sie gestorben ist?

Der Befund der &#196;rzte kann nat&#252;rlich nie ganz definitiv sein, sagte Poirot, sie neigen aber zu der Ansicht, dass der Tod wohl kaum nach der Abfahrt aus Lyon eingetreten sein kann. Und wir wissen, dass Mrs Kettering wenige Minuten nach Abfahrt des Zuges aus Lyon tot war.

Woher wissen Sie das?

Poirot l&#228;chelte eigenartig vor sich hin.

Jemand ist in ihr Abteil gegangen und hat sie tot aufgefunden. Und hat nicht den ganzen Zug alarmiert?

Nein.

Warum nicht?

Zweifellos aus guten Gr&#252;nden.

Lenox schaute ihn scharf an.

Kennen Sie diese Gr&#252;nde?

Ich glaube  ja.

Lenox sa&#223; ganz still und wendete die Dinge im Geiste hin und her. Poirot betrachtete sie schweigend. Schlie&#223;lich blickte sie auf. Ihre Wangen waren leicht ger&#246;tet, und ihre Augen leuchteten.

Sie meinen, jemand aus dem Zug muss sie get&#246;tet haben, aber das braucht gar nicht so gewesen zu sein. Warum soll nicht jemand einsteigen, wenn der Zug in Lyon h&#228;lt, direkt in ihr Abteil gehen, sie erw&#252;rgen, die Rubine mitnehmen und wieder vom Zug springen, ohne dass jemand etwas bemerkt? Vielleicht ist sie sogar get&#246;tet worden, als der Zug im Bahnhof von Lyon war. Dann h&#228;tte sie noch gelebt, als Derek hineingegangen ist, und w&#228;re tot gewesen, als die andere Person sie gefunden hat.

Poirot lehnte sich in seinem Sessel zur&#252;ck. Er holte tief Atem, sah das M&#228;dchen an und nickte dreimal, dann seufzte er.

Mademoiselle, sagte er, was Sie da gesagt haben, ist wahr  sehr wahr. Ich bin im Dunkeln herumgetappt, und Sie haben mir ein Licht gezeigt. Es gab einen Punkt, den ich nicht verstehen konnte, und Sie haben ihn mir klargemacht.

Er stand auf.

Und Derek?, sagte Lenox.

Wer wei&#223;? Poirot hob die Schultern. Aber ich will Ihnen eines sagen, Mademoiselle. Ich bin nicht zufrieden. Nein, ich, Hercule Poirot, bin noch nicht zufrieden. Es kann sein, dass ich noch in dieser Nacht mehr erfahre. Jedenfalls werde ich es versuchen.

Sind Sie verabredet?

Ja.

Mit jemandem, der etwas wei&#223;?

Mit jemandem, der etwas wissen k&#246;nnte. In solchen F&#228;llen muss man jeden Stein umdrehen. Au revoir, Mademoiselle.

Lenox begleitete ihn zur T&#252;r.

Habe ich Ihnen geholfen?, fragte sie.

Sie stand auf der Schwelle. Poirots Gesicht wurde sanft, als er zu ihr emporschaute.

Ja, Mademoiselle, Sie haben mir geholfen. Vergessen Sie das nie, wenn alles sehr d&#252;ster aussieht.

Als der Wagen losgefahren war, fiel er wieder in tiefes Gr&#252;beln, aber in seinen Augen war jenes schwache gr&#252;ne Leuchten, das immer dem sp&#228;teren Triumph voranging.

Er kam wenige Minuten zu sp&#228;t zu seiner Verabredung; Papopoulos und seine Tochter waren bereits da. Poirot bat &#252;beraus zerknirscht um Entschuldigung und &#252;bertraf sich selbst an H&#246;flichkeit und kleinen Aufmerksamkeiten. Der Grieche sah an diesem Abend besonders g&#252;tig und edel aus, ein kummervoller Patriarch mit makellosem Leben. Zia sah h&#252;bsch aus und war gut gelaunt. Das Essen war ersprie&#223;lich. Poirot war in gl&#228;nzender Form und spr&#252;hte vor Einf&#228;llen. Er erz&#228;hlte Anekdoten, machte Witze, berichtete von interessanten Ereignissen aus seiner Karriere und machte Zia Papopoulos anmutige Komplimente. Das Men&#252; war mit besonderer Sorgfalt zusammengestellt, die Weine waren vorz&#252;glich.

Als das Dinner seinem Ende zuging, erkundigte sich Monsieur Papopoulos h&#246;flich:

Und der Tipp, den ich Ihnen neulich gegeben habe? Haben Sie auf das Pferd gesetzt? Ich bin noch in Verbindung mit  eh  meinem Buchmacher, antwortete Poirot.

Die Blicke der beiden M&#228;nner begegneten sich.

Ein sehr bekanntes Pferd, eh?

Nein, sagte Poirot, es ist, was unsere englischen Freunde ein dunkles Pferd nennen.

Ah!, sagte Monsieur Papopoulos nachdenklich.

Jetzt sollten wir ins Casino hin&#252;bergehen und ein bisschen unser Gl&#252;ck beim Roulette versuchen, rief Poirot fr&#246;hlich.

Im Casino trennte sich die kleine Gesellschaft. Poirot widmete sich ganz Zia, w&#228;hrend Papopoulos sich ein wenig die Beine vertrat.

Poirot hatte kein Gl&#252;ck, Zia hingegen eine Str&#228;hne und binnen kurzem einige tausend Francs gewonnen.

Es w&#228;re besser, bemerkte sie trocken, wenn ich jetzt aufh&#246;rte.

Poirots Augen zwinkerten.

Fabelhaft!, rief er aus. Sie sind wirklich die Tochter Ihres Vaters, Mademoiselle Zia. Zu wissen, wann man aufh&#246;ren muss. Ah!, das ist Lebenskunst.

Er sah sich um.

Ich sehe Ihren Vater nirgends, bemerkte er sorglos. Wenn es Ihnen recht ist, Mademoiselle, hole ich Ihren Mantel, und wir gehen ein wenig im Park spazieren.

Er ging jedoch nicht geradewegs zur Garderobe. Sein scharfes Auge hatte kurz zuvor gesehen, dass Papopoulos in einen anderen Saal gegangen war. Er wollte unbedingt wissen, was der schlaue Grieche trieb. Er st&#246;berte ihn unerwartet in der gro&#223;en Eingangshalle auf, wo er neben einer der S&#228;ulen stand und sich mit einer eben angekommenen Dame unterhielt. Die Dame war Mirelle.

Poirot schlenderte unauff&#228;llig durch die Halle. Er erreichte die andere Seite der S&#228;ule unbemerkt von den beiden, die sich angeregt unterhielten  oder genauer, die T&#228;nzerin redete, und Papopoulos steuerte gelegentlich eine Silbe und viele ausdrucksvolle Gesten bei.

Ich sage Ihnen, ich brauche Zeit, sagte die T&#228;nzerin eben. Wenn Sie mir Zeit geben, treibe ich das Geld auf.

Warten  der Grieche hob die Schultern  ist schwierig.

Nur eine kleine Weile, bat sie. Ah!, aber Sie m&#252;ssen einfach! Eine Woche  zehn Tage  mehr verlange ich doch nicht. Sie k&#246;nnen ganz sicher sein, was das Gesch&#228;ft angeht. Das Geld wird da sein.

Papopoulos bewegte sich ein wenig, sah sich unruhig um  und fand Poirot gleich neben sich, mit unschuldig strahlendem Gesicht.

Abi Vous voila, Monsieur Papopoulos. Ich suche Sie &#252;berall. Erlauben Sie, dass ich Mademoiselle Zia auf einen kleinen Spaziergang in den Garten begleite? Guten Abend, Mademoiselle. Er verbeugte sich sehr tief vor Mirelle. Ich bitte vielmals um Vergebung, dass ich Sie nicht sofort gesehen habe.

Die T&#228;nzerin nahm seine Begr&#252;&#223;ung eher unwirsch entgegen. Sie war sichtlich ver&#228;rgert &#252;ber die Unterbrechung ihres tete-a-tete. Poirot registrierte den Wink mit dem Zaunpfahl sofort. Papopoulos hatte bereits nat&#252;rlich  aber selbstverst&#228;ndlich gemurmelt, und Poirot entfernte sich sofort.

Er holte Zias Mantel, und zusammen schlenderten sie hinaus in die G&#228;rten.

Genau hier bringen sich die Leute immer um, sagte Zia.

Poirot zuckte mit den Schultern. So wird erz&#228;hlt. Die Menschen sind Narren, nicht wahr, Mademoiselle? Es ist doch sehr angenehm, zu essen, zu trinken und die gute Luft einzuatmen, Mademoiselle. Man muss dumm sein, um all das aufzugeben, nur weil man kein Geld hat  oder weil das Herz gebrochen ist. Lamour  sie sorgt f&#252;r viele Todesf&#228;lle, nicht wahr?

Zia lachte.

Sie sollten nicht &#252;ber die Liebe lachen, Mademoiselle, sagte Poirot; energisch drohte er ihr mit dem Zeigefinger. Sie, die Sie jung und sch&#246;n sind.

Wohl kaum, sagte Zia. Sie vergessen, dass ich dreiunddrei&#223;ig bin, Monsieur Poirot. Ich bin offen mit Ihnen, alles andere hat keinen Sinn. Wie Sie meinem Vater sagten, ist es genau siebzehn Jahre her, dass Sie uns damals in Paris geholfen haben.

Wenn ich Sie ansehe, kommt es mir viel k&#252;rzer vor, sagte Poirot galant. Sie sahen damals fast so aus wie heute, Mademoiselle, ein wenig schm&#228;chtiger, ein wenig blasser, ein wenig ernster. Sechzehn Jahre alt und frisch aus dem Pensionat. Nicht mehr ganz lapetitepensionnaire, noch nicht ganz Frau. Sie waren auch damals sehr charmant, sehr reizvoll, Mademoiselle Zia, zweifellos haben andere das auch empfunden.

Mit sechzehn, sagte Zia, ist man nichts als eine dumme Gans.

Das mag sein, sagte Poirot, ja, das mag wohl sein. Mit sechzehn ist man jedenfalls vertrauensselig. Man glaubt, was einem erz&#228;hlt wird.

Vielleicht bemerkte er den raschen Seitenblick, den das M&#228;dchen ihm zuwarf, aber er verriet das mit keiner Geste. Vertr&#228;umt fuhr er fort: Es war eine ganz merkw&#252;rdige Geschichte damals. Ihr Vater, Mademoiselle, wei&#223; bis heute nicht, was wirklich geschehen ist.

Nein?

Als er mich nach Details, nach Erkl&#228;rungen gefragt hat, habe ich ihm gesagt: <Ohne Skandal habe ich Ihnen zur&#252;ckgebracht, was verloren war. Sie d&#252;rfen keine Fragen stellen.> Wissen Sie, Mademoiselle, warum ich das gesagt habe?

Ich habe keine Ahnung, sagte das M&#228;dchen kalt.

Weil ich eine Schw&#228;che f&#252;r die blasse, schm&#228;chtige, ernste, kleine pensionnaire hatte.

Ich wei&#223; nicht, wovon Sie reden, rief Zia &#228;rgerlich.

Wirklich nicht, Mademoiselle? Haben Sie Antonio Pi-rezzio vergessen? Er h&#246;rte, wie sie schnell einatmete  es war beinahe ein &#196;chzen.

Er hat als Gehilfe im Laden gearbeitet, aber so konnte er nicht das bekommen, was er haben wollte. Ein Gehilfe darf doch die Augen zur Tochter seines Meisters erheben, nicht wahr? Wenn er jung und h&#252;bsch ist und eine glatte Zunge hat. Und da die beiden nicht ununterbrochen turteln k&#246;nnen, muss man gelegentlich auch von Dingen reden, die beide interessieren  etwa &#252;ber diese sehr interessante Sache, die zeitweilig im Besitz von Monsieur Papopoulos war. Und da, wie Sie sagen, Mademoiselle, junge M&#228;dchen dumme G&#228;nse und leichtgl&#228;ubig sind, war es ganz leicht, ihm zu glauben und ihm einen Blick auf dieses besondere Ding zu g&#246;nnen, ihm zu zeigen, wo es aufbewahrt wird. Und sp&#228;ter, wenn es verschwunden ist  wenn die unglaubliche Katastrophe geschehen ist. He-las, die arme kleine pensionnaire. In was f&#252;r einer furchtbaren Lage sie ist. Sie hat Angst, die arme Kleine. Reden oder nicht reden? Und dann kommt dieser treffliche Bursche daher, Hercule Poirot. Es muss beinahe ein Wunder gewesen sein, wie alles wieder in Ordnung kommt. Die unbezahlbaren Erbst&#252;cke sind wieder da, und es gibt keine peinlichen Fragen.

Zia sagte heftig: Sie haben es die ganze Zeit gewusst? Wer hat es Ihnen gesagt? War es  war es Antonio?

Poirot sch&#252;ttelte den Kopf.

Niemand hat es mir verraten, sagte er ruhig. Ich habe es erraten. Ich habe gut geraten, wie? Wenn man kein Talent zum R&#228;tselraten besitzt, hat man als Detektiv wenig Aussicht auf Erfolg.

Zia ging einige Minuten schweigend neben ihm her. Dann sagte sie mit harter Stimme:

Also, was wollen Sie daraus machen? Wollen Sie es meinem Vater erz&#228;hlen?

Nein, sagte Poirot scharf. Ganz sicher nicht.

Sie sah ihn neugierig an.

Sie wollen etwas von mir?

Ich will Ihre Hilfe, Mademoiselle.

Wieso meinen Sie, ich k&#246;nnte Ihnen helfen?

Ich wei&#223; es nicht. Ich hoffe es nur.

Und wenn ich Ihnen nicht helfe, dann  erz&#228;hlen Sie es meinem Vater?

Aber nein, aber nein! Schlagen Sie sich das aus dem Kopf, Mademoiselle. Ich bin kein Erpresser. Ich werde Sie doch nicht mit Ihrem Geheimnis bedrohen.

Wenn ich mich weigere, Ihnen zu helfen., begann Zia langsam.

Dann weigern Sie sich, das ist alles.

Warum. Sie hielt inne.

Ich will es Ihnen sagen. Frauen, Mademoiselle, sind gro&#223;herzig. Wenn sie jemandem, der ihnen einmal einen Dienst erwiesen hat, einen Gegendienst erweisen k&#246;nnen, dann tun sie es. Ich war Ihnen gegen&#252;ber einmal gro&#223;m&#252;tig, Mademoiselle. Als ich h&#228;tte sprechen k&#246;nnen, habe ich den Mund gehalten.

Wieder trat Schweigen ein. Dann sagte Zia: Mein Vater hat Ihnen dieser Tage einen Tipp gegeben.

Das war sehr freundlich von ihm.

Ich glaube nicht, sagte Zia langsam, dass ich dem viel hinzuf&#252;gen kann.

Wenn Poirot entt&#228;uscht war, so zeigte er es nicht. In seinem Gesicht bewegte sich kein Muskel.

Eb bieni, sagte er fr&#246;hlich, dann reden wir von etwas anderem.

Er fuhr fort, vergn&#252;gt zu plaudern. Zia hingegen war distraite, ihre Antworten waren mechanisch und nicht immer treffend. Als sie sich wieder dem Casino n&#228;herten, schien sie einen Entschluss zu fassen.

Monsieur Poirot?

Ja, Mademoiselle?

Ich  ich w&#252;rde Ihnen gern helfen, wenn ich k&#246;nnte.

Sie sind sehr liebensw&#252;rdig, Mademoiselle  sehr liebensw&#252;rdig.

Wieder trat eine Pause ein. Poirot drang nicht in sie. Er gab sich damit zufrieden, zu warten und ihr Zeit zu lassen.

Ah bah, sagte Zia, warum soll ich es Ihnen eigentlich nicht sagen? Mein Vater ist vorsichtig  immer vorsichtig bei allem, was er sagt. Aber ich wei&#223;, dass das Ihnen gegen&#252;ber nicht n&#246;tig ist. Sie haben uns gesagt, dass Sie nur auf der Suche nach dem M&#246;rder sind und nicht nach dem Schmuck. Ich glaube Ihnen. Sie hatten vollkommen Recht, als Sie angenommen haben, dass wir wegen der Rubine in Nizza sind. Man hat sie hier verabredungsgem&#228;&#223; &#252;bergeben. Mein Vater hat sie jetzt. &#220;brigens hat er Ihnen ja neulich einen Wink gegeben, wer unser mysteri&#246;ser Kunde ist.

Der Marquis?, fragte Poirot leise.

Ja, der Marquis.

Haben Sie den Marquis jemals gesehen, Mademoiselle Zia?

Einmal, sagte sie. Aber nur undeutlich, setzte sie hinzu. Durch ein Schl&#252;sselloch.

Das ist immer mit Schwierigkeiten verkn&#252;pft, sagte Poirot mitf&#252;hlend. Immerhin haben Sie ihn gesehen. W&#252;rden Sie ihn wieder erkennen?

Zia sch&#252;ttelte den Kopf.

Er trug eine Maske, erkl&#228;rte sie.

Jung oder alt?

Er hatte wei&#223;es Haar. Vielleicht eine Per&#252;cke, vielleicht auch nicht. Eigentlich glaube ich nicht, dass er so alt war. Sein Gang war jung, und seine Stimme auch.

Seine Stimme?, sagte Poirot nachdenklich. Ah, seine Stimme! W&#252;rden Sie die wieder erkennen, Mademoiselle Zia?

Ich glaube schon.

Sie interessierten sich f&#252;r ihn, wie? Das hat Sie zum Schl&#252;sselloch getrieben.

Zia nickte.

Ja, ja, ich war neugierig. Man hat so viel &#252;ber ihn geh&#246;rt  er ist kein gew&#246;hnlicher Dieb  er ist eher eine Gestalt aus der Geschichte oder einem Roman.

Ja, sagte Poirot nachdenklich, ja, vielleicht.

Aber nicht das wollte ich Ihnen eigentlich sagen, sondern eine andere kleine Tatsache, die Ihnen  na ja  n&#252;tzlich sein k&#246;nnte.

Ja?, sagte Poirot ermutigend.

Wie ich Ihnen schon sagte, wurden die Rubine meinem Vater hier in Nizza &#252;bergeben. Ich habe die Person, die sie ihm &#252;bergab, nicht gesehen, aber.

Ja?

Eines wei&#223; ich: Es war eine Frau.



Neunundzwanzigstes Kapitel



Ein Brief von daheim

Liebe Katherine!

Da Sie jetzt in der gro&#223;en Welt leben, wird es Sievielleicht nicht weiter interessieren, was hier bei uns vorgebt. Da ich Sie aber immer f&#252;r ein vern&#252;nftiges M&#228;dchen gehalten habe, ist Ihnen vielleicht alles weniger zu Kopf gestiegen, als ich annebme. Hier ist eigentlich alles wie immer. Es gab einigen &#196;rger mit dem neuen Kaplan, der skandal&#246;s hochtrabend ist. Meiner Meinung nach ist er nicht weniger und nicht mehr als ein R&#246;mer. Alle haben mit dem Pfarrer dar&#252;ber geredet, aber Sie wissen ja, wie der Pfarrer ist  lauter christliche N&#228;chstenliebe und &#252;berhaupt kein Mumm. Ich batte zuletzt viel &#196;rger mit den Dienstm&#228;dchen. Diese Annie war nicht %u gebrauchen  R&#246;cke kaum bis zum Knie und nicht dazu zu bringen, vern&#252;nftige Wollstr&#252;mpfe zu tragen. Sagen lassen die sich alle nichts. Mein Rheumatismus hat mir viel zu schaffen gemacht, und Dr. Harri-son bat nicht lockergelassen, bis ich mich eines Tages doch nach London aufgemacbt habe, um einen Spezialisten zu konsultieren  eine Verschwendung von drei Guineen samt Bahnfahrt, habe ich ihm gesagt. Aber ich konnte eine verbilligte R&#252;ckfahrkarte bekommen. Der Spezialist machte ein langes Gesicht und redete bin und her, bis ich ihm endlich gesagt habe: Ich bin eine einfache Frau, Doktor, und ich will, dass man einfach zu mir spricht. Ist es also Krebs oder nicht? Da musste er es freilich zugeben. Ein Jabr lang wirds wohl noch geben, mit Pflege, und mit den Schmerzen soll es nicht so arg sein, obwohl ich sicher bin, ich kann Schmerzen genauso gut ertragen wie jede andere Christenfrau. Ich f&#252;hle mich aber oft recht einsam hier, wo doch die meisten meiner Freundinnen tot oder weggezogen sind. Ich w&#252;nschte, Sie w&#228;ren in St. Mary Mead, meine Liebe, und das ist eine Tatsache. Wenn Sie nickt das ganze Geld geerbt und sich in die gro&#223;e Gesellschaft davongemacht h&#228;tten, w&#252;rde ich Ihnen das Doppelte von dem anbieten, was die arme Jane Ihnen gezahlt hat, damit Sie kommen und sich um mich k&#252;mmern. Aber es hat keine Sinn, sich zu w&#252;nschen, was man nicht kriegen kann. Nur f&#252;r den Fall, dass die Dinge bei Ihnen schief gehen sollten  und das ist ja immer m&#246;glich. Ich habe so viele Geschichten geh&#246;rt &#252;ber angebliche Adlige, die M&#228;dchen heiraten und ihnen ihr Geld abkn&#246;pfen und sie dann an der Kirchent&#252;r stehen lassen. Ich bin sicher, Sie sind zu vern&#252;nftig als dass Ihnen so etwas passieren k&#246;nnte, aber man wei&#223;, ja nie; und da Sie ja nie viel Aufmerksamkeit erhalten haben, kann Ihnen so etwas leicht zu Kopf steigen. Deshalb, meine Liebe, vergessen Sie nicht, es gibt f&#252;r Sie hier immer ein Zuhause; und wenn ich auch manchmal ein bisschen direkt bin, es kommt doch von Herzen.  Mit lieben Gr&#252;&#223;en  Ihre Ihnen wohlgesonnene alte Freundin

Amelia Viner

PS Neulich stand etwas &#252;ber Sie in der Zeitung und &#252;ber Ihre Kusine, die Viscountess Tamplin, und das habe ich ausgeschnitten und zu den anderen Zeitungsausschnitten gelegt. Am Sonntag habe ich f&#252;r Sie gebetet, dass der liebe Gott Sie vor Stolz und Hochmut bewahre.

Katherine las diesen charakteristischen Brief zweimal durch, dann lie&#223; sie ihn sinken und starrte aus dem Schlafzimmerfenster auf das blaue Mittelmeer. Sie sp&#252;rte einen seltsamen Klo&#223; im Hals. Pl&#246;tzliche Sehnsucht nach St. Mary Mead &#252;berkam sie. So voll von vertrauten, allt&#228;glichen, dummen kleinen Dingen  und trotzdem  Heimat. Sie hatte gute Lust, den Kopf auf die Arme zu betten und ganz ordentlich zu weinen.

Lenox kam in diesem Moment herein und bewahrte sie davor.

Hallo, Katherine, sagte sie. H&#246;r mal  was ist denn los mit dir?

Nichts, sagte Katherine; sie ergriff Miss Viners Brief und stopfte ihn in ihre Handtasche.

Du siehst ganz komisch aus, sagte Lenox. Ja, was ich sagen wollte  ich hoffe, es macht dir nichts aus  ich habe deinen Freund, den Detektiv, angerufen, Monsieur Poirot, und ihn zum Essen mit uns eingeladen, heute Mittag in Nizza. Ich habe gesagt, du wolltest ihn sehen, weil ich dachte, meinetwegen kommt er nicht.

Willst du ihn sehen?, fragte Katherine.

Ja, sagte Lenox. Ich habe mein Herz an ihn verloren. Ich habe noch nie einen Mann mit so gr&#252;nen Katzenaugen gesehen.

Na sch&#246;n, sagte Katherine. Sie klang gleichg&#252;ltig. Die letzten Tage waren eine Pr&#252;fung gewesen. Derek Ketterings Verhaftung bildete das allgemeine Tagesgespr&#228;ch, und das Geheimnis des Blauen Express war von allen nur denkbaren Seiten aus durchgehechelt worden.

Ich habe das Auto bestellt, sagte Lenox, und Mutter irgendetwas vorgeflunkert  leider wei&#223; ich nicht mehr genau was, aber sie merkt es sich sowieso nicht. Wenn sie w&#252;sste, wohin wir fahren, w&#252;rde sie unbedingt mitkommen wollen und Monsieur Poirot in Beschlag nehmen.

Im Negresco erwartete Poirot die beiden M&#228;dchen bereits. Er war voll gallischer H&#246;flichkeit und &#252;bersch&#252;ttete die M&#228;dchen derartig mit Komplimenten, dass sie bald beide hilflos vor Lachen waren; aber trotz alledem war es kein fr&#246;hliches Essen. Katherine war in sich gekehrt und zerstreut, und Lenox wechselte zwischen schubweiser Gespr&#228;chigkeit und Schweigepausen. Als sie auf der Terrasse ihren Kaffee tranken, ging sie pl&#246;tzlich auf Poirot los.

Wie stehen die Dinge? Sie wissen, was ich meine.

Poirot hob die Schultern. Es geht seinen Gang.

Und Sie lassen alles seinen Gang gehen?

Er sah Lenox ein wenig traurig an.

Sie sind jung, Mademoiselle, aber es gibt drei Dinge, die man nicht beschleunigen kann  le bon Dieu, die Natur und einen alten Mann.

Unsinn!, widersprach Lenox, Sie sind nicht alt.

Ah, das ist sehr nett von Ihnen.

Da kommt Major Knighton, sagte Lenox.

Katherine sah sich rasch um und wandte wieder den Kopf.

Er ist in Gesellschaft von Mr Van Aldin, fuhr Lenox fort. Es gibt etwas, das ich Major Knighton fragen m&#246;chte. Entschuldigen Sie mich eine Minute.

Als sie allein waren, beugte Poirot sich vor und murmelte:

Sie sind distraite, Mademoiselle; Ihre Gedanken sind weit weg, nicht wahr?

Nur in England, weiter nicht.

Einem pl&#246;tzlichen Impuls folgend, zog sie den Brief hervor, den sie am Morgen erhalten hatte, und reichte ihn Poirot.

Die erste Nachricht &#252;berhaupt aus meinem fr&#252;heren Leben; irgendwie  tut es weh.

Er las den Brief durch und gab ihn ihr zur&#252;ck.

Sie gehen also zur&#252;ck nach St. Mary Mead?, fragte er.

Nein, sagte Katherine, warum sollte ich auch?

Ah, sagte Poirot, dann habe ich mich geirrt. Wollen Sie auch mich f&#252;r einen Augenblick entschuldigen?

Er ging hin&#252;ber zu Lenox Tamplin, die sich mit Van Aldin und Knighton unterhielt. Der Amerikaner sah alt und vergr&#228;mt aus. Er begr&#252;&#223;te Poirot teilnahmslos mit einem kurzen Nicken.

Als er sich abwandte, um auf eine Bemerkung von Le-nox zu antworten, nahm Poirot Knighton beiseite.

Monsieur Van Aldin sieht krank aus, sagte er.

Wundern Sie sich dar&#252;ber?, sagte Knighton. Der Skandal, der durch Derek Ketterings Verhaftung hervorgerufen wurde, hat allem die Krone aufgesetzt. Es war zu viel f&#252;r ihn. Nun tut es ihm schon Leid, dass er Sie gebeten hat, die Wahrheit herauszufinden.

Er sollte nach England zur&#252;ckfahren, sagte Poirot.

&#220;bermorgen fahren wir.

Das ist eine gute Nachricht, sagte Poirot.

Er z&#246;gerte und blickte &#252;ber die Terrasse hin zu Katherine.

Ich w&#252;nschte, murmelte er, Sie k&#246;nnten das Miss Grey mitteilen.

Was mitteilen?

Dass Sie  ich meine, dass Monsieur Van Aldin nach England zur&#252;ckkehrt.

Knighton schaute ein wenig erstaunt, ging aber bereitwillig &#252;ber die Terrasse zu Katherine hin&#252;ber.

Poirot sah ihm mit einem zufriedenen Nicken nach und gesellte sich zu Lenox und dem Amerikaner. Nach ein paar Minuten kamen sie zu den anderen zur&#252;ck. Eine Weile machten sie allgemeine Konversation, dann brachen der Million&#228;r und sein Sekret&#228;r auf. Auch Poirot machte sich bereit zum Gehen.

Tausendfachen Dank f&#252;r Ihre Gastfreundschaft, Mesdemoiselles, rief er, es war ein ganz reizendes Essen. Ma foi, das habe ich gebraucht! Er w&#246;lbte die Brust und hieb dagegen. Jetzt bin ich ein L&#246;we  ein Riese. Ah, Mademoiselle Katherine, Sie haben mich noch nicht so gesehen, wie ich sein kann. Sie kennen den sanften, ruhigen Hercule Poirot, aber es gibt einen anderen Hercule Poi-rot. Ich ziehe nun aus, um zu knechten, zu drohen, Entsetzen in den Herzen meiner Zuh&#246;rer zu verbreiten.

Er sah sie selbstgef&#228;llig an, und beide wirkten geb&#252;hrend beeindruckt, wiewohl Lenox sich auf die Unterlippe biss und Katherines Mundwinkel verd&#228;chtig zuckten.

Und ich werde es tun, sagte er feierlich. O ja, es wird mir gelingen.

Er war kaum ein paar Schritte gegangen, als Katherines Stimme ihn dazu brachte, sich umzudrehen.

Monsieur Poirot, ich  ich m&#246;chte Ihnen noch etwas sagen. Ich glaube, Sie hatten vorhin ganz Recht mit dem, was Sie sagten. Ich fahre umgehend zur&#252;ck nach England.

Poirot schaute sie so durchdringend an, dass sie unwillk&#252;rlich err&#246;tete.

Ich verstehe, sagte er.

Das glaube ich nicht, sagte Katherine.

Mehr, als Sie glauben, Mademoiselle.

Er verlie&#223; sie mit einem seltsamen kleinen L&#228;cheln, stieg in das wartende Auto und fuhr nach Antibes.

Hippolyte, des Comte de la Roche Diener mit dem reglosen Gesicht, war in der Villa Marina gerade damit besch&#228;ftigt, die wunderbar geschliffenen Gl&#228;ser seines Herrn zu polieren. Der Comte selbst verbrachte den Tag in Monte Carlo. Als er zuf&#228;llig aus dem Fenster schaute, sah Hippolyte einen Besucher rasch auf die T&#252;r zur Diele zugehen, einen Besucher von so ungew&#246;hnlichem Typus, dass Hippolyte, so erfahren er auch war, ihn nicht einordnen konnte. Er rief seine Frau, Marie, die in der K&#252;che besch&#228;ftigt war, und machte sie auf den Ankommenden aufmerksam, den er ce type-l&#228; nannte.

Etwa schon wieder die Polizei?, fragte Marie besorgt.

Sieh doch selbst, sagte Hyppolyte.

Marie schaute hinaus.

Bestimmt keiner von der Polizei, erkl&#228;rte sie. Da bin ich aber froh.

So viel &#196;rger haben die uns doch gar nicht gemacht, sagte Hippolyte. Wenn Monsieur le Comte mich nicht gewarnt h&#228;tte, w&#228;re ich nie darauf gekommen, wer der Fremde im Weinladen eigentlich war.

Die Hausglocke l&#228;utete, und Hippolyte, feierlich und w&#252;rdevoll, &#246;ffnete die T&#252;r.

Monsieur le Comte ist leider nicht anwesend.

Der kleine Mann mit dem gro&#223;en Schnurrbart l&#228;chelte freundlich.

Das wei&#223; ich, erwiderte er. Sie sind Hippolyte Flavel-le, nicht wahr?

Ja, Monsieur, so hei&#223;e ich.

Und Sie haben eine Frau, Marie Flavelle?

Ja, Monsieur, aber.

Ich will Sie beide sprechen, sagte der Fremde und ging flink an Hippolyte vorbei in die Diele.

Ihre Frau ist zweifellos in der K&#252;che, sagte er.

Ehe Hippolyte sich von seiner Verbl&#252;ffung erholen konnte, hatte der andere die richtige T&#252;r am Ende der Diele ge&#246;ffnet und ging durch den Korridor in die K&#252;che, wo Marie ihn mit offenem Mund anstarrte.

Voil&#228;, sagte der Fremde; er lie&#223; sich auf einen h&#246;lzernen Lehnstuhl sinken. Ich bin Hercule Poirot.

Ja, Monsieur?

Mein Name sagt Ihnen nichts? Ich habe ihn nie geh&#246;rt, sagte Hippolyte.

Gestatten Sie mir die Bemerkung, dass das eine L&#252;cke in Ihrer Bildung ist. Es ist der Name eines der Gr&#246;&#223;ten der Welt.

Er seufzte und verschr&#228;nkte die Arme vor der Brust.

Hippolyte und Marie starrten ihn unbehaglich an. Sie wussten nicht, was sie von diesem unerwarteten und ungemein seltsamen Besucher halten sollten.

Monsieur w&#252;nschen., murmelte Hippolyte mechanisch.

Ich w&#252;nsche zu wissen, warum Sie die Polizei angelogen haben.

Monsieur!, rief Hippolyte, ich  die Polizei angelogen? Ganz ausgeschlossen, niemals!

Poirot sch&#252;ttelte den Kopf.

Sie irren sich, sagte er, Sie haben es sogar mehrmals getan. Mal sehen. Er zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche und konsultierte es. Ah, ja; mindestens bei sieben Gelegenheiten. Ich will sie Ihnen nennen.

Mit sanfter Stimme ging er daran, die sieben Punkte zu verlesen.

Hippolyte stand mit offenem Mund da.

Ich bin aber nicht gekommen, um &#252;ber diese kleinen vergangenen Verfehlungen zu sprechen, fuhr Poirot fort, nur sollten Sie sich nicht f&#252;r allzu gescheit halten, mon ami. Ich komme jetzt zu der besonderen L&#252;ge, mit der ich mich befasse  Ihrer Aussage, dass der Comte de la Roche diese Villa am Morgen des vierzehnten Februar betreten hat.

Aber das war doch keine L&#252;ge, Monsieur, das war die Wahrheit. Monsieur le Comte ist am Dienstag, dem Vierzehnten, morgens hier angekommen. Stimmt das etwa nicht, Marie?

Marie stimmte eifrig zu.

Ah, ja, das stimmt. Ich erinnere mich sehr gut.

Ach, sagte Poirot, und was haben Sie dem gn&#228;digen Herrn an dem Tag zu essen serviert?

Ich. Marie brach ab und versuchte, sich zu sammeln.

Seltsam, sagte Poirot, wie man sich an einige Dinge erinnert  und andere vergisst.

Er beugte sich vor und hieb die Faust auf den Tisch, seine Augen spr&#252;hten vor Zorn.

Ja, ja, es ist so, wie ich sage. Sie erz&#228;hlen L&#252;gen, und Sie meinen, keiner wei&#223; Bescheid. Aber es gibt zwei Leute, die Bescheid wissen. Ja  zwei Leute. Der eine ist le bon Dieu.

Er erhob eine Hand zum Himmel, dann setzte er sich wieder zurecht, schloss die Lider und murmelte behaglich:

Und der andere ist Hercule Poirot.

Ich versichere Ihnen, Monsieur, Sie m&#252;ssen sich irren. Monsieur le Comte hat Paris am Montagabend verlassen.

Stimmt, sagte Poirot, mit dem Rapide. Wo er die Fahrt unterbrochen hat, wei&#223; ich nicht. Vielleicht wissen Sie es. Was ich aber wei&#223;, ist, dass er am Mittwoch fr&#252;h hier angekommen ist und nicht am Dienstag.

Monsieur irrt sich, sagte Marie unersch&#252;tterlich.

Poirot stand auf.

Dann muss ich der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen, murmelte er. Schade!

Was meinen Sie damit, Monsieur?, fragte Marie ein klein wenig beunruhigt.

Sie werden verhaftet werden, und zwar wegen Beihilfe zum Mord an Madame Kettering, der englischen Dame, die umgebracht wurde.

Mord!

Das Gesicht des Mannes war kreidewei&#223; geworden und seine Knie zitterten. Marie lie&#223; den Teigroller fallen und begann zu weinen.

Aber das ist unm&#246;glich  unm&#246;glich! Ich hatte geglaubt.

Da Sie bei Ihrer Darstellung bleiben, ist jedes weitere Wort &#252;berfl&#252;ssig. Ihr seid beide gro&#223;e Narren.

Poirot hatte sich bereits zum Gehen gewandt, als eine aufgeregte Stimme ihn zur&#252;ckrief.

Monsieur, Monsieur, bitte einen Augenblick. Ich  ich hatte keine Ahnung, dass es um so etwas geht. Ich  ich dachte, es handelt sich um eine Dame. Wegen Damen haben wir schon &#246;fter kleine Unannehmlichkeiten mit der Polizei gehabt. Aber Mord  das ist etwas ganz anderes.

Meine Geduld ist zu Ende, rief Poirot. Er drehte sich zu ihnen um und fuchtelte zornig mit der Faust vor Hip-polytes Gesicht herum. Soll ich den ganzen Tag hier stehen und mich mit zwei Idioten zanken? Ich will die Wahrheit wissen. Wenn Sie sie mir nicht sagen wollen, dann ist das Ihr Vergn&#252;gen. Zum letzten Mal: Wann ist Monsieur le Comte in der Villa Marina angekommen  Dienstagmorgen oder Mittwocbmorgen?

Mittwoch, &#228;chzte der Mann, und hinter ihm nickte Marie.

Poirot betrachtete sie eine Minute lang stumm, dann nickte auch er.

Ihr seid klug, meine Kinder, sagte er ruhig. Um ein Haar w&#228;rt ihr in eine b&#246;se Situation geraten.

Vergn&#252;gt vor sich hin l&#228;chelnd verlie&#223; er die Villa.

Einmal richtig geraten, murmelte er. Soll ich es noch einmal versuchen?

Es war sechs Uhr, als die Karte von Monsieur Hercule Poirots Mirelle hinaufgebracht wurde. Sie starrte sie ein paar Momente an und nickte dann. Als Poirot eintrat, ging die T&#228;nzerin nerv&#246;s im Zimmer auf und ab. Sie st&#252;rzte sich w&#252;tend auf ihn.

Was wollen Sie von mir?, schrie sie ihn an. Worum geht es jetzt? Haben Sie mich noch nicht genug gequ&#228;lt, Sie alle? Sind Sie nicht alle schuld daran, dass ich meinen armen Derek verraten habe? Was wollen Sie noch?

Eine einzige kleine Frage, Mademoiselle. Nachdem der Zug Lyon verlassen hatte und Sie das Abteil von Madame Kettering betreten haben.

Was soll das?

Poirot blickte sie mit mildem Vorwurf an und begann aufs Neue.

Als Sie Madame Ketterings Abteil betreten hatten.

Das habe ich nie getan.

Und sie dort liegen sahen.

Ich habe das Abteil nicht betreten, das sage ich Ihnen doch.

Ab, sacre!

Er schrie sie so w&#252;tend an, dass sie sich vor ihm duckte.

Mich wollen Sie anl&#252;gen? Ich sage Ihnen, was geschehen ist, so genau, als ob ich dabei gewesen w&#228;re. Sie sind in das Abteil gegangen und haben sie tot vorgefunden. Ich sage Ihnen, ich wei&#223; es. Mich anzul&#252;gen ist gef&#228;hrlich. Seien Sie vorsichtig, Mademoiselle Mirelle.

Unter seinem Blick zuckten ihre Augen und senkten sich.

Ich  ich habe doch nicht., begann sie unsicher und brach ab.

Ich frage mich nur eines, sagte Poirot, n&#228;mlich, ob Sie das, was Sie suchten, gefunden haben, Mademoiselle, oder ob.

Ob was?

Oder ob Ihnen jemand zuvorgekommen war.

Ich antworte auf keine Frage mehr, kreischte die T&#228;nzerin. Sie riss sich von Poirot los, der ihr die Hand auf den Arm gelegt hatte, und warf sich zu Boden, wo sie kreischte und schluchzte. Eine erschreckte Zofe kam herbeigelaufen.

Hercule Poirot zuckte mit den Schultern, hob die Brauen und verlie&#223; ruhig das Zimmer.

Aber er schien zufrieden zu sein.



Drei&#223;igstes Kapitel



Miss Viners Urteil

Katherine blickte durch Miss Viners Schlafzimmerfenster ins Freie. Es regnete, nicht stark, aber mit ruhiger, gleichm&#228;&#223;iger Beharrlichkeit. Vor dem Fenster erstreckte sich ein schmaler Vorgarten mit einem Weg hinab zum Tor und zu beiden Seiten s&#228;uberliche Blumenbeete, in denen sp&#228;ter Rosen und Nelken und blaue Hyazinthen bl&#252;hen w&#252;rden.

Miss Viner lag auf einem gro&#223;en viktorianischen Bett. Sie hatte ein Tablett mit den &#220;berbleibseln des Fr&#252;hst&#252;cks beiseite geschoben, &#246;ffnete eben ihre Post und gab bei&#223;ende Kommentare dazu ab.

Katherine hielt einen ge&#246;ffneten Brief in der Hand und las ihn zum zweiten Mal. Er kam aus dem Ritz in Paris und lautete folgenderma&#223;en:

Cbere Mademoiselle Katherine

Ich hoffe, dass Sie gesund sind und der englische Winter Sie nicht allzu sehr deprimiert. Ich setze meine Nachforschungen mit &#228;u&#223;erster Sorgfalt fort. Glauben Sie ja nicht, dass ich hier Ferien mache. Bald werde ich nach England kommen und hoffe auf das Vergn&#252;gen, Sie wieder zu sehen. Ich werde Sie doch sehen, oder? Bei meiner Ankunft in London werde ich Ihnen schreiben. Sie haben doch nicht vergessen, dass wir in dieser Aff&#228;re Kollegen sind? Aber ich glaube, das wissen Sie sehr wohl. Seien Sie, Mademoiselle, meiner Hochachtung und Ergebenheit versichert.

Hercule Poirot

Katherine schnitt eine kleine Grimasse. Es war, als ob etwas an diesem Brief ihr R&#228;tsel aufgebe und sie beunruhige.

Ausgerechnet ein Picknick f&#252;r Chorknaben, brum-melte Miss Viner. Tommy Saunders und Albert Dykes sollten aber nicht mitkommen, und ich unterst&#252;tze das Ganze erst, wenn sie nicht dabei sind. Was die beiden Jungs sonntags in der Kirche machen, wei&#223; ich nicht. Tommy hat <O Herr, erl&#246;se uns geschwind> gesungen und dann den Mund nicht mehr aufgemacht, und wenn Albert Dykes nicht die ganze Zeit Pfefferminzbonbons gelutscht hat, dann ist meine Nase nicht mehr das, was sie immer war und immer noch ist.

Ich wei&#223;, sie sind schrecklich, stimmte Katherine zu.

Sie &#246;ffnete einen zweiten Brief, und eine pl&#246;tzliche R&#246;te stieg in ihre Wangen. Miss Viners Stimme im Zimmer schien in weite Fernen zu r&#252;cken.

Als sie sich ihrer Umgebung wieder bewusst wurde, gelangte Miss Viner eben ans triumphale Ende einer langen Rede.

Und ich sage zu ihr: <&#220;berhaupt nicht. Zuf&#228;llig ist Miss Grey Lady Tamplins Kusine.> Na, was halten Sie davon?

Haben Sie meine Schlachten f&#252;r mich ausgetragen? Das war sehr nett von Ihnen.

Sie k&#246;nnen es so nehmen, wenn Sie wollen. F&#252;r mich hat ein Titel keinen besonderen Wert. Pfarrersfrau oder nicht, diese Frau ist eine Katze. Anzudeuten, Sie h&#228;tten sich Ihren Weg in die Gesellschaft erkauft!

Vielleicht hatte sie gar nicht so Unrecht.

Sehen Sie sich doch an, fuhr Miss Viner fort. Sind Sie etwa als hochn&#228;sige feine Dame zur&#252;ckgekommen, was ja durchaus denkbar gewesen w&#228;re? Nein, da sitzen Sie, so vern&#252;nftig wie eh und je, in guten dicken Wollstr&#252;mpfen und Ihren vern&#252;nftigen Schuhen. Erst gestern habe ich mich mit Ellen dar&#252;ber unterhalten. <Ellen>, habe ich gesagt, <schauen Sie sich Miss Grey an. Sie war ganz dicke mit einigen von den Gr&#246;&#223;ten im Land, und l&#228;uft sie vielleicht so herum wie Sie, mit dem Rock knapp &#252;berm Knie und Seidenstr&#252;mpfen, die Laufmaschen kriegen, wenn man zu scharf hinsieht, und den albernsten Schuhen, die ich je gesehen habe?>

Katherine l&#228;chelte ein wenig vor sich hin. Es hatte sich offenbar gelohnt, Miss Viners Vorurteilen entgegenzukommen. Mit wachsendem Schwung fuhr die alte Dame fort.

Es war mir eine gro&#223;e Erleichterung, dass Sie so ohne Flausen zur&#252;ckgekommen sind. Erst neulich habe ich meine Zeitungsausschnitte gesucht. Ich habe n&#228;mlich einige Artikel &#252;ber Lady Tamplin und ihr Lazarett und alles m&#246;gliche andere. Ich konnte sie aber nicht finden. Sie sollten einmal danach suchen, meine Liebe. Ihre Augen sind besser als meine. Die sind alle in einer Schachtel in einer der Schubladen des Schreibtischs.

Katherine warf einen Blick auf den Brief in ihrer Hand und wollte eigentlich etwas sagen, verkniff es sich jedoch, ging zum Schreibtisch hin&#252;ber, fand die Schachtel mit Zeitungsausschnitten und begann sie durchzusehen. Seit ihrer R&#252;ckkehr nach St. Mary Mead hatte sie Miss Viner ins Herz geschlossen und bewunderte die stoische Haltung und den Mumm der alten Dame. Sie hatte das Gef&#252;hl, nicht viel f&#252;r ihre alte Freundin tun zu k&#246;nnen, aber aus Erfahrung wusste sie, wie viel diese scheinbaren Nebens&#228;chlichkeiten alten Menschen bedeuteten.

Hier habe ich einen, sagte sie.

<Viscountess Tamplin, die ihre Villa in Nizza in ein Lazarett f&#252;r Offiziere umgewandelt bat, ist das Opfer eines sensationellen Raubes geworden. Ihre gesamten Juwelen wurden gestohlen, darunter auch die ber&#252;hmten Smaragde, ein Erbst&#252;ck des Hauses Tamplin.>

Wahrscheinlich Glas, sagte Miss Viner, wie das meiste, was die Damen der Gesellschaft an Schmuck haben.

Hier ist wieder etwas, sagte Katherine. Ein Bild von ihr. <Eine entz&#252;ckende Studie: Viscountess Tamplin mit ihrem T&#246;chterchen Lenox>.

Lassen Sie mal sehen, sagte Miss Viner. Viel ist vom Gesicht des Kindes nicht zu sehen, oder? Ist wahrscheinlich auch besser so. Die Welt wimmelt von Gegens&#228;tzen, und sch&#246;ne M&#252;tter haben gr&#228;ssliche Kinder. Ich nehme an, der Fotograf hat gesehen, dass der Anblick des Hinterkopfs das Beste ist, was er f&#252;r das Kind tun kann.

Katherine lachte.

Eine der elegantesten Gastgeberinnen der diesj&#228;hrigen RivieraSaison ist Viscountess Tamplin, die eine Villa in Cap Martin besitzt. Ihre Kusine, Miss Grey, die k&#252;rzlich auf sehr romantische Weise ein riesiges Verm&#246;gen geerbt bat, ist bei ihr zu Gast>.

Das ist der, den ich gesucht habe, sagte Miss Viner. Wahrscheinlich war in einer von den Zeitungen ein Bild von Ihnen, das ich verpasst habe; Sie wissen schon  Mrs Soundso oder Irgendwas Jones-Williams bei diesem oder jenem Geschie&#223;e, meistens mit Flinte unter dem Arm und einem Fu&#223; in der Luft. F&#252;r einige von denen muss es schlimm sein, hinterher festzustellen, wie sie aussehen.

Katherine antwortete nicht. Mit einem Finger gl&#228;ttete sie den Zeitungsausschnitt, und auf ihrem Gesicht lag ein verwirrter, besorgter Ausdruck. Dann zog sie den zweiten Brief aus seinem Umschlag und las ihn abermals. Sie wandte sich an ihre Freundin.

Miss Viner? H&#246;ren Sie bitte  ein Bekannter von mir, den ich an der Riviera kennen gelernt habe, m&#246;chte mich gern hier besuchen.

Ein Mann?, fragte Miss Viner.

Ja.

Wer ist es?

Der Sekret&#228;r von Mr Van Aldin, dem amerikanischen Million&#228;r.

Wie hei&#223;t er?

Major Knighton.

Hm. Sekret&#228;r eines Million&#228;rs. Und will herkommen. Also, Katherine, ich will Ihnen mal sagen, was gut f&#252;r Sie ist. Sie sind ein nettes M&#228;dchen und vern&#252;nftig, und Ihr Kopf sitzt richtig herum zwischen den Schultern, aber einmal im Leben macht jede Frau sich zum Narren. Zehn zu eins, dass der Mann da hinter Ihrem Geld her ist.

Mit einer Geste unterband sie Katherines Antwort. Auf so etwas habe ich gewartet. Was ist der Sekret&#228;r eines Million&#228;rs? In neun von zehn F&#228;llen ein junger Mann, der sich gern ein leichtes Leben macht. Ein junger Mann mit guten Manieren und Hang zum Luxus und nichts im Kopf und kein Unternehmungsgeist, und wenn es etwas gibt, was eine noch schlappere Angelegenheit ist als Sekret&#228;r bei einem Million&#228;r zu sein, dann ist es das: Eine reiche Frau wegen ihres Geldes heiraten. Ich will nicht sagen, dass Sie keinem Mann gefallen k&#246;nnen. Aber Sie sind nicht jung, und Sie haben zwar eine feine Haut, aber eine Sch&#246;nheit sind Sie nicht, und was ich sagen will, ist: machen Sie sich nicht zum Narren. Aber wenn Sie darauf bestehen, dann sorgen Sie daf&#252;r, dass Ihr Geld ganz sicher bei Ihnen bleibt. So, ich bin fertig. Was haben Sie dazu zu sagen?

Nichts, sagte Katherine, aber h&#228;tten Sie etwas dagegen, wenn er mich besuchen k&#228;me?

Ich wasche meine H&#228;nde in Unschuld, sagte Miss Viner. Ich habe meine Pflicht getan, und was jetzt passiert, m&#252;ssen Sie mit sich selbst ausmachen. Wollen Sie ihn zum Mittag- oder zum Abendessen hier haben? Ich glaube, Ellen k&#246;nnte ein Abendessen hinkriegen  das hei&#223;t, wenn sie nicht wieder den Kopf verliert.

Ein Mittagessen w&#228;re sch&#246;n, sagte Katherine. Das ist sehr nett von Ihnen, Miss Viner. Er hat mich gebeten, ihn anzurufen. Das werde ich gleich tun und ihm sagen, dass wir uns freuen w&#252;rden, ihn zum Mittagessen hier zu haben. Er kommt von London mit dem Auto.

Ellen macht ganz ordentliche Steaks mit gegrillten Tomaten, sagte Miss Viner. Nicht gut, aber besser als das, was sie sonst macht. Eine Torte sollten wir uns aus dem Kopf schlagen, bei Geb&#228;ck ist sie nicht zu ertragen, aber ihr Pudding ist nicht schlecht, und ich nehme an, Sie k&#246;nnen bei Abbot einen guten Stilton auftreiben. Ich habe mir immer sagen lassen, dass Gentlemen ein sch&#246;nes St&#252;ck Stilton m&#246;gen, und es ist noch einiges von Vaters Wein &#252;brig, vielleicht einen spritzigen Mosel.

Ach nein, Miss Viner, das ist wirklich nicht n&#246;tig.

Unsinn, mein Kind. Kein Gentleman ist gl&#252;cklich, wenn er nicht zum Essen etwas zu trinken hat. Es liegt auch noch ein guter Whisky von vor dem Krieg herum, wenn Ihnen das lieber w&#228;re. Jetzt tun Sie, was ich sage, und widersprechen Sie mir nicht. Der Schl&#252;ssel zum Weinkeller ist in der dritten Schublade von unten in der Frisierkommode, im zweiten Paar Str&#252;mpfe auf der linken Seite.

Gehorsam ging Katherine dorthin.

Das zweite Paar, h&#246;ren Sie?, sagte Miss Viner. Im ersten Paar stecken meine Diamant-Ohrringe und meine Filigran-Brosche.

Ach, sagte Katherine, ein wenig erschrocken, soll ich die nicht lieber in Ihren Schmuckkasten legen?

Miss Viner stie&#223; einen lauten und sehr langen Schnauf-ton aus.

Nein, also wirklich! Daf&#252;r habe ich ein bisschen zu viel Grips. Nein, nein, ich wei&#223; noch gut, wie mein armer Vater sich unten einen Safe hat einbauen lassen. Ganz stolz war er darauf, und zu meiner Mutter hat er gesagt: <Also, Mary, jetzt bringst du mir jeden Abend deine Schmuckschatulle, die sperr ich dann f&#252;r dich weg.> Meine Mutter war eine Frau mit viel Takt und wusste, dass Gentlemen gern ihren Kopf durchsetzen, und sie hat ihm wie gew&#252;nscht den Schmuckkasten zum Wegschlie&#223;en gebracht.

Und dann sind nachts einmal Einbrecher gekommen, und selbstverst&#228;ndlich  nat&#252;rlich  war das Erste, worauf sie sich gest&#252;rzt haben, der Safe! War ja nicht anders zu erwarten, wo doch mein Vater im ganzen Dorf damit geprahlt hat, dass man h&#228;tte meinen k&#246;nnen, er h&#228;tte K&#246;nig Salomons Diamanten darin. Sie haben alles leer ger&#228;umt, haben die Becher mitgenommen, die Silberpokale und das Goldtablett, das mein Vater geschenkt bekommen hatte, und den Schmuckkasten.

Sie seufzte bei dieser Erinnerung. Mein Vater war ganz aufgel&#246;st wegen Mutters Schmuck. Da gab es ein venezianisches Ensemble und ein paar sehr sch&#246;ne Gemmen und einige blass-rosa Korallen und zwei Diamantringe mit ziemlich gro&#223;en Steinen. Und dann musste sie ihm nat&#252;rlich beichten, dass sie als vern&#252;nftige Frau ihren Schmuck in einem Korsett eingerollt hatte, und da war er noch immer, so sicher wie nur etwas.

Und der Schmuckkasten ist ganz leer gewesen?

O nein, Liebes, sagte Miss Viner. Dann w&#228;re er zu leicht gewesen. Meine Mutter war eine sehr kluge Frau, sie hat sich das gut &#252;berlegt. Im Schmuckk&#228;stchen hatte sie ihre Kn&#246;pfe, und das war ein sehr guter Platz daf&#252;r. Stiefelkn&#246;pfe im obersten Fach, Hosenkn&#246;pfe im zweiten, und alle anderen darunter. Seltsamerweise war mein Vater ver&#228;rgert &#252;ber sie. Er sagte, er hielte nichts von T&#228;uschungsman&#246;vern. Aber ich sollte aufh&#246;ren zu plappern, Sie wollen ja los und Ihren Freund anrufen, und denken Sie dran, ein sch&#246;nes Steak auszusuchen, und sagen Sie Ellen, sie soll blo&#223; nicht mit L&#246;chern in den Str&#252;mpfen bei Tisch bedienen.

Hei&#223;t sie nun Ellen oder Helen, Miss Viner? Ich dachte.

Miss Viner schloss die Augen.

Ich verschlucke schon nicht meine Hs, meine Liebe, aber Helen ist kein passender Name f&#252;r eine Bedienstete. Ich wei&#223; nicht, was heutzutage mit den M&#252;ttern in den Unterschichten los ist.

Als Knighton gegen Mittag im Landhaus ankam, hatte es aufgeh&#246;rt zu regnen. Die blasse Wintersonne f&#228;rbte Katherines Schopf, als sie im Eingang stand, um ihn zu begr&#252;&#223;en. Er kam hastig, fast jungenhaft auf sie zu.

Ich hoffe, Sie sind mir nicht b&#246;se. Ich musste Sie ganz einfach bald wieder sehen. Hoffentlich st&#246;re ich Ihre Freundin nicht, bei der Sie wohnen.

Kommen Sie herein, und schlie&#223;en Sie Freundschaft mit ihr, sagte Katherine. Sie kann einen ganz sch&#246;n durcheinander bringen, aber sie hat das beste Herz der Welt.

Miss Viner thronte majest&#228;tisch im Salon und trug einen kompletten Satz jener Gemmen, die der Familie so gl&#252;ckhaft erhalten geblieben waren. Sie begr&#252;&#223;te Knigh-ton mit W&#252;rde und einer herben H&#246;flichkeit, die manchen Mann vergrault h&#228;tte. Aber Knighton hatte viel Charme, der nicht leicht zu ignorieren war, und nach etwa zehn Minuten begann Miss Viner sichtlich aufzutauen. Es wurde ein munteres Mittagessen, und Ellen  oder Helen , in neuen Seidenstr&#252;mpfen ohne Laufmaschen, vollbrachte Wunderwerke des Aufwartens. Danach machten Katherine und Knighton einen Spaziergang und tranken hinterher den Tee zu zweit, da Miss Viner sich hingelegt hatte.

Als der Wagen schlie&#223;lich abgefahren war, ging Katherine langsam nach oben. Eine Stimme rief nach ihr, und sie begab sich in Miss Viners Schlafzimmer.

Ihr Freund ist weg?

Ja. Vielen Dank, dass ich ihn einladen durfte.

Nichts zu danken, meinen Sie denn, ich w&#228;re ein alter Drachen, der nie etwas f&#252;r andere tut?

Ich meine, dass Sie eine ganz Liebe sind, sagte Katherine.

Hmph, sagte Miss Viner bes&#228;nftigt.

Als Katherine aus dem Zimmer ging, rief Miss Viner sie zur&#252;ck.

Katherine?

Ja?

Bei Ihrem jungen Mann hatte ich Unrecht. Wenn ein Mann sich an einen heranmacht, kann er herzlich und galant sein und &#252;beraus aufmerksam und insgesamt charmant. Aber wenn einer wirklich verliebt ist, dann kann er nicht anders  er schaut drein wie ein Schaf. Also, jedes Mal, wenn der junge Mann Sie angeschaut hat, sah er aus wie ein Schaf. Ich nehme alles zur&#252;ck, was ich heute Morgen gesagt habe. Der meints ehrlich.



Einunddrei&#223;igstes Kapitel



Mr Aarons Mittagessen

Ah!, sagte Mr Joseph Aarons beif&#228;llig.

Er tat einen tiefen Zug aus seinem Humpen, setzte ihn seufzend ab, wischte sich den Schaum von den Lippen und strahlte &#252;ber den Tisch hinweg seinen Gastgeber an, Hercule Poirot.

Geben Sie mir, sagte Mr Aarons, ein gutes Porter-house-Steak und einen Humpen mit etwas Trinkbarem, dann schenke ich Ihnen Ihr franz&#246;sisches Gefummel und Dingsbums, Ihre Ohrd&#246;ver und Hommletts und Wachtelst&#252;ckchen. Geben Sie mir, wiederholte er, ein Porter-house-Steak.

Poirot, der diese Forderung eben erf&#252;llt hatte, l&#228;chelte verst&#228;ndnisvoll.

Nicht, dass an Steak-and-Kidney-Pudding viel falsch w&#228;re, fuhr Mr Aarons fort. Apfelkuchen? Ja, ich nehme Apfeltorte, danke sehr, Miss, und ein T&#246;pfchen Sahne.

Das Mahl ging weiter. Schlie&#223;lich legte Mr Aarons mit einem langen Seufzer L&#246;ffel und Gabel beiseite, um ein wenig mit dem K&#228;se herumzuspielen, ehe er seine Gedanken auf andere Dinge wandte.

Sie wollten mich doch wegen einer kleinen gesch&#228;ftlichen Sache sprechen, Monsieur Poirot, bemerkte er. Ich w&#252;rde mich wirklich sehr freuen, wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein k&#246;nnte. Sehr freundlich von Ihnen, sagte Poirot. Ich habe mir gesagt: Wenn du eine Auskunft &#252;ber irgendetwas brauchst, was mit den dramatischen K&#252;nsten zu tun hat, dann gibt es einen, der alles wei&#223;, was man nur wissen kann, und das ist mein alter Freund, Mr Joseph Aarons.

Und da liegen Sie nicht schief, sagte Mr Aarons selbstgef&#228;llig. Ob es um Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft geht, Joe Aarons ist der richtige Mann.

Preasement. Also, was ich Sie fragen wollte, Mr Aarons, was wissen Sie &#252;ber eine junge Dame namens Kidd? Kidd? Kitty Kidd?

Kitty Kidd.

Die konnte was. Hosenrollen, Gesang und Tanz. Meinen Sie die?

Ja, die meine ich.

Sehr t&#252;chtig war sie. Hat gutes Geld verdient. Nie ohne Engagement. Vor allem als Herrendarstellerin; aber, nebenbei, auch als Charakterschauspielerin einwandfrei.

Das hab ich auch geh&#246;rt, sagte Poirot, aber in letzter Zeit ist sie nicht mehr aufgetreten, oder?

Nein. Weg von der B&#252;hne. Ist nach Frankreich &#252;bergelaufen, hat sich mit so einem schnieken Adligen zusammengetan. Hat die B&#252;hne, glaube ich, f&#252;r immer an den Nagel geh&#228;ngt.

Wie lange ist das her?

Mal sehen. Drei Jahre. Und ich sage Ihnen, es ist ein Verlust.

War sie gerissen?

Gerissen wie ne Wagenladung Affen.

Wie der Mann hei&#223;t, mit dem sie sich da in Paris angefreundet hat, wissen Sie wohl nicht? Er war schnieke, das wei&#223; ich. Ein Graf  oder war es ein Marquis? Wenn ichs mir richtig &#252;berlege, glaube ich, es war ein Marquis.

Und seitdem haben Sie nichts von ihr geh&#246;rt?

Nichts. Bin ihr nicht mal zuf&#228;llig &#252;ber den Weg gelaufen. Treibt sich wahrscheinlich in diesen ausl&#228;ndischen Kurorten herum. Lebensl&#228;nglich Marquise, was f&#252;r ein Leben. Aber Kitty konnte man nichts vormachen. Die konnte so gut einstecken wie austeilen.

Verstehe, sagte Poirot nachdenklich.

Tut mir Leid, dass ich Ihnen nicht mehr erz&#228;hlen kann, Monsieur Poirot, sagte der andere. Ich w&#252;rde Ihnen gern helfen. Sie haben mir ja mal einen gro&#223;en Gefallen getan.

Ah, was das angeht, sind wir quitt, Sie haben mir ja auch geholfen.

Lauter gute Taten, eine gegen die andere. Ha, ha!, sagte Mr Aarons.

Ihr Beruf muss ja sehr interessant sein, sagte Poirot.

Es geht, sagte Mr Aarons leichthin. Alles in allem ist es nicht uneben. Insgesamt komm ich ganz gut durch, aber man muss verflucht fix sein. Man wei&#223; nie, worauf das Publikum morgen fliegt.

In den letzten Jahren ist der Tanz ja sehr erfolgreich gewesen, murmelte Poirot versonnen.

Ich hab ja nie was mit diesem Russischen Ballett anfangen k&#246;nnen, aber die Leute m&#246;gen es. Mir ist das zu hochn&#228;sig.

Ich habe da an der Riviera eine T&#228;nzerin kennen gelernt  Mademoiselle Mirelle.

Mirelle? Hei&#223;e Nummer, auf jeden Fall. Irgendwer finanziert die auch immer  aber, was das angeht, das M&#228;dchen kann tanzen; ich habe sie gesehen, und ich wei&#223;, wovon ich rede. Ich hatte nie was mit ihr zu tun, aber sie muss ganz sch&#246;n schwierig sein. Dauernd Launen und Temperamentsausbr&#252;che.

Ja, sagte Poirot versonnen, ja, das kann ich mir vorstellen.

Temperament!, sagte Mr Aarons, Temperament! So nennen die das selber. Meine Alte war T&#228;nzerin, ehe sie mich geheiratet hat, aber Gott sei Dank hat sie nie Temperament gehabt. Zu Hause will man kein Temperament, Monsieur Poirot.

Ganz Ihrer Meinung, mein Freund; da ist es nicht angebracht.

Eine Frau sollte ruhig und verst&#228;ndnisvoll sein, und gut kochen, sagte Mr Aarons.

Mirelle tritt wohl noch nicht lange auf, oder?, fragte Poirot.

Allenfalls seit zweieinhalb Jahren, sagte Mr Aarons. So ein franz&#246;sischer Herzog hat sie lanciert. Jetzt soll sie was mit dem Expremier von Griechenland haben. Das sind Burschen, die immer klammheimlich Geld auf die Seite bringen.

Das war mir neu, sagte Poirot.

Also, die l&#228;sst weder was anbrennen noch kalt werden. Angeblich hat doch der junge Kettering ihretwegen seine Frau umgebracht. Ich wei&#223; da nichts Genaues. Jedenfalls sitzt er, und sie hat sich was Neues suchen m&#252;ssen, und das hat sie wohl ganz gerissen angestellt. Es hei&#223;t, sie tr&#228;gt einen Rubin, gro&#223; wie ein Taubenei  nicht dass ich je ein Taubenei gesehen h&#228;tte, aber so steht es immer in den Romanen.

Ein Rubin in der Gr&#246;&#223;e eines Taubeneis!, sagte Poirot. Seine Augen leuchteten gr&#252;n wie die einer Katze. Wie interessant!

Hab ich von einem Freund geh&#246;rt, sagte Mr Aarons. Kann aber auch nur buntes Glas sein. Die sind doch alle gleich, diese Frauen  h&#246;ren nie auf mit J&#228;gerlatein &#252;ber ihren Schmuck. Mirelle erz&#228;hlt &#252;berall, auf ihrem liegt ein Fluch. Feuerher^ nennt sie ihn, glaube ich.

Aber soviel ich wei&#223;, sagte Poirot, ist der Rubin namens Feuerherz das Mittelst&#252;ck eines Halsbands.

Na, sehen Sie! Ich sags doch, alles L&#252;gen, was Frauen &#252;ber ihre Klunker erz&#228;hlen. Der von Mirelle, das ist ein einzelner Stein, h&#228;ngt an einer Platinkette an ihrem Hals; aber, wie gesagt, zehn zu eins, dass es nur buntes Glas ist.

Nein, sagte Poirot sanft. Nein  irgendwie glaube ich nicht, dass es buntes Glas ist.



Zweiunddrei&#223;igstes Kapitel



Katherine und Poirot vergleichen ihre Notizen

Sie haben sich ver&#228;ndert, Mademoiselle, sagte Poirot pl&#246;tzlich. Er und Katherine sa&#223;en sich an einem Tischchen im Savoy gegen&#252;ber.

Ja, Sie haben sich ver&#228;ndert, fuhr er fort.

In welcher Hinsicht?

Mademoiselle, diese Nuancen sind schwer auszudr&#252;cken.

Ich bin &#228;lter geworden.

Ja, Sie sind &#228;lter geworden. Und damit meine ich nicht, dass bei Ihnen Runzeln und Kr&#228;henf&#252;&#223;e kommen. Als ich Sie das erste Mal sah, Mademoiselle, standen Sie dem Leben als Zuschauerin gegen&#252;ber. Sie hatten den ruhigbelustigten Ausdruck eines Menschen, der sich in einem Sitz zur&#252;cklehnt und der Kom&#246;die zuschaut.

Und jetzt?

Jetzt schauen Sie nicht mehr zu. Es ist vielleicht absurd, was ich sage, aber Sie wirken wie ein misstrauischer K&#228;mpfer in einer schwierigen Partie.

Meine alte Dame ist manchmal schwierig, sagte Ka-therine l&#228;chelnd, aber ich kann Ihnen versichern, dass ich mit ihr kein Duell auf Leben und Tod austrage. Sie m&#252;ssen sie &#252;brigens einmal besuchen, Monsieur Poirot. Sie d&#252;rften zu denen geh&#246;ren, die ihren Mumm und ihren Geist zu sch&#228;tzen wissen.

Sie schwiegen, w&#228;hrend der Kellner ihnen geschickt das Huhn en casserole servierte. Als er gegangen war, sagte Poi-rot: Habe ich Ihnen je von meinem Freund Hastings erz&#228;hlt? Der gesagt hat, ich sei eine menschliche Auster? Eh bien, Mademoiselle, ich habe meine Meisterin gefunden. Sie spielen ganz f&#252;r sich, weit mehr als ich.

Unsinn, sagte Katherine leichthin.

Hercule Poirot redet niemals Unsinn. Es ist so, wie ich sagte.

Wieder herrschte Schweigen. Poirot beendete es, indem er fragte:

Haben Sie jemanden von unseren Riviera-Bekannten gesehen, Mademoiselle, seit Sie wieder in England sind?

Ich habe Major Knighton getroffen.

Aha, tats&#228;chlich?

Etwas in Poirots zwinkernden Augen lie&#223; Katherine die ihren senken.

Also ist Monsieur Van Aldin noch immer in London?

Ja.

Dann muss ich versuchen, ihn morgen oder &#252;bermorgen zu sehen.

Haben Sie Neuigkeiten f&#252;r ihn?

Warum glauben Sie das?

Ach, ich frage nur so.

Poirot schaute sie mit seinen Augen zwinkernd &#252;ber den Tisch hinweg an.

Und nun, Mademoiselle, sehe ich, dass Sie mich vielerlei fragen wollen. Warum auch nicht? Ist nicht die Aff&#228;re um den Blauen Express unser romanpolicier?

Ich m&#246;chte Sie wirklich einiges fragen.

Eh bien?

Katherine blickte auf, pl&#246;tzlich wirkte sie sehr entschlossen.

Was haben Sie in Paris gemacht, Monsieur Poirot?

Poirot l&#228;chelte fl&#252;chtig.

Ich habe der russischen Botschaft einen Besuch abgestattet.

Oh.

Ich sehe, das sagt Ihnen nichts. Aber ich will nicht die menschliche Auster spielen. Nein, ich lege meine Karten auf den Tisch, was Austern sicher niemals tun. Sie nehmen wohl an, nicht wahr, dass mich der Fall Derek Kettering nicht befriedigt?

Das hatte ich mich eben gefragt. In Nizza dachte ich, Sie h&#228;tten den Fall f&#252;r sich abgeschlossen.

Sie sagen nicht alles, was Sie meinen, Mademoiselle. Aber ich gebe alles zu. Ich  meine Ermittlungen  haben Derek Kettering dorthin gebracht, wo er jetzt ist. Ohne mich w&#252;rde der Untersuchungsrichter noch immer vergeblich versuchen, das Verbrechen dem Comte de la Roche zuzuschreiben. Eh bien, Mademoiselle, ich bereue nicht, was ich getan habe. Ich habe nur eine Pflicht  die Wahrheit herauszufinden, und dieser Weg f&#252;hrte geradewegs zu Monsieur Kettering. Aber endet er auch dort? Die Polizei sagt ja, aber ich, Hercule Poirot, bin nicht zufrieden.

Er brach pl&#246;tzlich ab. Sagen Sie, Mademoiselle, haben Sie in der letzten Zeit etwas von Mademoiselle Lenox geh&#246;rt?

Ein sehr kurzer, zusammenhangloser Brief. Ich glaube, sie ist b&#246;se auf mich, weil ich nach England zur&#252;ckgegangen bin.

Poirot nickte.

Am Abend, an dem Monsieur Kettering verhaftet wurde, hatte ich ein Gespr&#228;ch mit ihr. Es war ein in mehrfacher Hinsicht interessantes Gespr&#228;ch.

Wieder verfiel er in Schweigen, und Katherine unterbrach sein Nachdenken nicht. Mademoiselle, sagte er schlie&#223;lich, ich betrete jetzt heikles Gel&#228;nde, aber eines will ich Ihnen doch sagen. Ich glaube, es gibt eine Person, die Monsieur Kettering liebt  korrigieren Sie mich, wenn ich etwas Falsches sage , und f&#252;r diese Person  nun ja  um dieser Person willen hoffe ich, dass ich Recht habe und die Polizei Unrecht. Sie wissen, wer diese Person ist?

Nach einer Pause sagte Katherine leise:

Ja  ich glaube, ich wei&#223; es.

Poirot beugte sich &#252;ber den Tisch zu ihr.

Ich bin nicht zufrieden, Mademoiselle; nein, ich bin nicht zufrieden. Die Fakten, die wichtigsten Fakten, f&#252;hren unmittelbar zu Monsieur Kettering. Aber es gibt etwas, das man &#252;bersehen hat.

Und das w&#228;re?

Das verst&#252;mmelte Gesicht des Opfers. Hundertmal, Mademoiselle, habe ich mich gefragt: Ist Derek Kettering der Mensch, der so einen Hieb versetzen w&#252;rde, nachdem er den Mord begangen hat? Was h&#228;tte das f&#252;r einen Sinn? Wozu k&#246;nnte es dienen? Ist es eine Handlungsweise, die zu einem mit Monsieur Ketterings Temperament passt? Und, Mademoiselle, die Antwort auf diese Fragen ist zutiefst unbefriedigend. Immer und immer wieder komme ich zur&#252;ck auf diesen einen Punkt  <Warum?> Und alles, was ich habe, um zu einer L&#246;sung des Problems zu gelangen, ist das hier.

Er zog sein Notizbuch hervor, entnahm ihm etwas und hielt es ihr zwischen Daumen und Zeigefinger hin.

Erinnern Sie sich, Mademoiselle? Sie waren dabei, als ich diese Haare von der Decke im Abteil entfernte.

Katherine beugte sich vor und musterte die Haare aufmerksam.

Poirot nickte mehrmals langsam.

Die Haare sagen Ihnen nichts, das sehe ich, Mademoiselle. Und dennoch  irgendwie glaube ich, dass Sie einiges sehen.

Man hat so seine Ideen, sagte Katherine langsam, seltsame Ideen. Und deshalb frage ich Sie, was Sie in Paris gemacht haben, Monsieur Poirot.

Als ich Ihnen schrieb.

Aus dem Ritz?

Ein eigent&#252;mliches L&#228;cheln glitt &#252;ber Poirots Gesicht.

Ja, wie Sie sagen, aus dem Rit%. Manchmal f&#252;hre ich ein Luxusleben  wenn ein Million&#228;r es bezahlt.

Die russische Botschaft, sagte Katherine mit gerunzelter Stirn. Ich verstehe nicht, wie die ins Spiel kommt.

Sie kommt nicht direkt ins Spiel. Ich bin hingegangen, um eine bestimmte Auskunft zu erhalten. Ich habe mit einem bestimmten Mann gesprochen und ihm gedroht  ja, Mademoiselle, ich, Hercule Poirot, habe ihm gedroht.

Mit der Polizei?

Nein, sagte Poirot trocken. Mit der Presse  einer weit t&#246;dlicheren Waffe.

Er sah Katherine an, und sie l&#228;chelte; dabei sch&#252;ttelte sie leicht den Kopf.

Werden Sie nicht gerade wieder zur Auster, Monsieur Poirot?

Nein, nein, ich will Ihnen keine R&#228;tsel aufgeben. Sehen Sie, ich werde Ihnen alles sagen. Ich habe diesen Mann im Verdacht, am Verkauf der Juwelen an Monsieur Van Aldin aktiv teilgenommen zu haben. Ich sage es ihm auf den Kopf zu, und am Ende kriege ich die ganze Geschichte aus ihm heraus. Ich erfahre, wo der Schmuck &#252;bergeben wurde, und ich h&#246;re auch einiges &#252;ber den Mann, der drau&#223;en auf der Stra&#223;e auf und ab gegangen ist  ein Mann mit einem ehrw&#252;rdigen wei&#223;en Schopf, aber mit dem leichten, elastischen Gang eines J&#252;nglings , und in Gedanken gebe ich diesem Mann einen Namen  den Namen Monsieur le Marquis.

Und jetzt sind Sie nach London gekommen, um mit Mr Van Aldin zu sprechen?

Nicht nur deswegen. Ich hatte noch anderes zu tun. Seit ich nach London gekommen bin, habe ich mich mit zwei Leuten unterhalten, einem Theateragenten und einem Arzt aus der Harley Street. Von beiden habe ich gewisse Informationen erhalten. F&#252;gen Sie diese Dinge zusammen, Mademoiselle, und sehen Sie zu, ob Sie dieselben Schl&#252;sse daraus ziehen wie ich.

Ich?

Ja, Sie. Ich will Ihnen eines sagen, Mademoiselle. Die ganze Zeit hatte ich meine Zweifel daran, dass der Raub und der Mord von derselben Person begangen wurden. Lange Zeit war ich nicht sicher.

Und jetzt?

Und jetzt wei&#223; ich.

Wieder trat Schweigen ein. Dann hob Katherine den Kopf, ihre Augen leuchteten.

Ich bin nicht so scharfsinnig wie Sie, Monsieur Poirot. Die H&#228;lfte dessen, was Sie mir erz&#228;hlt haben, scheint mir nirgendwohin zu f&#252;hren. Die Ideen, die mir gekommen sind, kommen aus einem v&#246;llig anderen Blickwinkel.

Ah, aber das ist immer so, sagte Poirot ruhig. Ein Spiegel zeigt die Wahrheit, aber jeder steht anders davor, um hineinzuschauen.

Meine Idee von der Sache mag absurd sein  sie ist sicherlich von der Ihren ganz verschieden, aber.

Nun?

Sagen Sie, k&#246;nnte Ihnen das hier helfen?

Ihrer ausgestreckten Hand entnahm er einen Zeitungsausschnitt. Er las ihn, blickte auf und nickte ernst.

Wie ich Ihnen sagte, Mademoiselle, jeder schaut aus einem anderen Blickwinkel in den Spiegel, aber der Spiegel ist der gleiche, und die gleichen Dinge spiegeln sich darin.

Katherine stand auf. Ich muss mich beeilen, sagte sie. Sonst verpasse ich meinen Zug. Monsieur Poirot.

Ja, Mademoiselle!

Es  es darf nicht mehr lange dauern, verstehen Sie. Ich  ich kann nicht mehr lange so weitermachen.

Ihre Stimme klang br&#252;chig.

Er t&#228;tschelte ihr beruhigend die Hand.

Courage, Mademoiselle, Sie d&#252;rfen jetzt nicht schwach werden, das Ende steht nahe bevor.



Dreiunddrei&#223;igstes Kapitel



Eine neue Theorie

Monsieur Poirot m&#246;chte Sie sprechen, Sir. Der Teufel soll ihn holen!, sagte Van Aldin.

Knighton schwieg verst&#228;ndnisvoll.

Van Aldin erhob sich und ging auf und ab.

Ich nehme an, Sie haben heute Morgen die verfluchten Zeitungen gelesen?

Nur fl&#252;chtig, Sir.

Immer noch Halali?

Ich f&#252;rchte ja, Sir.

Der Million&#228;r setzte sich wieder hin und presste seine Stirn in die Hand.

Wenn ich das alles geahnt h&#228;tte, st&#246;hnte er. Mein Gott, h&#228;tte ich doch blo&#223; nie dieses belgische Frettchen darauf angesetzt, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ruths M&#246;rder finden  das war alles, woran ich gedacht habe.

W&#228;re es Ihnen lieber, wenn Ihr Schwiegersohn davonk&#228;me?

Van Aldin seufzte.

Ich h&#228;tte es vorgezogen, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen.

Ich f&#252;rchte, das w&#228;re nicht besonders klug gewesen, Sir. Trotzdem  sind Sie sicher, dass der Kerl mich sprechen will?

Ja, Mr Van Aldin. Er tut so, als w&#228;re es sehr dringend.

Dann muss es wohl sein. Von mir aus kann er heute Vormittag mitkommen.

Ein frischer und liebensw&#252;rdiger Poirot wurde hereingef&#252;hrt. Einen Mangel an Herzlichkeit im Verhalten des Million&#228;rs schien er nicht zu sp&#252;ren und er plauderte fr&#246;hlich drauflos. Er sei in London, erkl&#228;rte er, um seinen Arzt zu konsultieren. Er nannte den Namen eines bedeutenden Chirurgen.

Nein, nein, pas la guerre  ein Souvenir aus meiner Zeit bei der Polizei, die Kugel eines schurkischen Apachen.

Er ber&#252;hrte seine linke Schulter und zuckte ein wenig theatralisch zusammen.

Ich habe Sie immer f&#252;r einen gl&#252;cklichen Mann gehalten, Monsieur Van Aldin; Sie entsprechen so gar nicht unseren herk&#246;mmlichen Vorstellungen von amerikanischen Million&#228;ren, M&#228;rtyrern des Magenleidens.

Ich bin ziemlich z&#228;h, sagte Van Aldin. Ich f&#252;hre ein ganz einfaches Leben, wissen Sie, schlichte Kost, und davon nicht zu viel.

Sie haben inzwischen Miss Grey wieder gesehen, nicht wahr?, erkundigte sich Poirot, wobei er sich unschuldig an den Sekret&#228;r wandte.

Ich  ja, ein- oder zweimal, sagte Knighton.

Er wurde ein wenig rot, und Van Aldin rief erstaunt:

Seltsam, dass Sie mir gar nichts davon gesagt haben, Knighton.

Ich dachte, es w&#252;rde Sie nicht interessieren, Sir.

Ich mag das M&#228;dchen sehr gern, sagte Van Aldin.

Es ist ein tausendfacher Jammer, dass sie sich wieder in St. Mary Mead vergr&#228;bt, sagte Poirot.

Es ist sehr nett von ihr, sagte Knighton hitzig. Es gibt wohl nur wenige, die sich da vergraben w&#252;rden, um f&#252;r eine alte z&#228;nkische Frau zu sorgen, die keinerlei Anspr&#252;che gegen sie hat.

Ich bin ja schon still, sagte Poirot beg&#252;tigend, und seine Augen zwinkerten ein wenig. Trotzdem sage ich, es ist ein Jammer. Und jetzt, Messieurs, lassen Sie uns zum Gesch&#228;ft kommen.

Die beiden anderen sahen ihn ein wenig &#252;berrascht an.

Sie sollten &#252;ber das, was ich Ihnen sagen will, nicht beunruhigt oder besorgt sein. Nehmen wir an, Monsieur Van Aldin, dass Derek Kettering seine Frau doch nicht ermordet h&#228;tte?

Was?

Beide starrten ihn v&#246;llig verbl&#252;fft an.

Ich sagte, angenommen, Monsieur Kettering h&#228;tte seine Frau nicht umgebracht?

Sind Sie wahnsinnig, Poirot?, rief Van Aldin.

Nein, sagte Poirot, ich bin nicht wahnsinnig. Ein bisschen exzentrisch vielleicht  das behaupten jedenfalls gewisse Leute. Aber was meinen Beruf angeht, bin ich durchaus, wie man sagt, <ganz da>. Ich frage Sie, Monsieur Van Aldin, ob Sie traurig oder froh w&#228;ren, wenn das, was ich Ihnen gesagt habe, sich als die Wahrheit herausstellen sollte?

Van Aldin starrte ihn an.

Nat&#252;rlich w&#228;re ich froh, sagte er schlie&#223;lich. Ist das eine &#220;bung im Mutma&#223;en, Monsieur Poirot, oder stehen Fakten dahinter?

Poirot betrachtete die Decke.

Es gibt eine geringe Chance, sagte er ruhig, dass es schlie&#223;lich doch der Comte de la Roche war. Jedenfalls ist es mir gelungen, sein Alibi zu zerst&#246;ren. Wie haben Sie das geschafft?

Poirot zuckte bescheiden mit den Schultern.

Ich habe so meine Methoden. Ein wenig Taktgef&#252;hl, ein wenig Gerissenheit  und schon ist es erledigt.

Aber die Rubine, sagte Van Aldin, diese Rubine, die der Comte hatte, waren falsch.

Und er h&#228;tte das Verbrechen nur wegen der Rubine begangen. Aber Sie &#252;bersehen einen Punkt, Monsieur Van Aldin. Was die Rubine angeht, ist ihm vielleicht jemand zuvor gekommen.

Aber das ist ja eine ganz neue Theorie, rief Knighton.

Glauben Sie diesen ganzen Ringelpiez wirklich, Monsieur Poirot?, fragte der Million&#228;r.

Bewiesen ist es nicht, sagte Poirot ruhig. Bis jetzt ist es nur eine Theorie, aber ich sage Ihnen, Monsieur Van Aldin, die Fakten sind der Erforschung wert. Sie m&#252;ssen mit mir nach S&#252;dfrankreich kommen und die Sache an Ort und Stelle untersuchen.

Halten Sie das wirklich f&#252;r notwendig  dass ich mitkomme?

Ich dachte, es w&#228;re das, was Sie selbst w&#252;nschen, sagte Poirot.

In seiner Stimme lag ein Unterton des Tadels, der seine Wirkung auf den Million&#228;r nicht verfehlte.

Ja, ja, nat&#252;rlich, sagte er. Wann wollen Sie abreisen, Monsieur Poirot?

Sie haben ziemlich dringende Gesch&#228;fte vor sich, Sir, murmelte Knighton.

Aber der Million&#228;r hatte sich bereits entschlossen und schob die Einw&#228;nde beiseite.

Ich glaube, dieses Gesch&#228;ft geht vor, sagte er. Also abgemacht, Monsieur Poirot, morgen. Mit welchem Zug?

Wir fahren, finde ich, mit dem Blauen Express, sagte Poirot, und er l&#228;chelte.



Vierunddrei&#223;igstes Kapitel



Wieder im Blauen Express

Der Zug der Million&#228;re, wie er manchmal genannt wird, raste in scheinbar riskantem Tempo durch eine Kurve. Van Aldin, Knighton und Poirot sa&#223;en schweigend beieinander. Knighton und Van Aldin hatten zwei miteinander verbundene Abteile, wie Ruth Kettering und ihre Zofe auf der verh&#228;ngnisvollen Fahrt. Poirots Abteil lag am andern Ende des Wagens.

Die Fahrt war schmerzlich f&#252;r Van Aldin, da sie in ihm die schlimmsten Erinnerungen weckte. Poirot und Knighton unterhielten sich bisweilen leise, um ihn nicht zu st&#246;ren.

Als der Zug jedoch seine langsame Fahrt um die ceinture beendet hatte und den Gare de Lyon erreichte, wurde Poirot pl&#246;tzlich &#252;beraus lebendig. Van Aldin begriff, dass es ein Teilziel der Zugreise gewesen war, das Verbrechen rekonstruieren zu k&#246;nnen. Poirot selbst spielte s&#228;mtliche Rollen. Er war abwechselnd die Zofe, eilig in ihr Abteil geschickt, dann Mrs Kettering, die &#252;berrascht und ein wenig besorgt ihren Gatten erkennt, und Derek Kettering, der entdeckt, dass seine Frau mit dem gleichen Zug reist. Er probierte verschiedene Dinge aus, suchte etwa nach der besten M&#246;glichkeit, sich im zweiten Abteil zu verstecken.

Pl&#246;tzlich schien ihm eine Idee zu kommen. Er packte Van Aldin bei der Hand.

Mon Dieu, daran habe ich ja gar nicht gedacht! Wir m&#252;ssen die Reise in Paris unterbrechen. Schnell, schnell, steigen wir sofort aus.

Er schnappte sich seinen Koffer und sprang aus dem Zug. Verst&#246;rt, aber gehorsam folgten ihm Van Aldin und Knighton. Van Aldin, dessen Meinung &#252;ber Poirots F&#228;higkeiten gerade erst best&#228;rkt worden war, beschlichen Zweifel. An der Bahnsteigsperre hielt man sie auf. Sie hatten ihre Fahrkarten der Obhut des Schaffners &#252;berlassen, daran hatte in der Eile keiner von ihnen gedacht.

Poirots Erkl&#228;rungen kamen schnell, fl&#252;ssig und leidenschaftlich, bewirkten aber nichts bei dem Beamten.

Schluss mit dem Unfug, sagte Van Aldin br&#252;sk. Ich nehme an, Sie haben es eilig, Monsieur Poirot. Zahlen Sie doch um Gottes willen die Karten f&#252;r die Fahrt von Calais hierher und lassen Sie uns weitermachen mit dem, was Sie sich in den Kopf gesetzt haben.

Aber Poirots Redestrom war pl&#246;tzlich versiegt, und er blieb wie versteinert stehen. Sein Arm, in einer leidenschaftlichen Geb&#228;rde gereckt, wirkte pl&#246;tzlich wie gel&#228;hmt.

Ich bin ein Trottel, sagte er schlicht. Ma foi, ich fange an, den Kopf zu verlieren. Kommen Sie, meine Herren, wir setzen unsere Reise ruhig fort. Wenn wir Gl&#252;ck haben, ist der Zug noch nicht weg.

Sie kamen gerade noch rechtzeitig; der Zug fuhr an, als Knighton, als Letzter der drei, sich mit seinem Koffer gerade noch auf die Plattform schwingen konnte.

Der Schaffner machte ihnen eindringliche Vorhaltungen, half ihnen aber dann, das Gep&#228;ck in die Abteile zur&#252;ckzuschleppen. Van Aldin sagte nichts, war aber sichtlich ver&#228;rgert &#252;ber Poirots ausgefallenes Benehmen. Als er ein paar Augenblicke mit Knighton allein war, bemerkte er: Das ist ein hirnrissiges Unternehmen. Der Mensch wei&#223; doch nicht mehr, was er tut. Bis zu einem gewissen Grad hat er Grips, aber einer, der den Kopf verliert und herumsaust wie ein verschrecktes Kaninchen, kann nichts mehr zuwege bringen.

Bald darauf kam Poirot zu ihnen, voller knief&#228;lliger Entschuldigungen und offenbar derart niedergeschlagen, dass harte Worte nicht am Platz schienen. Van Aldin nahm die Entschuldigungen ernst an; es kostete ihn allerdings M&#252;he, bissige Bemerkungen zu unterdr&#252;cken.

Sie a&#223;en im Speisewagen, und danach schlug Poirot zur &#220;berraschung der anderen vor, die Nacht sitzend in Van Aldins Abteil zu verbringen.

Der Million&#228;r sah ihn neugierig an.

Verheimlichen Sie uns irgendetwas, Monsieur Poirot?

Ich? Poirot riss in unschuldigem Staunen die Augen auf. Aber keine Spur!

Van Aldin antwortete nicht, aber er war alles andere als zufrieden. Dem Schaffner sagte man, er brauche die Betten nicht herzurichten. Das gro&#223;z&#252;gige Trinkgeld, das ihm Van Aldin gab, machte jede Verbl&#252;ffung wett, die er empfinden mochte. Die drei sa&#223;en schweigend da. Poirot zappelte herum und schien rastlos. Schlie&#223;lich wandte er sich an den Sekret&#228;r.

Major Knighton, ist die T&#252;r Ihres Abteils verschlossen? Ich meine die T&#252;r zum Gang?

Ja, ich habe sie eben selbst abgeschlossen.

Sind Sie sicher?, fragte Poirot.

Wenn Sie wollen, sehe ich noch einmal nach. Knigh-ton l&#228;chelte.

Nein, nein, bem&#252;hen Sie sich nicht. Ich werde selbst nachsehen.

Er nahm die Verbindungst&#252;r, kehrte nach wenigen Sekunden zur&#252;ck und nickte.

Ja, ja, Sie haben Recht. Bitte entschuldigen Sie das Gezappel eines alten Mannes. Er schloss die Verbindungst&#252;r und setzte sich wieder auf seinen Platz in die rechte Ecke.

Die Stunden verstrichen. Die M&#228;nner schlummerten unruhig und fuhren immer wieder auf. Wahrscheinlich hatten noch nie zuvor drei Fahrg&#228;ste Betten im luxuri&#246;sesten Zug gebucht und sich dann geweigert, die bezahlten Annehmlichkeiten auch zu nutzen. Von Zeit zu Zeit warf Poirot einen Blick auf seine Uhr, nickte und setzte sich dann wieder bequem hin, um ein wenig zu schlummern. Einmal sprang er auf, &#246;ffnete die Verbindungst&#252;r, warf einen raschen Blick in das Nebenabteil und setzte sich kopfsch&#252;ttelnd wieder auf seinen Platz.

Was ist denn los?, fl&#252;sterte Knighton. Erwarten Sie, dass etwas passiert?

Meine Nerven!, gestand Poirot. Ich bin wie die Katze auf dem hei&#223;en Dach. Das kleinste Ger&#228;usch l&#228;sst mich auffahren.

Knighton g&#228;hnte.

Verdammt unbehagliche Reise, murmelte er. Ich hoffe, Sie wissen, was das Ganze soll, Monsieur Poirot.

Er versuchte, so gut es ging, zu schlafen. Er und Van Aldin waren eingeschlummert, als Poirot zum vierzehnten Mal auf die Uhr schaute, sich vorbeugte und dem Million&#228;r leicht auf die Schulter klopfte.

Eh? Was gibt es?

In f&#252;nf bis zehn Minuten, Monsieur, sind wir in Lyon.

Mein Gott! Van Aldins Antlitz wirkte wei&#223; und eingefallen in der matten Beleuchtung. Ungef&#228;hr um diese Zeit muss also die arme Ruth ermordet worden sein.

Er sah starr vor sich hin. Seine Lippen zuckten ein wenig, und seine Gedanken befassten sich mit der furchtbaren Trag&#246;die, die sein Leben verd&#252;stert hatte.

Das &#252;bliche lange kreischende Seufzen der Bremsen war zu h&#246;ren, der Zug verminderte seine Geschwindigkeit und fuhr in den Bahnhof von Lyon ein. Van Aldin &#246;ffnete das Fenster und lehnte sich hinaus.

Wenn es nicht Derek war  wenn Ihre neue Theorie stimmt, hat der Mann also hier den Zug verlassen?, fragte er &#252;ber die Schulter.

Zu seinem Erstaunen sch&#252;ttelte Poirot den Kopf.

Nein, sagte er nachdenklich, kein Mann hat hier den Zug verlassen, aber ich glaube  ja, ich glaube, vielleicht eine Frau.

Knighton &#228;chzte.

Eine Frau?, fragte Van Aldin scharf.

Ja, eine Frau. Poirot nickte. Sie erinnern sich vielleicht nicht daran, Monsieur Van Aldin, aber Miss Grey hat in ihrer Aussage erw&#228;hnt, dass ein junger Mann mit M&#252;tze und Mantel aus dem Zug gestiegen ist, offenbar um sich auf dem Bahnsteig die Beine zu vertreten. Meiner Ansicht nach war dieser junge Mann wahrscheinlich eine Frau.

Aber wer war sie?

Van Aldins Gesicht dr&#252;ckte Unglauben aus, aber Poirot erwiderte ernst und kategorisch:

Ihr Name  oder besser gesagt der Name, unter dem sie viele Jahre lang bekannt war  ist Kitty Kidd, aber Sie, Monsieur Van Aldin, kennen sie unter einem anderen Namen  Ada Mason.

Knighton sprang auf.

Was?, rief er.

Poirot wandte sich rasch zu ihm um.

Ah!  ehe ich es vergesse. Er zog blitzschnell etwas aus der Tasche und hielt es hoch.

Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten  aus Ihrem eigenen Zigarettenetui? Es war achtlos von Ihnen, es fallen zu lassen, als Sie auf der ceinture von Paris auf den Zug gesprungen sind.

Knighton starrte ihn fassungslos an. Dann machte er eine schnelle Bewegung, aber Poirot hob warnend die Hand.

Nein, bitte nicht bewegen, sagte er mit samtiger Stimme, die T&#252;r zum Nachbarabteil ist offen, und unsere Freunde von der Polizei, die sich darin befinden, haben die Waffen auf Sie gerichtet. Ich habe die T&#252;r zum Korridor ge&#246;ffnet, als wir Paris verlie&#223;en, und unsere Freunde haben sich dort niedergelassen. Es wird Ihnen ja nicht unbekannt sein, dass die franz&#246;sische Polizei Sie ziemlich dringend sucht, Major Knighton  oder sagen wir lieber  Monsieur le Marquis?



F&#252;nfunddrei&#223;igstes Kapitel



Erkl&#228;rungen

Erkl&#228;rungen?

Poirot l&#228;chelte. Er sa&#223; am Esstisch, dem Million&#228;r gegen&#252;ber in dessen Suite im Negresco. Er betrachtete einen erleichterten, aber sehr  verbl&#252;fften Mann. Poirot lehnte sich auf seinem Stuhl zur&#252;ck, z&#252;ndete eine seiner winzigen Zigaretten an und starrte nachdenklich zur Decke empor.

Ja, ich will Ihnen Erkl&#228;rungen geben. Es begann mit einem Punkt, der mir Kopfzerbrechen bereitet hat. Wissen Sie, was dieser Punkt war? Das entstellte Gesicht! Es ist nicht ungew&#246;hnlich, entstellte Leichen zu finden, wenn man sich mit Verbrechen befasst, und nat&#252;rlich stellt sich sofort eine Frage, die nach der Identit&#228;t. Das war nat&#252;rlich mein erster Gedanke. War die Tote wirklich Mrs Kettering? Aber das f&#252;hrte zu nichts, denn Miss Greys Aussage war eindeutig und sehr verl&#228;sslich, so dass ich diese Idee wieder fallen lie&#223;. Die Tote war Ruth Kettering.

Ab wann haben Sie erstmals die Zofe verd&#228;chtigt?

Nicht so bald, aber eine eigenartige Kleinigkeit hat meine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Das Zigarettenetui, das im Abteil gefunden wurde, war ihrer Aussage nach ein Geschenk von Mrs Kettering an ihren Mann. Nun war das in Anbetracht des Zustands ihrer Beziehung von vornherein sehr unwahrscheinlich. Das hat bei mir die ersten Zweifel an der Glaubw&#252;rdigkeit von Ada Ma-sons Aussagen aufkommen lassen. Hinzu kam die ziemlich verd&#228;chtige Tatsache, dass sie erst seit zwei Monaten bei Mrs Kettering war. Nat&#252;rlich sah es nicht so aus, als ob sie etwas mit dem Verbrechen zu tun haben k&#246;nnte; sie war ja in Paris zur&#252;ckgeblieben, und mehrere Leute hatten Mrs Kettering danach noch lebend gesehen. Aber...

Poirot beugte sich vor. Er hob emphatisch den Zeigefinger und fuchtelte mit ihm vor Van Aldin herum.

Aber ich bin ein guter Detektiv. Ich verd&#228;chtige. Es gibt niemanden und nichts, den und das ich nicht verd&#228;chtige. Ich glaube nichts, was man mir erz&#228;hlt. Ich sage mir: Woher wissen wir, dass Ada Mason in Paris zur&#252;ckgeblieben ist? Und die erste Antwort auf die Frage schien durchaus befriedigend. Es gab die Aussage Ihres Sekret&#228;rs, Major Knighton, eines g&#228;nzlich Au&#223;enstehenden, dessen Aussage man f&#252;r absolut unparteiisch halten darf, und die Worte Ihrer Tochter zum Schaffner. Aber diesen letzteren Punkt habe ich vorl&#228;ufig beiseite gelassen, weil mir eine ganz merkw&#252;rdige Idee kam  eine vielleicht phantastische und unm&#246;gliche Idee. Wenn sie zuf&#228;llig richtig sein sollte, w&#228;re die erw&#228;hnte Aussage wertlos.

Ich habe mich auf den wichtigsten Stolperstein bei meiner Theorie konzentriert, Major Knightons Aussage, er h&#228;tte Ada Mason im Ritz gesehen, nachdem der Blaue Express Paris verlassen hatte. Das schien eindeutig genug, aber bei sorgsamer Untersuchung der Fakten sind mir zwei Kleinigkeiten aufgefallen. Erstens, dass Major Knighton  merkw&#252;rdiger Zufall  auch gerade erst seit zwei Monaten in Ihren Diensten stand. Zweitens, dass der Anfangsbuchstabe seines Nachnamens ein K ist. Angenommen  nur angenommen , dass es sein Zigarettenetui ist, das man im Abteil gefunden hat? Falls nun Ada Mason und er zusammengearbeitet haben und sie das Etui erkennt, als wir es ihr zeigen, w&#252;rde sie dann nicht genau so reagieren, wie sie reagiert hat? Zuerst war sie erschrocken und hat schnell eine plausible Theorie entwickelt, die zu Mr Ketterings Schuld passen w&#252;rde. Bien entendu, das war nicht die urspr&#252;ngliche Idee. Der Comte de la Roche sollte der S&#252;ndenbock sein; allerdings durfte Ada Mason ihn nicht zu gut erkannt haben, falls er ein Alibi hatte. Wenn Sie sich jetzt genau an diesen Moment erinnern, wird Ihnen ein bedeutsames Vorkommnis wieder einfallen. Ich habe Ada Mason suggeriert, dass der Mann, den sie gesehen hatte, nicht der Comte de la Roche, sondern Derek Kettering gewesen sein k&#246;nnte. Zuerst schien sie unsicher, aber als ich wieder in meinem Hotel war, haben Sie mir telefonisch mitgeteilt, dass sie zu Ihnen gekommen ist und gesagt hat, nach nochmaliger &#220;berlegung sei sie ziemlich &#252;berzeugt, dass der fragliche Mann wirklich Mr Kettering war. Ich hatte so etwas erwartet. Es konnte nur eine Erkl&#228;rung f&#252;r ihre pl&#246;tzliche Gewissheit geben. Nachdem sie Ihr Hotel verlassen hatte, hatte sie die Zeit gehabt, sich mit jemandem zu beraten, und sie hatte Anweisungen erhalten, nach denen sie nun handelte. Wer hatte ihr diese Anweisungen gegeben? Major Knighton. Und da gab es noch eine Kleinigkeit, die entweder nichts oder sehr viel bedeuten konnte. W&#228;hrend einer beil&#228;ufigen Unterhaltung hat Knighton von einem Juwelenraub geredet, in einem Haus in Yorkshire, in dem er sich gerade aufhielt. Vielleicht nur ein Zufall  vielleicht ein weiteres winziges Glied in der Kette.

Aber eines verstehe ich nicht, Monsieur Poirot. Wahrscheinlich bin ich schwer von Begriff, sonst h&#228;tte ich wohl schon l&#228;ngst darauf kommen m&#252;ssen. Wer war der Mann im Zug in Paris? Derek Kettering oder der Comte de la Roche?

Das ist die bemerkenswerte Einfachheit des Ganzen. Es gab keinen Mann. Ah  mille tonnerres!  sehen Sie nicht, wie gerissen das Ganze war? Wessen Wort haben wir denn daf&#252;r, dass &#252;berhaupt ein Mann da war? Nur das von Ada Mason. Und wir glauben Ada Mason, weil Knighton best&#228;tigt hatte, dass sie in Paris zur&#252;ckgeblieben ist.

Aber Ruth hat doch dem Schaffner selbst gesagt, dass sie ihre Zofe in Paris gelassen hat, beharrte Van Aldin.

Ah! Darauf komme ich jetzt. Wir haben Mrs Ketterings eigene Aussage, aber andererseits haben wir ihre Aussage nicht, weil n&#228;mlich, Monsieur Van Aldin, eine Tote keine Aussage machen kann. Es ist nicht ihre Aussage, sondern die des Schaffners  etwas ganz anderes.

Der Schaffner hat also gelogen?

Nein, nein, &#252;berhaupt nicht. Er hat das gesagt, was er f&#252;r die Wahrheit hielt. Aber die Frau, die ihm gesagt hat, sie h&#228;tte ihre Zofe in Paris gelassen, war nicht Mrs Kettering.

Van Aldin starrte ihn an.

Monsieur Van Aldin, Ruth Kettering war tot, bevor der Zug den Gare de Lyon in Paris erreichte. Es war Ada Mason, die in den auff&#228;lligen Kleidern ihrer Herrin einen Speisekorb besorgt und dem Schaffner gegen&#252;ber diese h&#246;chst notwendige &#196;u&#223;erung getan hat.

Unm&#246;glich!

Nein, nein, Monsieur Van Aldin, nicht unm&#246;glich. Les femmes, sie sehen einander heutzutage so &#228;hnlich, dass man sie mehr an der Kleidung erkennt als am Gesicht. Ada Mason war so gro&#223; wie Ihre Tochter. In dem kostbaren Pelzmantel und mit dem tief ins Gesicht gedr&#252;ckten roten Lackh&#252;tchen, unter dem man nur ein paar kastanienbraune Locken &#252;ber den Ohren sah, konnte sie den Schaffner leicht t&#228;uschen. Vergessen Sie nicht, er hatte bis dahin nicht mit Mrs Kettering gesprochen. Zwar hatte er einen Moment lang die Zofe gesehen, aber er konnte sich da nur an eine hagere, schwarz gekleidete Frau erinnern. Nur ein au&#223;ergew&#246;hnlich intelligenter Mensch w&#228;re vielleicht auf die Idee gekommen, dass Herrin und Zofe einander &#228;hneln, aber selbst das ist sehr unwahrscheinlich. Und vergessen Sie nicht, Ada Mason, oder Kitty Kidd, ist Schauspielerin und kann ihr Aussehen und den Klang ihrer Stimme im Nu ver&#228;ndern. Nein, nein, es bestand keine Gefahr, dass er die Zofe in den Kleidern der Herrin erkennt, wohl aber, dass er sp&#228;ter angesichts der Leiche darauf kommt, dass das nicht die Frau ist, mit der er am Vorabend gesprochen hat. Und hier haben wir den Grund f&#252;r das entstellte Gesicht. Die einzig wirkliche Gefahr f&#252;r Ada Mason war, dass Katherine Grey noch einmal ins Abteil kommen k&#246;nnte, nachdem der Zug Paris verlassen hatte, und dagegen sch&#252;tzt sie sich, indem sie den Speisekorb bestellt und sich dann im Abteil einschlie&#223;t.

Aber wer hat Ruth get&#246;tet? Und wann?

Merken Sie sich zun&#228;chst, dass das Verbrechen von beiden gemeinsam geplant und ausgef&#252;hrt wurde  Knighton und Ada Mason haben zusammengearbeitet. Knighton hatte an diesem Tag f&#252;r Sie gesch&#228;ftlich in Paris zu tun. Er ist irgendwo auf der Pariser ceinture auf den Zug gesprungen. Mrs Kettering war &#252;ber sein pl&#246;tzliches Erscheinen sicher erstaunt, aber sie sch&#246;pfte bestimmt keinen Verdacht. Vielleicht lenkt er ihre Aufmerksamkeit auf etwas vor dem Fenster, und als sie sich umdreht, um hinauszuschauen, legt er ihr die Schnur um den Hals  alles ist in ein paar Sekunden vorbei. Die T&#252;r des Abteils wird abgeschlossen, und er und Ada Mason machen sich an die Arbeit. Sie ziehen der Toten die Oberkleidung aus. Mason und Knighton wickeln die Leiche in eine Decke und legen sie im Nebenabteil auf den Sitz, zwischen die Koffer und Taschen. Knighton springt mit den Rubinen in der Schmuckschatulle vom Zug ab. Da angenommen wird, dass das Verbrechen erst fast zw&#246;lf Stunden sp&#228;ter begangen wurde, ist er v&#246;llig in Sicherheit, und seine Aussage und das Gespr&#228;ch der vermeintlichen Mrs Kettering mit dem Schaffner ergeben ein perfektes Alibi f&#252;r seine Komplizin.

Im Gare de Lyon kauft Ada Mason einen Speisekorb, schlie&#223;t sich in der Toilette ein, zieht schnell die Kleider ihrer Herrin an, macht zwei B&#252;schel braunrote Locken am Hut fest und richtet sich insgesamt so her, dass sie Mrs Kettering m&#246;glichst &#228;hnlich sieht. Als der Schaffner kommt, um das Bett zu machen, erz&#228;hlt sie ihm die vorher ausgedachte Geschichte, dass sie die Zofe in Paris gelassen hat. Und w&#228;hrend er das Bett macht, steht sie am Fenster und schaut hinaus, mit dem R&#252;cken zum Korridor und zu den dort Vor&#252;bergehenden. Das war eine kluge Vorsichtsma&#223;nahme; wie wir wissen, war ja Miss Grey unter den Vor&#252;bergehenden, und wie einige andere war sie ja bereit zu schw&#246;ren, dass Mrs Kettering um diese Zeit noch gelebt hat.

Weiter, sagte Van Aldin.

Ehe der Zug Lyon erreichte, hat Ada Mason die Leiche ihrer Herrin auf das Lager gebettet, die Kleider der Toten sauber am Fu&#223;ende zusammengefaltet, selber M&#228;nnerkleider angezogen und sich bereitgemacht, den Zug zu verlassen. Als Derek Kettering ins Abteil seiner Frau kam und sie, wie er meinte, schlafen sah, ist die B&#252;hne l&#228;ngst fertig, und Ada Mason hat sich in dem anderen Abteil versteckt und wartet auf die Gelegenheit, den Zug unbemerkt zu verlassen. Sobald der Schaffner in Lyon auf den Bahnsteig gesprungen ist, folgt sie ihm und schlendert umher, als ob sie nur ein bisschen frische Luft schnappen will. In einem unbeobachteten Moment eilt sie auf den anderen Bahnsteig und f&#228;hrt mit dem ersten Zug zur&#252;ck nach Paris und zum Ritz. Ihr Name ist schon am Vorabend durch eine von Knightons Komplizinnen in die Hotelliste eingetragen worden. Sie braucht also nichts weiter zu tun, als seelenruhig auf Ihre Ankunft zu warten. Der Schmuck war weder zu diesem noch zu einem anderen Zeitpunkt in ihrem Besitz. Auf Knighton f&#228;llt keinerlei Verdacht, und als Ihr Sekret&#228;r bringt er die Juwelen nach Nizza, ohne die geringste Gefahr einer Entdeckung. Die &#220;bergabe der Juwelen an Monsieur Papopoulos ist l&#228;ngst arrangiert, und im letzten Moment werden sie Ada Mason &#252;bergeben, die sie dem Griechen bringen soll. Insgesamt ein sehr sauber geplanter Coup, wie man ihn von einem Meister in diesem Spiel wie dem Marquis erwarten kann.

Und Sie meinen ernsthaft, dass Richard Knighton ein bekannter Verbrecher ist, der das seit Jahren betreibt?

Poirot nickte.

Einer der wichtigsten Tr&#252;mpfe des Gentleman namens Marquis war seine angenehme, Vertrauen erweckende Art. Sie sind Opfer seines Charmes geworden, Monsieur Van Aldin, als Sie ihn nach so kurzer Bekanntschaft zu Ihrem Sekret&#228;r gemacht haben.

Er hat sich absolut nicht aufdringlich um diesen Posten beworben, rief der Million&#228;r.

Es war sehr raffiniert eingef&#228;delt  so raffiniert, dass sich einer t&#228;uschen lie&#223;, dessen Menschenkenntnis ebenso gro&#223; ist wie Ihre.

Ich habe auch seine Vergangenheit &#252;berpr&#252;ft. Der Bursche hatte erstklassige Referenzen.

Ja, ja, das geh&#246;rte zum Spiel. Als Richard Knighton hat er ein tadelloses Leben gef&#252;hrt. Gute Familie, gute Verbindungen, ehrenhafte Pflichterf&#252;llung im Krieg; insgesamt schien er &#252;ber jeden Verdacht erhaben. Aber als ich mir Informationen &#252;ber den geheimnisvollen Marquis beschafft habe, fand ich viele &#196;hnlichkeiten. Knighton sprach Franz&#246;sisch wie ein Franzose, war in Amerika, Frankreich und England genau zur selben Zeit, als der Marquis dort gearbeitet hat. Das Letzte, was man vom Marquis h&#246;rte, war die Planung und Durchf&#252;hrung gro&#223; angelegter Schmuckdiebst&#228;hle in der Schweiz, und in der Schweiz haben Sie Major Knighton kennen gelernt; und zwar genau zu der Zeit, als die ersten Ger&#252;chte &#252;ber Ihre Absicht umliefen, die ber&#252;hmten Rubine zu kaufen.

Aber warum Mord?, murmelte Van Aldin gebrochen. Ein raffinierter Dieb h&#228;tte doch sicher die Juwelen stehlen k&#246;nnen, ohne den Galgen zu riskieren.

Poirot sch&#252;ttelte den Kopf. Das ist nicht der erste Mord, den man dem Marquis zuschreibt. Er ist ein M&#246;rder aus Instinkt; au&#223;erdem liebt er es nicht, Spuren zu hinterlassen. Tote k&#246;nnen nicht reden.

Der Marquis hatte eine gro&#223;e Leidenschaft f&#252;r ber&#252;hmte und historisch interessante Edelsteine besessen. Er hat die Pl&#228;ne von langer Hand vorbereitet, sich bei Ihnen als Sekret&#228;r verdingt und seiner Komplizin die Stelle als Zofe bei Ihrer Tochter verschafft. Er konnte ja m&#252;helos erraten, dass die Juwelen f&#252;r sie bestimmt waren. Und er hatte zwar diesen ausgereiften und sorgsam ausgeheckten Plan, hatte aber keine Skrupel, eine Abk&#252;rzung zu versuchen, indem er ein paar Apachen mietet, die Sie in der Nacht des Juwelenkaufs in Paris &#252;berfallen sollten. Das ist misslungen, was ihn kaum &#252;berrascht haben d&#252;rfte. Er hielt seinen eigentlichen Plan f&#252;r absolut sicher. Auf Richard Knighton konnte kein Verdacht fallen. Aber wie alle gro&#223;en M&#228;nner  und der Marquis ist auf seine Art ein gro&#223;er Mann  hat er seine Schw&#228;chen. Er hat sich ernstlich in Miss Grey verliebt, und als er sp&#252;rte, dass sie Derek Kettering den Vorzug gab, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, ihm das Verbrechen anzuh&#228;ngen, als sich die Gelegenheit dazu bot. Und jetzt, Monsieur Van Aldin, muss ich Ihnen etwas sehr Merkw&#252;rdiges erz&#228;hlen. Miss Grey ist absolut keine phantastische Natur, und doch ist sie der festen &#220;berzeugung, dass sie eines Abends im Casinogarten von Monte Carlo die Gegenwart Ihrer Tochter gesp&#252;rt hat, und zwar unmittelbar nach einem langen Gespr&#228;ch mit Knighton. Sie sagt, sie war &#252;berzeugt, dass die Tote angestrengt versucht hat, ihr etwas mitzuteilen, und ganz pl&#246;tzlich hatte sie das Gef&#252;hl, die Tote wollte ihr sagen, dass Knighton ihr M&#246;rder sei! Die Idee erschien Miss Grey damals so hirnverbrannt, dass sie mit keinem dar&#252;ber geredet hat. Aber sie war so &#252;berzeugt, dass es die Wahrheit sei, dass sie entsprechend gehandelt hat. Sie hat Knightons Werbung um sie nicht entmutigt und ihm gegen&#252;ber so getan, als ob sie von Derek Ketterings Schuld &#252;berzeugt sei.

Au&#223;erordentlich, sagte Van Aldin.

Ja, es ist sehr seltsam. Solche Dinge kann man nicht erkl&#228;ren. Oh, nebenbei, es gibt eine Kleinigkeit, die mich sehr besch&#228;ftigt hat. Ihr Sekret&#228;r hinkt merklich  infolge einer Kriegsverletzung. Der Marquis hinkte aber bestimmt nicht. Damit bin ich lange nicht zurechtgekommen. Aber Miss Lenox Tamplin hat eines Tages ganz zuf&#228;llig erw&#228;hnt, dass Knightons Hinken den Arzt &#252;berrascht hat, der im Lazarett ihrer Mutter f&#252;r den Fall zust&#228;ndig gewesen war. Das sah nach Camouflage aus. Als ich in London war, habe ich den fraglichen Arzt aufgesucht und von ihm einige technische Details erhalten, die mich darin best&#228;rkt haben. Vorgestern habe ich in Knigh-tons Gegenwart den Namen dieses Arztes genannt. Es w&#228;re ganz nat&#252;rlich f&#252;r Knighton gewesen zu erw&#228;hnen, dass gerade dieser Arzt ihn im Krieg behandelt hat, aber er hat nichts gesagt  und diese Winzigkeit, neben allem anderen, hat mich endg&#252;ltig davon &#252;berzeugt, dass meine Theorie &#252;ber das Verbrechen korrekt war. Miss Grey hat mir noch einen Zeitungsausschnitt gezeigt, aus dem hervorging, dass in Lady Tamplins Lazarett w&#228;hrend Knigh-tons Aufenthalt dort ein Juwelendiebstahl stattgefunden hatte. Als ich ihr aus dem Ritz in Paris schrieb, ist ihr klar geworden, dass ich auf der gleichen F&#228;hrte war wie sie.

Ich hatte einige M&#252;he bei meinen Ermittlungen dort, aber ich habe bekommen, was ich wollte  den Beweis, dass Ada Mason am Morgen nach dem Verbrechen ins Hotel gekommen ist und nicht am Tag vorher.

Die beiden M&#228;nner schwiegen lange. Dann reichte der Million&#228;r &#252;ber den Tisch hinweg Poirot seine Hand.

Sie werden sich wohl denken k&#246;nnen, was das f&#252;r mich bedeutet, Monsieur Poirot, sagte er mit belegter Stimme. Morgen fr&#252;h werde ich Ihnen einen Scheck senden, aber kein Scheck der Welt kann die Dankbarkeit ausdr&#252;cken, die ich Ihnen gegen&#252;ber empfinde. Sie liefern, was Sie versprechen, Monsieur Poirot, jedes Mal liefern Sie, was Sie versprechen.

Poirot erhob sich mit geschwollener Brust.

Ich bin nur Hercule Poirot, sagte er bescheiden, und doch bin ich, wie Sie sagen, auf meine Weise ein gro&#223;er Mann, so wie Sie ein gro&#223;er Mann sind. Ich freue mich sehr, dass ich Ihnen einen Dienst erweisen konnte. Jetzt gehe ich, um die vom Reisen verursachten Sch&#228;den zu beseitigen. Helas!, mein trefflicher Georges ist nicht da.

In der Lounge des Hotels traf er einen Freund  den ehrw&#252;rdigen Monsieur Papopoulos nebst seiner Tochter Zia.

Ich dachte, Sie h&#228;tten Nizza verlassen, Monsieur Poi-rot, murmelte der Grieche, als er die ihm herzlich entgegengestreckte Hand des Detektivs dr&#252;ckte.

Gesch&#228;fte haben mich zur R&#252;ckkehr gezwungen, mein lieber Papopoulos.

Gesch&#228;fte?

Ja, Gesch&#228;fte. Und da wir gerade von Gesch&#228;ften sprechen  ich hoffe, es geht Ihnen gesundheitlich besser, mon ami?

Viel besser. Tats&#228;chlich kehren wir morgen nach Paris zur&#252;ck.

Ich bin entz&#252;ckt &#252;ber eine so erfreuliche Nachricht. Ich hoffe, Sie haben den griechischen Expremier nicht ganz ruiniert.

Ich? Ich h&#246;rte, Sie h&#228;tten ihm einen wunderbaren Rubin verkauft, den gegenw&#228;rtig  ganz entre nous  Mademoiselle Mirelle tr&#228;gt, die T&#228;nzerin?

Ja, murmelte Monsieur Papopoulos, ja, das stimmt.

Einen Rubin ganz &#228;hnlich wie das ber&#252;hmte Feuerherz.

Es gibt eine entfernte &#196;hnlichkeit, sagte der Grieche beil&#228;ufig.

Sie haben wirklich ein H&#228;ndchen f&#252;r Juwelen, Monsieur Papopoulos. Ich gratuliere Ihnen. Mademoiselle Zia, ich bin untr&#246;stlich, dass Sie schon so bald nach Paris zur&#252;ckfahren. Ich hatte gehofft, mehr von Ihnen zu sehen  jetzt, da meine Gesch&#228;fte beendet sind.

Ist es indiskret zu fragen, welcher Natur diese Gesch&#228;fte waren?, fragte Papopoulos.

Aber ganz und gar nicht. Es ist mir gelungen, den Marquis dingfest zu machen.

Monsieur Papopoulos Augen schauten sinnend ins Weite.

Der Marquis?, murmelte er. Warum kommt mir das bekannt vor? Aber nein  ich kann mich nicht erinnern.

Woher denn auch?, sagte Poirot. Ich spreche von einem sehr bekannten Verbrecher und Juwelenr&#228;uber. Er wurde soeben wegen des Mordes an Madame Kettering, dieser englischen Lady, verhaftet.

Was Sie nicht sagen! H&#246;chst interessant!

Man tauschte h&#246;fliche Abschiedsgr&#252;&#223;e aus, und als Poi-rot au&#223;er H&#246;rweite war, wandte sich Monsieur Papopou-los an seine Tochter.

Zia, sagte er mit Nachdruck, dieser Mann ist der Teufel!

Ich mag ihn.

Ich auch, gab Monsieur Papopoulos zu. Aber der Teufel ist er trotzdem.



Sechsunddrei&#223;igstes Kapitel



Am Meer

Die Mimosenbl&#252;te war vor&#252;ber. Ihr Duft lag noch in der Luft  leicht unangenehm. Rosa Geranien rankten sich um die Balustrade von Lady Tamp-lins Villa, und von unten sandten die &#252;ppigen Nelkenbeete einen schweren, s&#252;&#223;en Duft zum Haus empor. Das Mittelmeer war blauer denn je.

Poirot sa&#223; mit Lenox Tamplin auf der Veranda. Er hatte ihr eben die gleiche Geschichte erz&#228;hlt wie zwei Tage zuvor Van Aldin. Lenox hatte mit angespannter Aufmerksamkeit, gerunzelter Stirn und d&#252;steren Blicken zugeh&#246;rt.

Als er geendet hatte, sagte sie einfach:

Und Derek?

Er wurde gestern freigelassen.

Und wo ist er hin?

Er hat Nizza gestern Abend verlassen.

Nach St. Mary Mead?

Ja, nach St. Mary Mead.

Pause.

Ich habe mich in Katherine geirrt, sagte Lenox. Ich dachte, sie macht sich nichts aus ihm.

Sie ist sehr zur&#252;ckhaltend. Sie traute niemandem.

Mir h&#228;tte sie trauen k&#246;nnen, sagte Lenox mit einem Unterton von Bitterkeit.

Ja, sagte Poirot ernst, Ihnen h&#228;tte sie trauen k&#246;nnen. Aber Mademoiselle Katherine hat einen gro&#223;en Teil ihres Lebens mit Zuh&#246;ren verbracht, und diejenigen, die zugeh&#246;rt haben, finden es nicht leicht zu sprechen; sie behalten ihre Sorgen und Freuden f&#252;r sich und reden nicht dar&#252;ber.

Ich war eine dumme Gans, sagte Lenox, ich habe geglaubt, sie w&#228;re in Knighton verliebt. Ich h&#228;tte es besser wissen m&#252;ssen. Wahrscheinlich habe ich das geglaubt, weil  ich es gehofft habe.

Poirot nahm ihre Hand und dr&#252;ckte sie freundschaftlich. Courage, Mademoiselle, sagte er sanft.

Lenox schaute geradeaus aufs Meer, und ihr Gesicht hatte in seiner h&#228;sslichen Strenge f&#252;r einen Moment etwas von tragischer Sch&#246;nheit.

Na ja, sagte sie schlie&#223;lich, es w&#228;re nicht gut gegangen. Ich bin zu jung f&#252;r Derek; er ist wie ein Junge, der nie erwachsen geworden ist. Er braucht den Madonnentyp.

Wieder trat langes Schweigen ein. Dann wandte sich Lenox rasch und impulsiv dem Detektiv zu. Aber ich habe Ihnen wirklich geholfen, Monsieur Poirot  jedenfalls habe ich Ihnen geholfen.

Ja, Mademoiselle. Sie haben mir den ersten Schimmer der Wahrheit gezeigt, als Sie sagten, dass der M&#246;rder nicht unbedingt im Zug gewesen sein muss. Vorher hatte ich nicht gesehen, wie es gewesen sein k&#246;nnte.

Lenox holte tief Atem.

Ich freue mich, sagte sie, das ist wenigstens etwas.

Aus der Ferne t&#246;nte der lang gezogene Pfiff einer Lokomotive.

Das ist der verfluchte Blaue Express, sagte Lenox. Z&#252;ge haben etwas Gnadenloses, finden Sie nicht, Monsieur Poirot? Menschen werden ermordet und sterben, aber sie fahren einfach weiter. Ich rede Unsinn, aber Sie wissen, was ich meine.

Ja, ja, ich wei&#223;. Das Leben ist wie ein Zug, Mademoiselle. Es geht weiter. Und es ist gut, dass es weitergeht.

Warum?

Weil der Zug irgendwann einmal das Ende der Reise erreicht, und dazu gibt es ein Sprichwort in Ihrer Sprache, Mademoiselle.

<Am Ende der Reise treffen sich die Liebendem. Lenox lachte. F&#252;r mich wird das nicht stimmen.

Doch  doch, es stimmt. Sie sind jung, j&#252;nger, als Sie selbst wissen. Vertrauen Sie dem Zug, Mademoiselle; der Lokomotivf&#252;hrer ist n&#228;mlich le bon Dieu.

Wieder war das Pfeifen der Lokomotive zu h&#246;ren.

Vertrauen Sie dem Zug, Mademoiselle, murmelte Poi-rot wieder. Und vertrauen Sie Hercule Poirot  er wei&#223; Bescheid.



&#220;ber dieses Buch


Im Februar des Jahres 1927 reist Agatha Christie mit ihrer siebenj&#228;hrigen Tochter Rosalind auf die Kanarischen Inseln. Sie war zu dieser Zeit in schlechter Verfassung, denn die Scheidung von ihrem ersten Ehemann, Archi-bald Christie, stand bevor, und ihr fehlte die Lust am Schreiben. Nur widerwillig begann sie mit dem Roman The Mystery of the Blue Train. In ihrer Autobiographie lesen wir: Was mich zur Eile antrieb, das war der Wunsch, besser gesagt die Notwendigkeit, ein weiteres Buch zu schreiben und Geld zu verdienen. Das war der Moment, wo ich vom Amateur zum Profi &#252;berwechselte. Ich nahm die Last eines Berufes auf mich, der darin besteht, dass man schreiben muss, auch wenn einem nicht danach zumute ist.

Das Buch, das im M&#228;rz 1928 bei Collins in London herauskam, war ein gro&#223;er Erfolg, die Kritiker sprachen ausnahmslos positiv &#252;ber den Roman, den die Autorin selbst nie recht mochte. Die deutsche Erstausgabe erschien 1957 beim Scherz Verlag.

Die Widmung des Buches Zwei hervorragenden Mitgliedern des O. F. D. gewidmet  Carlotta und Peter bedarf der Erkl&#228;rung. O. F. D. steht f&#252;r Order of the Faithful Dogs (Orden der treuen Hunde). Nach ihrer Scheidung wurde Agatha Christie von manchen guten Freunden im Stich gelassen. Halb ernst, halb im Spa&#223; kam sie zusammen mit ihrer Sekret&#228;rin Charlotte Fischer, genannt Carlotta auf die Idee, Orden zu vergeben  wahre Freunde bekamen den O. F. D. erster Klasse, andere den Rattenorden dritter Klasse. Peter, dem das Buch gleichfalls gewidmet ist, d&#252;rfte ihr sprichw&#246;rtlich treuester Freund gewesen sein: ihr Drahthaar-Terrier.



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