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F&#252;r Priscilla,

Penny, Ellen, Jim und Tim


Juli



1


Ken Dolby stand am Instrumentenpult, und seine langen Finger strichen z&#228;rtlich &#252;ber die Schalthebel seiner Isabella. Er wartete, kostete den Moment noch ein wenig aus, schloss dann eine Sicherheitsabdeckung an der Konsole auf und legte einen kleinen roten Hebel um.

Kein Summen ert&#246;nte. Kein Ger&#228;usch wies darauf hin, dass der teuerste wissenschaftliche Apparat auf Erden soeben eingeschaltet worden war. Nur im dreihundert Kilometer entfernten Las Vegas wurden die glitzernden Lichter einen Hauch schw&#228;cher.

W&#228;hrend Isabella warm lief, sp&#252;rte Dolby nun ihre leichte Vibration durch den Fu&#223;boden. Er stellte sich die Maschine stets als Frau vor, und in seinen phantasievolleren Augenblicken hatte er sich sogar ausgemalt, wie sie aussah  gro&#223; und schlank, mit muskul&#246;sen Schultern, schwarz wie die W&#252;stennacht, schimmernd vor Schwei&#223;perlen. Isabella. Diese Gedanken teilte er mit niemandem  wozu sich l&#228;cherlich machen? F&#252;r die &#252;brigen Wissenschaftler, die an dem Projekt arbeiteten, war Isabella ein Ding, ein unbelebter Apparat, gebaut zu einem bestimmten Zweck. Aber Dolby hatte die Maschinen, die er erschuf, schon immer mit einer gewissen Z&#228;rtlichkeit be trachtet  seit er mit zehn Jahren sein erstes Radio aus einem Bausatz gebastelt hatte. Fred. So hatte das Radio gehei&#223;en. Und wenn er an Fred dachte, sah er einen dicken wei&#223;en Mann mit karottenrotem Haar. Der erste Computer, den er gebaut hatte, hie&#223; Betty  die in seiner Vorstellung aussah wie eine forsche, t&#252;chtige Sekret&#228;rin. Er konnte nicht erkl&#228;ren, weshalb seine Maschinen eine solche Pers&#246;nlichkeit annahmen  es war einfach so.

Und nun diese hier, der leistungsf&#228;higste Teilchenbeschleuniger der Welt Isabella.

Wie siehts aus?, fragte Hazelius, der Teamleiter, der nun zu ihm trat und ihm freundlich die Hand auf die Schulter legte.

Schnurrt wie ein K&#228;tzchen, sagte Dolby.

Gut. Hazelius richtete sich auf und wandte sich an das gesamte Team. Kommen Sie bitte mal alle her, ich habe Ihnen etwas zu sagen.

Es wurde still, als die anderen erwartungsvoll von ihren Arbeitspl&#228;tzen aufstanden. Hazelius durchquerte den kleinen Raum und stellte sich vor dem gr&#246;&#223;ten Plasmabildschirm auf. Klein, d&#252;nn und rastlos wie ein Nerz im K&#228;fig lief er kurz vor dem Bildschirm hin und her, bevor er sich mit strahlendem L&#228;cheln dem Team zuwandte. Dolby staunte immer wieder &#252;ber die charismatische Ausstrahlung dieses Mannes.

Meine lieben Freunde, begann Hazelius und blickte mit t&#252;rkisblauen Augen in die Runde. Wir schreiben das Jahr vierzehnhundertzweiundneunzig. Wir stehen am Bug der Santa Maria und beobachten den endlosen Horizont des Meeres, wenige Augenblicke, bevor die K&#252;ste der Neuen Welt in Sicht kommt. Heute ist der Tag, an dem wir &#252;ber diesen unbekannten Horizont hinaussegeln und am Ufer unserer eigenen Neuen Welt anlanden werden.

Er griff in seine handgefertigte Chapman-Tasche, die er stets mit sich herumtrug, und zog eine Flasche Veuve Clicquot hervor. Mit blitzenden Augen hielt er sie wie eine Troph&#228;e hoch und knallte sie dann auf den Tisch. Die ist f&#252;r sp&#228;ter, heute Abend, wenn wir den ersten Schritt auf den Strand getan haben. Denn heute Abend werden wir Isabella auf hundert Prozent hochfahren.

Diese Ank&#252;ndigung wurde schweigend aufgenommen. Kate Mercer, die stellvertretende Leiterin des Projekts, sprach als Erste. Hatten wir nicht geplant, erst drei Durchl&#228;ufe mit f&#252;nfundneunzig Prozent zu fahren?

Hazelius erwiderte l&#228;chelnd ihren Blick. Ich bin ungeduldig. Du etwa nicht?

Mercer strich sich das gl&#228;nzende schwarze Haar zur&#252;ck. Was, wenn wir eine unbekannte Resonanz erzeugen oder ein Schwarzes Mini-Loch?

Deine eigenen Berechnungen weisen nach, dass dieser Fall mit eins zu einer Quadrillion extrem unwahrscheinlich ist.

Meine Berechnungen k&#246;nnten falsch sein.

Deine Berechnungen sind nie falsch. Hazelius l&#228;chelte und wandte sich Dolby zu. Was meinen Sie? Ist sie so weit?

Worauf Sie sich verlassen k&#246;nnen.

Hazelius breitete fragend die H&#228;nde aus. Na dann?

Alle im Raum wechselten Blicke. Sollten sie es riskieren? Wolkonski, der russische Programmierer, brach das Eis. Ja, machen wirs! Er klatschte dem verbl&#252;fften Hazelius gegen die erhobene Hand, und dann fingen alle damit an, sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, die H&#228;nde zu sch&#252;tteln und einander zu umarmen wie eine Basketballmannschaft vor dem Spiel.


F&#252;nf Stunden und ebenso viele Tassen schlechten Kaffees sp&#228;ter stand Dolby vor dem riesigen Flachbildschirm. Er war noch dunkel  die Protonen-und Antiprotonen-Strahlen waren noch nicht miteinander in Kontakt gebracht worden. Es dauerte ewig, die Maschine hochzufahren und Isabellas supraleitende Magneten herunterzuk&#252;hlen, die gewaltige Stromst&#228;rken aushalten mussten. Dann konnte die Leistung nur in F&#252;nf-Prozent-Schritten gesteigert werden, da man st&#228;ndig die Strahlen fokussieren und kollimieren, die supraleitenden Magneten &#252;berpr&#252;fen und diverse Testprogramme laufen lassen musste, ehe man wiederum um f&#252;nf Prozent steigern konnte.

Neunzig Prozent, verk&#252;ndete Dolby.

Jesus, Schei&#223;e, sagte Wolkonski irgendwo hinter ihm und versetzte der Kaffeemaschine einen Schlag, dass sie klapperte wie der Zinnmann aus dem Zauberer von Oz. Schon wieder leer!

Dolby verkniff sich ein L&#228;cheln. W&#228;hrend der zwei Wochen, die sie hier auf der Mesa verbracht hatten, hatte Wolkonski sich als Klugschei&#223;er entpuppt  ein fauler, gammeliger Kerl ohne Manieren, dem zu viel Geld in den Hintern geschoben wurde; er hatte langes, fettiges Haar, trug zerrissene T-Shirts, und an seinem Kinn klebte ein Kl&#252;mpchen Bart, das an Schamhaar erinnerte. Er sah eher aus wie ein Drogens&#252;chtiger denn wie ein brillanter Software-Spezialist. Aber vielleicht waren die alle so.

Ein weiteres gelassenes Ticken der Uhr.

Strahlen ausgerichtet und fokussiert, sagte Rae Chen. Schwerpunktsenergie betr&#228;gt vierzehn Tera-Elektronenvolt.

Isabella macht gut, sagte Wolkonski.

Bei mir ist alles gr&#252;n, sagte Cecchini, der Teilchenphysiker.

Sicherheit, Mr. Wardlaw?

Der Sicherheitsbeauftragte, Wardlaw, meldete von seiner &#220;berwachungskonsole: Nur Kakteen und Kojoten, Sir.

Also sch&#246;n, sagte Hazelius. Es ist so weit. Er machte eine dramatische Pause. Ken? Bringen Sie die Strahlen zur Kollision.

Dolby sp&#252;rte, wie sein Herz einen Satz machte. Er legte die spinnenartigen Finger an die Konsole und justierte die Regler; seine Ber&#252;hrung war so feinf&#252;hlig wie die eines Pianisten. Dann tippte er rasch einige Befehle auf der Tastatur.

Kontakt.

Auf einen Schlag erwachten die riesigen Flachbildschirme &#252;berall um sie herum zum Leben. Ein beinahe singendes Ger&#228;usch hing pl&#246;tzlich in der Luft, das von &#252;berall und nirgends zu kommen schien.

Was ist das?, fragte Mercer erschrocken.

Eine Billion Partikel, die durch die Detektoren geblasen werden, sagte Dolby. Die K&#252;hlung erzeugt hohe Vibrationen.

Himmel, das h&#246;rt sich an wie der Monolith aus Odyssee im Weltraum.

Wolkonski gackerte wie ein Affe. Alle ignorierten ihn.

Ein Bild erschien auf dem zentralen Monitor, dem sogenannten Visualizer. Dolby starrte wie gebannt darauf. Es sah aus wie eine riesige Blume  flackernde, farbige Strahlen, die von einem einzigen Punkt ausgingen und sich verzerrten und wanden, als wollten sie sich von dem Bildschirm losrei&#223;en. Ehrf&#252;rchtig stand er vor diesem Bild intensivster Sch&#246;nheit.

Kontakt erfolgreich, sagte Rae Chen. Strahlen kollimiert. Lieber Himmel, das war perfekt!

Freudenrufe und vereinzeltes H&#228;ndeklatschen ert&#246;nten.

Meine Damen und Herren, sagte Hazelius, willkommen in der Neuen Welt. Er deutete auf den Visualizer. Sie sehen vor sich eine Energiedichte, wie es sie seit dem Urknall in diesem Universum nicht mehr gegeben hat. Er wandte sich Dolby zu. Ken, bitte die Leistung in Zehntelschritten auf neunundneunzig erh&#246;hen.

Das &#228;therische Summen wurde noch ein wenig lauter, als Dolby sich an der Tastatur zu schaffen machte. Sechsundneunzig, sagte er.

Schwerpunktsenergie siebzehn Komma vier TeV, sagte Chen.

Siebenundneunzig  Achtundneunzig.

Angespanntes Schweigen senkte sich &#252;ber das Team, einzig das Summen erf&#252;llte nun den unterirdischen Kontrollraum; es klang, als singe der Berg um sie herum.

Strahlen noch im Fokus, sagte Chen. Schwerpunktsenergie zweiundzwanzig Komma f&#252;nf TeV.

Neunundneunzig.

Isabellas Summen klang immer h&#246;her und reiner.

Moment mal, sagte Wolkonski und beugte sich &#252;ber die Workstation des Supercomputers. Isabella ist  langsam.

Dolby fuhr herum. Mit der Hardware ist alles in Ordnung. Das muss eine weitere Software-Panne sein.

Software ist keine Problem, sagte Wolkonski.

Vielleicht sollten wir hier aufh&#246;ren, sagte Mercer. Irgendwelche Hinweise auf Entstehung eines Schwarzen Mini-Lochs?

Nein, antwortete Chen. Keine Spur von Hawking-Strahlung.

Neunundneunzig Komma f&#252;nf, sagte Dolby.

Ich bekomme hier einen Teilchenjet von zweiundzwanzig Komma sieben, sagte Chen.

Welcher Art?, fragte Hazelius.

Eine unbekannte Resonanz. Seht euch das mal an.

An der Blume auf dem Visualizer hatten sich zwei flackernde rote Halbkreise gebildet, wie zwei verr&#252;ckte Clownsohren.

Inelastische Streuung, sagte Hazelius. Gluonen vielleicht. K&#246;nnte ein Anzeichen von Kaluza-Klein-Gravitation sein.

Unm&#246;glich, sagte Chen. Nicht bei dieser Schwerpunktsenergie.

Neunundneunzig Komma sechs.

Gregory, ich glaube, wir sollten nicht weiter hochfahren, sagte Mercer. Hier passiert auf einmal alles M&#246;gliche.

Nat&#252;rlich sehen wir unbekannte Resonanzen, sagte Hazelius, der nicht lauter sprach als die anderen, dessen Stimme aber dennoch besonders deutlich klang. Wir sto&#223;en in unbekanntes Terrain vor.

Neunundneunzig Komma sieben, verk&#252;ndete Dolby. Er hatte volles Vertrauen in seine Maschine. Er konnte sie auf hun dert Prozent bringen und dar&#252;ber hinaus, falls n&#246;tig. Er fand die Vorstellung aufregend, dass sie gerade fast ein Viertel der Turbinenleistung des Hoover-Staudamms auffra&#223;en. Deshalb mussten sie ihre Versuche auch mitten in der Nacht durch f&#252;hren  wenn alle anderen am wenigsten Strom brauchten.

Neunundneunzig Komma acht.

Wir haben hier eine richtig gro&#223;e, unbekannte Wechselwirkung, meldete Mercer.

Was los, du St&#252;ck Schei&#223;e?, br&#252;llte Wolkonski den Computer an.

Ich sage euch, wir n&#228;hern uns gerade einem Kaluza-Klein-Raum an, sagte Chen. Das ist unglaublich.

Auf dem gro&#223;en Monitor mit der Blume begann es zu schneien.

Isabella machte komisch, sagte Wolkonski.

Inwiefern?, fragte Hazelius von seinem Standpunkt in der Mitte des Kontrollraums.

Klebrig wie Muschi.

Dolby verdrehte die Augen. Wolkonski war echt das Letzte. Bei mir ist alles klar.

Wolkonski hackte w&#252;tend auf der Tastatur herum, fluchte dann auf Russisch und schlug heftig mit der flachen Hand gegen seinen Monitor.

Gregory, meinst du nicht, wir sollten sie herunterfahren?, dr&#228;ngte Mercer.

Noch eine Minute, sagte Hazelius.

Neunundneunzig Komma neun, sagte Dolby. S&#228;mtliche Augen im Raum, vor f&#252;nf Minuten noch schlaftrunken, waren nun weit aufgerissen. Nur Dolby war ganz entspannt.

Ich sage, Kate hat recht, erkl&#228;rte Wolkonski. Gef&#228;llt mir nicht, wie Isabella macht. Wir starte Abschaltsequenz.

Ich &#252;bernehme die volle Verantwortung, sagte Hazelius. Wir sind noch locker innerhalb der Spezifikationen. Der Datenstrom von zehn Terabits pro Sekunde ist ihr ein bisschen zu happig, weiter nichts.

Happig? Was sein happig?

Hundert Prozent Leistung, sagte Dolby mit einem Hauch Selbstzufriedenheit in der entspannten Stimme.

Schwerpunktsenergie betr&#228;gt siebenundzwanzig Komma eins acht zwei acht TeV, meldete Chen.

Schneeflocken sprenkelten die Monitore. Das singende Summen erf&#252;llte den Raum wie eine Stimme aus dem Jenseits. Die Blume auf dem Visualizer waberte und dehnte sich aus. Ein schwarzer Punkt, wie ein Loch, erschien in der Mitte.

Ho!, rief Chen. Verlust s&#228;mtlicher Daten f&#252;r K-Null.

Die Blume flackerte. Dunkle Streifen schossen hindurch.

Das ist verr&#252;ckt, sagte Chen. Ich mache keine Witze, die Daten verschwinden.

Nicht m&#246;glich, erwiderte Wolkonski. Daten nicht verschwinden. Teilchen ist verschwindet.

So ein Bl&#246;dsinn. Teilchen verschwinden hier nicht.

In Ernst, Teilchen ist verschwindet.

Software-Problem?, fragte Hazelius.

Keine Software-Problem, sagte Wolkonski laut. Hardware-Problem.

Fick dich ins Knie, brummte Dolby.

Gregory, Isabella zerst&#246;rt vielleicht gleich die D-Brane, sagte Mercer. Ich finde wirklich, wir sollten jetzt abschalten.

Der schwarze Punkt wuchs, dehnte sich aus und begann, das Bild auf dem Monitor zu verschlucken. An den R&#228;ndern flimmerten wie verr&#252;ckt intensive Farben.

Die Zahlen sind irre, sagte Chen. Ich habe eine Raum-Zeit-Kr&#252;mmung genau bei K-Null. Sieht aus wie irgendeine Singularit&#228;t. Vielleicht erschaffen wir gerade ein Schwarzes Loch.

Unm&#246;glich, sagte Alan Edelstein, der Mathematiker im Team, und blickte von der Workstation in der Ecke auf, &#252;ber die er sich die ganze Zeit &#252;ber still gebeugt hatte. Es gibt keinerlei Hinweis auf Hawking-Strahlung.

Ich schw&#246;re bei Gott, rief Chen, wir rei&#223;en gerade ein Loch in die Raumzeit!

Auf dem Monitor, der die Daten in Echtzeit anzeigte, rasten die Symbole und Zahlen durch wie ein Expresszug. Auf dem gro&#223;en Monitor &#252;ber ihnen war die pulsierende Blume verschwunden und hatte ein schwarzes Nichts hinterlassen. Dann entstand Bewegung in dieser Leere  gespenstisch, fledermausartig. &#220;berrascht starrte Dolby hinauf.

Verdammt, Gregory, abschalten!, rief Mercer.

Isabella reagiert nicht Input!, br&#252;llte Wolkonski. Ich verlieren Core Routines!

Einen Moment noch, bis wir herausfinden, was hier los ist, sagte Hazelius.

Weg! Isabella weg!, schrie der Russe, warf die H&#228;nde in die H&#246;he und lie&#223; sich mit einem angewiderten Ausdruck auf dem knochigen Gesicht in seinen Sessel fallen.

Bei mir ist immer noch alles im gr&#252;nen Bereich, sagte Dolby. Es kann sich nur um einen massiven Software-Fehler handeln. Er wandte sich wieder dem Visualizer zu. Ein Bild erschien nun in der Leere, so seltsam, so sch&#246;n, dass er es zuerst gar nicht begreifen konnte. Er blickte sich um, doch niemand sonst sah es; alle waren auf ihre eigenen Kontrollpulte konzentriert.

He, entschuldigt mal  wei&#223; jemand, was das da auf dem Monitor sein soll?, fragte Dolby.

Niemand antwortete ihm. Niemand blickte auf. Alle arbeiteten wie besessen. Die Maschine gab einen seltsamen Gesang von sich.

Ich bin ja nur der Ingenieur, sagte Dolby, aber hat eines von euch Theorie-Genies eine Ahnung, was das ist? Alan, ist das  normal?

Alan Edelstein blickte beil&#228;ufig von seiner Workstation auf. Das sind nur Zufallsdaten, sagte er.

Was soll das hei&#223;en, Zufallsdaten? Das Ding hat doch eine Form!

Der Computer spinnt. Das k&#246;nnen nur noch Zufallsdaten sein.

F&#252;r mich sieht das aber gar nicht zuf&#228;llig aus. Dolby starrte den Monitor an. Es bewegt sich. Da ist etwas, ich sage es euch  es sieht beinahe lebendig aus, als w&#252;rde es versuchen, da herauszukommen. Gregory, sehen Sie das?

Hazelius blickte zu dem Visualizer auf, stutzte und machte ein &#252;berraschtes Gesicht. Er drehte sich um. Rae? Was ist denn mit dem Visualizer los?

Keine Ahnung. Ich bekomme st&#228;ndig koh&#228;rente Daten von den Detektoren. Bei mir sieht es nicht so aus, als sei Isabella abgest&#252;rzt.

Wie w&#252;rden Sie das Ding auf dem Monitor interpretieren?

Chen blickte auf, und ihre Augen weiteten sich. Himmel. Ich habe keine Ahnung.

Es bewegt sich, sagte Dolby. Es  Na ja, ich glaube, es wird deutlicher.

Die Detektoren sangen, und ihr hohes Summen lie&#223; den Raum vibrieren.

Rae, das ist nur Datenschrott, erwiderte Edelstein. Der Computer ist abgest&#252;rzt  wie k&#246;nnte er da noch echte Daten liefern?

Ich wei&#223; nicht, ob das wirklich Schrott ist, sagte Hazelius, der immer noch den Monitor anstarrte. Michael, was meinen Sie?

Der Teilchenphysiker starrte wie gebannt auf das Bild. Das verstehe ich nicht. Die Farben und Formen korrespondieren &#252;berhaupt nicht mit irgendwelchen Teilchenladungen oder -klassen. Es ist nicht mal radial um K-Null zentriert  sieht aus wie eine seltsame, magnetisch gebundene Plasmawolke.

Ich sage euch, dr&#228;ngte Dolby, es bewegt sich, es kommt heraus. Das ist wie ein  Herrgott, was zum Teufel ist das? Er kniff fest die Augen zu, k&#228;mpfte gegen Kopfschmerz und Ersch&#246;pfung. Vielleicht hatte er schon Halluzinationen. Er &#246;ffnete die Augen. Das Ding war immer noch da  und dehnte sich weiter aus.

Abschalten! Sofort Isabella abschalten!, schrie Mercer.

Pl&#246;tzlich war nur noch flimmernder Grie&#223; zu sehen, dann wurde der Monitor pechschwarz.

Was zur H&#246;lle ?, rief Chen und tippte hektisch auf ihrer Tastatur herum. Ich habe keinen Zugriff mehr!

Mitten auf dem Monitor erschienen langsam zwei Worte. Schweigen senkte sich &#252;ber die Gruppe, alle starrten hinauf. Sogar Wolkonski, der vor Aufregung recht laut geworden war, verstummte mitten im Wort. Niemand r&#252;hrte sich.

Dann begann Wolkonski zu lachen, ein angespanntes, schrilles Lachen, hysterisch, verzweifelt.

Dolby packte die Wut. Du Schei&#223;kerl, du hast das getan.

Wolkonski sch&#252;ttelte den Kopf, dass seine fettigen Locken flogen.

Findest du das etwa komisch?, fragte Dolby und stand mit geballten F&#228;usten von seiner Workstation auf. Du beschissener Hacker ruinierst ein Vierzig-Milliarden-Dollar-Projekt und findest das komisch?

Ich nichts hacken, sagte Wolkonski und wischte sich den Mund ab. Halt deine Maul.

Dolby drehte sich zu den anderen um. Wer war das? Wer hat an Isabella herumgespielt? Dann drehte er sich wieder zu dem Visualizer um und las laut die beiden Worte vor, die dort in der Schw&#228;rze hingen  vor lauter Wut spuckte er sie f&#246;rmlich aus. SEID GEGR&#220;SST.

Er wandte sich ab. Ich bringe den Schei&#223;kerl um, der das getan hat.


September



2


Wyman Ford blickte sich im B&#252;ro von Dr. Stanton Lockwood III. um, dem wissenschaftlichen Berater des Pr&#228;sidenten, der seinen Amtssitz in der 17th Street hatte. Aus langj&#228;hriger Erfahrung in Washington wusste Ford, dass ein solches B&#252;ro zwar stets so eingerichtet war, dass es den &#228;u&#223;eren Eindruck, die &#246;ffentliche Persona eines Menschen, repr&#228;sentierte, doch irgendetwas darin verriet einem immer auch ein wenig &#252;ber die wahre Pers&#246;nlichkeit. Ford lie&#223; den Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach diesem Geheimnis.

Das B&#252;ro war in dem Stil eingerichtet, den Ford als WWMM bezeichnete  Wichtiger Washingtoner Machtmensch. Die Antiquit&#228;ten waren s&#228;mtlich echt und von allerbester Qualit&#228;t, von dem Schreibtisch im Stil des zweiten Empire, so m&#228;chtig und h&#228;sslich wie ein Hummer-Jeep, bis hin zu der vergoldeten franz&#246;sischen Kaminuhr und dem dezenten Sultanabad-Teppich. Alles in diesem Raum hatte ein verdammtes Verm&#246;gen gekostet. Und nat&#252;rlich war da noch die obligatorische Wand, an der gerahmte Diplome, Ehrenurkunden, Auszeichnungen und Fotos des B&#252;roinhabers mit diversen Pr&#228;sidenten, Botschaftern und Mitgliedern der Regierung zur Schau gestellt wurden.

Stanton Lockwood wollte, dass die Welt ihn als bedeutenden und wohlhabenden Mann wahrnahm, einflussreich, aber diskret. Doch Ford nahm vor allem wahr, wie grimmig Lockwood sich um diesen Eindruck bem&#252;hte. Hier hatte er es mit einem Mann zu tun, der wild entschlossen war, etwas zu sein, das er nicht ist.

Lockwood wartete, bis sein Gast Platz genommen hatte, bevor er sich auf dem Sessel auf der anderen Seite der Sitzecke niederlie&#223;. Er schlug ein Bein &#252;ber und strich mit langen, wei&#223;en Fingern &#252;ber die B&#252;gelfalte seiner Hose. Sparen wir uns die &#252;blichen Washingtoner Formalit&#228;ten, sagte er. Nennen Sie mich Stan.

Wyman. Er lehnte sich zur&#252;ck und musterte Lockwood: gutaussehend, Ende f&#252;nfzig, mit einem Hundert-Dollar-Haarschnitt, die Fitnessstudio-Figur in einem anthrazitfarbenen Anzug bestens zur Geltung gebracht. Vermutlich Squashspieler. Sogar das Foto auf dem Schreibtisch von drei perfekten, flachsblonden Kindern mit ihrer attraktiven Mutter wirkte so individuell wie die Aktienfonds-Werbung einer Bank.

Also, begann Lockwood in einem Kommen-wir-zur-Sache-Tonfall. Ich habe nur das Beste &#252;ber Sie geh&#246;rt, Wyman, von Ihren ehemaligen Kollegen in Langley. Dort bedauert man Ihren Weggang sehr.

Ford nickte.

Es ist schrecklich, was Ihrer Frau zugesto&#223;en ist. Mein aufrichtiges Beileid.

Ford zwang seinen K&#246;rper, sich nicht zu versteifen. Er wusste bis heute nicht, wie er damit umgehen sollte, wenn jemand seine verstorbene Frau erw&#228;hnte.

Man hat mir berichtet, Sie h&#228;tten zwei Jahre in einem Kloster verbracht.

Fast drei Jahre.

Aber das Leben im Kloster war dann doch nichts f&#252;r Sie?

Nur ganz spezielle Menschen eignen sich wirklich zum M&#246;nch.

Sie haben also das Kloster verlassen und sich selbst&#228;ndig gemacht.

Man muss schlie&#223;lich von irgendetwas leben.

Und, schon interessante F&#228;lle?

&#220;berhaupt keinen Fall bisher. Sie sind mein erster Klient  falls es bei dieser Besprechung um einen Auftrag geht.

So ist es. Ich habe eine besondere Aufgabe f&#252;r Sie, und Sie m&#252;ssten sofort anfangen. Ich werde Sie zehn Tage brauchen, vielleicht auch zwei Wochen.

Ford nickte.

Es gibt da einen kleinen Haken, den ich lieber gleich offen ansprechen m&#246;chte. Sobald ich Ihnen Einzelheiten &#252;ber diesen Auftrag genannt habe, d&#252;rfen Sie ihn nicht mehr ablehnen. Ihr Einsatzgebiet befindet sich in den Vereinigten Staaten, es besteht keinerlei Risiko, und der Auftrag wird nicht schwer zu erf&#252;llen sein  zumindest meiner Ansicht nach. Aber ob Sie es schaffen oder versagen, Sie d&#252;rfen niemals dar&#252;ber sprechen, also f&#252;rchte ich, Sie werden Ihre Referenzenliste nicht damit schm&#252;cken k&#246;nnen.

Und die Bezahlung?

Einhunderttausend Dollar in bar, unter der Hand, plus ein offizielles Honorar nach G-elf, Ihrem verdeckten Einsatz angemessen. Er zog die Augenbrauen hoch. Wollen Sie mehr h&#246;ren?

Er z&#246;gerte nicht. Nur zu.

Sehr sch&#246;n. Lockwood zog eine Aktenmappe aus dem Stapel. Wie ich sehe, haben Sie in Harvard einen Abschluss in Ethnologie gemacht. Wir brauchen einen Ethnologen.

Dann f&#252;rchte ich, dass ich doch nicht der Richtige f&#252;r Sie bin. In Ethnologie habe ich nur den Bachelor gemacht. Dann bin ich ans MIT und habe dort in Kybernetik promoviert. Bei meiner T&#228;tigkeit f&#252;r die CIA hatte ich es haupts&#228;chlich mit Kryptologie und Computern zu tun.

Lockwood machte eine wegwerfende Handbewegung, wobei sein Princeton-Ring im Licht aufblitzte. Nicht wichtig. Sagt Ihnen das, &#228;h, Isabella-Projekt etwas?

Wer h&#228;tte davon noch nicht geh&#246;rt?

Dann verzeihen Sie, wenn ich etwas wiederhole, was Sie vielleicht schon wissen. Isabella wurde vor &#252;ber zwei Monaten fertiggestellt  f&#252;r insgesamt vierzig Milliarden Dollar. Ein ungeheuer leistungsf&#228;higer Teilchenbeschleuniger der zweiten Generation f&#252;r Super-Collider-Experimente. Er wurde gebaut, um die Energieverh&#228;ltnisse des Urknalls zu erforschen und irgendwelche exotischen Ideen f&#252;r die Energiegewinnung zu testen. Das ist das Lieblingsprojekt unseres Pr&#228;sidenten  die Europ&#228;er haben schlie&#223;lich gerade den Large Hadron Collider beim CERN fertiggebaut, und er wollte die amerikanische F&#252;hrung in der Teilchenphysik nicht einfach abgeben.

Selbstverst&#228;ndlich.

Die Finanzierung von Isabella war nicht einfach. Die Linken haben st&#228;ndig gen&#246;rgelt, wir sollten das Geld lieber f&#252;r die Krummen und Lahmen ausgeben. Die Rechten haben gejammert, das sei nur ein weiteres Milliardengrab f&#252;r Steuergelder. Der Pr&#228;sident musste zwischen Scylla und Charybdis herumman&#246;vrieren, aber er hat Isabella beim Kongress durchgeboxt und bis zur Fertigstellung begleitet. Er betrachtet sie als sein Verm&#228;chtnis an die Welt und will unbedingt, dass dort alles glattl&#228;uft.

Zweifellos.

Isabella ist, vereinfacht ausgedr&#252;ckt, ein ringf&#246;rmiger Tunnel, &#252;ber neunzig Meter tief in der Erde versenkt und f&#252;nfundsiebzig Kilometer lang, in dem Protonen und Antiprotonen in gegens&#228;tzliche Richtungen mit ann&#228;hernd Lichtgeschwindigkeit im Kreis herumsausen. Wenn die Partikel zur Kollision gebracht werden, entstehen Energiedichten, wie es sie nicht mehr gegeben hat, seit das Universum eine Millionstelsekunde alt war.

Beeindruckend.

Wir haben den perfekten Standort daf&#252;r gefunden  die Red Mesa, einen knapp tausenddreihundert Quadratkilometer gro&#223;en Tafelberg im Navajo-Reservat, gesch&#252;tzt von sechshundert Meter hohen Felsklippen und mit zahllosen Stollen aufgegebener Kohlenbergwerke durchzogen, die wir f&#252;r den Bau unterirdischer Arbeitsr&#228;ume und Tunnel nutzen konnten. Die amerikanische Regierung entrichtet eine j&#228;hrliche Pacht von sechs Millionen an den Stammesrat der Navajo in Window Rock, Arizona  ein Arrangement, mit dem alle Beteiligten sehr zufrieden sind. Die Red Mesa ist unbewohnt, und nur eine Stra&#223;e f&#252;hrt hinauf. Am Fu&#223; des Berges gibt es ein paar Navajo-Siedlungen. Diese Leute sind ihren Traditionen verhaftet  die meisten von ihnen sprechen noch Navajo und leben von der Schafhaltung und der Herstellung von Teppichen und Schmuck. Das w&#228;re erst einmal der Hintergrund.

Ford nickte. Und wo liegt das Problem?

In den vergangenen Wochen hat ein selbsternannter Medizinmann die Leute gegen Isabella aufgehetzt, Fehlinformationen verbreitet und Ger&#252;chte gestreut. Er gewinnt immer mehr Anh&#228;nger. Ihre Aufgabe ist es, dieses Problem zu l&#246;sen.

Was unternimmt der Stammesrat der Navajo in dieser Angelegenheit?

Nichts. Diese sogenannte Regierung, das Navajo Tribal Government, ist schwach. Der ehemalige Vorsitzende wurde wegen Unterschlagung verurteilt, und der neue Vorsitzende hat sein Amt gerade erst angetreten. Mit diesem Medizinmann m&#252;ssen Sie schon allein fertig werden.

Erz&#228;hlen Sie mir mehr &#252;ber ihn.

Er hei&#223;t Begay, Nelson Begay. Alter unklar  wir konnten keine Geburtsurkunde auftreiben. Er behauptet, das Isabella-Projekt entweihe eine alte Begr&#228;bnisst&#228;tte und die Indianer ben&#246;tigten die Red Mesa als Weideland und so weiter. Er organisiert gerade einen Protestmarsch oder vielmehr Protestritt. Lockwood zog einen fleckigen Flyer aus einer weiteren Mappe. Hier ist eines seiner Machwerke.

Die schlechte Fotokopie zeigte einen Mann zu Pferde, der ein Schild hochhielt.


REITET ZUR RED MESA!


STOPPT ISABELLA!


14. und 15. September


Sch&#252;tzt das Din&#233; Bikeyah, das Land unseres Volkes! Die Red Mesa, Dzilth Ch&#237;&#237;, ist die Heimat der heiligen Bl&#252;tenstaubfrau, die Bl&#252;ten und Samen hervorbringt. ISABELLA ist eine todbringende Wunde in ihrem Fleisch, die alles mit Strahlung verseucht und Mutter Erde vergiftet.


Reitet mit uns zur Red Mesa. Wir treffen uns vor dem Gemeindehaus von Blue Gap, am 14. Sept. um 9 Uhr. Wir reiten den Dugway hinauf zum alten Nakai-Rock-Handelsposten. Am Nakai Rock Lager mit Schwitzh&#252;tte und Heilungsritual. Wir befreien das Land durch unsere Gebete.


Ihr Auftrag lautet, sich als Ethnologe dem wissenschaftlichen Team anzuschlie&#223;en und gute Beziehungen zur &#246;rtlichen Bev&#246;lkerung aufzubauen, sagte Lockwood. Gehen Sie auf deren Sorgen ein. Werden Sie ihr bester Freund, und beruhigen Sie die Leute.

Und wenn das nicht funktioniert?

Neutralisieren Sie Begays Einfluss.

Wie denn?

Graben Sie seine schmutzige Vergangenheit aus, lassen Sie ihn volllaufen, fotografieren Sie ihn mit einem Maulesel im Bett, ist mir vollkommen egal.

Ich betrachte das als misslungenen Versuch, zu scherzen.

Ja, ja, nat&#252;rlich. Sie sind der Ethnologe; Sie sollten wissen, wie man mit diesen Leuten umgeht. Lockwoods L&#228;cheln war glatt, nichtssagend.

Unbehagliches Schweigen dehnte sich aus. Ford fragte schlie&#223;lich: Und was ist mein eigentlicher Auftrag?

Lockwood faltete die H&#228;nde wie zum Gebet und beugte sich vor. Das L&#228;cheln wurde breiter. Herausfinden, was zum Teufel wirklich da drau&#223;en los ist.

Ford wartete ab.

Die Ethnologen-Nummer ist nur Ihre Tarnung. Ihr eigentlicher Auftrag muss absolut geheim bleiben.

Verstanden.

Isabella h&#228;tte vor acht Wochen kalibriert und betriebsbereit sein sollen, aber sie werkeln immer noch daran herum. Sie behaupten, sie bek&#228;men sie nicht richtig zum Laufen. Sie kommen uns mit jeder erdenklichen Ausrede  Software-Probleme, fehlerhafte Magnetspulen, leckes Dach, gerissene Kabel, Computerfehler. Was immer ihnen einf&#228;llt. Zuerst habe ich ihnen das abgekauft, aber inzwischen bin ich sicher, dass sie mir die wahre Geschichte verschweigen. Da stimmt etwas nicht  und ich glaube, die tischen uns eine L&#252;ge nach der anderen auf.

Erz&#228;hlen Sie mir etwas &#252;ber diese Leute.

Lockwood lehnte sich zur&#252;ck und holte tief Luft. Wie Sie sicher wissen, stammt das Konzept f&#252;r Isabella von einem Physiker namens Gregory North Hazelius, der sein handverlesenes Team auch selbst leitet. Die besten, kl&#252;gsten K&#246;pfe, die Amerika zu bieten hat. Das FBI hat sie gr&#252;ndlich &#252;berpr&#252;ft, und an ihrer Loyalit&#228;t kann es keine Zweifel geben. Zus&#228;tzlich sind ein hochrangiger Sicherheitsbeamter vom Energieministerium und ein Psychologe vor Ort.

Energieministerium? Was haben die denn damit zu tun?

Eines der Forschungsziele des Isabella-Projekts ist die Suche nach exotischen neuen Formen der Energiegewinnung  Fusionen, Schwarze Mini-L&#246;cher, Studien mit Antimaterie und so weiter. Offiziell untersteht die ganze Sache dem Energieministerium, aber  wenn ich offen sprechen darf  leite ich im Moment die Show.

Und der Psychologe? Was spielt der f&#252;r eine Rolle?

Da drau&#223;en ist es wie beim Manhattan-Projekt  isolierte Lage, hohe Sicherheitsstufe, lange Arbeitszeiten, keine Angeh&#246;rigen auf dem Gel&#228;nde erlaubt. Das ergibt hohe Stressbelastung. Wir wollten sicherstellen, dass uns niemand durchdreht.

Ich verstehe.

Das Team ist vor sechs Wochen da hinausgezogen, um Isabella betriebsbereit zu machen. Das h&#228;tte h&#246;chstens zwei Wochen dauern sollen, aber sie sind immer noch nicht fertig.

Ford nickte.

Aber sie verbrauchen gewaltige Mengen Elektrizit&#228;t  bei Spitzenleistung verschlingt Isabella so viel Megawatt wie eine mittelgro&#223;e Stadt. Sie lassen die Maschine immer wieder mit hundert Prozent Leistung laufen, behaupten aber die ganze Zeit &#252;ber, sie w&#252;rde nicht funktionieren. Wenn ich versuche, Hazelius Einzelheiten aus der Nase zu ziehen, hat er f&#252;r alles eine plausible Antwort. Der wickelt einen um den Finger und bringt einen so weit, dass man ihm Schwarz als Wei&#223; abkauft. Aber da stimmt etwas nicht, und sie vertuschen es. Es k&#246;nnte ein technisches Problem sein, ein Software-Problem oder  bei Gott nicht unwahrscheinlich  ein menschliches Problem. Aber das darf nicht ausgerechnet jetzt sein. Wir haben schon September. In zwei Monaten findet die Pr&#228;sidentschaftswahl statt. Das w&#228;re ein katastrophaler Zeitpunkt f&#252;r einen Skandal.

Woher kommt der Name Isabella?

Der Chefingenieur, Dolby, der Mann, der das Designteam leitet, hat die Maschine so genannt. Und der Name ist irgendwie h&#228;ngengeblieben  h&#246;rte sich eben viel besser an als SSCII, die offizielle Bezeichnung. Vielleicht ist Isabella der Name seiner Freundin oder so.

Sie haben einen hohen Sicherheitsbeamten erw&#228;hnt. Woher kommt er genau?

Tony Wardlaw hei&#223;t der Mann. War fr&#252;her bei den Special Forces, hat sich in Afghanistan bew&#228;hrt und ist dann zur Sicherheitsabteilung des Energieministeriums gewechselt. Erstklassiger Mann.

Ford dachte einen Moment nach und sagte dann: Stan, ich verstehe immer noch nicht ganz, warum Sie das Gef&#252;hl haben, dass die Ihnen nicht die Wahrheit sagen. Vielleicht haben sie tats&#228;chlich die Schwierigkeiten, die Sie vorhin erw&#228;hnt haben.

Wyman, ich bin der beste L&#252;gendetektor in der ganzen Stadt, und die Sache in Arizona riecht f&#252;r mich nicht nach Chanel Nummer f&#252;nf. Er beugte sich vor. Kongressabgeordnete aus beiden Lagern wetzen schon die Messer. Die erste Runde haben sie verloren. Jetzt wittern sie eine zweite Chance.

Typisch Washington: Man baut einen Apparat f&#252;r vierzig Milliarden Dollar und kappt dann die Gelder, mit denen er betrieben werden sollte.

Genau so ist es, Wyman. Die einzige Konstante in dieser Stadt ist ihre Sehnsucht nach Bl&#246;dheit. Ihr Auftrag lautet also, herauszufinden, was da wirklich vor sich geht, und mir pers&#246;nlich Bericht zu erstatten. Das ist alles. Handeln Sie keinesfalls eigenst&#228;ndig. Wir &#252;bernehmen das von hier aus.

Er trat an seinen Schreibtisch, holte einen Stapel Dossiers aus einer Schublade und lie&#223; sie mit lautem Klatschen neben das Telefon fallen. Die Akten &#252;ber s&#228;mtliche Wissenschaftler. Medizinische Befunde, psychologische Gutachten, religi&#246;se Anschauungen  sogar au&#223;ereheliche Aff&#228;ren, alles hier drin. Er l&#228;chelte freudlos. Die haben wir von der NSA, und Sie wissen ja, wie gr&#252;ndlich die sind.

Ford betrachtete die oberste Mappe und schlug sie dann auf. An die Innenseite geheftet war ein Foto von Gregory North Hazelius, in dessen leuchtend blauen Augen ein r&#228;tselhafter Ausdruck von Belustigung tanzte.

Hazelius  kennen Sie ihn pers&#246;nlich?

Ja. Lockwood senkte die Stimme. Und ich m&#246;chte Sie  vor ihm warnen.

Inwiefern?

Er hat so eine Art, sich auf einen zu konzentrieren; er schmeichelt Ihnen und gibt Ihnen das Gef&#252;hl, etwas ganz Besonderes zu sein. Sein Verstand brennt f&#246;rmlich, so intensiv, dass er die Leute damit in seinen Bann schl&#228;gt. Jede noch so beil&#228;ufige Bemerkung von ihm scheint vor verborgener Bedeutsamkeit zu triefen. Ich habe schon erlebt, wie er die Leute auf etwas so Gew&#246;hnliches wie Flechten auf einem Felsen hingewiesen und auf eine Art dar&#252;ber gesprochen hat, die einem das Gef&#252;hl gab, diese Flechten seien ganz au&#223;ergew&#246;hnlich und voll geheimer Wunder. Er &#252;bersch&#252;ttet einen f&#246;rmlich mit Aufmerksamkeit und gibt einem das Gef&#252;hl, der wichtigste Mensch auf der Welt zu sein. Seine Art ist unwiderstehlich  etwas, das man nicht in einem Dossier darstellen kann. Das mag seltsam klingen, aber es ist  es f&#252;hlt sich beinahe an, als verliebe man sich, wenn dieser Mann einen in seinen Bann zieht und &#252;ber die gew&#246;hnliche Welt hinaushebt. Sie m&#252;ssen das selbst erlebt haben, um es zu verstehen. Ich wollte Sie nur warnen. Wahren Sie innerlich Distanz zu ihm.

Er hielt inne und sah Ford an. Der ged&#228;mpfte Verkehrsl&#228;rm, Hupen und Stimmengewirr von der Stra&#223;e drau&#223;en sickerten in die Stille des B&#252;ros. Ford verschr&#228;nkte die H&#228;nde hinter dem Kopf und sah Lockwood &#252;ber den Couchtisch hinweg an. Normalerweise w&#228;re eine solche Ermittlung Sache des FBI oder der Sicherheitsabteilung des Energieministeriums. Warum ich?

Ist das nicht offensichtlich? In zwei Monaten findet die Pr&#228;sidentschaftswahl statt. Der Pr&#228;sident will, dass die Angelegenheit schnell in Ordnung gebracht wird, ohne jedes Aufsehen, ohne eine Spur in den Akten. Er braucht schnelle Antworten und zugleich die Sicherheit, jegliches Wissen dar&#252;ber &#246;ffentlich abstreiten zu k&#246;nnen. Wenn Sie Mist bauen, kennen wir Sie nicht. Wenn Sie erfolgreich sein sollten, kennen wir Sie auch nicht.

Ja, aber warum ausgerechnet ich? Ich habe einen Bachelor in Ethnologie, das ist schon alles.

Sie haben den richtigen Hintergrund  Ethnologie, Computer, CIA-Erfahrung. Er zog ein Dossier aus dem Stapel. Sie haben einen weiteren entscheidenden Vorteil.

Ford gefiel dieser pl&#246;tzlich ver&#228;nderte Tonfall nicht. Wovon sprechen Sie?

Lockwood schob das Dossier &#252;ber den Tisch zu Ford hin&#252;ber, der es aufschlug und auf das Foto starrte, das an die Innenseite der Mappe geheftet war  eine l&#228;chelnde Frau mit gl&#228;nzendem schwarzem Haar und mahagonifarbenen Augen.

Er schlug die Akte zu, schob sie zu Lockwood zur&#252;ck und stand auf. Sie lassen mich an einem Sonntagmorgen hier antanzen und ziehen so eine billige Nummer ab? Tut mir leid, Arbeit und Privatleben vermische ich grunds&#228;tzlich nicht.

Es ist zu sp&#228;t, Sie k&#246;nnen nicht mehr aussteigen.

Ein kaltes L&#228;cheln. Wollen Sie mich vielleicht daran hindern, diesen Raum zu verlassen?

Sie waren bei der CIA, Wyman. Sie wissen, wozu wir in der Lage sind.

Ford trat einen Schritt vor, so dass er &#252;ber Lockwood aufragte. Ich zittere vor Angst.

Der wissenschaftliche Berater blickte mit gefalteten H&#228;nden und mildem L&#228;cheln zu ihm auf. Wyman, ich muss mich entschuldigen. Es war dumm von mir, das zu sagen. Aber ausgerechnet Sie m&#252;ssen doch begreifen, wie wichtig das Isabella-Projekt ist. Es &#246;ffnet uns die T&#252;r zu den Geheimnissen unseres Universums. Zu Erkenntnissen &#252;ber den Moment der Sch&#246;pfung selbst. Es k&#246;nnte uns zu einer unersch&#246;pflichen Quelle von Energie f&#252;hren, die unabh&#228;ngig von fossilen Brennstoffen w&#228;re. Es w&#228;re eine ungeheuerliche Trag&#246;die f&#252;r die amerikanische Wissenschaft, wenn wir diese Investition im Klo hinuntersp&#252;len m&#252;ssten. Bitte &#252;bernehmen Sie den Auftrag  wenn nicht f&#252;r mich oder den Pr&#228;sidenten, dann f&#252;r Ihr Land. Ehrlich gesagt ist Isabelle das Beste, was diese Regierung zustande gebracht hat. Es ist unser Verm&#228;chtnis. Wenn all der politische L&#228;rm um nichts l&#228;ngst verhallt ist, wird dieses eine Projekt immer noch von Bedeutung sein. Er reichte Ford erneut die Akte. Sie ist die stellvertretende Leiterin des Isabella-Projekts. F&#252;nfunddrei&#223;ig, in Stanford promoviert, geh&#246;rt zu den besten Stringtheoretikern weltweit. Was zwischen Ihnen und ihr vorgefallen ist, liegt lange zur&#252;ck. Ich habe sie kennengelernt. Brillant nat&#252;rlich, professionell, immer noch Single, aber das wird wohl f&#252;r Sie kein Thema sein. Sie ist Ihre Eintrittskarte zum Team, ein Freund, jemand, mit dem Sie dort reden k&#246;nnen  weiter nichts.

Jemand, den ich anzapfen kann, um an Informationen zu kommen, meinen Sie wohl.

Hier steht das wichtigste wissenschaftliche Experiment in der Menschheitsgeschichte auf dem Spiel. Er tippte auf das Dossier und sah Ford fragend an. Also?

Als Ford den Blick erwiderte, bemerkte er, dass Lockwoods linke Hand nerv&#246;s einen kleinen Stein streichelte, der auf dem Schreibtisch gelegen hatte.

Lockwood folgte seinem Blick und l&#228;chelte verlegen, als h&#228;tte Ford ihn ertappt. Das interessiert Sie wohl?

Ford erkannte pl&#246;tzliche Vorsicht in Lockwoods Blick. Was ist das?, fragte er.

Mein Gl&#252;cksstein.

Darf ich ihn mal sehen?

Widerstrebend reichte Lockwood ihm den Stein. Er drehte ihn um und entdeckte ein kleines Fossil, einen Trilobiten, in der Unterseite.

Interessant. Hat er f&#252;r Sie eine bestimmte Bedeutung?

Lockwood schien zu z&#246;gern. Mein Zwillingsbruder hat ihn gefunden, als wir neun Jahre alt waren, und ihn mir geschenkt. Dieses Fossil hat mein Interesse f&#252;r die Wissenschaft erst geweckt. Er  ist ein paar Wochen sp&#228;ter ertrunken.

Ford bef&#252;hlte den Stein, der von Jahren der Ber&#252;hrung glattpoliert war. Er hatte also die wahre Pers&#246;nlichkeit seines Gegen&#252;bers gefunden  und unerwarteterweise war sie ihm sympathisch.

Es ist wirklich wichtig f&#252;r mich, dass Sie diesen Auftrag &#252;bernehmen, Wyman.

Und ich brauche ihn auch. Sacht legte er den Stein zur&#252;ck auf den Schreibtisch. Also sch&#246;n. Ich mache es. Aber ich arbeite auf meine Weise.

Soll mir recht sein. Aber denken Sie daran  keine eigenm&#228;chtigen Aktionen.

Lockwood erhob sich, holte einen schmalen Aktenkoffer aus seinem Schreibtisch, schob die Dossiers hinein und schloss den Koffer. Hier drin haben Sie ein Satellitentelefon, einen Laptop, Kartenmaterial, eine Brieftasche, Bargeld und Ihre offizielle Einsatzbest&#228;tigung als Ethnologe. Ein Hubschrauber wartet bereits auf Sie. Der Wachmann vor meinem B&#252;ro wird Sie hinf&#252;hren. Ihre Kleidung und alles &#220;brige schicken wir Ihnen separat nach. Er verstellte das Zahlenschloss der Aktentasche und erkl&#228;rte: Die Kombination besteht aus der siebenten bis zehnten Nachkommastelle der Zahl ?. Er l&#228;chelte &#252;ber seinen eigenen Einfallsreichtum.

Und wenn es zu Meinungsverschiedenheiten dar&#252;ber kommen sollte, was genau eine eigenm&#228;chtige Aktion darstellt?

Lockwood schob den Aktenkoffer &#252;ber den Schreibtisch. Denken Sie einfach daran, sagte er, dass wir Sie noch nie gesehen haben.


3


Booker Crawley lehnte sich in seinem lederbezogenen Chefsessel zur&#252;ck und musterte die f&#252;nf M&#228;nner, die sich an dem Konferenztisch aus Bubinga-Holz niederlie&#223;en. In seiner langen, erfolgreichen Karriere als Lobbyist hatte Crawley die Erfahrung gemacht, dass man die Leute eben doch nach ihrem &#196;u&#223;eren beurteilen konnte, meistens jedenfalls. Er betrachtete den Mann mit dem absurden Namen Delbert Yazzie, der ihm gegen&#252;bersa&#223;; er hatte w&#228;ssrige Augen und ein trauriges Gesicht, trug einen Anzug von der Stange mit einem halben Pfund Silber und T&#252;rkisen an der G&#252;rtelschnalle, und Cowboystiefel, die offenbar schon mehrmals neu besohlt worden waren. Kurz, Yazzie sah aus, als w&#252;rde Crawley bei ihm leichtes Spiel haben. Er war ein Bauernt&#246;lpel, ein proletenhafter Indianer, der den Cowboy spielte und vor kurzem irgendwie zum neuen Vorsitzenden der sogenannten Navajo Nation gew&#228;hlt worden war. Vorherige T&#228;tigkeit: Schulhausmeister. Crawley w&#252;rde Yazzie erkl&#228;ren m&#252;ssen, dass man in Washington &#252;blicherweise Termine machte. Man schaute nicht einfach so herein  schon gar nicht am Sonntagmorgen.

Die M&#228;nner links und rechts von Yazzie stellten den sogenannten Stammesrat dar. Einer sah aus wie ein waschechter Filmindianer, mit besticktem Kopftuch, das lange Haar im Nacken verknotet, dazu ein samtenes Indianerhemd mit Silberkn&#246;pfen und T&#252;rkiskette. Zwei weitere steckten in Anz&#252;gen aus dem Versandhauskatalog. Der dritte Mann, verd&#228;chtig wei&#223;, trug einen ma&#223;gefertigten Armani-Anzug. Das war der Kerl, den er im Auge behalten musste.

Also!, begann Crawley. Es ist mir eine gro&#223;e Freude, den neuen Vorsitzenden der Navajo Nation kennenzulernen. Ich wusste gar nicht, dass Sie in der Stadt sind! Ich gratuliere zu Ihrer Wahl  Ihnen allen, werte Mitglieder des neuen Stammesrats. Willkommen in Washington!

Wir freuen uns auch, hier zu sein, Mr. Crawley, sagte Yazzie mit recht leiser, neutraler Stimme.

Bitte, nennen Sie mich Booker!

Yazzie neigte den Kopf, erwiderte das Angebot, sich beim Vornamen zu nennen, aber nicht. Na ja, kein Wunder, dachte Crawley, wenn man Delbert hie&#223;.

Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Kaffee? Tee? San Pellegrino?

Alle wollten Kaffee. Crawley dr&#252;ckte auf einen Knopf der Sprechanlage, gab die Bestellung durch, und wenig sp&#228;ter kam sein Assistent mit einem Servierw&#228;gelchen herein, auf dem sich eine silberne Kaffeekanne, Sahnek&#228;nnchen, Zuckerdose und Tassen dr&#228;ngten. Crawley beobachtete schaudernd, wie ein Teel&#246;ffel Zucker nach dem anderen im schwarzen Loch von Yazzies Kaffee verschwand  f&#252;nf insgesamt.

Die enge Zusammenarbeit mit der Navajo Nation war mir bisher ein pers&#246;nliches Vergn&#252;gen, bemerkte Crawley. Da Isabella nun bald in Betrieb genommen werden kann, haben wir alle etwas zu feiern, nicht wahr? Die guten Beziehungen zur Navajo Nation sind uns sehr wichtig, und wir freuen uns auf die weitere, langfristige Zusammenarbeit.

Er lehnte sich mit freundlichem L&#228;cheln zur&#252;ck und wartete.

Die Navajo Nation ist Ihnen dankbar, Mr. Crawley.

Nicken und zustimmendes Murmeln rund um den Tisch. Wir sind Ihnen dankbar f&#252;r alles, was Sie getan haben, fuhr Yazzie fort. Die Navajo Nation ist gl&#252;cklich, einen so bedeutenden Beitrag zur amerikanischen Wissenschaft leisten zu k&#246;nnen.

Er sprach langsam, bedacht, als h&#228;tte er die Worte einstudiert, und Crawley sp&#252;rte, wie sich ein kleiner, harter Knoten in seinem Bauch bildete. Vermutlich wollten sie sein Honorar herunterhandeln. Tja, das konnten sie gern versuchen  sie hatten ja keine Ahnung, mit wem sie es hier zu tun hatten. Was f&#252;r ein trauriger Haufen Trottel.

Sie haben sehr gute Arbeit geleistet, als es darum ging, das Isabella-Projekt auf unser Land zu bringen und einen fairen Vertrag mit der Regierung auszuhandeln, fuhr Yazzie fort und hob den schl&#228;frigen Blick zu Crawley, schaute aber irgendwie halb an ihm vorbei. Sie haben das erreicht, was Sie zugesagt hatten. Das war im Umgang mit Washington eine neue Erfahrung f&#252;r uns. Sie haben Ihre Versprechen eingehalten.

War das alles, was er mit diesem Besuch ausdr&#252;cken wollte? Ich danke Ihnen, Herr Vorsitzender, das ist sehr freundlich von Ihnen, und ich freue mich, dass Sie so zufrieden sind. In der Tat halten wir immer ein, was wir versprechen. Ich muss Ihnen ganz offen sagen, dass mit diesem Projekt viel harte Arbeit verbunden war. Wenn Sie mir das kleine Eigenlob verzeihen  das war eine der gr&#246;&#223;ten Herausforderungen, die ich als Lobbyist je bew&#228;ltigt habe. Aber wir haben es geschafft, nicht wahr? Crawley strahlte.

Ja. Wir hoffen, dass Sie f&#252;r Ihre Arbeit angemessen bezahlt wurden.

Nun, um die Wahrheit zu sagen, hat uns das Projekt wesentlich mehr gekostet, als wir erwartet hatten. Mein Buchhalter ist seit Wochen schlecht auf mich zu sprechen! Aber schlie&#223;lich haben wir nicht jeden Tag Gelegenheit, die amerikanische Wissenschaft voranzubringen und zugleich der Navajo Nation Arbeitspl&#228;tze und neue Einnahmequellen zu verschaffen.

Was mich zum Anlass unseres Besuches bringt.

Crawley nippte an seinem Kaffee. Sch&#246;n. Ich bin gespannt.

Da die Arbeit nun beendet ist und Isabella l&#228;uft, werden wir Ihre Dienste nicht mehr ben&#246;tigen. Wenn unser Vertrag mit Crawley and Stratham Ende Oktober ausl&#228;uft, werden wir ihn nicht mehr verl&#228;ngern.

Yazzie sagte das so plump, mit so wenig Finesse, dass Crawley einen Moment brauchte, um diesen Schlag zu verdauen, doch er l&#228;chelte tapfer weiter.

Ah ja, sagte er. Tut mir leid, das zu h&#246;ren. Haben wir in Ihren Augen irgendetwas falsch gemacht  oder vers&#228;umt?

Nein, wie gesagt: Das Projekt ist beendet. Wozu brauchen wir da noch Lobbyarbeit?

Crawley holte tief Luft und stellte die Kaffeetasse ab. Ich kann nachvollziehen, dass Sie so denken  schlie&#223;lich ist Window Rock weit weg von Washington. Er beugte sich vor und senkte die Stimme zu einem Fl&#252;stern. Aber ich will Ihnen etwas verraten, Herr Vorsitzender. In dieser Stadt ist nichts jemals beendet. Isabella ist noch nicht funktionst&#252;chtig, und wie hei&#223;t es so sch&#246;n  man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Unsere Gegner  Ihre Gegner  haben noch l&#228;ngst nicht aufgegeben. Im Kongress gibt es viele Leute, die nichts lieber tun w&#252;rden, als das Projekt zu kippen. So ist das eben in Washington  niemals vergeben, niemals vergessen. Morgen schon k&#246;nnten sie eine Gesetzesvorlage einbringen und Isabellas weitere Finanzierung einstellen. Die k&#246;nnten auch versuchen, die Pachtvertr&#228;ge neu zu verhandeln. Sie brauchen einen Freund in Washington, Mr. Yazzie. Dieser Freund bin ich. Ich bin der Mann, der seine Versprechen gehalten hat. Wenn Sie warten, bis irgendwelche schlechten Neuigkeiten bis nach Window Rock vordringen  wird es bereits zu sp&#228;t sein.

Er beobachtete ihre Gesichter, konnte aber keine Reaktion erkennen. Ich w&#252;rde Ihnen dringend empfehlen, den Vertrag f&#252;r mindestens sechs Monate zu verl&#228;ngern  betrachten Sie es als eine Art Versicherung.

Dieser Yazzie war so undurchschaubar wie ein verdammter Chinese. Crawley w&#252;nschte, er h&#228;tte es noch mit Yazzies Vorg&#228;nger zu tun, einem Mann, der sein Steak blutig mochte, seinen Martini trocken und seine Frauen stark geschminkt. Wenn sie ihn blo&#223; nicht mit der Hand in der Stammeskasse erwischt h&#228;tten.

Schlie&#223;lich ergriff Yazzie wieder das Wort. Wir haben viele dringende Bed&#252;rfnisse, Mr. Crawley  Schulen, Arbeitspl&#228;tze, Krankenh&#228;user und Freizeitangebote f&#252;r unsere jungen Leute. Nur sechs Prozent unserer Stra&#223;en sind asphaltiert.

Crawley hielt eisern an seinem L&#228;cheln fest. Die undankbaren Schei&#223;kerle. Sie w&#252;rden von jetzt an bis zum J&#252;ngsten Tag ihre sechs Millionen pro Jahr einsacken, und er w&#252;rde nichts davon abbekommen. Aber er hatte nicht gelogen  dieser Lobbyauftrag war von Anfang an h&#246;llisch schwer gewesen.

Sollte tats&#228;chlich noch vor Ihrem sprichw&#246;rtlichen Abend etwas geschehen, fuhr Yazzie in seiner langsamen, schl&#228;frigen Art fort, k&#246;nnen wir Ihre Dienste ja wieder in Anspruch nehmen.

Mr. Yazzie, wir sind eine sehr exklusive Lobby-Agentur. Wir sind zu zweit, mein Partner und ich. Wir nehmen nur wenige Klienten an und haben eine lange Warteliste. Wenn Sie jetzt ausscheiden, wird Ihr Platz sofort von einem neuen Kunden eingenommen. Falls dann etwas geschieht und Sie erneut unsere Hilfe ben&#246;tigen, nun ja 

Dieses Risiko gehen wir ein, sagte Yazzie so trocken, dass Crawley fast der Kragen platzte.

D&#252;rfte ich Ihnen vorschlagen  nein, dringend nahelegen , den Vertrag f&#252;r weitere sechs Monate zu verl&#228;ngern? Wir k&#246;nnten sogar &#252;ber eine Anpassung des Honorars sprechen. Dann k&#246;nnten Sie sich in Washington zumindest Ihren Platz am Spieltisch freihalten.

Der Vorsitzende des Stammesrats sah ihm ruhig ins Gesicht. Sie sind f&#252;r Ihre Arbeit reichlich entsch&#228;digt worden. F&#252;nfzehn Millionen Dollar sind viel Geld. Wenn man sich Ihre Stunden-und Spesenabrechnung ansieht, ergeben sich auch einige Fragen. Aber das ber&#252;hrt uns im Augenblick nicht  Sie waren erfolgreich, und wir sind Ihnen dankbar. Also belassen wir es dabei.

Yazzie erhob sich, und die anderen folgten seinem Beispiel.

Sie bleiben aber doch noch zum Mittagessen, Mr. Yazzie! Selbstverst&#228;ndlich sind Sie eingeladen. Es gibt ein phantastisches neues Restaurant in der N&#228;he der K Street, franz&#246;sische K&#252;che, gef&#252;hrt von einem alten Freund aus meiner Studentenverbindung. Wie w&#228;re es mit einem richtig trockenen Martini und einem riesigen Pfeffersteak? Er hatte noch nie erlebt, dass ein Indianer einen Drink ausschlug, f&#252;r den er nichts bezahlen musste.

Danke, aber wir haben hier in Washington noch viel zu tun, f&#252;r so etwas haben wir keine Zeit. Yazzie streckte die Hand aus.

Crawley konnte es kaum fassen. Sie gingen tats&#228;chlich  einfach so.

Er erhob sich, um sie alle mit einem flauen H&#228;ndedruck zu verabschieden. Als sie gegangen waren, lehnte er sich schwer an die Rosenholzt&#252;r seines B&#252;ros. Zorn brannte in seinen Eingeweiden. Keine Warnung, kein Brief, kein Anruf, nicht einmal einen Termin hatten sie gemacht. Sie waren einfach hereinspaziert, hatten ihn gefeuert und waren wieder abger&#252;ckt  ein wahrhaftiger Tritt in den Arsch. Und sie hatten auch noch angedeutet, er h&#228;tte sie &#252;bers Ohr gehauen! Nach vier Jahren und f&#252;nfzehn Millionen, die er in die Lobbyarbeit f&#252;r diese Leute gesteckt hatte, hatte er ihnen die Gans gefangen, die goldene Eier legte  und was hatten sie getan? Sie hatten ihn skalpiert und den Aasgeiern &#252;berlassen. So lief das nicht in der K Street. O nein. Hier k&#252;mmerte man sich gef&#228;lligst um seine Freunde.

Er richtete sich auf. Booker Hamlin Crawley ging nie beim ersten Schlag zu Boden. Er w&#252;rde sich wehren  und schon kam ihm eine erste Idee, wie. Er ging zur&#252;ck in sein B&#252;ro, schloss die T&#252;r ab und holte ein Telefon aus der untersten Schreibtischschublade. Es war ein Festnetztelefon, angemeldet auf den Namen einer dementen alten Dame im Pflegeheim um die Ecke, bezahlt mit einer Kreditkarte, von der die Gute nicht einmal wusste, dass sie sie besa&#223;. Er benutzte es nur selten.

Er dr&#252;ckte auf die erste Zifferntaste und z&#246;gerte dann, als der Hauch einer Erinnerung an seinem Geist zupfte und ein Bild aufblitzen lie&#223;  ein Bild davon, wie und warum er als junger Mann nach Washington gekommen war, voller Ideale und Hoffnung. Ihm wurde ein wenig &#252;bel. Doch sofort flammte der Zorn wieder in ihm auf. Nie w&#252;rde er der einzigen Tods&#252;nde erliegen, die man in Washington kannte: Schw&#228;che.

Er tippte den Rest der Telefonnummer ein. K&#246;nnte ich bitte mit Reverend Don T. Spates sprechen?

Das Telefonat war kurz und klar, und sein Timing war perfekt gewesen. Er beendete das Gespr&#228;ch und sp&#252;rte eine Woge des Triumphs ob seiner eigenen Brillanz. Es w&#252;rde kein voller Monat vergehen, bis er diese aus der Pr&#228;rie gekrochenen Wilden wieder in seinem B&#252;ro sitzen hatte. Sie w&#252;rden ihn anflehen, wieder f&#252;r sie zu arbeiten  f&#252;r das doppelte Honorar.

Seine feuchten, d&#252;nnen Lippen zuckten vor Befriedigung und Vorfreude.


4


Wyman Ford schaute durch das Fenster der Cessna Citation hinaus, als der Jet sich &#252;ber den Lukachukai Mountains in die Kurve legte und auf die Red Mesa zuhielt. Das Hoch plateau war eine atemberaubende Felsformation, eine Insel im Himmel, von hohen Klippen gerahmt und mit gelben, roten und schokobraunen Sandsteinschichten eingefasst. W&#228;hrend er hinunterschaute, brach die Sonne durch eine Wolkenl&#252;cke, fiel auf die Mesa und lie&#223; sie leuchten, als ginge sie in Flammen auf. Wie eine verlorene Welt sah sie aus.

Als sie n&#228;her heranflogen, traten mehr Einzelheiten hervor. Ford erkannte Landebahnen, die sich wie zwei schwarze Wundpflaster &#252;berkreuzten, mit Hangars und einem Hubschrauberlandeplatz daneben. Drei gewaltige Str&#228;nge Hochspannungsleitungen an Masten, so hoch wie drei&#223;igst&#246;ckige Geb&#228;ude, zogen sich von Norden und Westen her&#252;ber und trafen sich am Rand des Tafelbergs in einem besonders gesicherten und von einem doppelten Zaun umgebenen Bereich. Anderthalb Kilometer weiter schmiegten sich ein paar H&#228;user in ein Tal mit einem Pappelw&#228;ldchen, gr&#252;nen Feldern und einem gro&#223;en Blockhaus  der alte Nakai-Rock-Handelsposten. Eine brandneue, asphaltierte Stra&#223;e durchschnitt die Mesa von Westen nach Osten.

Fords Blick schweifte die Klippen hinab. Etwa hundert Meter unter ihm war eine gewaltige, rechteckige &#214;ffnung in die Flanke der Mesa gehauen worden, mit einer Metallt&#252;r, die in den Fels hineinf&#252;hrte. Als das Flugzeug sich erneut in die Kurve legte, konnte er den einzigen Weg sehen, der sich wie eine Schlange an einem Baumstamm die steilen Klippen emporwand. Der Dugway.

Die Cessna senkte die Nase und begann mit dem Landeanflug. Die Oberfl&#228;che der Red Mesa kam n&#228;her, zerfurcht von Sturzb&#228;chen, die klaffende, vertrocknete Rinnen, Senken und Ger&#246;llhalden hinterlassen hatten. Vereinzelte Wacholderb&#252;sche wechselten sich mit den grauen Skeletten von Pinyon-Kiefern ab, dazwischen trockenes Grasland, Beifu&#223; und kahler Fels, durchsetzt mit Sandd&#252;nen.

Die Cessna setzte auf der Landebahn auf und rollte auf das Terminal zu, eine gro&#223;e Wellblechh&#252;tte. Dahinter standen mehrere Hangars, die in der Sonne gl&#228;nzten. Der Pilot &#246;ffnete die T&#252;r. Ford, der nur Lockwoods Aktenkoffer bei sich trug, trat hinaus auf den hei&#223;en Asphalt. Niemand kam, um ihn in Empfang zu nehmen.

Der Pilot winkte zum Abschied, stieg wieder ein, und gleich darauf war der kleine Jet wieder in der Luft und verschwand als glitzernder Aluminiumstreif im t&#252;rkisfarbenen Himmel.

Ford sah dem Flugzeug nach und ging dann auf das Wellblech-Terminal zu.

An der T&#252;r hing ein Holzschild, von Hand mit Buchstaben im Wildwest-Stil beschriftet.


KEIN ZUTRITT


EINDRINGLINGE WERDEN ERSCHOSSEN


DAMIT BIST DU GEMEINT, KUMPEL!


G. HAZELIUS,


MARSHALL


Er stupste das Schild mit dem Finger an, so dass es knarrend hin und her schwang. Daneben war an zwei im Boden versenkten Metallpfosten ein hellblaues, hochamtliches Schild angebracht, auf dem im Grunde dasselbe stand, nur in trockener B&#252;rokratensprache. Ein Windsto&#223; strich &#252;ber die Landebahn und lie&#223; eine Sandwolke &#252;ber den Asphalt tanzen.

Ford dr&#252;ckte gegen die T&#252;r des Terminals. Verschlossen.

Er trat zur&#252;ck, blickte sich um und kam sich vor, als h&#228;tte der Pilot ihn in der Geisterstadt aus Zwei glorreiche Halunken abgesetzt.

Das Knarren des Schildes und der st&#246;hnende Wind weckten pl&#246;tzlich eine Erinnerung in ihm  dieser Augenblick, jeden Tag, wenn er von der Schule nach Hause kam, die Schnur mit dem Schl&#252;ssel &#252;ber den Kopf zog, die T&#252;r seines Elternhauses in Washington aufschloss und dann ganz allein in dieser riesigen, hallenden Villa stand. Seine Mutter war stets bei irgendeinem Empfang oder organisierte einen Wohlt&#228;tigkeitsball, sein Vater war in Regierungsangelegenheiten unterwegs.

Das Dr&#246;hnen eines Motors brachte ihn in die Wirklichkeit zur&#252;ck. Ein Jeep Wrangler kam &#252;ber eine Anh&#246;he, verschwand hinter dem Terminal und raste dann &#252;ber den Asphalt. Der Wagen legte sich mit quietschenden Reifen in die Kurve und blieb abrupt vor Ford stehen. Ein Mann sprang heraus, mit breitem Grinsen und freundlich ausgestreckter Hand. Gregory North Hazelius. Er sah genau so aus wie auf dem Foto im Dossier und vibrierte f&#246;rmlich vor innerer Energie.

Y&#225;&#225;t &#233;&#233;h, shi &#233;i Gregory!, sagte Hazelius und dr&#252;ckte Ford die Hand.

Y&#225;&#225;t &#233;&#233;h, erwiderte Ford. Sagen Sie blo&#223;, Sie sprechen Navajo.

Nur ein paar Worte, die ich bei einem ehemaligen Studenten aufgepickt habe. Willkommen.

Ford hatte Hazelius Akte &#252;berflogen und festgestellt, dass der Mann angeblich zw&#246;lf Sprachen beherrschte, darunter Persisch, zwei chinesische Dialekte und Kisuaheli. Von Navajo hatte da nichts gestanden.

Ford war es bei seiner Gr&#246;&#223;e von gut einem Meter neunzig gewohnt, hinabschauen zu m&#252;ssen, wenn er anderen in die Augen sehen wollte. Diesmal musste er noch weiter nach unten schauen als sonst. Hazelius war knapp &#252;ber einen Meter sechzig gro&#223;, eine leger, aber elegant wirkende Erscheinung in ordentlich geb&#252;gelter, khakifarbener Hose, einem cremewei&#223;en Seidenhemd  und indianischen Mokassins. Seine Augen strahlten so blau wie hinterleuchtete Buntglasfenster. Er hatte eine scharf gebogene Nase, eine glatte Stirn und welliges braunes Haar, s&#228;uberlich gek&#228;mmt. Ein kleines P&#228;ckchen konzentrierter Energie.

Ich hatte nicht erwartet, vom gro&#223;en Chef selbst empfangen zu werden.

Hazelius lachte. Wir f&#252;llen hier alle mindestens zwei Positionen aus. Ich bin nebenbei auch noch der Chauffeur. Bitte, steigen Sie ein.

Ford faltete seinen langen Leib auf den Beifahrersitz, w&#228;hrend Hazelius leicht und anmutig hinters Lenkrad schl&#252;pfte. W&#228;hrend der hei&#223;en Phase, bis Isabella wirklich einsatzbereit ist, wollte ich hier nicht allzu viel zus&#228;tzliches Personal herumlaufen haben. Au&#223;erdem  Hazelius wandte sich ihm mit strahlendem L&#228;cheln zu  wollte ich Sie pers&#246;nlich kennenlernen. Sie sind unser Jona.

Jona?

Wir waren zw&#246;lf. Jetzt sind wir dreizehn. Ihretwegen m&#252;ssen wir wom&#246;glich jemanden von Bord werfen. Er kicherte.

Sie sind wohl ein abergl&#228;ubischer Haufen hier.

Er lachte. Wenn Sie w&#252;ssten! Ohne meine Hasenpfote gehe ich nirgendwo hin. Er holte einen uralten, ekelhaften

und beinahe haarlosen, amputierten Hasenlauf aus der Tasche. Die hat mein Vater mir geschenkt, als ich sechs war.

Entz&#252;ckend.

Hazelius trat das Gaspedal durch, und der Jeep schoss vorw&#228;rts, so dass Ford in den Sitz gedr&#252;ckt wurde. Der Wrangler flog nur so &#252;ber den Asphalt und bog dann mit kreischenden Reifen auf eine frisch geteerte Stra&#223;e ein, die sich zwischen Wacholderb&#252;schen hinzog. Hier ist es wie im Ferienlager, Wyman. Wir verrichten alle allt&#228;glichen Arbeiten selbst  Kochen, Putzen, Fahren, was auch immer. Wir haben eine Stringtheoretikerin, die am Grill einfach phantastisch ist, einen Psychologen, der uns geholfen hat, einen exzellenten Weinkeller anzulegen, und diverse andere Leute mit multiplen Talenten.

Ford hielt sich am Handgriff fest, als der Jeep quietschend um eine Kurve schleuderte.

Nerv&#246;s?

Wecken Sie mich, wenn wir da sind.

Hazelius lachte. Ich kann diesen leeren Stra&#223;en nicht widerstehen  keine Cops, kaum ein anderes Auto, und das w&#252;rde man schon von weitem sehen. Was ist mit Ihnen, Wyman? Was haben Sie f&#252;r besondere Talente?

Ich bin ein sauguter Tellerw&#228;scher.

Hervorragend!

Ich kann Holz hacken.

Wunderbar!

Hazelius fuhr wie ein Irrer, er raste mit Vollgas dahin und ignorierte die durchgezogene Mittellinie v&#246;llig. Tut mir leid, dass ich Sie nicht gleich bei der Landung in Empfang nehmen konnte. Wir beenden gerade einen Probedurchlauf mit Isabella. H&#228;tten Sie gern eine Schlossf&#252;hrung?

Sehr gern.

Der Jeep setzte bei rasender Fahrt &#252;ber eine H&#252;gelkuppe hinweg. Fords K&#246;rper f&#252;hlte sich einen Moment lang an wie schwerelos.

Der Nakai Rock, sagte Hazelius und deutete auf die Felsnadel, die Ford vom Flugzeug aus gesehen hatte. Der alte Handelsposten ist nach diesem Felsen benannt. Unser Dorf nennen wir auch Nakai Rock. Nakai  was bedeutet das eigentlich? Das wollte ich schon immer mal erfahren.

Das ist das Navajo-Wort f&#252;r Mexikaner.

Danke. Ich bin wirklich froh, dass Sie so kurzfristig herkommen konnten. Bedauerlicherweise haben wir es uns wohl mit den Einheimischen verscherzt. Lockwood spricht in den h&#246;chsten T&#246;nen von Ihnen.

Die Stra&#223;e f&#252;hrte in einem Bogen in ein gesch&#252;tztes Tal hinab, dicht mit Pappeln bewachsen und von roten Sandsteinfelsen umgeben. An der Au&#223;enseite des Bogens, unter den Pappeln kunstvoll verteilt, reihten sich ein gutes Dutzend H&#228;user im nachgeahmten Adobe-Stil aneinander, die mit ihren gepflegten Rasenfl&#228;chen und Holzz&#228;unen wie eine Postkarten-Kulisse wirkten. Ein smaragdgr&#252;nes Baseball-Spielfeld im Zentrum des Bogens bildete einen starken Kontrast zu den roten Klippen. Am anderen Ende des Tals ragte die hohe, ein wenig unheimliche Felsnadel auf wie ein Richter &#252;ber seinen Gerichtssaal.

Langfristig werden wir hier Wohnraum f&#252;r bis zu zweihundert Familien bauen. Das wird ein richtiges kleines Dorf f&#252;r Wissenschaftler, ihre Familien, Besucher und alle m&#246;glichen Angestellten.

Der Jeep ratterte an den H&#228;usern vorbei und folgte einer l&#228;ssigen Kurve. Tennisplatz. Hazelius deutete nach links. Stall mit drei Pferden.

Sie erreichten ein pittoreskes Geb&#228;ude aus Holz und traditionellen Lehmziegeln im Schatten gro&#223;er alter Pappeln. Der alte Handelsposten. Wir haben ihn umgebaut, er dient jetzt als Speisesaal, K&#252;che und Aufenthaltsraum. Billardtisch, Tischtennis, Kicker, Fernsehraum, Videothek, Bibliothek, Kantine.

Warum gab es denn so weit hier oben einen Handelsposten?

Bevor die Bergbaugesellschaft die Navajos vertrieben hat, haben sie auf der Red Mesa ihre Schafe geweidet. Der Handelsposten hat Nahrungsmittel und andere Vorr&#228;te gegen die Teppiche getauscht, die aus der Schafwolle gewebt wurden. Die Navajo-Teppiche von Nakai Rock sind weniger bekannt als die aus Two Grey Hills, aber von ebenso guter Qualit&#228;t  sogar noch besser. Er drehte sich halb zu Ford herum. Wo haben Sie Ihre Feldforschung gemacht?

Ramah, New Mexico. Was Ford nicht hinzuf&#252;gte, war: Nur einmal, in den Semesterferien, und da war ich noch im Grundstudium.

Ramah. Ist da nicht der ber&#252;hmte Ethnologe Clyde Kluckhohn gestorben, bei Nachforschungen f&#252;r sein ber&#252;hmtes Buch Navaho Witchcraft?

Das Ausma&#223; von Hazelius Kenntnissen &#252;berraschte Ford. So ist es.

Sprechen Sie flie&#223;end Navajo?, fragte Hazelius.

Gerade genug, um mich um Kopf und Kragen zu reden. Navajo gilt als die vermutlich schwierigste Sprache der Welt.

Mich hat sie ja schon immer interessiert  hat uns schlie&#223;lich geholfen, den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen.

Mit quietschenden Reifen kam der Jeep vor einem kleinen, gepflegten H&#228;uschen zum Stehen; der Holzzaun umgab einen k&#252;nstlich wirkenden gr&#252;nen Rasen und eine Terrasse mit Picknicktisch und gemauertem Grill.

Die Villa Ford, verk&#252;ndete Hazelius.

Entz&#252;ckend. In Wahrheit war es alles andere als entz&#252;ckend. Das billige kleine Einfamilienhaus im nachgeahmten Pueblo-Stil h&#228;tte in einer spie&#223;igen Vorstadtsiedlung stehen k&#246;nnen. Aber die Umgebung war m&#228;rchenhaft.

Staatlicher Wohnungsbau sieht eben &#252;berall gleich aus, sagte Hazelius. Aber ich verspreche Ihnen, es ist sehr komfortabel.

Wo sind denn alle anderen?

Unten im Bunker. So nennen wir den unterirdischen Komplex, in dem sich Isabella befindet. Ach, &#252;brigens, wo ist eigentlich Ihr Gep&#228;ck?

Das kommt erst morgen.

Die m&#252;ssen es ja sehr eilig gehabt haben, Sie hier rauszuschaffen.

Sie haben mir nicht mal genug Zeit gelassen, um meine Zahnb&#252;rste einzupacken.

Hazelius lie&#223; den Motor aufheulen und legte die letzte Kurve des weiten Bogens auf qualmendem Gummi zur&#252;ck. Dann hielt er, schaltete den Vierradantrieb ein und lenkte den Wagen vorsichtig von der Stra&#223;e und einen l&#246;chrigen Feldweg entlang durchs Geb&#252;sch.

Wo fahren wir hin?

Sehen Sie gleich.

In tiefen Rinnen drehten die R&#228;der durch, und die beiden M&#228;nner wurden kr&#228;ftig durchger&#252;ttelt, w&#228;hrend der Jeep sich in dem seltsamen, verkr&#252;ppelten W&#228;ldchen aus Wacholder und abgestorbenen Pappeln ein paar Kilometer weit bergauf arbeitete. Vor ihnen ragte ein langer, steiler Felshang aus glattem rotem Sandstein auf.

Der Jeep blieb stehen, und Hazelius sprang heraus. Es ist gleich da oben.

Neugierig folgte Ford ihm den Abhang hinauf bis zum Gipfel der seltsam geformten Sandsteinklippe. Oben erwartete ihn eine &#220;berraschung: V&#246;llig unerwartet fand er sich am Rand der Red Mesa wieder, und vor ihm st&#252;rzten die Klippen fast sechshundert Meter in die Tiefe. Er hatte nicht das Gef&#252;hl gehabt, sich ganz am Rand zu befinden, und nichts hatte darauf hingewiesen, dass die Klippe direkt vor ihm lag.

Sch&#246;n, was?, fragte Hazelius.

Be&#228;ngstigend. Man k&#246;nnte glatt aus Versehen &#252;ber den Rand hinausfahren.

Ja, es gibt da so eine Legende von einem Navajo-Cowboy, der zu Pferd einen Maverick verfolgt hat und hier von den Klippen gest&#252;rzt ist. Es hei&#223;t, sein chindii, sein Geist, reite in gewissen dunklen, st&#252;rmischen N&#228;chten noch heute &#252;ber den Rand der Klippe.

Die Aussicht war atemberaubend. Unter ihnen breitete sich eine uralte Landschaft aus, kleine Tafelberge und Felsnadeln von blutroter Farbe, von Wind und Regen glattgeschliffen und zu seltsamen Formen verwittert. Dahinter lagen Mesas und viele Schichten ferner Berge. Man h&#228;tte beinahe glauben k&#246;nnen, dies sei der Rand der Sch&#246;pfung selbst, wo Gott schlie&#223;lich aufgegeben hatte, weil es ihm nicht gelingen wollte, das st&#246;rrische Land friedlicher zu gestalten.

Diese gro&#223;e Mesa in der Ferne, die wie eine Insel heraussticht, sagte Hazelius, ist die No Mans Mesa, &#252;ber vierzehn Kilometer lang und gut anderthalb Kilometer breit. Es hei&#223;t, es gebe einen geheimen Pfad dort hinauf, den noch kein wei&#223;er Mann je gefunden hat. Links davon liegt die Piute Mesa. Ganz vorn sehen Sie die Shonto Mesa, und weiter hinten die Goosenecks des San Juan River, die Cedar Mesa, Bears Ears und die Manti La Sal Mountains.

Zwei Raben lie&#223;en sich vom Aufwind emportragen, setzten dann zum Sturzflug an und glitten zur&#252;ck in die schattigen Tiefen. Ihr Kr&#228;chzen hallte in den Canyons wider.

Die Red Mesa ist nur an zwei Stellen zug&#228;nglich  es gibt den Dugway, jetzt hinter uns, und einen Pfad, der ein paar Kilometer weiter dort dr&#252;ben beginnt. Die Navajos nennen ihn den Midnight Trail. Er f&#252;hrt nach Blackhorse, das ist die kleine Siedlung da unten.

Als sie sich zum Gehen wandten, fiel Ford etwas an der Flanke eines riesigen Felsbrockens auf, der sich an der Grenze zweier Sedimentschichten gespalten hatte.

Hazelius folgte seinem Blick. Haben Sie etwas entdeckt?

Ford ging hin&#252;ber und legte eine Hand auf die unebene Oberfl&#228;che. Versteinerte L&#246;cher von Regentropfen. Und  die versteinerte Spur eines Insekts.

Na so was, sagte der Wissenschaftler leise. Alle waren schon hier oben, um die Aussicht zu bewundern. Aber Sie sind der Erste, dem das aufgefallen ist  abgesehen von mir, nat&#252;rlich. Versteinerte Spuren von Regentropfen, die im Zeitalter der Dinosaurier fielen. Dann, nach dem Regen, ist ein K&#228;fer &#252;ber den nassen Sand gekrabbelt. Und entgegen aller Wahrscheinlichkeit ist dieser kleine Augenblick der Geschichte als Fossil verewigt. Hazelius ber&#252;hrte es ehrfurchtsvoll. Nichts, was wir Menschen auf dieser Erde geschaffen haben, keine unserer gro&#223;en Sch&#246;pfungen  weder die Mona Lisa noch die Kathedrale von Chartres, ja, nicht einmal die &#228;gyptischen Pyramiden  wird so lange &#252;berdauern wie die Spur dieses K&#228;fers im nassen Sand.

Ford f&#252;hlte sich eigenartig ber&#252;hrt von dieser Vorstellung.

Hazelius wandte sich nach S&#252;den und deutete auf die weite Mesa. Im Pal&#228;oz&#228;n war das alles hier ein riesiges Sumpfgebiet. Dieser Tatsache verdanken wir ein paar der dicksten Kohlenfl&#246;ze in ganz Amerika. Sie wurden in den f&#252;nfziger Jahren abgebaut. Diese alten Minen eigneten sich perfekt daf&#252;r, sie f&#252;r Isabella umzur&#252;sten.

Die Sonne erleuchtete Hazelius glattes Gesicht, als er sich umdrehte und Ford anl&#228;chelte. Wir h&#228;tten keinen besseren Standort finden k&#246;nnen, Wyman  abgelegen, ungest&#246;rt, unbewohnt. Aber f&#252;r mich war am wichtigsten die Sch&#246;nheit dieser Landschaft, denn die Sch&#246;nheit und das Geheimnisvolle sind in der Physik von zentraler Bedeutung. Wie Einstein schon sagte: Das Sch&#246;nste, was wir erleben k&#246;nnen, ist das Mysteri&#246;se. Aus ihm entspringt alle wahre Kunst und Wissenschaft.

Ford beobachtete, wie die Sonne langsam in den tiefen Canyons im Westen erstarb, wie Gold, das zu Kupfer geschmolzen wurde.

Hazelius sagte: Sind Sie bereit, unter die Erde abzutauchen?


5


Der Jeep holperte zur Stra&#223;e zur&#252;ck. Ford packte den Handgriff &#252;ber der T&#252;r und bem&#252;hte sich, entspannt zu wirken, w&#228;hrend Hazelius am Landeplatz vorbeiraste und auf der schnurgeraden Stra&#223;e bis an die hundertvierzig beschleunigte.

Sehen Sie hier irgendwelche Cops?, fragte Hazelius grinsend.

Anderthalb Kilometer weiter wurde die Stra&#223;e von Toren in zwei Zaunreihen mit Stacheldraht dar&#252;ber blockiert; der Doppelzaun sch&#252;tzte einen gro&#223;en Sicherheitsbereich am Rand der Mesa. Hazelius bremste im letzten Augenblick mit quietschenden Reifen vor dem ersten Tor.

Alles da drin geh&#246;rt zur Sicherheitszone, erkl&#228;rte er. Er gab einen Zahlencode in ein Tastenfeld am Torpfosten ein. Ein Warnton, und die beiden Tore rollten beiseite. Hazelius fuhr weiter und parkte den Jeep neben einigen anderen Autos. Der Fahrstuhl, sagte er und wies mit einem Nicken auf einen hohen Turm am Rand der Klippen, der von Antennen und Satellitensch&#252;sseln starrte. Sie gingen darauf zu, und Hazelius zog eine Karte durch einen Schlitz neben der Metallt&#252;r. Dann legte er die Hand auf einen flachen Sensor. Gleich darauf sagte eine rauchige Frauenstimme: Tag, S&#252;&#223;er. Wen hast du mir da mitgebracht?

Das ist Wyman Ford.

Ich will nackte Haut sehen, Wyman.

Hazelius l&#228;chelte. Soll hei&#223;en, bitte legen Sie Ihre Hand auf den Sensor, damit sie sie scannen kann.

Ford legte die Hand auf das warme Glas. Ein Lichtstreifen glitt darunter entlang.

Wart nen Moment, ich frag schnell den Boss.

Hazelius kicherte. Gef&#228;llt Ihnen die besondere Benutzeroberfl&#228;che unserer Zugangskontrolle?

Mal was anderes.

Das ist Isabella. Die meisten Computerstimmen klingen eher wie HAL-neuntausend, zu wei&#223; und steif f&#252;r meinen Geschmack. Er ahmte eine gestelzte, leicht nasale Stimme nach: Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit. Unsere Men&#252;auswahl hat sich ge&#228;ndert. Isabella hingegen hat eine echte Stimme. Unser Ingenieur Ken Dolby hat sie programmiert. Ich glaube, er hat sich daf&#252;r die Stimme irgendeiner Rap-S&#228;ngerin geliehen.

Wer ist Isabella?

Das wei&#223; ich nicht. Ken gibt sich in diesem Punkt ziemlich geheimnisvoll.

Die Stimme troff wie Honig aus der Sprechanlage. Der Boss sagt, das geht klar. Du bist drin, also bau keinen Schei&#223;.

Die Metallt&#252;ren &#246;ffneten sich mit leisem Zischen und enth&#252;llten einen Aufzug, der au&#223;en an der Bergflanke hinabging. Ein kleines Fenster in der Kabine gab den Blick auf die Aussicht beim Hinunterfahren frei. Als der Fahrstuhl anhielt, ermahnte Isabella sie, sie sollten aufpassen, wo sie hintraten.

Sie standen auf einer gro&#223;z&#252;gigen Plattform unter freiem Himmel, die in die Klippe hineingehauen worden war. Vor ihnen, in der Felswand, war die riesige Titant&#252;r, die Ford schon aus der Luft gesehen hatte. Sie war etwa sieben Meter breit und mindestens zw&#246;lf Meter hoch.

Das ist die Freilichtb&#252;hne. Auch eine nette Aussicht, was?

Sie sollten hier Luxusapartments bauen.

Das hier war der Zugang zu dem riesigen Wepco-Kohlenbergwerk. Allein aus diesem Fl&#246;z haben sie f&#252;nfundvierzig Millionen Tonnen Kohle abgebaut und dabei riesige H&#246;hlen hinterlassen. Perfekte Voraussetzungen f&#252;r uns. Es war unbedingt notwendig, Isabella unterirdisch bauen zu k&#246;nnen, damit die Daten nicht von kosmischer Strahlung beeinflusst werden.

Hazelius ging auf das Titanportal zu, das in die Felswand zur&#252;ckversetzt war. Diese Festung nennen wir den Bunker.

Gib mir deine Nummer, S&#252;&#223;er, sagte Isabella.

Hazelius gab auf einem kleinen Tastenfeld eine Ziffernfolge ein.

Gleich darauf sagte die Stimme: Kommt rein, Jungs. Die T&#252;r hob sich langsam vom Boden.

Warum diese starken Sicherheitsvorkehrungen?, fragte Ford.

Eine Vierzig-Milliarden-Dollar-Investition muss gut gesch&#252;tzt werden. Und ein Gro&#223;teil unserer Hard-und Software ist als geheim eingestuft.

Die T&#252;r gab den Weg in eine riesige, hallende H&#246;hle frei, die aus dem Fels geschlagen worden war. Es roch nach Staub und Rauch, und die leicht muffige Luft erinnerte Ford an den Keller seiner Gro&#223;mutter. Nach der W&#252;stenhitze drau&#223;en war es angenehm k&#252;hl hier drin. Rumpelnd senkte sich die T&#252;r hinter ihnen, und Ford blinzelte, um sich an das Licht der Natriumdampflampen zu gew&#246;hnen. Die H&#246;hle war riesig, knapp zweihundert Meter lang und &#252;ber f&#252;nfzehn Meter hoch. Direkt gegen&#252;ber, am anderen Ende der H&#246;hle, konnte Ford eine ovale T&#252;r zu einem Tunnel sehen, in dem Edelstahlr&#246;hren, dicke Rohre und Kabelstr&#228;nge entlangliefen. Wasserdampf quoll durch die offene T&#252;r, floss in kleinen Rinnsalen &#252;ber den Boden und verschwand. Links davon war vor einer weiteren &#214;ffnung im Fels eine Betonziegelwand errichtet worden, mit einer Stahlt&#252;r darin. An der T&#252;r stand: BR&#220;CKE. Auf der anderen Seite der H&#246;hle stapelten sich st&#228;hlerne Senkk&#228;sten, I-Tr&#228;ger und anderes &#252;briggebliebenes Baumaterial, daneben einige schadstoffarme Toyotas und ein halbes Dutzend Golfwagen.

Hazelius nahm Ford beim Arm. Dieser ovale Durchgang vor uns ist der Zugang zu Isabella selbst. Der Nebel ist Kondenswasser von den supraleitenden Magneten. Sie m&#252;ssen mit fl&#252;ssigem Helium konstant auf ann&#228;hernd null Kelvin, also minus zweihundertdreiundsiebzig Grad Celsius, gek&#252;hlt werden, damit die Supraleitung erhalten bleibt. Dieser Tunnel f&#252;hrt unter die Mesa und bildet einen Torus mit einem Durchmesser von vierundzwanzig Kilometern  das ist der Ring, in dem wir die Teilchenstrahlen kreisen lassen. Die Flotte von Golfwagen da dr&#252;ben brauchen wir f&#252;r die langen Strecken. Kommen Sie, ich stelle Ihnen jetzt die anderen vor.

Sie durchquerten die H&#246;hle, wobei ihre Schritte hallten wie in einer Kathedrale. Ford fragte ganz nebenbei: Wie l&#228;uft es denn so?

Probleme, sagte Hazelius. Ein verdammtes Problem nach dem n&#228;chsten.

Was denn zum Beispiel?

Diesmal ist es die Software.

Sie erreichten die T&#252;r mit der Aufschrift Br&#252;cke. Hazelius &#246;ffnete sie und lie&#223; Ford den Vortritt in einen Flur mit Betonziegelw&#228;nden, schleimgr&#252;n gestrichen und von Neonr&#246;hren an der Decke erhellt.

Zweite T&#252;r rechts. Moment, ich mache Ihnen auf.

Ford betrat einen kreisrunden Raum, hell erleuchtet. Riesige Flachbildschirme an den W&#228;nden lie&#223;en den Raum tats&#228;chlich wie die Kommandobr&#252;cke eines Raumschiffs wirken, mit Fenstern zum Weltraum. Die Monitore wurden gerade nicht benutzt, und ein Bildschirmschoner mit Enterprise-Motiv, der auf allen gleichzeitig lief, perfektionierte die Illusion eines Raumschiffs, das durch ein Sternenfeld flog. Unter den Monitoren waren riesige Instrumentenpulte, Steuerkonsolen und Computerarbeitspl&#228;tze angeordnet. Im Zentrum des Raums war der Boden abgesenkt, und genau in der Mitte stand ein retrofuturistischer Drehstuhl.

Die meisten Wissenschaftler hatten ihre Arbeit unterbrochen und blickten Ford neugierig entgegen. Ihm fiel sofort auf, wie zerm&#252;rbt alle aussahen; sie hatten die bleichen Gesichter von unterirdisch lebenden Wesen und trugen zerknitterte Kleidung. Sie sahen schlimmer aus als ein Haufen Doktoranden im bitteren Endspurt vor der Pr&#252;fung. Instinktiv suchte sein Blick Kate Mercer, doch er tadelte sich sogleich f&#252;r sein Interesse an ihr.

Kommt Ihnen bekannt vor, was?, fragte Hazelius mit einem schalkhaften Funkeln in den Augen.

&#220;berrascht blickte Ford sich noch einmal um. Der Raum kam ihm in der Tat bekannt vor  und pl&#246;tzlich erkannte er auch, warum.

Der Weltraum  unendliche Weiten , sagte er.

Hazelius lachte erfreut. So ist es! Dies ist ein Nachbau der Kommandobr&#252;cke des Raumschiffs Enterprise aus Star Trek. Stellte sich zuf&#228;llig als ideales Design f&#252;r den Kontrollraum eines Teilchenbeschleunigers heraus.

Die Illusion, man befinde sich auf der Kommandobr&#252;cke der U.S.S. Enterprise, wurde vor allem durch eine gro&#223;e M&#252;lltonne gest&#246;rt, die von Coladosen und Tiefk&#252;hlpizza-Schachteln &#252;berquoll. Notizzettel und Schokoriegelverpackungen waren &#252;ber den Boden verstreut, und eine unge&#246;ffnete Flasche Veuve Clicquot lag auf dem Boden an der gebogenen Wand.

Entschuldigen Sie die Unordnung  wir sind gerade in der Endphase eines Testdurchlaufs. Das ist nur etwa die H&#228;lfte des Teams  die anderen werden Sie beim Abendessen kennenlernen. Er wandte sich an die Gruppe. Meine Lieben, ich m&#246;chte euch das neueste Mitglied unseres Teams vorstellen, Wyman Ford. Er ist der Ethnologe, den ich angefordert habe, als Verbindungsmann zur indianischen Bev&#246;lkerung.

Nicken, gemurmelte Begr&#252;&#223;ungen, ein fl&#252;chtiges L&#228;cheln hier und da  er war kaum mehr als eine kleine Ablenkung. Was ihm nur lieb sein konnte.

Ich f&#252;hre Sie schnell herum und stelle Ihnen kurz die Kollegen vor. Beim Abendessen haben Sie dann Gelegenheit, uns besser kennenzulernen.

Die Gruppe wartete ergeben.

Das ist Tony Wardlaw, der hier f&#252;r die Sicherheit zust&#228;ndig ist. Er sorgt daf&#252;r, dass wir keine Scherereien bekommen.

Ein Mann, so breit und massig wie ein Hackklotz, trat vor. Freut mich, Sie kennenzulernen, Sir. Er trug das Haar kurzgeschoren wie ein Soldat, seine Haltung hatte etwas Milit&#228;risches, seine Miene wirkte humorlos  und sein Gesicht war grau vor Ersch&#246;pfung. Wie Ford erwartet hatte, wurde seine Hand beim H&#228;ndedruck beinahe zerquetscht. Er quetschte kr&#228;ftig zur&#252;ck.

Das ist George Innes, unser Psychologe. Er leitet eine w&#246;chentliche Gespr&#228;chsrunde und hilft uns, nicht den Verstand zu verlieren. Ich wei&#223; nicht, was ohne seine Unterst&#252;tzung und seinen beruhigenden Einfluss aus uns geworden w&#228;re.

Ein paar Leute wechselten Blicke und verdrehten die Augen, was Ford deutlich machte, was die anderen von Innes Unterst&#252;tzung hielten. Innes H&#228;ndedruck war k&#252;hl und professionell, Druck und L&#228;nge genau richtig. Er sah aus wie ein Mann, der sich gern im Freien aufhielt, und trug eine s&#228;uberlich geb&#252;gelte, khakifarbene Hose und ein kariertes Hemd. Hielt sich fit, machte einen gepflegten Eindruck  die Sorte Mensch, die glaubte, alle anderen au&#223;er ihm h&#228;tten Probleme.

Freut mich, Sie kennenzulernen, Wyman, sagte er und sp&#228;hte &#252;ber den Rand seiner Perlmuttbrille hinweg. Sie m&#252;ssen sich ein bisschen vorkommen wie ein Neuer, der mitten im Schuljahr in die Klasse kommt.

Allerdings.

Ich bin f&#252;r Sie da, wenn Sie einmal &#252;ber etwas sprechen m&#246;chten.

Danke.

Hazelius schob ihn weiter zu einem Wrack von einem jungen Mann, Anfang drei&#223;ig, d&#252;rr wie ein Rechen, mit langem, fettigem blonden Haar. Das ist Peter Wolkonski, unser Software-Ingenieur. Peter kommt aus Jekaterinburg in Russland.

Widerstrebend l&#246;ste Wolkonski sich von der Konsole, an der er gel&#252;mmelt hatte. Der Blick seiner rastlosen, irren Augen huschte &#252;ber Ford. Er streckte nicht die Hand aus, sondern nuschelte nur mit einem gedankenverlorenen Nicken: Hallo.

Sch&#246;n, Sie kennenzulernen, Peter.

Wolkonski schlurfte zur&#252;ck zu seiner Tastatur und tippte weiter. Seine d&#252;nnen Schulterbl&#228;tter zeichneten sich unter dem zerschlissenen T-Shirt ab wie die eines mageren Kindes.

Und das ist Ken Dolby, unser Chefingenieur, der Isabella entworfen hat. Eines Tages werden sie ihm im Smithsonian ein Denkmal errichten.

Dolby kam her&#252;ber  rundlich, gro&#223;, freundlich, schwarz, neununddrei&#223;ig Jahre alt, mit der lockeren Ausstrahlung eines kalifornischen Windsurfers. Ford war er auf der Stelle sympathisch  ein vern&#252;nftiger Kerl. Auch er wirkte &#252;beranstrengt und hatte rotger&#228;nderte Augen. Er streckte die Hand aus. Willkommen, sagte er. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass wir gerade nicht besonders pr&#228;sentabel aussehen. Einige von uns haben seit sechsunddrei&#223;ig Stunden nicht mehr geschlafen.

Sie gingen weiter. Und das ist Alan Edelstein, fuhr Hazelius fort, unser Mathematiker.

Ein Mann, den Ford kaum bemerkt hatte, weil er abseits von den anderen sa&#223;, blickte von dem Buch auf, das er gerade las  Joyce Finnegans Wake. Er hob nur den Zeigefinger zur Begr&#252;&#223;ung und sah Ford mit durchdringendem Blick an. Der schelmische Ausdruck in seinen Augen verriet eine Art hochm&#252;tiger Belustigung &#252;ber die Welt im Allgemeinen.

Und, wie ist das Buch?, fragte Ford.

Fesselnd.

Alan macht nicht viele Worte, sagte Hazelius. Aber in der Sprache der Mathematik ist er sehr beredt. Ganz zu schweigen von seinen F&#228;higkeiten als Schlangenbeschw&#246;rer.

Edelstein nahm das Kompliment mit einer leichten Neigung seines Kopfes zur Kenntnis.

Schlangenbeschw&#246;rer?

Alan hat ein nicht unumstrittenes Hobby.

Er h&#228;lt Schlangen als Haustiere, erkl&#228;rte Innes. Offenbar hat er ein H&#228;ndchen f&#252;r sie. Das sollte scherzhaft klingen, doch Ford meinte, einen sch&#228;rferen Unterton herauszuh&#246;ren.

Ohne erneut von seinem Buch aufzublicken, sagte Edelstein: Schlangen sind interessant und n&#252;tzlich. Sie fressen Ratten. Von denen wir hier ziemlich viele haben. Er warf Innes einen vielsagenden Blick zu.

Alan tut uns damit einen Gefallen, sagte Hazelius. Diese Lebendfallen, die Sie im Bunker und auch sonst &#252;berall auf dem Gel&#228;nde sehen werden, halten uns die Nager  und damit auch das Hanta-Virus  vom Hals. Er verf&#252;ttert sie an seine Schlangen.

Wie f&#228;ngt man eine Klapperschlange?, fragte Ford.

Sehr vorsichtig, antwortete Innes an Edelsteins Stelle, wobei er mit angespanntem Lachen seine Brille auf der Nase hochschob.

Edelsteins dunkle Augen begegneten Fords Blick. Wenn Sie eine sehen, sagen Sie mir Bescheid, dann zeige ich es Ihnen.

Ich kann es kaum erwarten.

Sehr sch&#246;n, sagte Hazelius hastig. Jetzt m&#246;chte ich Ihnen Rae Chen vorstellen, unsere Computertechnikerin.

Eine Frau asiatischer Abstammung, die so jung aussah, dass sie in Bars wohl &#246;fter ihren Ausweis vorzeigen musste, sprang von ihrem Stuhl, streckte die Hand aus und kam auf ihn zu, wobei ihr h&#252;ftlanges schwarzes Haar hinter ihr herschwang. Sie war gekleidet wie eine typische Berkeley-Studentin, schmuddeliges T-Shirt mit Peace-Zeichen vorne drauf und Jeans mit Flicken, die von einer britischen Flagge stammten.

Hi, freut mich, Sie kennenzulernen, Wyman. Hinter ihren schwarzen Augen funkelte eine ungew&#246;hnliche Intelligenz, und noch etwas, das Ford wie Argwohn vorkam. Aber vielleicht lag das nur daran, dass sie, wie die anderen, v&#246;llig ersch&#246;pft aussah.

Ganz meinerseits.

Also dann, muss wieder an die Arbeit, sagte sie mit aufgesetzter Fr&#246;hlichkeit und wies mit einem Nicken auf ihren Computer.

Das wars eigentlich schon, sagte Hazelius. Aber wo ist Kate? Ich dachte, sie wollte noch diese Berechnungen zur Hawking-Strahlung anstellen.

Sie hat fr&#252;her Schluss gemacht, sagte Innes. Meinte, sie wollte schon mal mit dem Abendessen anfangen.

Hazelius kehrte zur&#252;ck in die Mitte des Raums und versetzte seinem zentralen Drehstuhl einen z&#228;rtlichen Klaps. Wenn Isabella erst richtig l&#228;uft, werden wir uns den Augenblick der Sch&#246;pfung mit eigenen Augen ansehen k&#246;nnen. Er lachte leise. Ich finde es so aufregend, in meinem Captain-Kirk-Sessel zu sitzen und zuzuschauen, wie wir in Gebiete vordringen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Ford beobachtete, wie er sich in seinen Sessel setzte und l&#228;chelnd die F&#252;&#223;e in die Luft schwang, und er dachte: Er ist der Einzige in diesem Raum, der nicht so aussieht, als w&#228;re er krank vor Sorge.


6


Am Sonntagabend quetschte Reverend Don T. Spates seinen massigen Leib vorsichtig in den Make-up-Stuhl, um seine Hose und das von Hand gen&#228;hte italienische Baumwollhemd ja nicht zu zerknittern. Sobald er sa&#223;, rutschte er seinen Hintern zurecht und schob ihn hin und her, dass der Ledersitz quietschte und knarrte. Behutsam lehnte er den Kopf zur&#252;ck. Wanda stand neben seinem Stuhl und hielt den Friseur umhang bereit.

Lassen Sie mich gut aussehen, Wanda, sagte er und schloss die Augen. Heute ist ein gro&#223;er Sonntag. Ein richtig gro&#223;er Sonntag.

Sie werden phantastisch aussehen, Reverend, versprach Wanda, lie&#223; den Umhang &#252;ber ihn gleiten und befestigte ihn um seinen Hals. Dann machte sie sich an die Arbeit, begleitet vom beruhigenden Klappern ihrer Fl&#228;schchen, K&#228;mme und Pinselchen; ihre besondere Aufmerksamkeit galt den Leberflecken des Reverend und den spinnenartigen R&#246;tungen der Couperose auf den Wangen und der Nase. Sie war sehr gut in ihrem Beruf, und das wusste sie auch. Ganz gleich, was die anderen sagen mochten, sie fand den Reverend wunderbar und gutaussehend.

Ihre schlanken, wei&#223;en H&#228;nde gingen mit ge&#252;bter Effizienz zu Werke, flott und pr&#228;zise, doch die Ohren des Reverend waren immer eine besondere Herausforderung. Sie standen ein St&#252;ck zu weit vom Kopf ab und waren heller und st&#228;rker ger&#246;tet als die Haut drum herum. Manchmal, wenn er auf der B&#252;hne hin und her ging, fingen die Scheinwerfer von hinten seine Ohren ein und lie&#223;en sie knallrosa leuchten. Um ihnen den richtigen Hautton zu verleihen, bedeckte sie sie mit einer schweren Grundierung, drei Schattierungen dunkler als sein Gesicht, und legte zuletzt Puder auf, der sie praktisch lichtundurchl&#228;ssig machte.

W&#228;hrend sie auftrug, einmassierte, pinselte und tupfte, &#252;berpr&#252;fte sie ihre Arbeit immer wieder auf einem speziell kalibrierten Monitor, der das Bild einer Kamera wiedergab, die auf den Reverend gerichtet war. Es war ungeheuer wichtig, dass sie ihr Werk so sah, wie es auf dem Fernsehbildschirm wirken w&#252;rde  etwas, das mit blo&#223;em Auge perfekt erschien, konnte auf dem Bildschirm scheu&#223;lich fleckig aussehen. So bearbeitete sie den Reverend zweimal die Woche: f&#252;r seine Fernsehpredigt am Sonntag und seine Talkshow im christlichen Kabelfernsehen am Freitag.

Ja, der Reverend war ein wunderbarer Mann.


Reverend Don T. Spates fand Wandas professionelles Herumgepussel beruhigend und angenehm. Er hatte ein &#252;bles Jahr hinter sich. Seine Feinde hatten ihm zugesetzt, ihm jedes Wort im Munde herumgedreht und ihn erbarmungslos attackiert. Jede Predigt regte die atheistische Linke zu neuen Verunglimpfungen an. Das waren traurige Zeiten, wenn sogar ein Mann Gottes daf&#252;r angegriffen wurde, dass er die schlichte Wahrheit aussprach. Ja, da war dieser unselige Zwischenfall mit den beiden Prostituierten im Motel gewesen. Die gottlosen L&#252;gner hatten sich das Maul dar&#252;ber zerrissen. Aber das Fleisch ist schwach  wie die Bibel doch mehrmals best&#228;tigte. In Christus Augen sind wir alle hoffnungslose S&#252;nder, stets in Gefahr, vom Glauben abzufallen. Spates hatte um g&#246;ttliche Vergebung gebeten und sie auch erhalten. Doch die scheinheilige, b&#246;se Welt vergab nur langsam, wenn &#252;berhaupt.

Jetzt kommen die Z&#228;hne, Reverend.

Spates &#246;ffnete den Mund und sp&#252;rte, wie Wanda geschickt das elfenbeinwei&#223;e Fluid auftrug. Im grellen Scheinwerferlicht w&#252;rden seine Z&#228;hne auf dem Fernsehbildschirm so wei&#223; blitzen wie die Himmelspforte selbst.

Danach nahm sie sich sein Haar vor, k&#228;mmte und zupfte das drahtige, leicht orangerote Haar zur Helmfrisur, bis sie perfekt sa&#223;. Sie spr&#252;hte einen Hauch Haarspray dar&#252;ber und trug dann noch feinsten Puder auf, um die Farbe zu einem respektableren, nur leicht r&#246;tlichen Braun zu d&#228;mpfen.

Ihre H&#228;nde, bitte, Reverend.

Spates streckte die sommersprossigen, altersfleckigen H&#228;nde unter dem Umhang hervor und legte sie auf ein Manik&#252;retischchen. Sie beugte sich dar&#252;ber und trug zun&#228;chst eine Grundierung auf, die Falten verminderte und Flecken verblassen lie&#223;. Seine H&#228;nde mussten zu seinem Gesicht passen. Spates legte sogar besonderen Wert darauf, dass seine H&#228;nde perfekt aussahen. Sie waren eine Erweiterung seiner Stimme. Ein versautes Hand-Make-up konnte die Wirkung seiner Botschaft ruinieren, denn Nahaufnahmen beim Handauflegen enth&#252;llten Makel, die man mit blo&#223;em Auge kaum gesehen h&#228;tte.

F&#252;r die H&#228;nde brauchte sie f&#252;nfzehn Minuten. Sie kratzte die Fingern&#228;gel sauber, trug farblosen Unterlack auf, reparierte kleine Scharten, feilte die N&#228;gel und schnitt &#252;bersch&#252;ssige Hautst&#252;ckchen ab. Schlie&#223;lich bedeckte sie die H&#228;nde mit einem Make-up in der genau passenden Farbe.

Ein abschlie&#223;ender Check im Fernsehbildschirm, ein paar letzte Handgriffe, und Wanda trat zur&#252;ck.

Fertig, Reverend. Sie drehte den Bildschirm zu ihm herum.

Spates musterte sich  Gesicht, Augen, Ohren, Lippen, Z&#228;hne, H&#228;nde.

Dieser Fleck an meinem Hals, Wanda? Den haben Sie vergessen  schon wieder.

Ein rascher Tupfer mit dem Schw&#228;mmchen, ein bisschen Puder, und der Fleck war verschwunden. Spates tat seine Zufriedenheit mit einem Brummen kund.

Wanda nahm ihm den Umhang ab und trat zur&#252;ck. Spates Assistent Charles eilte aus den Kulissen herbei und brachte die Anzugjacke des Reverend. Spates erhob sich aus dem Sessel und streckte die Arme aus. Charles zog ihm das Jackett an, zupfte es zurecht, strich es glatt, b&#252;rstete noch einmal rasch dar&#252;ber, klopfte die Schultern auf, kontrollierte den Kragen und r&#252;ckte die Krawatte gerade.

Wie sehen die Schuhe aus, Charles?

Charles polierte die Schuhe mit einem weichen Tuch.

Zeit?

Sechs Minuten vor acht, Reverend.

Vor Jahren schon war Spates auf die Idee gekommen, seine Sonntagspredigt abends auszustrahlen, zur besten Sendezeit, um dem morgendlichen Gedr&#228;nge der &#252;brigen Fernsehprediger auszuweichen. Er nannte seine Sendung Gods Prime Time. Alle hatten ihm prophezeit, dass er es nie schaffen w&#252;rde, sich gegen die starken Programme am Sonntagabend durchzusetzen. Doch seine Idee hatte sich als Geniestreich erwiesen.

Spates verlie&#223; den Raum in Richtung B&#252;hne, Charles dicht auf den Fersen. Als er sich den Kulissen n&#228;herte, h&#246;rte er schon das leise Rascheln und Murmeln der Gl&#228;ubigen  Tausenden von Gl&#228;ubigen , die ihre Pl&#228;tze in der Silver Cathedral einnahmen, von der aus Gods Prime Time jeden Sonntag zwei Stunden lang gesendet wurde.

Drei Minuten, fl&#252;sterte Charles ihm ins Ohr.

Spates sog im Schatten der Kulissen tief die Luft ein. Die Menge drau&#223;en wurde still, als die Publikumsanweisungen &#252;ber die Leinw&#228;nde liefen und die Zeit seines Auftritts n&#228;her r&#252;ckte.

Er f&#252;hlte, wie die Macht Gottes seinen K&#246;rper mit der Kraft des Heiligen Geistes belebte. Er liebte diesen Augenblick kurz vor der Predigt; er lie&#223; sich mit nichts auf der Welt vergleichen, eine Woge aus sengenden Flammen, Triumph und jubelnder Vorfreude.

Besetzte Pl&#228;tze?, fragte er Charles fl&#252;sternd.

Etwa sechzig Prozent.

Eine kalte Klinge fuhr mitten ins Herz seiner Freude. Sechzig Prozent  letzte Woche waren es siebzig gewesen. Noch vor einem halben Jahr hatten die Leute um Karten Schlange gestanden, jeden Sonntag wieder, und viele hatten keine mehr abbekommen. Doch seit dem Zwischenfall im Motel waren die telefonischen Spenden w&#228;hrend der Sendung um die H&#228;lfte zur&#252;ckgegangen, und die Einschaltquote war um vierzig Prozent gesunken. Die Bastarde vom Christian Cable Service standen kurz davor, seine w&#246;chentliche Talkshow abzusetzen. Gods Prime Time Ministry, die kleine Gemeinde, die er vor drei&#223;ig Jahren in einem aufgegebenen Supermarkt gegr&#252;ndet hatte, blickte der dunkelsten Nacht in ihrer Geschichte entgegen. Wenn nicht bald reichlich Geld in die Kasse floss, w&#252;rde er die Zinsen und R&#252;ckzahlungen der Anleihen nicht mehr leisten k&#246;nnen, die er unter dem Schlagwort Kauf ein St&#252;ck von Jesus &#252;ber das Fernsehen an Hunderttausende Mitglieder seiner Gemeinde verkauft hatte, um den Bau der Silver Cathedral zu finanzieren.

Seine Gedanken kehrten zu der Besprechung mit diesem Lobbyisten, Booker Crawley, zur&#252;ck. Ein Zeichen g&#246;ttlicher Gnade, dass ihm gerade heute Crawleys Vorschlag in den Scho&#223; gefallen war. Wenn er es geschickt anpackte, k&#246;nnte dies genau das Thema sein, das er gesucht hatte, um seine virtuelle Gemeinde neu zu beleben und zu finanzieller Unterst&#252;tzung aufzur&#252;tteln. Die Debatte Evolution versus g&#246;ttliche Sch&#246;pfung war ein alter Hut, und es war nicht leicht, sie so darzustellen, dass sie wirklich zog  vor allem bei der gro&#223;en Konkurrenz vieler anderer Fernsehprediger. Crawleys Thema jedoch war frisch und neu und wartete nur darauf, gepfl&#252;ckt zu werden.

Er wollte verdammt sein, wenn er diese k&#246;stliche Frucht nicht selbst pfl&#252;ckte  und zwar jetzt.

Es ist so weit, Reverend, ert&#246;nte Charles leise Stimme hinter ihm.

Die Scheinwerfer flammten auf, und die Menge br&#252;llte vor Begeisterung, als Reverend Spates die B&#252;hne betrat; er senkte den Kopf, faltete die H&#228;nde und hob sie rhythmisch in die H&#246;he.

Gods Prime Time!, rief er mit seiner klangvollen Bassstimme und reichlich Vibrato. Gods Prime Time! Es naht die beste Zeit f&#252;r den Ruhm und die Herrlichkeit Gottes! In der Mitte der B&#252;hne blieb er abrupt stehen, hob den Kopf und streckte die Arme den Zuschauern entgegen, als flehe er sie an. Seine Fingerspitzen zitterten. Seine Worte rollten wie eine Woge &#252;ber das Publikum hinweg.

Seid gegr&#252;&#223;t, alle, die ihr gekommen seid, im Namen unseres Herrn und Erl&#246;sers Jesus Christus!

Tosender Jubel brandete durch die riesige Silver Cathedral. Er hob die H&#228;nde, die Handfl&#228;chen gen Himmel gereckt, und das Gebr&#252;ll setzte sich fort  unterst&#252;tzt von den Publikumsanweisungen. Er lie&#223; die Arme sinken, und es wurde still wie nach einem Donnerschlag.

Er neigte den Kopf zum Gebet und sagte mit leiser, dem&#252;tiger Stimme: Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Langsam hob er den Kopf so, dass die Zuschauer sein Profil zu sehen bekamen, hob einen Arm, nur zentimeterweise, und sprach mit seiner vollsten Stimme, jedes Wort deutlich und gedehnt: Am Anfang, t&#246;nte er, schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war w&#252;st und leer, und es war finster auf der Tiefe.

Er machte eine Pause und sch&#246;pfte theatralisch Atem. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.

Pl&#246;tzlich hallte seine Stimme durch die Silver Cathedral wie eine Kirchenorgel. Und Gott sprach: Es werde Licht!

Eine dramatische Pause, und er fuhr leise fl&#252;sternd fort: Und es ward Licht.

Er trat an den Rand der B&#252;hne und schenkte den Gl&#228;ubigen ein joviales L&#228;cheln. Wir alle sind mit diesen ersten Worten aus dem Buch Moses vertraut. Selten hat es machtvollere Worte gegeben. Eindeutig und unmissverst&#228;ndlich. Das sind wahrhaft die Worte Gottes, meine Freunde. Gott erz&#228;hlt uns in Seinen eigenen Worten, wie Er das Universum erschuf.

Gem&#228;chlich schlenderte er am Rand der B&#252;hne entlang. Meine lieben Freunde, w&#252;rde es euch &#252;berraschen, wenn ich euch sage, dass die Regierung euer hartverdientes Geld, das Geld der Steuerzahler, f&#252;r den Versuch ausgibt, Gottes Wort zu widerlegen?

Er wandte sich dem schweigenden Publikum zu.

Ihr glaubt mir nicht?

Ein Murmeln erhob sich aus dem Meer von Gesichtern.

Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche seines Jacketts, riss es hoch und sagte mit donnernder Stimme: Hier, seht selbst. Das habe ich vor nicht einmal einer Stunde aus dem Internet ausgedruckt.

Weiteres Gemurmel.

Und was musste ich da erfahren? Dass unsere Regierung vierzig Milliarden Dollar daf&#252;r ausgegeben hat, einen Beweis gegen die Sch&#246;pfungsgeschichte zu finden  vierzig Milliarden Dollar von eurem Geld, um die heilige Schrift des Alten Testaments zu widerlegen. Ja, meine Freunde, auch dies geh&#246;rt zu dem Krieg, den die s&#228;kularen Humanisten mit finanzieller Unterst&#252;tzung der Regierung gegen das Christentum f&#252;hren, und es ist h&#228;sslich.

Er ging erregt auf der B&#252;hne auf und ab, sch&#252;ttelte das Blatt Papier in seiner Faust, so dass es knitterte.

Hier steht, dass sie in der W&#252;ste von Arizona eine Maschine namens Isabella gebaut haben. Viele von euch haben schon davon geh&#246;rt.

Lautes, zustimmendes Murmeln.

Ich hatte auch davon geh&#246;rt. Ich dachte, das sei eben ein weiteres nutzloses Millionengrab der Regierung. Erst jetzt habe ich erfahren, welchem Zweck sie dienen soll.

Abrupter Halt, langsame Drehung hin zu seinen Zuh&#246;rern. Meine lieben Freunde, der Zweck dieser Maschine ist, die sogenannte Urknalltheorie zu &#252;berpr&#252;fen. So ist es, ihr habt richtig geh&#246;rt, da ist wieder einmal dieses Wort Theorie!

Seine Stimme troff vor Verachtung.

Die Urknall theorie behauptet Folgendes: Vor dreizehn Milliarden Jahren explodierte ein winzig kleines P&#252;nktchen im Weltraum und erschuf das gesamte Universum  ohne die hilfreiche Hand Gottes. Ihr habt richtig geh&#246;rt: Sch&#246;pfung ohne Gott. Aa-thee-ISTische Sch&#246;pfung.

Er wartete ab, w&#228;hrend sich ungl&#228;ubiges Schweigen im Saal ausbreitete. Wieder sch&#252;ttelte er das Blatt in seiner Faust. Genau das steht hier drin, Leute! Eine ganze Website, Hunderte von Seiten, will die Erschaffung des Universums erkl&#228;ren, ohne ein einziges Mal Gott zu erw&#228;hnen!

Ein finsterer Blick ins Publikum.

Diese Urknalltheorie ist keinen Deut besser als die Theorie, die behauptet, unsere Urgro&#223;v&#228;ter seien Affen gewesen. Oder die Theorie, die behauptet, das gesamte komplexe Leben auf Erden sei durch eine zuf&#228;llige Ver&#228;nderung von Molek&#252;len in einer Schlammpf&#252;tze entstanden. Diese Urknalltheorie ist nichts als eine weitere s&#228;kular-humanistische, antichristliche, glaubensfeindliche Theorie, nichts anderes als die Evolutionstheorie, aber schlimmer. Viel, viel schlimmer!

Drehung, Abwenden, erregtes Auf-und-ab-Gehen.

Denn diese Theorie wendet sich gegen den Glauben, dass Gott das Universum erschaffen hat. Lasst euch nicht t&#228;uschen: Isabella ist ein direkter, offener Angriff gegen den christlichen Glauben. Die Urknalltheorie behauptet, dieses wundersch&#246;ne, dieses phantastische, dieses gottgegebene Universum sei ganz von allein entstanden, durch einen blo&#223;en Zufall, vor dreizehn Milliarden Jahren. Und als w&#228;re diese gottesl&#228;sterliche Theorie nicht schon schlimm genug, wollen sie jetzt auch noch vierzig Milliarden Dollar von unserem Geld daf&#252;r ausgeben, sie zu beweisen!

Er lie&#223; den zornfunkelnden Blick &#252;ber die Zuschauer schweifen.

Was w&#252;rde passieren, wenn wir bei den Gelehrten in Washington Gleichbehandlung einfordern? Was, wenn wir vierzig Milliarden Dollar von ihnen verlangen w&#252;rden, um zu beweisen, dass das Buch Genesis die Wahrheit enth&#228;lt? Was w&#252;rde passieren? Die eiskalten, jesusfeindlichen Liberalen in Washing ton w&#252;rden mit den Z&#228;hnen knirschen, jawohl, sie h&#228;tten Schaum vorm Maul! Sie w&#252;rden uns mit der alten Leier kommen, der Trennung von Kirche und Staat! Das sind die Leute, die Jesus aus unseren Schulzimmern verbannt, die Zehn Gebo te von den W&#228;nden unserer Gerichtss&#228;le gerissen, Weihnachts b&#228;ume und Krippen verboten, sich &#252;ber unseren Glauben lustig gemacht und auf unsere Kirche gespuckt haben. Aber dieselben s&#228;kularen Humanisten denken sich nichts dabei, wenn sie unser Geld ausgeben, um zu beweisen, dass die Bibel sich irrt, um den christlichen Glauben als eine einzige L&#252;ge hinzustellen!

Das Gemurmel im Saal wurde lauter. Ein paar Leute standen auf, dann noch mehr, bis der gesamte Saal sich erhoben hatte. Die Menge schwoll f&#246;rmlich an wie eine Flutwelle, und Tausende Stimmen vereinigten sich zu einem einzigen, zornigen Br&#252;llen.

Die Bildschirme f&#252;r die Zuschaueranweisungen blieben dunkel, denn sie wurden nun nicht mehr gebraucht.

Dies ist ein Krieg gegen die Christenheit, meine Freunde! Ein Krieg bis zum bitteren Ende, und sie lassen euch und mich bluten daf&#252;r, wir m&#252;ssen ihn auch noch mit unseren Steuern bezahlen! Werden wir zulassen, dass sie auf Jesus Christus spucken und uns daf&#252;r auch noch zur Kasse bitten?

Reverend Don T. Spates blieb exakt in der Mitte der B&#252;hne stehen. Keuchend starrte er auf den tobenden Saal seiner Kathedrale in Virginia Beach, fassungslos &#252;ber die Wirkung seiner Predigt. Er konnte es h&#246;ren, er konnte es sehen, er konnte es f&#252;hlen  die tosende Flut, das Aufsch&#228;umen gerechten Zorns  die Luft knisterte f&#246;rmlich vor hitziger Emp&#246;rung. Er konnte es kaum glauben. Sein Leben lang hatte er nur mit Steinen geworfen, und jetzt, pl&#246;tzlich, hatte er eine Granate geschleudert. Dies war das Thema, die Streitfrage, um die er gebetet hatte, auf die er gehofft, nach der er gesucht hatte.

Gelobt seien Gott und Jesus Christus!, schrie er, hob die Arme gen Himmel und richtete den Blick an die glitzernde Decke. Er sank auf die Knie und betete mit bebender Stimme: Jesus Christus, unser Herr, mit Deiner Hilfe werden wir jene aufhalten, die Deinen Vater zu beleidigen suchen. Wir werden diese infernalische Maschine, dieses Teufelswerk in der W&#252;ste vernichten. Wir werden dieser Gottesl&#228;sterung namens Isabella ein Ende bereiten!


7


Um Viertel vor acht verlie&#223; Wyman Ford sein Drei-Zimmer-H&#228;uschen. Am Ende der Einfahrt blieb er stehen und atmete tief die duftende Nachtluft ein. Die Fenster des Speisesaals trieben als gelbe Vierecke in der Dunkelheit. &#220;ber das Pl&#228;tschern der Sprinkleranlage auf dem Spielfeld hinweg h&#246;rte er ganz schwach ein Klavier Boogie-Woogie spielen, und leises Stimmengewirr. Er konnte sich Kate nicht anders vorstellen denn als die respektlose, kiffende, streitlustige Doktorandin, die er damals gekannt hatte. Aber sie musste sich ver&#228;ndert haben  und zwar sehr , wenn sie inzwischen stellvertretende Leiterin des wichtigsten wissenschaftlichen Experiments in der Geschichte der Physik geworden war.

Wie von selbst drifteten seine Gedanken zu Erinnerungen an sie und ihre gemeinsame Zeit ab  Erinnerungen, die leider dazu neigten, nicht ganz jugendfrei zu sein. Hastig stopfte er sie zur&#252;ck in die staubige Ecke seines Verstandes, aus der sie hervorgekrochen waren. Dies, so dachte er, war keine sonderlich verantwortungsbewusste Herangehensweise bei seinen Ermittlungen.

Er umging die Rasensprenger, erreichte den Haupteingang des Blockhauses und betrat den ehemaligen Handelsposten. Licht und Musik drangen aus dem Aufenthaltsraum rechts von ihm. Er ging hinein. Die Leute spielten Karten oder Schach, lasen oder arbeiteten an Laptops. Hier, abseits der Br&#252;cke, wirkten sie beinahe entspannt.

Hazelius pers&#246;nlich sa&#223; am Klavier. Seine spinnend&#252;rren Finger h&#252;pften noch ein paar Takte lang &#252;ber die Tasten, dann stand er auf. Wyman, herzlich willkommen! Das Essen ist fast fertig. Er kam Ford auf halbem Weg durch den Raum entgegen, nahm ihn beim Arm und f&#252;hrte ihn zum Speisesaal. Die anderen erhoben sich und folgten ihnen gem&#228;chlich.

Ein massiver Tisch aus Kiefernholz mit Kerzen, Silberbesteck und frischen Blumen nahm die Mitte des Raums ein. In dem ummauerten Kamin brannte ein Feuer. Navajo-Teppiche hingen an den W&#228;nden; Nakai-Rock-Stil, vermutete Wyman anhand der geometrischen Muster. Mehrere Weinflaschen waren bereits ge&#246;ffnet worden, und der Duft von gegrilltem Steak trieb aus der K&#252;che her&#252;ber.

Hazelius gab den geselligen Gastgeber, geleitete Leute zu ihren Pl&#228;tzen, lachte und scherzte. Ford f&#252;hrte er zu einem Stuhl in der Mitte, neben einer gertenschlanken blonden Frau.

Melissa? Das ist Wyman Ford, unser neuer Ethnologe. Melissa Corcoran, unsere Kosmologin.

Sie gaben sich die Hand. &#220;ppiges, blondes Haar fiel ihr &#252;ber die Schultern, und ihre hellgr&#252;nen Augen, wie Strandglas, musterten ihn neugierig. Die Stupsnase war mit Sommersprossen gesprenkelt; eine mit Perlen bestickte Indianerweste, schlicht, aber schick, passte gut zu der einfachen Kombi aus Hose und Bluse. Doch auch Corcorans Augen waren ein wenig blutunterlaufen und ger&#246;tet.

Der Platz neben ihr am Tisch war noch frei.

Bevor Sie sich auf Wyman st&#252;rzen, sagte Hazelius zu Corcoran, w&#252;rde ich ihm gern die anderen vorstellen, die er vorhin noch nicht kennengelernt hat.

Nur zu.

Das ist Julie Thibodeaux, unsere Quantenfeldtheoretikerin.

Gegen&#252;ber am Tisch warf eine Frau Ford ein knappes Hallo zu, bevor sie ihren gereizten Monolog wieder aufnahm, der dem wei&#223;h&#228;uptigen, kobold&#228;hnlichen Mann neben ihr galt. Thibodeaux kam dem Stereotyp der klassischen Wissenschaftlerin sehr nahe: unscheinbar, &#252;bergewichtig, in einen schmuddeligen Laborkittel geh&#252;llt und mit kurzem, str&#228;hnigem Haar, offensichtlich schon l&#228;nger nicht mehr gewaschen. Zwei Kulis in einer Plastikh&#252;lle, die aus ihrer Kitteltasche ragten, vervollst&#228;ndigten die Karikatur. In ihrem Dossier stand, sie leide an einer psychischen Erkrankung mit der Bezeichnung Borderline-Pers&#246;nlichkeitsst&#246;rung. Ford war gespannt, wie sich so etwas manifestierte.

Der Herr, der sich gerade mit Julie unterh&#228;lt, ist Harlan St. Vincent, unser Elektroingenieur. Wenn Isabella mit voller Kraft l&#228;uft, ist Harlan zust&#228;ndig f&#252;r die neunhundert Megawatt Energie, die sich wie die Niagaraf&#228;lle in unsere Maschine ergie&#223;en.

St. Vincent erhob sich und streckte die Hand &#252;ber den Tisch. Freut mich, Sie kennenzulernen, Wyman. Als er sich wieder setzte, nahm Thibodeaux augenblicklich ihren Sermon wieder auf, der sich offenbar um etwas namens Bose-Einstein-Kondensat drehte.

Michael Cecchini, unser Feld-Wald-und-Wiesen-Teilchenphysiker, sitzt hier dr&#252;ben.

Ein kleiner, dunkler Mann stand auf und streckte die Hand aus. Ford dr&#252;ckte sie und betrachtete dabei die auff&#228;llig ausdruckslosen, dunkelgrauen Augen. Der Mann sah aus, als w&#228;re er innerlich tot  und der H&#228;ndedruck wirkte genauso: klamm und leblos. Aber als wolle er dem Nihilismus im Kern seines Wesens trotzen, hatte Cecchini sich geradezu pedantisch um sein &#196;u&#223;eres bem&#252;ht. Sein Hemd war so leuchtend wei&#223;, dass es blendete, die B&#252;gelfalte in seiner Hose war messerscharf, und sein Haar war mit milit&#228;rischer Pr&#228;zision gescheitelt und gek&#228;mmt. Sogar seine H&#228;nde waren makellos, so weich und sauber wie frischer Teig, die N&#228;gel perfekt gefeilt und gl&#228;nzend poliert. Ford erschnupperte den Hauch eines teuren After shaves. Doch nichts konnte die Aura existenzieller Verzweiflung &#252;berdecken, die an ihm klebte.

Hazelius beendete die Vorstellungsrunde und verschwand in der K&#252;che, und sogleich stieg der L&#228;rmpegel an.

Ford hatte Kate immer noch nicht gesehen. Er fragte sich, ob das Zufall sein konnte.

Ich glaube, mir ist noch nie ein Ethnologe begegnet, sprach Melissa Corcoran ihn an.

Er drehte sich um. Und mir noch keine Kosmologin.

Sie w&#252;rden staunen, wie viele Leute meinen, mein Beruf h&#228;tte mit Frisuren und Nagellack zu tun. &#220;brigens ist mir das Du lieber. Ihr L&#228;cheln wirkte einladend. Also, was genau ist deine Aufgabe hier?

Ich soll die Einheimischen kennenlernen. Ihnen erkl&#228;ren, was hier vorgeht.

Hm, aber verstehst du, was hier vorgeht? Ihre Stimme klang neckend.

Vielleicht k&#246;nntest du mir da ein bisschen Nachhilfe geben.

L&#228;chelnd streckte sie die Hand nach einer Flasche aus. Wein?

Gern, danke.

Sie musterte das Etikett. Villa di Capezzana, Carmignano, zweitausend. Ich habe keine Ahnung, was das hei&#223;en soll, aber er ist gut. George Innes ist hier der Weinkenner. George? Erz&#228;hl uns was &#252;ber den Wein.

Innes unterbrach eine Unterhaltung am anderen Ende des Tisches, und ein freudiges L&#228;cheln breitete sich &#252;ber sein Gesicht. Er hob sein Glas. Ich hatte Gl&#252;ck, diese Kiste zu ergattern  heute Abend wollte ich etwas wirklich Erlesenes servieren. Capezzana mag ich besonders, ein altes Weingut in den H&#252;geln westlich von Florenz. Die erste DOC, die Cabernet Sauvignon zugelassen hat. Er weist eine gute Farbe auf, dunkles Beerenaroma von Roten und Schwarzen Johannisbeeren und Kirsche, und eine hervorragende Fruchttiefe.

Corcoran wandte sich mit schiefem Grinsen wieder Ford zu. George ist ein schrecklicher Snob, was Wein angeht, bemerkte sie, schenkte ihm gro&#223;z&#252;gig ein, f&#252;llte ihr eigenes Glas auf und hob es. Willkommen auf der Red Mesa. Ein grauenhafter Ort.

Warum denn das?

Ich habe meine Katze mitgebracht  ich konnte es nicht ertragen, sie zur&#252;ckzulassen. Wir waren erst zwei Tage hier, da habe ich ein Jaulen geh&#246;rt und einen Kojoten gesehen, der sie davongeschleppt hat.

Wie schrecklich.

Die schleichen hier &#252;berall herum, die r&#228;udigen Biester. Dann haben wir noch Taranteln, Skorpione, B&#228;ren, Rotf&#252;chse, Baumstachler, Stinktiere, Klapperschlangen und Schwarze Witwen. Diese Aufz&#228;hlung schien ihr geradezu Spa&#223; zu machen. Ich hasse die Red Mesa, verk&#252;ndete sie gen&#252;sslich.

Ford l&#228;chelte bem&#252;ht verlegen und stellte ihr die d&#252;mmste Frage, die ihm einfallen wollte. Schlie&#223;lich sollten die Leute hier ihn nicht f&#252;r allzu schlau halten. Also, wozu ist Isabella eigentlich da? Ich bin leider nur Ethnologe.

Theoretisch ist das ganz einfach. Isabella beschleunigt subatomare Teilchen auf beinahe Lichtgeschwindigkeit und l&#228;sst sie dann aufeinanderprallen, um so die Energiebedingungen beim Urknall nachzuvollziehen. Das ist wie bei einem Karambolage-Rennen. Zwei Teilchenstrahlen beschleunigen in entgegengesetzter Richtung in einer kreisf&#246;rmigen R&#246;hre mit einem Umfang von f&#252;nfundsiebzig Kilometern. Die Teilchen kreisen immer schneller in dem Ring, bis sie sich mit neunundneunzig Komma neun neun Prozent der Lichtgeschwindigkeit bewegen  wie gesagt, in entgegengesetzte Richtungen. Lustig wird es, wenn wir sie frontal aufeinanderprallen lassen. So reproduzieren wir die ungeheure Gewalt des Urknalls.

Was f&#252;r Teilchen lasst ihr da zusammensto&#223;en?

Materie und Antimaterie  Protonen und Antiprotonen. Wenn die aufeinanderprallen  wumm! Die pl&#246;tzlich frei werdende Energie ruft eine Streuung aller m&#246;glichen Teilchen hervor. Diese Streuung wird in den Detektoren erfasst, und dann k&#246;nnen wir feststellen, was f&#252;r Teilchen das sind und wie sie entstehen konnten.

Woher bekommt ihr denn Antimaterie?

Per Postversand aus Washington.

Ford l&#228;chelte. Und ich dachte, die verschicken nur Schwarze L&#246;cher.

Nein, im Ernst, wir erschaffen unsere Antimaterie selbst vor Ort, indem wir eine Goldplatte mit Alphastrahlen beschie&#223;en. Die Antiprotonen sammeln wir in einem zweiten Ring und leiten sie dann in den Hauptring, wenn wir sie brauchen.

Und was hat das alles mit Kosmologie zu tun?, fragte Ford.

Ich bin hier, um finstere Dinge zu studieren! Sie rollte dramatisch mit den Augen. Dunkle Materie und dunkle Energie. Sie nippte an ihrem Wein.

Klingt be&#228;ngstigend.

Sie lachte. Er beobachtete, wie sie ihn mit ihren gr&#252;nen Augen unverhohlen abw&#228;gend musterte, und fragte sich, wie alt sie wohl sein mochte. Dreiunddrei&#223;ig? Vierunddrei&#223;ig?

Vor etwa drei&#223;ig Jahren wurde den Astronomen allm&#228;hlich klar, dass die meiste Materie im Universum nicht von der Sorte ist, die man sehen oder ber&#252;hren kann. Sie nannten sie Dunkle Materie. Offenbar ist Dunkle Materie &#252;berall um uns herum, unsichtbar, sie flie&#223;t quasi unbemerkt durch uns hindurch, wie ein Schattenuniversum. Galaxien liegen mitten in riesigen Seen aus Dunkler Materie. Wir wissen nicht, was sie ist, warum es sie gibt, oder wie sie entstand. Da die Dunkle Materie gleichzeitig mit normaler Materie beim Urknall entstanden sein muss, kann ich mit Hilfe von Isabella hoffentlich etwas davon erzeugen.

Und Dunkle Energie?

Wunderbares, unheimliches Zeug. Neunzehnhundertneunundneunzig fanden Kosmologen heraus, dass irgendein unbekanntes Energiefeld das Universum expandieren l&#228;sst, immer schneller, es wird praktisch aufgeblasen wie ein riesiger Luftballon. Dieses Energiefeld haben sie als Dunkle Energie bezeichnet. Niemand hat auch nur die geringste Ahnung, was sie ist oder woher sie kommt. Aber sie scheint ziemlich b&#246;sartig zu sein.

Auf der anderen Seite des Tisches schnaubte Wolkonski und h&#246;hnte mit schriller Stimme: B&#246;sartig? Universum ist neutral. K&#252;mmert sich keine Dreck um uns.

Tatsache ist, fuhr Corcoran fort, dass Dunkle Energie letzten Endes das Universum zerst&#246;ren wird  beim Endknall.

Endknall? Bisher hatte Ford den Ahnungslosen nur gespielt, doch der Endknall war ihm tats&#228;chlich neu.

Das ist die j&#252;ngste Theorie &#252;ber das Schicksal des Universums. Ziemlich bald wird sich die Expansion des Universums so stark beschleunigen, dass Galaxien auseinandergerissen werden, dann die Sterne, die Planeten, du und ich  bis hinunter zu den Atomen selbst. Alles weg, mit einem gewaltigen Puff! Die Existenz selbst ist dann zu Ende. Ich habe den Wikipedia-Artikel dar&#252;ber verfasst. Sieh ihn dir mal an.

Sie trank einen weiteren Schluck, und Ford bemerkte, dass sie nicht die Einzige war, die sich den Wein schmecken lie&#223;. Die Gespr&#228;che um sie herum waren immer lauter geworden, und ein halbes Dutzend leerer Flaschen stand auf dem Tisch.

Sagtest du gerade ziemlich bald?

Es wird h&#246;chstens noch zwanzig bis f&#252;nfundzwanzig Milliarden Jahre dauern.

Bald ist Frage von Perspektive, warf Wolkonski mit heiserem Lachen ein.

Corcoran sagte: Wir Kosmologen betrachten alles auf lange Sicht.

Und wir Computerwissenschaftler kurze. Millisekunde kurze.

Millisekunden?, bemerkte Thibodeaux ver&#228;chtlich. In der Quantenelektrodynamik habe ich es mit Femtosekunden zu tun.

Hazelius kam mit einer Servierplatte herein, auf der sich gegrillte Filetsteaks t&#252;rmten. Unter anerkennendem Gemurmel stellte er sie auf den Tisch.

Hinter ihm erschien Kate Mercer mit einer gro&#223;en Sch&#252;ssel Pommes frites. Ohne in Fords Richtung zu blicken, stellte sie sie ab und verschwand wieder in der K&#252;che.

Nichts, was Ford sich ausgemalt hatte, h&#228;tte ihn hierauf vorbereiten k&#246;nnen  den ersten Blick auf sie, seit sie sich getrennt hatten. Mit f&#252;nfunddrei&#223;ig war sie sogar noch sch&#246;ner, als sie es mit dreiundzwanzig gewesen war  nur ihre lange, wilde schwarze M&#228;hne war einer schicken Kurzhaarfrisur gewichen. Die immer etwas schlampige Studentin in Jeans und &#252;bergro&#223;en M&#228;nnerhemden war erwachsen geworden. Vor zw&#246;lf Jahren hatte er sie zuletzt gesehen  aber es f&#252;hlte sich an, als seien nur ein paar Tage vergangen.

Er bekam einen Stups in die Rippen, wandte sich um und bemerkte, dass Corcoran ihm die Steakplatte hinhielt. Ich hoffe doch, du bist kein Vegetarier, Wyman.

Ganz und gar nicht. Er suchte sich ein bluttriefendes St&#252;ck aus, reichte die Platte weiter und bem&#252;hte sich, ganz entspannt zu wirken. Kates Erscheinen hatte ihn aus der Fassung gebracht.

Glaub ja nicht, dass wir jeden Abend so ein Festmahl bekommen, sagte sie. Das ist nur zur Feier deiner Ankunft.

Ein L&#246;ffel klingelte auf Glas, und Hazelius stand mit erhobenem Weinglas auf. Die Gespr&#228;che verstummten.

Ich habe eine kleine Willkommensansprache vorbereitet  Er blickte sich um. Wo steckt denn blo&#223; unsere stellvertretende Leiterin?

Die K&#252;chent&#252;r ging auf, Kate eilte heraus und setzte sich hastig neben Ford, den Blick starr auf die Tischplatte gerichtet.

Wie ich gerade sagte, m&#246;chte ich das neueste Mitglied unseres Teams ganz herzlich willkommen hei&#223;en: Wyman Ford.

Ford schaute weiterhin Hazelius an und betrachtete nur aus den Augenwinkeln Kates schlanke Gestalt neben sich, sp&#252;rte die W&#228;rme ihres K&#246;rpers, roch ihren Duft.

Wie die meisten von Ihnen bereits wissen, ist Wyman Ethnologe, das hei&#223;t, sein Fachgebiet ist die menschliche Natur  eine wesentlich komplexere Angelegenheit als alles, woran wir hier arbeiten. Er hob das Glas h&#246;her. Ich freue mich darauf, Sie n&#228;her kennenzulernen, Wyman. Und ein ganz, ganz herzliches Willkommen von uns allen.

Am Tisch wurde geklatscht.

Und nun, bevor ich mich wieder setze, m&#246;chte ich noch ein paar Worte zu unserer Entt&#228;uschung gestern Abend verlieren  Er z&#246;gerte kurz. Wir sind verwickelt in einen Kampf, der schon andauert, seit das erste menschliche Wesen zu den Sternen aufblickte und sich fragte, was genau sie sein mochten. Die Suche nach der Wahrheit ist das gr&#246;&#223;te menschliche Streben &#252;berhaupt. Von der Entdeckung des Feuers bis hin zur Entdeckung des Quarks ist diese Suche die Essenz dessen, was Menschsein ausmacht. Wir  wir vierzehn, die wir hier versammelt sind  sind die wahren Erben des Prometheus, der den G&#246;ttern das Feuer stahl, um es den Menschen zu bringen.

Er legte eine dramatische Pause ein.

Sie alle kennen das Schicksal des Prometheus. Aus Rache ketteten die G&#246;tter ihn f&#252;r alle Ewigkeit an einen Felsen. Jeden Tag st&#246;&#223;t ein Adler herab und verschlingt seine Leber. Doch weil er unsterblich ist, muss er die Folter ewig ertragen.

Im Raum war es so still, dass Ford das Feuer im Kamin knistern h&#246;rte.

Die Suche nach der Wahrheit ist schwer, sehr schwer, wie wir nun selbst erfahren m&#252;ssen. Hazelius hob sein Glas. Auf die Erben des Prometheus.

Mit ernsten Mienen hoben alle die Gl&#228;ser und tranken.

Unser n&#228;chster Durchlauf beginnt am Mittwochmittag. Bis dahin m&#246;chte ich, dass jeder Einzelne von Ihnen sich voll und ganz und ausschlie&#223;lich auf die anstehende Aufgabe konzentriert.

Er setzte sich. Die Leute am Tisch griffen zu Messer und Gabel und nahmen allm&#228;hlich ihre Unterhaltung wieder auf.

Als die Stimmen laut genug geworden waren, sagte Ford leise: Hallo, Kate.

Hallo, Wyman. Ihr Blick war reserviert. Das als &#220;berraschung zu bezeichnen w&#228;re stark untertrieben.

Du siehst gut aus.

Danke.

Stellvertretende Leiterin  du hast es wirklich weit gebracht. Er war sich vorgekommen wie ein Voyeur, als er ihr Dossier gelesen hatte. Aber er hatte sich nicht davon abhalten k&#246;nnen  es war fesselnd. Sie hatte seit ihrer Trennung einiges erlebt.

Und du  was ist aus deiner Karriere bei der CIA geworden?

Die habe ich aufgegeben.

Und jetzt bist du Ethnologe?

Ja.

Keiner von beiden sprach weiter. Der Klang ihrer Stimme, dieser singende Tonfall mit einem ganz schwachen Lispeln, traf ihn noch h&#228;rter als ihre Erscheinung. Rasch d&#228;mmte er die Flut von Erinnerungen ein. Diese Reaktion war absurd  das mit ihnen war lange her. Seitdem hatte er ein halbes Dutzend Beziehungen gehabt, er war verheiratet gewesen. Ihre Trennung war au&#223;erdem ziemlich h&#228;sslich abgelaufen  keine Spur von Lass uns Freunde bleiben. Sie hatten einander unverzeihliche Dinge an den Kopf geworfen.

Kate hatte sich abgewandt und sprach mit jemand anderem. Er nippte an seinem Wein und hing seinen Gedanken nach  an damals, als er sie am MIT zum ersten Mal gesehen hatte. Eines fr&#252;hen Nachmittags hatte er ganz hinten in der Barker Engineering Library nach einem stillen Eckchen zum Lesen gesucht, als ihm eine Frau auffiel, die dort unter einem Tisch schlief  ein gar nicht so ungew&#246;hnlicher Anblick. Ihre rechte Wange ruhte auf ihrer Hand; der andere Arm war &#252;ber ihre Bluse ausgestreckt. Ihr langes, gl&#228;nzendes Haar war &#252;ber den Teppich gebreitet. Sie war schlank und wirkte k&#252;hl, mit den feinen, zarten Gesichtsz&#252;gen, die man oft bei Menschen von gemischter asiatischer und europ&#228;ischer Abstammung findet. Sie sah aus wie eine schlafende Gazelle. Die blasse Kuhle an ihrem feingeschwungenen Hals, zwischen den Schl&#252;sselbeinen, erschien ihm als das Erotischste, was er je gesehen hatte. Er betrachtete sie ausgiebig, genoss schamlos jedes erotische Detail ihres schlafenden K&#246;rpers. Er konnte sich einfach nicht losrei&#223;en. Er starrte sie an.

Eine Fliege streifte ihre Wange. Ihr Kopf zuckte, und sie riss die mahagonifarbenen Augen auf, deren Blick direkt auf ihn fiel. Er f&#252;hlte sich ertappt.

Sie err&#246;tete und kroch verlegen unter dem Tisch hervor. Hast du ein Problem?

Er nuschelte, er habe sich nur vergewissern wollen, dass ihr nichts fehlte.

Ihr Blick wurde weicher, und sie wirkte ein wenig betreten. Muss schon seltsam ausgesehen haben, wie ich da auf dem Boden lag. Normalerweise kommt um diese Tageszeit nie jemand her. Hier kann ich mich zehn Minuten hinlegen und erfrischt wieder aufwachen.

Er versicherte ihr noch einmal, dass er sich nur habe vergewissern wollen, ob sie Hilfe brauche. Sie bemerkte beil&#228;ufig, sie brauche h&#246;chstens einen doppelten Espresso, bevor sie sich wieder &#252;ber die B&#252;cher hermachte. Er sagte, er k&#246;nne auch einen vertragen  und das war ihre erste Verabredung.

Sie waren grundverschieden. Das machte gerade den Reiz aus. Sie kam aus der Arbeiterschicht in einem Dorf, er geh&#246;rte der Gro&#223;stadt-Elite an. Sie stand auf Blondie, er h&#246;rte gern Bach. Sie rauchte manchmal Haschisch, was er ein wenig skandal&#246;s fand. Er war Katholik, sie eine schreiende Atheistin. Er war beherrscht; sie war unberechenbar, spontan, manchmal sogar wild. Bei ihrer zweiten Verabredung war sie es, die sich an ihn heranmachte. Obendrein war sie eine brillante Studentin  vielleicht sogar ein Genie. Sie war so klug, dass es ihm Angst einjagte und ihn zugleich erst recht scharf machte. Sogar au&#223;erhalb der Physik war sie von dem Drang, die menschliche Natur verstehen zu wollen, wie besessen. Sie war eine leidenschaftliche Partisanin, zutiefst emp&#246;rt &#252;ber die Ungerech tigkeit der Welt, und geh&#246;rte zu jenen, die Petitionen unterschrieben, auf der Stra&#223;e demonstrierten und hitzige Leserbriefe schrieben. Er erinnerte sich daran, wie sie oft bis in die fr&#252;hen Morgenstunden &#252;ber Politik und Religion diskutiert hatten, an ihre &#252;berraschend tiefen Einsichten in die menschliche Psyche, so emotional ihre Ansichten auch sein mochten.

Seine Entscheidung, zur CIA zu gehen, hatte ihre Beziehung beendet. In ihren Augen war man entweder einer von den guten Jungs, oder eben nicht. Die CIA geh&#246;rte definitiv in die Kategorie oder eben nicht.

Also, Wyman, fragte Kate, warum hast du sie aufgegeben?

Was? Ford wurde in die Gegenwart zur&#252;ckgerissen.

Deine Karriere bei der CIA. Was ist passiert?

Ford w&#252;nschte, er k&#246;nnte sich &#252;berwinden, es einfach auszusprechen: Weil meine Frau bei einem unserer Undercover-Eins&#228;tze von einer Autobombe zerfetzt wurde. Das war doch nichts f&#252;r mich, sagte er lahm.

Verstehe. W&#228;re es  best&#252;nde denn Grund zur Hoffnung, dass du deine Einstellung ge&#228;ndert hast?

Und was ist mit deiner Einstellung?, dachte Ford, behielt das aber f&#252;r sich. Das sah ihr so &#228;hnlich: direkt zum springenden Punkt vorzudringen, koste es, was es wolle. Das hatte er an ihr geliebt, und er hatte es gehasst.

Das Essen sieht toll aus, sagte er, um das Gespr&#228;ch unverbindlich zu halten. Soweit ich mich erinnere, warst du fr&#252;her die K&#246;nigin der Mikrowelle.

Von dem ganzen Fertigfra&#223; bin ich dick geworden.

Wieder Schweigen.

Ford sp&#252;rte von der anderen Seite einen weiteren Rippensto&#223;. Melissa Corcoran hielt eine Flasche in der Hand und bot an, ihm nachzuschenken. Ihr Gesicht war ger&#246;tet.

Das Steak ist perfekt, sagte sie. Gut gemacht, Kate.

Danke.

Blutig  genau so, wie ich es mag. Aber, he!, sagte sie und wies auf Fords Teller. Du hast deines ja gar nicht anger&#252;hrt!

Ford a&#223; einen Bissen, aber der Appetit war ihm vergangen.

Das liegt sicher daran, dass Kate dir alles &#252;ber die Stringtheorie erz&#228;hlt hat. Ziemlich cool  auch wenn es reine Spekulation ist.

Ganz im Gegensatz zu Dunkler Energie, bemerkte Kate mit einem scharfen Unterton in der Stimme.

Ford sp&#252;rte sofort die Spannung zwischen den beiden Frauen.

Dunkle Energie, erkl&#228;rte Corcoran k&#252;hl, wurde experimentell entdeckt. Durch Beobachtung. Das Problem bei der Stringtheorie ist genau umgekehrt  sie existiert nur als ein Haufen hypothetischer Berechnungen ohne &#252;berpr&#252;fbare Voraussagen. Das ist eigentlich nicht wissenschaftlich zu nennen.

Wolkonski beugte sich &#252;ber den Tisch, und Ford roch einen Hauch von schalem Zigarettenrauch. Dunkle Energie, Strings, pff! Wer interessiert das? Ich will wissen, was macht Ethnologe.

Ford war froh &#252;ber die Ablenkung. Wir leben eine Zeitlang in der Wildnis bei irgendeinem Stamm und stellen eine Menge dumme Fragen.

Ha, ha!, machte Wolkonski. Vielleicht hast du geh&#246;rt, Roth&#228;ute kommt zur Red Mesa. Ich hoffe, wird keine skalpieren hier! Er stie&#223; eine Art Indianergeheul aus und blickte sich beifallheischend um.

Das ist nicht witzig, sagte Corcoran bissig.

Mach locker, Melissa, erwiderte Wolkonski mit gerecktem Kinn, und das Kl&#252;mpchen Bart daran zitterte vor unterdr&#252;ckter Wut. Lass mir in Ruhe mit politische korrekt.

Corcoran wandte sich Ford zu. Er kann nichts daf&#252;r. Er hat seinen Doktor in Verarschen gemacht.

Noch so eine geladene Beziehung, dachte Ford. Er w&#252;rde aufpassen m&#252;ssen, nicht ins Kreuzfeuer zu geraten, bis er herausgefunden hatte, wie alle hier zueinander standen.

Wolkonski sagte: Ich glauben, Melissa zu gut von die Wein getrunken heute Abend. Wie immer.

Joo, nat&#252;rrrlick, schnarrte sie, eine treffende Imitation von Wolkonskis starkem Akzent. Lieb&#228;rrr ich saufen Wodka wie du mitt&#228;n in Nacht! Sie hob das Glas, rief Prrrost! und kippte den Rest ihres Weins herunter.

Wenn ich kurz unterbrechen darf, begann Innes mit glatter, professioneller Stimme. Es ist zwar gut, Gef&#252;hle offen zu zeigen, aber ich w&#252;rde vorschlagen 

Hazelius brachte ihn mit einem Wink zum Schweigen und blickte ruhig zwischen Wolkonski und Corcoran hin und her; der Druck dieses Blicks bewirkte augenblickliches Schweigen. Wolkonski lehnte sich mit zuckendem Mundwinkel zur&#252;ck. Corcoran verschr&#228;nkte die Arme vor der Brust.

Hazelius lie&#223; das Schweigen unangenehm werden, ehe er sagte: Wir sind alle ein bisschen &#252;berm&#252;det und niedergeschlagen. Seine Stimme war leise und verst&#228;ndnisvoll. In der Stille knackte das Feuer. Nicht wahr, Peter?

Wolkonski sagte nichts.

Melissa?

Ihr Gesicht war rot. Sie nickte knapp.

Lassen Sie es einfach gut sein  Immer mit der Ruhe  Seien Sie nachsichtig und verzeihen Sie einander  Um unserer gemeinsamen Arbeit willen.

Seine Stimme war sanft, beruhigend, der Rhythmus beinahe hypnotisch  wie ein Trainer, der ein nerv&#246;ses Pferd bes&#228;nftigte. Im Gegensatz zu Innes Stimme war darin kein Anklang von Herablassung zu h&#246;ren.

So ist es, mischte Innes sich ein, und seine Stimme l ie&#223; die au&#223;ergew&#246;hnliche Ruhe zerplatzen, die Hazelius geschaffen hatte. Ganz genau. Das war eine gesunde Aussprache. Wir k&#246;nnen diese Themen bei unserer n&#228;chsten Gruppensitzung aufgreifen. Wie gesagt, es ist gut, so etwas offen anzusprechen.

Wolkonski stand so abrupt auf, dass sein Stuhl hinten&#252;berkippte. Er kn&#252;llte die Serviette zusammen und schleuderte sie auf den Tisch. Schei&#223; auf Gruppensitzung. Ich muss arbeiten.

Die T&#252;r knallte hinter ihm zu.

Niemand sprach. Das einzige Ger&#228;usch im Saal war ein leises Rascheln von Papier, als Edelstein, der mit dem Essen fertig war, eine weitere Seite von Finnegans Wake umbl&#228;tterte.


8


Pastor Russ Eddy trat aus dem Wohnwagen, warf sich ein Handtuch &#252;ber die knochigen Schultern und blieb auf dem Hof stehen. &#220;ber der Mission war ein strahlender, klarer Montag heraufgezogen. Die aufgehende Sonne tauchte das sandige Tal in goldenes Licht und f&#228;rbte auch die &#196;ste der abgestorbenen Pappel neben seinem Trailer. Am Horizont ragte die gigantische Red Mesa wie eine Feuers&#228;ule in der fr&#252;hen Morgensonne auf.

Er blickte zum Himmel auf, legte die Handfl&#228;chen aneinander, verneigte sich und sagte mit klarer, kraftvoller Stimme: Ich danke Dir, Herr, f&#252;r diesen Tag.

Nach einem Augenblick des Schweigens schlurfte er zu der Wasserpumpe in seinem Vorgarten und h&#228;ngte das Handtuch &#252;ber einen Pfosten, an dem man in fr&#252;heren Zeiten die Pferde angebunden hatte. Energisch bet&#228;tigte er ein gutes Dutzend Mal den Pumpschwengel. Ein Strom kalten Wassers ergoss sich in eine Zinkwanne. Russ klatschte sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht, tauchte ein St&#252;ck Seife in die Wanne, seifte sich ein, rasierte sich und putzte sich die Z&#228;hne. Er wusch sich Gesicht und Arme, spritzte sich Wasser auf die eingesunkene Brust, nahm das Handtuch vom Pfosten und rubbelte sich trocken. Dann inspizierte er sich in dem Spiegel, der an einem rostigen Nagel an einem Zaunpfahl hing. Sein Gesicht war d&#252;nn, und von seinem Kopf standen sch&#252;ttere Haarb&#252;schel ab. Er verabscheute seinen K&#246;rper; er sah aus wie ein zittriger kleiner Vogel. Vor langer Zeit hatte der Arzt seiner Mutter erkl&#228;rt, das sei eine Gedeihst&#246;rung. Die Andeutung, seine k&#246;rperliche Schw&#228;che sei irgendwie seine Schuld, er sei schlicht gest&#246;rt, schmerzte heute noch.

Sorgf&#228;ltig k&#228;mmte er sein bisschen Haar &#252;ber die kahlen Stellen und zog eine Grimasse, um sich seine krummen Z&#228;hne anzusehen, die richten zu lassen er sich nie leisten konnte. Aus irgendeinem Grund erinnerte ihn das an seinen Sohn Luke  er m&#252;sste jetzt elf sein , und der Schmerz wurde tiefer. Er hatte Luke seit sechs Jahren nicht mehr gesehen, genauso lange, wie er die Unterhaltszahlungen schon nicht mehr aufbringen konnte. Pl&#246;tzlich stand ihm eine lebhafte Erinnerung vor Augen  wie Luke an einem hei&#223;en Sommertag splitternackt durch den Tropfenf&#228;cher eines Rasensprengers gelaufen war  Es f&#252;hlte sich an, als schlitze ihm jemand die Kehle auf. So wie die Navajo-Frau, die er einmal dabei beobachtet hatte, wie sie einem Lamm die Kehle durchschnitt, das sich wehrte und schrill bl&#246;kte, noch lebendig, aber eigentlich schon tot.

Er zitterte beim Gedanken an die vielen Ungerechtigkeiten in seinem Leben, an seine Geldsorgen, die Untreue seiner Frau, die Scheidung. Immer wieder war er zum Opfer geworden, ohne dass er selbst irgendeine Schuld daran trug. Als er zur Mission ins Rez, das Reservat, gekommen war, hatte er nichts besessen als seinen Glauben und zwei Kartons voll B&#252;cher. Gott pr&#252;fte seinen Glauben mit einem harten, m&#252;hseligen Leben und st&#228;ndigem Geldmangel. Eddy hasste es, &#252;berall Schulden zu haben, vor allem bei Indianern. Aber Gott, der Herr, w&#252;rde schon wissen, was Er tat, und Eddy baute hier langsam seine Gemeinde auf, obwohl die Leute sich offenbar eher f&#252;r die Kleidung interessierten, die er verschenkte, als f&#252;r seine Predigt. Niemand legte je mehr als ein paar Dollar in das Kollektenk&#246;rbchen  an manchen Sonntagen kamen kaum zwanzig Dollar zusammen. Und viele seiner Sch&#228;fchen gingen danach weiter zur Messe der Katholischen Mission, um kostenlose Brillen und Medikamente einzusacken, oder zur LDS Church in Rough Rock, wo es Essen umsonst gab. Das war das Problem mit den Navajos: Sie konnten die Stimme des Mammons nicht von der Gottes unterscheiden.

Er hielt einen Moment inne und blickte sich nach Lorenzo um, doch sein Navajo-Gehilfe war noch nicht erschienen. Beim Gedanken an Lorenzo wurde ihm hei&#223; vor Zorn. Das Geld aus der Kollektenkasse war schon zum dritten Mal verschwunden, und nun zweifelte er nicht mehr daran, dass Lorenzo der Dieb war. Es waren nur gut f&#252;nfzig Dollar gewesen, aber seine Mission brauchte diese f&#252;nfzig Dollar dringend, und schlimmer noch  er hatte den Herrn bestohlen. Lorenzos Seele war in Gefahr, und das wegen lausiger f&#252;nfzig Kr&#246;ten.

Eddy hatte es satt. Letzte Woche schon hatte er beschlossen, Lorenzo zu feuern, aber daf&#252;r brauchte er einen Beweis. Und den w&#252;rde er bald haben. Gestern, zwischen der Kollekte und dem Ende des Gottesdienstes, hatte er die Geldscheine im K&#246;rbchen mit einem gelben Stift markiert. Dann hatte er den Kaufmann in Blue Gap gebeten, die Augen danach offen zu halten, ob jemand mit diesen Scheinen bei ihm bezahlte.

Er zog sein T-Shirt an, reckte die mageren Arme und lie&#223; mit einer Mischung aus Z&#228;rtlichkeit und Abscheu den Blick &#252;ber seine bescheidene Missionsstation gleiten. Der Trailer, in dem er wohnte, war praktisch Schrott. In der N&#228;he stand der Heuschuppen aus Faserzement-Bauteilen, den er einem Rancher in Ship Rock abgekauft hatte; er hatte den Schuppen zerlegt, hierhertransportiert und wieder aufgebaut  das war seine Kirche. Echte Knochenarbeit. Plastikst&#252;hle in verschiedensten Gr&#246;&#223;en, Farben und Formen ersetzten die Kirchenb&#228;nke. Die Kirche hatte nur eine Wand, nach drei Seiten hin war sie offen, und w&#228;hrend seiner Predigt gestern hatte der Wind aufgefrischt und seine Gemeinde mit Sand bedeckt. Sein einziger wertvoller Besitz war im Wohnwagen, ein iMac Intel Core Duo mit Zwanzig-Zoll-Bildschirm; ein frommer Tourist, der das Navajo-Land bereist hatte, hatte ihm den Computer geschickt, beeindruckt von Eddys Missionsarbeit unter schwierigsten Bedingungen. Der Computer war ein Geschenk Gottes, denn er verband ihn mit dem Rest der Welt au&#223;erhalb des Reservats. T&#228;glich verbrachte er viele Stunden im Internet, besuchte christliche Foren und Chatrooms, empfing und verschickte E-Mails und organisierte die Kleiderspenden.

Eddy ging in die Kirche, r&#252;ckte die St&#252;hle zurecht, bis sie wieder ordentliche Reihen bildeten, und fegte mit einem Handbesen den Sand von den Sitzfl&#228;chen. W&#228;hrenddessen dachte er an Lorenzo und wurde immer w&#252;tender, scheppernd riss er die St&#252;hle auseinander und stie&#223; sie grob an ihre Pl&#228;tze. Das w&#228;re eigentlich Lorenzos Arbeit gewesen.

Als er damit fertig war, holte er den gro&#223;en Besen, ging zu dem h&#246;lzernen Podest, auf dem er seine Predigten hielt, und begann, auch dieses zu fegen. Da sah er Lorenzo im Hof erscheinen. Endlich. Der Navajo ging die drei Kilometer von Blue Gap hierher immer zu Fu&#223;, und er hatte die Angewohnheit, lautlos einzutreffen, unerwartet, wie ein Geist.

Eddy richtete sich auf und st&#252;tzte sich auf den Besenstiel, als der junge Navajo den Schatten der Kirche betrat.

Hallo, Lorenzo, sagte Eddy und bem&#252;hte sich, gelassen zu klingen. Der Herr segne und sch&#252;tze dich an diesem Tag.

Lorenzo warf sich die langen Z&#246;pfe &#252;ber die Schulter zur&#252;ck. Hi.

Eddy forschte in dem missmutigen Gesicht nach Anzeichen von Drogen-oder Alkoholrausch, doch Lorenzo wich seinem Blick aus, nahm ihm wortlos den Besen aus der Hand und machte sich an die Arbeit. Navajos waren schwer zu durchschauen, aber Lorenzo war besonders unzug&#228;nglich  ein schweigsamer Einzelg&#228;nger, der nur sich selbst zu vertrauen schien. Es war schwierig zu beurteilen, ob in diesem Kopf &#252;berhaupt etwas vorging, au&#223;er der Gier nach Drogen und Alkohol. Eddy konnte sich nicht erinnern, dass Lorenzo in seiner Gegenwart je einen einzigen vollst&#228;ndigen Satz gesprochen h&#228;tte. Kaum zu glauben, dass er an der Columbia University studiert, wenn auch keinen Abschluss gemacht hatte.

Er trat zur&#252;ck und sah zu, wie Lorenzo fegte, langsam und ungeschickt, so dass er breite, sandige Streifen hinterlie&#223;. Eddy unterdr&#252;ckte den Drang, Lorenzo jetzt gleich auf die Kollekte anzusprechen. Eddy hatte selbst kaum mehr genug zu essen und w&#252;rde sich das Benzingeld schon wieder borgen m&#252;ssen, und dieser Lorenzo stahl Gottes Geld, zweifellos, um damit Drogen oder Schnaps zu kaufen. Bei der Vorstellung, Lorenzo endlich damit zu konfrontieren, regte er sich immer mehr auf. Aber er musste erst abwarten, bis er von dem Ladenbesitzer h&#246;rte, denn er brauchte einen Beweis. Wenn er Lorenzo beschuldigte, und der Junge stritt alles ab  und das w&#252;rde er, der kleine L&#252;gner , was konnte er dann ohne Beweise gegen ihn unternehmen?

Lorenzo, wenn du hier fertig bist, k&#246;nntest du dann bitte die neuen Kleiderspenden sortieren? Er deutete auf mehrere Kartons, die am Freitag angekommen waren, gespendet von einer Kirche in Arkansas.

Der junge Indianer lie&#223; ihn mit einem Brummen wissen, dass er verstanden hatte. Eddy beobachtete ihn noch einen Moment lang bei seiner schlampigen Kehrarbeit. Lorenzo war high, daran bestand kein Zweifel  er hatte die Kollekte gestohlen und sich davon Drogen gekauft. Jetzt w&#252;rde Eddy nicht einmal mehr diese Woche &#252;berstehen, ohne sich Geld f&#252;r Benzin und Essen leihen zu m&#252;ssen.

Er bebte vor Zorn  doch er sagte nichts, wandte sich ab und marschierte steif zu seinem Trailer, um sein k&#228;rgliches Fr&#252;hst&#252;ck zuzubereiten.


9


Ford blieb auf der Schwelle des Stalls stehen. Die Montagmorgensonne fiel schr&#228;g herein und erleuchtete einen kleinen Sturm aus Staubflocken. Er h&#246;rte, wie sich die Pferde in ihren Boxen beim Fressen leicht bewegten. Er trat ein, schlenderte die Stallgasse entlang und blieb stehen, um sich das Pferd in der ersten Box anzusehen. Ein Paint Horse, das gerade an einem Maul voll Hafer kaute, blickte ihm entgegen.

Howdy, Partner, wie hei&#223;t du denn?

Das Pferd schnaubte laut und senkte dann das Maul wieder zum Hafer.

Am anderen Ende des Stalls klapperte ein Eimer. Ford drehte sich um und sah einen Kopf aus der letzten Box ragen: Kate Mercer.

Sie starrten einander an.

Morgen, sagte Ford und rang sich ein L&#228;cheln ab, das hoffentlich locker wirkte.

Morgen.

Stellvertretende Leiterin, Stringtheoretikerin, K&#246;chin und  Stallbursche? Du bist eine vielseitig begabte Frau. Er bem&#252;hte sich, das leichthin klingen zu lassen. Sie besa&#223; n&#228;mlich noch weitere Talente, an die zu denken er m&#246;glichst vermied.

Das k&#246;nnte man so sagen.

Sie dr&#252;ckte sich den behandschuhten Handr&#252;cken gegen die Stirn und kam dann mit einem Eimer voll Getreide auf ihn zu. Ein Strohhalm hatte sich in ihrem gl&#228;nzenden Haar verfangen. Sie trug enge Jeans und eine uralte Jeansjacke &#252;ber einem frischen wei&#223;en M&#228;nnerhemd. Der Kragenknopf war offen, und er erhaschte einen Blick auf den gerundeten Ansatz ihrer Br&#252;ste.

Ford schluckte, und alles, was er herausbrachte, war ein d&#252;mmliches: Du hast dir die Haare abschneiden lassen.

Haare neigen nun mal zum Wachsen, das ist richtig.

Er ging nicht auf die Spitze ein. Sieht h&#252;bsch aus, sagte er freundlich.

Das ist sozusagen meine Version einer traditionellen japanischen Frisur, die man umano-o nennt.

Kates Frisur war schon immer ein empfindliches Thema gewesen. Ihre japanische Mutter wollte nicht, dass Kate irgendetwas Japanisches an sich hatte. In ihrem Haus durfte kein Japanisch gesprochen werden, und sie bestand darauf, dass Kate ihr Haar lang und offen trug, wie jedes amerikanische Durchschnittsm&#228;dchen. Kate hatte nachgegeben, was die Frisur anging, doch als ihre Mutter anzudeuten begann, dass Ford einen idealen, echt amerikanischen Ehemann abgeben w&#252;rde, suchte Kate nur umso gr&#252;ndlicher nach seinen Fehlern und M&#228;ngeln.

Ford begriff pl&#246;tzlich, was diese neue Frisur bedeuten musste. Deine Mutter?

Sie ist vor vier Jahren verstorben.

Das tut mir leid.

Kurze Pause. Willst du ausreiten?, fragte Kate.

Ich hatte daran gedacht.

Ich wusste gar nicht, dass du reiten kannst.

Ich habe einen Sommer auf einer Pferderanch verbracht, als ich zehn war.

In diesem Fall w&#252;rde ich dir nicht empfehlen, Snort zu reiten. Sie wies mit einem Nicken auf das Paint Horse. Wohin willst du denn ausreiten?

Ford zog eine genaue Karte der Umgebung aus seiner Tasche und faltete sie auf. Ich wollte nach Blackhorse, um den Medizinmann dort zu besuchen. Sieht so aus, als w&#228;ren das mit dem Auto drei&#223;ig Kilometer auf furchtbar schlechten Stra&#223;en. Aber zu Pferd sind es nur knapp zehn Kilometer, wenn man den Pfad an der R&#252;ckseite der Mesa nimmt.

Kate nahm ihm die Karte ab und begutachtete die Strecke. Das ist der Midnight Trail. Nichts f&#252;r unerfahrene Reiter.

Aber so spare ich mir die stundenlange Fahrerei.

Ich w&#252;rde trotzdem lieber den Jeep nehmen.

Ich will da nicht in einem Auto voll hochoffizieller Regierungsembleme vorfahren.

Hm. Ich verstehe, was du meinst.

Ein Schweigen entstand.

Also sch&#246;n, sagte Kate. Das richtige Pferd f&#252;r dich ist Ballew. Sie nahm ein Halfter von einem Haken, betrat eine Box und f&#252;hrte gleich darauf ein staubgraues Pferd mit Hirschhals, Rattenschwanz und einem dicken Heubauch heraus.

Den wollte die Hundefutterfabrik wohl nicht nehmen.

Beurteile ein Pferd nie allein nach dem Aussehen. Der alte Ballew ist bombensicher. Und er ist klug genug, um beim Abstieg auf dem Midnight Trail Ruhe zu bewahren. Hol seinen Sattel und die Satteldecke von dem St&#228;nder da, ich helfe dir beim Aufz&#228;umen.

Sie b&#252;rsteten und sattelten das Pferd, legten ihm das Zaumzeug an und f&#252;hrten es hinaus.

Wei&#223;t du, wie du allein da hochkommst?, fragte sie.

Ford sah sie verwundert an. Fu&#223; in den Steigb&#252;gel und hochschwingen  oder?

Sie hielt ihm die Z&#252;gel hin.

Ford fummelte ein wenig damit herum, warf dann ein Ende &#252;ber den Hals des Pferdes, hielt den Steigb&#252;gel fest und stellte den Fu&#223; hinein.

Warte, du musst erst 

Doch er hatte schon schwungvoll aufzusteigen versucht. Der Sattel rutschte nach unten, Ford verlor das Gleichgewicht und landete auf dem Hintern im Staub. Ballew blieb gleichm&#252;tig stehen, den Sattel nun seitlich am Bauch.

Ich wollte gerade sagen, du musst erst den Sattelgurt nachziehen. Sie verkniff sich offenbar das Lachen.

Ford rappelte sich auf und klopfte sich den Schmutz von der Hose. Macht ihr das hier drau&#223;en mit allen Neuen so?

Ich habe ja versucht, dich zu warnen.

Na ja, ich sollte jetzt wirklich los.

Sie sch&#252;ttelte den Kopf. Du k&#246;nntest sonst wo auf der Welt sein  ich kann es nicht fassen, dass du ausgerechnet hier bist.

Du klingst nicht gerade erfreut.

Bin ich auch nicht.

Ford verbiss sich eine Erwiderung. Er hatte hier eine Aufgabe zu erledigen. Dar&#252;ber bin ich schon lange hinweg. Ich hoffe, du schaffst das auch irgendwann.

Oh, darum brauchst du dir keine Sorgen zu machen  ich bin l&#228;ngst dar&#252;ber weg. Eine solche Komplikation kann ich im Augenblick nur nicht gebrauchen.

Und was f&#252;r eine Komplikation soll ich sein?, fragte Ford.

Vergiss es.

Ford schwieg. Er w&#252;rde sich auf keine pers&#246;nlichen Geschichten mit Kate einlassen. Konzentrier dich auf deinen Auftrag. Gehst du heute wieder in den Bunker?, fragte er gleich darauf beil&#228;ufig.

Ich f&#252;rchte es.

Noch mehr Probleme?

Ihr Blick flackerte  argw&#246;hnisch, glaubte er. Kann sein.

Was denn f&#252;r welche?

Sie blicke zu ihm auf und schaute wieder weg. Hardware-Fehler.

Hazelius hat mir erz&#228;hlt, die Software sei das Problem.

Die auch. Wieder wich sie seinem Blick aus.

Kann ich euch irgendwie helfen?

Nun sah sie ihn direkt an, und der Blick ihrer mahagonifarbenen Augen wirkte verschleiert und bek&#252;mmert. Nein.

Ist es  etwas Ernstes?

Sie z&#246;gerte. Wyman? Mach du deinen Job, und lass uns unseren machen  okay?

Abrupt wandte sie sich ab und ging zur&#252;ck in den Stall. Ford sah ihr nach, bis sie drinnen im Schatten verschwunden war. Sie wirkte so  ungl&#252;cklich.


10


In Ballews Sattel entspannte Ford sich allm&#228;hlich. Er bem&#252;hte sich, seine Gedanken von Kate abzulenken, die darin f&#252;r seinen Geschmack viel zu viel Raum einnahm. Es war ein herrlicher Sp&#228;tsommertag, gepr&#228;gt von einem Hauch Melancholie, der ihn daran gemahnte, dass der Sommer bald vor&#252;ber sein w&#252;rde. Zwischen den trockenen Gr&#228;sern bl&#252;hte goldgelbes Snakeweed. Die Feigenkakteen starrten schon vor Stacheln, und die Apache Plumes hatten ihre Bl&#252;ten gegen die rot-wei&#223;en, fedrigen B&#252;schel getauscht, die den Herbst ank&#252;ndigten.

Der Pfad endete, und Ford setzte seinen Weg mit Hilfe des Kompasses fort. Alte, verkr&#252;ppelte Wacholderb&#252;sche und bizarre Felsformationen lie&#223;en die Landschaft der Mesa irgendwie urzeitlich wirken. Er entdeckte die Spur eines B&#228;ren im Sand, und die Prankenabdr&#252;cke wirkten beinahe menschlich. Shush  das l&#228;ngst vergessene Navajo-Wort f&#252;r B&#228;r fiel ihm pl&#246;tzlich wieder ein.

Vierzig Minuten sp&#228;ter erreichte er den Rand der Mesa. Die Klippe st&#252;rzte ein paar hundert Meter weit fast senkrecht in die Tiefe, bevor sie sich &#252;ber terrassenf&#246;rmige Sandsteinschichten gem&#228;chlicher nach Blackhorse absenkte, das sechshundert Meter unterhalb lag. Die Siedlung sah aus wie eine Ansammlung geometrischer Figuren in der W&#252;ste, knapp einen Kilometer vom Fu&#223; des Tafelbergs entfernt.

Ford stieg aus dem Sattel und suchte den Rand der Klippe ab, bis er den Spalt im Felsen fand, wo der Midnight Trail hinabf&#252;hrte. Er war auf der Karte als alter Pfad aus den Zeiten der Uranprospektion eingezeichnet, aber abbr&#246;ckelnde Felsen, Ger&#246;lllawinen und Erosion hatten den Weg an vielen Stellen unterbrochen. Er schnitt sich durch den Fels am Rand der Mesa und zog sich in steilen Spitzkehren die Klippe hinab, querte eine alte Abbaukante und setzte sich im Zickzack weiterer Serpentinen bis nach unten fort. Fords Blicke folgten dem Verlauf des Pfades, der an manchen Stellen kaum mehr als einen Meter breit war, und allein davon wurde ihm schon schwindlig. Vielleicht h&#228;tte er doch lieber mit dem Jeep fahren sollen. Aber er wollte verdammt sein, wenn er jetzt umkehrte.

Er f&#252;hrte Ballew an die Kante, begann den Abstieg und f&#252;hrte das Tier hinter sich her. Unbeeindruckt senkte das alte Pferd den Kopf, schnupperte kurz und folgte Ford brav hinunter. Ford empfand so etwas wie Bewunderung, ja Zuneigung, f&#252;r den h&#228;sslichen alten Gaul.

Eine halbe Stunde sp&#228;ter kamen sie unten an. Ford sa&#223; auf und ritt das letzte St&#252;ck Weges einen flachen, von Tamarisken beschatteten Canyon entlang nach Blackhorse. Viehpferche, eine Windm&#252;hle, ein Wassertank und ein Dutzend sch&#228;bige Trailer bildeten den gesamten Ort. Hinter einem Trailer standen mehrere achtseitige Hogans aus Zedernholzbrettern mit Lehmd&#228;chern. In der Mitte des Ortes spielte ein halbes Dutzend Vorschulkinder an einer verrosteten Schaukel, und ihre Schreie hallten schrill durch die Leere der W&#252;ste. Neben den Wohnwagen waren Pick-ups abgestellt.

Ford lie&#223; Ballew etwa f&#252;nfzehn Meter vor dem n&#228;chsten Trailer anhalten und wartete. Aus Ramah wusste er, dass der Raum, den ein Navajo als seinen pers&#246;nlichen, privaten Bereich betrachtete, weit vor der Haust&#252;r begann. Gleich darauf wurde krachend eine T&#252;r ge&#246;ffnet, und ein schlaksiger Mann mit O-Beinen und Cowboyhut kam aus einem der Wohn wagen gehumpelt. Er kam auf Ford zu und hob die Hand. Binden Sie Ihr Pferd da dr&#252;ben an, rief er laut, um den Wind zu &#252;bert&#246;nen.

Ford stieg ab, band Ballew an und lockerte den Sattelgurt. Der Mann kam n&#228;her und schirmte mit der Hand die Augen gegen die Sonne ab. Wer sind Sie?

Ford streckte die Hand aus. Y&#225;&#225;t &#233;&#233;h, shi &#233;&#237; Wyman Ford yinishy&#233;.

O nein, nicht noch ein Bilagaana, der versucht, Navajo zu sprechen!, rief der Mann fr&#246;hlich und f&#252;gte dann hinzu: Zumindest ist Ihr Akzent besser als bei den meisten anderen.

Danke.

Was kann ich f&#252;r Sie tun?

Ich suche Nelson Begay.

Sie haben ihn gefunden.

Haben Sie einen Moment Zeit?

Begay musterte ihn mit schmalen Augen. Sind Sie von der Mesa gekommen?

So ist es.

Oh.

Schweigen.

Begay sagte: Das ist ein verdammt schwieriger Weg.

Nicht, wenn man das Pferd f&#252;hrt.

Kluger Mann. Eine weitere verlegene Pause. Sie sind  Sie sind also von der Regierung, ja?

Ja.

Begay starrte ihn erneut mit zusammengekniffenen Augen an, schnaubte dann, wandte sich ab und humpelte zu dem Trailer zur&#252;ck. Gleich darauf knallte die T&#252;r zu. Stille senkte sich &#252;ber den Ort Blackhorse.

Was jetzt? Ford stand im aufgewirbelten Sand und kam sich vor wie ein Idiot. Wenn er jetzt an die T&#252;r klopfte, w&#252;rde Begay nicht aufmachen; er w&#252;rde sich damit nur selbst zu einem weiteren aufdringlichen Bilagaana stempeln. Andererseits war er hier, um mit Begay zu sprechen, und das w&#252;rde er auch tun.

Verdammt, der Kerl kann ja nicht ewig in seinem Trailer bleiben. Ford setzte sich auf den Boden.

Die Minuten zogen sich endlos hin. Der Wind wehte. Der Staub wirbelte.

Zehn Minuten vergingen. Ein K&#228;fer marschierte zielstrebig durch den Staub und wurde zu einem kleinen schwarzen Punkt, der schlie&#223;lich verschwand. Fords Gedanken schweiften ab und landeten wieder einmal bei Kate, ihrer Beziehung und dem langen Weg, den sein Leben seither zur&#252;ckgelegt hatte. Unweigerlich musste er auch an seine Frau denken. Ihr Tod hatte ihm jegliches Gef&#252;hl von Sicherheit im Leben genommen. Vorher war ihm gar nicht bewusst gewesen, wie willk&#252;rlich und launenhaft das Leben sein konnte. Trag&#246;dien stie&#223;en nur anderen Menschen zu. Ja, sch&#246;n, Lektion gelernt. Ihm konnte das auch passieren. Und weiter im Text.

Er bemerkte einen Vorhang am Wohnwagen, der sich leicht bewegte, und schloss daraus, dass Begay ihn beobachtete.

Er fragte sich, wie lange der Kerl brauchen w&#252;rde, um zu kapieren, dass Ford nicht die Absicht hatte, sich von der Stelle zu r&#252;hren. Hoffentlich begriff er es bald  der Sand drang allm&#228;hlich durch seine Hose, arbeitete sich in seine Stiefel vor und rieselte bis in seine Socken.

Die T&#252;r schlug knallend auf, und Begay erschien unter dem h&#246;lzernen Vorbau; er verschr&#228;nkte die Arme und wirkte sehr ver&#228;rgert. Er musterte Ford mit finsterem Blick, hinkte dann die klapprigen Holzstufen herunter und kam auf ihn zu. Er streckte die Hand aus und half Ford auf.

Sie sind verdammt noch mal der geduldigste wei&#223;e Mann, dem ich je begegnet bin. Sie werden wohl reinkommen m&#252;ssen. Aber b&#252;rsten Sie sich ab, ehe Sie mir mein neues Sofa ruinieren.

Ford klopfte sich den Staub von der Hose und folgte Begay ins Wohnzimmer, wo sie sich setzten.

Kaffee?

Ja, gern.

Begay kam mit zwei Bechern Fl&#252;ssigkeit zur&#252;ck, so d&#252;nn wie Tee. Auch daran erinnerte Ford sich  der Grund daf&#252;r war Sparsamkeit. Die Navajos br&#252;hten den Kaffeesatz mehrmals auf.

Milch? Zucker?

Nein, danke.

Begay l&#246;ffelte Unmengen Zucker in seinen Becher, gefolgt von einem kr&#228;ftigen Schluck Kaffeesahne.

Ford sah sich inzwischen um. Das braune Sofa mit billigem Baumwollsamt-Bezug sah alles andere als neu aus. Begay mach-te es sich in einem kaputten Ledersessel bequem. Ein riesiger, teurer Fernseher stand in der Ecke, soweit Ford sehen konnte, das einzige wertvolle St&#252;ck in diesem Heim. Die Wand dahinter war mit Familienfotos bedeckt, auf denen oft junge M&#228;nner in Uniformen zu sehen waren.

Ford warf Begay einen neugierigen Blick zu. Der Medizinmann war v&#246;llig anders, als er erwartet hatte  weder ein hitzk&#246;pfiger junger Aktivist noch ein weiser, runzliger &#196;ltester. Er war schlaksig, hatte ordentlich kurz geschnittenes Haar und sah aus wie Anfang vierzig. Statt der Cowboystiefel, die die meisten Navajo-M&#228;nner in Ramah trugen, hatte er kn&#246;chelhohe Sneakers an den F&#252;&#223;en, zerschrammt und ausgebleicht und mit halb abgel&#246;stem Gummi an den Zehen. Das einzige Zugest&#228;ndnis an seine indianische Identit&#228;t war eine Halskette aus ungeschliffenen T&#252;rkisen.

Also sch&#246;n, was wollen Sie nun von mir? Er sprach leise, mit einer Stimme so weich wie ein Holzblasinstrument und diesem seltsamen Navajo-Akzent, der jedem Wort eine besondere Bedeutung zu verleihen schien.

Ford wies mit einem Nicken auf die Fotowand. Ihre Familie?

Neffen.

Sie sind beim Milit&#228;r?

Bei der Army. Einer ist in S&#252;dkorea stationiert. Der andere, Lorenzo, hat eine Runde Irak hinter sich und ist jetzt  Kurzes Z&#246;gern. Wieder da.

Sie m&#252;ssen sehr stolz auf sie sein.

Das bin ich.

Wieder Schweigen. Wie ich h&#246;re, organisieren Sie den berittenen Protestmarsch gegen das Isabella-Projekt.

Keine Antwort.

Nun, deshalb bin ich hier. Um mir Ihre Bedenken dagegen anzuh&#246;ren.

Begay verschr&#228;nkte die Arme. Es ist zu sp&#228;t f&#252;rs Zuh&#246;ren.

Geben Sie mir eine Chance.

Begay lie&#223; die Arme sinken und beugte sich vor. Niemand hat die Leute hier in der Gegend damals gefragt, ob wir Isabella wollten. Das wurde alles in Window Rock ausgehandelt. Die kriegen das Geld, und wir kriegen gar nichts. Sie haben uns erz&#228;hlt, es w&#252;rden Arbeitspl&#228;tze entstehen  dann habt ihr Bauarbeiter von ausw&#228;rts hergebracht. Sie haben uns erz&#228;hlt, unsere Wirtschaft w&#252;rde sich endlich entwickeln  aber ihr Leute da oben lasst euch Essen und Vorr&#228;te mit Lastwagen aus Flagstaff bringen. Nicht ein einziges Mal hat einer von euch in unseren Gesch&#228;ften in Blue Gap oder Rough Rock eingekauft. Ihr habt eure H&#228;user in einem Anasazi-Tal gebaut, ihr habt Gr&#228;ber entweiht und uns Weideland weggenommen, das wir regelm&#228;&#223;ig benutzt haben, ohne jede Entsch&#228;digung. Und jetzt h&#246;ren wir alles M&#246;gliche &#252;ber zerschossene Atome und gef&#228;hrliche Strahlung.

Er legte die gro&#223;en H&#228;nde auf die Knie und funkelte Ford an.

Ford nickte. Ich h&#246;re zu.

Sch&#246;n, dass Sie nicht taub sind. Sie wissen so verdammt wenig &#252;ber uns  ich wette, Sie wissen nicht mal, wie sp&#228;t es ist. Fragend zog er die Brauen hoch. Na los, sagen Sie schon  was meinen Sie, wie sp&#228;t es ist?

Ford wusste, dass der andere ihm irgendeine Falle stellte, spielte aber mit. Neun.

Falsch!, rief Begay triumphierend. Es ist zehn.

Zehn?

So ist es. Hier im Reservat sind wir das halbe Jahr lang in einer anderen Zeitzone als der Rest von Arizona, und das &#252;brige halbe Jahr in derselben. Wenn Sie im Sommer ins Big Rez kommen, ist es hier eine Stunde sp&#228;ter als im &#252;brigen Staat. Stunden und Minuten sind sowieso eine Erfindung der Bilagaana, aber der springende Punkt ist: Ihr Genies da oben wisst so wenig &#252;ber uns, dass ihr noch nicht mal eure Uhren richtig gestellt habt.

Ford sah ihn gelassen an. Mr. Begay, wenn Sie bereit sind, mit mir zusammenzuarbeiten, um wirklich etwas zu ver&#228;ndern, dann verspreche ich Ihnen, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht. Sie haben einige berechtigte Einw&#228;nde vorgebracht.

Was sind Sie &#252;berhaupt, Wissenschaftler?

Ich bin Ethnologe.

Pl&#246;tzlich herrschte Schweigen. Dann lehnte Begay sich gem&#228;chlich zur&#252;ck. Ein trockenes Lachen sch&#252;ttelte den mageren Mann. Ein Ethnologe. Als w&#228;ren wir irgendein primitiver Stamm von Eingeborenen. Oh, das ist ja todkomisch. Er h&#246;rte auf zu lachen. Also, ich bin Amerikaner, genau wie Sie. Ich habe Verwandte, die f&#252;r dieses Land k&#228;mpfen. Es passt mir nicht, dass ihr hier raus zu meiner Mesa kommt, eine Maschine baut, die allen furchtbare Angst einjagt, einen Haufen Versprechungen macht, die ihr dann nicht einhaltet  und jetzt schickt ihr uns noch einen Ethnologen, als w&#228;ren wir Wilde, die Tier-knochen in der Nase tragen.

Sie haben mich deshalb hierhergeschickt, weil ich einige Zeit in Ramah verbracht habe. Ich m&#246;chte Sie gern zum Isabella-Projekt einladen, damit Sie sich alles ansehen k&#246;nnen, Sie mit Gregory Hazelius bekannt machen, Ihnen zeigen, was wir dort tun, und Ihnen das gesamte Team vorstellen.

Begay sch&#252;ttelte den Kopf. Die Zeit f&#252;r F&#252;hrungen ist vorbei. Er z&#246;gerte und fragte dann beinahe widerstrebend: Was f&#252;r Forschung betreiben Sie da oben eigentlich genau? Ich habe ein paar seltsame Geschichten geh&#246;rt.

Wir erforschen den Urknall.

Was ist das?

Die Theorie, dass das Universum vor dreizehn Milliarden Jahren durch eine Explosion entstanden ist und sich seither immer weiter ausdehnt.

Mit anderen Worten, ihr steckt die Nase in die Angelegenheiten des Sch&#246;pfers.

Der Sch&#246;pfer hat uns sicher nicht umsonst mit Verstand ausgestattet.

Ihr da oben glaubt also nicht, dass ein Sch&#246;pfer das Universum erschaffen hat.

Ich bin Katholik, Mr. Begay. Ich sehe das so: Der Urknall war einfach die Art, wie Er es getan hat.

Begay seufzte. Wie ich schon sagte: Genug geredet. Wir reiten am Freitag auf die Mesa. Das ist die Nachricht, die Sie Ihrem Team ausrichten k&#246;nnen. Und wenn Sie jetzt so freundlich w&#228;ren, ich habe zu arbeiten.


Ford ritt auf Ballew zur&#252;ck zu der Stelle, wo der Steilpfad anfing. Er blickte zu den Felst&#252;rmen, Spalten und Klippen auf. Nun, da er wusste, dass Ballew die Serpentinen und schwierigen Passagen meistern konnte, brauchte er nicht mehr zu laufen. Er w&#252;rde das alte Pferd dort hinaufreiten.

Als sie eine Stunde sp&#228;ter den Rand der Mesa erreichten, dr&#228;ngte Ballew im Trab voran, begierig, den heimischen Stall zu erreichen. Ford klammerte sich panisch an den Sattelknauf und war froh, dass ihn niemand sehen konnte, denn er musste einen l&#228;cherlichen Anblick bieten. Gegen ein Uhr ragte der Nakai Rock vor ihm auf, und die felsigen H&#252;gel rund um das Tal kamen in Sicht. Als er in das Pappelw&#228;ldchen hinunterritt, h&#246;rte er ein heiseres Lachen und sah eine Gestalt, die schnell und offenbar w&#252;tend von Isabella zur Siedlung lief.

Es war Wolkonski, der Computerprogrammierer. Sein langes, fettiges Haar war zerzaust. Er sah abgeh&#228;rmt und zornig aus, grinste aber zugleich wie ein Irrer.

Ford lie&#223; Ballew anhalten, stieg rasch ab und benutzte das Pferd dazu, den Weg zu versperren.

Hallo.

Darf ich?, sagte Wolkonski und versuchte, sich vorbeizudr&#252;cken.

Sch&#246;ner Tag, meinen Sie nicht?

Wolkonski blieb stehen und starrte ihn mit zorniger Belustigung an. Sie fragen: Ist das sch&#246;ner Tag? Und ich antworte Ihnen: Nie bessere Tag geben!

Tats&#228;chlich?, fragte Ford.

Und was gehen Sie an, Ethnologe? Er warf den Kopf zur&#252;ck und bleckte die br&#228;unlichen Z&#228;hne zu einer Grimasse aufgesetzten Humors.

Ford trat so dicht an den Russen heran, dass er ihn h&#228;tte ber&#252;hren k&#246;nnen. So, wie Sie aussehen, w&#252;rde ich vermuten, dass Sie alles andere als einen sch&#246;nen Tag hatten.

Wolkonski legte Ford in gespielter Freundlichkeit eine Hand auf die Schulter und beugte sich vor. Eine Alkoholfahne und der Dunst von Zigaretten h&#252;llten Ford ein. Vorher ich Sorgen machen. Jetzt mir geht gut! Er warf den Kopf zur&#252;ck und br&#252;llte vor heiserem Lachen; sein unrasierter Adamsapfel h&#252;pfte auf und ab.

Hinter ihnen waren Schritte zu h&#246;ren. Wolkonski richtete sich abrupt auf.

Ah, Peter, sagte Wardlaw, der den Pfad entlang auf sie zukam. Und Wyman Ford. Seid gegr&#252;&#223;t. Seine angenehme Stimme, die seltsam ironisch klang, legte besondere Betonung auf die letzten Worte.

Wolkonski zuckte zusammen.

Kommen Sie aus dem Bunker, Peter? Wardlaws Worte wirkten drohend.

Wolkonski behielt sein irres Grinsen bei, doch Ford sah nun Verlegenheit in seinem Blick  oder war es Angst?

Das Sicherheitslogbuch sagt aus, dass Sie die ganze Nacht lang dort drin waren, fuhr Wardlaw fort. Ich mache mir Sorgen um Sie. Ich hoffe, Sie bekommen trotzdem genug Schlaf, Peter.

Stumm ging Wolkonski an ihm vorbei und marschierte steif den Weg entlang davon.

Wardlaw wandte sich Ford zu, als sei nichts Ungew&#246;hnliches geschehen. Sch&#246;ner Tag f&#252;r einen Ausritt.

Dar&#252;ber hatten wir uns gerade unterhalten, bemerkte Ford trocken.

Wo waren Sie denn?

Ich bin nach Blackhorse geritten, um den Medizinmann kennenzulernen.

Und?

Ich habe ihn kennengelernt.

Wardlaw sch&#252;ttelte den Kopf. Dieser Wolkonski  regt sich st&#228;ndig &#252;ber irgendetwas auf. Er ging einen Schritt weiter und blieb dann erneut stehen. Er hat nichts gesagt, was Ihnen  seltsam vorkam, oder?

Zum Beispiel?, fragte Ford.

Wardlaw zuckte mit den Schultern. Wer wei&#223;? Der Mann ist nicht ganz richtig im Kopf.

Ford beobachtete, wie Wardlaw weiterging, die fleischigen F&#228;uste in die Taschen gestopft  wie die anderen stand auch dieser Mann offenbar kurz vor dem Zusammenbruch, er war nur viel besser darin, das zu verbergen.


11


Eddy stand vor seinem Wohnwagen, ein Glas kaltes Wasser in der Hand, und sah zu, wie die Sonne hinter dem fernen Horizont versank. Lorenzo war nirgends zu sehen  er war irgendwann gegen Mittag verschwunden, ebenso lautlos, wie er gekommen war, und ohne seine Arbeit beendet zu haben. Ein Haufen unsortierter Kleidung lag auf einem Tisch, und der Sand um die Kirche herum war nicht mit dem Rechen gegl&#228;ttet. Eddy starrte auf den Horizont, innerlich gl&#252;hend vor &#196;rger. Er h&#228;tte sich nie bereit erkl&#228;ren sollen, Lorenzo einzustellen. Der junge Mann hatte im Gef&#228;ngnis gesessen, wegen fahrl&#228;ssiger T&#246;tung  die Verteidigung hatte das Gericht von Mord so weit heruntergehandelt. Er hatte bei einer Pr&#252;gelei im Suff jemanden erstochen, in Gallup. Und daf&#252;r nur achtzehn Monate abgesessen. Eddy war nur bereit gewesen, ihn einzustellen, weil die Familie, die in der N&#228;he wohnte, ihn darum gebeten hatte, damit der junge Mann die Bew&#228;hrungsauflagen erf&#252;llen konnte.

Schwerer Fehler.

Eddy trank noch einen Schluck kaltes Wasser, als k&#246;nnte es ihm helfen, den hei&#223;en Groll und die Wut zu k&#252;hlen, die in ihm kochten. Er hatte noch nichts von dem H&#228;ndler in Blue Gap geh&#246;rt, aber er zweifelte nicht daran, dass der sich bald melden w&#252;rde. Dann w&#252;rde er endlich den Beweis haben, den er brauchte, um Lorenzo endg&#252;ltig loszuwerden, ihn zur&#252;ck ins Gef&#228;ngnis zu schicken, wo er hingeh&#246;rte. Achtzehn Monate f&#252;r einen Mord  kein Wunder, dass die Verbrechensrate im Reservat so hoch war.

Er trank einen weiteren Schluck und entdeckte zu seiner &#220;berraschung einen Mann, der die Stra&#223;e zur Mission entlangkam und vor der sinkenden Sonne nur als Silhouette auszumachen war. Er kniff die Augen zusammen und starrte hin&#252;ber.

Lorenzo.

Selbst auf diese Entfernung konnte er an Lorenzos unsicherem Gang erkennen, dass der Mann betrunken war. Eddy verschr&#228;nkte die Arme und wartete, und beim Gedanken an die bevorstehende Konfrontation schlug sein Herz schneller. Er w&#252;rde das nicht einfach auf sich beruhen lassen  nicht diesmal.

Lorenzo erreichte das Tor, lehnte sich einen Moment lang gegen den Pfosten und trat dann ein.

Lorenzo?

Der Navajo wandte langsam den Kopf. Seine Augen waren blutunterlaufen, seine albernen Z&#246;pfe halb aufgel&#246;st, das Stirnband sa&#223; schief. Er sah furchtbar aus und hielt sich so krumm, als tr&#252;ge er die Last der gesamten Welt auf seinen Schultern.

Komm bitte her. Ich m&#246;chte mit dir sprechen.

Lorenzo starrte ihn nur an.

Lorenzo, hast du mich nicht geh&#246;rt?

Der Indianer wandte sich ab und schlurfte zu dem Haufen Kleidung.

Eddy hastete hin&#252;ber und stellte sich Lorenzo in den Weg. Der Indianer blieb stehen, hob den Kopf und sah ihn an. Der s&#228;uerliche Geruch von Bourbon h&#252;llte Eddy ein.

Lorenzo, du wei&#223;t genau, dass der Genuss von Alkohol einen Versto&#223; gegen deine Bew&#228;hrungsauflagen darstellt.

Lorenzo starrte ihn stumm an.

Au&#223;erdem bist du einfach gegangen, obwohl du noch nicht mit der Arbeit fertig warst. Ich muss deinem Bew&#228;hrungs helfer berichten, ob du hier anst&#228;ndig arbeitest, und ich werde ihn nicht bel&#252;gen. Ich werde nicht f&#252;r dich l&#252;gen, h&#246;rst du? Du bist entlassen.

Lorenzo lie&#223; den Kopf sinken. Einen Moment lang hielt Eddy das f&#252;r ein Anzeichen von Reue, doch dann h&#246;rte er ein r&#246;chelndes Ger&#228;usch, Lorenzo hustete Schleim hoch, schob den Schleimklumpen &#252;ber die Lippen und lie&#223; ihn zu Eddys F&#252;&#223;en in den Sand klatschen wie eine rohe Auster.

Eddys Herz h&#228;mmerte. Er raste vor Zorn.

Spuck mich nicht an, wenn ich mit dir rede, B&#252;rschchen, sagte er laut.

Lorenzo versuchte, mit einem Schritt zur Seite um Eddy herumzugehen, doch der Pastor vertrat ihm erneut den Weg. H&#246;rst du mir &#252;berhaupt zu, oder bist du betrunken?

Der Indianer stand einfach nur da.

Woher hattest du das Geld f&#252;r deinen Schnaps?

Lorenzo hob die Hand und lie&#223; sie schwer wieder sinken.

Ich habe dich etwas gefragt.

Jemand war mir was schuldig. Seine Stimme klang heiser.

Ach ja? Wer denn?

Sie kennen seinen Namen nicht.

Du kennst seinen Namen nicht, erwiderte Eddy.

Lorenzo machte einen weiteren halbherzigen Versuch, ihn zu umgehen, und Eddy trat wieder dazwischen. Er merkte, dass seine H&#228;nde zitterten. Zuf&#228;llig wei&#223; ich, woher du das Geld hast. Du hast es gestohlen. Aus der Kirchenkollekte.

Niemals.

O doch. Du hast es gestohlen. &#220;ber f&#252;nfzig Dollar.

Bl&#246;dsinn.

Red nicht so mit mir, Lorenzo. Ich habe gesehen, wie du es genommen hast. Die L&#252;ge war ihm &#252;ber die Lippen gekommen, ehe er es recht gemerkt hatte. Doch das war jetzt gleich; er h&#228;tte ihn ja leicht dabei beobachten k&#246;nnen  und das Schuldbewusstsein stand dem Jungen ins Gesicht geschrieben.

Lorenzo sagte nichts.

Das waren f&#252;nfzig Dollar, die diese Mission dringend braucht. Aber du hast nicht nur die Mission bestohlen. Du hast nicht nur mich bestohlen. Du hast Gott, den Herrn, bestohlen.

Keine Erwiderung.

Was meinst du, wie der Herr darauf reagieren wird? Hast du einmal daran gedacht, als du dir das Geld genommen hast, Lorenzo? Und wenn deine rechte Hand dir Anlass zur S&#252;nde gibt, so hau sie ab und wirf sie von dir; denn es ist besser, dass eins deiner Glieder umkommt und nicht dein ganzer Leib in die H&#246;lle geworfen wird.

Lorenzo wandte sich br&#252;sk ab und ging den Weg zur&#252;ck, den er gekommen war, in Richtung des Ortes. Eddy st&#252;rzte sich auf ihn und hielt sein T-Shirt an der Schulter fest. Lorenzo riss sich los und ging weiter. Pl&#246;tzlich bog er ab und lief auf den Trailer zu.

Wo willst du hin?, rief Eddy. Geh nicht da rein!

Lorenzo verschwand im Wohnwagen. Eddy rannte ihm nach und blieb in der T&#252;r stehen. Raus hier! Er z&#246;gerte, dem jungen Mann nach drinnen zu folgen, denn er f&#252;rchtete einen Angriff. Du bist ein Dieb!, schrie er hinein. Das bist du. Ein gew&#246;hnlicher Dieb. Verlass sofort mein Haus! Ich rufe die Polizei!

Von der K&#252;che her ert&#246;nte ein Krachen, und eine Besteckschublade flog durch den einzigen Raum.

Den Schaden wirst du mir bezahlen! Jeden Cent!

Ein weiteres Krachen, noch mehr Besteck flog durch die Gegend. Eddy wollte unbedingt dort hinein, aber er hatte zu viel Angst. Zumindest war der betrunkene Indianer in der K&#252;che und nicht im Schlafbereich, wo sein Computer stand.

Raus da, du S&#228;ufer! Abschaum! In den Augen Jesu bist du nichts als Schmutz! Ich werde deinem Bew&#228;hrungshelfer hiervon berichten, und dann gehst du zur&#252;ck ins Gef&#228;ngnis! Das garantiere ich dir!

Pl&#246;tzlich stand Lorenzo vor dem Eingang, ein langes Brotmesser in der Hand.

Eddy wich zur&#252;ck und trat von der kleinen Veranda. Lorenzo. Nein.

Lorenzo stand unsicher unter dem Vorbau, fuchtelte mit dem Messer herum und blinzelte in die untergehende Sonne. Er ging nicht weiter auf Eddy zu.

Leg das Messer weg, Lorenzo. Lass es fallen.

Die Hand senkte sich.

Lass es sofort los. Eddy konnte sehen, wie die vor Anspannung wei&#223;en Fingerkn&#246;chel &#252;ber dem Griff sich ein wenig lockerten. Lass es fallen, sonst wird Jesus dich bestrafen.

Pl&#246;tzlich drang ein zorniges Gurgeln aus Lorenzos Kehle. Ich ficke deinen Jesus in den Arsch, siehst du! Er stie&#223; das Messer so heftig aufw&#228;rts in die Luft, dass er beinahe das Gleichgewicht verlor.

Eddy taumelte r&#252;ckw&#228;rts, von den Worten getroffen wie von einem Tritt in den Bauch. Wie  kannst  du  es  wagen, dich so an unserem Erl&#246;ser zu vers&#252;ndigen? Du kranker  du b&#246;sartiger Mistkerl! Du wirst in der H&#246;lle schmoren, Satan! Du ! Eddys schrille Stimme erstarb, als ihm die Hysterie die Kehle zuschn&#252;rte.

Lorenzo gab ein schmutziges, schleimiges Lachen von sich. Er schwenkte das Messer durch die Luft und grinste, als weide er sich an Eddys Grauen. Ja, Mann, in den Arsch.

Du wirst in der H&#246;lle schmoren!, schrie Eddy, der auf einmal seinen Mut wiedergefunden hatte. Du wirst Jesus anflehen, deine verdorrten Lippen zu benetzen, doch Er wird dich nicht erh&#246;ren. Weil du Abschaum bist. Menschlicher Dreck und Abschaum!

Lorenzo spuckte erneut aus. Wenn du meinst.

Gott wird dich niederschlagen, sage ich dir. Er wird dich zerschmettern und verfluchen, du Gottesl&#228;sterer! Du hast Ihn bestohlen, du dreckiger, diebischer Indianer!

Lorenzo st&#252;rzte sich auf Eddy. Doch der Prediger war klein und flink, und als das Messer in einem weiten, schlechtgezielten Bogen auf ihn zu schwang, wich Eddy seitlich aus und packte Lorenzos Unterarm mit beiden H&#228;nden. Der Navajo wehrte sich und versuchte, das Messer wieder gegen Eddy zu wenden, doch der hielt den Unterarm mit beiden H&#228;nden fest wie ein Terrier; er verdrehte und zerrte an dem Arm, damit der Indianer das Messer fallen lie&#223;.

Lorenzo grunzte und k&#228;mpfte gegen ihn an, doch in seinem betrunkenen Zustand hatte er nicht viel Kraft. Pl&#246;tzlich wurde sein Arm schlaff, und Eddy hielt ihn immer noch umklammert.

Lass das Messer fallen.

Lorenzo stand unsicher da. Eddy witterte seine Chance, rammte Lorenzo mit der Schulter, wirbelte ihn herum und schnappte nach dem Messer. Eddy verlor das Gleichgewicht, st&#252;rzte r&#252;cklings zu Boden, und Lorenzo fiel auf ihn. Doch im Fallen hatte Eddy den Griff des Messers zu fassen bekommen. Lorenzo fiel in die Klinge, die ihn aufspie&#223;te. Eddy sp&#252;rte hei&#223;es Blut &#252;ber seine H&#228;nde rinnen, lie&#223; mit einem Aufschrei das Messer los und kroch unter dem Navajo hervor. Das Messer steckte in Lorenzos Brust, direkt &#252;ber dem Herzen.

Nein!

Es war unglaublich, aber Lorenzo kam wieder auf die Beine, obwohl das Messer noch aus seiner Brust ragte. Er taumelte r&#252;ckw&#228;rts und legte, offenbar mit letzter Kraft, beide H&#228;nde um den Messergriff. So blieb er einen Moment lang stehen, beide H&#228;nde um den Griff geklammert, und bem&#252;hte sich verzweifelt, mit rasch schwindenden Kr&#228;ften die Klinge herauszuziehen, das Gesicht v&#246;llig ausdruckslos, der Blick schon verschleiert. Dann kippte er nach vorn, fiel schwer auf den Sand, und die Wucht des Aufpralls trieb die Klinge tiefer hinein, bis sie aus seinem R&#252;cken ragte.

Eddy starrte ihn an und konnte nur stumm die Lippen bewegen. Unter dem hingestreckten K&#246;rper bildete sich eine Blutlache im Sand, die im durstigen Boden versickerte und nur geleeartige Kl&#252;mpchen zur&#252;cklie&#223;.

Der erste Gedanke, der Eddy durch den Kopf schoss, war: Ich werde nie wieder Opfer sein.


Die Sonne war l&#228;ngst untergegangen, und die Luft hatte sich abgek&#252;hlt, als Eddy mit der Grube fertig war. Der Sand war weich und trocken, und er hatte ein tiefes Loch gegraben  sehr tief.

Er hielt inne, schwei&#223;gebadet und zitternd zugleich. Er kletterte aus dem Loch, zog die Leiter heraus, stemmte einen Fu&#223; gegen die Leiche und lie&#223; sie in die Grube rollen. Sie landete mit einem h&#228;sslichen, feuchten Plumps.

Sorgf&#228;ltig schaufelte er den ganzen blutgetr&#228;nkten Sand in das Loch, grub so tief, wie das Blut versickert war, und lie&#223; kein K&#246;rnchen blutigen Sand zur&#252;ck. Dann zog er seine Kleidung aus und warf sie hinterher. Als N&#228;chstes kam das blutige Wasser, in dem er sich die H&#228;nde gewaschen hatte, das mitsamt dem Eimer in dem Loch verschwand, gefolgt von dem Handtuch, mit dem er sich abgetrocknet hatte.

Zitternd stand er am Rand der dunklen Grube, splitternackt. Sollte er beten? Aber der Gottesl&#228;sterer hatte kein Gebet verdient  und was sollten Gebete jemandem n&#252;tzen, der sich ohnehin schon kreischend im Fegefeuer wand? Eddy hatte ihm gesagt, dass Gott ihn niederschmettern w&#252;rde; und keine f&#252;nfzehn Sekunden sp&#228;ter hatte Gott genau das getan. Gott hatte die Hand des blasphemischen Diebes gegen ihn selbst gerichtet. Eddy war selbst Zeuge geworden  er hatte das Wunder mit angesehen. Gott war da gewesen, an seiner Seite.

Immer noch nackt f&#252;llte Eddy das Loch auf, Schaufel um Schaufel, um sich durch die harte k&#246;rperliche Arbeit warm zu halten. Gegen Mitternacht war er fertig. Mit dem Rechen lie&#223; er die letzten Spuren seiner Arbeit verschwinden, r&#228;umte sein Werkzeug weg und ging in den Wohnwagen.

Als Pastor Eddy in dieser Nacht im Bett lag und so inbr&#252;nstig betete, wie er noch nie im Leben gebetet hatte, h&#246;rte er, dass der Wind auffrischte, wie so oft. Er st&#246;hnte und r&#252;ttelte und sch&#252;ttelte an dem alten Trailer, w&#228;hrend der Sand an den Fenstern zischte. Bis zum Morgen, dachte Eddy, w&#252;rde der Hof vom Wind sauber gefegt sein, eine glatte Fl&#228;che jungfr&#228;ulichen Sandes, alle Spuren des Zwischenfalls getilgt.

Der Herr reinigt den Boden f&#252;r mich, denn Er vergibt mir und tilgt die S&#252;nde auch aus meiner Seele.

Eddy lag im Dunkeln, zitternd und triumphierend.


12


Am selben Abend folgte Booker Crawley dem Oberkellner in den schummrigen hinteren Teil des Steakhouse in McLean, Virginia. Er fand Reverend Don T. Spates bereits am Tisch vor, wo er die f&#252;nf Pfund schwere, in Leder gebundene Speisekarte studierte.

Reverend Spates, wie sch&#246;n, Sie wiederzusehen. Er gab dem Mann die Hand.

Ist mir ein Vergn&#252;gen, Mr. Crawley.

Crawley setzte sich, sch&#252;ttelte seine kunstvoll gefaltete Leinenserviette aus und legte sie sich in den Scho&#223;.

Ein Cocktail-Kellner glitt an ihren Tisch. Darf ich den Herren etwas zu trinken bringen?

Einen Seven and Seven, sagte der Reverend.

Crawley verzog das Gesicht und war froh, dass er ein Restaurant ausgew&#228;hlt hatte, wo ihn niemand erkennen w&#252;rde. Der Reverend roch nach Old Spice, und seine Koteletten waren einen Zentimeter zu lang. Leibhaftig sah der Mann zwanzig Jahre &#228;lter aus als im Fernsehen; das Gesicht war leberfleckig und unrein, mit diesem r&#246;tlichen Schleifpapier-Teint, der einen Menschen als Trinker auswies. Sein orangerotes Haar schimmerte in der tr&#252;ben Beleuchtung. Wie konnte ein Mann, der sich die Medien so geschickt zunutze machte, einen Friseur tolerieren, der so schlecht im Haaref&#228;rben war?

Und f&#252;r Sie, Sir?

Einen Bombay Sapphire Martini, sehr trocken, ohne Eis, mit einem Schnitz Zitrone.

Kommt sofort, die Herren.

Crawley zwang sich zu einem breiten L&#228;cheln. Also, Reverend, ich habe Ihre Sendung gestern gesehen. Sie war  gro&#223;-artig.

Spates nickte und klopfte mit einer plumpen, manik&#252;rten Hand auf das Tischtuch. Der Herr war auf meiner Seite.

Ich habe mich gefragt, ob Sie schon Reaktionen darauf bekommen haben.

Allerdings. Mein B&#252;ro hat in den vergangenen vierundzwanzig Stunden &#252;ber achtzigtausend E-Mails erhalten.

Schweigen. Achtzehntausend?

Nein. Acht zig tausend.

Crawley war sprachlos. Von wem?, fragte er schlie&#223;lich.

Von Zuschauern nat&#252;rlich.

Gehe ich recht in der Annahme, dass das eine ungew&#246;hnlich starke Zuschauerreaktion ist?

Absolut. Die Predigt hat wirklich einen Nerv getroffen. Wenn die Regierung das Geld der Steuerzahler daf&#252;r ausgibt, das Wort Gottes als L&#252;ge hinzustellen  nun, dann erheben sich emp&#246;rte Christen &#252;berall im Land.

Ja, nat&#252;rlich. Crawley brachte m&#252;hsam ein zustimmendes L&#228;cheln zustande. Achtzigtausend. Da w&#252;rde sich jedes Kongressmitglied in die Hose machen. Er wartete, w&#228;hrend der Kellner ihre Cocktails servierte.

Spates schlang eine dickliche Hand um das schwitzende Glas, genehmigte sich einen tiefen Schluck und stellte es wieder ab. Dann kommen wir zu dem Versprechen, das Sie meiner Gemeinde gegen&#252;ber gemacht haben.

Selbstverst&#228;ndlich. Crawley ber&#252;hrte das Jackett &#252;ber der Innentasche. Alles zu seiner Zeit.

Spates trank einen weiteren Schluck. Wie war die Reak tion in Washington?

Crawleys Kontakte hatten in Erfahrung gebracht, dass auch diverse Kongressabgeordnete eine nicht unerhebliche Anzahl von E-Mails bekommen hatten, au&#223;erdem war das Telefonaufkommen ungew&#246;hnlich hoch. Doch er durfte bei Spates keine &#252;bertriebenen Erwartungen wecken. Ein solches Thema muss eine Weile vorangetrieben werden, bis es durch die harte Schale Washingtons vordringt.

Meine Zuschauer haben mir etwas anderes berichtet. Eine Menge dieser E-Mails ging in Kopie nach Washington.

Zweifellos, zweifellos, sagte Crawley hastig.

Der Kellner kam und nahm ihre Bestellung entgegen.

Wenn Sie nichts dagegen haben, sagte Spates, w&#252;rde ich jetzt gern diese Spende in Empfang nehmen, bevor das Essen kommt. Ich m&#246;chte schlie&#223;lich keine Fettflecken darauf.

Nein, nein, nat&#252;rlich nicht. Crawley zog den Umschlag aus der Innentasche und legte ihn beil&#228;ufig auf den Tisch. Dann wand er sich innerlich, als Spates die Hand ausstreckte, den Umschlag aufhob und alles andere als unauff&#228;llig musterte. Dabei glitt Spates &#196;rmelsaum zur&#252;ck und entbl&#246;&#223;te ein fleischiges Handgelenk mit einem Pelz orangeroter Haare. Dieses Orangerot war also echt. Wie konnte das Detail an Spates, das ihm am falschesten erschien, sich als das einzig Echte erweisen? Crawley rang seine Gereiztheit nieder.

Spates drehte den Umschlag um und ritzte ihn mit einem lackierten Fingernagel auf. Er zog den Scheck heraus, hielt ihn ins Licht und untersuchte ihn genau.

Zehntausend Dollar, las er langsam.

Crawley blickte sich um und war froh, dass sie den hinteren Teil des Restaurants f&#252;r sich hatten. Der Mann hatte so gar keine Klasse.

Spates musterte weiterhin den Scheck. Zehntausend Dollar, wiederholte er.

Ich nehme doch an, der Scheck ist in Ordnung?

Der Reverend steckte den Scheck wieder in den Umschlag und stopfte ihn in die Tasche seines Jacketts. Wissen Sie, wie viel es kostet, meine kleine Gemeinde zu unterhalten? F&#252;nftausend pro Tag. F&#252;nfunddrei&#223;igtausend pro Woche, fast zwei Millionen im Jahr.

Ein gro&#223;es Unternehmen, bemerkte Crawley gelassen.

Ich habe eine volle Stunde meiner Predigt Ihrem Problem gewidmet. Ich hoffe, es diesen Freitag in Roundtable America wieder aufgreifen zu k&#246;nnen. Kennen Sie die Sendung?

Ich verpasse sie nie. Crawley wusste, dass der christliche Kabelsender Spates w&#246;chentliche Talkshow ausstrahlte, aber er hatte sie noch nie gesehen.

Ich habe vor, an der Sache dranzubleiben, bis ich den gerechten Zorn der Christen im ganzen Land gesch&#252;rt habe.

Ich bin Ihnen sehr verbunden, Reverend.

Daf&#252;r sind zehntausend Dollar ein Tropfen auf den hei&#223;en Stein.

Verdammter Scheinheiliger, dachte Crawley. Wie er es hasste, sich mit solchen Leuten abgeben zu m&#252;ssen. Reverend, bitte verzeihen Sie, aber nach unserem Gespr&#228;ch hatte ich den Eindruck, dass Sie sich gegen eine einmalige Spende dieses Themas annehmen w&#252;rden.

Das habe ich auch: einmalige Spende, einmalige Predigt. Jetzt spreche ich von einer Beziehung. Spates setzte das Glas an die feuchten Lippen, trank durch die gestapelten Eisw&#252;rfel seinen Drink aus, stellte das Glas wieder ab und wischte sich die Lippen.

Ich habe Ihnen ein hervorragendes Thema auf dem Silbertablett serviert. Den Zuschauerreaktionen nach zu schlie&#223;en, scheint es sich zu lohnen, es weiterzuverfolgen, ganz unabh&#228;ngig von den, &#228;h, finanziellen Aspekten.

Mein Freund, da drau&#223;en wird gerade ein Krieg des Glaubens gef&#252;hrt. Wir k&#228;mpfen gleich an mehreren Fronten gegen die s&#228;kularen Humanisten. Ich k&#246;nnte meine Schlachtreihen jeden Augenblick an einen anderen Schauplatz beordern. Wenn Sie wollen, dass ich an Ihrer Front weiterk&#228;mpfe, nun dann  m&#252;ssen Sie dazu etwas beitragen.

Der Kellner brachte die Filets mignons. Spates hatte seines gut durch bestellt, und das feine Neununddrei&#223;ig-Dollar-Fleischst&#252;ck &#228;hnelte nun in Gr&#246;&#223;e, Form und Farbe einem Hockey-Puck. Spates faltete die H&#228;nde und neigte den Kopf &#252;ber den Teller. Crawley brauchte einen Moment, bis er begriff, dass der Mann seine Mahlzeit segnete und nicht daran schnupperte.

Kann ich den Herren sonst noch etwas bringen?, fragte der Kellner.

Der Reverend hob den Kopf und hielt ihm das Glas hin. Noch einen. Mit schmalen Augen schaute er dem Kellner nach. Ich glaube fast, dieser Mann ist homosexuell.

Crawley atmete tief durch. Was f&#252;r eine Beziehung schlagen Sie also vor, Reverend?

Quid pro quo. Sie tun mir einen Gefallen, und ich Ihnen.

Crawley wartete ab.

Sagen wir f&#252;nftausend die Woche, und ich garantiere Ihnen, dass ich das Isabella-Projekt in jeder Predigt erw&#228;hnen und in mindestens einer Talkshow ansprechen werde.

So dachte er sich das also. Zehntausend pro Monat, erwiderte Crawley k&#252;hl, und Sie garantieren mir, dass das Thema in jeder Predigt mindestens zehn Minuten lang behandelt wird. Was die Talkshows angeht, so erwarte ich, dass die erste Sendung komplett Isabella gewidmet ist und das Thema in den nachfolgenden Sendungen weiter angeheizt wird. Meine Spende wird jeweils am Monats ende eintreffen, nach der Ausstrahlung der Talkshow. Jede einzelne Zahlung wird korrekt als Spende f&#252;r wohlt&#228;tige Zwecke verbucht, was ich schriftlich best&#228;tigt haben m&#246;chte. Das ist mein erstes, letztes und endg&#252;ltiges Angebot.

Reverend Don T. Spates betrachtete Crawley nachdenklich. Dann breitete sich ein gewaltiges L&#228;cheln &#252;ber sein Gesicht, er streckte die fleckige Hand &#252;ber den Tisch und entbl&#246;&#223;te einmal mehr die orangefarbenen H&#228;rchen.

Der Herr wird Ihnen Ihre Spende reichlich vergelten, mein Freund.


13


Am Dienstagmorgen, noch vor dem Fr&#252;hst&#252;ck, sa&#223; Ford am K&#252;chentisch in seinem H&#228;uschen und starrte auf den Stapel Dossiers. Nat&#252;rlich sch&#252;tzte ein hoher IQ per se nicht vor den Wechself&#228;llen des Lebens, aber diese Gruppe von Menschen schien &#252;berdurchschnittlich stark mit Problemen belastet zu sein: schwierige Kindheiten, kaputte Elternh&#228;user, Probleme mit der sexuellen Orientierung, pers&#246;nliche Krisen, sogar ein paar F&#228;lle von totalem Bankrott. Thibodeaux war seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr in psychologischer Behandlung, die Diagnose lautete Borderline-Pers&#246;nlichkeitsst&#246;rung. Cecchini war als Teenager in die F&#228;nge einer obskuren Sekte geraten. Edelstein litt unter immer wiederkehrenden Depressionen. St. Vincent war fr&#252;her Alkoholiker. Wardlaw hatte an einer post-traumatischen Belastungsst&#246;rung gelitten, nachdem er mit angesehen hatte, wie dem Anf&#252;hrer seiner Einheit in einer der Tora-Bora-H&#246;hlen in den Bergen Afghanistans der Kopf von den Schultern gesprengt wurde. Corcoran war erst vierunddrei&#223;ig, aber bereits geschieden  zweimal. Innes war offiziell abgemahnt worden, weil er mit Patientinnen geschlafen hatte.

Nur Rae Chens pers&#246;nliche Geschichte wirkte ganz gew&#246;hnlich  eine von vielen chinesischen Familien der ersten Generation in Amerika, die ein Restaurant betrieb. Auch Dolbys Pers&#246;nlichkeit schien recht normal, au&#223;er dass er in einem der &#252;belsten Stadtviertel von Los Angeles aufgewachsen war; sein Bruder sa&#223; im Rollstuhl, seit er bei einer Bandenschie&#223;erei von einer verirrten Kugel getroffen worden war.

Kates Dossier war das spannendste von allen. Er las es mit einer Art krankhafter, schuldbewusster Faszination. Ihr Vater hatte Selbstmord begangen, kurz nachdem Ford sich von ihr getrennt hatte  er hatte sich erschossen, als sein Gesch&#228;ft pleitegegangen war. Der Zustand ihrer Mutter hatte sich danach st&#228;ndig verschlechtert, bis sie mit siebzig in einem Pflegeheim landete und ihre eigene Tochter nicht mehr erkannte. Nach dem Tod ihrer Mutter klaffte in dem Bericht eine L&#252;cke von zwei Jahren. Kate hatte die Miete f&#252;r ihre Wohnung in Texas f&#252;r vierundzwanzig Monate im Voraus bezahlt, war verschwunden und erst nach diesen zwei Jahren wieder aufgetaucht. Ford war sehr beeindruckt davon, dass weder das FBI noch die CIA herausfinden konnten, wo sie gewesen war und was sie getan hatte. Sie weigerte sich, ihre Fragen zu beantworten  auch auf die Gefahr hin, bei dem Sicherheitscheck durchzufallen und nicht stellvertretende Leiterin des Isabella-Projekts werden zu k&#246;nnen. Doch Hazelius hatte sich f&#252;r sie eingesetzt, und der Grund daf&#252;r war nicht schwer zu erkennen  sie hatten damals eine Beziehung gehabt. Offenbar hatte sie aber eher auf Freundschaft denn auf Leidenschaft beruht und war auch friedlich beendet worden.

Ford packte die Akten weg, angeekelt von der Verletzung der Intimsph&#228;re vieler Menschen, dem unversch&#228;mten Eindringen der Regierung in das Privatleben, das diese Dossiers widerspiegelten. Er fragte sich, wie er es &#252;berhaupt so lange bei der CIA ausgehalten hatte. Das Kloster hatte ihn doch mehr ver&#228;ndert, als ihm bewusst gewesen war.

Er holte das Dossier &#252;ber Hazelius wieder hervor und schlug es auf. Er hatte es nur rasch &#252;berflogen, doch jetzt ging er es gr&#252;ndlicher durch. Es war chronologisch geordnet, und Ford las es in dieser Reihenfolge, um sich ein Bild von der Lebensgeschichte des Mannes zu machen. Hazelius stammte aus &#252;berraschend gew&#246;hnlichen Verh&#228;ltnissen, einziges Kind einer soliden Mittelschicht-Familie mit skandinavischen Wurzeln, aufgewachsen in Minnesota, Vater Ladenbesitzer, Mutter Hausfrau. N&#252;chterne, langweilige Leute, die jeden Sonntag zur Kirche gingen. Ein Umfeld, von dem man wahrlich nicht erwartete, dass es ein transzendentales Genie hervorbrachte. Hazelius hatte sich rasch als echtes Wunderkind erwiesen: Abschluss summa cum laude von der Johns-Hopkins-Universit&#228;t mit siebzehn, Doktortitel vom California Institute of Technology mit zwanzig, Lehrstuhl an der Columbia mit sechsundzwanzig, Nobelpreis mit drei&#223;ig.

Abgesehen von seiner Brillanz, war der Mann aber schwer zu fassen. Er geh&#246;rte nicht zu den typischen Scheuklappen-Akademikern, die nur ihr enges Forschungsfeld sahen. An der Columbia University hatten seine Studenten ihn auch wegen seines trockenen Humors, seines verspielten Temperaments und seines &#252;berraschenden musikalischen Talents verehrt. Er spielte in einem Schuppen an der 110th Street Boogie-Woogie und Jazz am Klavier und f&#252;llte die Kneipe regelm&#228;&#223;ig mit seinen ihn anhimmelnden Studenten. Er ging mit seinen Studenten in Jazzlokale. Er entwickelte eine Theorie des Aktienmarktes, die auf der des chaotischen Attraktors basierte, und verdiente damit Millionen, bevor er das System an einen Hedge-Fonds verkaufte.

Nachdem Hazelius mit seiner Arbeit &#252;ber die Quantenverschr&#228;nkung den Nobelpreis errungen hatte, trat er locker in die Fu&#223;stapfen des Starphysikers Richard Feynman. Er ver&#246;ffentlichte nicht weniger als drei&#223;ig theoretische Abhandlungen &#252;ber die Unvollst&#228;ndigkeit der Quantentheorie und ersch&#252;tterte damit die Disziplin in ihren Grundfesten. Er bekam die Fields-Medaille, die h&#246;chste Auszeichnung der Mathematik, f&#252;r seine Arbeit &#252;ber Aspekte der Bayesschen Wahrscheinlichkeitstheorie verliehen und war damit der einzige Mensch, der sowohl einen Nobelpreis als auch die Fields-Medaille gewonnen hatte. Hinzu kam noch ein Pulitzer-Preis f&#252;r einen Gedichtband  fremdartig sch&#246;ne Gedichte, die ausdrucksvolle Sprache mit mathematischen Gleichungen und wissenschaftlichen Theoremen verbanden. Er hatte ein Hilfsprojekt in Indien auf die Beine gestellt, das medizinische Hilfe f&#252;r M&#228;dchen leistete, in Regionen, wo es ansonsten &#252;blich war, kranke M&#228;dchen einfach sterben zu lassen; dazu geh&#246;rten auch sensible, aber intensive Aufkl&#228;rungsprogramme, die darauf abzielten, die gesellschaftliche Einstellung gegen&#252;ber M&#228;dchen im Allgemeinen zu ver&#228;ndern. Er hatte Millionen f&#252;r eine Kam pagne gegen die Genitalverst&#252;mmelung von M&#228;dchen und Frauen in Afrika gespendet. Au&#223;erdem besa&#223; er ein Patent  und das fand Ford geradezu komisch  f&#252;r eine verbesserte Mausefalle, human, aber wirkungsvoll.

Oft erschien er in den Gesellschaftsseiten der Washington Post auf Fotos an der Seite der Reichen und Ber&#252;hmten, stets in seinen typischen Anz&#252;gen aus den Siebzigern, mit fettem Revers und dicken Krawatten. Er br&#252;stete sich damit, sie alle bei der Heilsarmee gekauft und nie mehr als f&#252;nf Dollar daf&#252;r bezahlt zu haben. Er war regelm&#228;&#223;ig bei Letterman zu Gast, und man konnte sich darauf verlassen, dass er jedes Mal unerh&#246;rt unversch&#228;mte, alles andere als politisch korrekte Dinge von sich gab  er nannte sie unangenehme Wahrheiten  und wortgewandt &#252;ber seine utopischen Visionen schwadronierte.

Im Alter von zweiunddrei&#223;ig hatte er alle Welt &#252;berrascht, indem er das Supermodel und ehemalige Playboy-Bunny Astrid Gund heiratete, zehn Jahre j&#252;nger als er und ber&#252;chtigt f&#252;r ihre fr&#246;hliche Geistlosigkeit. Sie begleitete ihn &#252;berallhin, sogar in diverse Talkshows, wo er sie anhimmelte, w&#228;hrend sie gutgelaunt &#252;ber ihre herzlich gut gemeinten, aber eher vagen politischen Ansichten sprach. Ber&#252;hmt wurde sie mit dem Satz, ge&#228;u&#223;ert in einer Diskussion &#252;ber die Anschl&#228;ge vom 11. September: Ich meine, warum k&#246;nnen die Menschen sich nicht einfach vertragen?

Das war schlimm genug. Doch w&#228;hrend dieser Phase hatte eine &#196;u&#223;erung von Hazelius die &#214;ffentlichkeit derma&#223;en emp&#246;rt, dass sie unvergesslich wurde, wie die Behauptung der Beatles, sie seien beliebter als Jesus. Ein Reporter fragte den Physiker, warum er eine Frau geheiratet habe, die Ihnen intellektuell so stark unterlegen ist. Hazelius regte sich furchtbar dar&#252;ber auf. Wen soll ich denn Ihrer Meinung nach heiraten?, br&#252;llte er den Journalisten an. Alle Welt ist mir intellektuell unterlegen! Zumindest wei&#223; Astrid, wie man jemanden von ganzem Herzen liebt, und das ist mehr, als ich euch &#252;brigen menschlichen Hornochsen zutraue.

Der kl&#252;gste Mann der Welt hatte alle anderen als Hornochsen beschimpft. Der Aufschrei der Emp&#246;rung war gewaltig. Die Washington Post druckte eine legend&#228;re Schlagzeile:


HAZELIUS AN WELT: IHR SEID ALLE HORNOCHSEN


Talkmoderatoren in Radio und Fernsehen stilisierten sich zu Anw&#228;lten der breiten Masse und steigerten sich in ihren gerechten Zorn hinein. Hazelius wurde von jeder Kanzel und aus jedem Talkshow-Studio Amerikas verdammt und als anti-amerikanisch, antireligi&#246;s und unpatriotisch gebrandmarkt, als Angeh&#246;riger dieser widerlichsten Spezies von Mensch  ein Sherry nippender, elit&#228;rer Misanthrop aus dem Elfenbeinturm-Establishment der Ostk&#252;ste.

Ford legte die Unterlagen beiseite und goss sich noch eine Tasse Kaffee ein. Bisher passte das Dossier nicht zu dem Hazelius, den er gerade kennenlernte, der jedes Wort sorgsam bedachte und als Friedensstifter, Diplomat und wohlwollender Teamleiter auftrat. Er hatte bisher keine einzige politische Bemerkung von Hazelius geh&#246;rt.

Vor einigen Jahren hatte Hazelius eine Trag&#246;die erlitten. Vielleicht hatte er sich dadurch ver&#228;ndert. Ford bl&#228;tterte in der Akte weiter, bis er die Stelle fand.

Vor zehn Jahren, als Hazelius sechsunddrei&#223;ig war, starb Astrid urpl&#246;tzlich an einer Gehirnblutung. Ihr Tod hatte ihn zu tiefst getroffen. Zwei Jahre lang hatte er sich von der Welt zur&#252;ckgezogen und sich total abgekapselt. Dann, ganz pl&#246;tzlich, war er mit dem Plan f&#252;r Isabella wieder aufgetaucht. Er hatte sich tats&#228;chlich v&#246;llig ver&#228;ndert: keine Talkshows mehr, keine provokanten &#196;u&#223;erungen, utopischen Visionen oder K&#228;mpfe auf verlorenem Posten. Er l&#246;ste seine Verbindungen zur feinen Gesellschaft und h&#228;ngte die h&#228;sslichen Anz&#252;ge an den Nagel. Gregory North Hazelius war erwachsen geworden.

Au&#223;erordentlich geschickt, mit viel Geduld und Taktgef&#252;hl, hatte Hazelius das Isabella-Projekt vorangetrieben, sich Verb&#252;ndete in der Wissenschaft gesucht, gro&#223;e Stiftungen umworben und den M&#228;chtigen den Hof gemacht. Er nutzte jede Gelegenheit, um die Amerikaner daran zu erinnern, dass die USA in der Kernphysik dem Forschungsstand der Europ&#228;er weit hinterherhinkten. Er erkl&#228;rte immer wieder, dass Isabella billige L&#246;sungen f&#252;r das Problem des weltweiten Energiebedarfs liefern k&#246;nnte  und s&#228;mtliche Patente und alles Knowhow w&#228;ren dann in amerikanischen H&#228;nden. Damit war ihm das Unm&#246;gliche gelungen: Er hatte dem Kongress trotz des defizit&#228;ren Budgets vierzig Milliarden Dollar aus dem Kreuz geleiert.

Er war offenbar ein Meister der &#220;berredungskunst, der still im Hintergrund agierte, ein vorsichtiger Vision&#228;r, bereit, ein gewagtes, wenn auch kalkuliertes Risiko einzugehen. Das war der Hazelius, den Ford hier kennenlernte.

Isabella war Hazelius geistiges Kind, sein Baby. Er war durch das ganze Land gereist und hatte sich aus der Elite der Physiker, Ingenieure und Programmierer ein handverlesenes Team zusammengestellt. Alles war glatt vorangegangen. Bis jetzt.

Ford schloss die Akte und gr&#252;belte dar&#252;ber nach. Er hatte das Gef&#252;hl, dass er immer noch nicht die untersten Schichten abgel&#246;st und das wahre menschliche Wesen dahinter entdeckt hatte. Genie, Selbstdarsteller, Musiker, utopischer Tr&#228;umer, liebender Ehemann, arroganter Elitewissenschaftler, brillanter Physiker, geduldiger Lobbyist. Welcher von ihnen war der wah re Mensch? Oder steckte hinter all diesen Pers&#246;nlichkeiten noch eine schattenhafte Gestalt, die all die Masken manipulierte?

Teilweise unterschied sich Hazelius Leben gar nicht so stark von seinem eigenen. Sie hatten beide auf tragische Weise ihre Ehefrau verloren. Als Fords Frau gestorben war, war die Welt, wie er sie kannte, mit ihr in die Luft geflogen, und er war ziellos durch die Ruinen geirrt. Doch Hazelius hatte genau gegens&#228;tzlich reagiert: Der Tod seiner Frau hatte ihm anscheinend einen neuen Fokus gebracht. F&#252;r Ford hatte das Leben seinen Sinn verloren; f&#252;r Hazelius hatte es einen neuen Sinn bekommen.

Er fragte sich, was wohl in seinem eigenen Dossier stehen mochte. Zweifellos existierte es irgendwo  und Lockwood hatte es gelesen, genau wie er jetzt die Dossiers der anderen las. Wie w&#252;rde seines aussehen? Privilegierte Herkunft, Privatschule, Harvard, MIT, CIA, Heirat. Und dann: Bombe.

Nach Bombe, was stand da? Kloster. Und schlie&#223;lich: Advanced Security and Intelligence, Inc., der Name seiner neuen Detektei. Der erschien ihm auf einmal l&#228;cherlich, anma&#223;end. Wem wollte er etwas vormachen? Er hatte die Firma vor vier Monaten gegr&#252;ndet und bisher genau einen Auftrag bekommen. Zugegeben, der war phantastisch, aber man hatte ihn ja auch aus ganz speziellen Gr&#252;nden daf&#252;r ausgew&#228;hlt. An seinem gro&#223;artigen Lebenslauf lag es jedenfalls nicht.

Er warf einen Blick auf die Uhr: Er w&#252;rde zu sp&#228;t zum Fr&#252;hst&#252;ck kommen, und hier sa&#223; er und verschwendete seine Zeit mit Gr&#252;belei und Selbstmitleid.

Er schob das Dossier zu den anderen in den Aktenkoffer, schloss ihn ab und machte sich auf den Weg zum Speisesaal. Die Sonne war gerade &#252;ber dem Felsenkamm aufgegangen, ihre Strahlen schossen durch die Bl&#228;tter der Pappeln und lie&#223;en sie leuchten, als best&#252;nden sie aus gr&#252;nem und gelbem Glas.

Im Speisesaal duftete es nach Zimtbr&#246;tchen und Speck. Hazelius sa&#223; an seinem angestammten Platz am Kopf der langen Tafel, in ein Gespr&#228;ch mit Innes vertieft. Kate sa&#223; am anderen Ende, bei Wardlaw, und schenkte sich gerade Kaffee ein.

Bei ihrem Anblick sp&#252;rte Ford ein Ziehen in der Magengegend.

Er lie&#223; sich auf dem letzten freien Platz neben Hazelius nieder und nahm sich R&#252;hrei und Speck von einer gro&#223;en Platte.

Morgen, sagte Hazelius. Gut geschlafen?

Gro&#223;artig.

Alle waren da, bis auf Wolkonski.

Sagt mal, hat jemand Peter gesehen?, fragte Ford. Sein Auto steht nicht in der Einfahrt.

Die Unterhaltungen am Tisch erstarben.

Dr. Wolkonski scheint uns verlassen zu haben, sagte Wardlaw.

Verlassen? Warum?

Zun&#228;chst sprach niemand. Dann sagte Innes mit unnat&#252;rlich lauter Stimme: Als Teampsychologe kann ich vielleicht ein wenig Licht in diese Sache bringen. Ohne meine berufliche Schweigepflicht zu verletzen, kann ich wohl behaupten, und ihr werdet mir sicher beipflichten, dass Peter hier nie gl&#252;cklich war. Er hatte Schwierigkeiten damit, sich an die Isolation und den Arbeitsdruck hier oben anzupassen. Er hat seine Frau und sein Kind in Brookhaven sehr vermisst. Es &#252;berrascht mich nicht, dass er beschlossen hat, zu gehen.

Mr. Wardlaw, Sie sagten, er scheint uns verlassen zu haben?

Hazelius sprang geschickt ein: Sein Wagen ist weg, sein Koffer und ein Gro&#223;teil seiner Kleidung ebenfalls  daher unsere Annahme.

Er hat niemandem etwas davon gesagt?

Das scheint Sie zu beunruhigen, Wyman, bemerkte Hazelius und warf ihm einen recht eindringlichen Blick zu.

Ford bremste sich. Er war zu schnell vorangeprescht, und einem so scharfsinnigen Mann wie Hazelius musste das auf-fallen.

Nicht beunruhigt, sagte Ford. Nur &#252;berrascht.

Ich f&#252;rchte, ich habe so etwas kommen sehen, sagte Hazelius. Peter war nicht f&#252;r dieses Leben geschaffen. Wir werden sicher von ihm h&#246;ren, sobald er zu Hause angekommen ist. Also, Wyman, erz&#228;hlen Sie uns von Ihrem gestrigen Be-such bei Begay.

Alle wandten sich ihm zu.

Begay ist w&#252;tend. Er hat eine ganz Liste von Beschwerden &#252;ber das Isabella-Projekt.

Zum Beispiel?

Sagen wir nur, es wurden eine Menge Versprechungen gemacht, aber nicht eingehalten.

Wir haben niemandem irgendetwas versprochen, erwiderte Hazelius.

Anscheinend hat das Energieministerium alles M&#246;gliche versprochen, Arbeitspl&#228;tze und wirtschaftliche Vorteile.

Hazelius sch&#252;ttelte angewidert den Kopf. Ich habe keine Kontrolle &#252;ber das Energieministerium. Haben Sie es wenigstens geschafft, ihm diesen Protestritt auszureden?

Nein.

Hazelius runzelte die Stirn. Ich hoffe doch, Ihnen f&#228;llt etwas ein, wie Sie das verhindern k&#246;nnen.

Es w&#228;re vielleicht besser, es einfach geschehen zu lassen.

Wyman, das kleinste bisschen &#196;rger k&#246;nnte im ganzen Land Schlagzeilen machen, sagte Hazelius. Schlechte Publicity k&#246;nnen wir uns nicht leisten.

Ford sah Hazelius ruhig an. Sie haben sich hier oben auf der Mesa eingegraben mit Ihrem geheimen Regierungsprojekt und jeglichen Kontakt mit den Anwohnern vermieden  kein Wunder, dass es Spekulationen und Ger&#252;chte gibt. Was in aller Welt haben Sie denn erwartet? Das klang ein wenig sch&#228;rfer, als er beabsichtigt hatte.

Alle starrten ihn an, als h&#228;tte er gerade einen Priester verflucht. Doch sie entspannten sich ein wenig, als Hazelius sich langsam zur&#252;cklehnte. Also sch&#246;n, ich w&#252;rde sagen, diesen Tadel habe ich verdient. Ist angekommen. Vielleicht h&#228;tten wir die Sache geschickter angehen k&#246;nnen. Also  was ist unser n&#228;chster Schritt?

Ich werde dem Vorsitzenden der lokalen Navajo-Selbstverwaltung in Blue Gap einen freundschaftlichen Besuch abstatten. Ich will versuchen, eine Art B&#252;rgerversammlung mit den Anwohnern auf die Beine zu stellen. Zu der Sie alle erscheinen werden.

Wenn ich die Zeit er&#252;brigen kann, gern.

Ich f&#252;rchte, Sie werden die Zeit er&#252;brigen m&#252;ssen.

Hazelius winkte ab. Dar&#252;ber sprechen wir, wenn es so weit ist.

Ich h&#228;tte heute auch gern jemanden vom Team dabei.

Jemand Bestimmten?

Kate Mercer.

Hazelius blickte sich um. Kate? Bei dir steht heute nichts Gro&#223;es an, oder?

Kate err&#246;tete. Ich habe zu tun.

Wenn Kate nicht kann, gehe ich mit, sagte Melissa Corcoran und warf l&#228;chelnd das Haar zur&#252;ck. Es w&#228;re herrlich, mal ein paar Stunden von diesem verdammten Berg herunterzukommen.

Ford warf Kate einen Blick zu, dann Corcoran. Er z&#246;gerte, ihnen zu sagen, dass er in Blue Gap eigentlich lieber nicht mit einer eins achtzig gro&#223;en, blau&#228;ugigen, blonden Granate auftreten wollte. Kate hingegen sah mit ihrem schwarzen Haar und dem halbasiatischen Gesicht beinahe indianisch aus.

Was ist denn so dringend, Kate?, fragte Hazelius. Du sagtest doch, du w&#228;rst mit den neuen Berechnungen zu Schwarzen L&#246;chern fast fertig. Das hier ist wichtig  und du bist schlie&#223;lich die stellvertretende Leiterin.

Kate warf Corcoran einen undurchdringlichen Blick zu. Corcoran erwiderte ihn k&#252;hl.

Die Berechnungen kann ich wohl etwas aufschieben, sagte Kate.

Wunderbar, sagte Ford. Ich hole dich in einer Stunde mit dem Jeep ab. Er ging zur T&#252;r, eigenartig beschwingt. Als er an Corcoran vorbeikam, grinste sie ihn vielsagend an.

N&#228;chstes Mal dann, sagte sie.


Wieder in seinem H&#228;uschen angelangt, schloss Ford die T&#252;r ab, brachte den Aktenkoffer ins Wohnzimmer, zog die Vorh&#228;nge vor, holte das Satellitentelefon aus dem Koffer und w&#228;hlte Lockwoods Nummer.

Hallo, Wyman. Haben Sie Neuigkeiten f&#252;r mich?

Erinnern Sie sich an einen Wissenschaftler namens Peter Wolkonski, den Software-Spezialisten?

Ja.

Er ist gestern Nacht verschwunden. Sein Wagen ist weg, und sie behaupten, er h&#228;tte seine Kleidung mitgenommen. K&#246;nnten Sie herausfinden, ob er irgendwo aufgetaucht ist oder sich mit jemandem in Verbindung gesetzt hat?

Wir werden es versuchen.

Ich muss so bald wie m&#246;glich Bescheid wissen.

Ich rufe Sie sofort zur&#252;ck, wenn ich etwas habe.

Und da sind noch ein paar Sachen.

Immer heraus damit.

Michael Cecchini  in seinem Dossier steht, dass er sich als Teenager einer Sekte angeschlossen hat. Ich w&#252;sste gern mehr dar&#252;ber.

Wird erledigt. Sonst noch etwas?

Rae Chen. Sie erscheint mir  wie soll ich das ausdr&#252;cken? Zu normal.

Das ist nicht gerade ein guter Anhaltspunkt f&#252;r weitere Nachforschungen.

Kramen Sie mal in ihrer Vergangenheit, ob Sie da irgendetwas Seltsames finden.

Zehn Minuten sp&#228;ter blinkte der Leuchtring. Ford dr&#252;ckte auf die Empfangtaste, und Lockwoods Stimme drang zu ihm durch, nun wesentlich angespannter. Was Wolkonski angeht  wir haben seine Frau angerufen und seine Kollegen in Brookhaven, aber niemand hat von ihm geh&#246;rt. Sie sagen, er soll gestern Abend aufgebrochen sein? Wann genau?

Ich sch&#228;tze, so gegen neun.

Wir schreiben sein Auto zur Fahndung aus. Wenn er nach Hause will, hat er vierzig Stunden Autofahrt bis New York State vor sich. Falls er in dieser Richtung unterwegs ist, werden wir ihn finden. Ist denn etwas vorgefallen?

Ich bin ihm gestern zuf&#228;llig begegnet. Er hatte die ganze Nacht durchgearbeitet und getrunken. Er war &#252;bertrieben fr&#246;hlich, fast hysterisch. Und er hat zu mir gesagt: Vorher ich Sorgen machen. Jetzt mir geht gut. Aber er sah ganz und gar nicht gut aus.

Haben Sie eine Ahnung, was er damit gemeint haben k&#246;nnte?

Nein.

Ich will, dass Sie sein Haus durchsuchen.

Kurzes Z&#246;gern. Mache ich, heute Abend.

Ford hielt das Telefon noch lange in der Hand und schaute hinaus auf die Pappeln vor seinem Fenster. L&#252;ge, Spionage, T&#228;uschung, und nun auch noch Einbruch. Eine sch&#246;ne Art, sein erstes Jahr au&#223;erhalb der Klostermauern zu beginnen.


14


Ford erfasste Blue Gap, Arizona, mit einem einzigen Blick. Der Ort lag in einer staubigen Senke, umgeben von Fels nadeln und den grauen Skeletten verdorrter Pinyon-Kiefern. Das Dorf war im Wesentlichen eine Kreuzung zweier unbefestigter Stra&#223;en, die von ihrem Schnittpunkt im Ort aus nur jeweils knapp hundert Meter weit asphaltiert waren. Es gab eine Tankstelle aus ziegelfarbenem Betonschalstein und einen kleinen Lebensmittelladen mit einem Sprung im Schaufenster. Verdorrte Steppenhexen und Plastikt&#252;ten flatterten wie Banner an dem Stacheldrahtzaun hinter der Tankstelle. Neben dem Laden stand ein kleines Schulgeb&#228;ude, umgeben von einem Maschendrahtzaun. &#214;stlich und n&#246;rdlich davon waren kleine Wohnh&#228;user, typisch sozialer Wohnungsbau, in zwei Quadraten streng symmetrisch im roten Staub angeordnet.

Die bl&#228;ulich rote Silhouette der Red Mesa, nicht weit entfernt, bildete die hoch aufragende Kulisse.

Also, sagte Kate, als der Jeep den asphaltierten Teil der Stra&#223;e erreichte, wie sieht dein Plan aus?

Tanken.

Tanken? Der Tank ist noch halb voll, und bei Isabella bekommen wir Benzin umsonst, soviel wir wollen.

Spiel einfach mit, ja?

Er hielt an der Tankstelle, stieg aus und tankte voll. Dann klopfte er an Kates Fenster. Hast du Geld dabei?, fragte er.

Sie sah ihn erschrocken an. Ich habe meine Handtasche vergessen.

Gut.

Sie gingen hinein. Eine rundliche Navajo-Frau stand an der Theke. Einige weitere Kunden  s&#228;mtlich Navajos  schlen derten an den Regalen entlang.

Ford suchte eine Packung Kaugummi, eine Flasche Cola, eine T&#252;te Chips und die Navajo Times zusammen. Dann trat er an die Theke und legte alles neben die Kasse. Die Frau gab alles ein, auch das Benzin.

Ford griff in die Tasche, und sein Gesichtsausdruck ver&#228;nderte sich. Auff&#228;llig suchte er s&#228;mtliche Hosentaschen ab.

Verdammt. Hab meine Brieftasche vergessen. Er warf Mercer einen Blick zu. Hast du Geld dabei?

Sie funkelte ihn finster an. Nein, das wei&#223;t du doch.

Ford hob die ausgebreiteten H&#228;nde und grinste die Dame an der Kasse verlegen an. Ich habe meine Brieftasche vergessen.

Unger&#252;hrt erwiderte sie seinen Blick. Sie m&#252;ssen aber bezahlen. Wenigstens das Benzin.

Wie viel macht das denn?

Achtzehn f&#252;nfzig.

Wieder durchsuchte er demonstrativ seine Taschen. Die anderen Kunden waren inzwischen aufmerksam geworden.

Ist das zu glauben? Ich habe keinen Cent bei mir. Das tut mir wirklich leid.

Bleischweres Schweigen folgte. Ich muss das kassieren, sagte die Frau.

Es tut mir leid. Ehrlich. H&#246;ren Sie, ich fahre schnell nach Hause und hole meine Brieftasche, dann komme ich sofort hierher zur&#252;ck. Versprochen. Himmel, ich komme mir vor wie der letzte Trottel.

Ich kann Sie nicht gehen lassen, ohne das Benzin zu kassieren, sagte die Frau. Das ist mein Job.

Ein kleiner, d&#252;rrer, unruhig wirkender Mann mit schulterlangem, pechschwarzem Haar, in einem braunen Cowboyhut und Motorradstiefeln, trat vor und zog eine abgegriffene Brieftasche an einer Kette aus der Tasche seiner Jeans. Doris? Damit ist die Sache in Ordnung, sagte er gro&#223;spurig und reichte ihr einen Zwanzig-Dollar-Schein.

Ford wandte sich zu dem Mann um. Das ist wirklich nett von Ihnen. Sie bekommen es zur&#252;ck.

Aber sicher, kein Problem. N&#228;chstes Mal, wenn Sie hier sind, geben Sie einfach Doris das Geld. Eines Tages k&#246;nnen Sie mir ja den Gefallen erwidern, nicht? Er hob die Hand, zwinkerte und zielte mit dem Zeigefinger auf Ford.

Na klar. Ford streckte ihm die Hand hin. Wyman Ford.

Willy Becenti.

Willy sch&#252;ttelte ihm die Hand.

Danke, Willy, sind ein guter Mann.

Verdammt richtig! Nicht, Doris? Der beste Mann in Blue Gap.

Doris verdrehte die Augen gen Himmel.

Das ist Kate Mercer, sagte Ford.

Hallo, Kate, wie gehts? Becenti nahm ihre Hand, beugte sich dar&#252;ber und k&#252;sste sie wie ein echter Lord.

Wir sind auf der Suche nach dem Gemeindehaus, erkl&#228;rte Ford. Wir m&#246;chten mit dem Vorsitzenden des Ortsverbandes sprechen. Ist er da?

Ist sie da, meinen Sie wohl. Maria Atcitty. Klar, Mann. Das Gemeindehaus ist gleich die Stra&#223;e runter. Letzte rechts, bevor der Asphalt aufh&#246;rt. Es ist das alte Holzhaus mit dem Blechdach neben dem Wasserturm. Gr&#252;&#223;en Sie sie sch&#246;n von mir.

Als sie von der Tankstelle abfuhren, sagte Ford: Dieser Trick zieht im Reservat immer. Navajos sind die gro&#223;z&#252;gigsten Menschen auf der Welt.

In zynischer Manipulation bekommst du also eine Eins mit Stern.

Es dient doch einem guten Zweck.

Na ja, er sah selber ein bisschen zwielichtig aus. Was wollen wir wetten, dass er Zinsen von dir verlangen wird?

Sie hielten auf dem Parkplatz vor dem Gemeindehaus neben einer Reihe staubiger Pick-ups. An die Eingangst&#252;r hatte je mand eines von Begays Flugbl&#228;ttern mit dem Aufruf zum Pro testritt geklebt. Ein weiteres flatterte am n&#228;chsten Telefonmast. Sie baten darum, die Ortsvorsteherin sprechen zu d&#252;rfen. Eine adrette, kr&#228;ftige Frau in t&#252;rkisfarbener Bluse und brauner Anzughose erschien.

Sie begr&#252;&#223;ten sie mit einem H&#228;ndedruck und stellten sich ihr vor.

Wir sollen Sie sch&#246;n von Willy Becenti gr&#252;&#223;en.

Sie kennen Willy? Sie wirkte &#252;berrascht  und erfreut.

K&#246;nnte man so sagen. Ford lachte verlegen. Er hat mir zwanzig Dollar geborgt.

Atcitty sch&#252;ttelte den Kopf. Der gute alte Willy. Er w&#252;rde seinen letzten Zwanziger auch irgendeinem Penner geben und dann den n&#228;chsten Mini-Markt &#252;berfallen, um sich daf&#252;r zu entsch&#228;digen. Kommen Sie herein, und trinken Sie eine Tasse Kaffee mit mir.

Aus einer Kaffeekanne am Empfangstisch schenkten sie sich schwachen Navajo-Kaffee ein und folgten mit ihren Bechern Atcitty in ein kleines, mit Unterlagen vollgestopftes B&#252;ro.

Also, was kann ich f&#252;r Sie tun?, fragte sie mit breitem L&#228;cheln.

Nun ja, ich gebe es beinahe ungern zu, aber wir sind vom Isabella-Projekt.

Ihr L&#228;cheln erlosch. Ich verstehe.

Kate ist die stellvertretende Leiterin, und ich bin gerade erst dazugesto&#223;en und soll als Verbindungsstelle zu den umliegenden Gemeinden dienen.

Atcitty sagte nichts.

Ms. Atcitty, ich wei&#223;, dass die Leute sich fragen, was zum Kuckuck wir da oben treiben.

Da haben Sie allerdings recht.

Ich brauche Ihre Hilfe, Maria. Wenn Sie die Leute hier im Gemeindehaus zusammenbringen k&#246;nnten  zum Beispiel abends, noch diese Woche , dann bringe ich Gregory North Hazelius pers&#246;nlich hierher, damit er ihre Fragen beantworten und allen erkl&#228;ren kann, was wir hier tun.

Lange herrschte Schweigen. Dann sagte sie: Diese Woche ist zu kurzfristig. Sagen wir n&#228;chste Woche. Am Mittwoch.

Gro&#223;artig. Es wird sich einiges ver&#228;ndern. Von jetzt an werden wir einen Teil unserer Eink&#228;ufe hier und dr&#252;ben in Rough Rock t&#228;tigen. Wir werden unsere Autos hier unten betanken, unsere Lebensmittel und so weiter hier im Ort kaufen.

Wyman, ich glaube wirklich nicht , begann Mercer, doch er legte ihr sacht eine Hand auf die Schulter, um sie zum Schweigen zu bringen.

Das w&#228;re hilfreich, sagte Atcitty.

Sie erhoben sich und gaben einander die Hand.

Als der Jeep Blue Gap in einer Staubwolke hinter sich lie&#223;, wandte Mercer sich Ford zu. N&#228;chsten Mittwoch erst, das ist zu sp&#228;t, um den Protestritt zu verhindern.

Ich habe nicht die Absicht, diesen Protest zu verhindern.

Wenn du glaubst, wir w&#252;rden in diesem Laden einkaufen und Doritos, Hammel und Bohnen aus der Dose essen, dann hast du sie nicht mehr alle. Und das Benzin da unten kostet ein Verm&#246;gen.

Wir sind hier nicht in New York oder Washington, erwiderte Ford. Das hier ist das l&#228;ndliche Arizona, und diese Leute sind eure Nachbarn. Ihr m&#252;sst euch bei ihnen sehen lassen und ihnen zeigen, dass ihr kein Haufen verr&#252;ckter Wissenschaftler seid, die kurz davorstehen, die Welt zu zerst&#246;ren. Und sie k&#246;nnten die Einnahmen wirklich gebrauchen.

Sie sch&#252;ttelte den Kopf.

Kate, sagte Ford, was ist aus all deinen fortschrittlichen Ideen geworden? Aus deinem Mitgef&#252;hl f&#252;r die Armen und Unterdr&#252;ckten?

Halt mir blo&#223; keine Vortr&#228;ge.

Es tut mir leid, sagte er, aber du brauchst mal ein paar Vortr&#228;ge. Du bist zum Teil des gro&#223;en, b&#246;sen Establishments geworden und hast es noch nicht einmal gemerkt. Er schloss mit einem kurzen Lachen, um die Stimmung aufzulockern, merkte aber zu sp&#228;t, dass er einen Volltreffer auf einen wunden Punkt gelandet hatte.

Sie starrte ihn mit zusammengepressten Lippen an und schaute dann aus dem Fenster. Schweigend fuhren sie den Dugway hinauf und die lange Teerstra&#223;e zum Isabella-Projekt entlang.

Auf halbem Weg &#252;ber die Mesa bremste Ford den Jeep ab, kniff die Augen gegen die Sonne zusammen und starrte durch die Windschutzscheibe.

Was ist denn?

Da sind ganz sch&#246;n viele Geier.

Na und?

Er hielt den Wagen an und zeigte aus dem Fenster. Sieh mal. Frische Reifenspuren, die von der Stra&#223;e weg nach Westen f&#252;hren  direkt auf die Geier zu.

Sie weigerte sich, hinzuschauen.

Ich will mir das mal ansehen.

Na toll. Ich werde jetzt schon die halbe Nacht drangeben m&#252;ssen, um mit meinen Berechnungen fertig zu werden.

Er parkte im schw&#228;chlichen Schatten eines Wacholderbuschs und folgte den Reifenspuren; seine Schritte knirschten auf dem trockenen, verkrusteten Boden. Es war immer noch sengend hei&#223;, denn die Erde hatte die Hitze des Tages in sich aufgesogen und strahlte sie nun wieder ab. In der Ferne stahl sich ein Kojote davon, der irgendetwas im Maul trug.

Nach zehn Minuten erreichte Ford den Rand eines tiefen, schmalen, trockenen Bachbetts und blickte hinunter. Dort unten lag ein Auto auf dem Dach. Geier hockten wartend in einer toten Pinyon-Kiefer. Ein zweiter Kojote hatte den Kopf durch die geborstene Windschutzscheibe gesteckt, er riss und zerrte an irgendetwas. Als er Ford bemerkte, lie&#223; er davon ab und rannte mit blutroter, heraush&#228;ngender Zunge davon.

Ford kletterte die Sandsteinfelsen hinunter und musste sich das T-Shirt vor die Nase halten, um den Gestank des Todes, vermischt mit einem starken Geruch nach Benzin, etwas zu d&#228;mpfen. Die Geier erhoben sich als ungeschickt flatternde Masse. Er b&#252;ckte sich und lugte ins Innere des zerschmetterten Wagens.

Ein menschlicher K&#246;rper war seitw&#228;rts auf dem Vordersitz eingeklemmt. Augen und Lippen fehlten. Ein Arm, der aus dem geborstenen Seitenfenster ragte, war abgenagt, die Hand fehlte ganz. Trotz allem war die Leiche noch zu erkennen.

Wolkonski.

Ford blieb still hocken, seinem Blick entging kein noch so kleines Detail. Dann wich er zur&#252;ck, achtete sorgsam darauf, keine Spuren zu zerst&#246;ren, drehte sich um und krabbelte wieder aus dem Bachbett. Sobald es m&#246;glich war, atmete er ein paarmal tief die frische Luft ein und rannte dann zur Stra&#223;e zur&#252;ck. In der Ferne konnte er vor einer Anh&#246;he die Umrisse zweier Kojoten sehen, die sich kl&#228;ffend um ein schlaffes St&#252;ck Fleisch stritten.

Er erreichte den Wagen und beugte sich durchs offene Seitenfenster. Kate stand die Missbilligung ins Gesicht geschrieben.

Es ist Wolkonski, sagte er. Es tut mir leid, Kate  Er ist tot.

Sie blinzelte und schnappte nach Luft. O Gott  Bist du sicher?

Er nickte.

Ihre Unterlippe bebte. Dann fragte sie mit heiserer Stimme: Ein Unfall?

Nein.

Ford schluckte gegen eine leichte &#220;belkeit an, zog sein Handy aus der Hosentasche und rief die Polizei an.


15


Lockwood betrat das Oval Office, und der dicke Teppich schluckte das Ger&#228;usch seiner Schritte. Wie immer fand er es erregend, dem stillen Mittelpunkt der Macht auf dieser ver&#228;nderlichen Welt so nahe zu sein.

Der Pr&#228;sident der Vereinigten Staaten von Amerika kam um seinen Schreibtisch herum mit ausgestreckter Hand auf ihn zu, ein strahlendes Politiker-L&#228;cheln im Gesicht.

Stanton! Sch&#246;n, Sie zu sehen. Wie geht es Betsy und den Kindern?

Gro&#223;artig, danke sehr, Mr. President.

Der Pr&#228;sident hielt Lockwoods Hand weiter fest, legte die andere an seinen Arm und f&#252;hrte ihn so zu dem Sessel, der dem Schreibtisch am n&#228;chsten stand. Lockwood setzte sich und legte die Akten auf seinen Knien ab. Durch das Fenster, das nach Osten hinausging, konnte er den Rosengarten im sanften, sp&#228;tsommerlichen Abendlicht sehen. Der Stabschef, Roger Morton, trat ein und nahm in einem weiteren Sessel Platz, w&#228;hrend Jean, die Sekret&#228;rin des Pr&#228;sidenten, sich auf dem dritten niederlie&#223;, bereit, sich Notizen zu machen, und zwar auf die altmodische Art  mit einem Stenoblock.

Ein massiger Mann im dunkelblauen Anzug trat ein und setzte sich, ohne eine Einladung abzuwarten, auf den Sessel neben Lockwood. Das war Gordon Galdone, der die Kampagne zur Wiederwahl des Pr&#228;sidenten leitete. Lockwood konnte den Mann nicht ausstehen. In letzter Zeit war der Kerl dabei, wo man hinsah, bei jeder Besprechung, einfach &#252;berall. Nichts wurde ohne seinen Segen entschieden oder veranlasst.

Der Pr&#228;sident nahm wieder hinter seinem Schreibtisch Platz. Also sch&#246;n, Stan, Sie fangen an.

Ja, Mr. President. Lockwood zog eine Aktenmappe hervor. Ist Ihnen ein Fernsehprediger namens Don T. Spates ein Begriff? Er leitet von Virginia Beach aus eine virtuelle Gemeinde, die sich Gods Prime Time Ministry nennt.

Sie meinen den Kerl, den sie dabei erwischt haben, wie er es gleich mit zwei Nutten getrieben hat?

Die Herren im Raum glucksten dezent. Der Pr&#228;sident, ein ehemaliger Strafverteidiger aus den S&#252;dstaaten, war f&#252;r seine unverbl&#252;mte Ausdrucksweise bekannt.

Ja, Sir, genau den meine ich. Er hat in seiner Sonntagspredigt im christlichen Kabelfernsehen das Isabella-Projekt zum Thema gemacht. Hat richtig vom Leder gezogen. Im Wesentlichen behauptet er, dass die Regierung vierzig Milliarden an Steuergeldern daf&#252;r ausgegeben hat, das Buch Genesis zu widerlegen.

Das Isabella-Projekt hat doch nichts mit der Genesis zu tun.

Selbstverst&#228;ndlich. Das Problem ist, dass er damit anscheinend einen Nerv getroffen hat. Soweit mir bekannt ist, haben einige Senatoren und Kongressabgeordnete zahlreiche E-Mails und Anrufe diesbez&#252;glich erhalten. Und jetzt auch Ihr eigenes B&#252;ro. Diese Sache ist so gro&#223;, dass wir irgendwie darauf reagieren sollten.

Der Pr&#228;sident wandte sich an seinen Stabschef. Ist das auch auf Ihrem Radarschirm aufgetaucht, Roger?

Bisher fast zwanzigtausend E-Mails, sechsundneunzig Prozent davon gegen Isabella.

Zwanzigtausend?

Ja, Sir.

Lockwood warf einen Seitenblick auf Galdone. Dessen steinerne Miene gab rein gar nichts preis. Galdones typische Methode war, abzuwarten und als Letzter zu sprechen. Lockwood hasste Leute, die so vorgingen.

Wir sollten im Kopf behalten, sagte Lockwood, dass zweiundf&#252;nfzig Prozent der amerikanischen Bev&#246;lkerung nicht an die Evolution glauben  und bei denen, die sich selbst als Republikaner bezeichnen, sind es sogar achtundsechzig Prozent. Die Attacke gegen Isabella f&#228;llt genau in dieses Raster. Das k&#246;nnte eine Art Glaubensfrage werden  und damit sehr h&#228;sslich.

Woher haben Sie diese Zahlen?

Aus einer Gallup-Umfrage.

Der Pr&#228;sident sch&#252;ttelte den Kopf. Wir bleiben bei unserer Linie. Amerika muss auf den Gebieten der Forschung und Technologie weltweit konkurrenzf&#228;hig bleiben, und daf&#252;r brauchen wir das Isabella-Projekt. Nachdem wir jahrelang hinterhergehinkt sind, haben wir nun die Europ&#228;er und die Japaner &#252;berholt. Das Isabella-Projekt ist gut f&#252;r die Wirtschaft, gut f&#252;r unsere Forschung und Entwicklung, gut f&#252;rs Gesch&#228;ft. Es k&#246;nnte uns helfen, unseren Energiebedarf zuk&#252;nftig selbst zu decken, und uns unabh&#228;ngig vom &#214;l aus dem Nahen Osten machen. Stan, geben Sie dahin gehend eine Presse erkl&#228;rung raus, organisieren Sie eine Pressekonferenz, machen Sie ein bisschen L&#228;rm. Wir bleiben bei unserer Message.

Ja, Mr. President.

Nun war Galdone an der Reihe. Sein massiger K&#246;rper rutschte auf dem Sessel herum. Wenn das Isabella-Projekt jede Menge gute Nachrichten hervorbringen w&#252;rde, w&#228;ren wir nicht so angreifbar. Er wandte sich Lockwood zu. Dr. Lockwood, k&#246;nnen Sie uns sagen, wann die Probleme da drau&#223;en endlich behoben sein werden?

In allerh&#246;chstens einer Woche, sagte er. Wir haben die Sache im Griff.

Eine Woche ist sehr lang, sagte Galdone, wenn ein Mann wie Spates die Buschtrommel r&#252;hrt und schon mal die Gewehre &#246;lt.

Lockwood verzog ob dieser Mischung von Metaphern das Gesicht. Mr. Galdone, ich m&#246;chte Ihnen versichern, dass wir alles in unserer Macht Stehende unternehmen.

Galdones talgiges Gesicht bewegte sich mit jedem Wort. Eine Woche, sagte er mit tiefster Missbilligung.

Lockwood h&#246;rte eine Stimme an der T&#252;r des Oval Office, und ihm blieb fast das Herz stehen, als er sah, dass seine eigene Assistentin eingelassen wurde. Es musste wirklich wichtig sein, wenn sie ihn bei einer Besprechung mit dem Pr&#228;sidenten st&#246;rte. Sie kam in beinahe komisch unterw&#252;rfiger Haltung hereingeschlichen, reichte Lockwood einen Zettel und huschte wieder hinaus. Mit einem flauen Gef&#252;hl im Magen faltete er den Zettel auseinander.

Er versuchte zu schlucken, konnte aber nicht. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, gar nichts zu sagen, &#252;berlegte es sich dann aber anders: Lieber jetzt als sp&#228;ter. Mr. President, ich habe soeben erfahren, dass ein Mitarbeiter des Isabella-Projekts, einer der Wissenschaftler, in einem Bachbett auf der Red Mesa tot aufgefunden wurde. Das wurde vor etwa drei&#223;ig Minuten dem FBI gemeldet. Es sind bereits Agenten unterwegs dorthin.

Tot? Wie ist er gestorben?

An einem Schuss  in den Kopf.

Der Pr&#228;sident starrte ihn stumm an. Lockwood hatte sein Gesicht noch nie so stark ger&#246;tet gesehen, und das machte ihm Angst.


16


Bis die Navajo Tribal Police eintraf, hatte Ford zugesehen, wie die Sonne hinter einem Wirbel bernsteinfarbener Wolken unterging. Vier Streifenwagen und ein Bus kamen mit blitzendem Blaulicht den schimmernden Asphalt entlanggerast und hielten nebeneinander, mit perfekt aufeinander abgestimmtem Reifenquietschen.

Ein Navajo-Detective mit m&#228;chtiger Brust stieg aus dem ersten Wagen. Er war ansonsten mager, etwa sechzig, mit kurzgeschnittenem grauem Haar. Ein Kader Polizisten der Navajo Nation folgte ihm. In staubigen Cowboystiefeln marschierte er O-beinig an der Reifenspur entlang auf das trockene Bachbett zu, gefolgt von seinen Leuten. Am Rand des Bachbetts angekommen, begannen sie, die Umgebung des Tatorts mit Absperrband abzuriegeln.

Hazelius und Wardlaw trafen in einem Jeep ein, hielten am Stra&#223;enrand und stiegen aus. Schweigend sahen sie der Polizei bei der Arbeit zu, und dann wandte Wardlaw sich zu Ford um. Sie sagen, er sei erschossen worden?

Aus n&#228;chster N&#228;he in die linke Schl&#228;fe.

Woher wissen Sie das?

Signifikante Schmauchspuren.

Wardlaw musterte ihn, die Augen schmal und hart vor Argwohn. Schauen Sie viele Krimiserien im Fernsehen, Mr. Ford? Oder geh&#246;ren Tatort-Ermittlungen zu Ihren Hobbys?

Der Navajo-Detective hatte den Fundort abgesichert und kam nun mit knarrenden Stiefeln und einem Diktierger&#228;t in der Hand auf sie zu. Sein Gang war sehr bedacht, als schmerzte ihn jede Bewegung. Auf seinem Abzeichen standen Bia und der Dienstgrad Lieutenant. Er trug eine verspiegelte Sonnenbrille, die ihn ein wenig d&#252;mmlich aussehen lie&#223;. Ford sp&#252;rte, dass dieser Mann alles andere als dumm war.

Wer hat das Opfer gefunden?, fragte Bia.

Ich.

Die Brille schwenkte in seine Richtung. Ihr Name?

Wyman Ford. Er h&#246;rte Argwohn in der Stimme des Mannes, als meinte er, bereits jetzt belogen zu werden.

Wie haben Sie ihn entdeckt?

Ford beschrieb die Umst&#228;nde.

Sie haben also die Geier gesehen und die Reifenspuren und beschlossen, auszusteigen und bei dieser Hitze einen halben Kilometer weit durch die W&#252;ste zu laufen, um mal nachzuschauen  einfach so?

Ford nickte.

Hm. Bia machte sich mit gesch&#252;rzten Lippen Notizen. Dann wandten sich die Brillengl&#228;ser in Hazelius Richtung. Und Sie sind ?

Gregory North Hazelius, Leiter des Isabella-Projekts, und das ist Senior Intelligence Officer Wardlaw. Werden Sie die Ermittlungen leiten?

Nur lokal, soweit es das Stammesland betrifft. Das FBI wird f&#252;r diesen Fall zust&#228;ndig sein.

Das FBI? Wann werden die hier sein?

Bia wies mit einem Nicken gen Himmel. Jetzt.

Ein Helikopter wurde im S&#252;dwesten sichtbar, das Rattern der Rotoren klang immer lauter. In ein paar hundert Meter Entfernung sank er in einem kleinen Sandsturm zu Boden und setzte auf der Stra&#223;e auf. Zwei M&#228;nner stiegen aus. Beide trugen Sonnenbrillen, kurz&#228;rmelige Hemden, am Kragen offen, und Baseball-Kappen mit dem eingestickten Schriftzug FBI. Trotz ihrer unterschiedlichen Hautfarbe und Gr&#246;&#223;e h&#228;tten sie beinahe Zwillinge sein k&#246;nnen.

Sie marschierten her&#252;ber, und der gr&#246;&#223;ere z&#252;ckte seinen Dienstausweis. Special Agent Dan Greer vom Flagstaff Field Office, sagte er, ich leite diesen Einsatz. Special Agent Franklin Alvarez. Er steckte den Ausweis wieder in die Tasche und nickte Bia zu. Lieutenant.

Bia erwiderte das Nicken.

Hazelius trat vor. Und ich bin Gregory North Hazelius, Leiter des Isabella-Projekts. Er reichte Greer die Hand. Das Opfer war einer meiner Wissenschaftler. Ich will genau wissen, was hier passiert ist, und zwar sofort.

Das werden Sie erfahren. Sobald unsere Ermittlungen abgeschlossen sind. Greer wandte sich an Bia. Fundort gesichert?

Ja.

Gut. Und jetzt bitte ich alle, die zum Isabella-Projekt geh&#246;ren, zu ihrer Station zur&#252;ckzukehren. Dr. Hazelius, ich m&#246;chte, dass Sie alle Ihre Mitarbeiter an einem zentralen Treffpunkt versammeln, um  Er warf einen Blick in den Himmel, dann auf seine Uhr. Sieben Uhr. Ich werde dann Ihre Aussagen aufnehmen.

Ich f&#252;rchte, das wird nicht m&#246;glich sein, sagte Hazelius. Ich kann nicht alle auf einmal von der Arbeit abziehen. Sie werden ihre Aussagen in zwei Schichten machen m&#252;ssen.

Greer nahm seine Sonnenbrille ab und sah Hazelius mit harter Miene an. Ich erwarte, dass alle um sieben Uhr irgendwo versammelt sind. Verstanden? Er sprach &#252;berdeutlich und betonte jedes einzelne Wort.

Hazelius hielt dem Blick stand, und sein Gesichtsausdruck wirkte milde, alles andere als bedrohlich. Mr. Greer, ich trage die Verantwortung f&#252;r eine Vierzig-Milliarden-Dollar-Maschine im Inneren dieses Berges, und wir sind mitten in einem entscheidenden wissenschaftlichen Experiment. Sie wollen doch sicher nicht, dass irgendetwas schiefgeht  vor allem, wenn ich dann den Inspektoren vom Energieministerium sagen m&#252;sste, dass ich gezwungen war, die Maschine unbeaufsichtigt zu lassen, weil Sie darauf bestanden haben. Ich muss heute Nacht mindestens drei Teammitglieder im Berg lassen. Sie werden Ihnen morgen fr&#252;h zur Verf&#252;gung stehen.

Eine lange Pause, dann nickte Greer knapp. Sch&#246;n.

Wir sind um sieben im alten Handelsposten, sagte Hazelius. Das ist das gro&#223;e Blockhaus  Sie k&#246;nnen es nicht verfehlen.

Ford ging zur&#252;ck zum Jeep und stieg ein. Kate folgte ihm. Er startete den Wagen und lenkte ihn wieder auf die Stra&#223;e.

Ich kann das gar nicht glauben, sagte Kate mit zitternder Stimme und bleichem Gesicht. Sie kramte in ihrer Tasche, holte ein Taschentuch heraus und wischte sich die Augen. Wie schrecklich, sagte sie. Ich kann es  einfach nicht fassen.

W&#228;hrend der Jeep die Stra&#223;e entlangbrummte, erhaschte Ford einen letzten Blick auf die beiden Kojoten, die ihr Mahl beendet hatten und jetzt das Treiben beobachteten und sich au&#223;er Reichweite herumdr&#252;ckten, in der Hoffnung auf einen Nachschlag.

Trotz ihrer Sch&#246;nheit, dachte er, war die Red Mesa ein erbarmungsloser Ort.


Um Punkt sieben Uhr folgte Lieutenant Joseph Bia den Agenten Greer und Alvarez in den ehemaligen Nakai-Rock-Handelsposten. Er kannte diesen Ort noch aus seiner Kindheit; damals war der alte Weindorfer der H&#228;ndler hier gewesen. Nostalgie &#252;berkam ihn. Im Geiste konnte er den alten Laden noch vor sich sehen  die Mehltonne, die zum Verkauf gestapelten Ofenrohre, die Halfter und Lassos, die Gl&#228;ser voller S&#252;&#223;igkeiten. Im Hinterzimmer wurden damals die Teppiche gestapelt, die Weindorfer als Tauschware nahm. Durch die D&#252;rre im Winter 1954/55 kam die H&#228;lfte aller Schafe auf der Mesa um, doch vorher hatten sie das Land regelrecht gesch&#228;lt. Damals holte Peabody Coal fast zwanzigtausend Tonnen Kohle pro Tag aus diesem Berg. Die Stammesregierung hatte Geld von dem Kohlekonzern bekommen; davon zahlten sie allen, die auf der Mesa wohnten, eine Entsch&#228;digung und quartierten sie in die sozialen Wohnbausiedlungen in Blue Gap, Pi&#241;on und Rough Rock um. Seine Eltern hatten zu denen geh&#246;rt, die nach unten umgesiedelt wurden. Bia war heute zum ersten Mal seit f&#252;nfzig Jahren wieder hier. Das Haus sah v&#246;llig anders aus, aber er konnte noch den alten Duft nach Holzrauch, Staub und Schafwolle riechen.

Die Wissenschaftler hatten sich eingefunden, neun insgesamt, und alle warteten angespannt. Sie sahen v&#246;llig fertig aus, und Bia hatte das Gef&#252;hl, dass hier, abgesehen von Wolkon skis Tod, noch etwas nicht in Ordnung war. Und zwar schon seit einer ganzen Weile. Er w&#252;nschte nur, sie h&#228;tten den Fall nicht Greer &#252;bertragen. Greer war fr&#252;her einmal ein guter Agent gewesen, bis ihm das passiert war, was allen guten Agenten irgendwann passierte: Er war zum leitenden Special Agent bef&#246;rdert und dadurch ruiniert worden, dass er die meiste Zeit &#252;ber nur noch Papier von A nach B schieben musste.

Guten Abend, Leute, sagte Greer, nahm seine dunkle Brille ab und ermahnte Bia mit einem Blick, dasselbe zu tun.

Bia lie&#223; seine auf. Er sch&#228;tzte es nicht, wenn ihm jemand sagen wollte, was er zu tun hatte. Er war schon immer so gewesen  das lag ihm im Blut. Sogar seinen Nachnamen, Bia, verdankte er der Tatsache, dass sein Gro&#223;vater sich geweigert hatte, seinen Familiennamen zu nennen, als er zwangsweise ins Internat verfrachtet wurde. Deshalb notierten sie damals BIA  f&#252;r Bureau of Indian Affairs, schlicht die Abk&#252;rzung der zust&#228;ndigen Beh&#246;rde. Viele andere Navajos hatten es genauso gemacht, so dass Bia nun im Reservat ein verbreiteter Name war. Und er war stolz auf diesen Namen. Obwohl all die Bias nicht miteinander verwandt waren, hatten sie etwas gemeinsam  sie lie&#223;en sich nicht gern herumschubsen.

Wir wollen das so rasch wie m&#246;glich hinter uns bringen, sagte Greer. Einer nach dem anderen, in alphabetischer Reihenfolge.

Haben Sie denn schon Fortschritte gemacht?, fragte Hazelius.

Einige, erwiderte Greer.

Wurde Dr. Wolkonski ermordet?

Bia wartete gespannt auf Greers Antwort. Sie kam nicht. Mit dieser Frage hatten sie sich von Anfang an befasst, aber sie w&#252;rden die Laborergebnisse abwarten. Und den Bericht des Gerichtsmediziners. Ging alles nach Flagstaff. Er selbst w&#252;rde wohl kaum mehr als eine Zusammenfassung zu sehen bekommen. Er war &#252;berhaupt nur deshalb hier, weil irgendein FBIB&#252;rokrat einen Namen brauchte, den er an einer bestimmten Stelle in ein Formular eintragen musste  als Nachweis, dass die Stammespolizei einbezogen worden war, wie das bei denen gerne hie&#223;.

Bia sagte sich, dass ihn dieser Fall sowieso nicht interessierte. Das waren nicht seine Leute.

Melissa Corcoran?, sagte Greer.

Eine sportliche Blondine stand auf, die eher wie ein Tennisprofi aussah denn wie eine Wissenschaftlerin.

Bia folgte den dreien in die Bibliothek, wo Alvarez einen Tisch und St&#252;hle zurechtr&#252;ckte und ein Aufnahmeger&#228;t bereitstellte. Greer und Alvarez f&#252;hrten die Befragung durch; Bia h&#246;rte zu und machte sich Notizen. Es ging schnell, einer nach dem anderen wurde vernommen. Bald lie&#223; sich eine &#252;bereinstimmende Linie erkennen: Alle standen unter gro&#223;em Druck, es lief nicht gut, Wolkonski war leicht erregbar und hatte sich alles besonders zu Herzen genommen, er hatte zu trinken begonnen, und es herrschte der Verdacht, er habe auch zu h&#228;rteren Drogen gegriffen. Corcoran sagte aus, er habe eines Nachts betrunken an ihre T&#252;r geh&#228;mmert und mit ihr schlafen wollen. Innes, der Teampsychologe, sprach &#252;ber die Isolation hier oben und erkl&#228;rte, Wolkonski sei depressiv gewesen und habe es nicht wahrhaben wollen. Wardlaw, der f&#252;r die Sicherheit zust&#228;ndig war, behauptete, der Russe habe sich unberechenbar verhalten und Sicherheitsregeln missachtet.

Die Durchsuchung von Wolkonskis Privatr&#228;umen hatte all das best&#228;tigt: leere Wodkaflaschen, Spuren von Methamphe tamin-Pulver in einem M&#246;rser, &#252;berquellende Aschenbecher und Porno-DVDs, und all das in einem erb&#228;rmlich schmutzigen, zugem&#252;llten kleinen Haus.

Die Geschichten der anderen stimmten &#252;berein und wirkten glaubhaft, die Widerspr&#252;che wiesen darauf hin, dass die Aussagen nicht abgesprochen waren. Bei seiner Arbeit im Reservat hatte Bia schon viele Selbstmorde gesehen, und dieser Fall schien ganz klar zu sein, abgesehen von ein paar Kleinigkeiten. Es war gar nicht so einfach, sich selbst zu erschie&#223;en und gleichzeitig sein Auto einen Abhang hinunterst&#252;rzen zu lassen. Andererseits: Wenn es Mord war, h&#228;tte der T&#228;ter das Auto sicher in Brand gesteckt. Au&#223;er, er war besonders schlau. Die meisten M&#246;rder waren das nicht.

Bia sch&#252;ttelte den Kopf. Er dachte nach, statt zuzuh&#246;ren. Das war eine sehr schlechte Angewohnheit.

Um halb neun war Greer fertig. Hazelius begleitete sie zur T&#252;r, wo Bia, der bisher nichts gesagt hatte, noch einmal stehenblieb. Er nahm seine Brille ab und tippte sich damit auf den Daumen der anderen Hand. Eine Frage, Dr. Hazelius.

Ja?

Sie sagten, Wolkonski habe unter gro&#223;em Stress gestanden, wie Sie alle hier. Woran liegt das eigentlich?

Hazelius antwortete gelassen: Weil wir eine Maschine gebaut haben, die vierzig Milliarden Dollar gekostet hat, und wir das verdammte Ding nicht richtig zum Laufen kriegen. Er l&#228;chelte. Beantwortet das Ihre Frage, Lieutenant?

Ja, danke. Oh, da ist noch etwas, wenn Sie nichts dagegen haben?

Lieutenant, sagte Greer, meinen Sie nicht, dass wir genug erfahren haben?

Doch er fuhr fort, als habe er nichts geh&#246;rt. Werden Sie einen neuen Mitarbeiter einstellen, der Mr. Wolkonskis Aufgabengebiet &#252;bernimmt?

Kurze Pause, dann: Nein. Rae Chen und ich schaffen das schon.

Bia setzte die Sonnenbrille wieder auf und wandte sich zum Gehen. Irgendetwas an diesem Fall gefiel ihm nicht, aber er kam ums Verrecken nicht dahinter, was.


17


Es war drei Uhr morgens. Ford &#246;ffnete leise die Hintert&#252;r seines H&#228;uschens und schl&#252;pfte mit seinem Rucksack hinaus in die Dunkelheit. In der Ferne war ein Chor kl&#228;ffender Kojotenstimmen zu h&#246;ren, der gleich wieder verstummte. Der Mond war fast voll, und die W&#252;stenluft in dieser H&#246;he so klar, dass das Licht jede Einzelheit der Landschaft in silbrigem Relief hervorhob. Eine herrliche Nacht, dachte Ford. Ein Jammer, dass er keine Zeit hatte, sie zu genie&#223;en.

Er lie&#223; den Blick &#252;ber die kleine Siedlung schweifen. Die anderen H&#228;user waren dunkel, bis auf das letzte ganz am Ende der Kurve: Hazelius Haus. Gelber Lichtschein aus dem hinten gelegenen Schlafzimmer schimmerte durch die Vorh&#228;nge.

Wolkonskis Haus lag gut vierhundert Meter weit in der anderen Richtung.

Ford rannte durch den vom Mond beschienenen Garten und erreichte den Schatten der Pappeln. Er bewegte sich nur langsam voran und wich den Mondlicht-Pf&#252;tzen im W&#228;ldchen aus, bis er Wolkonskis Haus erreichte. Er beobachtete das Grundst&#252;ck, sah oder h&#246;rte jedoch nichts.

Er ging hinter das Haus und dr&#252;ckte sich neben der Hintert&#252;r in den Schatten. Die T&#252;r war wegen der Ermittlungen amtlich versiegelt. Er &#246;ffnete seinen Rucksack und holte Lederhandschuhe und ein Messer heraus. Dann drehte er am T&#252;rknauf  nat&#252;rlich abgeschlossen. Ganz kurz dachte er an die Folgen, die es haben konnte, wenn er das Siegel brach, entschied aber dann, dass es das wert war.

Er schlitzte das Siegel auf, holte ein kleines Handtuch aus seinem Rucksack, wickelte es um einen Stein und dr&#252;ckte es kr&#228;ftig gegen die Scheibe in der T&#252;r, bis das Glas erschauernd nachgab. Vorsichtig zupfte er die letzten Splitter aus dem Rahmen, griff hinein, entriegelte die T&#252;r und schl&#252;pfte ins Haus.

Der Geruch von Wolkonskis Verzweiflung schlug ihm entgegen: schaler Zigaretten-und Marihuanarauch, billiger Fusel, Zwiebeldunst und ranziges Bratfett. Er zog eine LED-Taschenlampe aus dem Rucksack, richtete sie auf den Boden und schwenkte den Strahl herum. Die K&#252;che war eine Schweinerei. Gr&#252;nlich grauer Schimmel wucherte auf einem Pappteller mit gekochtem Kohl und Peperoni, der offenbar schon seit Tagen hier herumstand. Bierflaschen und Mini-Wodkaflaschen quollen aus dem &#252;berf&#252;llten M&#252;lleimer. Einige Flaschen waren auch auf dem Fliesenboden zerbrochen, die Scherben in eine Ecke gefegt worden.

Er ging weiter ins Wohn-und Esszimmer. Der Teppich war klebrig vor Dreck, das Sofa voller Flecken. An den W&#228;nden hing keinerlei Dekoration, bis auf ein paar Kinderzeichnungen, die mit Tesafilm an eine T&#252;r geklebt waren. Eine zeigte ein Raumschiff, die andere die pilzf&#246;rmige Wolke einer Atombombenexplosion. Es gab keine Fotos von Wolkonskis Frau oder Kindern, keinerlei Erinnerungsst&#252;cke.

Warum hatte Wolkonski die Zeichnungen nicht mitgenommen? Vermutlich war er kein besonders guter Vater. Ford konnte sich ihn kaum als Vater vorstellen.

Die T&#252;r vom Flur zum Schlafzimmer stand offen, dennoch roch die Luft im Zimmer abgestanden. Das Bett sah aus wie eines, das nie gemacht wurde, die Bettw&#228;sche, als sei sie nie gewechselt worden. Schmutzige W&#228;sche hing aus dem &#252;bervollen W&#228;schekorb. Im Kleiderschrank, noch halbvoll mit Klamotten, fand Ford einen Anzug. Er betastete den Stoff  feine Wolle  und besah sich alles, was noch an der Stange hing. Wolkonski hatte eine Menge Kleidung mit in die Wildnis gebracht, einiges davon sogar recht schick, wenn auch auf billige, protzige Art. Offenbar war ihm nicht klar gewesen, was ihn hier erwartete, zumindest, was das gesellschaftliche Leben anging. Aber warum hatte er die Sachen nicht mitgenommen, als er weggefahren war?

Ford ging den Flur entlang zum zweiten Schlafzimmer, in dem ein B&#252;ro eingerichtet war. Der Computer fehlte, doch die ausgesteckten USB-und Fire-Wire-Kabel lagen noch da, au&#223;erdem ein Drucker, ein spezielles High-Speed-Modem und eine WLAN-Basis. CDs lagen &#252;berall verstreut. Es sah aus, als h&#228;tte sie jemand hastig durchw&#252;hlt und die unerw&#252;nschten einfach liegenlassen.

Er &#246;ffnete die oberste Schublade des Schreibtischs und fand weiteres Chaos vor: ausgelaufene Stifte, angekaute Bleistifte und Stapel von ausgedruckten Programmcodes in Assemblersprache, f&#252;r deren Analyse man vermutlich Jahre brauchen w&#252;rde. In der n&#228;chsten Schublade fand er einen unordentlichen Haufen Aktenmappen. Er sah sie rasch durch  weitere ausgedruckte Codefragmente, Notizen auf Russisch, Programm ablaufpl&#228;ne. Er holte den ganzen Stapel heraus, und darunter kam ein Umschlag zum Vorschein, verschlossen, mit Briefmarke, ohne Adresse, und mittendurch gerissen.

Ford holte die zwei H&#228;lften hervor, faltete sie auf und fand in dem Umschlag nicht etwa einen Brief, sondern einen hexadezimalen Computercode. Handgeschrieben. Das Datum dar&#252;ber war vom Montag, dem Tag von Wolkonskis Abreise. Sonst nichts.

Fragen schwirrten Ford durch den Kopf. Warum hatte Wolkonski das geschrieben und es dann zerrissen? Warum hatte er den Umschlag frankiert, aber nicht adressiert? Warum hatte er ihn hier zur&#252;ckgelassen? Was hatte der Code zu bedeuten? Und vor allem, warum hatte er ihn mit der Hand geschrieben? Niemand notierte Computercodes per Hand. Das dauerte ewig, und man machte viel zu leicht Fehler.

Ford kam ein Gedanke: In einer Computerumwelt mit so hoher Sicherheitsstufe wie dem Isabella-Projekt konnte man keinerlei Daten kopieren, ausdrucken, &#252;bermitteln oder per E-Mail verschicken, ohne dass der Vorgang aufgezeichnet wurde. Aber wenn man etwas handschriftlich kopierte, bekam der Computer nat&#252;rlich nichts davon mit. Er stopfte sich die beiden Zettelh&#228;lften in die Tasche. Was auch immer das sein mochte, sie waren wichtig.

Von der Hintert&#252;r her h&#246;rte er das leise Knirschen von Kies unter einem Schuh.

Er schaltete die Taschenlampe aus und erstarrte. Stille. Dann ein kaum h&#246;rbares Scharren von irgendetwas zwischen einer Schuhsohle und dem K&#252;chenfu&#223;boden.

Er konnte zu keiner T&#252;r hinaus  weder durch die Hintert&#252;r noch durch die Haust&#252;r , ohne gesehen zu werden.

Ein weiteres Fl&#252;stern von leisen Sohlen, n&#228;her diesmal. Der Eindringling wusste, dass Ford hier war, und bewegte sich sehr langsam, zweifellos, um &#252;berraschend zuzuschlagen.

Lautlos schlich Ford &#252;ber den Teppich zum hinteren Fenster und streckte den Arm aus. Er legte den Hebel um und dr&#252;ckte gegen die untere Fensterh&#228;lfte, um sie hochzuschieben. Sie klemmte.

Ihm blieb nicht mehr viel Zeit.

Ein kr&#228;ftiger Ruck, und das Fenster bewegte sich. Keine Sekunde sp&#228;ter griff der Eindringling an. Ford hechtete aus dem Fenster und zerriss dabei das Insektenschutznetz, im selben Moment, als zwei rasch hintereinander abgefeuerte Sch&#252;sse aus einer kleinkalibrigen Waffe mit Schalld&#228;mpfer die Fensterscheibe &#252;ber ihm zerspringen lie&#223;en. Er rollte sich auf dem Boden ab, und um ihn herum regnete es Glassplitter.

Wie der Blitz war er auf den Beinen und rannte im Zickzack in den Schatten der Pappeln. Am anderen Ende des W&#228;ldchens sprintete er &#252;ber das offene Gel&#228;nde aufw&#228;rts zum Rand des Tals. Der Mond schien so hell, dass er seinen Schatten neben sich herlaufen sah.

Im Laufen h&#246;rte er das typische dumpfe Pfeifen von Geschossen mit niedriger M&#252;ndungsgeschwindigkeit. Das musste Wardlaw sein  niemand sonst w&#252;rde hier einen Schalld&#228;mpfer besitzen oder so gut schie&#223;en.

Ford sprintete auf den dunklen Umriss des Nakai Rock zu, bog hinter dem Felsen scharf links ab und rannte den Pfad entlang auf die Anh&#246;he dahinter. Das wespenartige Surren eines weiteren Geschosses schwirrte links an ihm vorbei. Er verlie&#223; den Pfad, kletterte &#252;ber herabgest&#252;rzte Felsbrocken hinweg auf den niedrigen Felsenkamm zu und achtete darauf, stets Deckung zu haben. Gleich darauf kam er oben an. Seine Beine schmerzten von der Anstrengung, als er innehielt, um zur&#252;ckzuschauen. Zweihundert Meter unter sich entdeckte er eine dunkle Gestalt, die ihm den felsigen Hang hinauf nachjagte.

Ford rannte weiter, einen Felsr&#252;cken entlang. Das Gestein war v&#246;llig kahl und bot keine Deckung  aber zumindest w&#252;rde er hier keine Fu&#223;abdr&#252;cke hinterlassen. Vor sich sah er mehrere kleine, ausgetrocknete Bachbetten, die sich im Zickzack zum Rand der Mesa hin verzweigten. Kurz darauf hatte er den ersten Graben erreicht. Er sprang hinab und rannte das trockene Bachbett entlang, bis es eine scharfe Biegung beschrieb, schon dicht am Rand der Mesa. Er versteckte sich hinter einem Felsvorsprung und blickte zur&#252;ck. Sein Verfolger war am Rand stehengeblieben und untersuchte den sandigen Boden mit einer Taschenlampe.

Es war unverkennbar Wardlaw.

Der Sicherheitschef erhob sich, schwenkte den Lichtstrahl im Bachbett hin und her, kletterte hinunter und bewegte sich mit gezogener Waffe in Fords Richtung weiter.

Ford kletterte im Schutz der Felsnase aus dem Bachbett. Als er den Rand der Schlucht erreichte und kurz seine Deckung aufgeben musste, folgten zwei weitere Sch&#252;sse dicht aufeinander; einer sprengte Splitter von einem nahen Felsen.

Ford rannte &#252;ber den Sand und hoffte, das andere Ende der offenen Fl&#228;che zu erreichen, bevor der Sicherheitschef aus der Schlucht kletterte. Er lief aus voller Kraft, schnurgerade &#252;ber den flachen Sandboden, er rannte so schnell, dass es sich anf&#252;hlte, als stie&#223;e ihm jemand ein Messer in die Lunge. Fast am Ende angekommen, bog er in Richtung einer kahlen Felsenplatte ab. Das war gef&#228;hrlich offenes Gel&#228;nde, aber dahinter kam ein Ger&#246;llfeld aus gr&#246;&#223;eren Brocken, die ihm Deckung boten und zwischen denen er seinen Verfolger vielleicht w&#252;rde abh&#228;ngen k&#246;nnen. Er sprang von der letzten D&#252;ne und rannte &#252;ber die Felsenplatte, wo Wardlaw ihn im Augenblick nicht sehen konnte.

Pl&#246;tzlich erkannte er eine Chance und &#228;nderte seinen Plan. Auf halbem Wege &#252;ber die Felsenplatte befand sich eine ausgesp&#252;lte Mulde, in die das Mondlicht nicht hineinfiel und die gerade tief genug war, um ihn zu verbergen. Er wirbelte dorthin herum, sprang hinein und dr&#252;ckte sich flach an den Fels. Das war kein gro&#223;artiges Versteck  Wardlaw brauchte nur zuf&#228;llig den Strahl seiner Taschenlampe in seine Richtung zu lenken, um ihn zu entdecken. Doch das w&#252;rde er nicht tun. Nein, er w&#252;rde davon ausgehen, dass Ford sich in die hervorragende Deckung der Ger&#246;llhalde dahinter gefl&#252;chtet hatte.

Ein paar Minuten vergingen  und dann h&#246;rte er Wardlaws schnelle Schritte auf dem Gestein, und keuchende Atemz&#252;ge hetzten an ihm vor&#252;ber.

Ford z&#228;hlte bis sechzig und lugte dann vorsichtig &#252;ber den Rand der Mulde. Dr&#252;ben zwischen den Felsbrocken konnte er Wardlaws Lichtkegel tanzen sehen, der suchend immer tiefer in den Irrgarten des Ger&#246;llfelds vordrang.

Ford sprang auf und sprintete zur&#252;ck zum Nakai Valley.


Nachdem Ford &#252;ber Umwege nach Hause geschlichen war, n&#228;herte er sich vorsichtig seinem H&#228;uschen. Er umkreiste das Grundst&#252;ck und vergewisserte sich, dass Wardlaw es nicht &#252;berwachen lie&#223;, dann schl&#252;pfte er durch die Hintert&#252;r hinein. Der Mond war untergegangen, und im Osten graute der Morgen. Der ferne Schrei eines Bergl&#246;wen hallte &#252;ber die Mesa.

Er ging ins Schlafzimmer in der Hoffnung, vor dem Fr&#252;hst&#252;ck noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Abrupt blieb er stehen und starrte das Bett an.

Auf dem Kopfkissen lag ein Umschlag. Er hob ihn auf und zog die Nachricht heraus. Schade, dass ich Dich verpasst habe, stand da in gro&#223;z&#252;giger, schwungvoller Schrift. Unterzeichnet war das Briefchen mit Melissa.

Ford lie&#223; den Brief zur&#252;ck aufs Kissen fallen und dachte mit schiefem L&#228;cheln, dass sich das wahre Ausma&#223; der Risiken bei diesem Einsatz allm&#228;hlich erst herausstellte.


18


Eine Stunde sp&#228;ter betrat Ford den Fr&#252;hst&#252;cksraum und wurde vom belebenden Duft von Kaffee, Speck und Pfannkuchen empfangen. In der T&#252;r blieb er stehen. Hier sa&#223; ein recht kleines H&#228;uflein beisammen  mehrere Mitglieder des Teams waren unten im Bunker, andere wurden im Aufenthaltsraum vom FBI vernommen. Hazelius sa&#223; an seinem &#252;blichen Platz am Kopf der Tafel.

Ford atmete tief durch und suchte sich einen Platz. Hatten die Wissenschaftler zuvor schon ersch&#246;pft gewirkt, so sahen sie jetzt aus wie Zombies. Sie a&#223;en schweigend, die rotger&#228;nderten Augen starrten ins Leere. Hazelius sah noch &#252;bler aus als die anderen.

Ford schenkte sich einen Becher Kaffee ein. Als Wardlaw ein paar Minuten sp&#228;ter kam, beobachtete Ford ihn aus den Augenwinkeln. Im Gegensatz zu den anderen wirkte der Mann ausgeschlafen, gelassen und ungew&#246;hnlich freundlich, denn auf dem Weg zum Tisch nickte er hierhin und dorthin.

Kate lief zwischen Tisch und K&#252;che hin und her und brachte weitere Platten mit Essen. Ford bem&#252;hte sich, sie nicht anzustarren. Um ihn herum begann eine niedergeschlagene Unterhaltung &#252;ber Nebens&#228;chlichkeiten. Niemand wollte &#252;ber Wolkonski sprechen. Blo&#223; nicht Wolkonski.

Corcoran setzte sich neben ihn. Er sp&#252;rte ihren Blick, wandte sich ihr zu und sah das wissende L&#228;cheln in ihrem Gesicht. Sie beugte sich zu ihm hin&#252;ber und fragte leise: Wo warst du denn letzte Nacht?

Spazieren.

Schon klar. Sie grinste anz&#252;glich und lie&#223; den Blick &#252;ber Kate gleiten.

Sie glaubt, ich h&#228;tte was mit Kate.

Corcoran wandte sich der Gruppe zu und verk&#252;ndete: Wir kamen heute Morgen gro&#223; in den Nachrichten. Habt ihr es gesehen?

Alle unterbrachen ihr Fr&#252;hst&#252;ck.

Niemand? Corcoran blickte sich triumphierend um. Aber nicht das, was ihr denkt. In den Nachrichten kam nichts &#252;ber Peter Wolkonski  zumindest noch nicht.

Wieder lie&#223; sie den Blick &#252;ber die anderen schweifen und genoss die allgemeine Aufmerksamkeit. Es geht um etwas anderes. Echt seltsam. Kennt ihr diesen Fernsehprediger Spates, der diese Riesenkirche dr&#252;ben in Virginia hat? In der Times online war heute Morgen eine gro&#223;e Story &#252;ber ihn und uns.

Spates? Innes beugte sich &#252;ber den Tisch. Der Fernsehprediger, der mit diesen Prostituierten erwischt wurde? Was soll der denn mit uns zu tun haben?

Corcorans L&#228;cheln wurde breiter. In seiner Predigt letzten Sonntag ging es nur um uns.

Aber warum denn?, fragte Innes.

Er hat behauptet, wir seien ein Haufen gottloser Wissenschaftler, die das Buch Genesis als L&#252;ge hinstellen wollen. Auf seiner Website kann man sich die komplette Predigt als Video anschauen. Seid gegr&#252;&#223;t im Namen unseres Herrn und Erl&#246;sers Jesus Christus, zitierte sie, eine fast perfekte Imitation von Spates S&#252;dstaatenakzent, die wieder einmal ihr Talent zur Nachahmung bewies.

Du machst wohl Witze, sagte Innes.

Sie stupste Ford unter dem Tisch mit dem Bein an. Hattest du davon noch nichts geh&#246;rt?

Nein.

Wer von uns hat denn Zeit, im Internet herumzusurfen?, bemerkte Thibodeaux mit lauter, gereizter Stimme. Ich komme auch so schon kaum mit der Arbeit hinterher.

Ich verstehe das nicht, sagte Dolby. Wie kommt er darauf, wir wollten das Buch Genesis als L&#252;ge hinstellen?

Wir erforschen den Urknall  eine s&#228;kular-humanistische Theorie, die behauptet, das Universum sei ohne g&#246;ttliches Eingreifen entstanden. Wir sind jetzt ein Teil des Feldzugs gegen den christlichen Glauben. Wir sind Jesushasser.

Dolby sch&#252;ttelte angewidert den Kopf.

Der Times zufolge hat die Predigt einen Aufruhr entfacht. Mehrere Kongressabgeordnete aus dem S&#252;den fordern einen Untersuchungsausschuss und drohen damit, uns den Geldhahn zuzudrehen.

Innes wandte sich an Hazelius. Wussten Sie davon, Gregory?

Hazelius nickte m&#252;de.

Was werden wir dagegen unternehmen?

Hazelius stellte langsam seinen Kaffeebecher ab und rieb sich die Augen. Der Stanford-Binet-Test belegt, dass siebzig Prozent aller Menschen einen Intelligenzquotienten im durchschnittlichen oder unterdurchschnittlichen Bereich aufweisen. Mit anderen Worten, &#252;ber zwei Drittel aller menschlichen Wesen sind maximal durchschnittlich intelligent, was schon dumm genug ist, oder sie sind pathologische Hornochsen.

Ich wei&#223; nicht so recht, was Sie damit meinen, sagte Innes.

Ich meine damit, dass die Welt eben so ist, George. Wir m&#252;ssen damit leben.

Aber wir m&#252;ssen doch mindestens eine Erkl&#228;rung abgeben und diese Vorw&#252;rfe zur&#252;ckweisen, sagte Innes. Wie ich das sehe, l&#228;sst sich die Urknalltheorie problemlos mit dem Glauben an Gott vereinbaren. Das eine schlie&#223;t das andere doch nicht aus.

Edelsteins Blick hob sich von seinem Buch, und seine Augen glitzerten belustigt. Wenn Sie das wirklich glauben, George, dann haben Sie weder Gott noch den Urknall verstanden.

Moment mal, Alan, unterbrach Ken Dolby. Man kann doch eine rein materielle Theorie erforschen, wie den Urknall, aber immer noch daran glauben, dass Gott dahintersteckt.

Edelsteins dunkle Augen richteten sich auf ihn. Falls die Theorie eine umfassende Erkl&#228;rung liefert  was eine gute Theorie ja tun sollte , dann w&#228;re Gott &#252;berfl&#252;ssig. Ein blo&#223;er Zuschauer. Was f&#252;r ein nutzloser Gott soll das denn sein?

Alan, warum sagst du nicht offen, was du wirklich denkst?, erwiderte Dolby sarkastisch.

Innes sprach laut und nun mit seiner professionellen Psychologenstimme. Die Welt ist gro&#223; genug f&#252;r Gott und die Wissenschaft.

Corcoran verdrehte die Augen.

Wenn im Namen des Isabella-Projekts eine Erkl&#228;rung herausgegeben wird, die Gott auch nur erw&#228;hnt, w&#252;rde ich ihr widersprechen, sagte Edelstein.

Genug diskutiert, sagte Hazelius. Es wird keine offiziellen Erkl&#228;rungen geben. &#220;berlassen wir das den Politikern.

Die T&#252;r zum Aufenthaltsraum ging auf, und drei Wissenschaftler kamen heraus, gefolgt von den Agenten Greer und Alvarez und Lieutenant Bia. Sofort wurde es still am Tisch.

Ich m&#246;chte Ihnen allen f&#252;r Ihre Kooperation danken, erkl&#228;rte Greer steif, ein Klemmbrett in der Hand. Sie haben meine Karte. Falls Sie irgendetwas brauchen oder Ihnen noch etwas einf&#228;llt, das uns weiterhelfen k&#246;nnte, rufen Sie mich bitte an.

Wann werden Sie denn N&#228;heres wissen?, fragte Hazelius.

In zwei, drei Tagen.

Schweigen. Dann meldete sich erneut Hazelius zu Wort: Darf ich Sie etwas fragen?

Greer stand abwartend da.

Wurde die Waffe im Auto gefunden?

Greer z&#246;gerte und sagte dann: Ja.

Wo?

Auf dem Boden, auf der Fahrerseite.

Soweit ich informiert bin, wurde Dr. Wolkonski aus k&#252;rzester Distanz in die linke Schl&#228;fe geschossen, als er hinter dem Lenkrad sa&#223;. Ist das korrekt?

Korrekt.

War eines der Fenster ge&#246;ffnet?

Alle Fenster waren geschlossen.

Und die Klimaanlage lief?

Ja.

T&#252;ren verriegelt?

So ist es.

Schl&#252;ssel im Z&#252;ndschloss?

Ja.

Wurden an Dr. Wolkonskis rechter Hand Schmauchspuren gefunden?

Kurzes Schweigen. Die Laborergebnisse sind noch nicht da, sagte Greer dann.

Danke.

Ford war bewusst, was diese Fragen bedeuteten, und offensichtlich war Greer das ebenfalls klar. Die Agenten verlie&#223;en den Raum, und das Fr&#252;hst&#252;ck wurde in angespanntem Schweigen wieder aufgenommen. Das unausgesprochene Wort Selbstmord schien in der Luft zu h&#228;ngen.

Als die meisten fertig waren, erhob sich Hazelius. Ich m&#246;chte ein paar Worte sagen. Er lie&#223; den Blick einmal um den Tisch schweifen. Ich wei&#223;, dass Sie alle tief ersch&#252;ttert sind, so wie ich selbst.

Die Leute rutschten unbehaglich auf ihren St&#252;hlen hin und her. Ford warf einen raschen Blick zu Kate hin&#252;ber. Sie sah mehr als ersch&#252;ttert aus  sie war offenbar am Boden zerst&#246;rt.

Die Probleme mit Isabella haben Peter am meisten zu schaffen gemacht  die Gr&#252;nde daf&#252;r kennen wir alle. Er hat &#252;bermenschliche Anstrengungen erbracht, um die Software-Probleme zu beheben. Ich nehme an, er hat schlie&#223;lich einfach aufgegeben. Ich m&#246;chte seinem Gedenken ein paar Zeilen aus einem Gedicht von Keats widmen, &#252;ber diesen transzendentalen Augenblick der Entdeckung. Dann zitierte er auswendig:

Wie einem Astronom ergings mir da,


Schwimmt ihn ein neuer Stern im Fernrohr an;


Wie Cortez, als sein Adlerblick ganz nah


Auf den Pazifik fiel  und jeder Mann


Wild r&#228;tselnd ins Gesicht des Nachbarn sah 


Auf einem Pik Dari&#233;ns nur schweigend sann.

Hazelius hielt kurz inne und blickte dann auf. Wie ich schon einmal gesagt habe: Keine Entdeckung, die in dieser Welt etwas z&#228;hlt, ist leicht zu machen. Eine gro&#223;e Expedition ins Unbekannte ist immer gef&#228;hrlich  k&#246;rperlich und psychisch. Denken Sie nur an Magellans Reise um die Welt oder Captain Cooks Entdeckung der Antarktis. Sehen Sie sich das Apollo-Programm oder das Spaceshuttle an. Gestern haben wir einen Mann an die Gefahren unserer Expedition verloren. Ganz gleich, was diese Ermittlungen ergeben werden  und ich denke, die meisten von uns ahnen schon, was dabei herauskommen wird , f&#252;r mich wird Peter immer ein Held sein.

Er verstummte, &#252;berw&#228;ltigt von seinen Emotionen. Gleich darauf r&#228;usperte er sich und fuhr fort: Der n&#228;chste Testlauf mit Isabella beginnt morgen Mittag. Sie alle wissen, was Sie zu tun haben. Diejenigen von uns, die noch nicht im Berg sind, werden sich morgen um elf Uhr drei&#223;ig hier nebenan im Aufenthaltsraum versammeln und gemeinsam hin&#252;bergehen. Die T&#252;r zum Bunker wird um elf Uhr f&#252;nfundvierzig geschlossen und verriegelt. Diesmal, meine Damen und Herren, das schw&#246;re ich Ihnen, werden wir wie Cortez den Pazifik erblicken.

In seiner Stimme schwang eine Inbrunst mit, die Ford ber&#252;hrte  die Inbrunst eines wahrhaft gl&#228;ubigen Menschen.


19


Am selben Vormittag lie&#223; sich Reverend Don T. Spates in seinen B&#252;rosessel sinken, stellte an einem Hebel die Lendenwirbelst&#252;tze ein und spielte an den anderen Einstellungen herum, bis er es vollkommen bequem hatte. Er f&#252;hlte sich gro&#223;artig. Das Isabella-Projekt hatte sich als brandhei&#223;es Thema erwiesen. Es geh&#246;rte ihm. Er allein hatte Anspruch darauf. Das Geld str&#246;mte nur so herein, s&#228;mtliche Telefonleitungen waren dauerhaft belegt. Die Frage war, wie er das Thema in seiner christlichen Talkshow am Freitagabend, Roundtable America, voranbringen sollte. In einer Predigt konnte man mit Emotionen spielen, melodramatisch und rei&#223;erisch sein. Aber die Talkshow sprach die Leute eher auf intellektueller Ebene an. Die Sendung galt als seri&#246;s und genoss durchaus Ansehen. Und daf&#252;r brauchte er Fakten, Tatsachen  von denen er herzlich wenig hatte, abgesehen von dem bisschen, was er auf der Website des Isabella-Projekts hatte finden k&#246;nnen. Den vorgesehenen G&#228;sten, die er schon vor Wochen gebucht hatte, hatte er bereits abgesagt und daf&#252;r einen neuen Talkgast gefunden, einen Physiker, der etwas &#252;ber das Isabella-Projekt sagen konnte. Aber er brauchte mehr: Er brauchte eine &#220;berraschung.

Sein Assistent Charles trat mit dem morgendlichen Aktenstapel ein. Die E-Mails, die Sie haben wollten, Reverend. Nachrichten. Ihre Termine. Er legte alles nebeneinander ab, still und effizient wie immer.

Wo ist mein Kaffee?

Seine Sekret&#228;rin kam herein. Guten Morgen, Reverend!, sagte sie fr&#246;hlich. Ihr auftoupiertes Haar, grau wie Rauhreif, wippte und glitzerte in der Morgensonne. Sie stellte ein Tablett vor ihn hin: silberne Kaffeekanne, Tasse, Zucker, Kaffeesahne, ein Keks mit Macadamian&#252;ssen, seine Lieblingssorte, und eine frisch geb&#252;gelte Ausgabe der Virginia Beach Daily Press.

Schlie&#223;en Sie die T&#252;r, wenn Sie gehen.

Nachdem die beiden gegangen waren, goss Spates sich in Ruhe einen Kaffee ein, lehnte sich im Sessel zur&#252;ck, hob die Tasse an die Lippen und genoss den ersten bitteren, k&#246;stlichen Schluck. Er lie&#223; die Fl&#252;ssigkeit im Mund hin und her flie&#223;en, schluckte, atmete tief aus und stellte die Tasse ab. Dann griff er nach der Mappe mit den E-Mails. Jeden Tag sahen Charles und dessen drei Gehilfen Tausende eingegangener E-Mails durch, suchten jene heraus, deren Absender bereits eine Spende ab der 1000 Segnungen-Ebene geleistet hatten oder dazu bereit schienen, au&#223;erdem die Mails von Politikern, Gesch&#228;ftsleuten und anderen wichtigen Verbindungen, die gepflegt werden wollten. Diese Mappe enthielt die Ausbeute, die eine pers&#246;nliche Antwort erforderte, f&#252;r gew&#246;hnlich einen Dankesbrief f&#252;r Geld oder eine Bitte um Geld.

Spates nahm die erste ausgedruckte E-Mail vom Stapel, &#252;berflog sie, kritzelte eine Antwort darauf, legte sie beiseite, griff nach der zweiten und arbeitete sich so durch den ganzen Stapel.

Nach f&#252;nfzehn Minuten traf er auf eine E-Mail, die Charles mit einem Klebezettel versehen hatte. Sieht interessant aus, stand da. Spates knabberte an seinem Keks und las.

Lieber Reverend Spates,

gelobt sei Jesus Christus. Mein Name ist Russ Eddy, und ich bin der Pastor der Gathered in Thy Name Mission in Blue Gap, Arizona. Seit ich die Mission 1999 gegr&#252;ndet habe, verk&#252;nde ich die Frohe Botschaft hier im Navajo-Land. Wir sind eine sehr kleine Mission  genau genommen gibt es hier nur mich.

Ihre Predigt &#252;ber das Isabella-Projekt war bei mir ein Volltreffer, Reverend. Ich sage Ihnen auch, warum. Isabella ist unsere Nachbarin  sie liegt hier oben auf der Red Mesa &#252;ber mir, ich kann den Berg von meinem Fenster aus sehen, w&#228;hrend ich Ihnen das schreibe. Ich habe mir von meinen Sch&#228;fchen schon einiges dar&#252;ber anh&#246;ren m&#252;ssen. Es gibt eine Menge h&#228;sslicher Ger&#252;chte. Und ich meine wirklich h&#228;sslich. Die Leute haben Angst; sie f&#252;rchten sich davor, was die da oben treiben.

Ich will nicht noch mehr Ihrer kostbaren Zeit in Anspruch nehmen, Reverend  ich wollte Ihnen nur daf&#252;r danken, dass Sie den Kampf f&#252;r das Gute aufgenommen haben und die Christen &#252;berall im Land auf diese gottlose Maschine hier drau&#223;en in der W&#252;ste aufmerksam machen. Bitte weiter so.

Christliche Gr&#252;&#223;e


Pastor Russ Eddy


Gathered in Thy Name Mission


Blue Gap, Arizona

Spates las die E-Mail einmal, dann noch einmal. Er leerte seine Tasse, stellte sie auf das Tablett, dr&#252;ckte den Daumen auf den letzten feuchten Kekskr&#252;mel und leckte ihn ab. Dann lehnte er sich nachdenklich zur&#252;ck. In Arizona war es jetzt Viertel nach sieben. Pastoren auf dem Lande standen doch fr&#252;h auf, oder?

Er griff zum Telefon und w&#228;hlte die Nummer, die am Ende der E-Mail stand. Es klingelte mehrmals, dann meldete sich eine schrille Stimme.

Pastor Russ.

Ah, Pastor Russ! Hier spricht Reverend Don T. Spates von Gods Prime Time in Virginia Beach. Wie geht es Ihnen, Pastor?

Sehr gut, danke. Die Stimme klang zweifelnd, ja sogar argw&#246;hnisch. Was sagten Sie, wer Sie sind?

Reverend Don T. Spates! Von Gods Prime Time!

Oh! Reverend Spates! Das ist ja eine &#220;berraschung. Sie haben meine E-Mail also gelesen.

Allerdings. Sie war sehr interessant.

Danke, Reverend.

Bitte, nennen Sie mich Don. Also, ich denke, Ihre Nachbarschaft zu dieser Maschine, Ihr Zugang zu dem wissenschaftlichen Experiment, das k&#246;nnte ein Geschenk Gottes sein.

Warum denn das?

Ich brauche jemanden, der mir Insider-Informationen dar&#252;ber liefern kann, was da drau&#223;en vorgeht, jemanden vor Ort. Vielleicht ist es Gottes Wille, dass Sie diese Quelle werden. Er hat Sie schlie&#223;lich nicht umsonst dazu bewegt, diese E-Mail zu schreiben, Russ. Habe ich nicht recht?

Ja, Sir. Ich meine, nein, das hat Er nicht. Ich h&#246;re mir jeden Sonntag Ihre Predigt an. Wir haben hier drau&#223;en keinen Fernsehempfang, aber ich habe eine High-Speed-Internetverbindung via Satellit und schaue mir den Podcast auf Ihrer Website an, jede Woche.

Freut mich, das zu h&#246;ren, Russ. Sch&#246;n, dass unser Podcast so viele Menschen erreicht. Also, Russ, Sie haben in Ihrer E-Mail Ger&#252;chte erw&#228;hnt. Was f&#252;r Ger&#252;chte h&#246;ren Sie denn so?

Alles M&#246;gliche. Sachen &#252;ber Atomexperimente, Explosionen, Kindesmissbrauch. Es hei&#223;t, die w&#252;rden da oben Missgeburten z&#252;chten, irgendwelche Monster. Dass die Regierung hier eine neue Waffe testet, um damit die Welt zu zerst&#246;ren.

Spates sp&#252;rte einen Klumpen im Magen. Dieser sogenannte Pastor h&#246;rte sich an wie ein Fall f&#252;r die Klapsm&#252;hle. Kein Wunder, wenn man mit einem Haufen Indianer da drau&#223;en in der W&#252;ste lebte.

Haben Sie vielleicht auch etwas, &#228;h  Greifbareres?

Es hat da oben einen Mord gegeben, gestern erst. Einer der Wissenschaftler wurde mit einer Kugel im Kopf aufgefunden.

Ach, tats&#228;chlich? Das klang schon besser. Der Herr sei gepriesen. Woher wissen Sie das?

Na ja, in so einer l&#228;ndlichen Gegend spricht sich alles schnell herum. Auf der Mesa hat es nur so von FBI-Agenten gewimmelt.

Haben Sie sie gesehen?

Ja, sicher. Das FBI kommt nur dann ins Reservat, wenn es einen Mord gegeben hat. Alles andere macht eigentlich die Tribal Police.

Spates lief ein Schauer &#252;ber den R&#252;cken.

Eines meiner Sch&#228;fchen hat einen Bruder, der bei der Stammespolizei arbeitet. Das neueste Ger&#252;cht besagt, es sei in Wahrheit Selbstmord gewesen. Wird alles sch&#246;n vertuscht.

Der Name des toten Wissenschaftlers?

Den wei&#223; ich nicht.

Sie sind aber sicher, dass es einer der Wissenschaftler war, Russ, ganz sicher?

Glauben Sie mir, wenn es ein Navajo gewesen w&#228;re, dann w&#252;sste ich das. Wir leben hier in enger Gemeinschaft.

Sind Sie denn schon mal Wissenschaftlern dieses Teams begegnet?

Nein. Die bleiben unter sich.

K&#246;nnen Sie irgendwie Verbindung zu ihnen aufnehmen?

Na klar. Ich k&#246;nnte wohl einfach mal vorbeischauen und mich als der hiesige Pastor vorstellen. Ganz freundlich, Sie wissen schon.

Russ, das ist eine ausgezeichnete Idee! Mir liegt besonders daran, mehr &#252;ber den Mann zu erfahren, der Isabella leitet, er hei&#223;t Hazelius. Haben Sie schon mal von ihm geh&#246;rt?

Der Name kommt mir bekannt vor.

Er hat sich selbst zum kl&#252;gsten Menschen auf Erden ernannt. Er hat behauptet, alle st&#252;nden unter ihm, und wir seien ein Haufen Hornochsen. Erinnern Sie sich daran?

Ich glaube, ja.

Ganz sch&#246;n unversch&#228;mte Behauptung, was? Vor allem aus dem Mund eines Mannes, der nicht an Gott glaubt.

Das &#252;berrascht mich nicht, Reverend. Wir leben in einer Welt, die das B&#246;se verehrt.

So ist es, mein Sohn. Also: Kann ich auf Sie z&#228;hlen?

Ja, Sir, Reverend Spates, Sie k&#246;nnen sich auf mich verlassen.

Und noch etwas ist ganz wichtig: Ich brauche diese Information bis &#252;bermorgen, damit ich sie in Roundtable America am Freitag verwenden kann. Kennen Sie auch meine Talkshow?

Seit es die als Podcast gibt, verpasse ich keine einzige Sendung.

F&#252;r diesen Freitag habe ich einen Physiker eingeladen, jemanden mit einer christlichen Perspektive, um eingehender &#252;ber das Isabella-Projekt sprechen zu k&#246;nnen. Ich muss einfach mehr Informationen haben  aber nicht das &#252;bliche PRZeug. Ich meine den Dreck, die schmutzige W&#228;sche. Wie diesen Todesfall  was ist da passiert? Sprechen Sie mit diesem Navajo-Polizisten, den Sie eben erw&#228;hnt haben. Sie verstehen, Russ?

Nat&#252;rlich, ja, sollen Sie haben, Reverend.

Spates legte den H&#246;rer auf und blickte nachdenklich aus dem Fenster. Alles f&#252;gte sich wie von selbst zusammen. Die Macht Gottes kannte keine Grenzen.


20


Als Ford vom Fr&#252;hst&#252;ck zur&#252;ckkam und gerade sein Haus betreten wollte, kam Wardlaw pl&#246;tzlich um die Hausecke und verstellte ihm den Weg.

Ford hatte mit so etwas gerechnet.

H&#228;tten Sie was dagegen, wenn wir uns kurz unterhalten?, fragte Wardlaw mit scheinbar freundlicher Stimme. Er kaute auf einem Kaugummi herum, und die Muskeln &#252;ber seinen Ohren spannten sich rhythmisch an.

Ford wartete. Das war nicht der richtige Augenblick f&#252;r eine Konfrontation, aber wenn Wardlaw sie wollte, sollte er sie bekommen.

Ich wei&#223; nicht, was Sie f&#252;r ein Spielchen treiben, Ford, oder wer Sie wirklich sind. Ich nehme an, dass Sie in irgendeiner halboffiziellen Funktion hier sind. Das habe ich schon bei Ihrer Ankunft gesp&#252;rt.

Ford wartete weiter ab.

Wardlaw trat so dicht an ihn heran, dass Ford sein Aftershave riechen konnte. Meine Aufgabe ist es, Isabella zu besch&#252;tzen  auch vor Ihnen. Ich vermute, dass Sie undercover hier sind, weil irgendein B&#252;rokrat in Washington um seinen kostbaren Arsch f&#252;rchtet. Das bietet Ihnen nicht sonderlich viel Schutz, nicht wahr?

Ford schwieg. Sollte der Mann ruhig Dampf ablassen.

Ich werde niemandem von Ihrer kleinen Eskapade gestern Nacht erz&#228;hlen. Sie werden Sie nat&#252;rlich Ihrem Herrchen melden. Falls die Sache zur Sprache gebracht wird, k&#246;nnen Sie sich denken, wie meine Verteidigung lautet. Sie waren ein Eindringling, und mein Auftrag schreibt mir f&#252;r einen solchen Fall vor, gezielt zu feuern. Oh, und falls Sie glauben, Greer w&#252;rde sich auf das zerbrochene Fenster und das zerrissene M&#252;ckennetz st&#252;rzen, die sind schon wieder repariert. Au&#223;er uns beiden braucht niemand von der Sache zu wissen.

Ford war beeindruckt. Wardlaw hatte die Angelegenheit tats&#228;chlich gr&#252;ndlich durchdacht. Er war froh, dass der Sicherheitschef kein Idiot war. Ford fiel es immer leichter, mit einem intelligenten Gegner fertig zu werden. Dumme Menschen waren unberechenbar. Er sagte: Sind Sie fertig mit Ihrer kleinen Ansprache?

Die Halsschlagader an Wardlaws Stiernacken pulsierte. Pass blo&#223; auf, du Schn&#252;ffler. Wardlaw trat beiseite, gerade weit genug, um Ford vorbeizulassen.

Ford trat einen Schritt vor und z&#246;gerte dann. Er war Wardlaw so nahe, dass er den Sicherheitschef in die Eier h&#228;tte treten k&#246;nnen. Er sah den Mann an, dessen Gesicht nur Zentimeter von seinem entfernt war, und sagte freundlich: Wissen Sie, was ich lustig finde? Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie sprechen.

Der Schatten eines Zweifels huschte &#252;ber Wardlaws Gesicht, als Ford an ihm vorbeiging.

Er betrat das Haus und schlug die T&#252;r zu. Wardlaw war also nicht absolut sicher, dass es Ford war, den er in der Nacht verfolgt hatte. Diese Unsicherheit w&#252;rde ihn langsamer, vorsichtiger machen. Fords Deckung war angekratzt, aber noch nicht aufgeflogen.

Als er sicher war, dass Wardlaw sich verzogen hatte, lie&#223; er sich aufs Sofa fallen, ver&#228;rgert und frustriert. Er war nun seit fast vier Tagen auf der Mesa, wusste aber kaum mehr als damals in Lockwoods B&#252;ro.

Er fragte sich, wie er je auf den Gedanken gekommen war, das k&#246;nnte ein relativ leichter Auftrag sein.

Es war an der Zeit, den n&#228;chsten Schritt zu tun; er hatte gehofft, das w&#252;rde nicht n&#246;tig sein, schon seit dem Moment, als Lockwood ihm Kates Dossier gezeigt hatte.


Eine Stunde sp&#228;ter fand Ford Kate im Stall, wo sie die Pferde f&#252;tterte und tr&#228;nkte. Er blieb in der T&#252;r stehen und sah zu, wie sie im D&#228;mmerlicht Eimer mit Hafer f&#252;llte, einen Ballen Luzerne aufriss und ein, zwei Handvoll davon in jede Box warf. Er beobachtete ihre Bewegungen, ihren schlanken, straffen K&#246;rper, der diese banalen Arbeiten so sicher und anmutig verrichtete, obwohl sie offensichtlich ersch&#246;pft war. Es f&#252;hlte sich an wie damals vor zw&#246;lf Jahren, als er sie unter diesem Tisch hatte schlafen sehen.

Leise Rockmusik drang aus dem Stall zu ihm heraus.

Sie warf die letzte Handvoll Alfalfa einem Pferd vor, drehte sich dann um und bemerkte ihn. Willst du wieder mal ausreiten?, fragte sie mit ged&#228;mpfter Stimme.

Er trat in den k&#252;hlen Schatten. Wie geht es dir, Kate?

Sie stemmte die behandschuhten H&#228;nde in die H&#252;ften. Nicht besonders.

Das mit Peter tut mir leid.

Ja.

Kann ich dir helfen?

Bin schon fertig.

Im Hintergrund lief immer noch die leise Musik. Jetzt erkannte er den Song. Blondie?

Ich lasse oft Musik laufen, w&#228;hrend ich bei den Pferden arbeite. Es gef&#228;llt ihnen.

Wei&#223;t du noch , begann er.

Sie fiel ihm ins Wort. Ja.

Stumm standen sie einander gegen&#252;ber. Am MIT hatte sie den Tag im LEES, dem Elektroniklabor, stets damit begonnen, dass sie Atomic &#252;ber den Killian Court schallen lie&#223;. Wenn er morgens reingekommen war, hatte sie meist im Labor herumgetanzt, Kopfh&#246;rer auf den Ohren und einen Kaffeebecher in der Hand, und sich m&#246;glichst skandal&#246;s aufgef&#252;hrt. Sie hatte Skandale genossen  wie damals, als sie einen Liter Benzin in den Murphy-Memorial-Brunnen gegossen und angez&#252;ndet hatte. Bei diesen Erinnerungen sp&#252;rte er einen pl&#246;tzlichen Stich  diese Zeiten waren vorbei. Wie naiv und hoffnungsvoll sie gewesen war, wie &#252;berzeugt davon, dass das Leben immer ein komischer Aufruhr sein w&#252;rde. Aber irgendwann schaffte das Leben jeden  und sie ganz besonders.

Er sch&#252;ttelte die Erinnerungen ab und konzentrierte sich auf seine Aufgabe. Bei Kate war der direkte Weg immer der beste. Sie hasste Leute, die um den hei&#223;en Brei herumredeten. Ford schluckte. W&#252;rde er sich selbst je verzeihen, was er jetzt gleich tun musste?

Ohne Vorwarnung stellte er seine Frage: Okay, was verbergt ihr hier eigentlich alle?

Sie sah ihn gelassen an. Keine aufgesetzte &#220;berraschung, kein Protest, keine gespielte Unwissenheit.

Geht dich nichts an.

Das geht mich allerdings etwas an. Ich geh&#246;re auch zum Team.

Dann frag Gregory.

Ich wei&#223;, dass du aufrichtig zu mir sein wirst. Aber Hazelius  bei dem wei&#223; ich nicht, woran ich bin.

Ihre Miene wurde weicher. Glaub mir, Wyman, du willst das nicht wissen.

Doch, das will ich. Ich muss es wissen. Das geh&#246;rt zu meiner Arbeit. Diese Geheimniskr&#228;merei sieht dir gar nicht &#228;hnlich, Kate.

Wie kommst du darauf, wir h&#228;tten Geheimnisse?

Seit ich hier angekommen bin, habe ich das Gef&#252;hl, dass ihr alle irgendetwas vor mir verbergt. Wolkonski hat etwas angedeutet. Du auch. Bei Isabella l&#228;uft irgendetwas furchtbar schief, oder?

Kate sch&#252;ttelte den Kopf. Himmel, Wyman, du &#228;nderst dich wohl nie  du bist immer noch so verflucht neugierig. Sie blickte an ihrer Bluse hinab, zupfte sich einen Strohhalm von der Schulter und runzelte die Stirn.

Ein weiteres langes Schweigen. Dann hob sie mit offenkundiger &#220;berwindung den Blick, sah ihn mit ihren intelligenten braunen Augen an, und er erkannte, dass sie einen Entschluss gefasst hatte. Ja. Mit Isabella stimmt etwas nicht. Aber es ist nicht so, wie du wahrscheinlich denkst. Im Grunde ist es uninteressant. Bl&#246;d. Es hat nichts mit dir oder deiner Arbeit hier zu tun. Ich will nicht, dass du davon wei&#223;t, weil  nun ja, es k&#246;nnte dich in Schwierigkeiten bringen.

Ford sagte nichts. Er wartete ab.

Kate stie&#223; ein kurzes, bitteres Lachen aus. Also sch&#246;n. Du hast es so gewollt. Aber erwarte jetzt keine grandiose Enth&#252;llung.

Er hatte auf einmal ein entsetzlich schlechtes Gewissen ihr gegen&#252;ber. Aber er verdr&#228;ngte die Schuldgef&#252;hle rasch  damit w&#252;rde er sich sp&#228;ter befassen.

Wenn du das geh&#246;rt hast, wirst du verstehen, warum wir es geheim halten. Sie sah ihm fest in die Augen. Isabella wurde sabotiert. Irgendein Hacker h&#228;lt uns zum Narren.

Wie denn das?

Jemand hat ein Virus oder einen Trojaner in den Supercomputer eingeschleust. Offenbar handelt es sich um eine Logik bombe, die ausgel&#246;st wird, wenn Isabella kurz davorsteht, hundert Prozent Leistung zu erreichen. Erst produziert sie ein bizarres Bild auf dem Visualizer, dann bringt sie den Supercomputer praktisch zum Absturz und schickt uns eine alberne Botschaft. Das ist unglaublich frustrierend  und extrem gef&#228;hrlich. Bei so hohem Energieniveau k&#246;nnten wir alle in die Luft fliegen, wenn die Strahlen aus der Bahn geraten. Schlimmer noch, eine pl&#246;tzliche Energieschwankung k&#246;nnte gef&#228;hrliche Partikel oder Schwarze Mini-L&#246;cher entstehen lassen. Das ist die Mona Lisa der Malware, ein echtes Meisterst&#252;ck, das nur ein unglaublich guter Programmierer zustande gebracht haben kann. Wir k&#246;nnen es nicht finden.

Was sind das f&#252;r Botschaften?

Ach, SEID GEGR&#220;SST, HALLO oder IST DA JEMAND?

Wie der Anf&#228;nger-Scherz aus dem Programmierkurs  HALLO, ERDLING.

Genau. Ein Insider-Witz.

Und was passiert dann?

Das ist alles.

Mehr sagt das Ding nicht?

Es hat gar keine Zeit dazu. Wenn der Computer abst&#252;rzt, sind wir gezwungen, die Notabschaltung des gesamten Systems einzuleiten.

Ihr habt das Ding also noch nicht in ein Gespr&#228;ch verwickeln k&#246;nnen? Es ein bisschen zum Reden gebracht?

Machst du Witze? Wenn eine Vierzig-Milliarden-Dollar-Maschine kurz vor der Explosion steht? Au&#223;erdem w&#252;rde uns das auch nicht weiterhelfen  das Ding w&#252;rde nur noch mehr Bl&#246;dsinn von sich geben. Und wenn der Supercomputer abgest&#252;rzt ist und Isabella noch l&#228;uft, dann ist das so, als w&#252;rde man nachts bei Regen mit ausgeschalteten Scheinwerfern hundertf&#252;nfzig auf der Landstra&#223;e fahren. Wir m&#252;ssten ja verr&#252;ckt sein, um seelenruhig herumzusitzen und uns mit dem Ding zu unterhalten.

Und das Bild?

Sehr seltsam. Es ist schwer zu beschreiben  absolut spektakul&#228;r, ganz tiefgr&#252;ndig und schimmernd wie ein Geist. Wer auch immer das gemacht hat, ist auf seine Art ein K&#252;nstler.

Und ihr k&#246;nnt die Malware nicht finden?

Nein. Sie ist teuflisch gerissen. Anscheinend bewegt sie sich eigenst&#228;ndig im System, l&#246;scht ihre Spuren aus und l&#228;sst sich einfach nicht aufdecken.

Warum berichtet ihr Washington nicht davon und lasst ein Team von Spezialisten anr&#252;cken, die das in Ordnung bringen?

Sie schwieg einen Moment lang. Daf&#252;r ist es jetzt zu sp&#228;t. Wenn herausk&#228;me, dass wir schon so lange von einem Hacker an der Nase herumgef&#252;hrt wurden, g&#228;be es einen f&#252;rchterlichen Skandal. Das Isabella-Projekt hat es mit knapper Not durch den Kongress geschafft  Das w&#228;re das Ende.

Warum habt ihr dann nicht sofort dar&#252;ber berichtet? Warum versteckt ihr das Problem?

Wir wollten es ja melden! Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht. Aber dann fanden wir, es w&#228;re besser, die Malware zu l&#246;schen, bevor wir Bericht erstatten, damit wir sagen k&#246;nnen, wir h&#228;tten das Problem bereits beseitigt. Ein Tag verging, der n&#228;chste, und noch einer, und wir konnten das verdammte Programm nicht finden. So ging das eine Woche lang, dann zehn Tage  und dann wurde uns klar, dass wir schon zu lange gewartet hatten. Wenn wir es so sp&#228;t gemeldet h&#228;tten, h&#228;tte man uns vorgeworfen, wir wollten die Sache vertuschen.

Das war ein dummer Fehler.

Allerdings. Ich wei&#223; auch nicht genau, wie es so weit kommen konnte  Wir konnten vor Stress kaum mehr klar denken, au&#223;erdem dauert es achtundvierzig Stunden, einen vollst&#228;ndigen Zyklus laufen zu lassen  Sie sch&#252;ttelte den Kopf.

Irgendeine Ahnung, wer dahinterstecken k&#246;nnte?

Gregory glaubt, es k&#246;nnte eine Gruppe brillanter Hacker sein, die auf kriminelle Sabotage aus sind. Aber da ist immer diese Angst, die niemand aussprechen will  dass der Hacker einer von uns sein k&#246;nnte. Sie hielt inne und holte zittrig Atem. Jetzt wei&#223;t du, wie b&#246;se wir in der Klemme stecken, Wyman.

Im Halbschatten wieherte leise ein Pferd.

Offenbar glaubt Hazelius deshalb, Wolkonskis Tod m&#252;sse ein Selbstmord gewesen sein, sagte Ford.

Nat&#252;rlich war es Selbstmord. Er war unser Software-Techniker, und die Dem&#252;tigung, von einem Hacker so zum Narren gehalten zu werden, hat ihn schier verr&#252;ckt gemacht. Der arme Peter. Er war so verletzlich, auf dem emotionalen Stand eines Zw&#246;lfj&#228;hrigen  nur ein hyperaktiver, unsicherer Junge in T-Shirts, die ihm alle zu gro&#223; waren. Sie sch&#252;ttelte den Kopf. Er war dem Druck nicht gewachsen. Der Kerl hat ja nie geschlafen. Er war Tag und Nacht da drin bei seinem Computer. Aber er konnte dieses fiese Programm einfach nicht finden. Das hat ihn wahnsinnig gemacht. Er hat angefangen zu trinken, und es w&#252;rde mich nicht wundern, wenn er auch h&#228;rteres Zeug genommen hat.

Was ist mit Innes? Sollte er das Team nicht psychologisch betreuen?

Innes. Sie runzelte die Stirn. Er meint es gut, aber er ist uns intellektuell hoffnungslos unterlegen. Ich meine, diese w&#246;chentlichen Gespr&#228;chsrunden, dieser Bl&#246;dsinn von wegen Lasst alles raus, das funktioniert vielleicht bei normalen Leuten, aber nicht bei uns. Seine Tricks sind so leicht zu durchschauen, seine Suggestivfragen, seine Psychostrategien. Peter konnte ihn nicht ausstehen. Mit dem in Leder geh&#252;llten Handr&#252;cken wischte sie sich eine Tr&#228;ne von der Wange. Wir mochten Peter alle sehr.

Alle bis auf Wardlaw, bemerkte Ford. Und Corcoran.

Wardlaw  Na ja, der mag im Grunde keinen von uns, au&#223;er Hazelius. Aber du darfst nicht vergessen, dass er unter noch gr&#246;&#223;erem Druck steht als wir anderen. Er ist f&#252;r die Sicherheit zust&#228;ndig, f&#252;r alles, was bei uns geschieht. Wenn die Sache herausk&#228;me, w&#252;rde er im Gef&#228;ngnis landen.

Kein Wunder, dass er ein wenig nerv&#246;s ist.

Und was Melissa angeht, die ist schon mit einigen Mitgliedern des Teams aneinandergeraten, nicht nur mit Wolkonski. Ich  w&#228;re an deiner Stelle sehr vorsichtig bei ihr.

Ford dachte an das Briefchen auf seinem Kissen, sagte aber nichts.

Kate zog sich die Handschuhe aus und warf sie in einen Korb, der an der Wand hing. Zufrieden?, fragte sie mit scharfer Stimme.

Als Ford zu seinem H&#228;uschen zur&#252;ckging, stellte er sich dieselbe Frage. Zufrieden?


21


Pastor Russ Eddy war in seinen alten Ford Pick-up gestiegen, starrte gerade auf die Tankanzeige und &#252;berlegte, ob er noch genug Benzin hatte, um es auf die Mesa und zur&#252;ck zu schaffen, als er die unverkennbare, korkenzieherf&#246;rmige Staubwolke am Horizont erkannte, die ein nahendes Fahrzeug ank&#252;ndig te. Er stieg aus dem Wagen, lehnte sich an die T&#252;r und wartete.

Gleich darauf hielt ein Streifenwagen der Navajo Tribal Police vor seinem Trailer, und die Staubwolke zerstreute sich im Wind. Die Autot&#252;r ging auf, und ein staubiger Cowboystiefel kam zum Vorschein. Ein gro&#223;gewachsener Mann entfaltete sich aus dem Wageninneren und richtete sich auf.

Morgen, Pastor, sagte er und gr&#252;&#223;te mit der Hand am Hut.

Morgen, Lieutenant Bia, erwiderte Eddy und bem&#252;hte sich, seine Stimme ganz locker und ruhig klingen zu lassen.

Fahren Sie weg?

O nein, ich hab nur mal nach dem Benzin gesehen, sagte Eddy. Also, eigentlich hatte ich daran gedacht, hoch auf die Mesa zu fahren und mich den Wissenschaftlern vorzustellen. Ich mache mir Sorgen, was da oben wohl vor sich geht.

Bia blickte sich um, und seine verspiegelte Sonnenbrille reflektierte den Horizont, wohin er den Kopf auch wandte. Haben Sie Lorenzo in letzter Zeit mal gesehen?

Nein, antwortete Eddy. Nicht seit Montagmorgen.

Bia zog sich die Hose hoch, und seine Ausr&#252;stung klimperte am G&#252;rtel wie ein riesiges Bettelarmband. Komisch, er ist am Montag gegen Mittag per Anhalter nach Blue Gap gefahren und hat den Leuten, die ihn mitgenommen haben, erz&#228;hlt, dass er hierherwollte, weil er mit der Arbeit nicht fertig war. Sie haben gesehen, wie er die Stra&#223;e zur Mission entlanggegangen ist  ab da scheint er einfach verschwunden zu sein.

Eddy lie&#223; einen Moment verstreichen. Also, ich habe ihn hier nicht gesehen. Ich meine, am Morgen schon, aber er ist gegen Mittag oder vielleicht auch fr&#252;her wieder gegangen, und seitdem habe ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er sollte eigentlich f&#252;r mich arbeiten, aber 

Hei&#223; heute, was? Bia drehte sich um, grinste Eddy an und warf einen Blick in Richtung seines Wohnwagens. Kann ich Sie zu einer Tasse Kaffee &#252;berreden?, fragte Bia.

Nat&#252;rlich.

Bia folgte Eddy in die K&#252;chenecke und setzte sich an den Tisch. Eddy f&#252;llte nur frisches Wasser in die Kaffeemaschine und schaltete sie ein. Navajos verwendeten den Kaffeesatz auch mehrmals, daher vermutete Eddy, dass Bia das nichts ausmachen w&#252;rde.

Bia legte seinen Hut auf den Tisch. Das Haar klebte ihm wie ein nasser Ring am Kopf. Also, eigentlich bin ich nicht wegen Lorenzo hier. Ich pers&#246;nlich glaube eher, dass er wieder mal abgehauen ist. Die Leute in Blue Gap meinten, er sei ziemlich betrunken gewesen, als er am Montag durch den Ort kam.

Eddy nickte. Mir war auch aufgefallen, dass er wohl wieder an der Flasche hing.

Bia sch&#252;ttelte den Kopf. Ein Jammer. Der Junge hatte so einen guten Neuanfang gemacht. Wenn er nicht bald auftaucht, widerrufen sie seine Bew&#228;hrung, und er geht zur&#252;ck nach Alameda.

Eddy nickte erneut. Wirklich schade um ihn.

Die Kaffeemaschine begann zu gurgeln. Eddy n&#252;tzte die Gelegenheit, sich zu besch&#228;ftigen, indem er Becher, Zucker und Kaffeesahne holte und auf den Tisch stellte. Dann schenkte er zwei Becher Kaffee ein und setzte sich wieder.

Also, eigentlich, sagte Bia, bin ich wegen einer anderen Sache hier. Ich habe gestern mit dem H&#228;ndler in Blue Gap gesprochen, und er hat mir von Ihrem  Problem mit dem Geld aus der Kollekte erz&#228;hlt.

Aha. Eddy trank einen Schluck Kaffee und verbrannte sich daran den Mund.

Er hat gesagt, Sie h&#228;tten Geldscheine markiert und ihn gebeten, die Augen danach offen zu halten.

Eddy wartete.

Also, gestern sind ein paar dieser Scheine aufgetaucht.

Ich verstehe. Eddy schluckte. Gestern?

Das ist eine unangenehme Sache, sagte Bia, deshalb hat der H&#228;ndler sich auch an mich gewandt, statt Sie direkt anzurufen. Ich hoffe, Sie haben Verst&#228;ndnis daf&#252;r, wenn ich Ihnen erst erkl&#228;rt habe, warum. Ich will die Sache nicht unn&#246;tig aufbauschen.

Schon klar.

Kennen Sie die alte Benally? Elizabeth Benally?

Nat&#252;rlich, sie besucht meine Gottesdienste.

Fr&#252;her hat sie jeden Sommer ihre Schafe oben auf der Mesa geweidet und derweil in einem alten Hogan da oben gewohnt, in der N&#228;he von Piute Spring. Das war nicht ihr Land, sie hatte kein Recht dazu, aber sie hat diese Weiden fast ihr Leben lang genutzt. Als die Stammesregierung die Mesa f&#252;r dieses Isabella-Projekt ger&#228;umt hat, hat sie ihr Weideland verloren und musste ihre Schafe verkaufen.

Tut mir leid, das zu h&#246;ren.

War im Grunde nicht &#252;bel f&#252;r sie. Sie ist schon &#252;ber siebzig und hat von der Regierung ein nettes H&#228;uschen dr&#252;ben in Blue Gap zugewiesen bekommen. Das Problem ist, dass man mit einem solchen Haus pl&#246;tzlich Stromrechnungen bekommt, Wasserrechnungen und so weiter  Sie verstehen, was ich meine? Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie eine Rechnung zu bezahlen. Und jetzt lebt sie nur noch von ihrer Rente, weil sie ja keine Schafe mehr hat.

Er sagte, er verstehe schon.

Na ja, diese Woche hat ihre Enkelin Geburtstag, sie wird zehn, und gestern hat die gute alte Benally ihr im Laden im Ort einen Gameboy gekauft  hat ihn als Geschenk verpacken lassen, mit allem Drum und Dran. Er hielt inne und sah Eddy mit festem Blick an. Sie hat ihn mit Ihren markierten Scheinen bezahlt.

Eddy sa&#223; da und starrte Bia an.

Ich wei&#223;. Ganz sch&#246;ne &#220;berraschung. Bia zog seine Geldb&#246;rse aus der hinteren Hosentasche. Seine gro&#223;e, staubige Hand holte einen F&#252;nfziger heraus und schob ihn &#252;ber den Tisch. Aber es lohnt sich nicht, daraus eine gro&#223;e Sache zu machen.

Eddy konnte sich nicht r&#252;hren.

Bia erhob sich und steckte die Brieftasche wieder ein. Wenn so etwas noch einmal vorkommt, sagen Sie mir Bescheid, und ich ersetze den Schaden. Wie gesagt, ich f&#228;nde es wenig sinnvoll, das Ganze offiziell zu machen, Anzeige zu erstatten und so weiter. Wahrscheinlich ist sie sowieso nicht ganz zurechnungsf&#228;hig. Er nahm seinen Hut vom Tisch und st&#252;lpte ihn wieder &#252;ber sein schwei&#223;nasses schwarzes Haar.

Danke f&#252;r Ihr Verst&#228;ndnis, Pastor.

Er wandte sich zum Gehen, hielt aber noch einmal inne. Und wenn Sie Lorenzo sehen, sagen Sie mir kurz Bescheid, ja?

Mache ich, Lieutenant.

Pastor Russ Eddy sah zu, wie Lieutenant Bia zur T&#252;r hinausging, verschwand und dann im Fenster wieder auftauchte, als er &#252;ber den Hof ging. Genau &#252;ber der Stelle, wo der Leichnam vergraben war, wirbelten seine Cowboystiefel kleine Staubf&#228;hnchen auf.

Eddys Blick fiel auf die schmuddelige F&#252;nfzig-Dollar-Note, und ihm wurde schlecht. Dann wurde er zornig. Sehr zornig.


22


Ford betrat sein Wohnzimmer, stellte sich ans Fenster und betrachtete den krummen Umriss des Nakai Rock, der &#252;ber den Pappeln aufragte. Er hatte seinen Auftrag erf&#252;llt und stand nun vor der Entscheidung: Sollte er dar&#252;ber Bericht erstatten?

Er lie&#223; sich in einen Sessel fallen und schlug die H&#228;nde vors Gesicht. Kate hatte recht: Wenn diese Neuigkeit nach au&#223;en drang, w&#252;rde das Projekt es vermutlich nicht &#252;berstehen. Diese Sache w&#252;rde die Karrieren aller Beteiligten ruinieren  Kates eingeschlossen. In der wissenschaftlichen Welt war schon der Verdacht einer Vertuschung oder L&#252;ge ein absoluter Karriere-Killer.

Zufrieden?, fragte er sich erneut.

Er stand auf und ging &#228;rgerlich auf und ab. Lockwood hatte von Anfang an gewusst, dass Ford die Antwort ausgraben w&#252;rde, indem er Kate fragte. Er war nicht engagiert worden, weil er ein ach so brillanter ehemaliger CIA-Agent war, der sich selbst&#228;ndig gemacht hatte, sondern weil er zuf&#228;llig etwas mit einer bestimmten Frau gehabt hatte, vor zw&#246;lf Jahren. Er h&#228;tte Lockwood auf seinem Auftrag sitzenlassen sollen, als er noch die Chance dazu gehabt hatte. Aber er hatte den Auftrag spannend gefunden. Sich geschmeichelt gef&#252;hlt. Und er musste sich eingestehen, dass die Vorstellung, Kate wiederzusehen, ihn sehr gereizt hatte.

Einen Moment lang sehnte er sich nach seinem Leben im Kloster, nach jenen drei&#223;ig Monaten, in denen ihm das Leben so einfach, so klar erschienen war. Dort hatte er beinahe vergessen, wie schrecklich grau und zwiesp&#228;ltig die Welt war, und welche unm&#246;glichen moralischen Entscheidungen sie einem aufzwang. Doch er w&#228;re nie ein guter M&#246;nch geworden. Er war ins Kloster gegangen in der Hoffnung, seinen Glauben an sich selbst, seine Zuversicht wiederzufinden. Aber das Kloster hatte bei ihm genau das Gegenteil bewirkt.

Er senkte den Kopf und versuchte zu beten, doch das waren blo&#223; Worte. Worte in der Stille.

Vielleicht gab es so etwas wie richtig oder falsch gar nicht mehr  die Menschen taten eben, was sie taten. Er traf seine Entscheidung. Auf keinen Fall w&#252;rde er etwas unternehmen, was Kates Karriere schaden k&#246;nnte. Sie hatte in ihrem Leben schon genug Tiefschl&#228;ge einstecken m&#252;ssen. Er w&#252;rde ihnen noch zwei Tage geben, die Malware aufzusp&#252;ren. Und er w&#252;rde ihnen dabei helfen. Er vermutete stark, dass der Saboteur ein Mitglied des Teams war. Niemand sonst h&#228;tte Zugang zum Computer oder das n&#246;tige Fachwissen.

Ford trat aus der Haust&#252;r und machte eine langsame Runde ums Haus, als wolle er frische Luft schnappen, um sich zu vergewissern, dass Wardlaw sich nicht hier herumtrieb. Dann ging er ins Schlafzimmer, schloss einen Schrank auf und holte seine Aktentasche heraus. Er tippte den Zifferncode ein, schloss den Aktenkoffer auf, holte das Telefon heraus und w&#228;hlte die Nummer.

Lockwood meldete sich so schnell, dass Ford meinte, der wissenschaftliche Berater m&#252;sse neben dem Telefon gewartet haben.

Neuigkeiten?, fragte Lockwood atemlos.

Nicht viel.

Ein scharfes, ungeduldiges Seufzen von Lockwood. Sie hatten schon vier Tage Zeit, Wyman.

Sie bekommen Isabella einfach nicht richtig zum Laufen. Allm&#228;hlich glaube ich, Sie k&#246;nnten sich geirrt haben, Stan. Die versuchen hier nichts zu vertuschen. Es ist genau so, wie sie sagen  die Maschine funktioniert einfach nicht richtig, und sie kriegen das nicht hin.

Verdammt noch mal, Ford, das kaufe ich Ihnen nicht ab!

Er konnte Lockwood ins Telefon atmen h&#246;ren. Auch Lockwoods Karriere stand hier auf dem Spiel. Doch Ford war der Mann v&#246;llig egal. Sollte er daran zugrunde gehen. Nur Kate war ihm wichtig. Wenn er ihnen ein bisschen mehr Zeit erkaufen konnte, um den Computerwurm zu finden, musste Lockwood &#252;berhaupt nicht erst davon erfahren.

Lockwood fuhr fort: Sie haben sicher von diesem Evangelisten Spates und seiner Fernsehpredigt geh&#246;rt?

Ja.

Das verk&#252;rzt unseren Zeitrahmen. Sie haben noch zwei, maximal drei Tage, ehe wir den Stecker rausziehen m&#252;ssen. Wyman, finden Sie heraus, was diese Leute verheimlichen  haben Sie mich verstanden? Finden Sie es heraus!

Ich verstehe.

Sie haben Wolkonskis Haus durchsucht?

Ja.

Haben Sie etwas gefunden?

Nichts Besonderes.

Schweigen von Lockwood, dann: Ich habe gerade den vorl&#228;ufigen Bericht der Gerichtsmedizin &#252;ber Wolkonski bekommen. Sieht immer mehr nach Selbstmord aus.

Aha.

Ford h&#246;rte Papier rascheln.

Ich habe au&#223;erdem die Nachforschungen anstellen lassen, um die Sie gebeten haben. Was Cecchini angeht  Die Sekte hie&#223; Heavens Gate. Vielleicht erinnern Sie sich, das war diese Sekte, deren Mitglieder neunzehnhundertsiebenundneunzig Massenselbstmord ver&#252;bt haben, weil sie glaubten, ihre Seelen w&#252;rden von einem au&#223;erirdischen Raumschiff aufgenommen werden, das sich im Schatten des Kometen Hale-Bopp der Erde n&#228;herte? Cecchini hat sich der Sekte f&#252;nfundneunzig angeschlossen, ist aber kaum ein Jahr dabeigeblieben und vor dem Massenselbstmord ausgestiegen.

Gibt es Hinweise darauf, dass er immer noch daran glaubt? Der Kerl kommt mir ein bisschen vor wie ein Roboter.

Die Sekte existiert nicht mehr, und es gibt keine Hinweise darauf, dass er noch daran glaubt. Seitdem f&#252;hrt er ein ganz normales Leben  ein bisschen einsam vielleicht. Trinkt nicht, raucht nicht, offenbar keine Freundinnen, und sehr wenig Freunde. Sein Leben dreht sich nur um seinen Beruf. Der Mann ist ein brillanter Physiker  geht v&#246;llig in seiner Arbeit auf.

Und Chen?

In ihrem Dossier steht, dass ihr Vater ein einfacher Arbeiter gewesen sei, Analphabet, gestorben, bevor sie und ihre Mutter aus China emigriert sind. Das stimmt nicht. Er war Physiker und hat auf dem chinesischen Atomwaffen-Testgel&#228;nde in Lop Nor gearbeitet. Und er lebt noch, allerdings in China.

Wie ist die falsche Information in das Dossier gelangt?

Aus der Akte der Einwanderungsbeh&#246;rde  und durch Chens eigene Angaben.

Sie l&#252;gt also.

Nicht unbedingt. Ihre Mutter hat sie aus China weggebracht, als sie zwei Jahre alt war. K&#246;nnte sein, dass die Mutter sie belogen hat. Aber es k&#246;nnte eine weitere harmlose Erkl&#228;rung f&#252;r diese falschen Behauptungen geben: Die Mutter h&#228;tte kein Visum f&#252;r die Einreise nach Amerika bekommen, wenn sie die Wahrheit gesagt h&#228;tte. Chen wei&#223; vielleicht gar nicht, dass ihr Vater noch lebt. Wir haben keinerlei Hinweise darauf, dass sie Informationen &#252;ber das Projekt weitergibt.

Hmm.

Uns l&#228;uft die Zeit davon, Wyman. H&#228;ngen Sie sich rein. Ich wei&#223;, dass die irgendetwas verheimlichen  ich wei&#223; es einfach.

Lockwood legte auf.

Ford trat wieder ans Fenster und starrte auf den Nakai Rock. Nun war er einer von ihnen  er h&#252;tete das Geheimnis mit. Doch im Gegensatz zu ihnen hatte er mehr als nur ein Geheimnis.


23


Um zwanzig nach elf raste Pastor Russ Eddy in seinem zerbeulten 1989er Ford Pick-up die brandneue, asphaltierte Stra&#223;e entlang, die quer &#252;ber die Red Mesa f&#252;hrte. Der Wind, der durch die offenen Fenster hereinwehte, lie&#223; die Seiten der King-James-Bibel auf dem Beifahrersitz flattern, und sein Puls h&#228;mmerte von einer Mischung aus Verwirrung, Wut und Angst. Der Dieb war also doch nicht Lorenzo gewesen. Trotzdem, Lorenzo war betrunken gewesen, aufs&#228;ssig  und er hatte Gott, den Herrn, auf abscheuliche Weise gel&#228;stert. Eddy hatte mit seinem Tod praktisch nichts zu tun  Lorenzo hatte sich selbst gerichtet. Doch letzten Endes gehorchte alles Gottes Plan. Und Gott wusste, was Er tat.

Gottes Wege sind unergr&#252;ndlich.

Das sagte er sich immer wieder vor. Sein Leben lang hatte er auf seine Berufung gewartet  darauf, dass Gott ihm seine wahre Aufgabe enth&#252;llte. Es war ein langer, beschwerlicher Weg gewesen. Gott hatte ihn so streng gepr&#252;ft wie Hiob, ihm seine Frau und sein Kind durch die Scheidung genommen, ihm seine Karriere genommen, sein Geld, seine Selbstachtung.

Und nun diese Sache mit Lorenzo. Lorenzo hatte sich der Blasphemie schuldig gemacht, er hatte Gott und Jesus mit den abscheulichsten Worten geschm&#228;ht, und Gott hatte ihn vor Eddys eigenen Augen daf&#252;r mit dem Tod bestraft. Vor seinen Augen. Aber Lorenzo war nicht der Dieb gewesen: Eddy hatte ihn zu Unrecht beschuldigt. Was hatte das zu bedeuten? Wo war Gottes Wille bei alldem? Was hatte Gott mit ihm vor?

Gottes Wege sind unergr&#252;ndlich.

Der Pick-up hustete und ratterte den gl&#228;nzenden schwarzen Asphalt entlang, nahm eine weite Kurve, fuhr zwischen Sandsteinklippen hindurch  und dort unter ihm lag eine Ansammlung von Adobe-H&#228;usern, halb unter Pappeln verborgen. Rechts von ihm, etwa anderthalb Kilometer entfernt, befanden sich die beiden neuen Start-und Landebahnen des kleinen Flugplatzes und ein paar gro&#223;e Hangars. Jenseits davon, am Rand der Mesa, war der Isabella-Komplex selbst, umgeben von doppelten Reihen hoher Z&#228;une.

Das meiste von Isabella, so viel wusste er schon, befand sich unter der Erde. Der Eingang musste in diesem eingez&#228;unten Bereich liegen.

Himmlischer Vater, f&#252;hre mich, betete er.

Eddy fuhr in das gr&#252;ne T&#228;lchen hinab. Am anderen Ende erkannte er ein altes Blockhaus  das musste der alte Handelsposten von Nakai Rock sein. Zwei M&#228;nner und eine Frau gingen gerade darauf zu. Andere warteten bereits an der T&#252;r. Gott hatte sie hier f&#252;r ihn versammelt.

Er atmete tief durch, bremste den Pick-up und parkte vor dem Geb&#228;ude. Auf einem handbemalten Schild &#252;ber der T&#252;r stand: Nakai Rock Trading Post, 1888.

Durch die Fliegengittert&#252;r z&#228;hlte er acht Menschen im ersten Raum. Er klopfte an den h&#246;lzernen Rahmen. Niemand reagierte. Er klopfte lauter. Der Mann ganz vorn drehte sich um, und Russ fielen sofort seine Augen auf. Sie waren so blau, dass er meinte, sie h&#228;tten ihm einen elektrischen Schlag versetzt.

Hazelius. Das musste er sein.

Russ murmelte ein kurzes Gebet und trat ein.

Was kann ich f&#252;r Sie tun?, fragte der Mann.

Mein Name ist Russ Eddy. Ich bin der Pastor der Mission unten in Blue Gap, erkl&#228;rte er hastig. Er kam sich dumm und linkisch vor.

Mit einem herzlichen L&#228;cheln l&#246;ste sich der Mann von dem Sessel, an dem er gelehnt hatte, und kam auf ihn zu. Gregory North Hazelius, sagte er und dr&#252;ckte ihm kr&#228;ftig die Hand. Freut mich, Sie kennenzulernen, Russ.

Danke, Sir.

Was kann ich denn f&#252;r Sie tun?

Russ sp&#252;rte Panik in sich aufsteigen. Wo waren die gew&#228;hlten Worte, die er einge&#252;bt hatte, w&#228;hrend der Pick-up sich den Dugway hinaufqu&#228;lte? Doch zum Gl&#252;ck fand er sie wieder. Ich habe von dem Isabella-Projekt geh&#246;rt und beschlossen, Sie hier zu besuchen, um Ihnen von meiner Mission zu erz&#228;hlen und Ihnen meine volle Unterst&#252;tzung in Form meines geistlichen Beistands anzubieten. Wir treffen uns jeden Sonntag um zehn Uhr, dr&#252;ben in Blue Gap, etwa vierhundert Meter westlich des Wasserturms.

Ich danke Ihnen sehr, Russ, sagte Hazelius mit warmer, aufrichtig klingender Stimme. Wir werden Sie bald besuchen  und wenn Sie m&#246;gen, bekommen Sie selbstverst&#228;ndlich eine F&#252;hrung durch Isabella. Bedauerlicherweise stecken wir jetzt gerade mitten in einer wichtigen Besprechung. M&#246;chten Sie vielleicht n&#228;chste Woche wiederkommen?

Die Hitze stieg Russ ins Gesicht. &#196;h, nein, Sir, ich glaube nicht. Er schluckte. Verstehen Sie, meine Sch&#228;fchen und ich, wir machen uns Gedanken dar&#252;ber, was hier oben vor sich geht. Ich bin hier, um ihnen ein paar Antworten zu bringen.

Ich kann Ihre Besorgnis gut verstehen, Russ, wirklich. Mr. Hazelius warf einem Mann, der ganz in der N&#228;he stand, einen Blick zu  ein gro&#223;er, kantiger, h&#228;sslicher Kerl. Pastor, darf ich Ihnen Wyman Ford vorstellen, unseren Verbindungsmann zur lokalen Bev&#246;lkerung?

Der Mann trat mit ausgestreckter Hand vor. Freut mich, Sie kennenzulernen, Pastor.

Hazelius zog sich bereits zur&#252;ck.

Ich bin hier, um mit ihm zu sprechen, nicht mit Ihnen, sagte Eddy, und die schrille Stimme, die er an sich so verabscheute, brach beinahe vor Anstrengung.

Hazelius wandte sich um. Entschuldigen Sie bitte, Pastor. Wir wollen gewiss nicht unh&#246;flich sein. Wir haben nur im Augen blick sehr viel zu tun  K&#246;nnten wir uns morgen treffen, um dieselbe Zeit?

Nein, Sir.

Bei allem Respekt, darf ich fragen, warum es so wichtig ist, das sofort zu kl&#228;ren?

Weil ich erfahren habe, dass es hier einen  einen unerwarteten Trauerfall gegeben hat, und ich denke, so etwas muss angemessen zur Sprache gebracht werden.

Hazelius starrte ihn an. Sie meinen den Tod von Peter Wolkonski? Seine Stimme war sehr ruhig geworden.

Wenn das der Mann ist, der sich das Leben genommen hat, dann meine ich den, ja, Sir.

Der Mann namens Ford mischte sich wieder ein. Pastor, ich bin gern bereit, diese Themen gemeinsam mit Ihnen anzupacken. Das Problem ist, dass Dr. Hazelius im Begriff ist, einen weiteren Probelauf mit Isabella zu starten, und er kann Ihnen im Moment einfach nicht so viel Zeit widmen, wie er gerne m&#246;chte. Aber ich k&#246;nnte das.

Eddy w&#252;rde sich nicht zu irgendeinem PR-Lakaien abschieben lassen. Wie gesagt, ich will mit ihm reden  nicht mit Ihnen. Ist er nicht derjenige, der von sich behauptet hat, der kl&#252;gste Mensch auf der Welt zu sein? Der gesagt hat, alle anderen w&#228;ren Hornochsen? Derjenige, der diese Maschine gebaut hat, um das Wort Gottes in Zweifel zu ziehen?

Kurz herrschte Schweigen.

Das Isabella-Projekt hat nichts mit Religion zu tun, sagte der PR-Mann dann.Das ist ein rein wissenschaftliches Experiment.

Eddy sp&#252;rte, wie die Wut in ihm hochkochte  gerechter, rasender Zorn auf Lorenzo, auf seine Exfrau, auf den Scheidungsrichter und s&#228;mtliche Ungerechtigkeit der Welt. So musste Jesus im Tempel empfunden haben, als er die Geldverleiher hinausgeworfen hatte.

Mit zitterndem Zeigefinger deutete er auf Hazelius.Gott wird Sie abermals bestrafen.

Das reicht jetzt , sagte der PR-Mann mit scharfer Stimme, doch Hazelius unterbrach ihn.

Was soll das hei&#223;en, abermals?

Ich habe mich &#252;ber Sie informiert. Ich wei&#223; alles &#252;ber Ihre Frau, die ihren K&#246;rper f&#252;r pornographische Bilder im Playboy-Magazin entbl&#246;&#223;t hat, die sich selbst zum Goldenen Kalb machte, die Unzucht getrieben hat wie die Hure von Babylon. Gott hat Sie bestraft und sie Ihnen genommen. Dennoch haben Sie Ihre S&#252;nden nicht bereut.

Im Raum wurde es totenstill. Nach einem Moment des Schweigens sagte der PR-Mann: Mr. Wardlaw, bitte begleiten Sie Mr. Eddy hinaus.

Nein, sagte Hazelius. Noch nicht. Mit einem gr&#228;sslichen L&#228;cheln, das dem Priester wie eine eiskalte Hand ans Herz griff, wandte er sich Eddy zu.Sagen Sie, Russ, Sie sind der Pastor einer Mission hier in der N&#228;he?

So ist es.

Welcher Konfession geh&#246;ren Sie an?

Wir sind ungebunden. Evangelikal.

Aber  was sind Sie? Protestant? Katholik? Mormone?

Nichts von alledem. Wir sind wiedergeborene, fundamentalistische Christen.

Was bedeutet das?

Dass wir Jesus Christus von tiefstem Herzen als unseren Herrn und Erl&#246;ser angenommen haben und wiedergeboren wurden durch das Wasser und den Geist, der einzig wahre Weg zum Heil der Erl&#246;sung. Wir glauben, dass jedes Wort der heiligen Schriften das unfehlbare Wort Gottes ist.

Sie glauben also, dass Protestanten und Katholiken keine echten Christen sind und Gott sie in die H&#246;lle schicken wird  ist das so richtig?

Eddy f&#252;hlte sich bei diesem Exkurs in das fundamental-christliche Dogma nicht ganz wohl. Aber wenn es das war, wor&#252;ber der kl&#252;gste Mann der Welt mit ihm reden wollte  Eddy sollte es recht sein.

Wenn sie nicht wiedergeboren wurden, dann  ja.

Juden? Muslime? Buddhisten? Hindus? Die Unsicheren, die Suchenden, die Verlorenen? Alle verdammt?

Ja.

Also werden die meisten Leute auf diesem kleinen Klumpen Matsch in einer abgelegenen Ecke einer eher unbedeutenden Galaxie in die H&#246;lle kommen  bis auf Sie und ein paar Ihrer Gesinnungsgenossen?

Sie m&#252;ssen verstehen 

Deshalb stelle ich Ihnen ja diese Fragen, Russ  um zu verstehen. Ich wiederhole: Glauben Sie, dass Gott den Gro&#223;teil der Menschen auf dieser Welt in die H&#246;lle schicken wird?

Ja, das glaube ich.

Wissen Sie das mit Bestimmtheit?

Ja. Die Heilige Schrift best&#228;tigt das mehrmals. Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.

Hazelius wandte sich der Gruppe zu.Meine Damen und Herren, ich pr&#228;sentiere Ihnen ein Insekt  nein, ein Bakterium , das sich anma&#223;t, Gottes Willen zu kennen.

Eddys Wangen brannten. Sein Verstand &#252;berschlug sich vor Anstrengung, eine passende Erwiderung zu finden.

Der h&#228;ssliche Mann namens Ford sagte zu Hazelius:Gregory, bitte, machen Sie es nicht noch schlimmer.

Ich stelle nur ein paar Fragen, Wyman.

Sie erschaffen eher ein Problem. Der Mann wandte sich wieder einem uniformierten W&#228;chter zu.Mr. Wardlaw? Ich bitte Sie noch einmal, Mr. Eddy nach drau&#223;en zu begleiten.

Der Wachmann sagte gelassen:Dr. Hazelius ist hier der Leiter, Befehle nehme ich nur von ihm entgegen. Er drehte sich um.Sir?

Hazelius sagte nichts.

Eddy war mit der kleinen Rede, die er sich auf der Fahrt hier herauf zurechtgelegt hatte, noch nicht fertig. Er hatte seinen Zorn gez&#252;gelt und sprach nun mit eiskalter Gewissheit, wobei er direkt in diese leuchtend blauen Augen blickte.Sie halten sich f&#252;r den kl&#252;gsten Mann der Welt. Aber wie schlau sind Sie wirklich? Sie sind so klug, dass Sie glauben, die Welt sei durch eine Art Unfall entstanden, eine Explosion, den sogenannten Urknall, und dass alle Atome sich rein zuf&#228;llig zusammengefunden h&#228;tten, um Leben hervorzubringen, ohne jede Hilfe von Gott. Wie klug soll das eigentlich sein? Ich sage Ihnen, wie klug das ist: so klug, dass es Sie schnurstracks in die H&#246;lle bringen wird. Sie sind ein Teil des Feldzugs gegen den Glauben, Sie und Ihre gottlosen Theorien. Ihr Spinner wollt die christliche Gemeinschaft aufgeben, unsere Nation, die unsere Gr&#252;ndungsv&#228;ter aufgebaut haben, um das Land in einen Tempel des s&#228;kularen Humanismus zu verwandeln, eine Kultur des Wohlgef&#252;hls und M&#252;&#223;iggangs, in der alles erlaubt ist  Homosexualit&#228;t, Abtreibung, Drogen, vorehelicher Sex, Pornographie. Aber jetzt erntet ihr, was ihr ges&#228;t habt. Es hat bereits einen Selbstmord gegeben. Das ist es, wohin Blasphemie und Gotteshass f&#252;hren. Selbstmord. Und Gott wird Seinen himmlischen Zorn abermals &#252;ber Sie kommen lassen, Hazelius. Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.

Eddy verstummte keuchend. Der Wissenschaftler sah ihn mit einem seltsamen Blick an, und seine Augen glitzerten wie gefrorener Stahl.

Mit merkw&#252;rdig erstickter Stimme sagte Hazelius:Es wird jetzt Zeit, dass Sie gehen.

Eddy erwiderte nichts. Der bullige Wachmann trat vor.Komm mit, hier lang, Kumpel.

Das ist nicht notwendig, Tony. Unser lieber Russ hat seine kleine Rede vorgetragen. Er wei&#223;, dass es jetzt Zeit ist, zu gehen.

Der Wachmann trat trotzdem einen weiteren Schritt auf ihn zu.

Nur keine Sorge, sagte Eddy hastig.Ich kann es kaum erwarten, diesen gottlosen Ort zu verlassen.

Als sich die Fliegengittert&#252;r hinter ihm schloss, h&#246;rte Eddy die ruhige Stimme sagen:Das Bakterium reckt sein Flagellum, um zu verschwinden.

Er drehte sich um, presste das Gesicht an das Fliegengitter und rief:Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Johannes acht, Vers zweiunddrei&#223;ig.

Er wirbelte herum und ging steifbeinig zu seinem Pick-up; seine linke Gesichtsh&#228;lfte zuckte vor Dem&#252;tigung und grenzenloser, ungeheuerlicher Wut.


24


Ford sah der mageren Gestalt des Pastors nach, die sich &#252;ber den Parkplatz in Richtung einer Schrottkarre von Pick-up entfernte. Wenn ein solcher Mann Anh&#228;nger gewann, konnte er dem Isabella-Projekt gro&#223;en Schaden zuf&#252;gen. Er fand es &#228;u&#223;erst bedauerlich, dass Hazelius den Mann provoziert hatte, und er hatte das Gef&#252;hl, dass diese Angelegenheit noch nicht erledigt war  noch lange nicht.

Als er sich wieder umdrehte, sah Hazelius auf die Uhr, als sei nichts geschehen.

Wir sind sp&#228;t dran, sagte der Wissenschaftler forsch und nahm seinen wei&#223;en Laborkittel vom Haken. Er blickte sich um.Gehen wir. Sein Blick fiel auf Ford.Ich f&#252;rchte, Sie werden die n&#228;chsten zw&#246;lf Stunden allein verbringen m&#252;ssen.

Also, eigentlich, sagte Ford,w&#252;rde ich Isabella gern mal in Aktion erleben.

Hazelius zog seinen Kittel an und griff nach seinem Aktenkoffer.Bedaure, Wyman, das wird nicht m&#246;glich sein. Wenn wir zu einem Durchlauf unten im Bunker sind, hat jeder seine oder ihre feste, streng geregelte Aufgabe, und wir haben wenig Platz. Da kann keine zus&#228;tzliche Person einfach herumstehen. Ich hoffe, Sie haben daf&#252;r Verst&#228;ndnis.

Ich bedaure das auch, Gregory, denn ich finde, um meine Aufgabe hier zu erf&#252;llen, muss ich zumindest bei einem Durchlauf mal dabei gewesen sein.

Also sch&#246;n, aber ich f&#252;rchte, bei diesem bestimmten Testlauf geht es leider nicht. Wir haben Schwierigkeiten, wir stehen alle unter Stress, und solange wir diese technischen Probleme nicht gel&#246;st haben, k&#246;nnen wir wirklich keine &#252;berfl&#252;ssigen Leute auf der Br&#252;cke gebrauchen.

Ford sagte ruhig:Ich f&#252;rchte, ich muss darauf bestehen.

Hazelius z&#246;gerte. Ein unangenehmes Schweigen machte sich breit.Warum m&#252;ssen Sie einen Durchlauf mit ansehen, um hier Ihren Job zu machen?

Ich wurde eingestellt, um der hiesigen Bev&#246;lkerung zu versichern, dass Isabella nicht gef&#228;hrlich ist. Ich werde niemandem irgendetwas versichern, ehe ich mich nicht selbst vergewissert habe.

Haben Sie tats&#228;chlich Zweifel an Isabellas Sicherheit?

Ich werde jedenfalls niemandem einfach aufs Wort glauben, was ich nicht selbst gesehen habe.

Hazelius sch&#252;ttelte langsam den Kopf.

Ich muss den Navajos glaubhaft versichern k&#246;nnen, dass ich Zugang zu jedem Aspekt des Projekts habe und dass mir wirklich nichts verheimlicht wird.

Als zust&#228;ndiger Sicherheitsoffizier, mischte sich Wardlaw pl&#246;tzlich ein,m&#246;chte ich Mr. Ford davon in Kenntnis setzen, dass ihm aus Sicherheitsgr&#252;nden der Zutritt zum Bunker verwehrt ist. Ende der Diskussion.

Ford wandte sich Wardlaw zu.Das ist wirklich keine Art, unsere Zusammenarbeit hier zu gestalten, Mr. Wardlaw.

Hazelius sch&#252;ttelte erneut den Kopf.Wyman, ich verstehe ja, was Sie meinen. Wirklich. Das Problem ist nur 

Kate Mercer unterbrach ihn.Falls du dir Sorgen machst, er k&#246;nnte von der Malware im System erfahren, kannst du dir die M&#252;he sparen. Er wei&#223; schon davon.

Alle starrten sie an. In schockiertem Schweigen stand die Gruppe da.

Ich habe ihm alles gesagt, erkl&#228;rte Mercer.Ich fand, er sollte Bescheid wissen.

Na toll, sagte Corcoran und verdrehte die Augen zur Decke.

Kate fuhr zu ihr herum.Er ist ein Mitglied dieses Teams. Er hat ein Recht darauf, Bescheid zu wissen. Ich kann mich hundertprozentig f&#252;r ihn verb&#252;rgen. Er wird unser Geheimnis niemandem verraten.

Corcoran err&#246;tete.Ich denke, wir k&#246;nnen alle zwischen den Zeilen dieser kleinen Ansprache lesen.

Es ist nicht so, wie du denkst, gab Mercer kalt zur&#252;ck.

Corcoran l&#228;chelte h&#228;misch.Was denke ich denn?

Hazelius r&#228;usperte sich.So, so. Er wandte sich Ford zu und legte ihm, nicht unfreundlich, eine Hand auf die Schulter.Kate hat Ihnen also alles erkl&#228;rt.

Das hat sie.

Er nickte.Sch&#246;n  Er schien zu &#252;berlegen. Dann drehte er sich um und l&#228;chelte Kate an.Ich respektiere deine Entscheidung. In diesem Fall werde ich deiner Menschenkenntnis vertrauen. Dann wandte er sich wieder Ford zu.Ich wei&#223;, dass Sie ein ehrenhafter Mann sind. Willkommen in der Truppe  und diesmal wirklich. Sie haben jetzt Anteil an unserem kleinen Geheimnis. Der Blick seiner blauen Augen war beunruhigend, durchdringend.

Ford versuchte, die R&#246;te zur&#252;ckzuhalten, die ihm ins Gesicht steigen wollte. Er warf Kate einen Blick zu und war erstaunt &#252;ber ihren Gesichtsausdruck  was war das, Hoffnung? Erwartung? Sie schien nicht w&#252;tend auf ihn zu sein, weil er Hazelius so bedr&#228;ngt hatte.

Wir sprechen sp&#228;ter dar&#252;ber, Wyman. Hazelius lie&#223; die Hand von Fords Schulter gleiten und sagte zu Wardlaw:Tony, es sieht ganz danach aus, als w&#252;rde Mr. Ford nun doch beim n&#228;chsten Testlauf dabei sein.

Der Sicherheitschef antwortete nicht. Seine Miene blieb vollkommen stoisch und ausdruckslos, und er starrte stur geradeaus.

Tony?

Ja, Sir, kam die gequ&#228;lt klingende Antwort. Ich habe verstanden, Sir.

Ford blickte Wardlaw fest ins Gesicht, als er an ihm vorbeiging. Der Mann erwiderte den Blick mit kalten, leeren Augen.


25


Ken Dolby sah zu, wie die riesige Titant&#252;r des Bunkers herabsank und sich mit einem dumpfen, hohlen Schlag verriegelte. Ein feuchter Luftzug glitt &#252;ber sein Gesicht, er roch nach H&#246;hlen, nassem Stein, warmer Elektronik, Motor&#246;l und Kohlenstaub. Ken atmete tief ein. Das war ein berauschender, &#252;ppiger Duft  der Duft von Isabella.

Die Wissenschaftler gingen auf ihrem Weg zur Br&#252;cke einzeln an ihm vorbei. Als Hazelius kam, hielt Dolby ihn auf.

Ich habe ein rotes L&#228;mpchen am Magneten hundertvier, sagte er.Eine Warnung der Rauschsperre. Nichts Ernstes. Ich werde das gleich &#252;berpr&#252;fen.

Wie lange wird das dauern?, fragte Hazelius.

Weniger als eine Stunde.

Hazelius t&#228;tschelte ihm freundlich den R&#252;cken.Tun Sie das, Ken, und erstatten Sie mir Bericht. Ich werde Isabella nicht einschalten, ehe wir von Ihnen geh&#246;rt haben.

Dolby nickte. Er blieb in der gro&#223;en H&#246;hle stehen, w&#228;hrend die anderen in der Br&#252;cke verschwanden. Die T&#252;r schloss sich mit einem metallischen Kleng, das durch den riesigen Hohlraum hallte.

Allm&#228;hlich wurde es wieder still. Dolby sog einmal mehr die duftende Luft ein. Er hatte das Design-Team geleitet, das Isabella entworfen hatte  ein Dutzend hochqualifizierter Ingenieure von diversen Universit&#228;ten und fast hundert gewerbliche Designer, die jeweils ein spezifisches Subsystem entwarfen, und ebenso den Supercomputer. Und obwohl so viele Einzelpersonen beteiligt gewesen waren, hatte er alle F&#228;den fest in der Hand gehalten und war an allem selbst beteiligt gewesen. Er kannte jeden Quadratzentimeter von Isabella, jede ihrer Launen und Marotten, jede Kurve und jede Nische. Isabella war sein Gesch&#246;pf  seine Maschine.

Die ovale &#214;ffnung zu Isabellas Tunnel, die aussah, als h&#228;tte jemand links und rechts etwas von einem Donut abgeschnitten, schimmerte in sanftem, bl&#228;ulichem Licht. Kondenswasser schl&#228;ngelte sich in sinnlichen Bahnen aus dem Portal, wandte sich hierhin und dorthin und verdampfte schlie&#223;lich. Im Tunnel, jenseits der &#214;ffnung, konnte Dolby gerade noch die massive, blaugraue Abschirmung aus abgereichertem Uran erkennen  und dahinter lag der K-Null-Bereich, Isabellas schlagendes Herz.

K-Null. Koordinate null. Der winzige Raum, im Durchmesser nicht gr&#246;&#223;er als ein Stecknadelkopf, wo die Strahlen aus Materie und Antimaterie bei Lichtgeschwindigkeit aufeinanderprallten, um sich gegenseitig in einer Explosion reiner Energie auszul&#246;schen. Wenn Isabella mit hundert Prozent Leistung lief, war dies die hei&#223;este, hellste Stelle im gesamten Universum  eine Billion Grad Fahrenheit. Au&#223;er, dachte Dolby l&#228;chelnd, es gab da drau&#223;en eine Rasse intelligenter Lebewe sen, die einen noch gr&#246;&#223;eren Teilchenbeschleuniger gebaut hatten.

Er glaubte das eher nicht.

Die meiste Energie der Materie-Antimaterie-Explosion wurde laut Einsteins ber&#252;hmter Formel E = mc2 augenblicklich wieder in Masse umgewandelt, eine unglaubliche Streuung exotischer, subatomarer Teilchen, von denen einige zuletzt bei der Erschaffung des Universums durch den Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren zu sehen gewesen waren.

Er schloss die Augen und stellte sich vor, eines der Protonen zu sein, die im Ring kreisten, immer rundherum, und von den Supermagneten auf 99,999 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt wurden. Er umkreiste den 75 Kilometer langen Ring viertausendmal pro Sekunde, rundherum, rundherum. Er sah sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit den kreisrunden Tunnel entlangrasen, jeder Magnet verlieh ihm ein wenig mehr Geschwindigkeit, &#252;ber drei Millionen solche Antriebe pro Sekunde, schneller, immer schneller  eine aufregende Vorstellung. Und nur anderthalb Zentimeter von ihm entfernt in dieser R&#246;hre kreiste der Antiprotonenstrahl in die entgegengesetzte Richtung, sauste mit derselben unfassbaren Geschwindigkeit an ihm vorbei.

Er stellte sich vor, wie er im Kreis herumraste, immer rundherum  und dann kam der Augenblick des Zusammentreffens. Sein Teilchenstrahl wurde auf die Bahn des entgegenkommenden Strahls gezwungen. In eine frontale Kollision bei K-Null. Materie, die mit Lichtgeschwindigkeit auf Antimaterie stie&#223;. Er flog mit seinem Teilchen dort hinein und sp&#252;rte die Kollision  die reine, absolute, erregende Vernichtung. Er f&#252;hlte seine Wiedergeburt, als Streuung seltsamer neuer Teilchen, die in alle Richtungen davonspritzten und in die vielen Schichten der Detektoren prallten, deren Aufgabe es war, jedes Partikel zu registrieren, zu z&#228;hlen und zu untersuchen.

Zehn Billionen Partikel pro Sekunde.


Dolby &#246;ffnete die Augen, erwachte aus seinem Tagtraum und kam sich ein wenig albern vor. Er untersuchte seine Taschen auf M&#252;nzen oder andere ferromagnetische Gegenst&#228;nde und ging durch den gro&#223;en, offenen Raum zu der Reihe elektrisch betriebener Golfwagen. Isabellas supraleitende Magneten waren tausendmal st&#228;rker als die, die etwa in medizinischen Ger&#228;ten wie Magnetresonanztomographen steckten. Sie konnten einem ein Zehn-Cent-St&#252;ck mitten durch den K&#246;rper ziehen oder einem mit der eigenen G&#252;rtelschnalle die Eingeweide herausrei&#223;en.

Isabella war gef&#228;hrlich und forderte entsprechenden Respekt.

Er stieg hinter das Lenkrad, dr&#252;ckte auf einen Knopf, bet&#228;tigte die Kupplung und legte sacht den ersten Gang ein.

Er hatte dieses Gef&#228;hrt selbst entworfen, und das war mal ein h&#252;bsches kleines W&#228;gelchen. Es fuhr zwar nicht schneller als 40 Kilometer pro Stunde, hatte aber fast so viel gekostet wie ein Ferrari Testarossa, vor allem deshalb, weil es vollst&#228;ndig aus nichtmagnetischen Materialien bestehen musste  Kunststoffe, Keramik und sehr schwachen diamagnetischen Metallen. Es war mit einem Kommunikationssystem ausgestattet, einem eingebauten Computer, Radarsensoren und Warnreglern vorn, seitlich und hinten, mit Strahlungssensoren, ferromagnetischem Alarm und einer besonderen, vibrationsarmen Kassette, in der empfindlichste wissenschaftliche Instrumente bef&#246;rdert werden konnten.

Er rollte &#252;ber den Zementboden und durch die ovale &#214;ffnung in Isabellas Tunnel. Die Kurve war eng, und er hielt den Wagen an.

Hallo, Isabella.

Langsam lenkte er den Wagen auf die Betonspur, die im Tunnel entlanglief, neben dem leicht gebogenen B&#252;ndel Rohre. Sobald er diese Betonbahn erreicht hatte, beschleunigte er, denn nun wurden die R&#228;der in Rillen gef&#252;hrt. Eine Doppelreihe Leuchtstoffr&#246;hren an der Decke tauchte alles in ein gr&#252;nlich blaues Licht. W&#228;hrend er den Tunnel entlangsauste, betrachtete er die dickste R&#246;hre, eine Konstruktion aus einer schimmernden 7000er-Aluminium-Legierung, alle hundertachtzig Zentimeter geflanscht und mit dicken Bolzen verschraubt. Darin befand sich ein Vakuum, noch st&#228;rker als das auf der Mondoberfl&#228;che. Es musste absolut dicht sein: Ein einziges Atom, das in K-Null abdriftete, h&#228;tte denselben Effekt wie ein verirrtes Pferd, das pl&#246;tzlich auf der Rennbahn in Daytona seitlich in das Feld sprengte. Chaos und Zerst&#246;rung.

Er beschleunigte auf H&#246;chstgeschwindigkeit. Die Gummir&#228;der fl&#252;sterten in ihren Spuren. Alle neunzig Meter kam er an einem Magneten vorbei, der wie ein gro&#223;er Donut um die R&#246;hre gewickelt war. Jeder Magnet, gek&#252;hlt auf viereinhalb Grad &#252;ber dem absoluten Nullpunkt, gab einen feinen Nebel aus Kondensationsfl&#252;ssigkeit ab. Dolby sauste durch die Wolken, die in kleine Wirbel zerstoben, und die R&#246;hre raste an ihm vorbei.

In regelm&#228;&#223;igen Abst&#228;nden kam er an einer T&#252;r in der linken Tunnelwand vorbei, &#214;ffnungen zu den alten Kohlensch&#228;chten. Notausg&#228;nge, falls einmal etwas passieren sollte. Aber es w&#252;rde nichts passieren. Dies hier war seine Isabella.

Magnet Nummer 140 lag fast dreizehn Kilometer weit im Inneren des Tunnels  eine Fahrt von zwanzig Minuten. Es war nichts Ernstes. Dolby war beinahe froh &#252;ber den kleinen Fehler  er genoss diese Zeit, allein mit seiner Maschine.

Nicht &#252;bel, sagte er laut,f&#252;r den Sohn eines kleinen Mechanikers aus Watts, was meinst du, Isabella?

Er dachte an seinen Vater, der jeden Automotor auf Erden reparieren oder neu aufbauen konnte. Verdiente damit nie mehr, als dass es gerade so zum Leben reichte  es war beinahe ein Verbrechen, dass ein so guter Mechaniker nie eine echte Chance bekommen hatte. Dolby war entschlossen, das wettzumachen  und das gelang ihm auch. Als Dolby sieben war, schenkte sein Vater ihm einen Radio-Bausatz. Es erschien ihm wie ein Wunder, dass man einen Haufen Plastik-und Metallteilchen zusammenschraubte und -l&#246;tete und dann tats&#228;chlich etwas vor sich hatte, aus dem eine Stimme kam. Mit zehn Jahren hatte Dolby seinen ersten Computer selbst gebaut. Dann konstruierte er ein Teleskop, baute noch ein paar CCD-Sensoren ein, schloss es an den Computer an und begann, Asteroiden zu beobachten. Er baute einen Teilchenbeschleuniger auf seinem Schreibtisch, mit einer alten Elektronenkanone aus einem Fernseher. Damit gelang ihm etwas, wovon jeder Alchemist tr&#228;umte, etwas, das nicht einmal Isaac Newton geschafft hatte: Er hatte ein St&#252;ck Bleifolie mit Elektronen beschossen und dabei ein paar hundert Atome in Gold verwandelt. Sein armer Vater, Gott sei seiner g&#252;tigen Seele gn&#228;dig, hatte jeden Dollar, den er von seinem mageren Lohn entbehren konnte, in Baus&#228;tze, Ausr&#252;stung und Material f&#252;r seinen Sohn investiert. Ken Dolbys Traum war es, die gr&#246;&#223;te, gl&#228;nzendste, teuerste Maschine aller Zeiten zu bauen.

Und nun hatte er es geschafft.

Seine Maschine war perfekt, auch wenn sich irgendein Mistkerl in die Computersoftware hineingehackt hatte.

Magnet Nummer 140 kam in Sicht, er bremste heftig ab und hielt an. Er holte einen speziellen Laptop aus der Instrumentenkassette und schloss ihn an einem Steckplatz an der Seite des Magneten an. Dann hockte er sich auf die Fersen, arbeitete am Laptop und sprach dabei mit sich selbst. Er schraubte eine Metallplatte aus der Verkleidung des Magneten und schloss ein Ger&#228;t mit zwei Leitungen, eine rot, eine schwarz, an Steckpl&#228;tze im Magneten an.

Er sah auf den Computerbildschirm, und seine Miene verfinsterte sich.Na, du verfluchtes Mistst&#252;ck. Die Kryopumpe, ein wichtiger Teil des Isoliersystems, war fast im Eimer. Da bin ich ja froh, dass ich dich gleich erwischt habe.

Schweigend packte er seine Instrumente wieder ein, schob den Laptop in seine Neoprenh&#252;lle und setzte sich hinters Lenkrad. Er nahm ein Funkger&#228;t vom Armaturenbrett und dr&#252;ckte auf einen Knopf.

Dolby an Br&#252;cke.

Wardlaw hier, drang eine blecherne Stimme aus dem Lautsprecher.

Ich muss mit Gregory sprechen.

Gleich darauf meldete sich Hazelius.

Sie k&#246;nnen Isabella starten.

Der &#220;berhitzungsalarm am Kontrollpult ist noch rot.

Schweigen.Sie wissen, dass ich meine Maschine niemals aufs Spiel setzen w&#252;rde, Gregory.

Sch&#246;n. Dann fahre ich sie jetzt hoch.

Wir m&#252;ssen hier eine neue Kryopumpe einbauen, aber wir haben noch reichlich Zeit. Die h&#228;lt noch mindestens zwei Durchl&#228;ufe.

Dolby verabschiedete sich, verschr&#228;nkte die H&#228;nde hinter dem Kopf und legte die F&#252;&#223;e aufs Armaturenbrett. Zun&#228;chst kam es ihm vollkommen still vor, doch dann h&#246;rte Dolby allm&#228;hlich leise Ger&#228;usche heraus  das Fl&#252;stern der Bel&#252;ftung, das Summen der Kryopumpen, das Zischen von fl&#252;ssigem Stickstoff in den &#228;u&#223;eren Umh&#252;llungen, das leise St&#246;hnen des Golfwagen-Motors, der weiter abk&#252;hlte, und das &#196;chzen und Knarren des Berges selbst.

Dolby schloss die Augen und wartete, bis er ein neues Ger&#228;usch h&#246;rte. Es klang wie sehr leiser Bassgesang, ein sattes, tiefes Summen.

Isabella war eingeschaltet worden.

Ein unbeschreiblicher Schauer des Staunens lief ihm &#252;ber den R&#252;cken, eine Art ehrf&#252;rchtiger Unglauben im Angesicht der Tatsache, dass er eine Maschine geschaffen hatte, die einen Blick in den Augenblick der Erschaffung des Universums werfen konnte  eine Maschine, die den Augenblick der Sch&#246;pfung tats&#228;chlich nachschuf.

Eine Gott-Maschine.

Isabella.


26


Ford trank den bitteren Rest seines Kaffees aus und sah auf die Uhr: fast Mitternacht. Der Testlauf war unglaublich langweilig, das endlose Einstellen, Neujustieren und Herumspielen dauerte Stunde um Stunde. W&#228;hrend er alle bei der Arbeit beobachtete, fragte er sich: War einer von ihnen der Saboteur?

Hazelius kam her&#252;bergeschlendert.Wir lassen die beiden Strahlen gleich kollidieren. Achten Sie auf den Visualizer  dieser gro&#223;e Bildschirm hier vorne.

Der Physiker murmelte einen Befehl, und gleich darauf erschien ein heller Lichtpunkt in der Mitte des Monitors, gefolgt von flackernden Farben, die nach au&#223;en abstrahlten.

Ford wies mit einem Nicken auf den Bildschirm.Was bedeuten diese Farben?

Der Computer setzt die Teilchenkollisionen bei K-Null in Bilder um. Jede Farbe steht f&#252;r eine Art von Teilchen, die Streifen f&#252;r Energieniveaus, und die strahlenf&#246;rmigen Gebilde sind die Flugbahnen der Teilchen beim Verlassen von K-Null. So k&#246;nnen wir auf einen Blick erkennen, was da drin vorgeht, ohne einen Haufen Zahlen auf einmal lesen zu m&#252;ssen.

Genial.

Das war Wolkonskis Idee. Hazelius sch&#252;ttelte traurig den Kopf.

Ken Dolbys Stimme verk&#252;ndete:Neunzig Prozent Leistung.

Hazelius hielt seinen leeren Kaffeebecher hoch.F&#252;r Sie auch noch einen?

Ford verzog das Gesicht.Warum stellen Sie nicht eine anst&#228;ndige Espressomaschine hier rein?

Hazelius machte sich mit leisem Kichern auf zu seinem Kaffee. Alle anderen schwiegen, auf ihre diversen Aufgaben konzentriert, bis auf Innes, der nichts zu tun hatte und nur auf und ab spazierte, und Edelstein, der in einer Ecke sa&#223; und Finnegans Wake las. Die Schachteln der Tiefk&#252;hlpizzen, die sie zum Abendessen aufgew&#228;rmt hatten, quollen aus der M&#252;lltonne an der T&#252;r. Kaffeeringe zierten viele der wei&#223;en Oberfl&#228;chen. Die Flasche Veuve Clicquot lag immer noch an der Wand.

Ford hatte zw&#246;lf lange Stunden hinter sich  ewige Phasen erdr&#252;ckender Langeweile, durchsetzt mit kurzen Ausbr&#252;chen hektischer Gesch&#228;ftigkeit, gefolgt von weiterer Langeweile.

Strahl sieht gut aus, Schwerpunktsenergie vierzehn Komma neun TeV, sagte Rae Chen, die sich so tief &#252;ber ihre Tastatur beugte, dass ihr gl&#228;nzendes schwarzes Haar wie ein verwehter Vorhang dar&#252;ber wegglitt.

Ford spazierte auf dem erh&#246;hten Teil der Br&#252;cke herum. Als er an Wardlaw vorbeikam, der an seinem eigenen &#220;berwachungs pult sa&#223;, fing er sich einen feindseligen Blick ein, den er mit einem k&#252;hlen L&#228;cheln erwiderte. Der Mann belauerte ihn.

Er h&#246;rte Hazelius ruhige Stimme:Jetzt auf f&#252;nfundneunzig, Rae.

Das leise Klackern einer Computertastatur war in der Stille des Raums deutlich zu h&#246;ren.

Strahl konstant, sagte Chen.

Harlan? Was macht die Energie?

St. Vincents Koboldgesicht erschien &#252;ber dem Rand seines Monitors.Kommt rein wie die Flut: stark und best&#228;ndig.

Michael?

So weit, so gut. Keine Anomalien.

Der gemurmelte Katechismus setzte sich fort; Hazelius fragte der Reihe nach die Statusberichte ab, bekam von jedem eine kurze Antwort, und dann fing das Ganze wieder von vorn an. So ging das schon seit Stunden, doch jetzt sp&#252;rte Ford, wie sich gespannte Erwartung breitmachte.

F&#252;nfundneunzig Prozent Leistung, sagte Dolby.

Strahl konstant. Kollimiert.

Schwerpunktsenergie siebzehn TeV.

Alles klar, Leute, jetzt betreten wir unerforschtes Gebiet, sagte Chen, die H&#228;nde an einer Reihe von Reglern.

Wir sind am Rand der Seekarte angekommen  da, wo die Ungeheuer eingezeichnet sind, verk&#252;ndete Hazelius.

Der Bildschirm f&#252;llte sich mit Farben wie eine ewig bl&#252;hende Blume. Ford fand das Bild absolut fesselnd. Dennoch warf er einen Blick zu Kate hin&#252;ber. Sie arbeitete schon die ganze Zeit &#252;ber still an einem Power Mac, der ans Netzwerk angeschlossen war, mit einem Programm, das er als Wolfram Mathematica erkannte. Auf dem Bildschirm war ein kompliziertes, verschachteltes Objekt zu sehen. Er trat zu ihr und blickte ihr &#252;ber die Schulter.

St&#246;re ich dich?

Sie seufzte und drehte sich um.Eigentlich nicht. Ich wollte jetzt sowieso Schluss machen und mir den Testlauf zu Ende anschauen.

Was ist das? Mit einem Nicken wies er auf den Bildschirm.

Ein elfdimensionaler Kaluza-Klein-Raum. Ich habe ein paar Berechnungen zu Schwarzen Mini-L&#246;chern angestellt.

Ich habe geh&#246;rt, dass Isabella unter anderem erforschen soll, ob es m&#246;glich ist, mit Hilfe Schwarzer Mini-L&#246;cher Energie zu gewinnen.

Ja. Das ist ein Teil unseres Projekts  sofern wir Isabella jemals richtig werden nutzen k&#246;nnen.

Wie w&#252;rde das funktionieren?

Er sah, wie sie sich nerv&#246;s nach Hazelius umschaute. Ihre Blicke trafen sich f&#252;r einen Moment.

Na ja, es hat sich herausgestellt, dass Isabella genug Energie entwickeln k&#246;nnte, um Schwarze Mini-L&#246;cher zu erschaffen. Stephen Hawking hat aufgezeigt, dass Schwarze Mini-L&#246;cher nach ein paar Billionstelsekunden verpuffen und dabei Energie frei wird.

Du meinst, sie explodieren.

Genau. Die Idee ist nun, dass wir diese Energie vielleicht einfangen und n&#252;tzen k&#246;nnten.

Es w&#228;re also m&#246;glich, dass Isabella ein Schwarzes Loch erzeugt, das dann explodiert?

Kate winkte ab.Nein, so kann man das nicht sagen. Die Schwarzen L&#246;cher, die Isabella erschaffen k&#246;nnte  falls das &#252;berhaupt gelingt , w&#228;ren so klein, dass sie in einer Billionstelsekunde wieder verpuffen und dabei viel weniger Energie freisetzen w&#252;rden als zum Beispiel eine platzende Seifenblase.

Aber die Explosion k&#246;nnte auch gr&#246;&#223;er ausfallen?

&#196;u&#223;erst unwahrscheinlich. Ich nehme an, es w&#228;re m&#246;glich, dass das Schwarze Mini-Loch, wenn es sich, sagen wir mal, ein paar Sekunden h&#228;lt, mehr Masse gewinnt und  dann explodiert.

Wie gro&#223; w&#228;re diese Explosion?

Schwer zu sagen. Vermutlich etwa so wie eine kleine Atombombe.

Corcoran glitt zu ihnen her&#252;ber und machte sich an Ford heran.Aber das ist noch nicht mal das schlimmste Szenario, sagte sie.

Melissa.

Sie musterte Kate mit hochgezogenen Brauen und aufgesetzter Unschuldsmiene.Ich dachte, wir sollten Wyman nichts mehr verheimlichen.

Sie wandte sich wieder Ford zu.Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass Isabella ein Schwarzes Mini-Loch erschafft, das vollst&#228;ndig stabil bleibt. In diesem Fall w&#252;rde es bis zum Mittelpunkt der Erde hinabsinken, es sich dort gem&#252;tlich machen und immer mehr Materie verschlingen, bis  puff! Tsch&#252;s, Planet Erde.

Besteht denn die Gefahr, dass das passiert?, fragte Ford.

Nein, erkl&#228;rte Kate gereizt.Melissa will dich nur aufziehen.

Siebenundneunzig Prozent, meldete Dolby.

Schwerpunktsenergie siebzehn Komma neun zwei TeV.

Ford senkte die Stimme.Kate  Findest du nicht, dass auch nur die geringste M&#246;glichkeit schon zu viel ist? Wir reden hier immerhin von der Zerst&#246;rung der Erde.

Wegen solcher weit hergeholter M&#246;glichkeiten kann man doch nicht die ganze Wissenschaft auf Eis legen.

Ist dir das denn v&#246;llig gleichg&#252;ltig?

Kate brauste auf:Verdammt, Wyman, nat&#252;rlich ist mir das nicht gleichg&#252;ltig. Ich lebe auch auf diesem Planeten. Glaubst du, den w&#252;rde ich aufs Spiel setzen?

Wenn die Wahrscheinlichkeit f&#252;r ein solches Ereignis nicht genau null ist, dann setzt du ihn aufs Spiel.

Die Wahrscheinlichkeit ist null. Sie wirbelte auf ihrem Drehstuhl herum und wandte ihm br&#252;sk den R&#252;cken zu.

Ford richtete sich auf und bemerkte, dass Hazelius ihn noch immer beobachtete. Der Physiker erhob sich aus seinem Sessel und kam mit einem lockeren L&#228;cheln auf den Lippen zu ihm her&#252;ber.

Wyman? Ich kann Sie mit einer einfachen Tatsache beruhigen: Wenn Schwarze Mini-L&#246;cher stabil w&#228;ren, m&#252;ssten wir sie &#252;berall sehen, als &#220;berbleibsel des Urknalls. Ja, es g&#228;be dann so viele von ihnen, dass sie inzwischen l&#228;ngst alles verschluckt h&#228;tten. Die Tatsache, dass wir existieren, ist also der Beweis daf&#252;r, dass Schwarze Mini-L&#246;cher instabil sind.

Corcoran, die wieder an ihrem Platz sa&#223;, grinste h&#228;misch, offenbar erfreut, dass ihre Worte eine solche Wirkung gezeitigt hatten.

Irgendwie bin ich immer noch nicht ganz beruhigt.

Hazelius legte ihm eine Hand auf die Schulter.Es ist unm&#246;glich, dass Isabella ein Schwarzes Loch erschafft, welches die Erde zerst&#246;ren k&#246;nnte. Das kann nicht geschehen.

Energie stabil, sagte St. Vincent.

Strahl kollimiert. Schwerpunktsenergie achtzehn Komma zwei TeV.

Das Gemurmel im Raum war immer lauter geworden. Nun h&#246;rte Ford ein neues Ger&#228;usch  einen leisen, fernen Gesang.

H&#246;ren Sie das?, fragte Hazelius.Dieses Ger&#228;usch wird von Billionen von Teilchen erzeugt, die in Isabellas Ring herumrasen. Wir wissen nicht genau, warum dabei &#252;berhaupt ein Ger&#228;usch entsteht  die Strahlen bewegen sich in einem Vakuum. Aber irgendwie l&#246;sen sie eine Vibration aus, die als Resonanz von den starken Magnetfeldern &#252;bertragen wird.

Die Anspannung auf der Br&#252;cke war nun beinahe greifbar.

Ken, erh&#246;hen Sie auf neunundneunzig, und halten Sie sie dann da, sagte Hazelius.

Alles klar.

Rae?

Schwerpunktsenergie knapp &#252;ber neunzehn TeV, steigend.

Harlan?

Alles bestens.

Michael?

Keine Anomalien.

Wardlaw sprach aus seiner Sicherheitskabine am anderen Ende des Raums. Seine Stimme klang in der gespannten Stille sehr laut.Ich habe einen Eindringling.

Was? Hazelius richtete sich verdutzt auf.Wo?

Oben am Sicherheitszaun, in der N&#228;he des Fahrstuhls. Ich gehe mal n&#228;her ran.

Hazelius eilte hin&#252;ber, und Ford gesellte sich dazu. Ein gr&#252;nliches Bild des Zauns erschien auf einem von Wardlaws Bildschirmen, aus der Perspektive der Kamera, die an einem Mast hoch &#252;ber dem Fahrstuhl angebracht war. Sie sahen einen Mann, der rastlos am Zaun auf und ab ging.

K&#246;nnen Sie noch n&#228;her rangehen?

Wardlaw bet&#228;tigte einen Schalter, und sie bekamen ein neues Bild, auf H&#246;he des Zauns von einer anderen Kamera aufgenommen.

Das ist dieser Prediger!, sagte Hazelius.

Die Gestalt von Russ Eddy, mager wie eine Vogelscheuche, blieb nun stehen, krallte die Finger in den Maschendraht und sp&#228;hte mit argw&#246;hnisch gerunzelter Stirn durch den Zaun. Hinter ihm tauchte der Mond die kahle Mesa in einen gr&#252;nlichen Schimmer.

Ich k&#252;mmere mich darum, sagte Wardlaw und erhob sich.

Sie werden nichts dergleichen tun, sagte Hazelius.

Er begeht Hausfriedensbruch.

Lassen Sie ihn. Er ist harmlos. Wenn er versucht, &#252;ber den Zaun zu klettern, br&#252;llen Sie ihn &#252;ber die Lautsprecher an und sagen ihm, er solle verschwinden.

Ja, Sir.

Hazelius drehte sich um.Ken?

Ich halte sie auf neunundneunzig.

Was macht der Supercomputer, Rae?

So weit alles in Ordnung. H&#228;lt mit dem Teilchenstrom mit.

Ken, um ein Zehntel erh&#246;hen.

Die Blume auf dem gro&#223;en Monitor flammte auf, flackerte, breitete sich aus und spielte alle Farben des Regenbogens durch. Ford starrte auf den Visualizer, gebannt von diesem Bild.

Ich sehe jetzt das tiefste Ende dieser Resonanz, meldete Michael Cecchini.Sie ist stark.

Noch ein Zehntel rauf, wies Hazelius an.

Die zuckende Blume auf dem Bildschirm wurde noch leuchtender, und zwei schwache, schimmernde Kreise erschienen zu beiden Seiten der Mitte, sie schossen immer wieder nach au&#223;erhalb wie eine grapschende Hand.

Alle Energiesysteme in Ordnung, meldete St. Vincent.

Ein Zehntel rauf, sagte Hazelius.

Chen machte sich an ihrer Tastatur zu schaffen.Jetzt sehe ich etwas  eine extreme Raum-Zeit-Kr&#252;mmung bei K-Null.

Ein Zehntel rauf. Hazelius Stimme klang ruhig und fest.

Da ist es!, rief Chen, und ihre Stimme hallte durch die Br&#252;cke.

Siehst du?, sagte Kate zu Ford.Dieser schwarze Punkt da, genau bei K-Null. Es ist, als w&#252;rden die gestreuten Teilchen kurz verschwinden und dann wieder in unser Universum eintreten.

Zweiundzwanzig Komma f&#252;nf TeV. Sogar die lockere Chen klang nun angespannt.

Alles in Ordnung, bin bei neunundneunzig Komma vier.

Ein Zehntel rauf.

Die Blume wand und verzerrte sich und schien Schleier und Spritzer aus Farbe um sich zu werfen. Das dunkle Loch in der Mitte breitete sich aus, die R&#228;nder flackerten. Und pl&#246;tzlich st&#252;rzte sich die Resonanz nach au&#223;en und sprengte den Rahmen des Monitors.

Ford sah einen Schwei&#223;tropfen &#252;ber Hazelius Wange rinnen.

Das ist die Quelle des Teilchenstroms bei zweiundzwanzig Komma sieben TeV, sagte Kate Mercer.Scheinbar durchbrechen wir jetzt die Brane.

Ein Zehntel rauf.

Das Loch wuchs, es pulsierte eigenartig, wie ein schlagendes Herz. In der Mitte war es schwarz wie die Nacht. Ford konnte den Blick nicht mehr davon losrei&#223;en.

Unendliche Kr&#252;mmung bei K-Null, sagte Chen.

Das Loch war so gro&#223; geworden, dass es den mittleren Bereich des Bildschirms verschlungen hatte. Ford sah pl&#246;tzlich etwas in seiner unendlichen Tiefe aufblitzen, wie ein Schwarm Fische, der in tiefem Wasser herumflitzt.

Was macht der Computer?, fragte Hazelius mit scharfer Stimme.

Gef&#228;llt mir nicht, sagte Chen.

Ein Zehntel rauf, sagte Hazelius leise.

Die Flecken wurden heller. Das singende Ger&#228;usch, das immer lauter geworden war, bekam nun einen zischenden, schrillen Oberton.

Der Computer f&#228;ngt an zu spinnen, sagte Chen gepresst.

Was macht er denn?

Sehen Sie selbst.

Alle standen jetzt vor dem gro&#223;en Bildschirm  alle au&#223;er Edelstein, der seelenruhig weiterlas. Irgendetwas materialisierte sich in dem Loch in der Mitte, kleine P&#252;nktchen und Blitze aus Farben tauchten auf, schw&#228;rmten herum, als stiegen sie aus unendlicher Tiefe auf, schimmerten und nahmen allm&#228;hlich Gestalt an. Das Bild war so seltsam, dass Ford nicht sicher war, ob sein Gehirn es noch richtig interpretierte.

Hazelius zog die Tastatur zu sich heran und tippte einen Befehl ein.Isabella hat Schwierigkeiten mit dem Datenstrom. Rae, schalten Sie die Pr&#252;fsummen-Verfahren aus  das d&#252;rfte den Prozessor ein bisschen befreien.

Moment mal, sagte Dolby.Die sind unser Fr&#252;hwarn-system.

Die sind ein Back-up f&#252;r ein Back-up. Rae? Bitte weg damit.

Chen h&#228;mmerte den Befehl in die Tastatur.

Der Computer spinnt immer noch, Gregory.

Ich finde, Ken hat recht  wir sollten die Pr&#252;fsummen wieder laufen lassen, bemerkte Kate.

Noch nicht. Ein Zehntel rauf, Ken.

Kurzes Z&#246;gern.

Ein Zehntel rauf.

Okay, sagte Dolby mit leicht zitternder Stimme.

Harlan?

Die Energie ist stark und sauber.

Rae?

Chens Stimme klang schrill.Es passiert schon wieder. Der Computer f&#228;ngt an zu spinnen, genau wie bei Wolkonski.

Das Schimmern wurde intensiver.

Cecchini sagte:Strahlen weiterhin kollimiert. Schwerpunktsenergie zweiundzwanzig Komma neun. Hier ist alles klar.

Neunundneunzig Komma acht, sagte Chen.

Ein Zehntel rauf.

Dolbys sonst so lakonische Stimme klang ungew&#246;hnlich angespannt.Gregory, sind Sie sicher ?

Ein Zehntel rauf.

Ich verliere den Computer, sagte Chen.Ich verliere ihn. Es passiert schon wieder.

Das kann nicht sein. Ein Zehntel rauf!

Wir n&#228;hern uns neunundneunzig Komma neun, sagte Chen mit einem leichten Zittern in der Stimme.

Das Singen war lauter geworden, es erinnerte Ford an das Ger&#228;usch des Monolithen in Odyssee im Weltraum  wie ein Chor von Stimmen.

Rauf auf neunundneunzig Komma neun f&#252;nf.

Er ist weg! Er nimmt keinen Input mehr an! Chen warf den Kopf zur&#252;ck, und ihr Haar wirbelte wie eine zornige schwarze Wolke um ihr Gesicht.

Ford stand bei den anderen direkt hinter Hazelius, Cecchini, Chen und St. Vincent, die wie verr&#252;ckt an ihren Tastaturen arbeiteten. Das Bild, das Ding in der Mitte des Visualizers, sah nun solider aus und vibrierte immer schneller, violette und dunkelrote Strahlen schossen hinein und heraus, es war ein wirbelnder Ameisenhaufen von Farben, tief und dreidimensional.

Es sah beinahe lebendig aus.

Mein Gott, keuchte Ford unwillk&#252;rlich.Was ist das?

Unsere Logikbombe, bemerkte Edelstein trocken, ohne auch nur von seinem Buch aufzublicken.

Pl&#246;tzlich verschwand das Bild vom Visualizer.

O nein. O Gott, nein, st&#246;hnte Hazelius.

Zwei Worte erschienen mitten auf dem Bildschirm: Seid gegr&#252;&#223;t.

Hazelius schlug mit der flachen Hand auf die Tastatur.Verfluchter Mistkerl!

Der Computer hat sich aufgeh&#228;ngt, sagte Chen.

Dolby sagte zu Chen:Runterfahren, Rae. Sofort.

Nein! Hazelius fuhr zu ihm herum.Rauf auf hundert Prozent!

Sind Sie wahnsinnig?, kreischte Dolby.

Pl&#246;tzlich, binnen eines Augenblicks, wurde Hazelius vollkommen ruhig.Ken, wir m&#252;ssen diese Malware finden. Offenbar ist es ein Bot-Programm  es bewegt sich von allein. Es steckt nicht im Hauptcomputer. Also, wo ist es? Die Detektoren haben eingebaute Mikroprozessoren  es kann sich nur in den Detektoren bewegen. Und das bedeutet, wir k&#246;nnen es finden. Wir k&#246;nnen den Output jedes Detektors isolieren und das Ding in die Ecke dr&#228;ngen. Richtig, Rae?

Absolut. Das ist eine geniale Idee.

Um Himmels willen, sagte Dolby mit schwei&#223;nassem Gesicht,wir fliegen blind. Wenn die Strahlen dekollimieren, k&#246;nnten sie hier reinbrechen und uns alle zu Staub zerblasen  ganz abgesehen von gegrillten Detektoren im Wert von zweihundertf&#252;nfzig Millionen Dollar.

Kate?, fragte Hazelius.

Ich bin ganz deiner Meinung, Gregory.

Bringen Sie sie auf hundert, Rae, sagte Hazelius k&#252;hl.

Okay.

Dolby wollte sich auf die Tastatur st&#252;rzen, doch Hazelius stellte sich ihm in den Weg.

Ken, sagte Hazelius hastig,h&#246;ren Sie mir zu. Wenn der Computer abst&#252;rzen k&#246;nnte, dann w&#228;re das schon passiert. Die Kontroll-Software l&#228;uft immer noch, im Hintergrund. Wir k&#246;nnen sie nur nicht sehen. Geben Sie mir zehn Minuten, um dieses Mistding aufzusp&#252;ren.

Auf keinen Fall.

Dann f&#252;nf Minuten. Bitte. Das ist keine un&#252;berlegte Entscheidung. Meine stellvertretende Leiterin stimmt mir zu. Wir haben hier das Sagen.

Niemand hat das Sagen &#252;ber diese Maschine au&#223;er mir.

Keuchend starrte Dolby erst Hazelius an, dann Mercer, bevor er sich abwandte, die Arme steif an der Seite, die H&#228;nde zu F&#228;usten geballt.

Ohne sich umzudrehen, sagte Hazelius:Kate? Wir werden es mit der Methode versuchen, &#252;ber die wir schon einmal gesprochen haben. Gib eine Frage ein  irgendwas. Wir wollen sehen, ob wir das Ding zum Reden bringen.

Was soll das n&#252;tzen, verdammt? Dolby fuhr herum.Das ist ein Chatbot-Programm, na und?

Vielleicht k&#246;nnen wir den Output zum Ursprung zur&#252;ckverfolgen. Zur&#252;ck zu der Logikbombe.

Dolby starrte Hazelius an.

Rae, sagte Hazelius,wenn es Output liefert, suchen Sie s&#228;mtliche Detektoren nach dem Signal ab.

Alles klar. Chen sprang von ihrem Platz auf und setzte sich an einen anderen Computer, wo sie sofort zu tippen begann.

Die anderen standen reglos herum, wie unter Schock. Ford sah, dass Edelstein endlich sein Buch gesenkt hatte, um zuzuschauen, einen vagen Ausdruck von Interesse auf dem Gesicht.

Hazelius und Dolby stritten sich immer noch, und Hazelius versperrte dem Ingenieur weiterhin den Weg zu dem Pult, an dem Isabella ausgeschaltet werden konnte.

Sei ebenfalls gegr&#252;&#223;t, tippte Kate.

Der LED-Bildschirm &#252;ber ihrer Konsole flackerte und wurde dunkel. Dann erschien eine Antwort: Es freut mich, mit dir sprechen zu k&#246;nnen.

Es reagiert!, rief Kate.

Haben Sie das, Rae?, br&#252;llte Hazelius.

Ja, sagte Chen aufgeregt.Ich habe da was im Output-Strom. Sie hatten recht, es kommt tats&#228;chlich von einem Detektor! Das ist es! Wir haben das Ding! Weiter so!

Freut mich auch, mit dir zu sprechen, tippte Kate. Herrgott, was soll ich denn sagen?

Frag es, wer es ist, sagte Hazelius.

Wer bist du?, gab Kate ein.

In Ermangelung eines besseren Wortes  ich bin Gott.

Ver&#228;chtliches Schnauben von Hazelius.Beschissener Hacker!

Wenn du wirklich Gott bist, tippte Kate ein, dann beweise es.

Wir haben nicht viel Zeit f&#252;r Beweise.

Ich denke an eine Zahl zwischen eins und zehn. Welche Zahl ist es?

Du denkst an die transzendentale Zahl e.

Kate zog die Finger von der Tastatur und wich zur&#252;ck.

Wie l&#228;ufts, Rae?, rief Hazelius Chen zu.

Ich bin ihm auf der Spur! Tippt einfach weiter!

Kate straffte die Schultern und lehnte sich vor, um weiterzuschreiben.

Jetzt denke ich an eine Zahl zwischen null und eins.

Die chaitinsche Konstante: Omega.

Kate stand abrupt auf, trat von der Tastatur zur&#252;ck und schlug sich die Hand vor den Mund.

Was hast du?, fragte Ford.

Macht weiter!, kreischte Chen, &#252;ber ihre Tastatur gebeugt.

Kate sch&#252;ttelte den Kopf. Sie war blass, hielt immer noch eine Hand vor den Mund gedr&#252;ckt und wich weiter von dem Computer zur&#252;ck.

Warum gibt denn keiner Input?, schrie Chen.

Hazelius wandte sich an Ford.Wyman  &#252;bernehmen Sie.

Ford trat vor, an die Tastatur. Wenn du Gott bist  Was konnte er nur fragen? Rasch tippte er weiter  was ist dann der Sinn des Lebens?

Den ultimativen Sinn kenne ich nicht.

Ich krieg ihn!, br&#252;llte Chen.So ist es gut! Weiter!

Das ist ja toll, schrieb Ford, ein Gott, der den Sinn des Lebens nicht kennt.

Wenn ich ihn kennen w&#252;rde, w&#228;re alle Existenz sinnlos.

Warum?

Wenn das Ende des Universums an seinem Anfang bereits gegenw&#228;rtig w&#228;re  wenn wir lediglich mitten im deterministischen Ablauf einer Reihe anf&#228;nglicher Bedingungen w&#228;ren , dann w&#228;re das Universum ein sinnloses Unterfangen.

Okay, sagte Dolby laut und drohend.Die Zeit ist um. Ich will Isabella zur&#252;ckhaben.

Ken, wir brauchen mehr Zeit, sagte Hazelius.

Dolby versuchte, sich an Hazelius vorbeizudr&#228;ngen, doch der Physiker hielt ihn zur&#252;ck.Noch nicht.

Ich habe ihn fast!, rief Chen.Gebt mir noch eine Minute, Herrgott noch mal!

Nein!, beharrte Dolby.Ich fahre sie jetzt runter!

Den Teufel werden Sie tun, sagte Hazelius.Verflucht, Wyman, mehr Input!

Erkl&#228;re mir das, tippte Ford hastig.

Wenn du an deinem Ziel angekommen bist, warum dann noch den Weg zur&#252;cklegen? Wenn du die Antwort kennst, warum die Frage stellen? Deshalb ist die Zukunft vollkommen verborgen, und das muss sie auch sein, sogar vor mir, vor Gott. Ansonsten h&#228;tte das Dasein keine Bedeutung.

Das ist ein metaphysisches Argument, kein physikalisches, gab Ford ein.

Das physikalische Argument lautet, dass kein Teil des Universums Dinge schneller berechnen kann als das Universum selbst. Das Universumsagt die Zukunft voraus, so schnell es kann.

Dolby versuchte erneut, an Hazelius vorbeizukommen, doch der Physiker trat beiseite und fing ihn ab.

Haltet es am Reden, ich hab es gleich!, kreischte Chen, die tippte wie der Teufel.

Was ist das Universum?, gab Ford ein, dem jede zuf&#228;llige Frage recht war. Wer sind wir? Was tun wir hier?

Dolby warf sich nach vorn und stie&#223; Hazelius beiseite. Hazelius taumelte r&#252;ckw&#228;rts, fing sich aber rasch, packte den Ingenieur von hinten und zog ihn mit erstaunlicher Kraft von dem Kontrollpult zur&#252;ck.

Sind Sie denn wahnsinnig?, br&#252;llte Dolby und versuchte ihn abzusch&#252;tteln.Sie zerst&#246;ren meine Maschine !

Die beiden rangen miteinander, der schm&#228;chtige Physiker klammerte sich wie ein Affe an den breiten R&#252;cken des Ingenieurs  und dann st&#252;rzten sie zu Boden, mit einem Krachen kippte der Sessel um.

Die anderen waren starr vor Entsetzen. Niemand wusste, wie er auf diese Pr&#252;gelei reagieren sollte.

Sie verdammter Spinner!, br&#252;llte Dolby, rollte sich auf dem Boden herum und versuchte, den Physiker abzusch&#252;tteln, der sich mit aller Kraft an ihm festhielt.

Die Logikbombe gab weiterhin Output an den Bildschirm.

Das Universum ist eine riesige, nicht reduzierbare, laufende Rechenoperation, deren Ergebniszustand ich nicht kenne und nicht kennen kann. Der Sinn aller Existenz ist, diesen finalen Zustand zu erreichen. Doch der Zustand selbst ist sogar f&#252;r mich ein Geheimnis, und das muss er auch sein, denn wenn ich die L&#246;sung w&#252;sste, was sollte das Ganze dann f&#252;r einen Sinn haben?

Lassen Sie mich los!, schrie Dolby.

Hilf mir doch jemand, rief Hazelius.Lasst ihn nicht an die Tastatur!

Was meinst du mit Rechenoperation?, tippte Ford ein. Stecken wir alle in einem Computer?

Mit Rechenoperation meine ich Denken. Die gesamte Existenz, alles, was geschieht, ist ein Denkprozess Gottes. Ein fallendes Blatt, eine Welle am Strand, der Kollaps eines Sterns  alles nur ich, alles Gott, der denkt.

Ich hab ihn!, rief Chen triumphierend.Ich habe  Moment mal! Was zum Teufel ?

Was denkst du gerade?, tippte Ford ein.

Dolby b&#228;umte sich ein letztes Mal auf, riss sich von Hazelius los und warf sich auf die Konsole.

Nein!, kreischte Hazelius.Nicht abschalten! Warten Sie!

Dolby lehnte sich keuchend zur&#252;ck.Abschaltsequenz eingeleitet.

Das summende Ger&#228;usch, das den Raum erf&#252;llte, wurde leiser, der Bildschirm vor Ford flackerte, und die Worte l&#246;sten sich auf. Er erhaschte noch einen kurzen Blick auf eine unheimliche Gestalt, die aufflatterte und dann als P&#252;nktchen im Zentrum des Bildschirms verschwand, dann wurde alles dunkel.

Hazelius zuckte mit den Schultern, strich seine Kleidung glatt, b&#252;rstete sich den Staub von den Schultern und wandte sich dann mit ruhiger Stimme an Chen.Rae? Haben Sie ihn gefunden?

Chen starrte ihn mit ausdrucksloser Miene an.

Rae?

Ja, sagte sie langsam.Ich habe ihn.

Und? Von welchem Prozessor kommt das Zeug?

Von keinem.

Schweigen breitete sich im Kontrollraum aus.

Was soll das hei&#223;en, von keinem?

Es kam von K-Null selbst.

Was reden Sie denn da?

Genau so war es. Der Output kam direkt aus dem Raum-Zeit-Loch bei K-Null.

Im schockierten Schweigen blickte Ford sich nach Kate um. Sie stand ganz allein und sehr still am hinteren Ende der Br&#252;cke. Rasch ging er zu ihr hin&#252;ber und sagte leise zu ihr:Kate? Alles in Ordnung?

Es wusste es, fl&#252;sterte sie mit gespenstisch blassem Gesicht.Es wusste alles. Ihre Hand tastete nach seiner und schloss sich zitternd darum.


27


Eddy trat aus seinem Trailer, das Handtuch &#252;ber der Schulter, die Rasiertasche in der Hand, und starrte auf die Kisten voll unsortierter Kleidung, die w&#228;hrend der Woche gekommen waren. Nach seiner mittern&#228;chtlichen Fahrt auf die Mesa hatte er nicht schlafen k&#246;nnen und fast die ganze Nacht im Internet verbracht, in den christlichen Chatrooms.

Er zog ein paar Mal am Pumpschwengel, fing das kalte Wasser mit der Hand auf und klatschte es sich ins Gesicht, um durch den Schreck ein wenig wacher zu werden. Vor lauter M&#252;digkeit hatte er ein st&#228;ndiges Summen im Kopf.

Er seifte sich ein, rasierte sich, s&#228;uberte die Klinge in der Waschsch&#252;ssel und kippte das Wasser in den Sand. Er sah zu, wie es versickerte und kleine Schaumkl&#252;mpchen an der Oberfl&#228;che zur&#252;cklie&#223;. Pl&#246;tzlich erinnerte ihn das an Lorenzos Blut. Mit einem Gef&#252;hl der Panik trampelte er innerlich auf dem Bild herum, um es zu vertreiben. Gott hatte Lorenzo bestraft  nicht er. Es war nicht seine Schuld  es war Gottes Wille. Gott tat niemals etwas ohne Grund. Und dieser Grund hatte etwas mit dem Isabella-Projekt zu tun  und mit Hazelius.

Hazelius. In Gedanken durchlebte er die gestrige Begegnung noch einmal. Er err&#246;tete bei der Erinnerung, und seine H&#228;nde begannen zu zittern. Immer wieder formulierte er sich vor, was er noch alles h&#228;tte sagen k&#246;nnen; bei jedem Durchgang wurde seine Ansprache l&#228;nger, eloquenter und inbr&#252;nstiger, befeuert von gerechtem Zorn. Vor aller Augen hatte Hazelius ihn als Insekt bezeichnet, als Bakterium  weil er ein Christ war. Der Mann war ein Exempel f&#252;r alles, das in Amerika schieflief, ein Hohepriester im Tempel des s&#228;kularen Humanismus.

Eddys Blick huschte zu den Kisten hin&#252;ber, die vorgestern eingetroffen waren. Da Lorenzo nicht mehr da war, hatte er viel mehr Arbeit als sonst. Donnerstag war derKleidertag, an dem er die gespendeten Altkleider an die Indianer verschenkte. &#220;ber das Internet hatte Russ eine Abmachung mit einem halben Dutzend Kirchengemeinden in Arkansas und Texas geschlossen, die gebrauchte Kleidung sammelten und ihm schickten, damit er sie an die bed&#252;rftigen Familien verteilen konnte.

Mit seinem Taschenmesser schlitzte Eddy die erste Pappkiste auf und begann, den mageren Inhalt zu sortieren. Er holte hier eine Jacke heraus, dort eine Jeans, und h&#228;ngte die Sachen an Kleiderst&#228;nder oder legte sie auf den Kunststofftischen im Schatten des Heuschuppens aus. Eifrig arbeitete er in der morgendlichen K&#252;hle, sortierte, h&#228;ngte auf, faltete zusammen. Der gewaltige Umriss der Red Mesa ragte im Hintergrund auf und waberte violett im Morgenlicht. Eddys Gedanken kreisten weiterhin um Hazelius, immer wieder spielte er sich die h&#228;ssliche Szene vor. Gott hatte ihm gezeigt, was ein Gottesl&#228;sterer wie Lorenzo von Ihm zu erwarten hatte. Was w&#252;rde Er dann erst mit Hazelius tun?

Eddy blickte zum Umriss der hohen Mesa auf, die ein wenig bedrohlich vor ihm aufragte, und erinnerte sich an die Dunkelheit der vergangenen Nacht, die Verzweiflung, die Leere. Das Summen und Knistern der Stromleitungen, den Geruch nach Ozon. Er konnte die Gegenwart Satans da oben f&#252;hlen.

Eine verr&#228;terische Staubwolke am Horizont k&#252;ndigte ein nahendes Fahrzeug an. Er kniff gegen die tiefstehende Sonne die Augen zusammen, und bald erschien ein Pick-up aus dem Staub, der sich schlingernd und st&#246;hnend &#252;ber die l&#246;chrige, unbefestigte Stra&#223;e qu&#228;lte. Bebend kam er zum Stehen. Eine gro&#223;e Indianerin stieg aus, gefolgt von zwei Jungen. Der eine trug ein Star-Wars-Gewehr, der andere eine Plastik-Uzi. Sie rannten ins Gestr&#252;pp und taten so, als w&#252;rden sie aufeinander schie&#223;en. Russ folgte ihnen mit Blicken, dachte an seinen eigenen Sohn, der ohne ihn aufwuchs, und sein Zorn wurde st&#228;rker.

Hallo, Pastor, na, wie gehts?, rief die Frau fr&#246;hlich.

Sei gegr&#252;&#223;t im Geiste Christi, Muriel, sagte Eddy.

Was ham Sie denn heute?

Bedienen Sie sich. Sein Blick huschte wieder zu den Jungen hin&#252;ber, die aus der Deckung magerer Beifu&#223;b&#252;sche aufeinander schossen.

Die Klingel, die er au&#223;en am Trailer angebracht hatte, schrillte und sagte ihm, dass drinnen das Telefon l&#228;utete. Er eilte hinein und suchte zwischen Stapeln von B&#252;chern nach dem schnurlosen Telefon.

Hallo?, meldete er sich atemlos. Es kam sehr selten vor, dass ihn jemand anrief.

Pastor Russ Eddy? Das war Reverend Don T. Spates.

Guten Morgen, Reverend Spates. Gott sei mit 

Ich habe mich gerade gefragt, ob Sie sich schon ein wenig umgesehen haben  worum ich Sie gebeten hatte.

Das habe ich, Reverend. Ich war gestern Nacht noch einmal auf der Mesa. Die H&#228;user und das Dorf waren v&#246;llig verlassen. Die Hochspannungsleitungen, alle drei, haben gesummt vor Spannung. Mir haben geradezu die Haare zu Berge gestanden.

Ach ja?

Dann gegen Mitternacht habe ich eine Vibration gesp&#252;rt, eher ein singendes Ger&#228;usch, aus dem Boden. Es hat etwa zehn Minuten lang angehalten.

Sind Sie &#252;ber den Sicherheitszaun gekommen?

Ich  ich konnte es nicht riskieren.

Ein Brummen, dann ein langes Schweigen. Eddy h&#246;rte drau&#223;en weitere Pick-ups kommen, und jemand rief seinen Namen. Er ignorierte es.

Ich will Ihnen mein Problem schildern, sagte Spates. Meine Talkshow  Roundtable America  wird morgen Abend um sechs Uhr live im Fernsehen gesendet. Als Gast habe ich einen Physiker von der Liberty University. Ich brauche unbedingt etwas Neues &#252;ber das Isabella-Projekt.

Ich verstehe, Reverend.

Deshalb habe ich Ihnen neulich gesagt, dass Sie etwas wirklich Gutes f&#252;r mich ausgraben m&#252;ssen. Sie sind mein Mann vor Ort. Dieser Selbstmord ist ein Anfang, aber das reicht noch nicht. Wir brauchen etwas, das den Leuten Angst macht. Was tun die wirklich da oben? Gibt es Lecks, durch die radioaktive Strahlung entweicht, wie die Ger&#252;chte behaupten, von denen Sie mir berichtet haben? Werden sie die Erde in die Luft sprengen?

Das kann ich doch nicht wissen 

Das ist es ja gerade, Russ! Sehen Sie zu, dass Sie da reinkommen und es herausfinden. Begehen Sie ruhig Landfriedensbruch, beugen Sie die blo&#223;en menschlichen Gesetze, um dem Gesetz Gottes zu dienen. Ich z&#228;hle auf Sie!

Danke, Reverend. Ich danke Ihnen. Ich werde es schaffen.

Nach dem Telefonat trat Pastor Russ wieder hinaus ins helle Sonnenlicht und ging zu dem halben Dutzend Leuten hin&#252;ber, die die Kleiderspenden durchw&#252;hlten  die meisten waren alleinstehende M&#252;tter mit Kindern. Er hob die H&#228;nde. Leute? Tut mir leid, aber wir m&#252;ssen f&#252;r heute Schluss machen. Etwas Wichtiges ist dazwischengekommen.

Entt&#228;uschtes Murmeln war zu h&#246;ren, und Eddy f&#252;hlte sich mies  er wusste, dass einige der M&#252;tter eine lange Strecke gefahren waren, um hierherzukommen, obwohl Benzin teuer war.

Sobald sie weg waren, h&#228;ngte Russ ein Schild auf, das erkl&#228;rte, der Kleidertag m&#252;sse heute ausfallen, und stieg in seinen Pick-up. Er warf einen pr&#252;fenden Blick auf die Tankuhr: ein Achtel voll, nicht genug Benzin, um auf die Mesa und wieder zur&#252;ck zu fahren. Er fischte seine Brieftasche heraus und fand darin drei Dollar. Er hatte bereits Schulden in H&#246;he von ein paar hundert Dollar bei der Tankstelle in Blue Gap und beinahe ebenso viel in Rough Rock. Er musste eben beten, dass er es bis Pi&#241;on schaffen w&#252;rde, wo er hoffentlich noch anschreiben lassen konnte. Er war ziemlich sicher, dass sie ihm Kredit einr&#228;umen w&#252;rden  bei Navajos konnte man immer borgen.

Es hatte keinen Zweck, tags&#252;ber n&#228;her an Isabella heranzufahren, wenn sie ihn sehen konnten. Er w&#252;rde erst nach Sonnenuntergang hochfahren, seinen Pick-up hinter dem Nakai Rock verstecken und dann im Dunkeln herumschn&#252;ffeln. Bis dahin w&#252;rde es ihm vielleicht gelingen, in Pi&#241;on etwas mehr &#252;ber den Selbstmord auf der Mesa zu erfahren.

Er atmete tief und befriedigt durch. Gott hatte ihm endlich eine gro&#223;e Aufgabe anvertraut. Gregory North Hazelius, diese antichristliche Dreckschleuder, musste aufgehalten werden.


28


Ford sa&#223; in einem alten, ledernen Sessel in einer Ecke des Aufenthaltsraums und beobachtete, wie der Rest des Teams aus dem Bunker zur&#252;ckkehrte, ersch&#246;pft und demoralisiert. Die ersten Sonnenstrahlen tasteten sich &#252;ber den Horizont, fielen grell durch die &#246;stlich gelegenen Fenster herein und erf&#252;llten den Raum mit goldenem Licht. Stumm lie&#223;en sich die Leute auf die St&#252;hle sinken, alle Blicke wirkten leer. Hazelius kam als Letzter. Er ging zum Kamin und entz&#252;ndete das Papier unter dem bereits fertig aufgeschichteten Holz. Dann sank auch er auf einen Stuhl am Tisch.

Eine Weile sa&#223;en sie schweigend herum, nur das Knacken des Feuers war zu h&#246;ren. Schlie&#223;lich stand Hazelius langsam auf. Alle Blicke wandten sich ihm zu. Er schaute von einem zum anderen, die blauen Augen vor Ersch&#246;pfung dunkelrosa umrandet, die Lippen wei&#223; vor Anspannung.Ich habe einen Plan.

Diese Ank&#252;ndigung wurde schweigend aufgenommen. Ein feuchtes Holzscheit im Kamin knallte so laut, dass alle zusammenzuckten.

Morgen Mittag bereiten wir alles f&#252;r einen weiteren Durchlauf vor, erkl&#228;rte Hazelius,bei hundert Prozent, wohlgemerkt. Und jetzt kommt das Wichtigste: Wir lassen Isabella laufen, bis wir die Logikbombe zu ihrer Quelle zur&#252;ckverfolgt haben.

Ken Dolby holte ein Taschentuch hervor und wischte sich &#252;ber das feuchte Gesicht.H&#246;ren Sie, Gregory, Sie haben meine Maschine schon beinahe ruiniert. Ich kann nicht zulassen, dass das noch einmal passiert.

Hazelius neigte den Kopf.Ken, Sie haben recht. Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Ich wei&#223;, dass ich manchmal zu energisch vorgehe. Ich war w&#252;tend und frustriert und habe mich aufgef&#252;hrt wie ein Irrer. Bitte verzeihen Sie mir. Er streckte Dolby die Hand hin.

Nach kurzem Z&#246;gern schlug Dolby ein.

Sind wir wieder Freunde?

Ja, klar, sagte Dolby.Aber das &#228;ndert nichts an der Tatsache, dass ich keinen Betrieb bei hundertprozentiger Leistung mehr zulassen werde, bis wir dieses Hackerproblem gel&#246;st haben.

Und wie sollen wir Ihrer Meinung nach dieses Problem l&#246;sen, ohne hundertprozentige Leistung zu fahren?

Vielleicht ist es an der Zeit, das Versagen unseres Projekts einzugestehen und Washington dar&#252;ber zu informieren. Sollen die sich was einfallen lassen.

Danach herrschte lange Schweigen, bis Hazelius fragte:Hat noch jemand einen Vorschlag?

Melissa Corcoran wandte sich Dolby zu.Ken, wenn wir jetzt zugeben, dass wir versagt haben, k&#246;nnen wir unsere Karriere gleich im Klo runtersp&#252;len. Ich wei&#223; nicht, wie das bei euch ist, aber f&#252;r mich war das eine einmalige Chance. Und die will ich auf keinen Fall hinschmei&#223;en.

Wer hat noch eine Meinung dazu?, fragte Hazelius.

Rae Chen stand auf, doch weil sie so zierlich und klein war, hob sie sich kaum von den anderen ab, die noch sa&#223;en. Aber die f&#246;rmliche Geste des Aufstehens verlieh ihren Worten mehr Gewicht.Ich m&#246;chte etwas dazu sagen. Der Blick ihrer schwarzen Augen wanderte einmal um den Tisch herum.

Ich bin im Hinterzimmer eines China-Restaurants in Culver City, Kalifornien, aufgewachsen. Meine Mutter hat sich halb zu Tode geschuftet, um mir das Studium zu erm&#246;glichen. Sie ist stolz auf mich, weil ich es in diesem Land zu etwas gebracht habe. Und hier bin ich nun. Die Augen der gesamten Welt sind auf uns gerichtet. Ihre Stimme brach.Ich w&#252;rde lieber sterben, als aufzugeben. Das ist alles, was ich zu sagen habe. Ich w&#252;rde eher sterben.

Sie setzte sich abrupt wieder hin.

Wardlaw brach das unbehagliche Schweigen.Ich wei&#223;, wie so etwas im Energieministerium l&#228;uft. Wenn wir das jetzt erst melden, wird man uns Vertuschung vorwerfen. Es k&#246;nnte sogar sein, dass sie uns deswegen vor Gericht stellen.

Uns vor Gericht stellen?, rief Innes von weiter hinten.Herrgott, Tony, wir wollen doch nicht in Absurdit&#228;t verfallen.

Ich meine es ernst.

Das ist reine Panikmache. Innes bleiches Gesicht strafte seinen ver&#228;chtlichen Tonfall L&#252;gen. Sein Blick huschte um den Tisch.Und selbst wenn, ich bin ja nur der Team-Psychologe. Ich hatte mit der Entscheidung, Informationen zur&#252;ckzuhalten, nichts zu tun.

Ja, aber Sie haben das Problem auch nicht gemeldet, sagte Wardlaw mit schmalen Augen.Machen Sie sich nichts vor, Sie wandern mit dem Rest von uns vor Gericht.

Vogelgezwitscher drang von drau&#223;en durch die Stille.

Ist denn sonst jemand mit Ken einer Meinung?, fragte Hazelius schlie&#223;lich.Dass wir das Handtuch werfen und Washington von unserem Problem berichten sollten?

Niemand stimmte dem zu.

Dolby blickte sich um.Denkt doch nur mal an das Risiko!, rief er.Wir k&#246;nnten Isabella zerst&#246;ren! Wir k&#246;nnen sie nicht einfach hochfahren und blind laufen lassen!

Das ist richtig, Ken, sagte Hazelius.Und ich habe das bei meinem Plan ber&#252;cksichtigt. M&#246;chten Sie ihn h&#246;ren?

Dass ich ihn mir anh&#246;re, hei&#223;t aber noch lange nicht, dass ich damit einverstanden bin, betonte Dolby.

Verstanden. Wie Sie wissen, wird Isabella von drei Servern der neuesten Generation gesteuert  IBM p-f&#252;nf f&#252;nfneunf&#252;nf. Sie haben sie selbst ausgew&#228;hlt, Ken. Diese Server kontrollieren die Telekommunikation, E-Mail, LAN und einen Haufen anderes Zeug. Das ist eigentlich des Guten schon fast zu viel  diese Server w&#228;ren leistungsstark genug f&#252;r das gesamte Pentagon. Meine Idee w&#228;re, dass wir sie neu konfigurieren, als Back-up f&#252;r Isabella. Er wandte sich Chen zu.Machbar?

Ich denke schon. Sie warf Edelstein einen Blick zu.Alan, was meinst du?

Er nickte langsam.

Aber wie wollen Sie das denn bewerkstelligen?, fragte Dolby.

Das gr&#246;&#223;te Problem ist die Firewall, sagte Chen.Wir werden alle Verbindungen nach drau&#223;en kappen m&#252;ssen. Inklusive s&#228;mtlicher Telekommunikation. Unsere Festnetz-und Mobiltelefone w&#252;rden nicht mehr funktionieren. Dann schlie&#223;en wir die Server zusammen und verbinden sie direkt mit Isabella. Machbar w&#228;re es.

Aber  &#252;berhaupt keine Kommunikation nach drau&#223;en mehr?

Keine, solange Isabella l&#228;uft. Die Firewall ist un&#252;berwindlich. Wenn Isabellas Software irgendeine Verbindung nach drau&#223;en aufsp&#252;rt, schaltet sie sofort ab, aus Sicherheitsgr&#252;nden. Deshalb m&#252;ssten wir s&#228;mtliche Verbindungen zur Au&#223;enwelt einstellen.

Ken?

Dolby trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte herum und runzelte die Stirn.

Hazelius sah sich um.Sonst noch jemand? Sein Blick fiel auf Kate Mercer, die weiter hinten sa&#223; und bisher nichts zur Diskussion beigetragen hatte.Kate? Was denkst du?

Schweigen.

Kate? F&#252;hlst du dich nicht wohl?

Ihre Stimme war kaum h&#246;rbar.Es wusste es.

Schweigen. Dann sagte Corcoran forsch:Na ja, das ist vielleicht nicht so erstaunlich, wie es im ersten Moment aussieht. Offensichtlich haben wir es mit einem Programm zu tun, das so &#228;hnlich funktioniert wie Eliza  erinnert ihr euch an Eliza?

Dieses alte FORTRAN-Programm aus den Achtzigern, das sich mit einem unterhalten konnte wie ein Psychoanalytiker?, fragte Cecchini.

Genau das meine ich, sagte Corcoran.Das Programm war ganz einfach  es hat aus allem, was man ihm gesagt hat, eine Frage gemacht. Man tippt zum Beispiel Meine Mutter hasst mich, und Eliza antwortet: Warum glaubst du, dass deine Mutter dich hasst? Ein simples Programm, aber wirkungsvoll.

Das war kein Eliza-Programm, sagte Kate.Es wusste, woran ich denke.

Im Grunde ist es sogar sehr einfach, sagte Melissa und warf Kate einen &#252;berheblichen Blick zu.Der Hacker, der diese Logikbombe programmiert hat, wei&#223;, dass wir ein Haufen hochspezialisierter Eierk&#246;pfe sind, oder? Er wei&#223;, dass wir nicht so denken wie normale Leute. Du hast geschrieben: Ich denke an eine Zahl zwischen eins und zehn. Der Hacker hatte schon damit gerechnet, dass jemand so eine Frage stellen w&#252;rde. Er konnte sich ausrechnen, dass du als Erstes wahrscheinlich nicht an eine ganze Zahl oder auch nur an eine rationale Zahl denken w&#252;rdest  nein, er ist davon ausgegangen, dass du an alle Zahlen zwischen eins und zehn denkst. Und was ist die interessanteste Zahl zwischen eins und zehn? Entweder &#928; oder e. Und von den beiden ist e die mysteri&#246;sere. Sie blickte sich triumphierend um.

Aber was ist mit der n&#228;chsten Antwort, die es erraten hat?

Daf&#252;r gilt dieselbe Regel. Was ist mit Abstand die merkw&#252;rdigste Zahl zwischen null und eins? Das ist leicht: die verflixte chaitinsche Konstante  Omega. Hab ich nicht recht, Alan?

Alan Edelstein neigte leicht den Kopf.

Melissa richtete ihr strahlendes L&#228;cheln wie eine Waffe auf Kate.Siehst du?

Bl&#246;dsinn.

Ach, du glaubst also, wir unterhalten uns mit Gott?

Sei nicht albern, erwiderte Kate gereizt.Ich sage nur, was immer da mit mir gesprochen hat, wusste es.

Rae Chen meldete sich zu Wort.H&#246;rt mal, ich will ja hier nicht die Geisterstunde ausrufen, aber ich habe den Output direkt ins Zentrum von K-Null zur&#252;ckverfolgt. Er kam nicht von einem Detektor oder sonst irgendwelcher Hardware. Er kam aus diesem seltsamen Datennebel in dem Raum-Zeit-Loch bei K-Null.

Rae, sagte Hazelius,Sie wissen doch, dass das nicht stimmen kann.

Ich sage Ihnen nur, was ich gesehen habe. Diese Datenwolke hat bin&#228;ren Code ausgespien, direkt in die Detektoren. Au&#223;erdem hatten wir einen Energie&#252;berschuss  es kam mehr Energie aus K-Null heraus, als hineingepumpt wurde. Ich habe die Berechnung hier. Sie schob Hazelius eine Mappe hin.

Unm&#246;glich. Das kann nicht sein.

Na ja, dann rechnen Sie es doch noch mal durch. Chen breitete einladend die H&#228;nde aus.

Deshalb m&#252;ssen wir das unbedingt noch einmal tun, sagte Hazelius.Aber nicht unter Druck, nicht mit irgendeiner Deadline im Nacken. Wir m&#252;ssen einen weiteren Durchlauf machen, bei dem Rae genug Zeit bekommt, um diese Logikbombe wirklich aufzusp&#252;ren.

Edelstein ergriff das Wort.Ich war w&#228;hrend der Kommunikation mit Konsole drei besch&#228;ftigt. Hat jemand ein Transkript? Ich m&#246;chte gern lesen, was diese Malware genau f&#252;r einen Output geliefert hat.

Wozu soll das gut sein?, fragte Hazelius.

Edelstein zuckte mit den Schultern.Reine Neugier.

Hazelius sah sich fragend um.Hat jemand mitgeschrieben?

Ich habe das irgendwo, sagte Chen.Ich habe es mitsamt den &#252;brigen Daten ausgedruckt. Sie bl&#228;tterte in ihren Unterlagen herum und zog ein Blatt heraus. Hazelius nahm es ihr ab.

Lesen Sie doch laut vor, sagte St. Vincent.Ich habe das meiste auch nicht mitbekommen.

Ich auch nicht, sagte Thibodeaux. Die anderen stimmten zu.

Hazelius r&#228;usperte sich und las in n&#252;chternem Tonfall vor:

Seid gegr&#252;&#223;t.


Sei ebenfalls gegr&#252;&#223;t.


Es freut mich, mit dir sprechen zu k&#246;nnen.


Freut mich auch, mit dir zu sprechen. Wer bist du?


In Ermangelung eines besseren Wortes  ich bin Gott.

Hier machte Hazelius eine Pause.Wenn ich den Mistkerl in die Finger kriege, der diese Logikbombe in unserem System installiert hat, rei&#223;e ich ihm die Eier ab.

Thibodeaux lachte nerv&#246;s.

Woher wollen Sie wissen, dass es keine Frau war?, fragte Corcoran.

Hazelius las nach kurzem Z&#246;gern weiter vor.

Wenn du wirklich Gott bist, dann beweise es.


Wir haben nicht viel Zeit f&#252;r Beweise.


Ich denke an eine Zahl zwischen eins und zehn. Welche Zahl ist es?


Du denkst an die transzendentale Zahl e.


Jetzt denke ich an eine Zahl zwischen null und eins.


Die chaitinsche Konstante: Omega.


Wenn du Gott bist, was ist dann der Sinn des Lebens?


Den ultimativen Sinn kenne ich nicht.


Das ist ja toll, ein Gott, der den Sinn des Lebens nicht kennt.


Wenn ich ihn kennen w&#252;rde, w&#228;re alle Existenz sinnlos. Warum?


Wenn das Ende des Universums an seinem Anfang bereits gegenw&#228;rtig w&#228;re  wenn wir lediglich mitten im deterministischen Ablauf einer Reihe anf&#228;nglicher Bedingungen w&#228;ren , dann w&#228;re das Universum ein sinnloses Unterfangen.


Erkl&#228;re mir das.


Wenn du an deinem Ziel angekommen bist, warum dann noch den Weg zur&#252;cklegen? Wenn du die Antwort kennst, warum die Frage stellen? Deshalb ist die Zukunft vollkommen verborgen, und das muss sie auch sein, sogar vor mir, vor Gott. Ansonsten h&#228;tte das Dasein keine Bedeutung.


Das ist ein metaphysisches Argument, kein physikalisches.


Das physikalische Argument lautet, dass kein Teil des Universums Dinge schneller berechnen kann als das Universum selbst. Das Universum sagt die Zukunft voraus, so schnell es kann.


Was ist das Universum? Wer sind wir? Was tun wir hier? Das Universum ist eine riesige, nicht reduzierbare, laufende Rechenoperation, deren Ergebniszustand ich nicht kenne und nicht kennen kann. Der Sinn aller Existenz ist, diesen finalen Zustand zu erreichen. Doch der Zustand selbst ist sogar f&#252;r mich ein Geheimnis, und das muss er auch sein, denn wenn ich die L&#246;sung w&#252;sste, was sollte das Ganze dann f&#252;r einen Sinn haben?


Was meinst du mit Rechenoperation? Stecken wir alle in einem Computer?


Mit Rechenoperation meine ich Denken. Die gesamte Existenz, alles, was geschieht, ist ein Denkprozess Gottes. Ein fallendes Blatt, eine Welle am Strand, der Kollaps eines Sterns  alles nur ich, alles Gott, der denkt.


Was denkst du gerade?

Hazelius lie&#223; das Blatt sinken.Das ist alles, was festgehalten wurde.

Edelstein murmelte:Das ist wirklich au&#223;ergew&#246;hnlich.

H&#246;rt sich f&#252;r mich an wie ein Haufen New-Age-Geschwafel, sagte Innes.Alles nur ich, alles Gott, der denkt. Ich empfinde das als geradezu infantil. Genau das, was man von einem typischen, sozial unterentwickelten Computer-Hacker erwarten w&#252;rde.

Meinen Sie?, fragte Edelstein.

Allerdings meine ich das.

Darf ich dann darauf hinweisen, dass diese Malware  zumindest bisher  den Turing-Test bestanden hat?

Den Turing-Test?

Edelstein sah ihn mit schmalen Augen an.Davon m&#252;ssen Sie doch schon einmal geh&#246;rt haben.

Ich bitte um Entschuldigung, aber ich bin schlie&#223;lich nur ein einfacher Psychologe.

Die bahnbrechende Abhandlung &#252;ber den Turing-Test wurde in der psychologischen Fachzeitschrift Mind ver&#246;ffentlicht.

Innes setzte eine professionell nichtssagende Miene auf.Vielleicht sollten Sie einmal dar&#252;ber nachdenken, Alan, warum Sie dieses starke Bed&#252;rfnis nach Selbstbest&#228;tigung versp&#252;ren.

Turing, sagte Edelstein,war eines der gro&#223;en Genies des zwanzigsten Jahrhunderts. Er hat die Idee des Computers bereits in den drei&#223;iger Jahren entwickelt. W&#228;hrend des Zweiten Weltkriegs hat er den Enigma-Code der Deutschen geknackt. Nach dem Krieg wurde er wegen seiner Homosexualit&#228;t verfolgt und beging schlie&#223;lich Selbstmord, indem er einen vergifteten Apfel a&#223;.

Innes runzelte die Stirn.Offenbar eine gef&#228;hrlich instabile Pers&#246;nlichkeit.

Wollen Sie damit sagen, Homosexuelle seien psychisch instabil?

Nein, ganz und gar nicht, nat&#252;rlich nicht, sagte Innes hastig.Das bezog sich auf seine Methode, Selbstmord zu begehen.

Turing hat England vor den Nazis gerettet  ohne ihn h&#228;tten die Briten den Krieg verloren , und England hat es ihm mit erbarmungsloser Verfolgung und Misshandlung gedankt. Unter diesen Umst&#228;nden, finde ich, ist ein Selbstmord nicht  unlogisch. Und was die Methode angeht, sie war sauber, wirkungsvoll und in ihrem Symbolgehalt sehr aussagekr&#228;ftig.

Innes err&#246;tete.Ich bin sicher, wir w&#252;rden es alle begr&#252;&#223;en, wenn Sie endlich zur Sache k&#228;men, Alan.

Edelstein fuhr gelassen fort:Der Turing-Test war ein Versuch, die Frage zu beantworten: Kann eine Maschine denken? Turing schlug daf&#252;r folgende Versuchsanordnung vor: Ein menschlicher Proband f&#252;hrt eine schriftliche Konversation mit zwei Gespr&#228;chspartnern, die er nicht sehen kann  der eine ist ein Mensch, der andere eine Maschine. Wenn der Proband nach einer l&#228;ngeren Unterhaltung nicht unterscheiden kann, wer von beiden Mensch und wer Maschine ist, dann kann man von der Maschine sagen, sie sei intelligent. Der Turing-Test wurde zur Standarddefinition der k&#252;nstlichen Intelligenz.

Sehr interessant, sagte Innes,aber was hat das mit unserem Problem zu tun?

Da die Menschheit noch nichts erschaffen hat, das ann&#228;hernd als k&#252;nstliche Intelligenz gelten k&#246;nnte, nicht einmal mit Hilfe der leistungsf&#228;higsten Supercomputer, finde ich es doch erstaunlich, dass ein blo&#223;es Computervirus  ein Programm, das vermutlich nur ein paar tausend Zeilen umfasst  den Turing-Test bestehen sollte. Und das mit einer Unterhaltung zu einem so abstrakten Thema wie Gott und der Sinn des Lebens. Er deutete auf die Abschrift.Und deshalb ist das da nicht kindisch  ganz im Gegenteil. Er verschr&#228;nkte die Arme und blickte sich um.

Aus genau diesem Grund m&#252;ssen wir noch einen Durchlauf machen, sagte Hazelius.Wir m&#252;ssen das Ding zum Reden bringen, damit Rae es zu seinem Ursprung zur&#252;ckverfolgen kann.

Die Leute sanken auf ihren St&#252;hlen zusammen. Niemand sprach.

Also?, fragte Hazelius.Ich habe einen Vorschlag gemacht. Wir haben dar&#252;ber diskutiert. Stimmen wir ab: St&#246;bern wir morgen diese Logikbombe auf oder nicht?

Halbherziges Nicken und vage zustimmendes Raunen liefen durch den Raum.

Ford sagte:Morgen findet der Protestritt statt.

Wir k&#246;nnen das auf keinen Fall aufschieben, erkl&#228;rte Hazelius. Mit gl&#252;hendem Blick sah er von einem zum anderen.Also, ich bitte um Handzeichen. Wer ist daf&#252;r?

Eine Hand nach der anderen hob sich. Nach kurzem Z&#246;gern schloss Ford sich den anderen an. Nur Dolbys H&#228;nde blieben unten.

Ohne Sie k&#246;nnen wir das nicht schaffen, Ken, sagte Hazelius leise.Isabella ist Ihr Baby.

Kurze Pause, dann fluchte Dolby.Also sch&#246;n, verdammt, ich bin dabei.

Einstimmig angenommen, sagte Hazelius.Wir fangen morgen Mittag an. Wenn alles gutgeht, erreichen wir gegen Sonnenuntergang hundert Prozent Leistung. Und jetzt  legen wir uns aufs Ohr.

Als Ford &#252;ber das Spielfeld zu seinem Haus lief, ging Kates Satz ihm nicht mehr aus dem Kopf. Es wusste es. Es wusste es.


29


Auf dem Weg zu seinem H&#228;uschen h&#246;rte Ford, wie jemand leise seinen Namen rief, und drehte sich um. Die kleine, schlanke Gestalt Hazelius kam quer &#252;ber das Spielfeld auf ihn zu.

Die Ereignisse der vergangenen Nacht m&#252;ssen ein Schock f&#252;r Sie gewesen sein, sagte der Projektleiter und schloss zu ihm auf.

Allerdings.

Und wie denken Sie dar&#252;ber? Hazelius neigte den Kopf leicht zur Seite und schaute schr&#228;g zu Ford auf. Dieser Blick f&#252;hlte sich an, als liege man unter einem Mikroskop.

Ich denke, dass Sie sich in eine Ecke man&#246;vriert haben, indem Sie das Problem nicht sofort gemeldet haben.

Was geschehen ist, ist geschehen. Ich bin erleichtert, dass Kate Ihnen davon erz&#228;hlt hat. Es gefiel mir gar nicht, Sie zu t&#228;uschen. Ich hoffe aber, Sie k&#246;nnen verstehen, warum wir vorher nicht ganz offen zu Ihnen waren.

Ford nickte.

Ich wei&#223;, dass Sie Kate Ihr Stillschweigen zugesichert haben. Er machte eine vielsagende Pause.

Ford traute sich nicht, zu antworten. Er wusste nicht, wie gut er als L&#252;gner noch war.

Haben Sie einen Moment Zeit?, fragte Hazelius.Ich w&#252;rde Ihnen gern die indianische Ruine weiter oben im Tal zeigen, die diese Auseinandersetzung ausgel&#246;st hat. Au&#223;erdem k&#246;nnten wir uns dann ein bisschen unterhalten.

Sie &#252;berquerten die Stra&#223;e und folgten einem Pfad durch die Pappeln, der bald in ein steiles, ausgetrocknetes Bachbett m&#252;ndete, einen Seitenarm des Nakai Wash. Ford sp&#252;rte, wie sein K&#246;rper und seine Sinne nach der anstrengenden Nacht wieder zum Leben erwachten. Die Sandsteinw&#228;nde zu beiden Seiten der Schlucht r&#252;ckten immer dichter zusammen, bis Ford die Wellen und Strudel, die uralte Fluten in dem weichen Gestein geformt hatten, h&#228;tte ber&#252;hren k&#246;nnen. Ein goldener Adler glitt &#252;ber den Rand in ihr Sichtfeld. Seine Fl&#252;gelspanne war so weit, wie Ford gro&#223; war, und die M&#228;nner blieben stehen, um ihn zu beobachten. Als er in weiten Spiralen au&#223;er Sicht gesegelt war, ber&#252;hrte Hazelius Ford an der Schulter und deutete den Canyon entlang. Etwa f&#252;nfzehn Meter hoch in der steilen Sandsteinwand der Schlucht befand sich eine kleine Anasazi-Ruine, in einem Felsvorsprung erbaut. Ein uralter, in den Fels gehauener Stufenpfad f&#252;hrte hinauf.

Als ich noch j&#252;nger war, erz&#228;hlte Hazelius leise, war ich ein arrogantes Arschloch. Ich hielt mich f&#252;r viel kl&#252;ger als den Rest der Welt. Ich dachte, das mache mich automatisch zu einem besseren Menschen, wertvoller als jene, die mit einer normalen Intelligenz zur Welt gekommen sind. Ich wusste nicht, woran ich glaubte, und es war mir auch egal. Ich habe mein Leben vorangetrieben und Beweise f&#252;r meinen besonderen Wert gesammelt  einen Nobelpreis, die Fields-Medaille, Ehrendoktoren, Auszeichnungen, s&#228;ckeweise Geld. Ich habe andere Leute als Requisiten f&#252;r den Film mit mir in der Hauptrolle betrachtet. Und dann habe ich Astrid kennengelernt.

Er hielt inne, als sie den Fu&#223; der uralten Treppe im Fels erreichten.

Astrid war der einzige Mensch auf der Welt, den ich jemals wirklich geliebt habe, der mich dazu gebracht hat, etwas au&#223;er mir selbst zu sehen. Dann ist sie gestorben. Jung und lebhaft, pl&#246;tzlich tot in meinen Armen. Da dachte ich, alles Leben w&#228;re zu Ende.

Er blieb stehen. Es ist schwer, das jemandem zu beschreiben, der so etwas nicht selbst durchgemacht hat.

Ich habe dasselbe durchgemacht, sagte Ford, ehe er recht dar&#252;ber nachgedacht hatte. Die schreckliche K&#228;lte dieses Verlustes schlang sich um sein Herz und dr&#252;ckte zu.

Hazelius st&#252;tzte sich mit einer Hand an den Sandstein. Sie haben Ihre Frau verloren?

Ford nickte. Er fragte sich, warum er mit Hazelius dar&#252;ber redete, obwohl er sich in diesem Punkt nicht einmal seinem eigenen Seelenklempner ge&#246;ffnet hatte.

Wie sind Sie damit fertig geworden?

Gar nicht. Ich bin davongelaufen, in ein Kloster.

Hazelius trat ein St&#252;ck n&#228;her. Sind Sie denn ein gl&#228;ubiger Mensch?

Ich  wei&#223; es nicht. Ihr Tod hat meinen Glauben ersch&#252;ttert. Ich musste herausfinden  wo ich stand. Woran ich eigent lich glaubte.

Und?

Je mehr ich mich bem&#252;ht habe, desto unsicherer wurde ich. Es hat mir gutgetan, zu erkennen, dass ich niemals ganz sicher sein w&#252;rde. Dass ich eben doch nicht zum wahren Gl&#228;ubigen geboren bin.

Vielleicht kann kein rationaler, intelligenter Mensch sich seines Glaubens jemals sicher sein, sagte Hazelius. Oder umgekehrt  ich kann mir niemals sicher sein, dass ich nicht glaube. Wer wei&#223;, vielleicht sitzt Eddys Gott wirklich da oben  ein rachs&#252;chtiger, sadistischer V&#246;lkerm&#246;rder, bereit, jeden zu verbrennen, der nicht an ihn glaubt.

Als Ihre Frau starb , fragte Ford z&#246;gerlich, wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe beschlossen, der Welt etwas zur&#252;ckzugeben. Und da ich nun mal Physiker bin, habe ich mir Isabella einfallen lassen. Meine Frau hat immer gesagt: Wenn der kl&#252;gste Mensch auf der Welt nicht rausfinden kann, wie wir hierhergekommen sind, wer denn dann? Isabella ist mein Versuch, diese Frage zu beantworten  und viele andere. Das ist mein Glaubensbekenntnis.

In einem kleinen Fleckchen Sonnenlicht entdeckte Ford eine junge Eidechse, die sich an die Felswand klammerte. Irgendwo &#252;ber ihnen kreiste immer noch der goldene Adler, dessen schrille Rufe von den Klippen widerhallten.

Wyman, fuhr Hazelius fort, wenn diese Hacker-Geschichte nach au&#223;en dringt, w&#252;rde dies das Ende des Isabella-Projekts bedeuten, das Ende unserer Karrieren, und es w&#252;rde die amerikanische Wissenschaft um eine Generation zur&#252;ckwerfen. Das ist Ihnen doch bewusst, nicht wahr?

Ford sagte nichts.

Ich bitte Sie von ganzem Herzen, dieses Problem niemandem zu verraten, bis wir eine Chance hatten, es zu beseitigen. Alles andere w&#252;rde unseren Ruin bedeuten  Kates Karriere eingeschlossen.

Ford warf ihm einen scharfen Blick zu.

Ja, ich merke, dass zwischen Ihnen beiden etwas ist, fuhr Hazelius fort. Etwas Gutes. Etwas Heiliges, falls ich dieses Wort daf&#252;r gebrauchen darf.

Sch&#246;n w&#228;rs, dachte Ford.

Geben Sie uns noch achtundvierzig Stunden Zeit, um dieses Problem zu l&#246;sen und das Isabella-Projekt zu retten. Ich flehe Sie an.

Ford fragte sich, ob dieser unter Hochspannung stehende kleine Mann seinen wahren Auftrag kannte oder zumindest erraten hatte. Es kam ihm beinahe so vor.

Achtundvierzig Stunden, wiederholte Hazelius leise.

Also gut, sagte Ford.

Ich danke Ihnen, sagte Hazelius so emotional, dass seine Stimme ein wenig heiser klang. Und jetzt hinauf mit uns.

Ford legte die H&#228;nde auf die Stufe &#252;ber seinem Kopf und folgte Hazelius langsam den gef&#228;hrlichen Pfad hinauf. Die Witterung hatte die Stufenr&#228;nder verwischt und glattgeschmirgelt, und Ford hatte Schwierigkeiten, mit H&#228;nden und F&#252;&#223;en Halt zu finden.

Als sie die kleine Ruine erreichten, blieben sie auf dem Felsvorsprung vor dem Eingang stehen, um zu verschnaufen.

Sehen Sie. Hazelius zeigte auf die Stelle, wo ein ehemaliger Bewohner des Hauses eine Schicht Lehmputz &#252;ber die steinerne Wand gelegt hatte. Der Gro&#223;teil dieses Putzes war erodiert, doch in der N&#228;he des h&#246;lzernen T&#252;rsturzes waren noch Handabdr&#252;cke und Reste eines Streifenmusters im getrockneten Lehm zu erkennen.

Wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie sogar die Schleifen und B&#246;gen in den Fingerabdr&#252;cken, erkl&#228;rte Hazelius. Sie sind tausend Jahre alt, und dies ist alles, was von diesem Menschen geblieben ist.

Er wandte sich dem Horizont zu. So ist das mit dem Tod. Eines Tages, wumm. Alles weg. Erinnerungen, Hoffnungen, Tr&#228;ume, H&#228;user, geliebte Menschen, Besitz, Geld. Unsere Verwandten und Freunde verdr&#252;cken ein Tr&#228;nchen, halten eine h&#252;bsche Feier ab und leben ihr Leben weiter. Wir werden zu ein paar verblassenden Fotos in einem Album. Und dann sterben jene, die uns geliebt haben, und jene, die sie geliebt haben, und bald ist auch die Erinnerung an uns ausgel&#246;scht. Sie haben sicher schon diese alten Fotoalben in Antiquit&#228;tenl&#228;den gesehen, voller Leute, die nach der Mode des neunzehnten Jahrhunderts gekleidet sind  M&#228;nner, Frauen, Kinder. Niemand wei&#223; mehr, wer diese Menschen sind. Wie der Mensch, der diesen Handabdruck hinterlassen hat. Fort und vergessen. Wozu?

Ich w&#252;nschte, ich w&#252;sste es, sagte Ford.

Obwohl der Tag allm&#228;hlich recht warm wurde, lief Ford ein Schauer &#252;ber den R&#252;cken, als sie sich wieder an den Abstieg machten; ein Gef&#252;hl f&#252;r seine eigene Sterblichkeit hatte ihn im Innersten ber&#252;hrt.


30


Als Ford zu Hause ankam, schloss er die T&#252;r ab, zog die Vorh&#228;nge zu, holte den Aktenkoffer aus dem Schrank und gab die Kombination ein.

Schlaf, du Idiot, du sollst schlafen, schrie sein K&#246;rper. Stattdessen holte er den Laptop und Wolkonskis Zettel aus der Aktentasche. Er hatte bisher keinen Augenblick freie Zeit gehabt, um sich an der Entschl&#252;sselung der Notiz zu versuchen. Im Schneidersitz, den R&#252;cken ans Kopfteil gelehnt, setzte er sich aufs Bett und legte sich den Computer auf den Scho&#223;. Er &#246;ffnete ein Hex-Editor-Programm und begann, die Ziffern und Buchstaben einzugeben. Erst mussten die hexadezimalen Daten dem Programm zur Verf&#252;gung stehen, ehe er damit arbeiten konnte.

Hinter dem Code konnte alles M&#246;gliche stecken: ein kurzes Computerprogramm, eine Zahlen-oder Textdatei, ein kleines Bild, die ersten Noten von Beethovens Sinfonie Nr. 5. Er k&#246;nnte sogar der private Schl&#252;ssel eines RSA-Kryptosystems sein  dann w&#228;re er nutzlos, weil das FBI Wolkonskis privaten Computer mitgenommen hatte.

Ford nickte ein und neigte sich dabei so weit vorn&#252;ber, dass schlie&#223;lich der Laptop von seinem Scho&#223; kippte. Er raffte sich auf, ging in die K&#252;che und kochte Kaffee. Er hatte seit fast achtundvierzig Stunden nicht mehr geschlafen.

Als er den letzten L&#246;ffel Kaffeepulver in den Filter gab, sp&#252;rte er einen Stich im Magen und dachte an den vielen Kaffee, den er seit Tagen in seinen K&#246;rper hineinsch&#252;ttete. Also schob er die Kaffeemaschine beiseite, kramte im Schrank herum und fand ganz hinten eine Schachtel gr&#252;nen Tee. Zwei Beutel, zehn Minuten ziehen lassen  und er kehrte mit einem Becher gr&#252;ner Fl&#252;ssigkeit ins Schlafzimmer zur&#252;ck. W&#228;hrend er noch mehr von dem Code eingab, trank er den hei&#223;en, bitteren Tee mit gro&#223;en Schlucken.

Er wollte schnell fertig werden, damit er noch ein wenig schlafen konnte, bevor er hinunter nach Blackhorse fuhr, um vor dem Protestritt ein letztes Mal mit Begay zu sprechen. Aber ihm verschwamm alles vor den Augen, w&#228;hrend er st&#228;ndig zwischen dem Blatt Papier und dem Bildschirm hin und her blickte, und er ertappte sich immer wieder dabei, wie er Fehler machte.

Er zwang sich, langsamer zu arbeiten.

Um halb elf war er fertig. Er lehnte sich zur&#252;ck und glich die eingegebenen Daten ein letztes Mal mit Wolkonskis Notiz ab. Er speicherte das Dokument und lie&#223; den Hex-Editor das Ganze von hexadezimalem in bin&#228;ren Code umwandeln.

Augenblicklich wurde der Code in bin&#228;ren Daten angezeigt  ein gro&#223;er Haufen Nullen und Einsen.

Aus dem Bauch heraus aktivierte er den Modus, der bin&#228;ren in ASCII-Code verwandelte, und zu seiner &#220;berraschung erschien eine kurze Botschaft in Plaintext auf dem Bildschirm.

Gratuliere, wer immer du sein magst. Haha! Deine IQ ist wenigstens bisschen besser als von normale menschliche Idiot.


Also. Ich schaffe meine d&#252;rre Arsch raus von diese Irrenhaus und gehe nach Hause. Ich hocke mit eine Flasche eiskalte Wodka und eine Joint vor die Fernseher und gucke


Affen in Affenhaus wie gegen Gitter schlagen. Haha! Und vielleicht ich schreibe lange Brief an Tante Natascha.


Ich kenne die Wahrheit, du Idiot. Ich habe die Wahnsinn durchgeschaut.


Um zu beweisen, ich gebe dir nur eine Name: Joe Blitz. Haha!


P. Wolkonski

Ford las die Botschaft zweimal durch und lehnte sich zur&#252;ck. Das klang wie das irre Geschw&#228;tz eines gehetzten Menschen, der gerade den Verstand verlor. Welchen Wahnsinn hatte er gemeint? Die Malware? Isabella? Die Wissenschaftler selbst? Warum versteckte er die Botschaft in einem Code, statt einfach eine Nachricht zu hinterlassen?

Und Joe Blitz?

Ford gab den Namen bei Google ein und bekam eine Million Treffer. Er sah die ersten durch, erkannte aber keinerlei Zusammenhang.

Er holte das Satellitentelefon aus dem Koffer und starrte es an. Er hatte Lockwood in die Irre gef&#252;hrt. Nein, er hatte ihn belogen. Und jetzt hatte er Hazelius sogar versprochen, die Malware nicht zu erw&#228;hnen.

Verdammte Schei&#223;e. Warum hatte er sich eingebildet, dass er nach zwei Jahren im Kloster einfach so wieder zu den L&#252;gen und T&#228;uschungsman&#246;vern seiner CIA-Zeit zur&#252;ckkehren k&#246;nnte? Zumindest von dieser Botschaft konnte er Lockwood doch berichten. Vielleicht hatte der sogar eine Ahnung, was es mit diesem mysteri&#246;sen Joe Blitz auf sich hatte. Er w&#228;hlte die Nummer.

Ihre vierundzwanzig Stunden sind l&#228;ngst um, sagte Lockwood gereizt, ohne sich Zeit f&#252;r eine kurze Begr&#252;&#223;ung zu nehmen. Was haben Sie getrieben?

Ich habe neulich Nacht in Wolkonskis Haus eine Nachricht gefunden und dachte, sie w&#252;ssten vielleicht gern davon.

Warum haben Sie das gestern nicht erw&#228;hnt?

Es war nur ein abgerissenes Blatt Papier mit Computercode darauf. Ich wusste nicht, dass es wichtig ist. Aber jetzt ist es mir gelungen, den Code zu entschl&#252;sseln.

Und? Wie lautet die Nachricht?

Er las am Telefon die kurze Botschaft vor.

Wer zum Teufel ist Joe Blitz?, fragte Lockwood.

Ich hatte gehofft, dass Ihnen der Name etwas sagt.

Ich setze meine Leute darauf an. Und auf diese Tante Natascha.

Ford legte z&#246;gernd auf. Ihm war noch etwas aufgefallen: Die Nachricht klang nicht so, als h&#228;tte sie ein Mann verfasst, der im Begriff war, sich umzubringen.


31


Nach einem kurzen Nickerchen und einem sp&#228;ten Mittagessen ging Ford hin&#252;ber zum Stall. Er musste etwas Wichtiges mit Kate besprechen: Sie war offen zu ihm gewesen, und jetzt war es an ihm, ihr die Wahrheit zu sagen.

Sie f&#252;llte gerade mit dem Wasserschlauch die Pferdetr&#228;nken und blickte zu ihm auf, als er eintrat. Ihr Gesicht war immer noch blass, beinahe durchscheinend vor Sorge.

Danke, dass du dich vorhin f&#252;r mich verb&#252;rgt hast, sagte Ford. Es tut mir leid, dass ich dich in eine so unangenehme Situation gebracht habe.

Sie sch&#252;ttelte den Kopf. Nichts zu danken. Ich bin nur erleichtert, dass ich jetzt nichts mehr vor dir verbergen muss.

Er stand immer noch in der T&#252;r und versuchte, den Mut aufzubringen und es ihr zu sagen. Sie w&#252;rde es nicht gut aufnehmen  da war er sicher. Der Mut verlie&#223; ihn. Er w&#252;rde es ihr sp&#228;ter sagen, unterwegs.

Dank Melissa glauben jetzt alle, dass wir miteinander ins Bett gehen. Kate sah ihn an. Sie ist unm&#246;glich. Erst hat sie Innes nachgestellt, dann Dolby, und jetzt hat sie es auf dich abgesehen. Was die braucht, ist ein guter Fick. Sie rang sich ein schwaches L&#228;cheln ab. Vielleicht solltet ihr Jungs euch mal zusammensetzen und Streichh&#246;lzchen ziehen.

Nein, danke. Ford lie&#223; sich auf einem Heuballen nieder. Es war k&#252;hl im Stall, und Staubflocken tanzten durch die Luft. Auf der kleinen Stereoanlage lief auch heute Blondie.

Wyman, es tut mir leid, dass ich dich hier nicht besonders herzlich aufgenommen habe. Ich m&#246;chte dir nur sagen, ich bin froh, dass du da bist. Ich war nie ganz gl&#252;cklich damit, wie wir uns damals getrennt haben.

Es war ziemlich h&#228;sslich.

Wir waren jung und dumm. Ich bin seitdem viel vern&#252;nftiger und erwachsener geworden  ich habe wirklich viel dazugelernt.

Ford w&#252;nschte, er h&#228;tte ihr Dossier nicht gelesen, denn er wusste, wie schmerzlich die zur&#252;ckliegenden Jahre f&#252;r sie gewesen sein mussten.

Ich auch.

Sie hob die Arme und lie&#223; sie wieder sinken. Da sind wir also. Wieder.

Sie sah so hoffnungsvoll aus, wie sie in der staubigen Luft vor ihm stand, mit Heu im Haar. Und so atemberaubend sch&#246;n. Hast du Lust auf einen Ausritt?, fragte er. Ich will Begay noch einen Besuch abstatten.

Ich habe so viel zu tun 

Wir waren aber letztes Mal ein ziemlich gutes Team.

Sie strich sich das Haar zur&#252;ck und sah ihn an  ein langer, forschender Blick. Schlie&#223;lich sagte sie: Also gut.

Sie sattelten zwei Pferde, Ford nahm Ballew, und ritten in s&#252;dwestlicher Richtung los, auf die Sandsteinklippen am Rand des Tals zu. Kate ritt voran. Ihr schlanker K&#246;rper passte sich gekonnt dem Pferd an, schwankte in einer rhythmischen, beinahe erotischen Bewegung mit. Ein zerknautschter australischer Cowboyhut sa&#223; auf ihrem Kopf, und ihr schwarzes Haar flatterte leicht im Wind.

O Gott, wie soll ich es ihr nur sagen?

Als sie sich dem Rand der Mesa n&#228;herten, wo der Midnight Trail durch eine Felsspalte hinunterf&#252;hrte, trieb Ford Ballew voran, bis er neben ihr ritt. Drei Meter vor dem Rand der Klippe hielten sie an. Kate starrte zum Horizont hin&#252;ber, einen bek&#252;mmerten Ausdruck auf dem Gesicht. Der Wind stieg in kr&#228;ftigen B&#246;en von unten auf und trug Wolken unsichtbaren Staubs mit sich. Ford spuckte den knirschenden Staub aus und rutschte im Sattel herum. Denkst du immer noch &#252;ber das nach, was gestern Nacht passiert ist?, fragte er.

Ich kann gar nicht mehr aufh&#246;ren, daran zu denken. Wyman, wie konnte es diese Zahlen erraten?

Ich wei&#223; es nicht.

Sie blickte &#252;ber die weite rote W&#252;ste hinaus, die sich bis zu blauen Bergen und von Wolken verh&#252;llter Unendlichkeit hinzog. Wenn man das hier so sieht, murmelte sie, f&#228;llt es einem nicht schwer, an Gott zu glauben. Ich meine, wer wei&#223;? Vielleicht ist es Gott, mit dem wir sprechen.

Sie strich sich das Haar zur&#252;ck und sah ihn mit schiefem L&#228;cheln an.

Ford war erstaunt. Das war eine v&#246;llig andere Kate als die &#252;berzeugte Atheistin, die er an der Universit&#228;t kennengelernt hatte. Wieder einmal fragte er sich, was in jenen fehlenden zwei Jahren geschehen sein mochte.


32


Booker Crawley schob sich die Churchill zwischen die Lippen, w&#228;hrend er das Billard-Spiel aufbaute. Als er mit der Anordnung zufrieden war, stie&#223; er den Spielball mit einem entschiedenen Knall an und sah zu, wie die kleinen Kugeln ihre Bahnen liefen.

Nett, sagte sein Mitspieler, als die Kugel mit der Nummer drei in der ledernen Tasche landete.

Durch eine Reihe schmaler Fenster sah er die Sonne auf dem Fluss glitzern. Es war ein angenehmer Donnerstagvormittag im Potomac Club, die meisten Mitglieder bei der Arbeit. Crawley war auch bei der Arbeit, zumindest betrachtete er es so  er bespa&#223;te gerade einen potenziellen Klienten, der eine Insel vor Kap Hatteras besa&#223; und wollte, dass die Regierung zwanzig Millionen f&#252;r eine Br&#252;cke auf seine Insel ausgab. Eine solche Br&#252;cke w&#252;rde den Wert seiner spekulativen Investition, der Insel n&#228;mlich, verdoppeln oder verdreifachen. F&#252;r Crawley war das ein Kinderspiel. Der Junior Senator von North Carolina schuldete ihm nach diesem Golftrip nach St. Andrews einen Gefallen, und auf diesen Mann konnte man z&#228;hlen, denn er war loyal und wusste solche netten Anreize zu sch&#228;tzen. Ein Anruf, eine kleine Anweisung am offiziellen Budget vorbei, und Crawley w&#252;rde dem Immobilienspekulanten Millionen einbringen und ein siebenstelliges Honorar daf&#252;r einstreichen. Wenn Alaska eine Br&#252;cke ins Nirgendwo bauen konnte, dann sollte North Carolina doch auch eine haben.

Er beobachtete, wie der Spekulant seinen Sto&#223; vorbereitete. Der Mann geh&#246;rte zu diesem ganz besonderen Stamm S&#252;dstaatlern, die drei Nachnamen und obendrein eine r&#246;mische Zahl dahinter aufwiesen. Safford hie&#223; er, Safford Montague McGrath III. McGrath war von bester schottisch-irischer Abstammung, ein gro&#223;er, blonder, fescher Spross des Gro&#223;grundbesitzertums in den S&#252;dstaaten. Mit anderen Worten, er war dumm wie eine Kuh im Regen. McGrath tat gern so, als wisse er genau, wie der Hase in Washington lief, doch es war offensichtlich, dass er in jedem seiner Landl&#252;mmel-Ohren eine dicke Bohne stecken hatte. Crawley hatte das Gef&#252;hl, dass der Kerl um das Honorar feilschen w&#252;rde wie auf dem Viehmarkt. Er geh&#246;rte zu der Sorte M&#228;nner, die eine Verhandlung stets mit dem Gef&#252;hl beenden mussten, der anderen Seite das letzte Hemd ausgezogen zu haben, weil sie sonst zu Hause keinen mehr hochkriegten.

Und, wie geht es Senator Stratham denn so?, erkundigte sich McGrath, als w&#252;rde er den Alten von fr&#252;her kennen.

Gut, ganz pr&#228;chtig. Zweifellos genoss der alte Knabe heutzutage seine Erbsen nur noch p&#252;riert oder trank gleich Fl&#252;ssignahrung aus dem Strohhalm. In Wahrheit hatte Crawley niemals mit dem alten Senator Stratham zusammengearbeitet; er hatte die Firma Stratham & Co. gekauft, als Stratham sich zur Ruhe gesetzt hatte. Damit hatte Crawley sich den Nimbus der Achtbarkeit erkauft, eine Verbindung zur guten alten Zeit, was ihn auf angenehme Weise von den anderen Lobbyisten der K Street abhob, die nach der letzten Wahl wie die Pilze aus dem Boden geschossen waren.

McGraths n&#228;chster Ball ber&#252;hrte die Ecke, kullerte vor der Tasche vorbei und trieb &#252;ber den Filz ab. Der Mann richtete sich stumm auf, presste aber die Lippen zusammen.

Crawley h&#228;tte ihn mit verbundenen Augen vom Tisch putzen k&#246;nnen, aber das ging nat&#252;rlich nicht. Nein  das Beste war, bis kurz vor Schluss dichtauf zu bleiben und dann zu verlieren. Er wollte den Deal abschlie&#223;en, wenn der Kerl im Triumphrausch schwelgte.

Also versaute er den n&#228;chsten Sto&#223;, aber so knapp, dass es echt aussah.

Netter Versuch, sagte McGrath. Er tat einen tiefen Zug an seiner Zigarre, legte sie in dem marmornen Aschenbecher ab, beugte sich vor und zielte. Dann der Sto&#223;. Offensichtlich hielt er sich f&#252;r einen verdammt tollen Spieler, doch er besa&#223; nicht genug Finesse f&#252;r Poolbillard. Trotzdem, dieser Sto&#223; war einfach, und der Ball ging in die Tasche.

Puh, sagte Crawley. Sie machen es mir wirklich nicht leicht, Safford.

Ein Angestellter des Clubs trat ein, mit einer Nachricht auf einem Silbertablett. Mr. Crawley?

Crawley nahm mit gro&#223;er Geste den Umschlag vom Tablett. Das Management des Clubs, dachte er l&#228;chelnd, hielt sich eben immer noch an das bew&#228;hrte System einer kleinen Armee guter, alter, dunkelh&#228;utiger Diener, die mit Nachrichten auf Silbertabletts herumschwebten  sehr nostalgisch. Ein Briefchen von einem Silbertablett entgegenzunehmen war schon verdammt viel angenehmer, als die Taschen nach einem schrillenden Handy zu durchw&#252;hlen.

Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment, Safford. Crawley faltete den Brief auf. Da stand Delbert Yazzie, Vorsitzender Navajo Nation, Anruf um 11.35 Uhr. Bitte so bald wie m&#246;glich zur&#252;ckrufen. Dann eine Telefonnummer.

Wenn Crawley einen potenziellen Kunden umgarnte, machte er gern deutlich, dass er mindestens einen Klienten hatte, der noch wichtiger war. Die Leute verloren den Respekt, wenn sie glaubten, sie seien die Nummer eins.

Ich bedaure sehr, Safford, aber diesen Anruf muss ich dringend erwidern. Bestellen Sie uns doch in der Zwischenzeit noch eine Runde Martini.

Er eilte in eine der mit Eichenholz vert&#228;felten Telefonkabinen, die auf jedem Stockwerk zur Verf&#252;gung standen, schloss sich ein und w&#228;hlte. Gleich darauf hatte er Delbert Yazzie am Apparat.

Mr. Booker Crawley? Die Stimme des Navajo klang schwach, alt und zittrig, als spreche Crawley mit Timbuktu.

Wie geht es Ihnen, Mr. Yazzie? Crawley achtete darauf, dass sein Tonfall freundlich, aber entschieden k&#252;hl klang.

Kurzes Schweigen. Hier hat sich etwas Unerwartetes ergeben. Haben Sie schon mal von diesem Fernsehprediger geh&#246;rt, Don T. Spates?

Ja, allerdings.

Also, seine Predigt hat hier drau&#223;en schon ganz sch&#246;n Staub aufgewirbelt, und das nicht nur bei unseren eigenen Leuten. Wie Sie wissen, wird in der Navajo Nation eifrig missioniert. Jetzt muss ich h&#246;ren, dass diese Sache vielleicht auch in Washington ein Problem werden k&#246;nnte.

Ja, sagte Crawley. Das ist es bereits.

Ich glaube allm&#228;hlich, das k&#246;nnte das Isabella-Projekt gef&#228;hrden.

Ganz sicher. Crawley sp&#252;rte eine Woge des Triumphs in sich aufsteigen. Er hatte Spates vor nicht einmal einer Woche angerufen. Das hier d&#252;rfte eines der Meisterst&#252;cke seiner Karriere werden.

Na ja, Mr. Crawley, was k&#246;nnen wir denn dagegen tun?

Crawley zog sein Schweigen bewusst in die L&#228;nge. Nun, ich wei&#223; nicht, ob ich &#252;berhaupt etwas dagegen tun k&#246;nnte. Ich hatte den Eindruck, dass Sie unsere Dienste nicht l&#228;nger in Anspruch nehmen m&#246;chten.

Unser Vertrag mit Ihnen l&#228;uft erst in sechs Wochen aus. Wir haben bis zum ersten November bezahlt.

Mr. Yazzie, wir sprechen hier nicht &#252;ber eine Mietwohnung. So l&#228;uft das in Washington nicht. Das tut mir leid. Unsere Arbeit f&#252;r das Isabella-Projekt ist bedauerlicherweise auf Ihren Wunsch hin beendet.

Knistern und Zischen in der Leitung. Die Pacht zu verlieren, die wir von der Regierung f&#252;r das Isabella-Projekt bekommen, w&#228;re ein herber Schlag f&#252;r die Navajo Nation.

Crawley blieb stumm, den H&#246;rer in der Hand.

Soweit ich h&#246;re, will Spates in seiner Fernsehsendung morgen Abend wieder &#252;ber das Isabella-Projekt herfallen. Und wir h&#246;ren Ger&#252;chte, mit Isabella soll etwas nicht stimmen. Einer der Wissenschaftler hat Selbstmord begangen. Mr. Crawley, ich werde mich mit dem Stammesrat zusammensetzen und zusehen, ob wir den Vertrag mit Ihnen verl&#228;ngern k&#246;nnen. Wir werden Ihre Hilfe wohl doch noch l&#228;nger brauchen.

Ich bedaure sehr, Mr. Yazzie, aber wir haben an Ihrer Stelle einen neuen Klienten angenommen. Das tut mir wirklich aufrichtig leid  aber, wenn ich das sagen darf, ich hatte Sie eigens darauf hingewiesen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich das bedauere, auch ganz pers&#246;nlich. Vielleicht finden Sie ein anderes Unternehmen, das sich Ihres Falles annimmt? Ich k&#246;nnte Ihnen einige empfehlen.

Die schlechte Verbindung f&#252;llte das Schweigen mit seltsamem Rauschen. Crawley h&#246;rte eine schwache, geisterhafte Unterhaltung vor dem Hintergrund der Statik. Herrgott, was hatten die da drau&#223;en eigentlich f&#252;r ein Telefonnetz? Vermutlich waren das noch die Telegrafenleitungen, die Kit Carson pers&#246;nlich verlegt hatte.

Es w&#252;rde zu lange dauern, bis ein anderes Unternehmen sich richtig eingearbeitet hat. Wir brauchen Crawley and Stratham. Wir brauchen Sie.

Wir brauchen Sie. O Gott, das war Musik in seinen Ohren.

Tut mir schrecklich leid, Mr. Yazzie. Diese Art von Auftrag erfordert viel Einsatz. Sehr personal-und zeitintensiv. Und wir sind bis oben hin ausgebucht. Wenn ich Ihren Fall jetzt wieder annehme  Dann m&#252;sste ich mehr Leute einstellen, vielleicht sogar mehr B&#252;roraum anmieten.

Wir w&#252;rden Ihnen gern 

Crawley unterbrach ihn. Mr. Yazzie, das tut mir wirklich schrecklich leid, aber Sie haben mich kurz vor einem wichtigen Termin erwischt. W&#228;ren Sie wohl so freundlich, mich am Montagnachmittag wieder anzurufen, sagen wir, gegen vier Uhr, Eastern Standard Time? Ich m&#246;chte Ihnen wirklich helfen, und ich verspreche Ihnen, dass ich mir ein paar Gedanken zu Ihrem Fall machen werde. Morgen Abend sehe ich mir Spates Sendung an, und Sie und Ihr Stammesrat sollten das auch tun, damit wir eine genauere Vorstellung davon haben, womit wir es zu tun bekommen. Wir unterhalten uns am Montag dar&#252;ber.

Er trat aus der kleinen Kabine, blieb stehen, um seine Zigarre wieder anzuz&#252;nden, und inhalierte tief. Wie s&#252;&#223;es, berauschendes Parf&#252;m war dieser Rauch. Die komplett versammelte Stammesregierung, die sich Spates Sendung anschaute  ein Bild f&#252;r die G&#246;tter. Spates sollte seine Sache lieber gut machen.

Er rauschte zur&#252;ck in den Billardsalon, eine Rauchfahne hinter sich herziehend und v&#246;llig von der eigenen Gro&#223;artigkeit &#252;berzeugt, doch als er Safford geb&#252;ckt am Tisch stehen und alle Winkel begutachten sah, verflog seine gute Laune ein wenig. Es war an der Zeit, den Wurm an die Angel zu h&#228;ngen.

Crawley war dran, und Safford hatte den Spielball dummerweise pr&#228;chtig vorgelegt.

Nach f&#252;nf Minuten war das Spiel vorbei. Safford hatte verloren  &#252;belst.

Na, sagte Safford, griff nach seinem Martini und l&#228;chelte sportlich, ich werde es mir gut &#252;berlegen, ob ich je wieder mit Ihnen Billard spiele, Booker. Er rang sich ein gek&#252;nsteltes Lachen ab. Und nun zu Ihrem Honorar, fuhr er fort und setzte ein wahres High-Noon-Gesicht auf. Unter keinen Umst&#228;nden k&#246;nnen wir das Preisniveau, das Sie in Ihrem Brief erw&#228;hnten, auch nur in Erw&#228;gung ziehen. Das gibt unser Budget einfach nicht her. Es erscheint mir auch nicht angemessen f&#252;r den erforderlichen Arbeitsaufwand, wenn ich offen sprechen darf.

Crawley r&#228;umte sein Queue in den St&#228;nder und warf die Zigarre in den Sandeimer. Den Martini lie&#223; er stehen, ohne ihn auch nur anzur&#252;hren, und w&#252;rdigte den Mann keines Blickes, als er sagte: Ich f&#252;rchte, es ist etwas dazwischengekommen, Safford. Ich bin leider gezwungen, unser Mittagessen abzusagen.

Dann erst drehte er sich um, um den Gesichtsausdruck des Immobilienspekulanten zu genie&#223;en. Der Mann stand da  mit Queue, Zigarre, Martini und allem Drum und Dran  und sah aus, als h&#228;tte er eben einen Schlag auf den Kopf bekommen.

Wenn Sie es sich anders &#252;berlegen, was unser Honorar angeht, rufen Sie mich doch an, f&#252;gte Crawley hinzu und stolzierte hinaus.

Safford Montague McGrath III. w&#252;rde heute Abend keinen hochkriegen, so viel war sicher.


33


Ford hatte die Mesa hinter sich gelassen und ritt die Schlucht in Richtung Blackhorse entlang. Kate holte zu ihm auf und ritt nun neben ihm her. Auf halbem Weg die Schlucht entlang h&#246;rte er ein Pferd leise wiehern und drehte sich um. Da kommt jemand, hinter uns, sagte er und brachte Ballew zum Stehen.

Hinter einem Dickicht von Tamarisken war Hufschlag zu h&#246;ren, und gleich darauf kam ein hochgewachsener Mann auf einem kr&#228;ftigen Quarterhorse aus dem Geb&#252;sch. Es war Bia. Der Lieutenant der Stammespolizei hielt an und gr&#252;&#223;te mit der Hand an der Hutkrempe. Machen Sie einen Ausritt?, erkundigte er sich.

Wir sind auf dem Weg nach Blackhorse, sagte Ford.

Bia l&#228;chelte. Ein sch&#246;ner Tag f&#252;r einen Spazierritt, nicht zu hei&#223;, leichte Brise. Er legte die H&#228;nde auf den Sattelknauf. Ich nehme an, Sie wollen Nelson Begay besuchen.

So ist es, sagte Ford.

Er ist ein guter Mann, sagte Bia. Wenn ich bef&#252;rchten m&#252;sste, dass es bei seinem Protestritt &#196;rger gibt, h&#228;tte ich Ihnen schon den Schutz der Stammespolizei angeboten. Aber ich denke, das w&#228;re eher kontraproduktiv.

Ganz Ihrer Meinung, sagte Ford, der froh war, es mit einem so verst&#228;ndigen Mann zu tun zu haben.

Die sollen ruhig ihr Ding machen. Ich behalte sie im Auge  aber diskret.

Ich danke Ihnen.

Bia nickte und beugte sich vor. Wo Sie gerade da sind, w&#252;rde ich Ihnen gern ein, zwei Fragen stellen, wenn Sie nichts dagegen haben?

Nur zu, sagte Ford.

Dieser Peter Wolkonski  ist er gut mit den anderen ausgekommen?

Kate antwortete: Meistens schon.

Keiner, der ihn nicht riechen konnte? Meinungsverschiedenheiten?

Er war ein bisschen hitzig, aber damit hatten wir kein Problem.

War er ein wichtiges Mitglied Ihres Teams?

Eines der wichtigsten.

Bia zupfte an seinem Hut. Der Mann wirft ein paar Klamotten in einen Koffer und f&#228;hrt los. Es ist neun Uhr, plus oder minus eine Stunde, der Mond ist schon aufgegangen. Er f&#228;hrt etwa zehn Minuten lang, verl&#228;sst dann die Stra&#223;e und f&#228;hrt knapp f&#252;nfhundert Meter weit durch die W&#252;ste. Kommt an eine tiefe Schlucht. Parkt den Wagen auf einem Abhang dicht am Rand, zieht die Handbremse, stellt den Motor ab, nimmt den Gang raus. Dann h&#228;lt er sich mit der linken Hand eine Waffe an den Kopf, l&#246;st mit der rechten Hand die Handbremse, schie&#223;t sich eine Kugel in die linke Schl&#228;fe, und der Wagen st&#252;rzt &#252;ber den Rand in die Schlucht.

Er hielt inne. Der Schatten seiner Hutkrempe verbarg seine Augen.

Glauben Sie, dass es sich so abgespielt hat?, fragte Kate.

So hat es das FBI rekonstruiert.

Aber Sie glauben das nicht, stellte Ford fest.

Aus dem Streifen tiefen Schattens unter seiner Hutkrempe hervor schien Bia ihn intensiv zu mustern. Glauben Sie es denn?

Ich finde es etwas seltsam, dass er seinen Wagen von einer Klippe hat rollen lassen, nachdem er sich erschossen hat, erwiderte Ford. Er dachte an die Nachricht. Sollte er Bia davon erz&#228;hlen? Nein, es war besser, wenn Lockwood das aufkl&#228;rte.

Also, eigentlich, sagte Bia, ist das f&#252;r mich noch der glaubhafteste Teil.

Wundert es Sie, dass er vorher noch einen Koffer gepackt hat?

Manche Selbstm&#246;rder machen so etwas. Der Suizid ist dann oft eine spontane Sache.

Wo sehen Sie dann das Problem?

Mr. Ford, woher wussten Sie, dass da drau&#223;en ein Wagen war?

Ich habe die frischen Reifenspuren und abgeknickte Zweige im Geb&#252;sch gesehen  und die vielen Geier.

Aber die Schlucht haben Sie nicht gesehen?

Nein.

Weil sie von der Stra&#223;e aus gar nicht zu sehen ist  ich habe das &#252;berpr&#252;ft. Woher wusste Wolkonski dann, dass sie da war?

Er war fix und fertig, ist in die W&#252;ste gefahren, um sich zu erschie&#223;en, hat dabei zuf&#228;llig die Schlucht gefunden und beschlossen, die Sache damit noch sicherer zu machen. Ford glaubte sich selbst nicht ganz; er fragte sich, ob Bia ihm das abnehmen w&#252;rde.

Genau das glaubt auch das FBI.

Aber Sie nicht.

Bia richtete sich auf und ber&#252;hrte erneut die Hutkrempe. Wir sehen uns.

Warten Sie, sagte Kate.

Bia z&#246;gerte.

Sie glauben doch nicht, dass einer von uns ihn get&#246;tet haben k&#246;nnte?, fragte Kate.

Bia fegte einen abgerissenen Zweig von seinem Oberschenkel. Ich will es mal so ausdr&#252;cken: Wenn es kein Selbstmord war, dann war das ein sehr, sehr intelligenter Mord.

Damit hob er ein weiteres Mal die Hand zum Hut, trieb sein Pferd voran und ritt an ihnen vorbei.

Ford dachte nur: Wardlaw.


34


Blackhorse sah heute noch tr&#252;bseliger aus als bei Fords erstem Besuch am Montag  eine einsame Ansammlung staubiger Trailer, die sich zwischen den Flanken der Red Mesa und einer niedrigen gelblichen H&#252;gelkette zusammendr&#228;ngten. Der typische Geruch des &#252;berall wuchernden Wiesenkn&#246;terichs hing in der Luft. Auf dem kahlen, freien Platz, wo letztes Mal die Kinder gespielt hatten, schwang eine Schaukel einsam im Wind hin und her. Ford fragte sich, wo die Schule sein mochte  vermutlich in Blue Gap, f&#252;nfundvierzig Kilometer weit weg.

Nicht gerade sch&#246;n, hier aufzuwachsen. Andererseits hatte diese Navajo-Siedlung eine beinahe kl&#246;sterliche Leere und Stille an sich, die Ford angenehm fand. Navajos h&#228;uften keinen Besitz an, wie andere Leute das oft taten. Sogar ihre H&#228;user waren sp&#228;rlich eingerichtet.

Als sie auf die Viehpferche zuritten, entdeckte Ford Nelson Begay; er beschlug gerade ein Pferd, das an einen Zedernholzpfosten angebunden war. Mit ein paar wohlgezielten Hammerschl&#228;gen formte er das Hufeisen auf einem Amboss. Die Schl&#228;ge hallten von der Felswand der Mesa wider.

Begay legte Hammer und Hufeisen klappernd ab und richtete sich auf, als er sie n&#228;her kommen sah.

Ford und Kate hielten, stiegen ab und banden ihre Pferde an den Zaun des Pferchs. Ford hob die Hand zum Gru&#223;, und Begay winkte sie heran.

Das ist Dr. Kate Mercer, die stellvertretende Leiterin des Isabella-Projekts.

Begay l&#252;pfte den Hut vor Kate. Sie trat zu ihm und reichte ihm die Hand.

Sie sind Physikerin?, fragte Begay und be&#228;ugte sie skeptisch.

Ja.

Begays Augenbrauen hoben sich ein wenig. Dann wandte er ihr sehr bed&#228;chtig den R&#252;cken zu, stemmte die Schulter gegen die Flanke des Pferdes, hob das Hinterbein an und besch&#228;ftigte sich damit, das Hufeisen anzupassen. Dann legte er es wieder auf den Amboss und schlug noch ein paarmal drauf.

W&#228;hrend Ford dastand und &#252;ber die kulturellen Empfindlichkeiten der Navajos nachgr&#252;belte, sagte Kate zu Begays blaukariertem R&#252;cken: Wir h&#228;tten gern mit Ihnen gesprochen.

Dann sprechen Sie.

Ich unterhalte mich ungern mit dem R&#252;cken eines Menschen.

Begay lie&#223; das Pferdebein sinken und richtete sich auf. Also, h&#246;ren Sie, Maam, ich hab Sie nicht gebeten, herzukommen, und im Moment bin ich leider besch&#228;ftigt.

Kommen Sie mir nicht mit Maam. Ich habe einen Doktortitel.

Begay hustete, legte sein Werkzeug weg und sah sie mit ausdrucksloser Miene an.

Und?, fragte sie. Wollen wir hier in der hei&#223;en Sonne herumstehen, oder werden Sie uns auf einen Kaffee hereinbitten?

Gereiztheit, vermengt mit Belustigung, zeichnete sich auf Begays Gesicht ab. Also sch&#246;n, also sch&#246;n, kommen Sie rein.

Wieder sa&#223; Ford in dem kargen Wohnzimmer mit den Milit&#228;rfotos an der Wand. W&#228;hrend Begay Kaffee einschenkte, lie&#223;en Ford und Kate sich auf dem braunen Sofa nieder. Als sie volle Becher vor sich hatten, nahm Begay in dem kaputten Ledersessel Platz. Sind alle weiblichen Wissenschaftler so wie Sie?

Wie denn?

Wie meine Gro&#223;mutter. Sie lassen ein Nein einfach nicht gelten, oder? Sie k&#246;nnten selbst eine Din&#233; sein. Moment mal  er beugte sich vor und musterte ihr Gesicht , Sie sind doch nicht ?

Ich bin zur H&#228;lfte Japanerin.

Aha. Er lehnte sich zur&#252;ck. Na sch&#246;n. Da w&#228;ren wir also.

Ford wartete ab, was Kate sagen w&#252;rde. Sie hatte schon immer ein H&#228;ndchen f&#252;r den Umgang mit Leuten gehabt, wie sie bei Begay gerade eben bewiesen hatte. Er war neugierig, wie sie ihn anpacken w&#252;rde.

Ich hatte mich gefragt, begann Kate, was genau eigentlich ein Medizinmann ist.

Ich bin so etwas wie ein Arzt.

Inwiefern?

Ich f&#252;hre Zeremonien durch. Ich heile Menschen.

Was sind das f&#252;r Zeremonien?

Begay antwortete nicht.

Entschuldigen Sie, ich wollte nicht aufdringlich sein, sagte Kate und schenkte ihm ein strahlendes L&#228;cheln. Das ist bei mir sozusagen beruflich bedingt.

Na ja, ich habe nichts gegen die Frage, ich mag nur keine reine Neugier. Ich f&#252;hre verschiedene Zeremonien durch  sie hei&#223;en Blessing Way, Enemy Way und Falling Star Way.

Was bewirken diese Zeremonien?

Begay brummte, nippte an seinem Kaffee und entspannte sich ein wenig. Die Blessing-Way-Zeremonie stellt Gleichgewicht und Sch&#246;nheit im Leben eines Menschen wieder her  nach Problemen mit Drogen oder Alkohol oder einer Gef&#228;ngnisstrafe. Enemy Way ist f&#252;r Soldaten, die aus dem Krieg zur&#252;ckkehren. Diese Zeremonie reinigt sie, nachdem sie get&#246;tet haben. Denn wenn man t&#246;tet, bleibt ein bisschen von diesem B&#246;sen an einem Menschen haften, auch wenn Krieg herrscht und die T&#246;tung rechtm&#228;&#223;ig war. Wenn man dieses Ritual nicht durchf&#252;hrt, wird das B&#246;se diesen Menschen zerfressen.

Unsere &#196;rzte nennen das eine posttraumatische Belastungsst&#246;rung, bemerkte Kate.

Ja, sagte Begay. Wie bei meinem Neffen Lorenzo, er war im Irak  Er wird nie wieder derselbe sein.

Und heilt die Enemy-Way-Zeremonie diese posttraumatische St&#246;rung?

In den meisten F&#228;llen, ja.

Das ist sehr interessant  Und der Falling Star Way?

Das ist eine Zeremonie, &#252;ber die wir nicht sprechen, erkl&#228;rte Begay kurz angebunden.

W&#252;rden Sie denn eventuell auch eine Zeremonie f&#252;r einen Nicht-Navajo durchf&#252;hren?

Warum, brauchen Sie eine?

Kate lachte. Ich k&#246;nnte mal eine ordentliche Blessing-Way-Reinigung vertragen.

Begay wirkte beleidigt. Das ist keine leichtfertige Angelegenheit. Dazu braucht es sehr umfangreiche Vorbereitungen, und Sie m&#252;ssen daran glauben, damit es funktioniert. Viele Bilagaana haben Schwierigkeiten damit, an etwas zu glauben, das sie nicht mit eigenen Augen sehen k&#246;nnen. Oder New-Age-Anh&#228;nger, denen die harten Vorbereitungen nicht schmecken  Schwitzh&#252;tte, Fasten, sexuelle Enthaltsamkeit. Aber ich w&#252;rde auch einem Bilagaana die Zeremonie nicht verweigern, nur weil er ein Wei&#223;er ist.

Ich wollte mich keineswegs dar&#252;ber lustig machen, sagte sie. Es ist nur  Ich frage mich schon so lange, was das alles f&#252;r einen Sinn haben soll. Was wir hier eigentlich tun.

Er nickte. Willkommen im Club.

Nach langem Schweigen sagte Kate: Danke, dass Sie uns davon erz&#228;hlt haben.

Begay lehnte sich zur&#252;ck und legte die H&#228;nde auf die Knie. In der Kultur der Din&#233; gilt es als weise, Informationen auszutauschen. Ich habe Ihnen etwas von meiner Arbeit erz&#228;hlt. Jetzt w&#252;rde ich gern mehr &#252;ber Ihre erfahren. Mr. Ford hier hat mir gesagt, dass Sie da oben beim Isabella-Projekt etwas erforschen, was sich Urknall nennt.

So ist es.

Ich habe dar&#252;ber nachgedacht. Wenn das Universum durch einen Urknall erschaffen wurde, was kam dann vor dem Knall?

Das wei&#223; niemand. Viele Physiker glauben, dass es vorher gar nichts gab. Ja, dass es nicht einmal ein vorher gab. Dass die Existenz selbst erst mit dem Urknall angefangen hat.

Begay stie&#223; einen Pfiff aus. Was hat dann den Urknall verursacht?

Es ist sehr schwierig, das einem Nichtwissenschaftler zu erkl&#228;ren.

Lassen Sies drauf ankommen.

Die Theorie der Quantenmechanik besagt, dass manche Dinge einfach passieren k&#246;nnen, ohne jede Ursache.

Sie meinen, Sie kennen die Ursache nicht.

Nein, ich meine, dass es keine Ursache gibt. Es k&#246;nnte sein, dass die pl&#246;tzliche Entstehung des Universums aus dem Nichts tats&#228;chlich keinem physikalischen Gesetz widerspricht beziehungsweise weder als unnat&#252;rlich noch als unwissenschaftlich anzusehen ist. Vorher gab es absolut nichts. Keinen Raum, keine Zeit, nichts existierte. Und dann ist es einfach geschehen  es entstand Existenz.

Begay starrte sie an und sch&#252;ttelte dann den Kopf. Sie reden wie mein Neffe Lorenzo. Kluger Junge, Vollstipendium an der Columbia University, hat dort Mathematik studiert. Das hat ihn versaut  die ganze Bilagaana-Welt hat ihn um den Verstand gebracht. Hat das Studium abgebrochen, ist in den Irak gegangen, und als er zur&#252;ckkam, glaubte er an gar nichts mehr. Und ich meine damit: wirklich nichts. Jetzt verdient er sein Geld damit, eine verdammte Kirche zu fegen. Zumindest bis er neulich einfach abgehauen ist.

Und Sie geben der Wissenschaft die Schuld daran?, fragte Kate.

Begay sch&#252;ttelte den Kopf. Nein, nein, nat&#252;rlich nicht. Nur als ich gerade geh&#246;rt habe, wie Sie so reden, dass die Welt aus dem Nichts entstanden sei, das h&#246;rte sich an wie der Unsinn, den er oft von sich gibt  Wie konnte die Sch&#246;pfung einfach passieren?

Ich will versuchen, es Ihnen zu erkl&#228;ren. Stephen Hawking hat die Idee postuliert, dass es vor dem Urknall noch keine Zeit gab. Ohne Zeit kann es keinerlei definierbare Existenz geben. Hawking hat es geschafft, mathematisch zu beweisen, dass die Nicht-Existenz dennoch eine Art r&#228;umliches Potenzial besitzt, und dass Raum sich unter bestimmten merkw&#252;rdigen Umst&#228;nden in Zeit verwandeln kann und umgekehrt. Wenn ein winzig kleines St&#252;ck Raum sich in Zeit verwandelt, dann w&#252;rde dieses Erscheinen der Zeit den Urknall ausl&#246;sen  weil es pl&#246;tzlich Bewegung geben konnte, Ursache und Wirkung, echten Raum und echte Energie. Er hat nachgewiesen, dass die Zeit all das m&#246;glich macht. F&#252;r uns sieht der Urknall aus wie eine Explosion aus Raum, Zeit und Materie von einem einzigen Punkt aus. Aber jetzt kommt das wirklich Seltsame. Wenn man diesen Sekundenbruchteil betrachtet, in dem das passiert, dann sieht man, dass es &#252;berhaupt keinen Anfang gab  es scheint so, als h&#228;tte die Zeit schon immer existiert. Deshalb haben wir eine Theorie &#252;ber den Urknall, die sich in ihren beiden Aussagen zu widersprechen scheint: erstens, dass die Zeit nicht schon immer existiert hat; und zweitens, dass die Zeit keinen Anfang hat. Was bedeutet, dass Zeit ewig ist. Beides stimmt. Und wenn man mal wirklich dar&#252;ber nachdenkt, erkennt man Folgendes: Wenn die Zeit vorher nicht existierte, dann kann es keinen Unterschied zwischen der Ewigkeit und einer Sekunde gegeben haben. Sobald also die Zeit erst einmal existierte, hatte sie schon immer existiert. Es gab keine Zeit, in der sie nicht existiert h&#228;tte.

Begay sch&#252;ttelte den Kopf. Das ist doch total verr&#252;ckt.

Unbehagliches Schweigen senkte sich &#252;ber das sch&#228;bige Wohnzimmer.

Haben die Navajos eine Sch&#246;pfungsgeschichte?, fragte Kate.

Ja. Wir nennen sie Din&#233; Bahan&#233;. Sie ist nirgends aufgeschrieben. Man muss sie auswendig lernen. Es dauert neun N&#228;chte, sie vollst&#228;ndig zu singen. Das ist das Blessing-Way-Ritual, von dem ich Ihnen erz&#228;hlt habe  ein Gesang, der die Sch&#246;pfungsgeschichte dieser Welt erz&#228;hlt. Wenn man sie in Gegenwart eines kranken Menschen singt, wird er von der Geschichte geheilt.

Sie haben sie auswendig gelernt?

Nat&#252;rlich, mein Onkel hat sie mir beigebracht. Hat f&#252;nf Jahre gedauert.

Etwa so lange, wie ich f&#252;r meinen Doktortitel gebraucht habe.

Begay schien sich &#252;ber diesen Vergleich zu freuen.

W&#252;rden Sie mir ein paar Zeilen vorsingen?

Begay erwiderte: Der Blessing-Way-Gesang sollte nie beil&#228;ufig angestimmt werden.

Ich wei&#223; nicht, ob unsere Unterhaltung hier wirklich beil&#228;ufig ist.

Er sah ihr lange in die Augen. Ja, das ist wahr.

Begay schloss die Augen. Als er den Mund &#246;ffnete, klang seine Stimme schrill und zittrig, und er sang in einer fremdartigen F&#252;nftonleiter. Die nichtwestlichen Harmonien und der Klang der Navajo-Worte  einige wenige kannte Ford, die meisten nicht  erf&#252;llten Ford mit einer Sehnsucht nach etwas, das er nicht benennen konnte. Nach etwa f&#252;nf Minuten verstummte Begay. Seine Augen waren feucht. So f&#228;ngt es an, sagte er leise. Die sch&#246;nste Po esie, die je ersonnen wurde, zumindest meiner Meinung nach.

K&#246;nnten Sie das f&#252;r uns &#252;bersetzen?, bat Kate.

Ich hatte gehofft, dass Sie mich nicht darum bitten w&#252;rden. Also gut, bitte sehr. Begay holte tief Luft.

Daran denkt er, denkt er.


Vor langer Zeit, daran denkt er.


Wie die Dunkelheit entstehen wird, denkt er.


Wie die Erde entstehen wird, denkt er.


Wie der blaue Himmel entstehen wird, denkt er.


Wie der gelbe Morgen entstehen wird, denkt er.


Wie die Abendd&#228;mmerung entstehen wird, denkt er.


Wie Tau auf dunklem Moos entstehen wird, denkt er.


An Ordnung denkt er, an Sch&#246;nheit denkt er.


Wie alles sich vermehren kann, ohne zu verlieren, denkt er.

Begay hielt inne. In Ihrer Sprache h&#246;rt es sich nicht gut an, aber so &#228;hnlich k&#246;nnte man es &#252;bersetzen.

Wer ist er?, fragte Kate.

Der Sch&#246;pfer.

Kate l&#228;chelte. Sagen Sie mir, Mr. Begay: Wer hat den Sch&#246;pfer geschaffen?

Begay zuckte mit den Schultern. Das sagt uns die Geschichte nicht.

Was war vor Ihm?

Wer wei&#223;?

Kate sagte: Offenbar haben unser beider Sch&#246;pfungsgeschichten ein Problem mit der Urheberschaft.

Vom Sp&#252;lbecken her unterbrach tr&#246;pfelndes Wasser die Stille, dann noch ein Tropfen, und noch einer. Schlie&#223;lich stand Begay auf und humpelte hin&#252;ber, um den Hahn zuzudrehen. Das war eine interessante Unterhaltung, sagte er, als er zur&#252;ckkehrte. Aber da drau&#223;en gibt es noch die echte Welt, und in der steht ein Pferd herum, das neue Hufeisen braucht.

Sie traten hinaus ins grelle Sonnenlicht. Auf dem Weg zum Pferch bemerkte Ford: Mr. Begay, wir wollten Ihnen auch noch sagen, dass wir morgen einen Durchlauf mit Isabella vorhaben. Alle werden unter der Erde sein. Wenn Sie und Ihre Reiter kommen, werde nur ich da sein k&#246;nnen, um Sie zu begr&#252;&#223;en.

Wir hatten nicht vor, jemandem einen gesellschaftlichen Besuch abzustatten.

Ich wollte nur nicht, dass Sie den Eindruck bekommen, wir w&#252;rden Sie absichtlich ignorieren.

Begay t&#228;tschelte sein Pferd und strich ihm &#252;ber die Flanke. H&#246;ren Sie, Mr. Ford, wir haben unsere eigenen Pl&#228;ne. Wir werden eine Schwitzh&#252;tte bauen, einige Zeremonien abhalten und mit der Erde sprechen. Wir werden vollkommen friedlich sein. Wenn die Polizei kommt, um uns festzunehmen, werden wir ruhig abziehen.

Die Polizei wird nicht kommen, sagte Ford.

Begay wirkte entt&#228;uscht. Keine Polizei?

Sollen wir sie denn f&#252;r Sie rufen?, fragte Ford trocken.

Begay l&#228;chelte. Ich nehme an, ich habe mir eingebildet, mich f&#252;r die gute Sache verhaften zu lassen. Er wandte ihnen den R&#252;cken zu, hob mit einer Hand das Bein des Pferdes an und z&#252;ckte mit der anderen ein scharfes Messer. Ruhig, Junge, murmelte er und begann, das Horn zuzurichten.

Ford warf Kate einen Blick zu. Auf dem Heimweg w&#252;rde er ihr endlich die Wahrheit sagen.


35


Als Ford und Kate das Plateau der Mesa erreichten, stand die Sonne schon so tief, dass sie auf dem Horizont zu wackeln schien. W&#228;hrend sie still durch den bl&#252;henden Wiesenkn&#246;terich ritten, versuchte Ford zum hundertsten Mal, sich zurechtzulegen, was er sagen wollte. Wenn er nicht bald zu reden anfing, w&#252;rden sie Isabella zu schnell erreichen  und seine einzige Chance w&#228;re vertan.

Kate?, begann er und schloss zu ihr auf.

Sie wandte sich um.

Es gibt au&#223;er dem Besuch bei Begay einen weiteren Grund, warum ich dich gebeten habe, mit mir auszureiten.

Sie sah ihn an; ihr Haar schimmerte im Sonnenlicht wie schwarzes Gold, und jetzt schon wurden ihre Augen schmal vor Argwohn. Warum habe ich das Gef&#252;hl, dass mir dieser Grund nicht gefallen wird?

Ich bin nur zum Teil als Ethnologe hier, zum Teil aber auch aus einem anderen Grund.

Das h&#228;tte ich mir denken k&#246;nnen. Also, was ist dein wahrer Auftrag, du Geheimagent?

Ich  wurde hierhergeschickt, um das Isabella-Projekt unter die Lupe zu nehmen.

Mit anderen Worten, du bist ein Spion.

Er holte tief Luft. Ja.

Wei&#223; Hazelius Bescheid?

Niemand wei&#223; es.

Ich verstehe  Und du hast meine Freundschaft gesucht, weil ich eine Abk&#252;rzung zu den Informationen darstelle, die du brauchst.

Kate 

Nein, warte  es ist sogar noch schlimmer: Sie haben dich angeheuert, weil sie von unserer fr&#252;heren Beziehung wissen, in der Hoffnung, dass du die Glut wieder ansch&#252;ren und mir die Informationen im Bett entlocken w&#252;rdest.

Wie &#252;blich hatte Kate alles durchschaut, bevor er auch nur zu Ende beichten konnte.

Kate, als ich mich bereit erkl&#228;rt habe, diesen Auftrag anzunehmen, war mir nicht klar 

Was war dir nicht klar? Dass ich tats&#228;chlich so blau&#228;ugig sein w&#252;rde?

Mir war nicht bewusst  dass es gewisse Komplikationen geben k&#246;nnte.

Sie zog an den Z&#252;geln, hielt ihr Pferd an und starrte ihn an. Komplikationen? Was meinst du damit?

Fords Gesicht brannte. Warum war das Leben pl&#246;tzlich so wirr und unverst&#228;ndlich? Was sollte er ihr antworten?

Sie warf das Haar zur&#252;ck und fuhr sich grob mit einer behandschuhten Hand &#252;ber die Wange. Du bist immer noch bei der CIA, nicht wahr?

Nein. Ich bin vor drei Jahren ausgestiegen, als meine Frau  Meine Frau  Er brachte es nicht &#252;ber die Lippen.

Ja, klar, du bist ausgestiegen. Also  hast du ihnen unser Geheimnis schon verraten?

Nein.

Bl&#246;dsinn. Nat&#252;rlich hast du ihnen alles erz&#228;hlt. Ich habe dir vertraut, war offen zu dir  und jetzt sind wir alle am Arsch.

Ich habe ihnen nichts gesagt.

Ich w&#252;rde dir zu gerne glauben. Sie trieb energisch ihr Pferd an und trabte davon.

Kate, bitte h&#246;r zu  Ballew trabte ebenfalls an. Ford wurde durchger&#252;ttelt und musste sich mit einer Hand am Sattelknauf festhalten.

Kate gab ihrem Pferd eine neue Hilfe, und es verfiel in kurzen Galopp. Scher dich weg von mir.

Ungebeten galoppierte Ballew ebenfalls sacht an. Ford umklammerte den Sattelknauf, denn nun wurde er herumgeschleudert wie eine Stoffpuppe. Kate, bitte  nicht so schnell, wir m&#252;ssen dar&#252;ber reden 

Sie trieb ihr Pferd noch schneller voran, und Ballew donnerte ihr einfach hinterher. Die beiden Pferde flogen &#252;ber die Mesa, dass der donnernde Hufschlag den Boden beben lie&#223;. Ford, leicht in Panik, umklammerte den Sattelknauf, als ginge es um Leben und Tod.

Kate!, rief er. Der Z&#252;gel glitt ihm aus einer Hand. Er beugte sich vor, um ihn aufzuheben, doch Ballew trat auf den schleifenden Z&#252;gel und kam abrupt zum Stehen. Ford wurde von seinem R&#252;cken geschleudert und landete kopf&#252;ber auf einem Teppich aus Wiesenkn&#246;terich.

Als er wieder zu sich kam, starrte er in den Himmel und fragte sich, wo zum Teufel er war.

Kates Gesicht hing pl&#246;tzlich &#252;ber ihm. Ihr Hut war weg, ihr Haar zerzaust, das Gesicht eine Studie in Besorgnis.

Wyman? Du lieber Himmel, alles in Ordnung?

Er japste und keuchte, als endlich wieder Luft in seine Lunge drang. Dann versuchte er sich aufzurichten.

Nein, nein. Bleib liegen. Als er zur&#252;cksank, sp&#252;rte er, wie sie den Kopf auf ihren Hut bettete, den sie offenbar als provisorisches Kissen zusammengefaltet hatte. Er wartete darauf, dass die Sternchen vor seinen Augen verschwanden und die Erinnerung daran, wie er hierhergekommen war, zur&#252;ckkehrte.

O Gott, Wyman, einen Moment lang dachte ich schon, du bist tot.

Er konnte seine Gedanken nicht sammeln. Er atmete ein, aus, wieder ein, so tief er konnte.

Sie hatte ihre Handschuhe ausgezogen und t&#228;tschelte mit k&#252;hlen Fingern sein Gesicht. Hast du dir etwas gebrochen? Hast du Schmerzen? Oh, du blutest! Sie zog ihr Halstuch ab und tupfte an seiner Stirn herum.

Allm&#228;hlich wurde sein Kopf klarer. Darf ich mich jetzt aufsetzen?

Nein, nein. Still liegen bleiben. Sie dr&#252;ckte das Halstuch kr&#228;ftig an seine Stirn. Du bist mit dem Kopf aufgeschlagen. Vielleicht hast du eine Gehirnersch&#252;tterung.

Das glaube ich nicht. Er st&#246;hnte. Jetzt musst du mich f&#252;r einen Idioten halten. Da falle ich vom Pferd wie ein Mehlsack.

Du kannst einfach nicht reiten, das ist alles. Das war allein meine Schuld. Ich h&#228;tte nicht so losrasen d&#252;rfen. Aber du machst mich manchmal so w&#252;tend.

Das dumpfe Pochen in seinem Kopf lie&#223; allm&#228;hlich nach. Ich habe euer Geheimnis nicht verraten. Und das habe ich auch nicht vor.

Sie sah ihn an. Warum? Wurdest du nicht eigens daf&#252;r angeheuert?

Ist mir schei&#223;egal, wozu ich angeheuert wurde.

Sie tupfte an seiner aufgeschlagenen Stirn herum. Du solltest dich noch ein bisschen ausruhen.

Er blieb still liegen. Muss man nach einem Sturz nicht sofort wieder aufsteigen?

Ballew ist allein zum Stall weitergelaufen. Das braucht dir nicht peinlich zu sein  jeder f&#228;llt irgendwann mal runter.

Ihre Hand ruhte an seiner Wange. Er blieb noch einen Moment liegen, dann st&#252;tzte er sich langsam auf einen Ellbogen. Es tut mir leid.

Nach kurzem Z&#246;gern sagte sie: Du hast etwas von deiner Frau gesagt  Ich wusste gar nicht, dass du verheiratet bist.

Bin ich auch nicht mehr.

Ist sicher schwer, wenn man eigentlich mit der CIA verheiratet ist.

Hastig sagte er: Das war es nicht. Sie ist gestorben.

Kate schlug sich die Hand vor den Mund. Oh  oh, das tut mir aber leid. Wie dumm von mir, so etwas zu sagen.

Schon gut. Wir haben zusammen f&#252;r die CIA gearbeitet. Sie ist in Kambodscha ums Leben gekommen. Autobombe.

O Gott, Wyman. Wie schrecklich, das tut mir so leid.

Er h&#228;tte nicht gedacht, dass er es &#252;ber sich bringen w&#252;rde, ihr davon zu erz&#228;hlen. Aber es kam ihm ganz leicht von den Lippen. Deshalb habe ich die CIA verlassen und bin in ein Kloster gegangen. Ich habe nach etwas gesucht und dachte, dieses Etwas sei Gott. Aber ich habe Ihn nicht gefunden. Ich bin einfach nicht zum M&#246;nch geboren. Ich habe das Kloster verlassen und musste von irgendetwas leben, also habe ich mich als Privatdetektiv selbst&#228;ndig gemacht und wurde f&#252;r diesen Auftrag engagiert. Den ich nie h&#228;tte annehmen sollen. Das ist alles.

F&#252;r wen arbeitest du? Lockwood?

Er nickte. Er wei&#223;, dass ihr irgendetwas vertuscht, und ich sollte f&#252;r ihn herausfinden, was. Er sagt, noch zwei Tage, dann zieht er Isabella den Stecker raus.

Himmel. Wieder legte sie diese k&#252;hle Hand an seine Wange.

Es tut mir leid, dass ich dich belogen habe. Wenn ich gewusst h&#228;tte, worauf ich mich da einlasse, h&#228;tte ich den Auftrag nie angenommen. Ich habe nicht damit gerechnet  Er verstummte.

Womit?

Er antwortete nicht.

Womit hast du nicht gerechnet? Sie beugte sich &#252;ber ihn, so dass ihr Schatten auf ihn fiel und ihr zarter Duft zu ihm herabtrieb.

Ford sagte: Dass ich mich wieder in dich verlieben k&#246;nnte.

Der ferne Ruf einer Eule erklang im Zwielicht.

Meinst du das ernst?, fragte sie schlie&#223;lich.

Ford nickte.

Langsam beugte Kate sich zu ihm vor. Sie k&#252;sste ihn nicht  sie sah ihn nur an. Erstaunt. Das hast du mir nie gesagt, als wir noch zusammen waren.

Wirklich nicht?

Sie sch&#252;ttelte den Kopf. Das Wort Liebe geh&#246;rte nicht zu deinem Wortschatz. Was glaubst du, warum ich mich von dir getrennt habe?

Er blinzelte. Das war der Grund? Ich dachte, es h&#228;tte daran gelegen, dass ich zur CIA gegangen bin.

Damit h&#228;tte ich leben k&#246;nnen.

Willst du  es noch einmal versuchen?, fragte Ford.

Sie sah ihn an, und goldenes Abendlicht schimmerte &#252;berall um sie herum. Sie hatte noch nie so sch&#246;n ausgesehen. Ja.

Sie streckte die Hand aus, um ihm aufzuhelfen. Sobald er sa&#223;, zog sie ihn zu sich heran und k&#252;sste ihn, langsam, leicht, k&#246;stlich. Er beugte sich vor, um den Kuss zu erwidern, doch sie hielt ihn mit einer Hand auf der Brust sacht zur&#252;ck. Es ist schon fast dunkel. Wir haben noch einen kleinen Fu&#223;marsch vor uns. Und 

Und was?

Sie blickte immer noch l&#228;chelnd auf ihn herab. Nicht so wichtig, sagte sie und beugte sich vor, um ihn zu k&#252;ssen. Er lie&#223; sich zur&#252;cksinken, und ihre weichen Br&#252;ste dr&#252;ckten sich an ihn. Ihre Hand glitt &#252;ber sein Hemd, und sie kn&#246;pfte es auf, einen Knopf nach dem anderen. Dann schob sie es auseinander, &#246;ffnete seine G&#252;rtelschnalle, ihre K&#252;sse wurden tiefer und weicher, als wollten ihre Lippen mit seinen verschmelzen, w&#228;hrend die abendlichen Schatten auf dem W&#252;stenboden immer l&#228;nger wurden.


36


Pastor Russ Eddy lenkte seinen Pick-up vorsichtig von der Stra&#223;e, die sich &#252;ber die Mesa zog, auf eine Sandsteinnadel zu, hinter der er sein Auto verstecken konnte. Es war eine klare Nacht, der Mond war dreiviertelvoll, und Sterne sprenkelten den Himmel. Der Pick-up schlingerte und ratterte &#252;ber den kahlen Fels, und bei jedem Holpern dengelte die lose Sto&#223;-stange. Wenn er sich nicht bald das Schwei&#223;ger&#228;t von der Tankstelle in Blue Gap auslieh, w&#252;rde die Sto&#223;stange abfallen, aber er sch&#228;mte sich so, sich st&#228;ndig Werkzeug von den Navajos zu borgen und ihnen noch mehr Benzin auf Pump abzuschwatzen. St&#228;ndig musste er sich daran erinnern, dass er diesen Leuten schlie&#223;lich das kostbarste aller Geschenke brachte, n&#228;mlich die Erl&#246;sung  wenn sie es denn nur annehmen wollten.

Den ganzen Tag lang hatte er an Hazelius gedacht. Je l&#228;nger er sich die Worte des Mannes angeh&#246;rt hatte, die in seinem Kopf kreisten, desto mehr Verse aus den Ersten Episteln des Johannes schienen auf ihn zuzutreffen: Ihr habt geh&#246;rt, dass der Widerchrist kommt  Das ist der Widerchrist, der den Vater und den Sohn leugnet  Und das ist der Geist des Widerchrists 

Die Erinnerung an Lorenzo, der auf dem Boden lag, stand ihm vor Augen, an die Kl&#252;mpchen menschlichen Blutes, die nicht im Sand versickern wollten  Er verzog das Gesicht  warum kehrte dieses grauenhafte Bild immer wieder zur&#252;ck? Mit einem lauten St&#246;hnen zwang er es, zu verschwinden.

Er lenkte den Pick-up vorsichtig hinter den Sandsteinfelsen, bis er gut versteckt war. Hustend erstarb der Motor. Er zerrte an der Handbremse und blockierte die R&#228;der zus&#228;tzlich mit Steinbrocken. Dann steckte er den Schl&#252;ssel in die Tasche, atmete tief durch und machte sich auf den Weg zur&#252;ck zur Stra&#223;e. Der Mond schien hell genug, so dass er den Weg auch ohne Taschenlampe gut erkennen konnte.

Er f&#252;hlte mehr denn je, dass dies seine Bestimmung war. Gott hatte ihn berufen, und er hatte ja gesagt. Alles, was bisher geschehen war, all die Schwierigkeiten in seinem Leben, waren nur das Vorspiel gewesen. Gott hatte ihn gepr&#252;ft, und Eddy hatte bestanden. Die letzte Pr&#252;fung war Lorenzo gewesen. Gottes Zeichen daf&#252;r, dass Er Eddy auf etwas Gro&#223;es vorbereitete. Etwas Gewaltiges.

Der Herr hatte ihn auch am Nachmittag in Pi&#241;on gef&#252;hrt. Erst ein voller Benzintank  umsonst. Dann ein verirrter Tourist, der den Weg nach Flagstaff suchte und sich mit einer Zehn-Dollar-Note bei Eddy bedankte. Schlie&#223;lich hatte er in der Tankstelle erfahren, dass Bia den Todesfall beim Isabella-Projekt f&#252;r einen Mord hielt  nicht Selbstmord, Mord!

Ein Kojote heulte in der Ferne, ein zweiter antwortete ihm, von noch weiter weg. Das Heulen h&#246;rte sich an wie die einsamen, verlorenen Schreie der Verdammten. Eddy erreichte den Rand des Felsenkamms und krabbelte den Pfad ins Nakai Valley hinab. Der dunkle, klobige Umriss des Nakai Rock erhob sich zu seiner Rechten wie ein buckliger D&#228;mon. Unterhalb markierten ein paar verstreute Lichter das Dorf; die Fenster des alten Handelspostens warfen quadratische Lichtflecken in die Dunkelheit.

Er hielt sich dicht an Felsen und Wacholder und n&#228;herte sich langsam dem Handelsposten. Er wusste weder, was er suchte, noch, wie er es finden sollte. Sein einziger Plan war, auf ein Zeichen von Gott zu warten. Gott w&#252;rde ihm den Weg zeigen.

Leise trieb Klaviermusik durch die W&#252;stennacht. Er erreichte die Talsohle, tastete sich durch die Dunkelheit unter den Pappeln und sprintete dann &#252;ber den offenen Rasen zur R&#252;ckseite des Handelspostens. Durch die alten Holzst&#228;mme und die mit Gips verputzten Ritzen konnte er eine ged&#228;mpfte Unterhaltung h&#246;ren. Unendlich vorsichtig schlich er zu einem Fenster und sp&#228;hte nach drinnen. Ein paar Wissenschaftler sa&#223;en um einen Couchtisch und unterhielten sich angeregt, sie schienen beinahe zu streiten. Hazelius spielte Klavier.

Beim Anblick des Mannes, der der Antichrist selbst sein k&#246;nnte, sp&#252;rte Russ eine Woge aus Angst und Wut in sich. Er duckte sich unter das Fenster und versuchte zu h&#246;ren, was die Leute sagten, doch der Mann spielte so laut, dass Eddy kaum etwas verstehen konnte. Doch dann, &#252;ber die Klaviermusik hinweg, durch das doppelt verglaste Fenster, drang ein einziges Wort, gesprochen von einem der Wissenschaftler, hinaus in die kalte Nachtluft, dorthin, wo Eddy sich ins Gras kauerte: Gott.

Wieder, von einer anderen Stimme ausgesprochen: Gott.

Die Fliegengittert&#252;r schlug zu, und zwei Stimmen trieben um die Ecke und drangen an seine Ohren: eine hoch und angespannt, die andere ruhig und bed&#228;chtig.

Mit klopfendem Herzen kroch Eddy durch die Dunkelheit bis an die Ecke, die der Eingangst&#252;r am n&#228;chsten lag. Er lauschte und wagte kaum zu atmen.

 noch eines, worum ich Sie bitten m&#246;chte, Tony  vertraulich, k&#246;nnte man sagen  Der Mann senkte die Stimme, so dass Eddy den Rest nicht verstehen konnte, doch er wagte es nicht, n&#228;her heranzuschleichen.

 wir die beiden einzigen Nichtwissenschaftler hier sind 

Sie spazierten hinaus in die Dunkelheit. Eddy wich zur&#252;ck, und die Stimmen verklangen. Er konnte die beiden dunklen Gestalten sehen, die langsam die Stra&#223;e entlanggingen. Er wartete ab, schoss dann &#252;ber die Stra&#223;e in den Schutz der B&#228;ume und dr&#252;ckte sich an den knorrigen Stamm einer Pappel.

Luft zog an seinem Gesicht vorbei. Das h&#228;tte der Heilige Geist sein k&#246;nnen, der sich in eine Brise verwandelte, um die Stimmen der schattenhaften Gestalten zu Eddy zu tragen.

 dieser m&#246;glichen Strafanzeige, aber ich habe mit dem Betrieb von Isabella nichts zu tun.

Die tiefere Stimme antwortete: Machen Sie sich blo&#223; nichts vor. Wie ich vorhin sagte  mitgefangen, mitgehangen.

Aber ich bin doch nur der Psychologe.

Sie waren trotzdem an dem Betrug beteiligt 

Betrug? Eddy schlich durch die Dunkelheit zu einem neuen Lauschposten.

 zum Teufel sind wir da nur reingeraten?, fragte die leicht schrille Stimme.

Die Antwort war so leise, dass Eddy sie nicht verstand.

Ich kann einfach nicht glauben, dass der verdammte Computer behauptet, Gott zu sein  Das ist eine Geschichte wie aus einem Science-Fiction-Roman 

Eine weitere leise Antwort. Um ja nichts zu verpassen, lauschte Eddy so angestrengt, dass er die Luft anhielt.

Die M&#228;nner gingen auf die verstreuten Lichtpunkte der Wohnh&#228;user zu. Eddy huschte wie eine Spinne durch die Dunkelheit, w&#228;hrend ihre Unterhaltung mit der launischen Brise mal leiser, mal lauter zu ihm drang.

 Gott in der Maschine  Wolkonski in den Wahnsinn getrieben  Das war wieder die hohe Stimme.

 Zeitverschwendung, jetzt zu spekulieren, was , kam die barsche Antwort.

Die Unterhaltung wurde noch leiser fortgesetzt. Es machte Eddy schier verr&#252;ckt, dass er nichts mehr verstand. Er riskierte es, noch n&#228;her heranzuschleichen. Die beiden M&#228;nner waren am Ende einer Einfahrt stehengeblieben. Im sanften gelben Licht wirkte der gr&#246;&#223;ere von beiden ziemlich ungeduldig, als wolle er den nerv&#246;sen endlich loswerden. Die Stimmen waren nun deutlicher.

 ein Zeug von sich gibt, wie kein Gott, von dem ich je geh&#246;rt habe. Das ist doch ein Haufen New-Age-Mist. Die Existenz, das bin ich, der denkt  also, bitte. Und Edelstein schluckt das auch noch. Na ja, er ist Mathematiker  und damit per Definition ein Spinner. Ich meine, der Kerl h&#228;lt sich Klapperschlangen als Haustiere.  Die hohe Stimme quakte lauter, als wolle der Sprecher allein dadurch den gro&#223;en Kerl daran hindern, weiterzugehen.

Der Gro&#223;e trat von einem Fu&#223; auf den anderen, so dass Eddy nun sein Gesicht sehen konnte. Das war der Wachmann.

Mit seiner tiefen Stimme sagte er etwas von noch eine Runde drehen, ehe ich mich aufs Ohr haue. Ein H&#228;ndedruck, und der Schm&#228;chtige ging den kurzen Weg zu seinem Haus, w&#228;hrend der Wachmann die Stra&#223;e entlangblickte, erst in die eine, dann in die andere Richtung und schlie&#223;lich zu dem Pappelw&#228;ldchen hin&#252;ber, als verschaffe er sich einen &#220;berblick, um zu entscheiden, wo er mit seinem Rundgang beginnen wollte.

Bitte, lieber Gott, bitte. Eddys Herz schlug so heftig, dass er sein eigenes Blut in seinen Ohren rauschen h&#246;rte. Schlie&#223;lich machte sich der Mann in die entgegengesetzte Richtung auf den Weg. Eddy bewegte sich extrem vorsichtig, um nicht auf herabgefallene Zweige zu treten, schlich langsam durch die Pappeln und tastete sich den dunklen Pfad hinauf aus dem Tal heraus.

Erst auf der R&#252;ckfahrt &#252;ber den Dugway gestattete er sich, zu jubeln und zu schreien vor schwindliger Freude. Er hatte genau das, was Reverend Spates brauchte. In Virginia war es jetzt mitten in der Nacht, aber es w&#252;rde dem Reverend gewiss nichts ausmachen, um dieser Neuigkeiten willen geweckt zu werden. Ganz bestimmt nicht.


37


Am Freitagmorgen, bei Tagesanbruch, lehnte Nelson Begay am T&#252;rrahmen des Gemeindehauses und sah zu, wie die ersten Pferdeh&#228;nger eintrafen. Viele Hufe wirbelten den Staub zu rotgoldenen, feurigen Wolken auf, w&#228;hrend die Reiter ihre Pferde ausluden und sattelten. Sporen klirrten, Leder klatschte. Begays eigenes Pferd, Winter, war schon gesattelt und bereit f&#252;r den Ritt; er hatte ihn im Schatten der einzigen Pinyon-Kiefer weit und breit angebunden, das Maul in einem Hafersack. Begay w&#252;nschte, er k&#246;nnte den Bilagaana die Schuld f&#252;r all die toten Kiefern hier geben, doch soweit er das beurteilen konnte, stimmte das, was man in den Fernsehnachrichten sah: Borkenk&#228;fer und D&#252;rre hatten keine weiteren Helfer gebraucht.

Maria Atcitty, die Vorsitzende des Ortsverbands, trat zu ihm. Ganz sch&#246;ner Zulauf, sagte sie.

Besser, als ich dachte. Kommst du mit?

Atcitty lachte. Alles, nur nicht im B&#252;ro hocken.

Wo ist dein Pferd?

Bist du verr&#252;ckt? Ich fahre.

Begay beobachtete weiter die bunte Mischung von Pferden, die sich zu dem Protestritt versammelten. Abgesehen von ein paar guten Quarterhorses und einem Araber, waren die meisten Reservatsklepper, unbeschlagen, mager, nerv&#246;s. Die Szene erinnerte ihn an seinen Onkel Silvers dr&#252;ben in Toh Ateen. Silvers hatte ihm die Blessing-Way-Zeremonie beigebracht, aber er war auch Rodeoreiter gewesen, war zwischen Santa Fe und Amarillo von einem Rodeo zum n&#228;chsten gezogen, bis er sich den R&#252;cken ruiniert hatte. Danach hielt er noch einen Haufen struppiger Pferde, damit die Kinder darauf reiten konnten; dort hatte Begay alles gelernt, was er &#252;ber Pferde wusste. Er sch&#252;ttelte den Kopf. Das schien eine Ewigkeit her zu sein. Onkel Silvers war nicht mehr, die alten Sitten starben aus, und die Kinder heutzutage konnten weder reiten, noch beherrschten sie die Sprache ihres Volkes. Begay war der Einzige, den der alte Onkel Silvers dazu hatte &#252;berreden k&#246;nnen, den Blessing Way zu lernen.

Der Ritt war mehr als nur ein Protest gegen das Isabella-Projekt; er sollte auch eine Lebensweise wiedererwecken, die viel zu schnell ausstarb. Es ging hier um ihre Traditionen, ihre Sprache und ihr Land, dar&#252;ber, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen.

Ein klappriger Isuzu fuhr vor, mit einem Viehanh&#228;nger, der viel zu gro&#223; f&#252;r den altersschwachen Pick-up war. Mit einem lauten Jubelruf sprang ein schlaksiger Mann in einem T-Shirt mit abgeschnittenen &#196;rmeln heraus. Er reckte einen mageren Arm in die Luft, stie&#223; erneut sein Gebr&#252;ll aus und ging dann um den Anh&#228;nger herum, um sein Pferd auszuladen.

Willy Becenti ist da, bemerkte Atcitty.

Schwer zu &#252;bersehen.

Das Pferd, bereits gesattelt, trat r&#252;ckw&#228;rts in den Staub. Becenti f&#252;hrte es um den Wagen und band es an die Anh&#228;ngerkupplung.

Er packt.

Das sehe ich.

Willst du ihm erlauben, das da mitzunehmen?

Begay dachte kurz dar&#252;ber nach. Willy war hitzk&#246;pfig, aber er hatte ein gutes Herz und war sehr verl&#228;sslich, wenn er nicht betrunken war. Und auf diesem Ritt w&#252;rde es keinen Alkohol geben  das war die einzige Regel, auf deren Einhaltung Begay strikt bestehen w&#252;rde.

Willy macht schon keinen Unsinn.

Was, wenn es da oben h&#228;sslich wird?, fragte Maria.

Wird es nicht. Ich habe gestern mit zwei von den Wissenschaftlern gesprochen. Da oben wird gar nichts passieren.

Atcitty fragte: Welche beiden waren das denn?

Der eine, der sich als Ethnologe bezeichnet, Ford, und die stellvertretende Leiterin, eine Frau namens Mercer.

Atcitty nickte. Die zwei habe ich auch schon kennengelernt. Nach kurzem Schweigen fragte sie: Bist du sicher, dass dieser Protestritt eine gute Idee ist?

Das werden wir wohl jetzt herausfinden, oder?


38


Ken Dolby sah auf seine Armbanduhr. Sechs Uhr abends. Er wandte sich wieder dem Bildschirm zu und &#252;berpr&#252;fte die Temperatur des schadhaften Magneten. Hielt sich gut, immer noch weit innerhalb der Toleranzgrenzen. Er scrollte sich durch mehrere Seiten von Isabellas Software-Kontrollprogrammen. Alle Systeme in Ordnung, alles lief wie am Schn&#252;rchen. Sie waren nun bei achtzig Prozent Leistung.

Es war die perfekte Nacht f&#252;r einen Durchlauf. Da Isabella einen gro&#223;en Anteil des Stroms aus dem lokalen Verteilernetz f&#252;r sich beanspruchte, konnte schon die kleinste St&#246;rung  ein Blitzeinschlag, ein kaputter Transformator, unterbrochene Stromleitungen  eine Lawine von St&#246;rf&#228;llen ausl&#246;sen. Doch im Gro&#223;teil des S&#252;dwestens herrschte ruhiges, k&#252;hles Wetter, kaum jemand schaltete seine Klimaanlage ein, es gab keine Gewitter und nur schwachen Wind.

Dolby hatte so ein Gef&#252;hl im Bauch  das Gef&#252;hl, dass sie heute Nacht das Problem l&#246;sen w&#252;rden. Dies war die Nacht, in der Isabella sich in ihrer ganzen Pracht zeigen w&#252;rde.

Ken, erh&#246;hen Sie auf f&#252;nfundachtzig, sagte Hazelius aus seinem Ledersessel in der Mitte der Br&#252;cke.

Dolby warf St. Vincent, der die Energiezufuhr &#252;berwachte, einen Blick zu. Der koboldartige Mann reckte einen Daumen in die Luft und zwinkerte ihm zu.

Alles klar.

Am &#228;u&#223;ersten Rand seiner Wahrnehmung sp&#252;rte er die schwache Vibration des gewaltigen Energiestroms. Die beiden Strahlen aus Protonen und Antiprotonen, die mit unvorstellbarer Geschwindigkeit in entgegengesetzte Richtungen durch den Ring kreisten, waren noch nicht zur Kollision gebracht worden. Das w&#252;rde erst bei neunzig Prozent Leistung geschehen. Sobald sie erst miteinander in Kontakt standen, brauchte man wesentlich mehr Energie, wesentlich mehr Zeit und ein unendlich geschicktes H&#228;ndchen f&#252;r die Feinabstimmung, um das System bis auf hundert Prozent hochzubringen.

Die Anzeigen stiegen reibungslos auf f&#252;nfundachtzig Prozent.

Pr&#228;chtige Nacht f&#252;r einen Durchlauf, sagte St. Vincent.

Dolby nickte und war froh, dass die Energiezufuhr St. Vincents Aufgabe war. Er war ein ruhiger, umg&#228;nglicher, &#228;lterer Mann, der selten ein Wort sprach, aber den Strom mit so viel Feingef&#252;hl kontrollierte wie ein Dirigent sein Sinfonieorchester  mit Pr&#228;zision und gro&#223;er Finesse. Dabei verlor er nie die Ruhe.

F&#252;nfundachtzig Prozent, meldete Dolby.

Alan?, fragte Hazelius. Was machen die Server?

Hier dr&#252;ben ist alles bestens.

Hazelius drehte wohl zum f&#252;nfzigsten Mal seine Runde durch den Kontrollraum und fragte die Meldungen seines Teams ab. Bisher war es ein Durchlauf wie aus dem Bilderbuch.

Dolby &#252;berpr&#252;fte seine Systeme. Alles lief wie am Schn&#252;rchen. Die einzige Schwachstelle war der warme Magnet, aber warm war in diesem Fall auch nur drei Hundertstelgrad w&#228;rmer, als er h&#228;tte sein sollen.

Isabella lief sich auf f&#252;nfundachtzig Prozent ein, w&#228;hrend Rae Chen feine Justierungen an den Strahlen vornahm. In diesem freien Augenblick sah Dolby sich im Raum um und dachte &#252;ber die Gruppe nach, die Hazelius sich zusammengesucht hatte. Edelstein zum Beispiel. Dolby vermutete, der k&#246;nnte sogar noch intelligenter sein als Hazelius  aber auf eine merkw&#252;rdige Art und Weise. Edelstein war verschroben, ein wenig be&#228;ngstigend, als sei sein Gehirn zur H&#228;lfte das eines Aliens. Und was sollte das mit den Klapperschlangen? Ein echt abartiges Hobby. Und dann war da Corcoran, die so &#228;hnlich aussah wie Daryl Hannah. Sie war nicht Dolbys Typ, zu gro&#223; und zu aggressiv. Viel zu h&#252;bsch und zu blond, um so klug zu sein, wie sie es offensichtlich war  Dies war eine brillante Gruppe, sogar der Roboter Cecchini, der Dolby immer so vorkam, als w&#252;rde er jeden Moment Amok laufen. Die einzige Ausnahme war Innes. Er war ein ehrlicher Kerl, der sich auch bem&#252;hte, aber einfach nicht genug Watt in der Birne hatte, um mehr als die Mitte des ausgetretenen Pfades zu beleuchten. Wie konnte Hazelius diesen Mann und seine albernen Gespr&#228;chsrunden so ernst nehmen? Oder hielt Hazelius sich nur an Regeln, die ihm das Energieministerium vorgeschrieben hatte? Waren alle Psychologen wie Innes, der seine h&#252;bschen kleinen Theorien verbreitete, ohne einen Hauch empirischer Beweise zu haben? Innes war ein Mann, der alles sah und nichts verstand. Er erinnerte Dolby an den Lastwagenfahrer, mit dem seine Mutter nach dem Tod ihres Vaters etwas gehabt hatte; st&#228;ndig hatte er pseudopsychologisches Zeug geschwafelt, ein anst&#228;ndiger Kerl, der einem aber bei jeder Gelegenheit Ratschl&#228;ge aus dem neuesten Selbsthilfe-Bestseller um die Ohren schlug.

Dann war da noch Rae Chen. Sie war wahnsinnig klug, ging aber total entspannt damit um. Jemand hatte Dolby erz&#228;hlt, dass sie als Kind Skateboard-Champion gewesen war. Sie wirkte auf ihn wie eine leicht schlampige Westk&#252;sten-Studentin, die gern Spa&#223; hatte, immer locker und unkompliziert. Aber war sie wirklich so unkompliziert? Bei Asiaten war das schwer zu sagen. Jedenfalls h&#228;tte er nur zu gern was mit ihr angefangen. Er sah zu ihr hin&#252;ber; sie hatte sich aufmerksam &#252;ber ihre Tastatur gebeugt, das schwarze Haar fiel ihr wie ein Wasserfall um die Schultern, und er stellte sie sich nackt vor 

Hazelius Stimme unterbrach seine Gedanken.

Wir k&#246;nnen jetzt auf neunzig hochfahren, Ken.

Geht klar.

Alan? Wenn wir bei neunzig stabil sind, sollten Sie bereit sein, die p-f&#252;nf-f&#252;nfneunf&#252;nfer alle auf einmal zuzuschalten, komplett verlinkt.

Edelstein nickte.

Dolby schob die Regler hoch und beobachtete, wie Isabella prompt reagierte. Jetzt ging es um alles. Das war die entscheidende Nacht. Alles in seinem Leben hatte auf diesen Punkt hingef&#252;hrt. Er sp&#252;rte die tiefe Vibration, als sich die Leistung weiter steigerte. Es war, als stehe der gesamte Berg unter Strom. Und sie schnurrte wie ein Bentley. Gott, wie er diese Maschine liebte. Seine Maschine.


39


Aus dem Schlafzimmer seines Bungalows sah Ford die ersten Reiter des Protestzugs auf dem Kamm hinter dem Nakai Rock auftauchen, von der untergehenden Sonne von hinten beleuchtet. Er hob sein Fernglas und identifizierte Nelson Begay auf einem Paint Horse, dazu ein weiteres Dutzend Reiter.

Er wandte den Kopf und sp&#252;rte die Schmerzen, die vom gestrigen Sturz stammten. Seitdem hatten er und Kate kaum ein Wort unter vier Augen wechseln k&#246;nnen, denn sie war vollauf mit den Vorbereitungen f&#252;r den neuen Durchlauf besch&#228;ftigt gewesen.

Das L&#228;mpchen an seinem Satellitentelefon blinkte, p&#252;nktlich auf die Minute. Er nahm ab.

Was gibt es Neues?, fragte Lockwood.

Nichts Besonderes. Alle sind im Bunker, Isabella l&#228;uft. Ich warte gerade darauf, die berittene Demonstration in Empfang zu nehmen.

Es w&#228;re mir lieber gewesen, wenn Sie die verhindert h&#228;tten.

Glauben Sie mir, so ist es besser. Haben Sie was in Sachen Joe Blitz?

Es gibt Hunderte Joe Blitz da drau&#223;en  Leute, Firmen, Orte, alles M&#246;gliche. Ich habe eine Liste mit den Referenzen aufgestellt, die mir am wahrscheinlichsten vorkamen. Ich w&#252;rde Ihnen gern mal ein paar nennen.

Nur zu.

Zun&#228;chst einmal ist Joe Blitz der Name einer GI-Joe-Action-Figur.

Das k&#246;nnte eine Anspielung auf Wardlaw sein  Wolkonski konnte ihn nicht ausstehen. Was noch?

Broadway-Produzent aus den Vierzigern, der Garbage Can Follies und Crater Lake Cut-up gemacht hat. Beides Musicals, bei einem ging es um Kater, bei dem anderen um eine Nudistenkolonie. Beides Flops.

Weiter.

Joe Blitz, bankrottes Ford-Autohaus in Ohio  Joe Blitz State Park, Medford, Oregon  Joe Blitz Memorial Rink, ein Eishockeystadion in Ontario, Kanada  Joe Blitz, Science-Fiction-Autor in den drei&#223;iger und vierziger Jahren  Joe Blitz, der Bauunternehmer, der das Mausleer Building in Chicago gebaut hat  Joe Blitz, Cartoonist.

Erz&#228;hlen Sie mir mehr &#252;ber den Schriftsteller.

In den fr&#252;hen vierziger Jahren wurden einige rei&#223;erische Science-Fiction-Geschichten von einem Joe Blitz in diversen Heftchen ver&#246;ffentlicht.

Titel?

Das ist ein ganzer Haufen, Moment  Rei&#223;z&#228;hne in der Tiefe, Menschenfresser der L&#252;fte und &#196;hnliches.

Hat er auch Romane geschrieben?

Wir haben nur eine Menge Kurzgeschichten gefunden.

Was ist mit dem Cartoonisten?

Hat in den sp&#228;ten F&#252;nfzigern eine Mainstream-Comic-Serie &#252;ber einen fetten Kerl und einen Zwergpudel gemacht. Ein bisschen wie Garfield. Kein gro&#223;er Erfolg. Schauen wir mal  Ich habe noch zweihundert weitere Treffer, alles M&#246;gliche, von einem Beerdigungsinstitut bis hin zu einem Rezept f&#252;r ger&#228;ucherten Fisch.

Ford seufzte. Das ist ja, als suchten wir eine Nadel im Heuhaufen, ohne &#252;berhaupt zu wissen, wie eine Nadel aussieht. Was ist mit dieser Tante Natascha?

Wolkonski hatte keine Tante Natascha. Das k&#246;nnte eine Art Scherz sein  Sie wissen schon, jeder Russe hat eine Tante Natascha und einen Onkel Boris.

Ford beobachtete durch das Fenster, wie die Reiter das Tal erreichten. Sieht so aus, als w&#252;rde uns diese Botschaft nicht weiterbringen.

Ich f&#252;rchte.

Ich muss los  die Reiter sind schon im Tal.

Rufen Sie mich an, sobald dieser Durchlauf beendet ist, sagte Lockwood.

Ford r&#228;umte das Satellitentelefon weg, verschloss den Aktenkoffer und ging hinaus. Er h&#246;rte fernes Motorenger&#228;usch, und ein zerbeulter Pick-up erschien an der Stelle, wo die Stra&#223;e das Tal erreichte. Er &#252;berwand den H&#252;gel und kam herabgerollt, gefolgt von einem wei&#223;en Kleinbus mit der Aufschrift KREZ auf der Seite und einer Satellitensch&#252;ssel auf dem Dach.

Ford blieb unter den B&#228;umen am Rand des Spielfelds stehen und beobachtete, wie Begay und ein Dutzend weiterer Reiter auf schwei&#223;nassen Pferden n&#228;her kamen. Der KREZ-&#220;bertragungswagen hielt an, zwei Fernsehleute stiegen aus und bauten ihre Kameras auf, um die Reiter aufzunehmen. Eine kr&#228;ftig gebaute Frau entstieg dem Pick-up  Maria Atcitty.

Als die Reiter das offene Feld erreichten, lie&#223; der Kameramann seine Kamera mitlaufen. Ein Reiter l&#246;ste sich von der Gruppe, er galoppierte voraus, stie&#223; ein Triumphgeheul aus und schwenkte sein Halstuch in der erhobenen Faust. Ford erkannte Willy Becenti, den Mann, der ihm Geld geborgt hatte. Einige andere Reiter trieben ihre Pferde voran, und Begay galoppierte ebenfalls an. Sie jagten &#252;ber die Wiesen, sausten an der Kamera vorbei und kamen auf dem staubigen Parkplatz vor dem alten Handelsposten zum Stehen, nicht weit von Ford entfernt.

Als Begay abstieg, trat der Reporter von KREZ zu ihm, hob den Arm, klatschte in Begays erhobene Hand und begann, seine Ausr&#252;stung f&#252;r ein Interview aufzubauen.

Die anderen gesellten sich dazu und wurden ebenfalls begr&#252;&#223;t. Die Scheinwerfer gingen an, die Kamera lief, und der Reporter begann sein Interview mit Begay. Die anderen standen herum und sahen zu.

Ford schlenderte unter den B&#228;umen hervor und ging &#252;ber das Gras auf die Gruppe zu.

Alle K&#246;pfe wandten sich zu ihm um. Der Reporter kam auf ihn zu, das Mikro in der ausgestreckten Hand.

Wie hei&#223;en Sie, Sir?

Ford sah, dass die Kamera immer noch lief. Wyman Ford.

Sind Sie Wissenschaftler?

Nein, ich bin der Verbindungsmann zwischen dem Isabella-Projekt und den Anwohnern.

Dann machen Sie Ihre Sache nicht besonders gut, sagte der Reporter. Immerhin haben Sie es jetzt mit einer Demonstration gegen das Projekt zu tun.

Das wei&#223; ich.

Also, was ist Ihre Meinung?

Ich finde, dass Mr. Begay recht hat.

Kurzes Schweigen. Recht womit?

Mit einigen seiner Kritikpunkte  dass Isabella den Anwohnern Angst macht, dass das Projekt nicht den wirtschaftlichen Aufschwung gebracht hat, den man dieser Region versprochen hatte, dass die Wissenschaftler sich zu sehr abgeschottet haben.

Ein weiteres kurzes, verbl&#252;fftes Schweigen. Was werden Sie also dagegen unternehmen?

Zun&#228;chst einmal werde ich zuh&#246;ren. Deshalb bin ich jetzt hier. Dann werde ich tun, was ich kann, um f&#252;r Verbesserungen zu sorgen. Wir haben uns bei unseren Nachbarn nicht gut eingef&#252;hrt, aber ich verspreche Ihnen, dass sich da einiges &#228;ndern wird.

Schwachsinn!, rief jemand  Willy Becenti stapfte her&#252;ber, nachdem er sein Pferd auf dem Spielfeld angepflockt hatte.

Schnitt! Der Reporter drehte sich zu Becenti um. He, Willy, ich versuche hier ein Interview zu f&#252;hren, also bitte, ja?

Der Kerl erz&#228;hlt dir nur Schei&#223;e.

Ich kann dieses Material nicht senden, wenn du solche W&#246;rter benutzt.

Becenti blieb abrupt stehen und be&#228;ugte Ford. Dann breitete sich Wiedererkennen &#252;ber sein Gesicht. He  Sie sind das!

Hallo, Willy, sagte Ford und streckte die Hand aus.

Willy ignorierte sie. Sie sind einer von denen!

Ja.

Sie schulden mir zwanzig Dollar, Mann.

Ford griff nach seiner Brieftasche.

Becenti err&#246;tete triumphierend. Behalten Sie blo&#223; Ihr Geld. Ich will es nicht.

Willy, ich hoffe, dass wir diese Probleme gemeinsam l&#246;sen k&#246;nnen.

Bl&#246;dsinn. Sehen Sie das da oben? Becenti reckte einen mageren Arm vage gen Ende des Tals, wobei eine T&#228;towierung sichtbar wurde. In den Felsen da oben sind Ruinen. Gr&#228;ber. Sie sch&#228;nden die Gr&#228;ber unserer Ahnen.

Die Kamera lief nun wieder. Was sagen Sie dazu, Mr. Ford?, fragte der Reporter und hielt ihm das Mikrophon vors Gesicht.

Ford verkniff sich den Hinweis, dass das Anasazi-Ruinen waren. Wenn uns jemand dabei helfen k&#246;nnte, die genaue Lage der Gr&#228;ber zu bestimmen, k&#246;nnten wir Ma&#223;nahmen zum Schutz 

Sie sind &#252;berall! Auf der ganzen Mesa! Und die Geister der Toten sind ungl&#252;cklich und wandern herum. Etwas Schreckliches wird passieren. Ich kann es f&#252;hlen. F&#252;hlen Sie das nicht? Becenti blickte sich um. F&#252;hlt ihr das denn nicht?

Nicken, zustimmendes Gemurmel.

Hier sind &#252;berall Chindii, Wiederg&#228;nger. Seit Peabody Coal die Seele der Red Mesa durchl&#246;chert hat, war dies ein b&#246;ser, b&#246;ser Ort.

Ein b&#246;ser Ort, echoten die Leute.

Dies ist nur ein weiteres Beispiel daf&#252;r, dass der wei&#223;e Mann einfach kommt und sich indianisches Land nimmt. Genau so ist es doch. Hab ich nicht recht?

Lauteres Murmeln, zustimmendes Nicken in der Runde.

Willy, ich kann Ihre Gef&#252;hle sehr gut verstehen, sagte Ford. Ich m&#246;chte nur eines zu unserer Verteidigung vorbringen: Die Stammesregierung der Navajo hat diesen Vertrag geschlossen, ohne sich vorher mit den Anwohnern abzustimmen, und das ist ein Teil des Problems.

Die Navajo-Stammesregierung ist ein Haufen Arschl&#246;cher, angeheuert von den Bilagaana, um denen die Drecksarbeit abzunehmen. Bevor die Bilagaana kamen, gabs hier keine Stammesregierung, sag ich.

Das k&#246;nnen Sie nicht r&#252;ckg&#228;ngig machen, und ich auch nicht. Aber wir k&#246;nnen jetzt zusammenarbeiten, damit sich etwas verbessert. Was meinen Sie?

Tja, meine Antwort darauf lautet, leck mich! Becenti ging drohend auf ihn zu. Ford blieb eisern stehen, bis sie einander direkt gegen&#252;berstanden. Becenti keuchte, sein magerer Brustkorb hob und senkte sich heftig, die Muskeln an den sehnigen Armen spannten sich.

Ford hielt sich bewusst locker und entspannt. Willy, ich stehe doch auf Ihrer Seite.

Red nicht so von oben herab mit mir, Bilagaana! Willy war etwa zwei Drittel so gro&#223; wie Ford und wog wohl nur halb so viel, doch er sah aus, als k&#246;nnte er jeden Moment losschlagen. Ford warf Begay einen Blick zu und erkannte an der unger&#252;hrten Miene des Medizinmanns, dass er nicht vorhatte, in diese Situation einzugreifen.

Die Kamera nahm weiter alles auf.

Becenti wies mit einer ausgreifenden Geste &#252;ber die Grasfl&#228;chen hin. Sehen Sie sich das nur an. Ihr Bilagaana nehmt uns unseren Berg weg und bohrt euch Hunderte von Metern durch den Fels, damit ihr eure verfluchten Spielfelder bew&#228;ssern k&#246;nnt, w&#228;hrend meine Tante Emma f&#252;nfundvierzig Kilometer hin-und wieder zur&#252;ckfahren muss, um Wasser f&#252;r ihre Enkelkinder und ihre Schafe zu pumpen. Was glauben Sie, wie lange es noch dauert, bis die Brunnen in Blue Gap oder Blackhorse vertrocknen? Und was ist mit dem Hanta-Virus? Jeder wei&#223;, dass es hier nie ein Hanta-Virus gegeben hat, ehe da dr&#252;ben in Fort Wingate irgendwas Seltsames passiert ist.

Mehrere Reiter stimmten lauthals dieser alten Verschw&#246;rungstheorie zu.

Soweit wir wissen, k&#246;nnte irgendetwas in Isabella uns bereits jetzt alle vergiften. Wer wei&#223;, vielleicht sterben morgen schon unsere Kinder daran. Er stie&#223; Ford einen staubigen Zeigefinger gegen die Brust, direkt unterhalb des Brustbeins. Wissen Sie, was Sie dann sind, Bilagaana? Ein M&#246;rder.

Sprechen wir doch in Ruhe miteinander, Willy. Friedlich und respektvoll.

Friedlich? Respektvoll? Habt ihr Wei&#223;en deshalb unsere Hogans und Felder verbrannt? Unsere Frauen vergewaltigt? Habt ihr uns deshalb auf den Langen Marsch nach Fort Sumner geschickt  um friedlich und respektvoll mit uns umzugehen?

Ford wusste aus Ramah, dass die Navajos heute noch vom Langen Marsch, der Zwangsumsiedelung in den 1860er Jahren, sprachen, obwohl dieser f&#252;r den Rest des Landes eine uralte Geschichte war, l&#228;ngst vergessen. Ich w&#252;nschte bei Gott, es g&#228;be eine M&#246;glichkeit, die Geschichte ungeschehen zu machen, sagte er mit mehr Gef&#252;hl in der Stimme, als er beabsichtigt hatte.

Willys Hand fuhr in seine Jeans und tauchte mit einem billigen 22er Revolver wieder auf. Fords ganzer K&#246;rper spannte sich an, bereit, schnell zu reagieren.

Begay schritt sofort ein. Daswood, mach die Kamera aus, befahl er scharf.

Der Reporter gehorchte.

Willy, steck die Waffe weg.

Ich schei&#223; auf dich, Nelson. Ich bin hier, um zu k&#228;mpfen, nicht um zu reden.

Begay sagte mit leiser Stimme: Wir werden auf dem Spielfeld eine Schwitzh&#252;tte errichten. Wir werden die ganze Nacht lang hierbleiben und friedliche Zeremonien abhalten. Wir werden uns dieses Land auf spirituellem Wege zur&#252;ckholen, durch unsere Gebete. Dies ist eine Zeit der Andacht und des Gebets, nicht der Konfrontation.

Ich dachte, das ist ein Protestritt und kein Tanzkreis f&#252;r Squaws, grollte Becenti, doch er schob die Waffe wieder in seine Hosentasche.

Begay deutete auf die Hochspannungsleitungen, die sich zum Rand der Mesa hinzogen, wo sie, keinen Kilometer entfernt, zusammenliefen. Wir k&#228;mpfen nicht gegen diesen Mann, sondern gegen das da.

Die Starkstromleitungen summten und knisterten, fern, aber deutlich h&#246;rbar.

Klingt ganz so, als w&#252;rde Ihre Maschine heute laufen, bemerkte Begay und wandte sich mit nichtssagendem Blick Ford zu. Ich glaube, es w&#228;re besser, wenn Sie jetzt gehen und uns in Ruhe lassen.

Ford nickte, wandte sich ab und ging auf den Bunker zu.

Ja, Mann, verpiss dich!, br&#252;llte Becenti ihm nach. Bevor ich dir eine Kugel in deinen Bilagaana-Arsch jage!

Als Ford sich dem Sicherheitstor zu Isabella n&#228;herte, wurde das Knistern und Summen der Leitungen immer lauter, und das unheimliche Ger&#228;usch, das beinahe von einem Lebewesen zu kommen schien, jagte ihm einen Schauer &#252;ber den R&#252;cken.


40


Um f&#252;nf Minuten vor acht machte Booker Crawley es sich im Sessel in seinem gem&#252;tlichen, mit Kirschholz vert&#228;felten Fernsehzimmer seines Hauses in der Dumbarton Street, Georgetown, gem&#252;tlich. Er bebte vor gespannter Erwartung. Als Spates ihm versprochen hatte, er werde f&#252;r sein Geld eine Menge bekommen, hatte der Mann nicht gelogen. Die Predigt am Sonntag war ein wahrer Kanonenschlag gewesen. Und jetzt w&#252;rde die Talkshow, Roundtable America, das zweite schwere Gesch&#252;tz abfeuern. Erstaunlich, dass es dazu nicht mehr gebraucht hatte als einen einzigen Anruf und ein paar Barzahlungen. Das Ganze war nicht einmal illegal, nur eine wohlt&#228;tige Spende an eine anerkannterma&#223;en gemeinn&#252;tzige, kirchliche Organisation  steuerlich absetzbar.

Der Lobbyist umfing mit einer Hand einen Cognacschwenker, w&#228;rmte das Glas und g&#246;nnte sich dann einen Schluck seines allabendlichen Calvados. Untermalt von pomp&#246;ser, patriotischer Musik, wurde das Logo von Roundtable America in einem digitalen Wirbel amerikanischer Flaggen, Adler und anderer patriotischer Embleme eingeblendet. Dann kam ein runder Tisch aus Kirschholz ins Bild, mit einem Foto des Kapitols in Washington im Hintergrund. An dem Tisch sa&#223; Spates mit einem ernsthaften, besorgten Gesichtsausdruck. Sein Gast sa&#223; ihm gegen&#252;ber, ein wei&#223;h&#228;uptiger Mann im Anzug mit eingefallenen Wangen und buschigen Augenbrauen, der die Lippen sch&#252;rzte, als versuche er das Geheimnis des Lebens selbst zu ergr&#252;nden.

Die Musik verebbte, und Spates blickte in die Kamera.

Crawley fand es erstaunlich, dass dieser Mann, der ein Volltrottel war, ein alter Sack von einem Hinterw&#228;ldler, wenn man ihm pers&#246;nlich gegen&#252;bersa&#223;, im Fernsehen eine solche Pr&#228;senz hatte. Sogar das orangerote Haar sah jetzt achtbar aus, irgendwie ged&#228;mpft. Wieder einmal gratulierte Crawley sich selbst. Welch ein Geniestreich von ihm, den Prediger ins Boot zu holen.

Guten Abend, meine Damen und Herren, willkommen zu Roundtable America. Ich bin Reverend Don T. Spates, und es freut mich, Ihnen als meinen heutigen Gast Dr. Henderson Crocker vorstellen zu d&#252;rfen, den ber&#252;hmten Professor f&#252;r Physik von der Liberty University in Lynchburg, Virginia.

Der Professor nickte weise in die Kamera, sein Gesicht eine Studie gelehrsamen Ernstes.

Ich habe Dr. Crocker heute Abend hierhergebeten, damit er uns mehr &#252;ber das Isabella-Projekt erz&#228;hlt  das Thema unserer heutigen Sendung. F&#252;r diejenigen unter Ihnen, die noch nichts von Isabella wissen: Das ist ein wissenschaftlicher Apparat. Die Regierung hat ihn f&#252;r vierzig Milliarden Dollar, Steuergelder, wohlgemerkt, in der W&#252;ste von Arizona bauen lassen. Vielen Leuten bereitet dieses Projekt Sorgen. Deshalb haben wir Dr. Crocker eingeladen, damit er uns normalen Menschen erkl&#228;ren kann, worum genau es dabei eigentlich geht. Er wandte sich seinem Gast zu. Dr. Crocker, Sie sind Physiker und lehren an der Universit&#228;t. K&#246;nnten Sie uns bitte erz&#228;hlen, was Isabella ist?

Danke, Reverend Spates. Selbstverst&#228;ndlich kann ich das. Im Grunde ist Isabella ein Teilchenbeschleuniger  ein Atomzertr&#252;mmerer sozusagen. Man l&#228;sst Atome bei hoher Geschwindigkeit gegeneinanderprallen und zertr&#252;mmert sie, um zu sehen, woraus sie bestehen.

Klingt be&#228;ngstigend.

Ganz und gar nicht. Es gibt mehrere solcher Anlagen auf der ganzen Welt. Sie haben beispielsweise dazu beigetragen, dass wir in Amerika Atomwaffen entwerfen und bauen konnten. Und sie haben das theoretische Fundament f&#252;r die Nutzung der Atomenergie durch unsere moderne Industrie geschaffen.

Sehen Sie denn bei dieser bestimmten Anlage &#252;berhaupt ein Problem?

Eine dramatische Pause. Ja.

Und welches w&#228;re das?

Isabella ist nicht wie andere Teilchenbeschleuniger. Sie wird nicht als wissenschaftliches Instrument benutzt. Sie wird missbraucht, um Propaganda zu betreiben und eine bestimmte Theorie der Sch&#246;pfung zu verbreiten, die von einem knallharten Kader atheistischer und s&#228;kular-humanistischer Wissenschaftler verk&#252;ndet wird.

Spates zog die Augenbrauen hoch. Eine sehr deutliche Aussage.

Die ich nicht leichthin getroffen habe.

Erkl&#228;ren Sie das bitte n&#228;her.

Sehr gern. Diese Gruppe atheistischer Wissenschaftler verfolgt ihr eigenes Credo, die Theorie, dass das Universum sich selbst aus dem Nichts erschaffen hat, ohne jedes Eingreifen, ohne jede Triebkraft. Sie bezeichnen diese Theorie als den Urknall. Nun wissen die meisten intelligenten Menschen, darunter viele Wissenschaftler wie ich selbst, dass diese Theorie praktisch jedes wissenschaftlich haltbaren Beweises entbehrt. Die Theorie wurzelt nicht in der Naturwissenschaft, sondern in der zutiefst antichristlichen Einstellung, die unser Land heutzutage durchdringt.

Crawley genehmigte sich einen weiteren, w&#228;rmenden Schluck Calvados. Spates lieferte auch diesmal, was er versprochen hatte. Das war verdammt gut  schiere Demagogie, verbr&#228;mt mit n&#252;chterner, wissenschaftlich anmutender Sprache , und zwar aus dem Mund eines anerkannten Physikers. Genau die Art von Geschw&#228;tz, die ein gewisser Teil der amerikanischen Bev&#246;lkerung liebend gerne schluckte.

Im Laufe der letzten zehn Jahre haben Atheisten und s&#228;kulare Humanisten praktisch jede Ebene unserer Regierung sowie des universit&#228;ren Systems &#252;bernommen. Sie kontrollieren jetzt die F&#246;rdergelder. Sie entscheiden, welche Forschungsarbeiten durchgef&#252;hrt werden. Sie ersticken jede kritische Stimme im Keim. Dieser Wissenschaftsfaschismus durchdringt alle Fachbereiche, von Kernphysik und Kosmologie bis hin zur Biologie und, nat&#252;rlich, zur Evolutionsforschung. Das sind die Wissenschaftler, die uns die atheistischen, materialistischen Theorien von Darwin und Lyell, Freud und Jung pr&#228;sentieren. Das sind die Leute, die darauf beharren, dass das Leben nicht mit der Empf&#228;ngnis beginnt. Das sind die Leute, die gr&#228;ssliche Experimente an Stammzellen durchf&#252;hren wollen  an lebenden menschlichen Embryonen. Das sind die Bef&#252;rworter der Abtreibung und der sogenannten Familienplanung.

Der Mann dozierte weiter und klang dabei wie die Vernunft pers&#246;nlich. Crawley lie&#223; die Gedanken abschweifen und malte sich aus, wie er Yazzie f&#252;r den doppelten Vorschuss einen neuen Vertrag unterschreiben lassen w&#252;rde.

Die Sendung lief weiter, mit noch mehr Fragen und Antworten, Variationen des Themas, dann folgte der &#252;bliche Spendenaufruf, weiteres Gerede und noch mehr Aufrufe. Die Stimmen plapperten, hoben und senkten sich wie ein feierlicher Gesang. Wiederholung war das Herzst&#252;ck des christlichen Fernsehens, dachte Crawley: H&#228;mmere ihnen deine Botschaft in die dummen Sch&#228;del  und leiere ihnen ganz nebenbei noch ihr Geld aus der Tasche.

Die Kamera zoomte auf Spates, als er den Abschlusskommentar sprach. Crawley h&#246;rte nur mit halbem Ohr hin. Spates hatte bisher eine sehr gute Show geliefert, und die Vorstellung, dass die Navajo-Stammesregierung die Sendung auch verfolgte, am&#252;sierte ihn gewaltig.

 offensichtlich, dass Gott Seine sch&#252;tzende Hand nicht l&#228;nger &#252;ber Amerika h&#228;lt 

Crawley versank in wohliger, entspannter W&#228;rme. Er konnte diesen Anruf am Montag um vier kaum erwarten. Er w&#252;rde diesen Affen Millionen abkn&#246;pfen. Millionen.

 auf die Heiden und Bef&#252;rworter der Abtreibung, auf die Feministen und Homosexuellen, die sogenannte B&#252;rgerrechtsbewegung und alle anderen, die Amerika zu s&#228;kularisieren versuchen  ich zeige mit dem Finger auf sie und sage: Wenn der n&#228;chste Terrorangriff kommt, tragt ihr die Schuld daran 

Vielleicht sollte er sein Honorar sogar verdreifachen. Das w&#228;re mal etwas, wovon er seinen Freunden im Potomac Club erz&#228;hlen konnte.

 Und jetzt haben sie einen Turm von Babel gebaut, diese Isabella, um Gott selbst auf Seinem Thron anzugreifen. Doch Gott ist kein Weichling: Er wird zur&#252;ckschlagen 

Crawley lie&#223; sich tiefer in seinen k&#246;stlichen Tagtraum sinken, als ein Wort ihn pl&#246;tzlich aus seinen Gedanken riss. Das Wort war Mord.

Er beugte sich vor. Wovon sprach Spates gerade?

So ist es, sagte Spates. Aus zuverl&#228;ssiger Quelle habe ich erfahren, dass einer der Top-Wissenschaftler des Isabella-Projekts, ein Russe namens Wolkonski, vor vier N&#228;chten angeblich Selbstmord begangen haben soll. Im Vertrauen erfuhr ich jedoch, dass einige der ermittelnden Beamten nicht so sicher sind, dass es tats&#228;chlich Selbstmord war. Es sieht immer mehr nach einem Mord aus  und der T&#228;ter kann nur aus dem engsten Umfeld des Opfers kommen. Ein Wissenschaftler, ermordet von seinen eigenen Kollegen. Warum? Um ihn zum Schweigen zu bringen?

Crawley sa&#223; nun auf der Sesselkante, hellwach und begierig. Welch ein Geniestreich, sich diese Neuigkeit bis zum Schluss aufzuheben.

Vielleicht kann ich Ihnen sagen, warum. Ich habe von dieser verl&#228;sslichen Quelle weitere, wahrhaft schockierende Informationen erhalten. Ich kann es selbst kaum glauben.

Mit einer manik&#252;rten Hand und theatralisch langsamen Bewegungen nahm Spates ein einzelnes Blatt Papier vom Tisch und hielt es hoch. Crawley kannte diesen Trick  Joseph Mc-Carthy hatte ihn in den F&#252;nfzigern praktisch erfunden , durch den eine Information nur deshalb, weil sie schwarz auf wei&#223; auf einem Blatt Papier stand, die Glaubw&#252;rdigkeit eines Beweises erlangte.

Spates lie&#223; das Blatt ein wenig zittern. Da steht es.

Eine weitere dramatische Pause. Crawley rutschte auf seinem Sessel herum, der Drink war vergessen. Worauf wollte Spates jetzt hinaus?

Isabella h&#228;tte schon vor Monaten in Betrieb gehen und Ergebnisse liefern sollen. Offensichtlich gibt es da ein Problem. Niemand wei&#223;, warum sie anscheinend nicht richtig funktioniert  bis auf meine Quelle und mich. Und jetzt sollen Sie es erfahren.

Ein weiteres Mal wackelte das Papier unheilverk&#252;ndend.

Das Gehirn dieser Maschine Isabella, wenn man so will, ist der schnellste Supercomputer, der je gebaut wurde. Und Isabella behauptet von sich selbst, sie sei  Er machte eine effekthaschende Pause. Gott.

Er legte das Blatt weg und blickte direkt in die Kamera. Sogar sein Gast wirkte geschockt.

Die Stille dehnte sich aus, w&#228;hrend Spates finster in die Kamera funkelte  der Mann wusste um die Macht der Stille, besonders im Fernsehen.

Crawley hockte auf der Sesselkante und versuchte, diese Bombe einzuordnen. Sein feines inneres Radar f&#252;r politische Schwierigkeiten sah da etwas Gro&#223;es, das sehr schnell aus dem Nichts angeflogen kam. Das war der reinste Irrsinn.

Vielleicht war es doch nicht so klug von ihm gewesen, Spates diesen Ball zuzuspielen und ihn einfach damit laufen zu lassen. Vielleicht h&#228;tte er Yazzie gleich heute Morgen einen neuen Vertrag zufaxen sollen, damit er ihn m&#246;glichst rasch unterschrieb.

Endlich sprach Spates weiter.

Meine Freunde, ich w&#252;rde so etwas nicht behaupten, wenn ich nicht absolut sicher w&#228;re, die Tatsachen zu kennen. Meine Quelle, ein frommer Christ, Pastor einer Gemeinde, wie ich selbst, ist vor Ort  und er hat diese Informationen direkt von den Wissenschaftlern selbst erhalten. Sie haben richtig geh&#246;rt: Diese gigantische Maschine namens Isabella behauptet, Gott zu sein. So ist es: Sie behauptet, Gott zu sein. Wenn meine Informationen falsch sein sollten, so fordere ich die Wissenschaftler hiermit &#246;ffentlich auf, meine Aussage zu widerlegen.

Spates erhob sich von seinem Stuhl, eine Geste, die durch die gro&#223;artige Kameraf&#252;hrung noch dramatischer wirkte. Er ragte nun &#252;ber den Zuschauern auf, eine S&#228;ule beherrschten Zorns. Ich bitte darum  ich verlange , dass Gregory North Hazelius, der Anf&#252;hrer dieses Projekts, vor das amerikanische Volk tritt und diese Ungeheuerlichkeit erkl&#228;rt. Ich verlange es. Wir, das amerikanische Volk, haben vierzig Milliarden Dollar f&#252;r den Bau dieser H&#246;llenmaschine in der W&#252;ste ausgegeben, eine Maschine, die zu dem Zweck konstruiert wurde, Gott als L&#252;gner hinzustellen. Und jetzt behauptet sie von sich, Gott zu sein! Oh, meine Freunde! Was ist das f&#252;r eine Blasphemie? Was ist das f&#252;r eine Blasphemie?


41


Ford traf um acht Uhr in der Br&#252;cke ein. Als er den Raum betrat, warf er als Erstes einen Blick auf Kate, die an ihrem Arbeitsplatz sa&#223;. Ihre Blicke trafen sich. Sie wechselten kein Wort, doch der Blick war vielsagend.

Die &#252;brigen Wissenschaftler waren &#252;ber ihre diversen Tastaturen und Kontrollpulte gebeugt, w&#228;hrend Hazelius das Geschehen von seinem Drehstuhl in der Mitte aus dirigierte. Die Maschine summte, aber noch war der Visualizer schwarz.

Die anderen nahmen Fords Ankunft mit einem beil&#228;ufigen Nicken oder einem knappen Gru&#223; zur Kenntnis. Wardlaw starrte ihn lange an, ehe er sich wieder seinem &#220;berwachungspult zuwandte.

Hazelius winkte ihn zu sich her&#252;ber. Wie stehts da oben?, fragte er.

Ich glaube nicht, dass es Probleme geben wird.

Gut. Sie kommen gerade rechtzeitig, wir werden gleich den Kontakt bei K-Null herstellen. Ken, wie siehts aus?

Alles stabil bei neunzig Prozent, sagte Dolby.

Der Magnet?

Immer noch kein Problem.

Dann wollen wir mal, sagte Hazelius. Rae? Sie nehmen Ihren Platz am Detektoren-Kontrollpult ein. Sobald die Logikbombe ausgel&#246;st wird, h&#228;ngen Sie sich dran. Julie, Sie unterst&#252;tzen Rae dabei.

Er wandte sich um. Alan?

Edelstein hob langsam den Blick von seiner Tastatur.

&#220;berwachen Sie gleichzeitig die Back-up-Server und den Hauptcomputer. Beim ersten Anzeichen von Instabilit&#228;t verlagern Sie die Kontrolle &#252;ber Isabella an die drei p-f&#252;nf-f&#252;nfneunf&#252;nfer. Warten Sie nicht erst bis zum Absturz.

Edelstein nickte und gab etwas &#252;ber die Tastatur ein.

Melissa, ich will, dass Sie dieses Loch in der Raumzeit beobachten. Falls Sie etwas sehen, irgendetwas, das auf ein Problem hinweisen k&#246;nnte, eine unerwartete Resonanz, unbekannte superschwere oder stabile Teilchen  vor allem stabile Singularit&#228;ten , geben Sie Alarm.

Corcoran reckte den Daumen in die Luft.

Harlan? Wir werden die hundert Prozent Leistung halten, solange es geht. Es ist Ihre Aufgabe, daf&#252;r zu sorgen, dass der Saft sch&#246;n kr&#228;ftig und sauber flie&#223;t  und das Netz im weiteren Umkreis daraufhin zu &#252;berwachen, ob Dritte etwa Schwierigkeiten bekommen.

Geht klar.

Tony, auch wenn wir die drei Server als Back-up r&#252;berschalten, bleiben die Sicherheitssysteme online. Vergessen Sie nicht, dass wir ein paar Demonstranten da drau&#223;en haben, und die k&#246;nnten etwas Dummes anstellen, zum Beispiel &#252;ber den Zaun klettern.

Ja, Sir.

Hazelius blickte sich um. George?

Ja?, fragte Innes.

Normalerweise haben Sie w&#228;hrend so eines Durchlaufs nicht viel zu tun. Aber dieser ist etwas Besonderes. Ich m&#246;chte, dass Sie sich in der N&#228;he des Visualizers aufhalten, damit Sie den Output dieser Logikbombe lesen und psychologisch analysieren k&#246;nnen. Ein Mensch hat dieses Programm geschrieben, und vielleicht enth&#228;lt es Hinweise auf seinen Sch&#246;pfer. Suchen Sie nach Erkenntnissen, &#220;berzeugungen, psychologischen Besonderheiten  alles, das uns helfen k&#246;nnte, den Eindringling zu identifizieren oder seine Logikbombe festzunageln.

Hervorragende Idee, Gregory. Nat&#252;rlich mache ich das.

Kate? Ich m&#246;chte, dass du die Tastatur &#252;bernimmst und die Fragen eingibst.

Ich  Kate z&#246;gerte.

Hazelius zog eine Augenbraue hoch. Ja?

Das m&#246;chte ich lieber nicht machen, Gregory.

Die durchdringenden blauen Augen musterten sie, dann richtete sich ihr Blick auf Ford. Sie haben sonst nichts zu tun. W&#252;rden Sie die Fragen stellen?

Sehr gern.

Was Sie fragen, ist nicht so wichtig  halten Sie das Programm nur am Reden. Rae braucht best&#228;ndigen Output, um das Ding aufzusp&#252;ren. Halten Sie sich nicht damit auf, lange oder komplizierte Fragen zu formulieren  fassen Sie sich kurz. Kate, falls Wyman durcheinanderkommt oder ihm keine Fragen mehr einfallen, springst du ein. Wir d&#252;rfen keine Sekunde vergeuden.

Ford ging zu Kates Arbeitsplatz. Sie stand auf und bot ihm ihren Sessel an. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und beugte sich vor, als wolle er den Bildschirm n&#228;her betrachten. Hallo, fl&#252;sterte er, nahm unauff&#228;llig ihre Hand und dr&#252;ckte sie.

Hallo.

Kate z&#246;gerte und raunte ihm dann zu: Wyman, versprich mir eines. Ganz egal, was hier passiert  egal, was , wir werden es noch einmal miteinander versuchen. Du und ich. Versprich mir, dass  das, was auf dem Ritt zur&#252;ck &#252;ber die Mesa passiert ist, keine einmalige Sache war. Sie war knallrot geworden und beugte sich hinab, um es zu verbergen, so dass ihr schwarzes Haar wie ein Vorhang vor ihr Gesicht fiel.

Er dr&#252;ckte erneut ihre Hand. Ich verspreche es.

Hazelius hatte noch diverse Einzelheiten mit einigen Teammitgliedern besprochen und kehrte nun zum Mittelpunkt der Br&#252;cke zur&#252;ck. Er lie&#223; den Blick seiner blitzenden blauen Augen &#252;ber die Gruppe schweifen. Ich habe es schon einmal gesagt, und ich sage es heute wieder. Wir segeln in unbekannte Gew&#228;sser. Ich will Ihnen nichts vormachen: Was wir gleich tun werden, ist gef&#228;hrlich. Aber uns bleibt keine Alternative, wir stehen mit dem R&#252;cken zur Wand. Wir werden diese Logikbombe finden und sie zerst&#246;ren. Heute Nacht.

In der langen Stille, die seinen Worten folgte, stieg und fiel das Summen der Maschine.

Wir werden ein paar Stunden lang keinerlei Kontakt zur Au&#223;enwelt haben, sagte er. Sein gl&#252;hender Blick schweifte durch den Raum. Noch Fragen?

&#196;h, ja, meldete sich Julie Thibodeaux. Ihr Gesicht war schwei&#223;nass, und die dunklen Ringe unter ihren Augen wirkten beinahe durchscheinend. Ihr langes Haar war str&#228;hnig und schwankte, als sie sich bewegte.

Hazelius sah sie an. Ja?

Ich  Ihre Stimme versagte.

Hazelius zog die Brauen in die H&#246;he und wartete. Sie schob pl&#246;tzlich ihren Stuhl zur&#252;ck und stand auf. Die Rollen des Drehstuhls verfingen sich im Teppich, und sie stolperte leicht. Das ist Wahnsinn, sagte sie laut. Wir haben einen warmen Magneten, einen instabilen Computer, eingeschleuste Malware  und jetzt wollen wir ein paar hundert Megawatt in diese Maschine pumpen? Ihr werdet den ganzen Berg in die Luft jagen. Ich bin jedenfalls drau&#223;en.

Hazelius Blick huschte zu Wardlaw hin&#252;ber, dann zur&#252;ck zu Thibodeaux. Ich f&#252;rchte, jetzt ist es zu sp&#228;t, Julie.

Was soll das hei&#223;en, zu sp&#228;t?, schrie sie. Ich gehe jetzt.

Die Bunkert&#252;r ist geschlossen, verriegelt und gesichert. Sie kennen doch unsere Routine.

Schwachsinn. Ford ist doch gerade reingekommen.

Das war vorher so ausgemacht. Jetzt kann niemand mehr raus bis zum Morgengrauen. Nicht einmal ich. Das ist ein Bestandteil der Sicherheitsma&#223;nahmen.

Das ist gequirlte Kacke. Was, wenn es einen Brand g&#228;be, einen Unfall? Trotzig stand sie da und bebte am ganzen Leib.

Der einzige Mensch, der Zugang zu den Sicherheitscodes hat, mit denen man vor dem Morgengrauen die T&#252;r &#246;ffnen k&#246;nnte, ist Tony. Als Sicherheitschef ist das seine Entscheidung. Tony?

Niemand kann gehen, erkl&#228;rte Wardlaw stur.

Ich weigere mich, diese Antwort zu akzeptieren, sagte sie, und ihre Stimme wurde schrill vor Panik.

Ich f&#252;rchte, Ihnen wird nichts anderes &#252;brigbleiben, entgegnete Hazelius.

Tony, ich will hier raus, und zwar sofort, verdammt! Ihre Stimme glich nun beinahe einem Kreischen.

Tut mir leid, sagte Wardlaw.

Sie st&#252;rzte sich auf ihn, obwohl sie nur knapp einen Meter sechzig gro&#223; war. Er lie&#223; sie kommen. Sie hob die F&#228;uste, und er fing sie mit Leichtigkeit ab, als sie ihm entgegenflogen.

Lass mich los, du Dreckskerl! Hilflos wand sie sich in seinem Griff.

Ganz ruhig bleiben.

Ich will nicht f&#252;r so eine bl&#246;de Maschine sterben! Sie sackte an seiner Brust zusammen und begann zu schluchzen.

Ford hatte die Szene ungl&#228;ubig beobachtet. Wenn sie rauswill, dann lassen Sie sie doch.

Wardlaw warf ihm einen feindseligen Blick zu. Das verst&#246;&#223;t gegen unser Sicherheitsprotokoll.

Sie ist doch kein Sicherheitsrisiko. Sehen Sie sich die &#196;rmste nur mal an  sie bricht bald zusammen.

Die Regeln wurden nicht ohne Grund aufgestellt, sagte Wardlaw. W&#228;hrend eines Durchlaufs verl&#228;sst niemand Isabella, es sei denn, es handelt sich um einen lebensbedrohlichen Notfall.

Ford wandte sich Hazelius zu. Das ist nicht in Ordnung. Er blickte sich um. Ihr anderen findet das doch sicher auch. Doch anstelle von Zustimmung sah er nur Unsicherheit. Angst. Ihr k&#246;nnt sie nicht gegen ihren Willen hier festhalten.

Bis jetzt war ihm nicht klar gewesen, wie vollst&#228;ndig die anderen in Hazelius Bann geraten waren. Kate? Er drehte sich zu ihr um. Du wei&#223;t, dass das falsch ist.

Wyman, wir alle haben diese Regeln unterschrieben. Sie auch.

Hazelius ging hin&#252;ber zu Thibodeaux und nickte Wardlaw zu. Der Sicherheitschef entlie&#223; sie in Hazelius Arme. Sie versuchte sich loszurei&#223;en, doch er hielt sie fest, energisch, aber vorsichtig. Ihr lautes Schluchzen verebbte allm&#228;hlich zu einem leisen, erstickten Wimmern. Er schlang sanft, beinahe liebevoll, die Arme um sie. Sie lie&#223; sich an seine Brust sinken und weinte leise, wie ein kleines M&#228;dchen. Hazelius t&#228;tschelte ihren R&#252;cken, strich ihr &#252;ber den Kopf und wischte mit dem Daumen sacht ihre Tr&#228;nen weg, w&#228;hrend er ihr unabl&#228;ssig ins Ohr fl&#252;sterte. Ein paar Minuten vergingen, bis sie sich beruhigt hatte.

Es tut mir leid, fl&#252;sterte sie.

Er t&#228;tschelte ihre Wange, strich ihr Haar glatt und lie&#223; die H&#228;nde &#252;ber ihren plumpen R&#252;cken gleiten. Wir brauchen Sie, Julie. Ich brauche Sie. Wir k&#246;nnen das nicht ohne Sie durchziehen. Das wissen Sie doch.

Sie nickte und schniefte. Ich hab die Nerven verloren. Tut mir leid. Das wird nicht wieder vorkommen.

Er hielt sie im Arm, bis sie v&#246;llig ruhig war. Als er sie loslie&#223;, trat sie zur&#252;ck, den Blick zu Boden gerichtet.

Julie, bleiben Sie hier bei mir. Ihnen wird nichts passieren  ich verspreche es.

Sie nickte erneut.

Ford starrte sie erstaunt an, bis er bemerkte, dass Hazelius ihn mit trauriger, g&#252;tiger Miene ansah. Sind wir uns wieder einig, Wyman?

Ford sah in diese blauen Augen und brachte kein Wort heraus.


42


Hinter seinem Wohnwagen au&#223;erhalb von Blue Gap sa&#223; Pastor Russ Eddy vor dem Zwanzig-Zoll-Monitor seines iMac. Die Internet-Live&#252;bertragung von Roundtable America war gerade zu Ende gegangen. Eddys Geist stand in Flammen, seine Seele brannte, und die Worte von Reverend Spates hallten in seinen Gedanken wider. Er, Russell Eddy, war der fromme Christ vor Ort, der das Isabella-Projekt entlarvt hatte. Ein Pastor, wie ich selbst, hatte Reverend Spates vor Millionen von Menschen gesagt. Es war Eddy gewesen, der ein gro&#223;es Risiko eingegangen war, um die entscheidenden Informationen zu sammeln, gef&#252;hrt von der unsichtbaren Hand Gottes. Dies waren keine gew&#246;hnlichen Zeiten. Der gerechte Zorn des Herrn w&#252;rde mit all Seiner unglaublichen Kraft herabfahren. Nicht einmal der Fels des Berges w&#252;rde diese heidnischen Wissenschaftler vor der Rache des Allm&#228;chtigen sch&#252;tzen k&#246;nnen.

Eddy sa&#223; vor dem leeren blauen Monitor, und ob der Herrlichkeit Gottes drehte sich ihm der Kopf. Der gro&#223;e Plan zeigte allm&#228;hlich seine Konturen. Gottes Plan f&#252;r ihn, Eddy. Alles begann mit dem Tod des Indianers, von Gottes eigener Hand niedergestreckt, ein direktes Zeichen an Eddy, das von Seinem nahenden W&#252;ten k&#252;ndete. Das Ende nahte. Denn es ist gekommen der gro&#223;e Tag Seines Zorns, und wer kann bestehen?

Langsam wurde Eddy sich wieder seiner Umgebung bewusst. Es war so still in seinem sch&#228;bigen Schlafzimmer  als sei &#252;berhaupt nichts geschehen. Doch die Welt hatte sich ver&#228;ndert. Gottes Plan f&#252;r ihn war endlich enth&#252;llt. Aber was war der n&#228;chste Schritt? Was erwartete Gott nun von ihm?

Ein Zeichen  er brauchte ein Zeichen. Er griff nach seiner Bibel, so aufgew&#252;hlt, dass seine H&#228;nde zitterten. Gott w&#252;rde ihm zeigen, was zu tun war.

Er stellte das Buch mit dem Buchr&#252;cken auf den Boden und lie&#223; los, so dass es aufklappte, wo es wollte. Die abgegriffenen Seiten raschelten an ihm vorbei bis fast zum Ende, wo sie schlie&#223;lich zur Ruhe kamen; vor ihm aufgeschlagen lag die Offenbarung des Johannes. Der erste Satz, auf den sein Blick fiel, lautete: Das Tier wurde erm&#228;chtigt, gro&#223;e Reden zu schwingen und dabei Gott zu l&#228;stern 

Ein solcher Schauer &#252;berlief ihn, dass sich sein R&#252;cken unwillk&#252;rlich zusammenzog. Diese Passage war eine der klarsten und eindeutigsten Anspielungen auf den Widerchrist in der gesamten Bibel.

Die Best&#228;tigung.


43


Trotz der Anspannung im Raum fand Ford den Aufbau des Experiments bis hin zur h&#246;chsten Leistung bei diesem zweiten Mal sogar noch langweiliger. Um zehn Uhr erreichte Isabella neunundneunzig Komma f&#252;nf Prozent Leistung. Alles lief genau wie letztes Mal: die Resonanz, das Loch in der Raumzeit, das seltsame Bild, das sich in der Mitte des Visualizers herauskristallisierte. Isabella summte, der Berg vibrierte.

So p&#252;nktlich, als geh&#246;re das zum Ablauf dazu, wurde der Visualizer pl&#246;tzlich leer, und dann erschienen die ersten Worte.

Wir k&#246;nnen uns also wieder unterhalten.

Los, Wyman, sagte Hazelius.

Ford tippte: Erz&#228;hl mir alles &#252;ber dich. Er sp&#252;rte, wie Kate sich von hinten &#252;ber ihn beugte und alles beobachtete.

Ich kann dir ebenso wenig erkl&#228;ren, wer ich bin, wie du einem K&#228;fer erkl&#228;ren k&#246;nntest, wer du bist.

Rae?, fragte Hazelius. Bekommen Sie das?

Ich suche noch.

Versuch es trotzdem, schrieb Ford.

Ich werde dir stattdessen erkl&#228;ren, warum du mich nicht begreifen kannst.

George, fragte Hazelius, lesen Sie mit?

Ja, sagte Innes, offenbar hocherfreut dar&#252;ber, dass man ihn zu Rate zog. Es ist ganz sch&#246;n clever  indem es uns erz&#228;hlt, dass wir es nicht begreifen k&#246;nnen, l&#228;sst es sich nicht auf Details ein, die sich vielleicht widersprechen k&#246;nnten.

Nur zu, tippte Ford.

Ihr bewohnt eine Welt mit einer Skala etwa in der Mitte zwischen der Planck-L&#228;nge und dem Durchmesser des Universums.

Scheint ein Bot-Programm zu sein, sagte Edelstein, der den Output ebenfalls auf einem Monitor verfolgte. Es kopiert sich selbst an einen anderen Ort, l&#246;scht das Original und verwischt seine Spuren.

Ja, sagte Chen, und ich jage ein ganzes Rudel hungriger Bot-W&#246;lfe durch Isabella, die danach suchen.

Euer Gehirn wurde hervorragend darauf eingestellt, eure Welt zu manipulieren  aber nicht, ihre fundamentale Realit&#228;t zu begreifen. Ihr habt euch so entwickelt, dass ihr Steine werfen k&#246;nnt, keine Quarks.

Ich bin an ihm dran!, rief Chen. Sie beugte sich &#252;ber ihre Tastatur wie ein Spitzenkoch &#252;ber den hei&#223;en Herd und arbeitete wie besessen. Auf vier Flachbildschirmen vor ihr raste Computercode durch.

Der Hauptcomputer st&#252;rzt gleich ab, verk&#252;ndete Edelstein gelassen. Ich schalte die Kontrolle &#252;ber Isabella auf die Back-up-Server.

Als Resultat eurer Evolution unterliegt eure Sichtweise der Welt einem fundamentalen Irrtum. Ihr glaubt beispielsweise, dass ihr einen dreidimensionalen Raum bewohnt, in dem einzelne Objekte glatte, vorhersagbare Bahnen beschreiben, gepr&#228;gt von etwas, das ihr Zeit nennt. Das Ganze bezeichnet ihr als Realit&#228;t.

Umschaltung abgeschlossen.

Schalten Sie die Stromzufuhr des Hauptcomputers ab.

Moment mal, sagte Dolby mit scharfer Stimme. So war das nicht geplant.

Wir m&#252;ssen sichergehen, dass die Malware nicht da drin ist. Ziehen Sie den Stecker raus, Alan.

Edelstein l&#228;chelte kalt und wandte sich wieder dem Computer zu.

Himmel, nein, warte ! Dolby sprang auf, aber es war zu sp&#228;t.

Fertig, sagte Edelstein mit einem letzten scharfen Tippen auf der Tastatur.

Die H&#228;lfte der Peripherie-Bildschirme wurde schwarz. Dolby stand schwankend und unsicher da. Ein Augenblick verstrich. Nichts geschah. Isabella summte weiter vor sich hin.

Es hat funktioniert, sagte Edelstein. Ken, du kannst dich wieder entspannen.

Dolby warf ihm einen ver&#228;rgerten Blick zu und lie&#223; sich wieder an seinem Arbeitsplatz nieder.

Willst du damit sagen, tippte Ford, dass unsere Realit&#228;t eine Illusion ist?

Ja. Die nat&#252;rliche Auslese hat in euch die Illusion entstehen lassen, dass ihr die fundamentale Realit&#228;t begreift. Aber das stimmt nicht. Wie k&#246;nntet ihr sie begreifen? Begreifen K&#228;fer die fundamentale Realit&#228;t? Oder Schimpansen? Ihr seid Tiere wie sie. Ihr habt euch wie sie entwickelt, vermehrt euch wie sie, besitzt im Prinzip dieselben neuronalen Strukturen. Ihr unterscheidet euch vom Schimpansen durch blo&#223;e zweihundert Gene. Wie k&#246;nnte dieser winzige Unterschied euch dazu bef&#228;higen, das Universum zu begreifen, wenn der Schimpanse nicht einmal in der Lage ist, ein Sandkorn zu begreifen?

Ich schw&#246;re euch, rief Chen, diese Daten kommen schon wieder direkt von K-Null!

Unm&#246;glich, sagte Hazelius. Die Malware versteckt sich in einem Detektor. Beenden erzwingen und neu starten, bei jedem einzelnen Detektor-Prozessor, einen nach dem anderen.

Ich versuchs.

Wenn unsere Unterhaltung fruchtbar sein soll, m&#252;sst ihr alle Hoffnung aufgeben, mich zu begreifen.

Noch mehr clevere Vernebelungstaktik, sagte Innes. Im Grunde sagt das Ding uns gar nichts.

Ford sp&#252;rte eine sanfte Hand auf seiner Schulter. Kate fragte: Darf ich mal einen Moment &#252;bernehmen?

Er zog die H&#228;nde von der Tastatur und r&#252;ckte beiseite. Kate setzte sich.

Was sind unsere Illusionen?, tippte sie.

Aufgrund eurer Evolution glaubt ihr, die Welt bestehe aus einzelnen Objekten. Das ist nicht richtig. Vom ersten Augenblick der Sch&#246;pfung an war alles mit allem verbunden. Was ihr Raum und Zeit nennt, sind nur Randerscheinungen einer tieferen, darunterliegenden Realit&#228;t. In dieser Realit&#228;t gibt es keine getrennte Existenz. Es gibt keinen Raum. Alles ist eins.

Erkl&#228;re mir das, tippte Kate.

Eure eigene Theorie der Quantenmechanik, so fehlerhaft sie auch ist, r&#252;hrt bereits an die Wahrheit, dass im Universum alles eins ist.

Sch&#246;n und gut, tippte Kate, aber spielt das f&#252;r unser heutiges Leben &#252;berhaupt eine Rolle?

Es spielt sogar eine gro&#223;e Rolle. Ihr betrachtet euch selbst als Individuen, als Pers&#246;nlichkeit mit einem einmaligen, in sich geschlossenen Geist. Ihr glaubt, dass ihr geboren werdet, und ihr glaubt, dass ihr sterbt. Euer ganzes Leben lang habt ihr das Gef&#252;hl, von allem getrennt und allein zu sein. Manchmal f&#252;hlt ihr euch sogar schrecklich allein. Ihr f&#252;rchtet den Tod, weil ihr den Verlust der Individualit&#228;t f&#252;rchtet. All das ist Illusion. Du, er, sie, alle Dinge um euch herum, ob lebendig oder nicht, die Sterne und Galaxien, der leere Raum dazwischen  all das sind keine einzelnen, getrennten Objekte. Im Grunde ist alles miteinander verbunden. Geburt und Tod, Schmerz und Leid, Liebe und Hass, Gut und B&#246;se sind s&#228;mtlich Illusionen. Sie sind Atavismen des Evolutionsprozesses. In Wirklichkeit existieren sie nicht.

Es ist also so, wie die Buddhisten glauben  alles nur Illusion? Ganz und gar nicht. Es gibt eine absolute Wahrheit, eine Realit&#228;t. Doch selbst ein kurzer Blick auf diese Realit&#228;t w&#252;rde einen menschlichen Geist brechen.

Pl&#246;tzlich erschien Edelstein, der seine Computerkonsole im Stich gelassen hatte, hinter Ford und Mercer.

Alan, warum verlassen Sie Ihren Posten ?, setzte Hazelius an.

Wenn du Gott bist, sagte Edelstein mit einem halben L&#228;cheln auf dem Gesicht, w&#228;hrend er die H&#228;nde hinter dem R&#252;cken verschr&#228;nkte und vor dem Visualizer auf und ab zu gehen begann, dann sparen wir uns doch die Tipperei. Dann solltest du mich n&#228;mlich h&#246;ren k&#246;nnen.

Laut und deutlich, kam die Antwort auf dem Visualizer.

Wir haben irgendwo hier drin ein verstecktes Mikro, sagte Hazelius. Melissa, suchen Sie es. Sie m&#252;ssen es aufsp&#252;ren.

Sicher.

Edelstein fuhr ungest&#246;rt fort: Du sagst Alles ist eins? Wir haben aber ein Z&#228;hlsystem: Eins, zwei, drei  damit widerlege ich deine Aussage.

Eins, zwei, drei  Eine weitere Illusion. Es gibt keine Abz&#228;hlbarkeit.

Das ist mathematische Sophisterei, sagte Edelstein, der nun &#228;rgerlich wurde. Keine Abz&#228;hlbarkeit  das habe ich gerade widerlegt, indem ich gez&#228;hlt habe. Er hob die Hand. Ein weiterer Gegenbeweis: Hier zeige ich dir die Ganzzahl F&#252;nf!

Du zeigst mir eine Hand mit f&#252;nf Fingern, nicht die Ganzzahl F&#252;nf. Euer Zahlensystem ist in der wirklichen Welt nicht unabh&#228;ngig existent. Es ist nichts weiter als eine anspruchsvolle Metapher.

Ich w&#252;rde gern deinen Beweis f&#252;r diese l&#228;cherliche Mutma&#223;ung h&#246;ren.

W&#228;hle eine zuf&#228;llige Zahl aus der Reihe der realen Zahlen: Mit Wahrscheinlichkeit eins hast du eine Zahl ausgew&#228;hlt, die keinen Namen hat, keine Definition, die weder berechnet noch aufgeschrieben werden kann, selbst dann nicht, wenn man das ganze Universum f&#252;r diese Aufgabe einspannen w&#252;rde. Dieses Problem erstreckt sich auch auf angeblich definierbare Zahlen wie &#928; oder die Quadratwurzel aus zwei. Selbst mit einer zeitlich unendlichen Berechnung auf einem Computer von der Gr&#246;&#223;e des Universums k&#246;nntest du keine dieser beiden Zahlen exakt berechnen. Sag mir, Edelstein: Wie kann man dann behaupten, dass solche Zahlen existieren? Wie kann man dann behaupten, dass der Kreis oder das Quadrat, von denen sich diese Zahlen herleiten, existieren? Wie kann dimensionaler Raum existieren, wenn er nicht gemessen werden kann? Du, Edelstein, bist wie ein Affe, der mittels heroischer geistiger Anstrengung dahintergekommen ist, wie man bis drei z&#228;hlt. Dann findest du vier Kieselsteinchen und glaubst, die Unendlichkeit entdeckt zu haben.

Ford konnte der Argumentation nicht mehr folgen, bemerkte aber erstaunt, dass Edelstein bleich wurde und verstummte, offensichtlich schockiert, als h&#228;tte der Mathematiker etwas begriffen, das ihn ersch&#252;tterte.

Ach ja?, rief Hazelius, kam von seinem Podest in der Mitte herunter und stie&#223; Edelstein beiseite. Dann baute er sich unmittelbar vor dem Visualizer auf. Du schwingst hier sch&#246;ne Reden und gibst damit an, dass selbst das Wort Gott nicht angemessen sei, um deine Grandiosit&#228;t zu beschreiben. Also sch&#246;n  dann beweise es. Beweise, dass du Gott bist.

Nicht, sagte Kate. Verlang das nicht.

Warum denn nicht, zum Teufel?

Weil du vielleicht bekommst, worum du gebeten hast.

Von wegen. Er wandte sich wieder der Maschine zu. Hast du mich geh&#246;rt? Beweise, dass du Gott bist.

Ein Schweigen breitete sich aus, dann erschien die Antwort auf dem Bildschirm: Konstruiere du den Beweis, Hazelius. Aber ich warne dich, dies ist der letzte Test, mit dem ich mich einverstanden erkl&#228;re. Wir haben Wichtigeres zu tun und nur sehr wenig Zeit.

Sch&#246;n, du wolltest es so haben.

Warte, sagte Kate.

Hazelius drehte sich zu ihr um.

Gregory, wenn du das schon tun musst, dann mach es wenigstens richtig. Es muss eindeutig sein. Es darf keinerlei Raum f&#252;r Zweifel oder Zweideutigkeit mehr geben. Frag die Maschine etwas, das nur du selbst wei&#223;t  nur du, und niemand sonst auf der ganzen Welt. Etwas Pers&#246;nliches. Dein tiefstes, bestgeh&#252;tetes Geheimnis. Etwas, das nur Gott  der wahre Gott  wissen kann.

Ja, Kate. Da hast du recht. Er &#252;berlegte lange und sagte dann leise: Also gut. Ich habs.

Stille.

Alle hatten ihre Arbeit unterbrochen.

Hazelius wandte sich dem Visualizer zu. Er sprach ruhig und gelassen. Meine Frau Astrid war schwanger, als sie starb. Wir hatten es gerade erst festgestellt. Niemand sonst wusste von ihrer Schwangerschaft. Niemand. Hier ist deine Testaufgabe: Nenn mir den Namen, den wir f&#252;r unser Kind ausgesucht hatten.

Wieder herrschte lange Stille, erf&#252;llt nur vom &#228;therischen Gesang der Detektoren. Der Bildschirm blieb leer. Die Sekunden krochen dahin.

Hazelius schnaubte. Tja, das h&#228;tten wir dann wohl gekl&#228;rt. Falls jemand ernsthaft daran gezweifelt haben sollte, dass das ein Trick ist.

Und dann, wie aus gro&#223;er Ferne, zeichnete sich allm&#228;hlich ein Name auf dem Bildschirm ab.

Albert Leibniz Gund Hazelius, falls es ein Junge werden sollte.

Hazelius blieb stocksteif stehen, sein Gesicht war ausdruckslos. Alle starrten ihn an und warteten auf den Widerspruch, der aber nicht kam.

Und wenn es ein M&#228;dchen geworden w&#228;re?, rief Edelstein und trat n&#228;her an den Bildschirm heran. Was, wenn es ein M&#228;dchen gewesen w&#228;re? Wie h&#228;tte der Name dann gelautet?

Rosalind Curie Gund Hazelius.

Ford sah vollkommen verbl&#252;fft zu, wie Hazelius zusammensackte und zu Boden fiel, so langsam und sacht, als w&#228;re er im Stehen eingeschlafen.


44


Als Stanton Lockwood das Oval Office erreichte, wohin er zu einer Krisensitzung bestellt worden war, ging der Pr&#228;sident in der Mitte des Raums auf und ab wie ein L&#246;we im K&#228;fig. Roger Morton, sein Stabschef, und der allgegenw&#228;rtige Kampagnenleiter Gordon Galdone standen an beiden Enden dieser Bahn wie zwei Schiedsrichter. Die ewig stumme Sekret&#228;rin Jean klammerte sich steif an ihren Stenoblock. Lockwood war &#252;berrascht, das Gesicht des Nationalen Sicherheitsberaters per Videokonferenz zu sehen, auf einem Flachbildschirm, dessen zweites ge&#246;ffnetes Videofenster Jack Strand, den Direktor des FBI, zeigte.

Stanton. Der Pr&#228;sident kam auf ihn zu und dr&#252;ckte ihm die Hand. Sch&#246;n, dass Sie so kurzfristig herkommen konnten.

Das ist doch selbstverst&#228;ndlich, Mr. President.

Setzen Sie sich.

Lockwood nahm Platz, w&#228;hrend der Pr&#228;sident stehen blieb. Stan, ich habe alle zu dieser Sitzung versammelt, weil da unten in Arizona beim Isabella-Projekt irgendein gewaltiger Mist l&#228;uft, auf den Jack mich gerade aufmerksam gemacht hat. Gegen acht Uhr dortiger Zeit wurden s&#228;mtliche Kommunikationsleitungen von und zu Isabella gekappt. Die gesamte Red Mesa ist abgeschnitten. Der zust&#228;ndige Projektmanager im Energieministerium hat versucht, sie auf s&#228;mtlichen sicheren Leitungen zu erreichen, per Mobilfunk, sogar &#252;ber die gew&#246;hnlichen &#220;berlandleitungen. Nichts. Isabella l&#228;uft mit voller Leistung, das Team ist offenbar unten im Bunker und v&#246;llig von der Au&#223;enwelt abgeschnitten. Die Situation wurde erst durch die Instanzen hochgereicht, bis sie bei Direktor Strand ankam  der mich sofort informiert hat.

Lockwood nickte. Das war in der Tat sehr seltsam. S&#228;mtliche Back-up-Systeme hatten wiederum Back-up-Systeme. Ein solcher Ausfall sollte nicht vorkommen. Konnte nicht vorkommen.

Also, vermutlich ist das irgendeine kleine Panne, sagte der Pr&#228;sident, oder vielleicht ein Stromausfall. Ich will keine gro&#223;e Sache daraus machen  der Zeitpunkt daf&#252;r ist denkbar ungeeignet.

Denkbar ungeeignet, das wusste Lockwood, war eine Umschreibung des Pr&#228;sidenten f&#252;r die bevorstehenden Wahlen.

Der Pr&#228;sident tigerte auf und ab. Und das ist nicht das einzige Problem. Jean? Schalten Sie bitte ein.

Eine Leinwand senkte sich aus der Decke. Statik zischelte, dann erf&#252;llte das Bild von Reverend Don T. Spates an seinem runden Tisch aus Kirschholz die Leinwand; er sprach mit einer grauen Eminenz. Seine Stimme rollte wie Donner aus den Lautsprechern. Die Sendung war auf acht Minuten geschnitten worden, nur eine Zusammenfassung der H&#246;hepunkte. Als die Zusammenfassung endete, blieb der Pr&#228;sident stehen und sah Lockwood direkt an. Das ist das zweite Problem.

Lockwood holte tief Luft. Mr. President, ich w&#252;rde mir keine allzu gro&#223;en Sorgen machen. Das ist doch verr&#252;cktes Zeug. Nur seine extremsten Anh&#228;nger werden ihm das abkaufen.

Der Pr&#228;sident wandte sich an seinen Stabschef. Roger? Sagen Sie es ihm.

Mortons spatelartig flache Finger r&#252;ckten k&#252;hl seine Krawatte zurecht, die grauen Augen hefteten sich an Lockwoods Gesicht. Noch ehe die Sendung vorbei war, gingen im Wei&#223;en Haus fast einhunderttausend E-Mails ein. Vor einer halben Stunde haben wir die Zweihunderttausend &#252;berschritten. Den augenblicklichen Stand kann ich Ihnen nicht nennen, weil unsere Server zusammengebrochen sind.

Lockwood packte das kalte Grausen.

In all meinen Jahren in der Politik, sagte der Pr&#228;sident, habe ich so etwas noch nie erlebt. Und ausgerechnet in diesem Moment verlieren wir den Kontakt zu diesem gottverdammten Isabella-Projekt!

Lockwood warf Galdone einen Blick zu, doch wie &#252;blich behielt der undurchsichtige Kampagnenchef seine Meinung erst einmal f&#252;r sich.

K&#246;nnten Sie jemanden dort rausschicken, schlug Lockwood vor, um nach dem Rechten zu sehen?

Der FBIDirektor meldete sich zu Wort. Wir denken dar&#252;ber nach. Vielleicht ein kleines Team  nur f&#252;r den Fall, dass wir da drau&#223;en eine  eine Situation haben.

Eine Situation?

Es ist nicht v&#246;llig auszuschlie&#223;en, dass wir es vielleicht mit Terroristen oder einem Akt interner Meuterei zu tun haben. Wohl bemerkt, die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. Aber wir k&#246;nnen es nicht ausschlie&#223;en.

Lockwoods Gef&#252;hl der Unwirklichkeit wurde immer st&#228;rker.

Also, Stanton, sagte der Pr&#228;sident und verschr&#228;nkte die H&#228;nde hinter dem R&#252;cken. Sie sind f&#252;r Isabella zust&#228;ndig. Was zum Teufel ist da los?

Lockwood r&#228;usperte sich. Ich kann nur sagen, dass das extrem ungew&#246;hnlich ist. So etwas ist &#252;berhaupt nicht vorgesehen und d&#252;rfte nicht vorkommen. Ich kann mir das nicht erkl&#228;ren, au&#223;er 

Au&#223;er was?, fragte der Pr&#228;sident.

Au&#223;er die Wissenschaftler h&#228;tten das Kommunikationssystem absichtlich ausgeschaltet.

Wie finden wir das heraus?

Lockwood &#252;berlegte einen Moment lang. In Los Alamos gibt es einen Mann namens Bernard Wolf. Er war die rechte Hand des Chefingenieurs Ken Dolby, der Isabella konstruiert hat. Er kennt die gesamte Anlage, die Systeme, die Computer, s&#228;mtliche Zusammenh&#228;nge. Und er m&#252;sste eine vollst&#228;ndige Kopie der Konstruktionspl&#228;ne haben.

Der Pr&#228;sident wandte sich an seinen Stabschef. Verbindung herstellen, er soll sich bereithalten.

Ja, Mr. President. Der Stabschef schickte seinen Assistenten mit dem Auftrag hinaus. Dann trat er ans Fenster und drehte sich um. Sein Gesicht war ger&#246;tet, und die Adern an seinem Hals pulsierten sichtbar. Er sah Lockwood direkt an. &#220;ber Wochen hinweg habe ich Ihnen mehrmals gesagt, Stan, dass ich mir Sorgen &#252;ber die mangelnden Fortschritte des Isabella-Projekts mache. Was zum Teufel haben Sie eigentlich getrieben?

Lockwood war fassungslos &#252;ber diesen Tonfall. Seit Jahren hatte niemand mehr so mit ihm gesprochen. Er gab sich gro&#223;e M&#252;he, seine Stimme beherrscht klingen zu lassen. Ich habe Tag und Nacht daran gearbeitet. Ich habe sogar einen Mann dort eingeschleust.

Einen Mann eingeschleust? Himmelherrgott. Ohne das mit mir abzusprechen?

Ich habe das autorisiert, erkl&#228;rte der Pr&#228;sident barsch. Konzentrieren wir uns doch bitte auf das anstehende Problem, statt hier herumzumeckern.

Was genau soll dieser Mann dort tun?, fragte Morton, der damit den Pr&#228;sidenten schlicht ignorierte.

Er forscht nach, was die Verz&#246;gerung verursacht, und versucht herauszufinden, was dahintersteckt.

Und?

Ich erwarte morgen seine Ergebnisse.

Wie halten Sie Kontakt zu ihm?

&#220;ber ein sicheres Satellitentelefon, sagte Lockwood. Aber wenn er mit den anderen im Bunker ist  unterirdisch funktioniert es leider nicht.

Versuchen Sie es trotzdem.

Mit zitternder Hand notierte Lockwood die Nummer auf einem Blatt Papier und reichte es Jean.

Schalten Sie auf Lautsprecher, sagte Morton.

Das Telefon klingelte f&#252;nf Mal, zehn Mal, f&#252;nfzehn Mal.

Das reicht, sagte Morton und starrte Lockwood kalt an. Dann wandte er sich langsam zum Pr&#228;sidenten um. Mr. President, darf ich mit allem gebotenen Respekt vorschlagen, dass wir diese Sitzung ins Krisenzentrum verlegen? Ich habe das Gef&#252;hl, das wird eine lange Nacht.

Lockwood starrte auf das Wappen der USA auf dem Teppich. Das alles kam ihm so unwirklich vor. War es m&#246;glich, dass Ford sich von denen hatte einwickeln lassen und nun selbst an der Verschw&#246;rung beteiligt war?


45


Hazelius lag hingestreckt auf dem Linoleum. Ford eilte hinzu, und auch die anderen Teammitglieder dr&#228;ngten sich um die liegende Gestalt. Ford kniete sich hin und tastete nach dem Pulsschlag am Hals. Er war kr&#228;ftig und schnell. Kate nahm Hazelius Hand und t&#228;tschelte sie. Gregory? Gregory?

Ich brauche eine Taschenlampe, sagte Ford.

Wardlaw reichte ihm eine. Ford schob mit dem Daumen Hazelius Augenlid hoch und leuchtete das Auge mit der Taschenlampe an. Die Pupille zog sich sofort zusammen.

Wasser.

Ein Pappbecher wurde ihm in die Hand gedr&#252;ckt. Ford holte sein Taschentuch hervor, tauchte es in das Wasser und betupfte damit Hazelius Gesicht. Die Schultern des Wissenschaftlers zuckten, flatternd &#246;ffneten sich seine Lider. Verwirrt und erschrocken blickte Hazelius um sich.

Was ?

Ist schon gut, sagte Ford. Sie sind nur in Ohnmacht gefallen.

Hazelius starrte ihn verst&#228;ndnislos an. Dann kroch die schlimme Erinnerung &#252;ber sein Gesicht. Er wollte sich aufsetzen.

Machen Sie h&#252;bsch langsam, sagte Ford und hielt ihn fest. Warten Sie, bis Sie wieder einen klaren Kopf haben.

Hazelius legte sich wieder hin und starrte an die Decke. O Gott, st&#246;hnte er. Das kann nicht wahr sein. Das darf nicht sein.

Der Geruch hei&#223;er elektronischer Apparate hing schwer in der stickigen Luft. Isabella st&#246;hnte. Das Ger&#228;usch kam aus allen Richtungen zugleich, als stie&#223;e der Berg selbst diesen Klagelaut aus.

Helft mir in meinen Sessel, keuchte Hazelius.

Kate nahm einen Arm, Ford den anderen. Sie richteten ihn auf und st&#252;tzten ihn auf dem Weg zum Mittelpunkt der Br&#252;cke, wo er sich auf seinen Captain-Kirk-Sessel sinken lie&#223;.

Hazelius hielt sich an den Armlehnen fest und blickte sich um. Ford hatte noch nie so unheimliche blaue Augen gesehen.

Edelstein fragte barsch: Ist das richtig? Die Namen? Ich muss es wissen.

Hazelius nickte.

Nat&#252;rlich gibt es daf&#252;r eine Erkl&#228;rung.

Hazelius sch&#252;ttelte den Kopf.

Sie m&#252;ssen es jemandem erz&#228;hlt haben, sagte Edelstein. Jemand hat irgendwie davon erfahren.

Nein.

Der Arzt, der Ihrer Frau gesagt hat, dass sie schwanger ist. Er hat die Namen erfahren.

Sie hat den Schwangerschaftstest zu Hause gemacht, erkl&#228;rte Hazelius heiser. Wir haben es erst eine Stunde  vor ihrem Tod erfahren.

Dann hat sie jemanden angerufen. Ihre Mutter vielleicht.

Erneut heftiges Kopfsch&#252;tteln. Unm&#246;glich. Ich war die ganze Zeit &#252;ber bei ihr. Wir haben den Test aus der Apotheke gemacht und &#252;ber die Namen gesprochen. Sonst nichts. Eine Stunde. Wir sind nirgendwohin gegangen, haben mit niemandem gesprochen. Sie war so gl&#252;cklich. Das hat ja zur Ruptur des Aneurysmas gef&#252;hrt  die pl&#246;tzliche Aufregung und die gro&#223;e Freude haben ihren Blutdruck in die H&#246;he getrieben. Gehirnblutung.

Da muss irgendein Trick dabei sein, sagte Edelstein.

Chen sch&#252;ttelte den Kopf, dass ihr das lange schwarze Haar um den Kopf flog. Alan, die Daten kommen tats&#228;chlich aus diesem Loch in der Raumzeit. Sie kommen von keinem anderen Punkt innerhalb des Systems. Ich habe den Output einmal dorthin zur&#252;ckverfolgt, und jetzt zum zweiten Mal, ich habe die Prozessoren s&#228;mtlicher Detektoren neu gestartet und auch sonst jeden Test laufen lassen, der mir einfiel. Es ist echt.

Hazelius sch&#246;pfte zittrig Atem. Es konnte meine Gedanken lesen. Genau wie Kates. Wir kommen nicht darum herum, Alan. Wie h&#228;tte es das erraten sollen? Was auch immer es ist, es kennt unsere intimsten Gedanken.

Niemand r&#252;hrte sich. Ford versuchte, seinen Verstand mit dieser Tatsache zu arrangieren und eine rationale Erkl&#228;rung daf&#252;r zu finden. Edelstein hatte recht: Dahinter musste irgendein Betrug stecken.

Als Hazelius wieder sprach, klang seine Stimme ruhig und sachlich. Die Maschine l&#228;uft ohne jede &#220;berwachung. Alle sofort zur&#252;ck an die Arbeit.

Wollen wir nicht  abschalten?, fragte Julie Thibodeaux mit bebender Stimme.

Auf keinen Fall.

Isabella summte weiter vor sich hin und verarbeitete Unmengen Energie. Auf den Bildschirmen rauschte der Grie&#223;. Die Detektoren sangen ihr seltsames Lied. Die Elektronik knisterte  als h&#228;tte die Anspannung der Wissenschaftler den Computer angesteckt und die Maschine selbst nerv&#246;s gemacht.

Alan, zur&#252;ck an die p-f&#252;nfer, alles ruhig halten. Kate, ich m&#246;chte, dass du ein paar Berechnungen zur Geometrie dieses Raum-Zeit-Lochs anstellst. Wie ist seine Ausdehnung? Wo f&#252;hrt es hin? Melissa, Sie tun sich mit Kate zusammen und nehmen sich diese Datenwolke vor. Analysieren Sie sie auf allen Frequenzen  finden Sie heraus, was zum Teufel das ist.

Was ist mit der Malware?, fragte Dolby, als k&#246;nne er nicht verstehen, was gerade passiert war.

Ken, begreifen Sie denn nicht? Es gibt keine Malware.

Dolby schien wie vor den Kopf geschlagen. Sie glauben, das ist  Gott?

Hazelius erwiderte seinen Blick mit undurchdringlicher Miene. Ich glaube, dass Isabella sich in einer echten Kommunikation befindet. Ob das tats&#228;chlich Gott ist  was auch immer dieses Wort bedeuten soll , k&#246;nnen wir nicht beurteilen, weil wir noch nicht genug Daten haben. Und deshalb m&#252;ssen wir weitermachen.

Ford blickte sich um. Der Schock aller Anwesenden war immer noch fast greifbar. Wardlaws Gesicht war schwei&#223;nass. Kate und St. Vincent waren bleich wie der Tod.

Er nahm Kates Hand. Geht es dir gut?

Sie sch&#252;ttelte den Kopf. Ich wei&#223; nicht so recht.

Hazelius setzte das Gespr&#228;ch mit Dolby fort. Wie lange k&#246;nnen wir sie noch laufen lassen?

Es ist gef&#228;hrlich, sie &#252;berhaupt mit voller Leistung laufen zu lassen.

Ich habe Sie nicht gefragt, ob es gef&#228;hrlich ist. Ich will wissen, wie lange.

Zwei, drei Stunden.

Moment, sagte Innes. Wir wollen doch nichts &#252;berst&#252;rzen. Wir m&#252;ssen uns die Zeit nehmen, kurz dar&#252;ber nachzudenken, was hier passiert ist. Das ist  beispiellos.

Hazelius wandte sich zu ihm um. George, wenn Gott mit Ihnen sprechen wollte, w&#252;rden Sie sich einfach abwenden und weitergehen?

Ach, nun h&#246;ren Sie aber auf, Gregory! Sie k&#246;nnen doch nicht ernsthaft glauben, dass wir hier mit Gott sprechen!

Ich habe ja auch nur gesagt, wenn.

Ich weigere mich, absurde hypothetische Fragen zu beantworten.

George, falls wir Kontakt zu irgendeiner universalen Intelligenz hergestellt haben sollten, k&#246;nnen wir uns jetzt nicht einfach von ihr abwenden. Weil das eine einmalige Gelegenheit ist. Wir haben sie nur jetzt. Sie wird sich nicht ewig bieten.

Das ist doch Irrsinn, sagte Innes mit schwacher Stimme.

Nein, George, das ist kein Irrsinn. Das Ding hat uns den Beweis geliefert, den wir gefordert hatten. Zwei Mal sogar. Vielleicht ist es Gott, vielleicht auch etwas anderes. Ich wei&#223; es nicht. Ich wei&#223; nur eines: Ich steige nicht vor der Endstation aus diesem Zug aus. Er lie&#223; den gl&#252;henden Blick durch den Raum schweifen. Also, wie steht es? Seid ihr alle dabei?

Isabellas Gesang erf&#252;llte den Raum. Die Bildschirme flackerten. Niemand sprach ein Wort. Aber Ford konnte das Ja auf s&#228;mtlichen Gesichtern deutlich erkennen.


46


In der nach hinten gelegenen Schlafnische seines Trailers schloss Pastor Russ Eddy seine Bibel und legte sie auf einen von mehreren wackeligen Stapeln B&#252;cher auf seinem Schreibtisch. Er r&#252;ckte die Stapel von seinem Mac ab, um ein wenig Platz zum Arbeiten zu haben. Dann weckte er den Computer, und der Monitor tauchte den Raum in k&#252;hles Blau. Es war neun Uhr abends.

Sein Kopf war so klar wie noch nie zuvor. Gott hatte seine Gebete erh&#246;rt. Gott hatte ihm genau gesagt, was er tun musste.

Ein paar Minuten lang starrte er auf den leeren Bildschirm und sammelte seine Gedanken. &#196;u&#223;erlich war sein K&#246;rper ganz still. Innerlich pochte sein Herz vor Inbrunst, beseelt vom Heiligen Geist. Es gab einen Grund daf&#252;r, weshalb er in einer sch&#228;bigen Missionskirche am Rande der Welt gelandet war. Es gab einen Grund f&#252;r Lorenzos Tod. Russell Eddy war von Gott hier plaziert worden, um Ihm als Wachposten zu dienen. Gott hatte ihn dazu auserw&#228;hlt, eine entscheidende Rolle in der bevorstehenden Endzeit zu spielen.

Eine halbe Stunde lang sa&#223; er still da und dachte intensiv &#252;ber den Brief nach, den er schreiben musste. Sein Verstand blieb &#252;bernat&#252;rlich klar und scharf, w&#228;hrend er den Brief, Wort f&#252;r Wort, in Gedanken verfasste.

Er war bereit. Er senkte den Kopf, sprach ein kurzes Gebet und hob die H&#228;nde zur Tastatur.

Meine lieben Freunde in Jesus Christus, viele von euch haben heute Abend die Sendung Roundtable America von Reverend Don T. Spates gesehen. Ihr habt geh&#246;rt, was er &#252;ber das Isabella-Projekt gesagt hat. Ihr habt geh&#246;rt, dass er von einer geheimen Quelle gesprochen hat, einem frommen Christen vor Ort, von dem er seine Informationen erh&#228;lt.


Ich bin diese geheime Quelle. Gott hat mich gebeten, euch zu enth&#252;llen, was ich wei&#223;. Was ihr damit anfangt, ist eine Angelegenheit zwischen euch und Gott, dem Herrn.

Mein Name ist Russell Eddy, ich bin Pastor der Mission Gathered in Thy Name im Indianerreservat. Unsere einfache, abgelegene Missionsstation liegt in der W&#252;ste von Arizona am Fu&#223; der Red Mesa, keine f&#252;nfzehn Kilometer vom Isabella-Projekt entfernt.


Meine Freunde, ich bringe euch Neuigkeiten  unglaubliche, erschreckende und doch h&#246;chst erfreuliche Neuigkeiten. Das, worauf Christen seit zweitausend Jahren warten, geschieht jetzt, in diesem Augenblick, w&#228;hrend ich diese E-Mail schreibe.


Die Endzeit ist angebrochen. Die Apokalypse und die Entr&#252;ckung stehen unmittelbar bevor, jetzt, heute Nacht. Ihr habt in der Buchreihe Finale viel dar&#252;ber gelesen. Nun, jetzt ist es nicht l&#228;nger eine Fiktion. Es geschieht. Es wird Wirklichkeit.


Ich wei&#223;, dass viele von euch solche Behauptungen schon &#246;fter geh&#246;rt haben. Viele falsche Propheten haben genau dies in der Vergangenheit schon verk&#252;ndet. Ihr seid also skeptisch, und das zu Recht. Ich bitte euch nur um eines: H&#246;rt mich erst an. Wer Ohren hat zu h&#246;ren, der h&#246;re!


Macht nicht den Fehler, diese E-Mail einfach zu l&#246;schen. Damit k&#246;nntet ihr euren Platz zur Rechten Jesu Christi am Tag des J&#252;ngsten Gerichts verspielen. Lest erst, was ich zu sagen habe. Betet. Und dann entscheidet selbst.

Zun&#228;chst muss ich zwei wichtige Tatsachen verk&#252;nden. Die erste ist diese: Der Widerchrist ist hier unter uns. Ich bin ihm begegnet. Ich habe mit ihm gesprochen. Er ist wirklich. Seine von langer Hand geplanten Intrigen und Vorhaben tragen nun Fr&#252;chte. Gott sei mein Zeuge, ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er seine Maske abnahm und sich zu erkennen gab.

Meine zweite Verk&#252;ndigung ist sogar noch wichtiger: Die Apokalypse findet jetzt statt. Der Weltuntergang beginnt noch heute Nacht.

Es ist nur nat&#252;rlich, dass ihr skeptisch seid. Ihr sagt: Jetzt gleich? Die Apokalypse? W&#228;hrend meine Kinder oben schlafen? W&#228;hrend meine Frau schon im Bett liegt? Unm&#246;glich! Doch bedenkt, was der Apostel Matth&#228;us sagte: Denn des Menschen Sohn wird kommen zu einer Stunde, da ihrs nicht meinet. Diese Stunde ist jetzt. Hier. Heute.

Und nun will ich euch meine Behauptungen beweisen. Der Schl&#252;ssel dazu ist in Offenbarung 13,1 und nahen Passagen zu finden.


Und ich trat an den Sand des Meeres und sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte sieben H&#228;upter und zehn H&#246;rner und auf seinen H&#246;rnern zehn Kronen und auf seinen H&#228;uptern Namen der L&#228;sterung.

Der Sand des Meeres ist die W&#252;ste von Arizona. In der alten Ma&#223;einheit aus der Zeit, als die King-James-Bibel entstand, betr&#228;gt Isabellas Durchmesser genau sieben Leagues. Isabella hat zehn Detektoren, von denen jeder zehn verschiedene Teilchen misst. Einige der Detektoren bezeichnet man sogar als Horn. Falls ihr glaubt, ich h&#228;tte mir das alles nur ausgedacht, seht selbst auf der Website von Isabella nach, unter www.theisabellaproject.org. Dort k&#246;nnt ihr all das nachpr&#252;fen.


Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Stuhl und gro&#223;e Macht.


Und wer ist der Antichrist, der hinter alldem steckt? Ein Mann namens Gregory North Hazelius. Er ist derjenige, der das Isabella-Projekt vorgeschlagen und das Geld daf&#252;r beschafft hat und jetzt das Team leitet. Die New York Times bezeichnet Hazelius als den kl&#252;gsten Mann der Welt. Hazelius selbst hat oft damit geprahlt. Einmal hat er &#246;ffentlich erkl&#228;rt: Alle Welt ist mir intellektuell unterlegen, und die Menschheit einen Haufen Hornochsen genannt. Auch das k&#246;nnt ihr nachpr&#252;fen, meine Freunde. Doch jetzt wird seine wahre Natur offenbar: Gregory North Hazelius ist der Widerchrist. Ihr zweifelt an meinen Worten? Ich bin ihm begegnet. Ich habe mit ihm gesprochen, von Angesicht zu Angesicht. Ich habe mit eigenen Ohren geh&#246;rt, wie er Gott l&#228;stert, wie er Gift und Galle auf unseren Erl&#246;ser speit. Ich habe selbst mit angeh&#246;rt, wie er Christen als Insekten und Bakterien beschimpft hat. Aber glaubt nicht mir: Glaubt der Bibel. In der Offenbarung 13 finden wir noch mehr.


Und sie beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich?  Und es ward ihm gegeben ein Mund, zu reden gro&#223;e Dinge und L&#228;sterungen  Und es tat seinen Mund auf zur L&#228;sterung gegen Gott, zu l&#228;stern seinen Namen und seine H&#252;tte und die im Himmel wohnen.

Wie ihr in Roundtable America geh&#246;rt habt, behauptet die Isabella-Maschine von sich, sie sei Gott. Doch sie sprechen nicht mit Gott, meine Freunde. Sie sprechen mit Satan.


Weh denen, die auf Erden wohnen und auf dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen gro&#223;en Zorn und wei&#223;, dass er wenig Zeit hat.


Satan ist in die Ecke gedr&#228;ngt. Er k&#228;mpft sein letztes Gefecht  und er war noch nie so gef&#228;hrlich.


Ihr m&#246;gt fragen: Wo ist der Beweis? H&#246;rt mir zu, und ihr sollt ihn bekommen.


Seht euch diese Aussage an, die ich direkt von der Website des Isabella-Projekts kopiert habe. Bei voller Leistung bildet Isabella bei K-Null die Temperatur des Universums w&#228;hrend der ersten Millionstelsekunde des Urknalls nach, eine Temperatur von &#252;ber einer Billion Grad Fahrenheit. Und dann schlagt die Offenbarung 13,13 auf.


Und [das Tier] tut gro&#223;e Zeichen, dass es auch macht Feuer vom Himmel fallen vor den Menschen.


Wieder einmal wird die Prophezeiung des Apostels Johannes erf&#252;llt.


Hier ist ein weiteres Zitat von der Website des Isabella-Projekts: Der Supercomputer, der Isabella kontrolliert, ist die leistungsst&#228;rkste Rechenmaschine auf dem gesamten Planeten. Er l&#228;uft mit der H&#246;chstgeschwindigkeit von f&#252;nfzehn Petaflops (f&#252;nfzehn Billiarden Operationen pro Sekunde). Damit kommen wir endlich der vermuteten Geschwindigkeit des menschlichen Gehirns nahe. Und nun vergleicht das mit der Offenbarung:


Und es ward ihm gegeben, dass es dem Bilde des Tiers den Geist gab, dass des Tiers Bild redete und machte, dass alle, welche nicht des Tiers Bild anbeteten, get&#246;tet w&#252;rden.


K&#246;nnt ihr euch heute Abend schlafen legen in dem Wissen, dass der Antichrist euch t&#246;ten wird?

Und schlie&#223;lich, meine Freunde, gebe ich euch die bedeutendste Passage der Offenbarung, die Worte, die den innersten Kern der Vision des Apostels Johannes bilden:


Wer Verstand hat, der &#252;berlege die Zahl des Tiers: denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.


Die Bibel sagt uns, woran wir den Widerchrist erkennen k&#246;nnen  an der Zahl 666. Die Muttersprache des Apostels Johannes war Hebr&#228;isch. Er wusste, dass jeder hebr&#228;ische Buchstabe einer Zahl zugeordnet war. Gematrie ist die Methode, mittels deren man in einem hebr&#228;ischen Namen oder Text verborgene Zahlen ausfindig macht. Also wollen wir nachsehen, was geschieht, wenn wir Isabella und ihren Standort Arizona nach den Prinzipien der Gematrie untersuchen. Wenn wir die r&#246;mischen Buchstaben durch die entsprechenden hebr&#228;ischen Lettern ersetzen und jedem hebr&#228;ischen Buchstaben seinen Zahlenwert zuordnen, erhalten wir Folgendes:

A

Aleph

1

R

Resch

200

I

Jod

14

Z

Schin

300

O

Ajin

100

N

Nun

50

A

Aleph

1




Gesamt

666

Ihr glaubt mir immer noch nicht? Dann seht euch das an:

I

Jod

14

S

Schin

300

A

Aleph

1

B

Beth

2

E

He

88

L

Lamed

130

L

Lamed

130

A

Aleph

1




Gesamt

666

Meine Freunde, ist dies nicht der Beweis, auf den wir gewartet haben?

Nun bedenkt diese Worte aus der Offenbarung:


Und er hat sie versammelt an einen Ort, der da hei&#223;t auf hebr&#228;isch Harmagedon.


Armageddon ist der Ort, an dem Satan sein letztes Gefecht gegen Gottes auserw&#228;hlten K&#246;nig Jesus f&#252;hrt. Das Wort Armageddon leitet sich von den hebr&#228;ischen Worten Har Megiddo her, das bedeutet Berg von Megiddo. Doch dieser Berg wurde im Heiligen Land nie gefunden, und das Wort Megiddo ist im Grunde nur eine alte Form der hebr&#228;ischen Bezeichnung f&#252;r r&#246;tliche Erde. Ihr seht also: Das Wort Armageddon in der Offenbarung bezeichnet eigentlich einen Ort mit Namen Roter Berg. Meine Freunde, das Isabella-Projekt liegt auf der sogenannten Red Mesa in Arizona. Die Navajo-Indianer nennen diesen Tafelberg Dzilth Ch&#237;&#237;, was w&#246;rtlich &#252;bersetzt Roter Berg bedeutet  Armageddon.

Das sind die Beweise, meine Freunde. Und nun seid ihr am Zuge. Was werdet ihr mit dieser Information anfangen? Der ultimative Augenblick in eurem Leben als Christen ist eingetreten, GENAU JETZT, w&#228;hrend ihr diese E-Mail lest.

WAS WERDET IHR TUN?


Werdet ihr zu Hause bleiben? Werdet ihr z&#246;gern und euch fragen, ob ich nur einer von vielen Verr&#252;ckten auf der Welt bin? Werdet ihr vor eurem Computer sitzen bleiben, weil ihr nicht wisst, wo die Red Mesa ist oder wie ihr mitten in der Nacht dorthin kommen sollt? Werdet ihr es lieber bis morgen aufschieben? Werdet ihr auf weitere Beweise warten, auf ein Zeichen?


Oder werdet ihr diesen Ruf jetzt sofort befolgen und Soldat in der Armee Gottes werden? Werdet ihr jetzt sofort alles stehen-und liegenlassen, werdet ihr jetzt sofort von eurem Tisch aufstehen, euer Haus verlassen und zur Red Mesa kommen, um euch mir anzuschlie&#223;en in den Streit auf jenen Tag Gottes, des Allm&#228;chtigen? Werdet ihr jetzt sofort an meiner Seite k&#228;mpfen, Schulter an Schulter, Br&#252;der in Jesus Christus, in jener letzten Schlacht gegen Satan und seinen Antichrist?

DIE ENTSCHEIDUNG LIEGT ALLEIN BEI EUCH.

In Jesus Christus


Pastor Russ Eddy


Gathered in Thy Name Mission


Blue Gap, Arizona

Diese E-Mail wurde versandt am 14. September, 21.37 Uhr MDT.


LEITET DIESE E-MAIL AN ALLE EURE CHRISTLICHEN FREUNDE WEITER  UND DANN KOMMT ZUR RED MESA, WO ICH EUCH ERWARTE!

Als Eddy fertig war, lie&#223; er sich verschwitzt und mit zitternden H&#228;nden zur&#252;cksinken. Er las seine Botschaft nicht noch einmal durch. Gott hatte seine Hand gef&#252;hrt, und das bedeutete, dass alles perfekt war.

Er klickte in die Betreffzeile und tippte:


Red Mesa = Armageddon


Er &#252;berpr&#252;fte die Liste von E-Mail-Adressen, die er m&#252;hsam angelegt hatte in der Hoffnung, Geld f&#252;r die Mission sammeln zu k&#246;nnen. Einige hatte er von Kirchenwebsites und christlichen Mailing-Listen; andere waren Kontakte aus christlichen Foren, Newsgroups, Chatrooms und Portalen im Internet.

Zweitausendeinhundertsechzehn Namen. Nat&#252;rlich w&#252;rden die meisten nicht reagieren. Schlie&#223;lich sagte die Bibel genau das vorher: Denn viele sind berufen, doch wenige sind auserw&#228;hlt. Aber zweitausend war immerhin ein Anfang. Von diesen zweitausend w&#252;rden vielleicht ein paar Dutzend die E-Mail weiterleiten und sich auf den Weg zur Red Mesa machen. Auf diese n&#228;chste Runde reagierten vielleicht ein paar hundert, und ein paar tausend auf die dritte. Der Brief w&#252;rde auf Hunderten christlichen Websites auftauchen. Christliche Blogger w&#252;rden ihn aufgreifen, und so w&#252;rde die Botschaft wachsen. Eddy hatte genug Zeit im Internet verbracht, um zu wissen, dass die Mathematik zu seinen Gunsten sprach.

Er kopierte sein gesamtes Adressbuch in die Empf&#228;ngerzeile und bewegte den Cursor zu der kleinen Schaltfl&#228;che mit dem Papierflieger darauf. Er holte tief Luft und klickte auf den Papierflieger. Mit einem unh&#246;rbaren, eingebildeten Wwwusch! zischte die E-Mail mit Lichtgeschwindigkeit hinaus in den elektronischen &#196;ther.

Es ist vollbracht.

Zitternd lehnte er sich zur&#252;ck. Alles war still. Doch die Welt hatte sich ver&#228;ndert.

Er blieb noch f&#252;nf Minuten lang sitzen. Dann, sobald er wieder ruhig atmen konnte, stand er auf und sammelte sich. Nach einigem Z&#246;gern holte er seinen Schl&#252;sselbund aus der Hosentasche, schloss den Aktenschrank neben seinem Schreibtisch auf und holte den 44er Ruger Magnum Blackhawk heraus  sein Vater hatte ihm den Revolver zum achtzehnten Geburtstag geschenkt. Die Waffe war eine limitierte Auflage, eine Replik eines echten Wildwest-Revolvers, aber technisch auf dem neuesten Stand und sehr zuverl&#228;ssig. Mit dieser Waffe hatte er vor vielen Jahren ein paar Tage auf dem Schie&#223;stand verbracht, und er hielt sie stets gut ge&#246;lt und einsatzbereit.

Eddy gab sich keinen Illusionen hin. Ein Krieg stand bevor  ein echter Krieg.

Er lud den Revolver mit 240-Grain-Remington-Mantel-geschossen. Dann packte er die Waffe und zwei volle Schachteln Munition in einen Rucksack, dazu eine Flasche Wasser, eine Taschenlampe samt Ersatzbatterien, ein Fernglas, seine Bibel, Notizbuch und Stift. Er kramte den kleinen Benzinkanister hervor, den er stets mit Petroleum gef&#252;llt bereithielt, falls der Strom ausfiel. Der Kanister kam auch noch in den Rucksack.

Er warf sich den Rucksack &#252;ber die Schulter, trat hinaus in die Nachtluft und blickte zur Red Mesa auf, deren gewaltige Silhouette sich vor dem n&#228;chtlichen Himmel abhob. Ein einziges, kaum erkennbares Licht markierte den Zugang zum Isabella-Projekt, ganz am Rand der dunklen Insel aus Fels.

Er warf den Rucksack auf den Beifahrersitz seines Pick-up und stieg ein. Er hatte kaum noch genug Benzin, um es bis auf die Mesa zu schaffen. Doch was spielte das schon f&#252;r eine Rolle? Gott, der ihn bis hierher gef&#252;hrt hatte, w&#252;rde ihn auch wieder nach Hause bringen und mit seinen Kindern vereinen, und wenn nicht auf Erden, dann im n&#228;chsten Leben.


47


Alle zur&#252;ck an ihre Pl&#228;tze, befahl Hazelius, dessen Stimme allm&#228;hlich wieder kr&#228;ftiger klang. Er wandte sich dem Visualizer zu und sprach den Bildschirm an. Also sch&#246;n, fangen wir noch mal von vorn an. Wer zum Teufel bist du  wirklich?

Ford starrte wie gebannt auf den Monitor und wartete darauf, dass eine Antwort erschien. Er f&#252;hlte, wie sehr ihn diese Sache beinahe gegen seinen Willen fesselte.

Aus Gr&#252;nden, die ich bereits erl&#228;utert habe, k&#246;nnt ihr nicht wissen, was ich bin. Das Wort Gott kommt dem nahe, doch auch das bleibt eine &#228;u&#223;erst &#228;rmliche Beschreibung.

Bist du ein Teil dieses Universums oder davon getrennt?, fragte Hazelius.

Es gibt keine Getrenntheit. Wir alle sind eins.

Warum existiert das Universum?

Das Universum existiert, weil es einfacher ist als Nichts. Das ist auch der Grund f&#252;r meine Existenz. Das Universum k&#246;nnte nicht einfacher sein, als es ist. Dies ist das physikalische Gesetz, aus dem sich alle anderen ergeben.

Was k&#246;nnte einfacher sein als Nichts?, fragte Ford.

Nichts kann nicht existieren. Das ist ein intuitives Paradoxon. Das Universum ist der Zustand, der Nichts am n&#228;chsten kommt.

Wenn alles so einfach ist, fragte Edelstein, warum ist das Universum dann so komplex?

Das komplizierte Universum, das ihr seht, ist eine emergente Eigenschaft seiner Einfachheit.

Was ist denn dann diese grundlegende Einfachheit, die allem zugrunde liegen soll?, fragte Edelstein.

Das ist die Realit&#228;t, die euren Verstand sprengen w&#252;rde.

Allm&#228;hlich reicht es mir!, rief Edelstein. Wenn du so klug bist, solltest du uns armen, geistig umnachteten Menschen so etwas erkl&#228;ren k&#246;nnen! Willst du vielleicht behaupten, wir w&#252;ssten so wenig &#252;ber die Realit&#228;t, dass unsere physikalischen Gesetze reine T&#228;uschung sind?

Ihr habt eure physikalischen Gesetze auf die Annahme aufgebaut, dass Zeit und Raum existieren. All eure Gesetze basieren auf bestimmten Bezugssystemen. Das ist bereits formal falsch. Bald werden eure liebgewonnenen Annahmen &#252;ber die wirkliche Welt einst&#252;rzen und in Flammen aufgehen. Aus der Asche werdet ihr eine neue Art von Wissenschaft aufbauen.

Wenn unsere physikalischen Gesetze falsch sind, warum ist unsere Wissenschaft dann so spektakul&#228;r erfolgreich?

Newtons Bewegungsgesetze waren zwar fehlerhaft, aber ausreichend, um Menschen zum Mond zu schicken. Dasselbe gilt f&#252;r alle eure Gesetze: Sie sind N&#228;herungen, mit denen man zwar arbeiten kann, die aber grunds&#228;tzlich fehlerhaft sind.

Wie soll man denn physikalische Gesetze konstruieren ohne Zeit und Raum?

Wir verschwenden unsere Zeit, indem wir uns gegenseitig mit metaphysischen Konzepten bewerfen.

Wor&#252;ber sollten wir denn besser sprechen?, fragte Hazelius und schnitt Edelstein damit das Wort ab.

&#220;ber den Grund, weshalb ich euch aufgesucht habe.

Und der w&#228;re?

Ich habe eine Aufgabe f&#252;r euch.

Isabellas singendes Ger&#228;usch wurde pl&#246;tzlich zu einem donnernden Heulen wie von einem vorbeifahrenden Zug. Irgendwo im Berg war ein Grollen zu h&#246;ren, eine Vibration der Mesa selbst. Der Bildschirm flackerte, Grie&#223; fegte dar&#252;ber hinweg und l&#246;schte die Worte aus.

Schei&#223;e, keuchte Dolby. Schei&#223;e. Hastig machte er sich daran, die Software zu regeln, und seine Finger rasten &#252;ber die Tastatur.

Was zum Teufel ist denn jetzt los?, rief Hazelius.

Der Strahl ist dekollimiert, sagte Dolby. Harlan, verdammt, dein Alarm f&#252;r den Energiefluss blinkt! Alan! K&#252;mmere dich gef&#228;lligst um deine Server! Was stehst du da herum, Herrgott noch mal?

Zur&#252;ck auf Ihre Posten!, befahl Hazelius.

Ein weiteres Beben ersch&#252;tterte den Bunker. Alle hasteten zur&#252;ck an ihre Arbeitspl&#228;tze. Eine neue Nachricht hing ungelesen mitten auf dem Bildschirm.

Stabilisiert sich, sagte St. Vincent.

Wieder kollimiert, meldete Dolby. Auf dem R&#252;cken seines T-Shirts breitete sich ein dunkler Schwei&#223;fleck aus.

Alan, was machen die Server?

Unter Kontrolle.

Was ist mit dem Magneten?, fragte Hazelius.

H&#228;lt noch, sagte Dolby, aber wir haben nicht mehr viel Zeit. Das war verdammt knapp.

Also dann. Hazelius wandte sich wieder dem Visualizer zu. Sag uns doch bitte, was das f&#252;r eine Aufgabe ist.


48


Dem Pick-up ging kurz vor Ende des Dugway das Benzin aus. Eddy nutzte das letzte bisschen Schwung, um von der Stra&#223;e ins Geb&#252;sch zu fahren, wo der Wagen holpernd stehenblieb. &#220;ber den Skeletten der Pinyon-Kiefern zeigte ein schwaches Leuchten vor dem Nachthimmel den Standort des Isabella-Projekts an  viereinhalb Kilometer &#246;stlich von hier.

Er stieg aus dem Pick-up, holte seinen Rucksack heraus, h&#228;ngte ihn sich &#252;ber und machte sich auf den Weg. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Von seinem Trailer aus konnte er die Sterne zwar auch sehen, doch heute Nacht, hier oben auf der Mesa, erschienen sie ihm unnat&#252;rlich hell  kleine Teiche und Wirbel phosphoreszierenden Lichts, die die Himmelskuppel f&#252;llten. In der Ferne zeichneten sich schwach die Masten der Hochspannungsleitungen, die zu Isabella f&#252;hrten, vor dem Firmament ab.

Er konnte jeden pochenden Herzschlag sp&#252;ren. Er h&#246;rte das Blut in seinen Ohren summen. Er hatte sich noch nie so lebendig gef&#252;hlt. Er marschierte in strammem Tempo und erreichte nach zwanzig Minuten die Abzweigung zum alten Nakai-Rock-Handelsposten. Hier hielt er inne und beschloss dann, zun&#228;chst das Tal auszukundschaften. Wenige Minuten sp&#228;ter kam er am Rand der Felsklippen an, wo die Stra&#223;e steil ins Tal hinabf&#252;hrte. Er richtete das Fernglas auf die kleine Siedlung.

Mitten auf dem Spielfeld stand ein gro&#223;es Tipi, von einem flackernden Feuer im Innern erleuchtet. In der N&#228;he ragte ein etwas absonderliches, provisorisches Bauwerk auf, eine Kuppel aus aneinandergelehnten Zweigen und Zeltbahnen, die am Boden mit Steinen beschwert waren. Dahinter brannte gerade ein gro&#223;es Feuer herab, und in der Glut war ein Haufen kirschrot gl&#252;hender Steine auszumachen.

Er hatte so etwas schon einmal gesehen: eine Navajo-Schwitzh&#252;tte.

Leiser Gesang und schneller Trommelschlag trieben durch die trockene, stille Luft zu ihm herauf. Wie seltsam. Die Navajos hielten hier eine Zeremonie ab. Hatten auch sie es gesp&#252;rt  dieses gewaltige, machtvolle Ereignis, das kurz bevorstand? Hatten sie den drohenden Zorn Gottes gesp&#252;rt? Aber diese Leute waren G&#246;tzenanbeter, die falsche G&#246;tter verehrten. Er sch&#252;ttelte traurig den Kopf: Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben f&#252;hrt; und wenige sind ihrer, die ihn finden.

Die Schwitzh&#252;tte und das Tipi waren ein weiteres Anzeichen daf&#252;r, dass die Endzeit tats&#228;chlich angebrochen war und der Teufel unter ihnen wandelte.

Abgesehen von den Navajos, schien das Tal verlassen zu sein, die verstreuten H&#228;uschen waren dunkel. Eddy schlug einen Bogen, umging die Siedlung und erreichte nach weiteren zehn Minuten das Flugfeld. Auch die Hangars, die sich vom Nachthimmel abhoben, waren verlassen. Der Widerchrist und sein Gefolge hatten sich bei Isabella versammelt, tief unten im Berg  dessen war er sicher.

Er n&#228;herte sich dem Maschendrahtzaun der Sicherheits zone, wobei er darauf achtete, nicht so nahe heranzukommen, dass er irgendeinen Alarm ausl&#246;ste, den sie hier sicher installiert hatten. Der Zaun schimmerte im kalten Licht der Natriumdampflampen, die das Gebiet dahinter beleuchteten. Der Aufzug, der hinab zu Isabella f&#252;hrte, stand ein paar hundert Meter entfernt, ein gro&#223;es, h&#228;ssliches, fensterloses Geb&#228;ude, auf dessen Dach sich Antennen und Satellitensch&#252;sseln dr&#228;ngten. Er sp&#252;rte, wie der Boden von tief unten her vibrierte; er konnte Isabella summen h&#246;ren. Und hatten &#252;ber sich einen K&#246;nig, den Engel des Abgrunds, des Name hei&#223;t auf Hebr&#228;isch Abaddon.

Sein Verstand und seine Seele gl&#252;hten wie im Fieber. Er sp&#228;hte hin&#252;ber zu den lauernden Stahlt&#252;rmen, durch die diese Maschine mit Elektrizit&#228;t versorgt wurde, und bekam eine G&#228;nsehaut. Diese unheimlichen Umrisse sahen beinahe aus wie die Heere des Teufels, die durch die Nacht marschierten. Die Hochspannungsleitungen knisterten und summten wie statisch aufgeladenes Haar. Er griff in seinen Rucksack und ber&#252;hrte das warme Leder seiner Bibel, um sich zu beruhigen. Er wappnete sich mit einem kurzen Gebet und ging dann zum n&#228;chsten Turm, ein paar hundert Meter entfernt.

Am Fu&#223; des Geb&#228;udes blieb er stehen. Die gewaltigen Streben verschwanden im Angesicht der Nacht und waren nur an den schwarzen Schemen zu erkennen, die sich vor die Sterne schoben. Die Stromleitungen zischten und fauchten wie Schlangen, und das Ger&#228;usch mischte sich mit dem St&#246;hnen des Windes in den Streben zu einer Sinfonie der Verdammnis. Eddy erschauerte bis in die Tiefen seiner Seele.

Wieder musste er an die Worte aus der Offenbarung denken:  sie zu versammeln in den Streit auf jenen Tag Gottes, des Allm&#228;chtigen. Sie w&#252;rden kommen  da war er ganz sicher. Sie w&#252;rden seinem Aufruf folgen. Er musste bereit sein. Er brauchte einen Plan.

Er begann, sich die Gegend genau anzusehen und sich das Terrain einzupr&#228;gen, die Stra&#223;en, Zugangspunkte, Z&#228;une, T&#252;rme und alle anderen Geb&#228;ude.

&#220;ber ihm zischten und fauchten die Hochspannungsleitungen. Die Sterne zwinkerten vom Himmel. Die Erde drehte sich weiter. Russell Eddy streifte durch die Dunkelheit und war sich zum ersten Mal in seinem Leben seiner selbst vollkommen sicher.


49


Lockwood war &#252;berrascht, wie sch&#228;big, nackt und funktional der White House Situation Room, der Sitzungsraum des Krisenstabs, war. Er roch wie ein unterirdischer Studenten-Aufenthaltsraum, der dringend mal gel&#252;ftet werden m&#252;sste. Die W&#228;nde waren ockerfarben gestrichen. Die Mitte des Raums nahm ein Mahagonitisch ein, aus dessen Mitte Mikrophone herausragten. Flachbildschirme waren an den W&#228;nden aufgereiht. An beiden L&#228;ngsw&#228;nden standen St&#252;hle, dicht an dicht.

Die h&#228;ssliche Uhr, typisch staatliche Einrichtung, am Ende des Tisches zeigte genau Mitternacht.

Der Pr&#228;sident trat ein. Er wirkte frisch in seinem grauen Anzug mit malvenfarbener Krawatte, das wei&#223;e Haar zur&#252;ckgek&#228;mmt. Er wandte sich an den Marineoffizier, der anscheinend f&#252;r die Elektronik zust&#228;ndig war. Schalten Sie bitte den Vorsitzenden des Generalstabs zu, au&#223;erdem meinen Nationalen Sicherheitsberater und die Direktoren der Homeland Security, des FBI und der National Intelligence.

Ja, Mr. President.

Oh, und vergessen Sie blo&#223; nicht, auch den Leiter des Intelligence Committee des Senats zuzuschalten, sonst meckert er sp&#228;ter herum, er sei nicht informiert worden.

Er nahm am Kopf des Mahagonitisches Platz. Roger Morton, sein Stabschef, w&#252;rdevoll und vorsichtig, setzte sich zu seiner Rechten. Gordon Galdone, der Kampagnenchef, gro&#223; und zerknautscht wie ein ungemachtes Bett, in einem braunen Wal-Mart-Anzug, setzte sich auf die andere Seite des Pr&#228;sidenten. Jean lie&#223; sich auf einem Stuhl an der Wand nieder, direkt hinter dem Pr&#228;sidenten, die Knie brav zusammengepresst, den Stenoblock einsatzbereit.

Fangen wir einfach schon mal an  die anderen sind eben dabei, wenn sie dabei sind.

Ja, Sir.

Einige der Flachbildschirme erwachten bereits zum Leben und zeigten ein Gesicht. Jack Strand, der FBIDirektor, war als Erster zugeschaltet. Er sa&#223; in seinem B&#252;ro in Quantico, ein riesiges FBI-Siegel hinter sich an der Wand, und das kantige Polizistengesicht mit den alten Aknenarben blickte erbarmungslos vom Bildschirm herab  ein Mann, der Vertrauen einfl&#246;&#223;te, oder es zumindest versuchte.

Der Energieminister, ein Mann namens Hall, vor der Kamera in seinem B&#252;ro an der Independence Avenue, erschien als N&#228;chster  der Mann, der offiziell und vorgeblich f&#252;r Isabella verantwortlich war. Doch er hatte die Sache nie in die Hand genommen  er war sehr geschickt im Delegieren , und jetzt war er v&#246;llig aufgel&#246;st, das plumpe Gesicht gl&#228;nzte vor Schwei&#223;, und die hellblaue Krawatte war so eng gebunden, dass es aussah, als habe er gerade noch versucht, sich daran zu erh&#228;ngen.

Also sch&#246;n, sagte der Pr&#228;sident und faltete die H&#228;nde vor sich auf dem Tisch. Minister Hall, Sie sind zust&#228;ndig, also sagen Sie mir, was zum Teufel da drau&#223;en vor sich geht.

Ich bedaure, stammelte Hall, Mr. President, aber ich habe keine Ahnung. Das ist ein beispielloser Vorgang. Ich wei&#223; nicht, was ich sagen soll 

Der Pr&#228;sident fiel ihm ins Wort und wandte sich an Lockwood. Wer hatte als Letzter Kontakt zum Isabella-Team? Stan, wissen Sie das?

Ich vermutlich. Ich habe um sieben Uhr MDT mit meinem Maulwurf telefoniert, und er sagte, es sei alles in Ordnung. Er sagte, sie w&#252;rden einen Durchlauf planen, und er wollte um acht Uhr zu ihnen nach unten gehen. Er hat mir keinerlei Hinweis auf irgendwelche ungew&#246;hnlichen Vorg&#228;nge gegeben.

Haben Sie denn eine Theorie, was da los sein k&#246;nnte?

Lockwood hatte bereits im Stillen s&#228;mtliche M&#246;glichkeiten durchgerattert, doch keine davon erschien ihm plausibel. Er rang die Panik nieder, die in ihm aufstieg, und hielt seine Stimme bewusst ruhig und fest. Ich habe leider keine eindeutigen Anhaltspunkte.

K&#246;nnten wir es denn mit irgendeiner internen Auflehnung zu tun haben? Meuterei? Oder Sabotage?

Das w&#228;re m&#246;glich.

Der Pr&#228;sident wandte sich an den Vorsitzenden des Generalstabs, der in einem zerknautschten Kampfanzug an seinem Schreibtisch im Pentagon sa&#223;. General, Sie sind f&#252;r die Sondereinsatzkommandos zust&#228;ndig, wo ist die n&#228;chste Einheit stationiert?

Luftwaffenst&#252;tzpunkt Nellis, in Nevada.

Und die n&#228;chste Einheit der Nationalgarde?

Flagstaff.

FBI? Wo ist Ihre n&#228;chstgelegene Au&#223;enstelle?

Jack Strand, der FBIDirektor, antwortete aus seinem Bildschirm: Auch in Flagstaff.

Der Pr&#228;sident &#252;berlegte, runzelte die Stirn und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte herum. General, lassen Sie den Hubschrauber, der am n&#228;chsten dran ist, sofort aufsteigen. Die sollen sich das mal ansehen.

Bei diesen Worten rutschte Gordon Galdone, der Wahlkampfleiter, auf seinem Sessel herum, seufzte und dr&#252;ckte den Zeigefinger an die weichen Lippen.

Das Orakel spricht zu uns, dachte Lockwood s&#228;uerlich.

Mr. President? Der Mann hatte eine pomp&#246;s klingende Stimme, nicht un&#228;hnlich der von Orson Welles in seinen fetten Jahren.

Ja, Gordon?

Darf ich darauf hinweisen, dass das nicht nur ein wissenschaftliches oder sogar milit&#228;risches Problem ist? Es ist ein politisches Problem. Seit Wochen l&#246;chert uns die Presse, warum Isabella noch nicht in Betrieb ist. Die Times hat sich letzte Woche sogar im Leitartikel darauf gest&#252;rzt. Vor vier Tagen hat einer der Wissenschaftler Selbstmord begangen. Wir haben einen Aufruhr bei den christlichen Fundamentalisten. Und jetzt gehen die Wissenschaftler nicht mal mehr ans Telefon. Obendrein haben wir einen wissenschaftlichen Berater, der sich nebenbei als Spion versucht.

Gordon, ich habe das abgesegnet, erwiderte der Pr&#228;sident.

Galdone fuhr unbeeindruckt fort: Mr. President, wir rennen blindlings in eine PR-Katastrophe. Sie haben das Isabella-Projekt gef&#246;rdert. Man identifiziert Sie damit. Sie werden einen Tiefschlag einstecken  au&#223;er wir l&#246;sen dieses Problem auf der Stelle. Einen Hubschrauber hinzuschicken, damit der mal nachsieht, ist zu wenig, und es kommt zu sp&#228;t. Das wird die ganze Nacht lang dauern, und morgen fr&#252;h wird immer noch ein einziges Durcheinander herrschen. Gott steh uns bei, wenn die Medien Wind davon bekommen.

Was schlagen Sie also vor, Gordon?

Das Problem bis morgen fr&#252;h zu beseitigen.

Wie denn?

Schicken Sie ein Team, das die Kontrolle &#252;ber Isabella &#252;bernimmt und die Maschine ausschaltet  und die Wissenschaftler vom Projektgel&#228;nde schafft.

Augenblick mal, sagte der Pr&#228;sident. Das Isabella-Projekt ist meine gr&#246;&#223;te Leistung. Ich will verdammt sein, wenn ich es jetzt einfach ausschalte!

Entweder Sie schalten Isabella aus, oder das Projekt wird Sie ausschalten.

Lockwood war schockiert dar&#252;ber, dass ein Berater es fertigbrachte, in so unversch&#228;mtem Ton mit dem Pr&#228;sidenten zu sprechen.

Morton meldete sich zu Wort. Mr. President, ich stimme Gordon zu. In nicht einmal zwei Monaten steht die Wahl an. Wir k&#246;nnen uns den Luxus nicht erlauben, noch mehr Zeit verstreichen zu lassen. Wir m&#252;ssen das Isabella-Projekt noch heute Abend beenden. Die Einzelheiten aufkl&#228;ren, das k&#246;nnen wir sp&#228;ter auch noch tun.

Wir wissen noch nicht einmal, was zum Teufel da drau&#223;en los ist, sagte der Pr&#228;sident. Woher wollen Sie wissen, dass wir es nicht mit einem terroristischen Anschlag oder einer Geiselnahme zu tun haben?

Vielleicht haben wir es genau damit zu tun, sagte Morton.

Schweigen. Dann wandte der Pr&#228;sident sich an seinen Nationalen Sicherheitsberater auf einem der Flachbildschirme. Haben Sie bei der National Intelligence irgendeinen Hinweis darauf, dass irgendwo etwas geplant sein k&#246;nnte?

Nicht, dass wir w&#252;ssten, Mr. President.

Also sch&#246;n, wir schicken ein Team da rein. Bewaffnet und einsatzbereit f&#252;r jede erdenkliche Situation. Aber ich will keine gro&#223;e Mobilmachung, nichts, was die Aufmerksamkeit der Presse erregen oder uns hinterher dumm dastehen lassen k&#246;nnte. Eine kleine Eliteeinheit der Sondereinsatztruppen, bestens ausgebildet  sie gehen da rein, sichern den verdammten Berg, schalten die Maschine ab und bringen die Wissenschaftler raus. Die Operation muss bis morgen fr&#252;h abgeschlossen sein. Er lehnte sich zur&#252;ck. Okay: Wer ist daf&#252;r geeignet?

Der FBIDirektor schlug vor: Das Rocky Mountain Hostage Rescue Team ist in Denver stationiert, keine sechshundert Kilometer von Isabella entfernt. Elf bestens ausgebildete M&#228;nner, Spezialisten f&#252;r Geiselnahmen, waren vorher alle bei der Delta Force, eigens f&#252;r Eins&#228;tze auf amerikanischem Boden trainiert.

Ja, aber hier bei der CIA , wandte der CIA-Direktor ein.

Wunderbar, fiel ihm der Pr&#228;sident ins Wort und wandte sich sogleich an Lockwood. Stan? Was meinen Sie?

Lockwood bem&#252;hte sich, seine Stimme ruhig zu halten. Mr. President, meiner Ansicht nach ist es v&#246;llig verfr&#252;ht, jetzt schon an so ein &#220;berfallkommando zu denken. Ich kann nur dem zustimmen, was Sie vorhin sagten  wir sollten zuerst herausfinden, was da vor sich geht. Ich bin sicher, es gibt eine vern&#252;nftige Erkl&#228;rung. Schicken Sie einen Hubschrauber mit ein paar Leuten hin, die erst mal an die T&#252;r klopfen, sozusagen.

Morton sagte mit klirrender Stimme: Morgen fr&#252;h werden sich die Reporter s&#228;mtlicher Fernsehsender im gesamten Land da drau&#223;en dr&#228;ngeln. Dann m&#252;ssten wir unter dem mikroskopischen Blick der Medien arbeiten. Unsere Handlungsfreiheit w&#228;re zum Teufel. Falls die Wissenschaftler selbst sich aus irgendeinem Grund da drin verbarrikadiert haben, k&#246;nnten wir uns ein zweites Waco einhandeln.

Waco?, wiederholte Lockwood ungl&#228;ubig. Wir reden hier von zw&#246;lf angesehenen Wissenschaftlern, angef&#252;hrt von einem Nobelpreistr&#228;ger. Das ist doch keine durchgeknallte Sekte!

Der Stabschef wandte sich an den Pr&#228;sidenten. Mr. President, ich kann nicht energisch genug betonen, dass diese Operation auf jeden Fall bis zum Morgengrauen abgeschlossen sein muss. Sobald die Medien eintreffen, ver&#228;ndert sich die Situa tion v&#246;llig. Wir haben keine Zeit, jemanden da hinzuschicken, der an die T&#252;r klopft. Seine Stimme troff vor Sarkasmus.

Dem kann ich nur zustimmen, sagte Galdone.

Keine Alternative?, fragte der Pr&#228;sident leise.

Keine.

Lockwood schluckte. Ihm war &#252;bel. Er hatte den K&#252;rzeren gezogen, und nun w&#252;rde er gezwungen sein, an der Abschaltung von Isabella mitzuwirken. Die Operation, die Sie vorschlagen, ist auch nicht ganz problemlos.

Was gibt es da f&#252;r Probleme?

Sie k&#246;nnen Isabella nicht einfach den Strom abstellen. Das k&#246;nnte eine Explosion ausl&#246;sen. Die Energiezufuhr ist eine heikle Sache, und sie kann nur von innen kontrolliert werden, &#252;ber den Computer. F&#252;r den Fall, dass die Wissenschaftler da drin aus irgendeinem Grund nicht  kooperieren sollten, m&#252;ssen Sie jemanden dabeihaben, der Isabella sicher abschalten kann.

Wen empfehlen Sie daf&#252;r?

Denselben Mann, den ich schon vorhin erw&#228;hnt habe  Bernard Wolf aus Los Alamos.

Wir lassen ihn von einem Hubschrauber abholen. Wie kommen wir dann rein?

Der Hauptzugang zum Bunker ist gegen &#228;u&#223;ere Angriffe gesichert. Alle Bel&#252;ftungssysteme entsprechen ebenfalls der h&#246;chsten Sicherheitsstufe. Wenn das Team nicht bereit oder in der Lage ist, die T&#252;r zu &#246;ffnen, k&#246;nnte es schwierig werden, &#252;berhaupt hineinzukommen.

Es gibt keine M&#246;glichkeit, die Sicherheitssysteme in einem Notfall auszuschalten?

Die Homeland Security war der Meinung, so etwas k&#246;nnte Terroristen einen Angriffspunkt bieten.

Wie kommen wir dann rein?

Herrgott, wie er das verabscheute. Am besten durch den Haupteingang, mit Sprengstoff. Der Zugang liegt auf halber H&#246;he einer steilen Klippe. Davor befindet sich ein offener Arbeitsbereich, der aber gr&#246;&#223;tenteils aus der Klippe gehauen ist. Da k&#246;nnte man ganz sicher nicht mit einem Milit&#228;rhubschrauber landen. Das Einsatzkommando m&#252;sste oben abgesetzt werden, sich abseilen und die T&#252;r sprengen. Aber Sie gehen damit wirklich vom allerschlimmsten Fall aus. Wahrscheinlich w&#252;rden die Wissenschaftler Ihrem Kommando auch einfach die T&#252;r aufmachen.

Wie haben sie beim Bau schwere Ausr&#252;stung da reingebracht, wenn es keine Stra&#223;e gibt?

Sie haben die alte Zufahrtsstra&#223;e der Kohlenmine benutzt, die au&#223;en am Berg entlanglief, und sie dann abgesprengt, als Isabella fertiggebaut war. Ebenfalls aus Sicherheitsgr&#252;nden.

Ich verstehe. Erz&#228;hlen Sie mir mehr &#252;ber diese gesicherte T&#252;r.

Eine Titan-Wabenkonstruktion. Extrem schwer zu durchbrechen. Sprengstoff w&#228;re die einzige M&#246;glichkeit.

Ich will genaue Daten. Und dann?

Dahinter ist eine gro&#223;e H&#246;hle. Direkt geradeaus ist der Zugang zu Isabellas Tunnel. Links liegt der Kontrollraum, den wir die Br&#252;cke nennen. Diese T&#252;r ist aus zwei Komma f&#252;nf Zentimeter dickem Edelstahl, die letzte Bastion gegen Eindringlinge. Ich besorge Ihnen die genauen Pl&#228;ne.

Das ist alles, was die Sicherheitsvorkehrungen angeht?

Das ist alles.

Sind sie bewaffnet?

Der Sicherheitschef, Wardlaw, tr&#228;gt eine Waffe. Weitere Feuerwaffen sind nicht gestattet.

Morton wandte sich dem Pr&#228;sidenten zu. Mr. President, wir brauchen Ihren ausdr&#252;cklichen Befehl, um diese Operation anlaufen zu lassen.

Lockwood beobachtete, wie der Pr&#228;sident z&#246;gerte, ihm einen Blick zuwarf, dann dem FBI-Chef. Schicken Sie das Geiselrettungsteam des FBI. Holen Sie die Wissenschaftler aus dem Berg, und schalten Sie Isabella ab.

Ja, Mr. President.

Der Stabschef schloss seine Aktenmappe mit einem Klatschen, das sich anh&#246;rte wie ein Schlag in Lockwoods Gesicht.


50


Ein jammernder Gesang heulte durch den Bunker. Der Bildschirm flackerte. Ford stand wie angewurzelt vor dem Visualizer, Kate neben ihm. Irgendwie, er wusste gar nicht mehr, wann, hatte sie ihre Hand in seine geschmiegt.

Als Antwort auf Hazelius Frage erschienen weitere Worte auf dem Bildschirm.

Die gro&#223;en monotheistischen Religionen waren ein notwendiges Stadium in der Entwicklung der menschlichen Kultur. Eure Aufgabe ist es, die Menschheit zum n&#228;chsten Glaubenssystem hinzuf&#252;hren.

Und welches ist das?

Die Wissenschaft.

Das ist l&#228;cherlich  die Wissenschaft kann keine Religion sein!, sagte Hazelius.

Ihr habt bereits eine neue Religion begr&#252;ndet  ihr weigert euch lediglich, das zu sehen. Religionen waren einst eine M&#246;glichkeit, die Welt zu verstehen, einen Sinn in ihr zu sehen. Diese Rolle hat nun die Wissenschaft &#252;bernommen.

Religion und Wissenschaft sind zwei v&#246;llig verschiedene Dinge, mischte Ford sich ein. Sie stellen unterschiedliche Fragen und erfordern unterschiedliche Arten von Beweisen.

Wissenschaft und Religion suchen dasselbe: die Wahrheit. Beide sind miteinander unvereinbar. Die Konfrontation dieser Weltanschauungen hat l&#228;ngst begonnen und wird immer schlimmer. Die Wissenschaft hat bereits die meisten grundlegenden Glaubenss&#228;tze der historischen Weltreligionen widerlegt und diese Religionsgemeinschaften damit in Aufruhr versetzt. Eure Aufgabe ist es nun, der Menschheit zu helfen, einen Weg durch diese Krise zu finden.

Oh, bitte!, rief Edelstein. Du glaubst, die Fanatiker im Nahen Osten  oder die Bibeltreuen hierzulande, wenn wir schon dabei sind  werden sich einfach damit abfinden und die Wissenschaft als neue Religion akzeptieren? Das ist verr&#252;ckt.

Ihr werdet der Welt meine Worte bringen und die Geschichte dessen erz&#228;hlen, was hier geschehen ist. Untersch&#228;tzt niemals meine Macht  die Macht der Wahrheit.

Wo sollen wir denn hin mit dieser neuen Religion? Wozu soll sie gut sein? Wer braucht sie?, fragte Hazelius.

Das n&#228;chste Ziel der Menschheit ist die Befreiung von den Begrenzungen der Biochemie. Ihr m&#252;sst lernen, euren Geist vom Fleisch eurer K&#246;rper zu trennen.

Das Fleisch? Das verstehe ich nicht, sagte Hazelius.

Fleisch. Nerven. Zellen. Biochemie. Das Medium, mittels dessen ihr denkt. Ihr m&#252;sst euren Geist vom Fleisch befreien.

Wie?

Ihr habt bereits damit begonnen, Informationen jenseits eurer Existenz als Fleisch zu verarbeiten, n&#228;mlich durch Computer. Bald werdet ihr eine M&#246;glichkeit zur Verarbeitung finden, die auf Rechenmaschinen im Quantenstadium beruht. Dies wird euch dahin f&#252;hren, dass ihr die nat&#252;rlichen Quantenprozesse in der Welt um euch herum als Mittel der Berechnung verwenden k&#246;nnt. Ihr werdet nicht l&#228;nger Maschinen bauen m&#252;ssen, um Informationen zu verarbeiten. Ihr werdet euch ins Universum ausbreiten, buchst&#228;blich und im &#252;bertragenen Sinne, wie andere intelligente Wesen das vor euch getan haben. Ihr werdet dem Gef&#228;ngnis der biologischen Intelligenz entkommen.

Und was dann?

Im Lauf der Zeit werdet ihr Kontakt zu anderen expandierten Intelligenzen aufnehmen. All diese miteinander verbundenen Intelligenzen werden eine M&#246;glichkeit finden, sich zu einem dritten Geisteszustand zu verschmelzen, der dann die einfache Realit&#228;t im Kern aller Existenz begreifen wird.

Und das ist alles? Deshalb so ein Aufwand?, fragte Kate.

Nein. Das ist nur eine Vorbereitung f&#252;r eine gr&#246;&#223;ere Aufgabe.

Der Visualizer flackerte, Bahnen von Grie&#223; huschten dar&#252;ber hinweg. Dolby ackerte an seiner Kontrollstation, vorn&#252;ber gebeugt und stumm. Die Worte verzerrten sich wellenf&#246;rmig, wie auf dunklem Wasser reflektiert.

Und die w&#228;re?, fragte Hazelius schlie&#223;lich.

Den Hitzetod des Universums aufzuhalten.

Ford sp&#252;rte, wie Kates Hand die seine unwillk&#252;rlich fester umklammerte.


51


Booker Crawley nahm sich eine Tasse Kaffee mit ins Arbeitszimmer und lie&#223; sich im Sessel vor dem Fernseher nieder. Wieder einmal griff er nach der Fernbedienung und zappte sich durch die Nachrichtensender. Nichts. Die w&#252;sten Anschuldigungen, die Spates in seiner Sendung vorgebracht hatte, schienen keine schwerwiegenden Folgen zu haben. Dennoch konnte Crawley das Gef&#252;hl nicht absch&#252;tteln, dass bald etwas passieren w&#252;rde. Er warf einen Blick auf die Uhr. Es war halb zwei Eastern Daylight Time  halb zw&#246;lf in Arizona. Oder halb elf?

Er atmete seufzend aus und trank einen bitteren Schluck Kaffee. Er machte aus einer M&#252;cke einen Elefanten. Bisher war alles nach Plan verlaufen, und Spates Sendung war zwar durchgeknallter Schwachsinn, w&#252;rde dem Navajo-Stammesrat aber sicher den Angstschwei&#223; auf die Stirn treiben.

Bei diesem Gedanken f&#252;hlte er sich gleich besser.

Trotzdem  Es konnte nicht schaden, sich mit Spates in Verbindung zu setzen und herauszufinden, woher zum Teufel er dieses verr&#252;ckte Zeug hatte, dass Isabella von sich behaupte, Gott zu sein.

Zuerst rief er in Spates B&#252;ro an, in der Hoffnung, der Mann k&#246;nnte noch dort sein. &#220;berraschenderweise war besetzt. Kein Anrufbeantworter, es war besetzt. Er wartete ein paar Minuten, versuchte es dann erneut, und noch einmal, kam aber nicht durch.

Vermutlich war das Telefon kaputt.

Als N&#228;chstes w&#228;hlte er Spates Handynummer und wurde augenblicklich auf die Mailbox umgeleitet. Dies ist die Mobilbox von Reverend Don T. Spates, sagte eine angenehme Frauenstimme. Die Mailbox ist derzeit leider &#252;berlastet. Bitte versuchen Sie es sp&#228;ter noch einmal.

Crawley w&#228;hlte die Privatnummer des Reverend. Auch da war besetzt.

Herrgott, war das Arbeitszimmer heute stickig. Er trat ans Fenster und &#246;ffnete es. Ein Schwall frischer, herrlicher Nachtluft drang herein und bl&#228;hte die feinen Gardinen. Er atmete ein paarmal tief durch. Wieder sagte er sich, dass er keinen Grund hatte, sich so aufzuregen. Er nippte seinen Kaffee, starrte auf die dunkle Stra&#223;e hinaus und fragte sich, was ihn eigentlich so aus der Fassung gebracht hatte. Eine besetzte Telefonleitung?

Der Reverend hatte sicher eine Website. Vielleicht w&#252;rde er dort n&#228;here Informationen finden.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch, fuhr seinen Laptop hoch und gab bei Google ein: Spates Gods Prime Time.

Der erste Treffer war tats&#228;chlich die offizielle Website des Fernsehpredigers, www.godsprimetime.com. Er klickte den Link an und wartete.

Nach einer frustrierenden Minute erschien eine Fehlermeldung.

Bandbreite &#252;berlastet


Eingeschr&#228;nkte Verf&#252;gbarkeit  die gew&#252;nschte Seite kann derzeit nicht angezeigt werden, da der Server &#252;berlastet ist. Bitte versuchen Sie es sp&#228;ter noch einmal.


Apache/1.3.37 Server at www.godsprimetime.com Port 80

Seine Besorgnis wuchs. Besetzte Telefone, der Server &#252;berlastet  War es m&#246;glich, dass die Website unter einem Hackerangriff zusammengebrochen war? Vielleicht war auf anderen christlichen Websites etwas zu finden.

Er gab bei Google ein: Isabella Gott Spates.

Ein Haufen christlicher Websites, die er nicht kannte, erschien auf dem Bildschirm. Er klickte einen beliebigen Link an, unter dem sich sofort ein Dokument &#246;ffnete.

Meine lieben Freunde in Jesus Christus,


viele von euch haben heute Abend die Sendung Roundtable America


von Reverend Don T. Spates gesehen 

Crawley las den Brief einmal durch. Und ein zweites Mal. Ein Schauer lief ihm &#252;ber den R&#252;cken. Das also war Spates Quelle, ein wahnsinniger Prediger da drau&#223;en im Navajo-Land. Die Zeile am Ende zeigte an, dass der verr&#252;ckte Pastor den Brief erst vor einer Stunde verschickt hatte. Der Trefferliste nach zu schlie&#223;en, war er offenbar auf nicht wenigen Websites ver&#246;ffentlicht worden.

Aber auf wie vielen? Es gab eine M&#246;glichkeit, das herauszufinden. Er gab den ersten Satz des Briefes Wort f&#252;r Wort und in Anf&#252;hrungszeichen bei Google ein, um nur Websites angezeigt zu bekommen, die den vollen Text ins Netz gestellt hatten. Gleich darauf erschien die Trefferliste. Die Standardnotiz am oberen Bildrand zeigte die Trefferzahl an:

Ergebnisse 110 von ungef&#228;hr 56 500 f&#252;r viele von euch haben heute Abend die Sendung Roundtable America von Reverend Don T. Spates gesehen.

Crawley blieb lange in seinem stillen Arbeitszimmer in Georgetown sitzen. Konnte es wirklich wahr sein, dass der Brief bereits auf &#252;ber f&#252;nfzigtausend Websites eingestellt worden war? Undenkbar. Er atmete bewusst langsam ein und aus, um sich wieder zu fassen. Falls jemals bekannt wurde, dass er hinter Spates Attacke gegen das Isabella-Projekt steckte, w&#252;rde er noch tiefer st&#252;rzen als sein alter Kumpel Jack Abramoff. Das Problem war: Wenn er ehrlich war, wusste er kaum etwas &#252;ber Spates und dessen evangelikale Kreise. Crawley kam sich vor wie ein Mann, der gedankenlos einen Stein an eine dunkle Stelle geworfen hatte und nun Dutzende Klapperschlangen rasseln h&#246;rte. Er stand auf und trat ans Fenster. Georgetown dort drau&#223;en schlief. Die Stra&#223;e war leer. Die Welt war friedlich.

W&#228;hrend er dort stand, h&#246;rte er ein Piepsen von seinem Computer, das ihn auf eine neue E-Mail hinwies. Er ging zum Schreibtisch, um nachzusehen. Ein kleines Fenster &#246;ffnete sich und zeigte ihm den Betreff: FW:FW: Red Mesa = Armageddon.

Er &#246;ffnete die Mail, begann zu lesen und stellte entsetzt fest, dass es genau der Brief war, den er eben im Netz gelesen hatte. Wusste jemand, dass er Kontakt zu Spates hatte? War das eine Art verh&#252;llter Drohung? Hatte Spates ihm das geschickt? Doch als er sich den Header ansah, der Dutzende von E-Mail-Adressen auflistete, wurde ihm klar, dass es nichts Pers&#246;nliches sein konnte. Die Absenderadresse kannte er auch nicht. Das war eine Massen-Mail, die willk&#252;rlich verbreitet wurde  virales Marketing, sozusagen. Virales Marketing f&#252;r Armageddon. Und sie war zuf&#228;llig in seinem Posteingang gelandet.

W&#228;hrend er den Brief, immer noch ungl&#228;ubig, ein weiteres Mal las und einzusch&#228;tzen versuchte, wie wahrscheinlich es war, dass er gerade diese E-Mail gerade jetzt rein zuf&#228;llig erhielt, piepste sein Mail-Programm erneut, und eine weitere E-Mail erschien. Sie hatte denselben Betreff  nun ja, beinahe.

FW:FW:FW:FW: Red Mesa = Armageddon.

Booker Crawley klammerte sich an die Armlehnen seines Sessels und stand mit zittrigen Knien auf. W&#228;hrend er sein Arbeitszimmer durchquerte, piepste der Computer wieder und immer wieder, weitere E-Mails trafen ein. Er taumelte durch die T&#252;r in das kleine Bad neben seinem Arbeitszimmer. Mit einer Hand packte er den Rand des Waschbeckens, hielt mit der anderen seine Krawatte fest und &#252;bergab sich.


52


Bern Wolf kauerte im Passagierraum des Hubschraubers, kaute nerv&#246;s auf einem Kaugummi herum und sah zu, wie elf schwerbewaffnete M&#228;nner ganz in Schwarz einstiegen und stumm ihre Pl&#228;tze einnahmen. Das einzige Abzeichen an ihren Uniformen war ein kleines FBI-Siegel auf der Brust. Wolf f&#252;hlte sich in seinem Tarnanzug samt schusssicherer Weste und Helm sehr unbehaglich. Vergeblich versuchte er, seine schlaksigen Glieder halbwegs bequem zu arrangieren, er rutschte gereizt herum und verschr&#228;nkte die Arme. Sein Pferdeschwanz lugte unter dem Helm hervor, und er brauchte keinen Spiegel, um zu wissen, wie l&#228;cherlich das aussah. Er schwitzte am Kopf, und in seinen Ohren rauschte es noch vom ersten Abschnitt des Fluges bis hierher.

Sobald die M&#228;nner angeschnallt waren, hob der Helikopter ab. Er stieg in den Nachthimmel auf, flog eine Kurve und beschleunigte. Der zu drei Viertel volle Mond war aufgegangen und warf einen silbrigen Glanz auf die W&#252;stenlandschaft unter ihm.

Wolf kaute und kaute. Was zur H&#246;lle war hier los? Sie hatten ihn ohne jede Erkl&#228;rung aus dem Haus gezerrt, zum Flugplatz in Los Alamos gebracht und in einen Hubschrauber verfrachtet. Niemand wollte ihm irgendetwas sagen. Er kam sich vor wie in einem schlechten Film.

Durch das Fenster sah er die fernen Gipfel der San Juan Mountains in Colorado. Der Hubschrauber &#252;berflog das Vorgebirge, und Wolf erhaschte einen Blick auf ein Band, das die Sterne reflektierte: der San Juan River.

Sie folgten ungef&#228;hr dem Flusslauf, vorbei an Ansammlungen von Lichtern, den Orten Bloomfield und Farmington, dann voran in die leere Dunkelheit. Als der Hubschrauber weiter gen S&#252;den einschwenkte, sah Wolf den dunklen Umriss des Navajo Mountain in der Ferne, und nun konnte er das Ziel dieses Fluges erraten: das Isabella-Projekt.

Er malmte nachdenklich auf seinem Kaugummi herum. Er hatte Ger&#252;chte geh&#246;rt  wie alle in der kleinen Gemeinschaft der Hochenergiephysik , dass es bei Isabella Probleme geben sollte. Er war ebenso schockiert gewesen wie die anderen, als er vom Tod seines ehemaligen Kollegen Peter Wolkonski erfahren hatte. Nicht, dass er den Russen sonderlich gemocht h&#228;tte, aber dessen F&#228;higkeiten als Programmierer hatte er stets respektiert. Er fragte sich, was das f&#252;r ein Problem sein k&#246;nnte, das den Einsatz eines uniformierten Sondereinsatzkommandos erforderlich machte.

F&#252;nfzehn Minuten sp&#228;ter ragte die schwarze Silhouette der Red Mesa vor ihnen auf. Ein Lichtfleck am Rand zeigte die Lage des Zugangs zu Isabella an. Der Helikopter sank herab, raste &#252;ber die Mesa hinweg, hielt dann langsamer auf einen Flugplatz zu, der von zwei langen Reihen blauer Strahler erhellt wurde, und setzte schlie&#223;lich auf einem Helipad auf.

Die Rotoren liefen aus, einer der K&#228;mpfer stand von seinem Sitz auf und &#246;ffnete die Frachtluke. Wolfs Bewacher legte ihm eine Hand auf die Schulter und bedeutete ihm, zu warten. Die T&#252;r glitt auf, die M&#228;nner des FBI-Kommandos sprangen einer nach dem anderen hinaus und rannten sofort geduckt unter den Rotorbl&#228;ttern los, als m&#252;ssten sie die Landezone sichern.

F&#252;nf Minuten vergingen. Dann winkte sein Bewacher ihn hinaus. Wolf h&#228;ngte sich seinen Rucksack &#252;ber eine Schulter und lie&#223; sich h&#252;bsch Zeit beim Aussteigen  er hatte nicht vor, sich hier ein Bein zu brechen. &#220;bertrieben vorsichtig kletterte er hinaus und ging geduckt durch die aufgepeitschte Luft unter den Rotorbl&#228;ttern. Sein Begleiter ber&#252;hrte ihn leicht am Ellbogen und deutete auf eine Blechh&#252;tte. Sie gingen dorthin, und der Bewacher &#246;ffnete ihm die T&#252;r. In der H&#252;tte roch es nach frischem Holz und Leim, doch sie war leer bis auf einen Tisch und eine Reihe billiger St&#252;hle.

Setzen Sie sich, Dr. Wolf.

Wolf lie&#223; seinen Rucksack auf einen Stuhl am Tisch fallen und setzte sich auf den daneben. Er konnte sich kaum einen unbequemeren Platz vorstellen, vor allem um diese Uhrzeit  so weit weg von dem Kopfkissen in seinem Bett, in das er eigentlich geh&#246;rte. Er versuchte immer noch vergeblich, es sich bequem zu machen, als einer der M&#228;nner dieses seltsamen Kommandos hereinkam. Der Mann streckte ihm die Hand entgegen. Special Agent Doerfler, ich leite diesen Einsatz.

Wolf sch&#252;ttelte halbherzig die dargebotene Hand, ohne aufzustehen.

Doerfler setzte sich auf die Tischkante und versuchte offensichtlich, freundlich und entspannt zu wirken. Das gelang ihm nicht: Der Mann war so aufgedreht wie das trommelnde H&#228;schen in der Batteriewerbung. Sie fragen sich sicher, warum Sie hier sind, Dr. Wolf.

Wie haben Sie das erraten? Leuten wie Doerfler mit ihren superkurzen B&#252;rstenschnitten, S&#252;dstaatenakzent und dieser aalglatten Art misstraute er grunds&#228;tzlich. W&#228;hrend der Vorarbeiten zu Isabella hatte er mit zu vielen von dieser Sorte zu tun gehabt.

Doerfler warf einen Blick auf die Uhr. Wir haben nicht viel Zeit, daher fasse ich mich kurz. Man hat mir gesagt, Sie kennen sich bestens mit Isabella aus, Dr. Wolf.

Das m&#246;chte ich doch hoffen, erwiderte er gereizt. Ich war stellvertretender Leiter des Planungsteams.

Waren Sie schon einmal hier?

Nein. Meine Arbeit fand ausschlie&#223;lich auf Papier statt.

Doerfler st&#252;tzte sich auf den Ellbogen und beugte sich mit ernster Miene vor. Hier drau&#223;en ist irgendetwas passiert. Wir wissen nicht genau, was. Das Team aus Wissenschaftlern hat sich im Berg eingeschlossen und s&#228;mtliche Kommunikationswege nach au&#223;en abgeschnitten. Sie haben den Hauptcomputer ausgeschaltet und lassen Isabella bei voller Kraft laufen, mit Hilfe der Back-up-Systeme.

Wolf fuhr sich mit der Zunge &#252;ber die Lippen. Das war so abgefahren, dass er es nicht glauben konnte.

Wir haben keine Ahnung, was hier los ist. Wir k&#246;nnten es mit einer Geiselnahme zu tun haben, einer Meuterei, einem Unfall oder irgendeiner Art unerwarteter St&#246;rung an den Ger&#228;ten oder der Stromzufuhr.

Und was soll ich hier?

Dazu komme ich gleich. Die M&#228;nner, mit denen Sie hierhergeflogen sind, geh&#246;ren zu einem Geiselrettungsteam des FBI. Sie sind eine Eliteeinheit, eine Art Sondereinsatzkommando. Das bedeutet nicht, dass wir von einer Geiselnahme ausgehen, aber wir m&#252;ssen auf alle Eventualit&#228;ten vorbereitet sein.

Reden Sie etwa von Terroristen?

M&#246;glich. Das Geiselrettungsteam wird sich Zugang zu der Anlage verschaffen, eventuelle Geiseln befreien, unerw&#252;nschte Personen neutralisieren, die Wissenschaftler isolieren und in Sicherheit bringen.

Unerw&#252;nschte Personen neutralisieren  Sie meinen, Sie wollen Leute erschie&#223;en?

Falls notwendig.

Sie wollen mich wohl verarschen.

Doerfler runzelte die Stirn. Nein, Sir, ganz und gar nicht.

Sie haben mich aus dem Bett geholt, damit ich mich Ihrem kleinen &#220;berfallkommando anschlie&#223;e? Tut mir leid, Mr. Doerfler, aber da haben Sie den falschen Bern Wolf.

Sie brauchen sich nicht die geringsten Sorgen zu machen, Dr. Wolf. Ich habe Ihnen einen Begleiter zugewiesen, Agent Miller. Absolut zuverl&#228;ssig. Er wird nicht von Ihrer Seite weichen, Ihnen jeden Schritt des Wegs zeigen. Erst wenn der Komplex gesichert ist, wird er Sie hineinbringen, damit Sie Ihren Auftrag ausf&#252;hren k&#246;nnen.

Und der w&#228;re?

Isabella abschalten.


Von seinem Aussichtspunkt auf einem Felsvorsprung oberhalb des Nakai Valley beobachtete Nelson Begay den Isabella-Komplex mit einem alten Armeefernglas. Vorhin war ein Hubschrauber tief &#252;ber das Tipi hinweggeflogen, hatte ihre Zeremonie &#252;bert&#246;nt und das Zelt ersch&#252;ttert wie ein Sandsturm. Begay und Becenti waren auf die Anh&#246;he geklettert, um einen besseren &#220;berblick zu haben, und konnten nun sehen, dass der Hubschrauber auf dem Flugfeld gelandet war, anderthalb Kilometer entfernt.

Haben dies auf uns abgesehen?, fragte Becenti.

Keine Ahnung, erwiderte Begay, der das Flugfeld beobachtete. M&#228;nner mit Gewehren sprangen aus dem Hubschrauber. Sie brachen einen Hangar auf, fuhren zwei Humvees heraus und begannen damit, sie zu beladen.

Begay sch&#252;ttelte den Kopf. Ich glaube nicht, dass das irgendwas mit uns zu tun hat.

Bist du sicher? Becenti klang entt&#228;uscht.

Nein, bin ich nicht. Wir gehen besser mal r&#252;ber und sehen uns das aus der N&#228;he an. Er warf Becenti einen Blick zu und bemerkte dessen aufgeregten Gesichtsausdruck. Begay legte ihm eine Hand auf die Schulter. Aber bleib sch&#246;n ruhig, ja?


53


Stanton Lockwood lupfte seine Manschette, um auf seine Rolex zu schauen. Viertel vor zwei Uhr in der Nacht. Der Pr&#228;sident hatte das FBI-Geiselrettungsteam, kurz HRT, um Mitternacht angefordert, und die Operation lief bereits. Vor ein paar Minuten war das HRT auf dem Flugplatz gelandet. Sie luden nun ihre Ausr&#252;stung auf Humvees um, f&#252;r die kurze Fahrt zur Sicherheitszone am Rand der Klippen, direkt oberhalb der &#214;ffnung zum Bunker.

Die Atmosph&#228;re im Raum war nerv&#246;s. Jean, die Sekret&#228;rin des Pr&#228;sidenten, die auf dessen Anweisung hin immer wieder Notizen stenographiert hatte, sch&#252;ttelte ihre verkrampfte rechte Hand aus.

Sie haben den ersten Humvee beladen, meldete der FBIDirektor, der das Geschehen f&#252;r den Pr&#228;sidenten laufend kommentierte. Immer noch niemand zu sehen. Sie m&#252;ssen alle unten im Bunker sein, genau, wie wir vermutet haben.

Immer noch kein Kontakt zu ihnen?

Nein. Alle Kommunikationswege vom Flugfeld zum Bunker sind abgeschnitten.

Lockwood rutschte auf seinem Stuhl herum. Er zermarterte sich das Hirn nach einer logischen Erkl&#228;rung. Aber es gab keine.

Die T&#252;r zum Krisenraum &#246;ffnete sich, und Roger Morton kam mit ein paar Blatt Papier herein. Lockwoods Blick folgte ihm. Er hatte den Mann nie gemocht, doch jetzt verabscheute er ihn geradezu, mit seiner Hornbrille, seinem makellosen Anzug und der Krawatte, die sa&#223;, als sei sie an seinem Hemd festgeklebt. Morton war der Inbegriff des Washingtoner Strippenziehers.

Mit diesen s&#228;uerlichen Gedanken beobachtete er, wie Morton mit dem Pr&#228;sidenten konferierte; sie steckten die K&#246;pfe zusammen und studierten eines der Bl&#228;tter. Sie winkten Galdone zu sich her&#252;ber, und alle drei betrachteten ausgiebig die Papiere.

Der Pr&#228;sident blickte zu Lockwood auf. Stan, sehen Sie sich das mal an.

Lockwood erhob sich und gesellte sich zu den dreien. Der Pr&#228;sident reichte ihm den Ausdruck einer E-Mail. Lockwood begann zu lesen: Meine lieben Freunde in Jesus Christus 

Dieser Brief ist im gesamten Internet verbreitet, sagte Morton, ehe Lockwood zu Ende gelesen hatte. Und ich meine wirklich &#252;berall.

Lockwood sch&#252;ttelte den Kopf und legte den Brief auf den Tisch. Ich finde es deprimierend, dass es im Amerika des einundzwanzigsten Jahrhunderts noch Leute gibt, die so mittelalterlich denken.

Der Pr&#228;sident starrte ihn an. Dieser Brief ist mehr als deprimierend, Stan. Er ruft zu einem bewaffneten Angriff auf eine Einrichtung der amerikanischen Regierung auf.

Mr. President, ich pers&#246;nlich w&#252;rde das nicht ernst nehmen. Der Brief enth&#228;lt keine konkreten Anweisungen, keinen Plan, keinen Treffpunkt. Das ist nur hei&#223;e Luft. Solches Zeug kursiert doch jeden Tag im Web. Wissen Sie, wie viele Leute diese B&#252;cherserie Finale gelesen haben? Die sind auch nicht gleich auf die Stra&#223;e gegangen.

Morton starrte ihn feindselig an. Lockwood, dieser Brief ist bereits auf Tausende Websites gestellt worden. Er zirkuliert wie verr&#252;ckt. Wir m&#252;ssen das ernst nehmen.

Der Pr&#228;sident seufzte schwer. Stan, ich w&#252;nschte, ich k&#246;nnte das so optimistisch sehen wie Sie. Aber diese Predigt, und nun noch dieser Brief obendrauf  Er sch&#252;ttelte den Kopf. Wir m&#252;ssen auf das Schlimmste vorbereitet sein.

Galdone r&#228;usperte sich grollend. Leute, die glauben, der Weltuntergang st&#252;nde unmittelbar bevor, k&#246;nnten zu unbedachten Handlungen neigen. Sogar gewaltt&#228;tig werden.

Das Christentum ist doch angeblich eine gewaltfreie Religion, sagte Lockwood.

Wir diskutieren hier nicht &#252;ber irgendjemandes religi&#246;se &#220;berzeugungen, Stan, sagte der Pr&#228;sident scharf. Uns allen hier muss klar sein, dass das ein sehr sensibler Bereich ist, in dem sich die Leute leicht auf die Zehen getreten f&#252;hlen. Er warf den Brief auf den Tisch und wandte sich dem Chef der Homeland Security zu. Wo ist die n&#228;chste Einheit der Nationalgarde stationiert?

St&#252;tzpunkt Camp Navajo in Bellemont, unmittelbar n&#246;rdlich von Flagstaff.

Wie weit entfernt ist das von der Red Mesa?

Knapp zweihundert Kilometer.

Mobilisieren Sie die Einheit, und lassen Sie sie per Hubschrauber zur Red Mesa fliegen. Nur zur Sicherheit.

Ja, Sir. Bedauerlicherweise ist die halbe Einheit gerade in &#220;bersee, und die Ausr&#252;stung und Hubschrauberflotte sind nicht gerade das, was man sich f&#252;r einen solchen Einsatz w&#252;nschen w&#252;rde.

Wie schnell k&#246;nnen Sie die Einheit aufstocken?

Wir k&#246;nnten Ausr&#252;stung und Personal aus Phoenix und Nellis dazunehmen. Das w&#252;rde drei bis f&#252;nf Stunden dauern, wenn wir schnell sind.

F&#252;nf Stunden sind zu lang. Tun Sie in drei Stunden, was Sie k&#246;nnen. Ich will, dass Ihre Leute um vier Uhr f&#252;nfundvierzig heute Morgen da oben sind.

Vier Uhr f&#252;nfundvierzig, wiederholte der Sicherheitschef. Jawohl, Mr. President.

Informieren Sie die Arizona State Police, aber machen Sie keinen gro&#223;en Wind darum: Die sollen ihre Streifenfahrten verdoppeln und jeglichen ungew&#246;hnlichen Verkehr auf den Interstates und Landstra&#223;en rund um das Navajo-Reservat melden. Und bereit sein, sehr schnell Stra&#223;ensperren zu errichten.

Jawohl, Mr. President.

Lockwood ergriff das Wort. Es gibt einen kleinen Posten der Navajo-Stammespolizei in Pi&#241;on, nur drei&#223;ig Kilometer von der Red Mesa entfernt.

Hervorragend. Die sollen sofort eine Streife zur Zufahrtsstra&#223;e schicken.

Sehr wohl, Sir.

Ich will, dass das alles still und unauff&#228;llig abl&#228;uft. Wenn wir &#252;berreagieren, wird uns die christliche Rechte wie einen Fu&#223;ball durch die Gegend treten. Sie werden uns vorwerfen, wir seien antichristliche, gottlose Liberale, die Panik sch&#252;ren  diese Leute w&#252;rden sonst was behaupten. Der Pr&#228;sident blickte sich um. Weitere Empfehlungen?

Niemand meldete sich zu Wort.

Er wandte sich Lockwood zu. Ich hoffe, dass Sie recht haben. Bei Gott, in diesem Augenblick k&#246;nnten schon zehntausend Irre auf dem Weg zur Red Mesa sein.


54


Ford sp&#252;rte, wie ihm der Schwei&#223; &#252;ber die Kopfhaut rann. Es wurde immer hei&#223;er in der Br&#252;cke, obwohl die Klimaanlage auf Hochtouren lief. Isabella summte und sang, die W&#228;nde vibrierten. Er warf einen Blick zu Kate hin&#252;ber, doch deren Aufmerksamkeit galt allein dem Visualizer.

Wenn das Universum einen Zustand maximaler Entropie erreicht, was dem Hitzetod des Universums entspricht, wird die universale Rechenoperation abbrechen. Ich werde sterben.

Ist das unvermeidlich, oder gibt es eine M&#246;glichkeit, dies zu verhindern?, fragte Hazelius.

Genau das ist die Frage, die ihr beantworten m&#252;sst.

Das also ist der ultimative Sinn der menschlichen Existenz?, fragte Ford. Diesen mysteri&#246;sen Hitzetod zu verhindern? H&#246;rt sich an wie aus einem Science-Fiction-Roman.

Den Hitzetod zu umgehen ist lediglich der erste Schritt auf dem Weg.

Auf dem Weg zu was?, fragte Hazelius.

Auf diese Weise bekommt das Universum die F&#252;lle an Zeit, die es braucht, um sich selbst in den letzten Zustand voranzudenken.

Und was ist dieser letzte Zustand?

Ich wei&#223; es nicht. Er wird nichts gleichen, was ihr oder selbst ich uns jemals vorstellen k&#246;nnten.

Du erw&#228;hnst die F&#252;lle an Zeit, sagte Edelstein. Wie lang genau soll das sein?

Die Anzahl von Jahren wird sein zehn Fakult&#228;t hoch zehn Fakult&#228;t, diese Zahl wiederum hoch zehn Fakult&#228;t, und das Ergebnis mal zehn hoch dreiundachtzig, die daraus resultierende Zahl hoch ihrer selbst in ihrer eigenen Fakult&#228;t mal zehn hoch siebenundvierzig. In eurer mathematischen Notation s&#228;he diese Zahl  die erste Gotteszahl  so aus:


(10!&#8593;&#8593;10)


Dies ist die L&#228;nge der Zeit in Jahren, die das Universum brauchen wird, um sich in den finalen Zustand zu denken und die ultimative Antwort zu finden.

Das ist eine absurd gro&#223;e Zahl!

Das ist nur ein Tropfen im Ozean der Unendlichkeit.

Wo ist die Rolle von Moral und Ethik in deinem sch&#246;nen neuen Universum?, fragte Ford. Von Erl&#246;sung und der Vergebung von S&#252;nden?

Ich wiederhole es noch einmal: Getrenntheit ist nichts als eine Illusion. Menschliche Wesen sind wie Zellen in einem K&#246;rper. Zellen sterben, doch der K&#246;rper lebt weiter. Hass, Grausamkeit, Krieg und V&#246;lkermord sind eher wie Autoimmunkrankheiten denn das Produkt von etwas, das ihr das B&#246;se nennt. Diese Vision der Allverbundenheit, die ich euch darlege, bietet ein weites Feld f&#252;r moralisches Handeln, in dem Selbstlosigkeit, Mitgef&#252;hl und gegenseitige Verantwortung eine zentrale Rolle spielen. Euer Schicksal ist ein einziges Schicksal. Die Menschheit wird geeint &#252;berleben oder geeint sterben. Niemand wird errettet, weil niemand verloren ist. Niemandem wird vergeben, weil niemand beschuldigt wird.

Was ist mit Gottes Versprechen einer besseren Welt?

Eure diversen Konzepte des Himmelreichs sind bemerkenswert armselig.

Entschuldige bitte, aber Erl&#246;sung ist alles andere als armselig!

Die Vision spiritueller Vollkommenheit, die ich euch darbiete, ist unermesslich herrlicher als jedes Himmelreich, das auf der Erde je ertr&#228;umt wurde.

Was ist mit der Seele? Leugnest du die Existenz der unsterblichen Seele?

Wyman, bitte!, rief Hazelius dazwischen. Sie verschwenden kostbare Zeit mit diesen l&#228;cherlichen theologischen Fragen!

Entschuldigung, aber ich halte diese Fragen f&#252;r sehr wichtig, sagte Kate. Das sind die Fragen, die die Leute uns stellen werden  und dann sollten wir lieber eine Antwort darauf haben. Wir? Ford fragte sich, wen Kate damit meinte.

Information geht nie verloren. Mit dem Tod des K&#246;rpers ver&#228;ndert die Information, die durch dieses Leben erschaffen wurde, ihre Form und Struktur, doch sie geht nie verloren. Der Tod ist ein Informations&#252;bergang. F&#252;rchtet ihn nicht.

Verlieren wir durch den Tod unsere Individualit&#228;t?, fragte Ford.

Ihr braucht diesen Verlust nicht zu betrauern. Von diesem starken Gef&#252;hl der Individualit&#228;t, das f&#252;r die Evolution so notwendig ist, r&#252;hren viele Dinge her, denen die menschliche Existenz nicht entkommen kann, Gutes und Schlechtes: Angst, Schmerz, Leid und Einsamkeit ebenso wie Liebe, Gl&#252;ck und Mitgef&#252;hl. Deshalb m&#252;sst ihr eure biochemische Existenz &#252;berwinden. Wenn ihr euch von der Tyrannei des Fleisches befreit, werdet ihr das Gute  Liebe, Gl&#252;ck, Mitgef&#252;hl und Selbstlosigkeit  mit euch nehmen. Das Schlechte werdet ihr zur&#252;cklassen.

Ich finde es nicht sonderlich erhebend, dass die kleinen Quantenfluktuationen, die meine Existenz hervorgebracht hat, uns irgendeine Form von Unsterblichkeit verleihen sollen, bemerkte Ford sarkastisch.

Ihr solltet gerade in dieser Sicht der Dinge gro&#223;en Trost finden. Information kann in diesem Universum nicht vergehen. Nicht ein einziger Schritt, nicht eine einzige Erinnerung, nicht ein einziger Kummer eures Lebens wird je vergessen. Ihr als Individuum geht im Sturm der Zeit verloren, eure Molek&#252;le werden darin zerstreut. Doch wer ihr wart, was ihr getan habt, wie ihr gelebt habt, das wird f&#252;r immer in die universelle Rechnung eingebettet bleiben.

Nimm es mir nicht &#252;bel, aber das klingt immer noch so mechanistisch, so seelenlos, dieses Gerede &#252;ber die Existenz als Rechnen.

Dann nennt es Tr&#228;umen, wenn euch das lieber ist, oder Begehren, Wollen, Denken. Alles, was ihr seht, ist Teil einer unvorstellbar gro&#223;en und sch&#246;nen Berechnung, von einem Baby, das sein erstes Wort ausspricht, bis hin zu einem Stern, der zu einem Schwarzen Loch kollabiert. Unser Universum ist eine prachtvolle Rechenoperation, die seit ihrem Anfang mit einem einzigen Axiom gr&#246;&#223;ter Einfachheit nun schon seit &#252;ber dreizehn Milliarden Jahren l&#228;uft. Wir haben unser Abenteuer noch kaum begonnen! Wenn ihr eine M&#246;glichkeit findet, eure eigenen, vom Fleisch beschr&#228;nkten Denkprozesse auf andere nat&#252;rliche Quantensysteme anzuheben, werdet ihr beginnen, die Berechnung selbst zu kontrollieren. Ihr werdet beginnen, ihre Sch&#246;nheit und Vollkommenheit zu begreifen.

Wenn alles eine Rechenoperation ist, was ist dann der Sinn der Intelligenz? Des Verstandes?

Intelligenz existiert &#252;berall um euch herum, selbst in nichtlebenden Prozessen. Ein Gewitter ist eine wesentlich anspruchsvollere, komplexere Operation als ein menschlicher Verstand. Es ist auf seine eigene Art selbst intelligent.

Ein Gewitter hat kein Bewusstsein. Ein menschlicher Geist ist sich seiner selbst gewahr. Er ist bewusst. Das ist ein Unterschied, und der ist keineswegs trivial.

Habe ich euch nicht gesagt, dass gerade dieses Bewusstsein des Selbst eine Illusion ist, hervorgebracht von der Evolution? Der Unterschied ist nicht einmal gro&#223; genug, um als trivial bezeichnet zu werden.

Eine Schlechtwetterfront ist nicht kreativ. Sie f&#228;llt keine Entscheidungen. Sie kann nicht denken. Sie ist nur ein mechanistisches Zusammenspiel verschiedener Kr&#228;fte.

Woher wollt ihr wissen, dass ihr nicht auch ein mechanistisches Zusammenspiel von Kr&#228;ften seid? Wie der Verstand, so hat auch eine Gewitterfront komplexe chemische, elektrische und mechanische Eigenschaften. Sie denkt. Sie ist kreativ. Ihre Gedanken unterscheiden sich von euren Gedanken. Ein menschliches Wesen erschafft Komplexit&#228;t, indem es einen Roman auf die Oberfl&#228;che von papiernen Bl&#228;ttern schreibt; ein Gewittersturm erschafft Komplexit&#228;t, indem er Wellen auf die Oberfl&#228;che eines Ozeans schreibt. Was ist der Unterschied zwischen der Information, die in den Worten eines Romans enthalten ist, und jener auf den Wogen des Meeres? H&#246;rt zu, und die Wellen werden sprechen, und eines Tages, das sage ich euch, werdet auch ihr eure Gedanken auf die Oberfl&#228;che des Meeres schreiben.

Was berechnet das Universum denn?, fragte Innes ungeduldig. Was ist das f&#252;r ein gro&#223;es Problem, das es zu l&#246;sen versucht?

Das ist das tiefste und wunderbarste aller Mysterien.

Am Zaun wurde Alarm ausgel&#246;st, sagte Wardlaw. Wir haben Besuch.

Hazelius drehte sich um. Sagen Sie blo&#223;, dieser Priester ist wieder da.

Nein, nein  Du lieber Himmel. Dr. Hazelius, das sollten Sie sich lieber mal ansehen.

Ford und die &#220;brigen folgten Hazelius zum Arbeitsbereich des Sicherheitschefs. &#220;ber Wardlaws Schultern hinweg sp&#228;hten sie nach den Monitoren an der Wand.

Was zum Teufel ?, entfuhr es Hazelius.

Wardlaw dr&#252;ckte auf ein paar Kn&#246;pfe. Ich h&#228;tte nicht so sehr darauf achten sollen, was dieses verr&#252;ckte Ding auf dem Bildschirm sagt. Schauen Sie, ich spule die Aufzeichnung dieser Kamera hier zur&#252;ck. Da f&#228;ngt es an. Ein Hubschrauber  ein Milit&#228;rhubschrauber, ein Black Hawk UH-sechzig A, der auf unserem Flugfeld landet.

Alle standen da und sahen fassungslos zu. Ford konnte einen ganzen Trupp M&#228;nner in Kampfanz&#252;gen sehen, die schwerbewaffnet aus dem Hubschrauber hervorquollen.

Sie brechen die Hangars auf, kommentierte Wardlaw das Bild, und nehmen sich unsere Humvees. Sie beladen sie  Jetzt durchbrechen sie die Tore zur Sicherheitszone  Das hat den Alarm ausgel&#246;st. Okay, jetzt sind wir wieder live.

Ford sah zu, wie die Soldaten, oder was immer das f&#252;r Leute sein mochten, aus den Humvees sprangen und mit bereitgehaltenen Waffen ausschw&#228;rmten.

Was ist da los? Was zum Teufel tun die hier?, rief Hazelius erschrocken.

Sie gehen f&#252;r einen Angriff in Stellung, sagte Wardlaw.

Angriff? Worauf denn?

Auf uns.


55


Russ Eddy hockte geduckt hinter einem Wacholderbusch und sp&#228;hte hin&#252;ber in den eingez&#228;unten Sicherheitsbereich. Die M&#228;nner in Schwarz hatten den Zaun durchbrochen und waren eifrig dabei, Scheinwerfer aufzubauen und Ausr&#252;stung aus zwei Milit&#228;rjeeps zu laden. Er zweifelte nicht daran, dass diese M&#228;nner hierhergeschickt worden waren, um das Isabella-Projekt zu sch&#252;tzen  das war eine Reaktion auf seinen Brief. Der enge zeitliche Zusammenhang konnte kein Zufall sein. Paramilit&#228;rische Kr&#228;fte der neuen Weltordnung, die in schwarzen Hubschraubern gekommen waren, genau wie Mark Koernke es prophezeit hatte.

Eddy wusste nun, dass sein Brief auch die M&#228;chtigen erreicht hatte.

Er achtete genau darauf, wie viele es waren und was sie an Waffen und Ausr&#252;stung bei sich trugen, und kritzelte alles in sein Notizbuch.

Die Soldaten hatten einen Halbkreis aus mobilen Scheinwerfern aufgebaut und verbunden, die nun den gesamten Bereich in glei&#223;end wei&#223;es Licht tauchten. Eddy kroch tiefer in den Schatten und zog sich bis zur Stra&#223;e zur&#252;ck. Er hatte genug gesehen. Bald w&#252;rden die ersten Streiter f&#252;r die Armee Gottes eintreffen  er musste alles organisieren.

W&#228;hrend er zur&#252;ck zum Rand der Mesa lief, wo der Dugway oben herauskam, nahm in seinen Gedanken ein Plan Gestalt an. Zuerst brauchte er einen Platz, an dem sie parken und sich sammeln konnten und der so weit von Isabella entfernt lag, dass sie nicht gesehen wurden. Sie mussten sich in Gruppen einteilen, sich gut absprechen und dann angreifen. Und da, direkt am oberen Ende des Dugway, etwa viereinhalb Kilometer von Isabella entfernt, lag ein weites, offenes Feld aus kahlem Fels, der ideale Platz daf&#252;r.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr: Viertel vor zw&#246;lf. Zwei Stunden waren vergangen, seit er die E-Mail rausgeschickt hatte. Jeden Moment w&#252;rden die Ersten eintreffen. Er joggte mitten auf der Stra&#223;e entlang, um die Fahrzeuge abzufangen.

Knapp einen Kilometer vom Anfang des Dugway entfernt h&#246;rte er das Grollen eines Motorrads. Ein einzelner Lichtpunkt erschien auf der Mesa und bewegte sich rasch auf ihn zu. Das Licht n&#228;herte sich langsamer, als der Strahl auf Eddy fiel, und ein Gel&#228;ndemotorrad hielt vor ihm an. Im Sattel sa&#223; ein muskul&#246;ser Mann mit langem, blondem Haar, zu einem Pferdeschwanz zur&#252;ckgebunden; er trug eine Jeansjacke mit abgerissenen &#196;rmeln und kein Hemd darunter. Sein Gesicht war markant wie das eines Filmstars, zerfurcht und dennoch von beinahe g&#246;ttlicher Ausstrahlung. Ein schweres, metallenes Kreuz an einer Silberkette ruhte auf seiner haarigen Brust.

Als das Motorrad stehenblieb, streckte er die gestiefelten Beine aus, brachte die Maschine ins Gleichgewicht und grinste. Pastor Eddy?

Mit h&#228;mmerndem Herzen trat Eddy vor. Ich gr&#252;&#223;e dich im Namen Jesu Christi.

Der Mann klappte den Seitenst&#228;nder herunter, stieg ab  er war riesengro&#223;  und ging mit ausgebreiteten Armen auf Eddy zu. Dann dr&#252;ckte er Eddy in einer staubigen, nach Schwei&#223; stinkenden Umarmung an sich, trat zur&#252;ck und packte ihn freundschaftlich an beiden Schultern. Randy Doke. Erneut zog er Eddy an sich. O Mann, bin ich wirklich der Erste?

Das sind Sie.

Nicht zu glauben, dass ich es geschafft habe. Als ich Ihren Brief gelesen hatte, bin ich sofort auf meine Kawasaki gesprungen und von Holbrook hierhergefahren. Querfeldein, durch die W&#252;ste, ich habe Z&#228;une eingerissen und bin gefahren wie der Teufel. W&#228;re ja schon eher hier gewesen, aber in der N&#228;he der Second Mesa hats mich hingelegt. Ich kanns gar nicht glauben, dass ich da bin. O Mann, nicht zu fassen.

Eddy sp&#252;rte, wie Selbstvertrauen in ihm aufwallte und neue Energie.

Der Mann blickte sich um. Also  was jetzt?

Wir wollen beten. Er ergriff Dokes rauhe H&#228;nde, und sie neigten die K&#246;pfe. Allm&#228;chtiger Gott, m&#246;gen Deine Engel uns umgeben, Fl&#252;gelspitze an Fl&#252;gelspitze, mit blanken Schwertern, um uns zu sch&#252;tzen und uns, Deine Diener, zum Sieg zu f&#252;hren gegen den Antichristen. Im Namen Jesu Christi unseres Herrn. Amen.

Amen, Bruder.

Der Mann hatte eine tiefe, vollt&#246;nende Stimme, die Eddy beruhigend und sehr anziehend fand. Das war ein Mann, der in jeder beliebigen Situation wusste, was zu tun war.

Doke kehrte zu seinem Motorrad zur&#252;ck, holte ein Gewehr aus einem Lederfutteral, das am Sitz befestigt war, und schulterte die Waffe. Dann zog er einen vollen Patroneng&#252;rtel aus der Satteltasche und h&#228;ngte ihn &#252;ber die andere Schulter, so dass er aussah wie ein altmodischer Guerillakrieger. Er warf Eddy ein breites Grinsen zu und salutierte. Bruder Randy meldet sich zum Dienst in der Armee Gottes!

Weitere Scheinwerfer n&#228;herten sich  langsam, unsicher. Ein staubiger Jeep mit offenem Verdeck hielt neben ihnen. Ein Mann und eine Frau Mitte drei&#223;ig stiegen aus. Eddy breitete die Arme aus und zog sie an sich, erst den Mann, dann die Frau. Die beiden begannen zu weinen, und ihre Tr&#228;nen hinterlie&#223;en sichtbare Spuren auf den staubigen Gesichtern.

Seid gegr&#252;&#223;t im Namen Christi.

Der Mann trug einen v&#246;llig mit Staub bedeckten Anzug und hielt eine Bibel in der Hand. In seinem G&#252;rtel steckte ein K&#252;chenmesser. Die Frau hatte kleine Papierstreifen an ihre Bluse geheftet, die bei jeder Bewegung flatterten. Eddy sah, dass es sich um Bibelverse und fromme Spr&#252;che handelte. Folgen und traun  Gehet hin in alle Welt  Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende  Die h&#228;ngen sonst zu Hause am K&#252;hlschrank, sagte sie. Dann griff sie in den Jeep und holte einen Baseball-Schl&#228;ger heraus.

Wir haben gebetet und gebetet, aber wir konnten uns nicht entscheiden, sagte der Mann. Wollte Gott, dass wir Sein Wort im Kampf f&#252;hren, oder wollte Er, dass wir richtige Waffen benutzen?

Sie standen vor Eddy und erwarteten seine Befehle.

Da gibt es keinen Zweifel, sagte Eddy. Das wird eine Schlacht. Eine echte Schlacht.

Dann bin ich ja froh, dass wir die hier mitgebracht haben.

Eine Menge Leute werden diese Stra&#223;e entlangkommen, fuhr Eddy fort. Vermutlich Tausende. Wir brauchen einen Platz, wo wir alle versammeln und uns vorbereiten k&#246;nnen. Einen Sammelplatz. Der ist da dr&#252;ben, rechts von der Stra&#223;e. Er deutete auf die gro&#223;e Fl&#228;che aus Fels und Sand; bleich schimmerte sie im Licht des krummen Mondes, der eben &#252;ber dem Rand der Mesa aufgegangen war. Randy, Gott hat Sie nicht ohne Grund als Ersten zu mir gef&#252;hrt. Sie sind meine rechte Hand. Mein General. Sie und ich werden alle dort dr&#252;ben versammeln und unsere  unsere Attacke planen. Es fiel ihm schwer, das Wort auszusprechen, nun, da es tats&#228;chlich so weit war.

Randy nickte scharf und sagte kein Wort. Eddy bemerkte, dass auch er feuchte Augen hatte. Er war zutiefst ger&#252;hrt.

Sie beide m&#252;ssen mit Ihrem Jeep die Stra&#223;e blockieren, damit niemand n&#228;her an Isabella heranf&#228;hrt. Wir m&#252;ssen sie &#252;berraschen. Schicken Sie alle von der Stra&#223;e runter, sie sollen auf dem offenen Bereich da dr&#252;ben parken. Randy und ich gehen auf diesen H&#252;gel. Wir warten. Wir sto&#223;en nicht zu Isabella vor, ehe wir genug Leute beisammenhaben.

Weitere Scheinwerfer erschienen am Ende des Dugway.

Isabella liegt knapp f&#252;nf Kilometer diese Stra&#223;e runter. Wir m&#252;ssen uns still verhalten, bis wir zum Angriff bereit sind. Sorgen Sie daf&#252;r, dass niemand vorprescht oder wilde Aktionen startet. Der Antichrist soll nicht ahnen, dass wir kommen, bis wir zahlenm&#228;&#223;ig weit &#252;berlegen sind.

Amen, sagten die beiden.

Eddy l&#228;chelte. Amen.


56


Um zwei Uhr morgens sa&#223; Reverend Don T. Spates am Schreibtisch in seinem B&#252;ro hinter der Silver Cathedral. Mehrere Stunden zuvor hatte er Charles und seine Sekret&#228;rin zu Hause angerufen und sie gebeten, ins B&#252;ro zu kommen, weil er der vielen Anrufe und E-Mails nicht mehr Herr wurde. Vor ihm lag der Stapel E-Mails, die Charles als wichtig ausgew&#228;hlt hatte, bevor der Mail-Server zusammengebrochen war. Daneben ein Haufen Telefonnotizen. Im Vorzimmer konnte er das Telefon unabl&#228;ssig klingeln h&#246;ren.

Spates versuchte, das gewaltige Ereignis zu begreifen, das sich gerade abspielte.

Ein sachtes Klopfen an der T&#252;r, und seine Sekret&#228;rin trat mit frischem Kaffee ein. Sie stellte ihn auf den Tisch, daneben ein Porzellantellerchen mit einem Macadamiakeks.

Ich will keinen Keks.

Ja, Reverend.

Und gehen Sie nicht mehr ans Telefon. St&#246;pseln Sie es einfach aus.

Ja, Reverend. Teller und Keks verschwanden mit der Sekret&#228;rin. Gereizt beobachtete er, wie sie abzog; ihr Haar war nicht so aufgebauscht und gl&#228;nzend wie sonst, ihr Kleid war zerknittert, und ohne Make-up sah man allzu deutlich, wie unscheinbar sie wirklich war. Sie war wohl schon im Bett gewesen, als er sie angerufen hatte, aber sie h&#228;tte sich wirklich mehr M&#252;he geben sollen.

Als die T&#252;r sich hinter ihr geschlossen hatte, fischte er eine Flasche Wodka aus einer stets verschlossenen Schublade und kippte etwas davon in den Kaffee. Dann wandte er sich wieder seinem Computer zu. Seine Website war unter der Last der Zugriffe ebenfalls zusammengebrochen, und nun schien das ganze World Wide Web immer tr&#228;ger zu werden. M&#252;hevoll und qu&#228;lend langsam klickte er sich durch die vertrauten christlichen Websites. Einige der gro&#223;en, wie raptureready.com, waren ebenfalls zusammengebrochen. Andere bauten sich extrem langsam auf, z&#228;h wie Sirup in Alaska. Der Aufruhr, den Eddys Brief verursacht hatte, war erstaunlich. Die wenigen christlichen Chatrooms, die noch funktionierten, quollen &#252;ber vor hysterischen Usern. Viele verabschiedeten sich mit der Erkl&#228;rung, sie wollten jetzt los und dem Aufruf folgen.

Spates schwitzte heftig, obwohl es im B&#252;ro recht k&#252;hl war, und sein Kragen juckte. Eddys Brief, den er inzwischen wohl zwanzig Mal gelesen hatte, &#228;ngstigte ihn. Der Brief war ein Aufruf zu einem gewaltt&#228;tigen Angriff gegen eine Einrichtung der amerikanischen Regierung, und Eddy hatte Spates in seinem Brief namentlich genannt. Selbstverst&#228;ndlich w&#252;rde man ihm die Schuld daf&#252;r geben. Andererseits, redete Spates sich ein, k&#246;nnte sich diese unglaubliche Zurschaustellung christlicher Macht, christlicher Emp&#246;rung, letztendlich als gut erweisen. Schon viel zu lange wurden Christen in ihrem eigenen Land diskriminiert, ignoriert, bel&#228;chelt, verspottet. Ob er sich als richtig erwies oder nicht, dieser Aufruhr w&#252;rde Amerika wachr&#252;tteln. Die Politiker und die Regierung w&#252;rden endlich die Macht und den Einfluss der christlichen Mehrheit erkennen. Und er, Spates, hatte diese Revolution in Gang gesetzt. Robertson, Falwell, Swaggart  obwohl sie seit vielen Jahren predigten, obwohl sie so reich und m&#228;chtig waren, hatte keiner von ihnen so etwas zustande gebracht.

Spates surfte weiter durchs Internet und suchte nach mehr Information, doch er fand nichts als Aufstand, Emp&#246;rung und Hysterie. Und Tausende Kopien des Briefs.

W&#228;hrend er zum x-ten Male den Brief &#252;berflog, kam ihm ein neuer, verst&#246;render Gedanke.

Was, wenn Eddy recht hat?

Pl&#246;tzlich lief ihm ein Schauer &#252;ber den R&#252;cken. Er war noch nicht bereit, sich aus diesem Leben zu verabschieden. Er konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass es mit all seinem Geld, seinem Einfluss, seiner Kathedrale, seiner Tele-Gemeinde nun vorbei sein sollte  dass bald alles vorbei sein sollte, noch ehe es richtig begonnen hatte.

Und gleich darauf folgte ein noch beunruhigenderer Gedanke: Wie w&#252;rde er selbst an jenem gro&#223;en Tag der Herrlichkeit Gottes beurteilt werden? War er wahrhaftig mit Gott im Reinen? Spates s&#228;mtliche S&#252;nden traten ihm vor Augen, um ihn zu qu&#228;len. Die L&#252;gen, die Genusssucht, der Betrug, die Frauen und die protzigen Geschenke, die er ihnen vom gespendeten Geld der Gl&#228;ubigen gekauft hatte. Doch das Schrecklichste war die Erinnerung daran, dass er sich mehr als einmal dabei ertappt hatte, wie er auf der Stra&#223;e l&#252;stern kleinen Jungen nachgestarrt hatte: All diese S&#252;nden  die gro&#223;en wie die kleinen  quollen aus den finsteren Ecken seines Geistes hervor und verlangten, betrachtet und neu bedacht zu werden.

Angst, Schuldgef&#252;hle und Verzweiflung &#252;berkamen ihn. Gott sah alles. Alles. Bitte, Herr, bitte vergib mir. Ich bin Dein unw&#252;rdiger Diener, betete er immer wieder, bis es ihm mit einer gewaltigen geistigen Anstrengung gelang, die S&#252;nden wieder in irgendein dunkles Loch in seinem Verstand zu verbannen. Gott hatte ihm bereits vergeben  worum sich also Sorgen machen?

Und au&#223;erdem konnte dies gar nicht die Wiederkunft Christi sein. Was zum Teufel dachte er da &#252;berhaupt? Eddy war verr&#252;ckt. Nat&#252;rlich, v&#246;llig durchgedreht. Spates hatte das von dem Moment an gewusst, als er diese schrille, kr&#228;chzende Stimme am Telefon zum ersten Mal geh&#246;rt hatte. Jeder, der bereit war, mit einer Rotte Indianer mitten in der W&#252;ste zu leben, Hunderte Kilometer von einem anst&#228;ndigen Restaurant entfernt, war per definitionem verr&#252;ckt.

Er las den Brief dieses Irren noch einmal, suchte nach Anzeichen des Wahnsinns, und eine neue Woge des Grauens erfasste ihn. Der Brief klang v&#246;llig vern&#252;nftig. Er war machtvoll. Und das war nicht das Geschreibsel eines Irren. Und diese Sache, dass ARIZONA und ISABELLA jeweils 666 ergaben, beunruhigte ihn am meisten.

Gott, er schwitzte wie ein Schwein.

Er &#246;ffnete die Glast&#252;r der B&#252;chervitrine aus edlem Kirschholz, holte ein dickes Buch heraus und bl&#228;tterte sich durch die Gematrie-Tabellen. Er schlug die hebr&#228;ischen Buchstaben nach und notierte sich die Zahlenwerte auf einem Blatt Papier. Dabei fiel ihm auf, dass Eddy ein paar Buchstaben falsch transkribiert und andere mit falschen Zahlenwerten belegt hatte.

Er ordnete die korrekten Zahlen zu und addierte sie mit zitternder Hand. Keines der beiden Worte ergab 666.

Er lehnte sich zur&#252;ck, keuchend vor Erleichterung. Die ganze Sache war eine Farce, genau wie er vermutet hatte. Er f&#252;hlte sich, als sei ein Engel herabgesto&#223;en, um ihn aus dem Feuersee zu retten. Mit fahrigen Bewegungen zerrte er ein Leinentaschentuch aus seiner Tasche und wischte sich den Schwei&#223; von Stirn und Schl&#228;fen.

Doch die Furcht kehrte zur&#252;ck. Gott mochte ihn verschont haben. Aber w&#252;rden die Medien das auch tun? Die Regierung? Konnte man ihn wom&#246;glich vor Gericht stellen, weil er zu Gewalttaten aufgerufen hatte? Oder ihm gar noch Schlimmeres vorwerfen? Er sollte wohl besser seinen Anwalt aus dem Bett zerren, solange er noch nicht behelligt wurde. Er musste eine M&#246;glichkeit finden, Crawley die Schuld in die Schuhe zu schieben. Schlie&#223;lich war es Crawley gewesen, der den Ansto&#223; zu alldem gegeben hatte.

Er zerrte an seinem Kragen, um ein wenig Luft an seinen erhitzten, klebrigen Hals zu lassen. Es war ein dummer Fehler gewesen, diesen Spinner Pastor Eddy mit ins Boot zu holen. Der Kerl war unberechenbar, unkontrollierbar. Dumm, dumm, dumm.

Er dr&#252;ckte auf den Knopf an der Sprechanlage. Charles, ich brauche Sie.

Der sonst so flinke junge Mann erschien nicht.

Charles? Ich brauche Sie hier.

Stattdessen &#246;ffnete seine Sekret&#228;rin die T&#252;r. Sie wirkte so ersch&#246;pft, wie er sie noch nie gesehen hatte.

Charles ist gegangen, sagte sie tonlos.

Das habe ich ihm aber nicht erlaubt.

Er will zu Isabella.

Spates starrte von seinem Sessel aus zu ihr auf. Er konnte es nicht glauben. Charles?

Er ist vor zehn Minuten weg. Er sagte, Gott habe ihn gerufen. Dann ist er gegangen.

Das darf doch wohl nicht wahr sein! Spates schlug mit der Hand auf den Tisch. Dann bemerkte er, dass sie ihren Mantel trug und ihre Tasche in der Hand hielt. Jetzt sagen Sie blo&#223;, Sie wollen diesem Trottel nachrennen!

Nein, sagte sie. Ich gehe nach Hause.

Bedaure, aber das wird nicht m&#246;glich sein. Ich brauche Sie hier die ganze Nacht. Rufen Sie Ralph Dobson an, meinen Anwalt. Sagen Sie ihm, er soll sofort herkommen. Ich habe hier ein kleines Problem, falls Sie das noch nicht bemerkt haben sollten.

Nein.

Nein? Nein was? Was soll das hei&#223;en?

Das hei&#223;t, dass ich nicht mehr f&#252;r Sie arbeiten m&#246;chte, Mr. Spates.

Was reden Sie denn da?

Sie umklammerte mit beiden H&#228;nden ihre Handtasche und hielt sie vor ihren Bauch, als wolle sie sich damit sch&#252;tzen. Weil Sie ein abscheulicher Mensch sind. Steif machte sie kehrt und ging hinaus.

Spates h&#246;rte das leise Klicken einer T&#252;r, die vorsichtig geschlossen wurde  dann Stille.

Er sa&#223; allein hinter seinem Schreibtisch, schwei&#223;nass  und v&#246;llig ver&#228;ngstigt.


57


Das Wort Angriff hing schwer in der Luft. Die anderen dr&#228;ngten heran und starrten ebenfalls auf den Hauptmonitor des &#220;berwachungssystems. Sie sahen Live-Bilder von einer Kamera, die auf dem Dach des Fahrstuhls befestigt war und aus gro&#223;er H&#246;he alles zeigte, was sich drau&#223;en abspielte. Am Rand der Klippen oberhalb von Isabella erkannte Ford eine Gruppe schwarz gekleideter M&#228;nner, die Seile bereitmachten und Ausr&#252;stung und Waffen aufstapelten. Offensichtlich hatten sie vor, sich abzuseilen. Kate trat neben ihn und nahm wieder seine Hand. Ihre Handfl&#228;che war schwei&#223;feucht und zitterte.

George Innes brach das entsetzte Schweigen. Angriff? Warum denn, um Himmels willen?

Sie konnten keinen Kontakt zu uns herstellen, erkl&#228;rte Wardlaw. Und das ist ihre Reaktion darauf.

Das ist eine absurde &#220;berreaktion!

Wardlaw wandte sich zu Dolby um. Ken, wir m&#252;ssen so-fort die Kommunikationskan&#228;le wiederherstellen und diesen Irrsinn abblasen.

Das kann ich nicht, ohne Isabella abzuschalten. Wie ihr sehr wohl wisst, ist Isabella nach au&#223;en hin komplett abgeschottet. Die Programmierung l&#228;sst einfach nicht zu, dass wir die Kommunikationssysteme einschalten, solange Isabella l&#228;uft.

Starten Sie den Hauptcomputer neu, und verlagern Sie die Kontrolle auf die anderen Server.

Es w&#252;rde mindestens eine Stunde dauern, den Mainframe hochzufahren und neu zu konfigurieren.

Wardlaw fluchte. Also sch&#246;n, dann gehe ich nach oben und erkl&#228;re denen pers&#246;nlich die Situation. Er wandte sich zur T&#252;r.

Sie werden nichts dergleichen tun, sagte Hazelius.

Wardlaw starrte ihn an. Sir, ich verstehe nicht 

Hazelius zeigte stumm von Wardlaws Arbeitsbereich hin&#252;ber zum gr&#246;&#223;ten Bildschirm im Raum. Eine neue Botschaft war dort erschienen.

Wir haben sehr wenig Zeit. Was ich euch zu sagen habe, ist von &#228;u&#223;erster Wichtigkeit.

Wardlaw sah Hazelius beinahe panisch an. Sein Blick huschte zu den Sicherheitsmonitoren und zur&#252;ck. Wir k&#246;nnen sie nicht einfach aussperren, Sir. Ich muss die Sicherheitst&#252;r &#246;ffnen.

Tony, sagte Hazelius mit leiser, dr&#228;ngender Stimme. Denken Sie mal einen Moment daran, was hier drinnen vor sich geht. Wenn Sie diese T&#252;r &#246;ffnen, ist unser Gespr&#228;ch mit  Gott, oder was immer das ist, unweigerlich zu Ende.

Wardlaws Adamsapfel h&#252;pfte, als er schluckte. Gott?

So ist es, Tony. Gott. Es ist durchaus m&#246;glich, dass wir Kontakt zu Gott hergestellt haben. Nur ist das ein Gott, der sehr viel gr&#246;&#223;er und unbegreiflicher ist als alles, was die Menschheit sich je ausgedacht hat.

Niemand sprach ein Wort.

Hazelius fuhr fort, leise und eindringlich. Tony, wir k&#246;nnen uns ein wenig Zeit erkaufen, und sie wird uns nicht allzu viel kosten. Wir erz&#228;hlen ihnen, die T&#252;r sei kaputt, die Kommunikationssysteme vor&#252;bergehend zusammengebrochen, der Computer abgest&#252;rzt. Wir m&#252;ssen es nur geschickt anstellen. Wir k&#246;nnen die T&#252;ren geschlossen halten und dennoch ohne allzu schwerwiegende Anklage davonkommen.

Sie haben sicher Sprengstoff dabei. Sie werden die T&#252;r sprengen, sagte Wardlaw mit gepresster, hoher Stimme.

Sollen sie doch, erwiderte Hazelius. Sanft legte er eine Hand auf Wardlaws Schulter und sch&#252;ttelte sie freundschaftlich, als wolle er den Mann aufwecken. Tony, Tony. Wir sprechen vielleicht gerade mit Gott. Verstehen Sie denn nicht?

Wardlaw sagte leise: Ich verstehe.

Sie werden eine Weile brauchen, um durch die Titant&#252;r zu gelangen. Hazelius blickte sich um. Sind wir uns in dieser Sache einig? Sein Blick schweifte durch den Raum und blieb an Ford h&#228;ngen. Er musste die Skepsis in Fords Augen bemerkt haben. Wyman?

Ford sagte: Ich bin nur erstaunt, dass Sie es f&#252;r m&#246;glich halten  dass wir tats&#228;chlich mit Gott sprechen k&#246;nnten.

Wenn das nicht Gott ist, wer ist es dann?, fragte Hazelius.

Ford warf den anderen einen Blick zu. Er fragte sich, wer au&#223;er ihm noch erkannte, dass Hazelius allm&#228;hlich den Verstand verlor. Genau das, was Sie die ganze Zeit &#252;ber vermutet haben. Ein Betrug. Sabotage.

Pl&#246;tzlich meldete sich Melissa Corcoran zu Wort. Wenn du das immer noch glaubst, Wyman, dann tust du mir leid.

Ford wandte sich erstaunt zu ihr um. Ihr Gesicht trug einen Ausdruck, den er bei ihr noch nie gesehen hatte und der ihn sofort innehalten lie&#223;. Verschwunden war die unsichere junge Frau, die st&#228;ndig nach Zuwendung und Best&#228;tigung suchte. Sie strahlte vor gelassener Sch&#246;nheit, Selbstsicherheit blitzte aus ihren Augen.

Du glaubst, das sei Gott?, fragte Ford fassungslos.

Ich verstehe nicht, warum dich das so &#252;berrascht, sagte sie. Glaubst du denn nicht an Gott?

Schon, aber nicht an diesen Gott!

Woher willst du wissen, dass er das nicht ist?

Ford wusste nicht weiter. Kommt schon, Leute! Gott w&#252;rde nie auf diesem verr&#252;ckten Weg Kontakt zu uns aufnehmen.

Du glaubst, es w&#228;re weniger verr&#252;ckt von ihm, eine Jungfrau zu schw&#228;ngern, die dann einen Sohn geb&#228;rt, der die Botschaft auf die Erde bringen soll?

Ford wollte seinen Ohren nicht trauen. Ich sage euch, das ist nicht Gott.

Corcoran sch&#252;ttelte den Kopf. Wyman, ist dir denn nicht klar, was hier passiert ist? Kapierst du das nicht? Wir haben die gr&#246;&#223;te wissenschaftliche Entdeckung aller Zeiten gemacht: Wir haben Gott entdeckt.

Ford sah die anderen der Reihe nach an. Sein Blick traf schlie&#223;lich Kates; sie stand neben ihm. Sie sahen einander tief in die Augen. Er konnte kaum glauben, was er da sah: Ihre Augen waren feucht vor R&#252;hrung. Sie dr&#252;ckte seine Hand, lie&#223; sie dann los und l&#228;chelte. Es tut mir leid, Wyman. Du wei&#223;t, dass Melissa und ich nicht die besten Freundinnen sind. Aber jetzt  na ja. Sie streckte den Arm aus und ergriff Corcorans Hand. Ich stimme ihr zu.

Ford starrte die beiden Gegnerinnen an, die pl&#246;tzlich Verb&#252;ndete waren. Wie kann ein rationaler Mensch auch nur einen Moment lang glauben, dass dieses  Ding  er deutete auf den Bildschirm  Gott sei?

Was mich &#252;berrascht, sagte Kate gefasst, ist, dass du es nicht erkennst. Sieh dir die Beweise an. Das Raum-Zeit-Loch. Es ist wirklich. Ich habe alles durchgerechnet. Das ist ein Wurmloch oder eine Flux-Tube in ein Paralleluniversum  ein Universum, das direkt neben unserem existiert, unglaublich nahe, so dass sich die beiden beinahe, aber nicht ganz ber&#252;hren. Diese beiden Universen sind wie zwei Blatt Papier, die zusammengekn&#252;llt wurden. Wir haben nichts weiter getan, als ein Loch in unser Blatt Papier zu stechen, und dadurch ein winziges St&#252;ck des anderen Blattes freigelegt. Und in diesem Paralleluniversum  wohnt Gott.

Kate, das kann nicht dein Ernst sein.

Wyman, vergiss alles andere, und achte nur auf die Worte. Nur die Worte. Ich erlebe es heute zum ersten Mal, dass die einfache Wahrheit tats&#228;chlich ausgesprochen wird. Es ist wie Glockenl&#228;uten nach jahrelanger Stille. Was dieses  was Gott da sagt, ist einfach so unglaublich wahr.

Ford blickte sich in dem kreisrunden Raum um und blieb bei Edelstein h&#228;ngen. Edelstein, der ultimative Skeptiker. Die dunklen Augen des Mannes erwiderten den Blick triumphierend.

Alan, bitte hilf mir.

Ich habe wirklich nie nach Gott gesucht, sagte Edelstein. Ich war mein ganzes Leben lang &#252;berzeugter Atheist. Ich brauche Gott nicht  ich habe ihn noch nie gebraucht und werde ihn auch nie brauchen.

Wenigstens einer, der auf meiner Seite steht, bemerkte Ford erleichtert.

Edelstein l&#228;chelte. Was meiner Bekehrung umso mehr Gewicht verleiht.

Deiner Bekehrung?

Ganz recht.

Du  glaubst daran?

Nat&#252;rlich. Ich bin Mathematiker. Ich lebe und sterbe f&#252;r die Logik. Und die Logik sagt mir, dass dieses Ding, das mit uns spricht, irgendeine h&#246;here Macht sein muss. Nenn es Gott, nenn es das Primum mobile oder den Gro&#223;en Geist, das ist v&#246;llig egal.

Ich nenne das einen Betrug.

Wo sind deine Beweise f&#252;r eine T&#228;uschung? Kein Programmierer hat je einen Code geschrieben, der den Turing-Test bestehen k&#246;nnte. Auch wurde nie ein Computer gebaut  Isabellas Super-Computergehirn eingeschlossen , der zu wahrer k&#252;nstlicher Intelligenz f&#228;hig w&#228;re. Du kannst nicht erkl&#228;ren, woher es Kates Zahlen oder Gregorys Namen kannte. Vor allem aber erkenne ich, genau wie Kate, die tiefer gehende Wahrheit, die es verk&#252;ndet. Wenn es nicht Gott ist, dann ist es ein h&#246;chst intelligentes Wesen aus diesem oder einem anderen Universum, und daher &#252;bernat&#252;rlich. Ich begreife es so, wie ich es sehe. Die einfachste Erkl&#228;rung ist zu bevorzugen. Ockhams Rasiermesser.

Au&#223;erdem, f&#252;gte Chen hinzu, kam dieser Output direkt aus K-Null. Wie erkl&#228;rst du das?

Ford sah die anderen an, blickte von Dolbys feingemei&#223;eltem schwarzem Gesicht, nass vor Tr&#228;nen, zu dem zitternden Delirium, das sich Julie Thibodeaux zu bem&#228;chtigen schien  Unglaublich, dachte Ford. Sieh dir das an. Sie alle glauben es. Michael Cecchinis sonst so totes Gesicht wirkte pl&#246;tzlich lebhaft, strahlend  Rae Chen  Harlan St. Vincent  George Innes  alle. Sogar Wardlaw, der inmitten dieser undenkbaren Sicherheitskrise seine &#220;berwachungskameras ignorierte und stattdessen voll sklavischer Bewunderung Hazelius anstarrte.

Offensichtlich hatte er die ganze Zeit &#252;ber eine finstere, gef&#228;hrliche Dynamik innerhalb dieser Gruppe &#252;bersehen. Sogar bei Kate  vor allem bei Kate.

Wyman, Wyman, sagte Hazelius bes&#228;nftigend. Sie lassen sich von Ihren Gef&#252;hlen leiten. Wir hingegen denken. Das k&#246;nnen wir nun mal am besten.

Ford trat einen Schritt zur&#252;ck. Hier geht es nicht um Gott. Es geht um irgendeinen Hacker, der euch sagt, was ihr h&#246;ren wollt. Und ihr lasst euch darauf ein.

Wir lassen uns darauf ein, weil es die Wahrheit ist, sagte Hazelius. Das sagt mir meine Intelligenz ebenso wie meine Knochen. Sehen Sie uns an: mich, Alan, Kate, Rae, Ken  uns alle. K&#246;nnen wir uns alle so t&#228;uschen? Wissenschaftliche Skepsis ist uns in Fleisch und Blut &#252;bergegangen. Wir haben sie uns zu eigen gemacht. Niemand kann uns Leichtgl&#228;ubigkeit vorwerfen. Warum glauben Sie, Sie w&#252;ssten mehr als wir?

Darauf hatte Ford keine Antwort.

Hazelius sagte: Wir verlieren kostbare Zeit. Ruhig wand-te er sich dem Bildschirm zu. Bitte, fahre fort. Du hast unsere volle Aufmerksamkeit.

Konnten sie recht haben? Konnte das wirklich Gott sein? Ford wandte sich voll d&#252;sterer Vorahnungen der n&#228;chsten Botschaft auf dem Visualizer zu.


58


Von seinem H&#252;gel am Rand des Sammelplatzes aus, Doke an seiner Seite, beobachtete Eddy den Strom der ankommenden Fahrzeuge. In der vergangenen Stunde waren mehrere hundert &#252;ber den Rand der Mesa gekrochen; sie quollen nur so aus dem Dugway hervor, zuerst Motocross-Maschinen und Gel&#228;ndefahrzeuge, Jeeps, dann Pick-ups, Motorr&#228;der, Minivans und Autos. Die Ank&#246;mmlinge brachten Berichte &#252;ber Behinderungen und Widrigkeiten mit. Die Staatspolizei hatte Stra&#223;ensperren errichtet, auf der I-40, der Route 89 durch Grey Mountain und auf der Route 160 bei Cow Springs, doch die Gl&#228;ubigen hatten ihren Weg &#252;ber die zahllosen unbefestigten Stra&#223;en gefunden, die kreuz und quer durch das Reservat verliefen.

Die Fahrzeuge waren wild durcheinander auf der Fl&#228;che am Ende des Dugway geparkt, doch, so &#252;berlegte Eddy, es war nicht wichtig, wie die Leute parkten. Niemand w&#252;rde wieder nach Hause fahren. Sie w&#252;rden auf anderem Wege heimkommen  auf dem Weg der Entr&#252;ckung.

Manchmal wirkte die heranst&#252;rmende Horde anarchisch: laute Stimmen, heulende Kleinkinder, Betrunkene, sogar Leute, die auf Drogen waren. Doch jene, die fr&#252;h angekommen waren, begr&#252;&#223;ten die Neuen mit Gebeten, Bibelversen und dem Wort Gottes. Mindestens eintausend Gl&#228;ubige dr&#228;ngten sich inzwischen auf dem offenen Feld vor seinem H&#252;gel und warteten auf Anweisungen. Viele trugen Bibeln und Kreuze bei sich. Einige trugen Gewehre. Andere hatten an Waffen mitgebracht, was ihnen in die H&#228;nde gefallen war, von gusseisernen Bratpfannen und K&#252;chenmessern bis hin zu Vorschlagh&#228;mmern, &#196;xten, Macheten und Sensen. Viele Jungen waren mit Steinschleudern, Luftgewehren und Baseballschl&#228;gern bewaffnet. Andere hatten Funkger&#228;te mitgebracht, die Eddy requirierte und an eine kleine Gruppe ausgab, die er als Kommandanten ausgew&#228;hlt hatte; ein Walkie-Talkie behielt er selbst.

Eddy war &#252;berrascht, so viele Kinder zu sehen  sogar M&#252;tter mit S&#228;uglingen. Kinder in der Schlacht von Armageddon? Doch wenn man dar&#252;ber nachdachte, erschien es selbstverst&#228;ndlich. Dies war die Endzeit. Alle w&#252;rden sie gemeinsam in den Himmel entr&#252;ckt werden.

He, sagte Doke und stupste Eddy an. Streifenwagen.

Eddy folgte seinem ausgestreckten Finger. Dort, in der Schlange der Fahrzeuge, die sich den Dugway heraufqu&#228;lten, kroch ein Streifenwagen mit blitzendem Blaulicht zwischen den anderen entlang.

Er wandte sich wieder seinen neuen Sch&#228;fchen zu. Die versammelte Menge wogte, ihre murmelnden Stimmen klangen wie Regen. Taschenlampen blitzten hier und da auf, und er h&#246;rte das Klirren von Metall auf Metall  Waffen wurden bereitgemacht und durchgeladen. Ein Mann bastelte Fackeln aus toten Kiefernzweigen und verteilte sie. Die Disziplin der Leute war unglaublich.

Ich versuche mir zu &#252;berlegen, was ich zu ihnen sagen soll, erkl&#228;rte Eddy.

Man muss sehr vorsichtig sein, wenn man mit Cops redet, stimmte Doke zu.

Ich spreche von meiner Predigt. F&#252;r die Armee Gottes, bevor wir losziehen, sagte Eddy.

Ja, aber was wird mit dem Cop?, fragte Doke. Es ist nur ein Streifenwagen, aber der hat Funk. K&#246;nnte &#196;rger geben.

Eddy beobachtete das Blaulicht und bemerkte &#252;berrascht, dass die Leute tats&#228;chlich dort, wo Platz war, rechts ranfuhren, um den Streifenwagen vorbeizulassen. Alte Gewohnheiten wie der Gehorsam gegen&#252;ber der Regierung, der Autorit&#228;t, w&#252;rden schwer zu &#252;berwinden sein. Ja, genau dar&#252;ber w&#252;rde er sprechen. Dass ihr Gehorsam von jetzt an allein Gott gelten durfte.

Er kommt aus dem Dugway, sagte Doke.

Das Heulen der Sirene erreichte die Mesa, erst schwach, dann lauter. Die unruhige Menge unter Eddy vermehrte sich, breitete sich immer weiter aus und wartete auf Anweisungen. Viele beteten, und ihre Bittgebete stiegen in die Nachtluft auf. Andere Gruppen hielten sich mit gesenkten K&#246;pfen an den H&#228;nden. Kirchenlieder drangen an seine Ohren. Das erinnerte Eddy an seine Vorstellung davon, wie das Volk sich zur Bergpredigt versammelt hatte. Genau, das war es. Da w&#252;rde er mit seiner Predigt beginnen. Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder hei&#223;en  Nein, das war kein guter Bibelvers f&#252;r den Anfang. Er brauchte etwas Feuriges: Weh denen, die auf Erden wohnen und auf dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen gro&#223;en Zorn und wei&#223;, dass er wenig Zeit hat. Der Antichrist. Darauf musste er sich konzentrieren. Auf den Antichristen. Er w&#252;rde nur ein paar Worte sagen und dann seine Armee ins Feld f&#252;hren.

Der Polizeiwagen, der nun den Rand der Klippe &#252;berwunden hatte, steckte immer noch zwischen den vielen Autos fest. Er verlie&#223; die asphaltierte Stra&#223;e und hielt ein paar hundert Meter daneben. Eddy konnte das Emblem der Navajo Tribal Police auf der T&#252;r erkennen. Ein Suchscheinwerfer auf dem Dach wurde herumgeschwenkt, die T&#252;r ging auf. Ein gro&#223;er Indianer stieg aus, ein Navajo-Polizist. Sogar aus hundert Meter Entfernung erkannte Eddy Bia m&#252;helos.

Sogleich war der Polizist von Menschen umringt. Nach allem, was Eddy h&#246;ren konnte, schien sich dort ein Streit anzubahnen.

Was tun wir jetzt, Pastor Russ?, riefen die Menschen.

Wir warten, sagte er mit leiser, kraftvoller Stimme, die so anders klang als seine gew&#246;hnliche Stimme, dass er sich fragte, ob er wirklich selbst gesprochen hatte. Gott wird uns den Weg zeigen.


59


Lieutenant Bia stand vor der Menschenmenge, und seine Sorge wuchs. Er hatte einen Anruf bekommen, auf der Mesa gebe es irgendwelchen &#196;rger, und er war davon ausgegangen, dass es um den Protestritt ging. Als er den dichten Verkehr auf der Red Mesa Road gesehen hatte, war er einfach mitgeschwommen. Doch nun sah er sich um und merkte, dass diese Leute, wer immer sie auch sein mochten, nichts mit dem Protestritt zu tun hatten. Diese Leute trugen Gewehre und Schwerter, Kreuze und &#196;xte, Bibeln und K&#252;chenmesser bei sich. Einige hatten sich Kreuze auf die Stirn oder die Kleidung gemalt. Das war eine Art seltsamer religi&#246;ser Versammlung  vielleicht hatte sie etwas mit diesem Fernsehprediger zu tun, von dem schon einige Leute gesprochen hatten. Zu seiner Erleichterung waren alle m&#246;glichen Hautfarben hier vertreten  Schwarze, Asiaten, sogar ein paar, die wie Navajo oder Apachen aussahen. Immerhin waren es nicht der Ku-Klux-Klan oder die Nazis von der Aryan Nation.

Er zog seinen G&#252;rtel hoch, stemmte die H&#228;nde in die H&#252;ften und setzte ein lockeres L&#228;cheln auf in der Hoffnung, niemanden zu verschrecken. Habt ihr Leute einen Anf&#252;hrer? Jemanden, mit dem ich reden k&#246;nnte?

Ein Mann in ausgebleichten Jeans und einem groben blauen Hemd trat vor. Er hatte ein m&#228;chtiges Gesicht, gebr&#228;unt von lebenslanger Feldarbeit, einen dicken Bauch, kurze, st&#228;mmige Arme, die ein wenig vom K&#246;rper abstanden, und schwielige H&#228;nde. Ein alter Colt M1917-Revolver mit Elfenbein im Griff steckte unter seinem nietenbesetzten G&#252;rtel, an dessen Schnalle ein poliertes Messing-Kruzifix prangte. Ja. Wir haben einen Anf&#252;hrer. Er hei&#223;t Gott. Wer sind Sie?

Lieutenant Bia, Tribal Police. Innerlich str&#228;ubte er sich gegen den unn&#246;tig aggressiven Tonfall des Mannes. Doch er w&#252;rde ganz cool bleiben und nicht auf Konfrontation gehen. Welcher Mensch ist denn hier zust&#228;ndig?

Lieutenant Bia, ich habe nur eine Frage an Sie: Sind Sie ein Christ, der zur gro&#223;en Schlacht hier ist?

Schlacht?

Armageddon.

Zur Verdeutlichung legte der Mann die Hand an den mit Elfenbein eingelegten Griff seiner Waffe.

Bia schluckte. Die Menge schloss sich dichter um ihn. Er w&#252;nschte, er h&#228;tte erst Verst&#228;rkung gerufen. Ich bin Christ, aber ich habe nichts von einem Armageddon geh&#246;rt.

Die Menge verstummte.

Sind Sie im Wasser des Lebens wiedergeboren worden?, fuhr der Mann fort.

Aus der Menge erhob sich scharfes Gemurmel. Bia atmete tief durch. Es hatte keinen Sinn, sich auf einen religi&#246;sen Streit mit diesen Leuten einzulassen. Er musste sie beruhigen. Erz&#228;hlen Sie mir doch mehr &#252;ber dieses Armageddon.

Der Antichrist ist hier. Hier auf der Mesa. Die gro&#223;e Schlacht des Allm&#228;chtigen steht bevor. Und Sie sind entweder f&#252;r uns oder gegen uns. Die Endzeit ist jetzt. Entscheiden Sie sich.

Bia hatte keine Ahnung, wie er darauf reagieren sollte. Ich nehme an, Ihnen ist bewusst, dass Sie sich hier in der Navajo Nation befinden und Landfriedensbruch auf Grund und Boden begehen, der an die amerikanische Regierung verpachtet ist.

Sie haben meine Frage nicht beantwortet.

Die Menge zog den Kreis um Bia noch enger zusammen. Er konnte ihre Aufregung sp&#252;ren, sie in ihrem Schwei&#223; riechen.

Sir, sagte er mit leiser Stimme, nehmen Sie die Hand von der Feuerwaffe.

Die Hand des Mannes r&#252;hrte sich nicht.

Ich sagte, nehmen Sie die Hand weg von der Waffe.

Die Finger des Mannes schlossen sich um den Griff. Sie sind entweder f&#252;r uns oder gegen uns. Also, wie steht es?

Der Mann sprach zu der Menschenmenge, lie&#223; Bia aber nicht aus den Augen. Er ist keiner von uns. Er ist hier, um f&#252;r die andere Seite zu k&#228;mpfen.

Was soll man auch erwarten?, rief jemand, und die Menge echote: Klar doch, was sonst?

Bia begann sich langsam und ruhig zu seinem Fahrzeug zur&#252;ckzuziehen.

Die Waffe wurde gehoben. Der Mann zielte auf Bia.

Sir, ich bin nicht hier, um gegen irgendjemanden zu k&#228;mpfen, sagte Bia. Sie haben absolut keinen Grund, eine Waffe auf mich zu richten. Weg damit.

Eine &#228;ltere Frau in Arbeitsstiefeln und einem Strohhut, das Gesicht gegerbt wie altes Leder, legte dem Mann eine Hand auf den Arm. Jess, spar dir deine Kugeln auf. Dieser Mann ist nicht der Antichrist. Er ist nur ein Cop.

Das Wort Antichrist lief wie eine Welle durch die Menge. Die Leute dr&#228;ngten sich noch n&#228;her an Bia heran.

Sir, ich sagte, weg mit der Waffe.

Unsicher lie&#223; der Mann sie sinken.

Okay, Wyatt Earp, gib mir den Revolver. Die Frau streckte den Arm aus, nahm die Waffe aus der schlaffen Hand, leerte die Trommel und steckte Waffe und Munition in ihre Umh&#228;ngetasche.

Hier oben gibt es keinen Antichristen, sagte Bia, der sich beherrschen musste, um sich die Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Dies ist Land der Navajo Nation, und Sie alle begehen hier Landfriedensbruch. Also, falls Sie einen Anf&#252;hrer haben, m&#246;chte ich jetzt gern mit ihm sprechen. Sobald er beim Streifenwagen war, w&#252;rde er per Funk Unterst&#252;tzung rufen. Am besten gleich die Nationalgarde.

Eine Stimme erscholl &#252;ber die K&#246;pfe der Menge hinweg. Wir sind hier als die Armee Gottes  um f&#252;r unseren Herrn zu k&#228;mpfen und zu sterben!

K&#228;mpfen. K&#228;mpfen. K&#228;mpfen. Die Menge wiederholte das Wort wie ein Gebet.

Ein Mann mit einem langen, zotteligen Bart dr&#228;ngte sich zu Bia durch, einen gro&#223;en Stein in der Faust, und br&#252;llte: Bist du wiedergeboren im Wasser des Lebens?

Ver&#228;rgert &#252;ber den inquisitorischen Tonfall des Mannes, antwortete Bia: Meine Religion geht Sie nichts an. Legen Sie diesen Stein weg, sonst zeige ich Sie an wegen eines t&#228;tlichen Angriffs auf einen Polizisten. Er legte eine Hand an seinen Gummikn&#252;ppel.

Der Mann wandte sich an die Menschenmenge um sie herum. Wir k&#246;nnen ihn nicht gehen lassen. Er ist ein Cop. Er hat ein Funkger&#228;t. Er wird die anderen warnen. Der Mann hob den Stein hoch &#252;ber seinen Kopf. Antworte endlich!

Bia l&#246;ste den Gummikn&#252;ppel vom G&#252;rtel. Er wirbelte ihn hoch und schmetterte ihn so hart er konnte gegen den Arm des Mannes. Mit einem ekelerregenden Knacken brach der Unterarm, und der Stein fiel zu Boden.

Er hat mir den Arm gebrochen!, kreischte der Mann und fiel auf die Knie.

Geht jetzt auseinander, und es wird niemand sonst verletzt!, rief Bia laut. Er trat einen Schritt zur&#252;ck, bis an die Sto&#223;stange seines Wagens, und hielt den Kn&#252;ppel halb erhoben. Wenn er es nur bis ins Auto schaffen k&#246;nnte, h&#228;tte er ein wenig Schutz  und er k&#246;nnte einen Funkspruch absetzen.

Der Cop hat ihm den Arm gebrochen!, br&#252;llte ein Mann und kniete sich neben den Verletzten.

Die Menge st&#252;rmte unter Gebr&#252;ll voran. Ein Stein kam angeflogen, und Bia wich ihm aus. Mit einem dumpfen, knirschenden Krachen zerschlug der Stein die Windschutzscheibe.

Bia riss die Fahrert&#252;r auf, sprang hinein und versuchte, die T&#252;r hinter sich zuzuziehen, doch ein ganzer Haufen Leute hinderte ihn daran. Er schnappte sich das Funkger&#228;t und dr&#252;ckte auf den Sendeknopf.

Er will funken!, schrie jemand.

Ein Dutzend H&#228;nde packten ihn, zerrten an ihm, zerrissen sein Hemd.

Der Schei&#223;kerl will sein Funkger&#228;t benutzen! Er ruft den Feind zu Hilfe!

Das Funkger&#228;t wurde ihm aus der Hand gerungen und das Kabel aus der Verankerung gerissen. Bia versuchte, sich am Lenkrad festzuklammern, doch der vielarmige Mob zerrte ihn mit erbarmungsloser Kraft aus dem Auto. Er fiel zu Boden, versuchte aufzustehen, bekam aber einen Tritt und landete auf den Knien.

Er griff nach seiner Waffe und riss sie aus dem Halfter. Er rollte sich zur Seite und richtete den Lauf in die Menge. Zur&#252;ck!, br&#252;llte er.

Ein Stein traf ihn an der Brust und brach ihm mehrere Rippen. Bia feuerte blindlings in die Menge.

Ein Chor entsetzter Schreie erhob sich. Mein Mann, kreischte eine dieser Stimmen. O Gott!

Ein Baseballschl&#228;ger sauste durch die Luft und traf ihn am Bein. Er feuerte noch zwei Sch&#252;sse ab, ehe der Schl&#228;ger ihm den Arm zerschmetterte und ihm die Waffe aus der Hand flog.

Der kreischende Mob st&#252;rzte sich auf ihn, schimpfte, trat, schlug auf ihn ein.

Bia fiel vorn&#252;ber, tastete nach der Waffe, doch ein Stiefel trat auf seine Hand und zerquetschte sie fast. Er schrie auf, rollte sich herum und versuchte, unter den Streifenwagen zu kriechen.

Steinigt ihn! M&#246;rder! Steinigt ihn!

Er sp&#252;rte, wie Steine und St&#246;cke auf ihn herabprasselten, wie sie Muskeln und Knochen trafen und auf das Metall und Glas seines Streifenwagens herabregneten. Halb erstickt vor Schmerz schaffte er es dennoch, halb unter den Wagen zu krabbeln, doch sie packten ihn am Bein und zerrten ihn zur&#252;ck in den erbarmungslosen Hagel von Tritten und Schl&#228;gen. Er kreischte vor Schmerz und Grauen, rollte sich zusammen und versuchte, sich vor dieser ungez&#252;gelten Gewalt zu sch&#252;tzen. Das Gebr&#252;ll der Menge trat allm&#228;hlich in den Hintergrund, &#252;bert&#246;nt von einem dumpfen Br&#252;llen in seinem eigenen Kopf. Die Schl&#228;ge kamen weiterhin, doch trafen sie nun jemand anderen, jemand anderes begab sich auf diese Reise, r&#252;ckte immer weiter ab, weiter ab. Das Gebr&#252;ll verebbte zu einem fernen Murmeln, und dann hie&#223; ihn wunderbare Dunkelheit und Stille willkommen.


Eddy sah zu, w&#228;hrend sich die Menge wie ein Rudel Hunde an der Stelle dr&#228;ngte, wo eben noch der Polizist gestanden hatte. Er sah, wie der Mann aufzustehen versuchte, und dann war er fort, in die Tiefe gerissen vom gef&#228;hrlichen Strudel der tobenden, Steine werfenden Menge.

Der seltsame rhythmische Gesang erstarb, und die Menge schien zu erschlaffen; dann wichen die Leute langsam zur&#252;ck. Das Einzige, was &#252;brigblieb, war die Dienstm&#252;tze des Polizisten und unf&#246;rmige Klumpen in einer zertrampelten Uniform.

Der Mob zerstreute sich allm&#228;hlich, nur eine Frau blieb zur&#252;ck. Sie kniete auf dem Boden, weinte laut und hielt einen blutenden Mann in den Armen. Eddy sp&#252;rte Panik in sich hochkriechen. Warum war alles so anders, als er es sich vorgestellt hatte? Warum kam es ihm so schmutzig vor?

Dies ist Armageddon, h&#246;rte er die tiefe, beruhigende Stimme von Doke sagen. Es musste ja irgendwann beginnen.

Doke hatte recht. Sie hatten die Grenze &#252;berschritten, nun gab es kein Zur&#252;ck mehr. Der Kampf hatte begonnen. Gott f&#252;hrte ihre Hand, und Seine Entscheidungen konnten nicht hinterfragt werden. Eddy gewann neues Selbstvertrauen.

Pastor?, raunte Doke. Die Leute brauchen Sie jetzt.

Nat&#252;rlich. Eddy trat vor und hob die H&#228;nde. Meine Freunde in Jesus Christus! H&#246;rt mich an! MEINE FREUNDE IN JESUS CHRISTUS!

Ein unruhiges Schweigen senkte sich herab.

Ich bin Pastor Russell Eddy!, rief er. Ich bin der Mann, der den Widerchrist entlarvt hat!

Die Menge, wie elektrisiert von der Gewalttat, dr&#228;ngte sich in Wellen zu ihm vor wie ein Ozean, der nach der K&#252;ste greift.

Eddy nahm Dokes Hand und hielt sie empor. Die K&#246;nige, die Politiker, die Liberalen und die s&#228;kularen Humanisten dieser korrupten Welt werden sich in den Kl&#252;ften und Felsen der Berge verstecken. Sie werden die Berge und Felsen anflehen: Fallt &#252;ber uns und verbergt uns vor dem Angesichte dessen, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Denn es ist gekommen der gro&#223;e Tag Seines Zorns, und wer kann bestehen?

Ein Br&#252;llen erf&#252;llte die Nacht, die erregte Menge tobte.

Eddy drehte sich um, streckte den Arm aus und donnerte: Dort, vier Kilometer &#246;stlich von hier, steht ein Zaun. Hinter dem Zaun ist eine Klippe. In dieser Klippe liegt Isabella. Und in Isabella ist der Antichrist. Er tr&#228;gt den Namen Gregory North Hazelius.

Das Gebr&#252;ll hallte von den Felsen wider, Sch&#252;sse krachten gen Himmel.

Geht!, schrie Eddy und sch&#252;ttelte den ausgestreckten Arm. Geht als ein Volk, angef&#252;hrt vom flammenden Schwert Zions! Geht hin und findet den Widerchrist! Zerst&#246;rt ihn und sein Tier! Die Schlacht Gottes, des Allm&#228;chtigen, hat begonnen! Sonne und Mond werden den Schein verlieren, und Sterne werden vom Himmel fallen!

Er trat zur&#252;ck, und die sch&#228;umende Menge wandte sich um und str&#246;mte wie eine Flutwelle &#252;ber die mondhelle Mesa gen Osten; Taschenlampen und Fackeln h&#252;pften in der Dunkelheit wie tausend gl&#252;hende Augen.

Gut gemacht, sagte Doke. Sie haben ihnen richtig eingeheizt.

Eddy, der sich immer noch an Dokes starkem Arm festhielt, machte sich auf, den anderen zu folgen. Er warf einen Blick zur&#252;ck und entdeckte Bia, ein zertrampeltes H&#228;uflein im Staub  und die weinende Frau, die ihren toten Mann in den Armen wiegte.

Die ersten Opfer Armageddons.


60


Ein junger Mann Anfang zwanzig mit frischem Gesicht, ein gewisser Agent Miller, kutschierte Bern Wolf in einem Humvee vom Flugplatz zu der eingez&#228;unten Sicherheitszone. Sie passierten mehrere durchbrochene Tore und hielten mitten auf dem Parkplatz, auf dem nur ein paar Zivilfahrzeuge standen. Alles war vom Licht starker Scheinwerfer grell erleuchtet.

Wolf blickte sich um. Soldaten sammelten sich am Rand der Mesa und befestigten Taue, um sich an der Klippe hinab zu Isabella abzuseilen. Es sah aus wie in einem Actionfilm.

Wir warten im Fahrzeug, bis wir gerufen werden, Sir, erkl&#228;rte Miller.

Wunderbar. Wolf schwitzte. Er war Wissenschaftler, Computerexperte, und f&#252;r so einen Bl&#246;dsinn nicht geschaffen. Der Knoten in seinem Magen f&#252;hlte sich fest und schwer an. Wolf nahm sich vor, ganz dicht bei Agent Miller zu bleiben, dessen Arme so aussahen, als k&#246;nnte er m&#252;helos einen Buick stemmen. Sein R&#252;cken und seine Schultern waren so massig, dass das gro&#223;kalibrige NATO-Sturmgewehr unter seiner Achsel wie ein Plastikspielzeug wirkte.

Er beobachtete die M&#228;nner am Rand der Mesa bei ihrer Arbeit. Einer nach dem anderen befestigte sein Seil und sprang r&#252;cklings in die Tiefe, beladen mit dicken Rucks&#228;cken. Obwohl Wolf Isabella nie selbst besucht hatte, kannte er sie wie seine Westentasche. Er hatte einige Pl&#228;ne selbst entworfen und lange &#252;ber den Konstruktionszeichnungen gebr&#252;tet. Er kannte au&#223;erdem die Software genau, und das Energieministerium hatte ihm einen Umschlag mit s&#228;mtlichen Abschalt-und Sicherheitscodes &#252;bergeben. Isabella auszuschalten w&#252;rde kein Problem sein.

F&#252;r ihn war das Problem, die hundert Meter hohe Klippe hinunterzugelangen.

Ich muss mal pinkeln, sagte er.

Direkt neben dem Fahrzeug, und beeilen Sie sich, Sir.

Wolf erleichterte sich und stieg wieder ein.

Miller beendete gerade einen Funkspruch. Wir sind dran, Sir.

Sie sind schon drin?

Nein. Die wollen Sie da unten haben, bevor der erzwungene Zutritt erwirkt wird.

Der erzwungene Zutritt erwirkt wird. Wussten die Kerle eigentlich, wie l&#228;cherlich sie sich anh&#246;rten?

Miller nickte. Nach Ihnen.

Wolf hatte das Gef&#252;hl, als wehre sich jeder Muskel seines K&#246;rpers, als er seinen Rucksack schulterte. Trotz der grellen Beleuchtung konnte er erstaunlich viele Sterne am Himmel &#252;ber sich sehen. Die Luft war frisch und roch nach Holzrauch. Als er sich vom laufenden Motor des Humvee entfernte, fiel ihm auf, wie still die Nacht hier war. Das lauteste Ger&#228;usch kam von den knisternden Hochspannungsleitungen  offensichtlich lief Isabella auf Hochtouren. Er bezweifelte, dass da unten irgendetwas ernsthaft nicht in Ordnung war. Vermutlich war das Kommunikationssystem durch einen simplen Computerfehler ausgefallen. Irgendein idiotischer B&#252;rokrat war durchgedreht und hatte dieses Sondereinsatzkommando losgeschickt. Vielleicht wussten die Wissenschaftler im Bunker nicht einmal, was sie f&#252;r einen Aufruhr verursachten.

Dann, ganz schwach, h&#246;rte er zwei leise Ger&#228;usche aus der Ferne, die wie Sch&#252;sse klangen; dann noch zwei Mal.

Haben Sie das geh&#246;rt?, fragte er Miller.

Ja. Der Mann war mit zur Seite geneigtem Kopf stehengeblieben. Etwa viereinhalb Kilometer entfernt.

Sie lauschten noch einen Moment lang, doch es kam nichts mehr.

Vermutlich nur ein Indianer, der auf einen Kojoten ballert, sagte Miller.

Wolfs Beine f&#252;hlten sich wackelig an, als er Miller zum Rand der Klippe folgte. Er hatte erwartet, dass sie ihn in einem K&#228;fig oder so hinunterlassen w&#252;rden, doch es war nichts dergleichen zu sehen.

Sir? Ich nehme Ihren Rucksack. Wir lassen ihn runter, so-bald Sie unten sind.

Wolf setzte den Rucksack ab und &#252;bergab ihn Miller. Vorsichtig, da ist ein Laptop drin.

Wir passen gut darauf auf, Sir. Wenn Sie jetzt bitte hier her&#252;berkommen?

Moment mal, sagte Wolf. Sie erwarten doch nicht ernsthaft, dass ich  mich an so einem Seil herunterlasse?

Doch, Sir.

Wie denn?

Das zeigen wir Ihnen gleich. Bitte bleiben Sie hier stehen.

Wolf wartete. Die meisten anderen Soldaten hatten sich bereits abgeseilt, so dass die beiden fast allein am Rand der Klippe standen. Die Stromleitungen summten und knisterten.

Das Funkger&#228;t des Soldaten zischte, und er sprach hinein. Wolf h&#246;rte nur mit halbem Ohr zu. Ein Streifenwagen der Staatspolizei berichtete von irgendeinem Problem auf der Zufahrtsstra&#223;e zur Mesa. Wolf h&#246;rte weg. Er konnte an nichts denken als an diese Klippe.

Das Gespr&#228;ch &#252;ber Funk dauerte noch eine Weile, dann sagte Miller: Hier entlang, Sir. Wir setzen Sie in dieses Geschirr. Haben Sie sich schon mal abgeseilt?

Nein.

Mit diesem Gurtsystem ist es v&#246;llig sicher. Lehnen Sie sich einfach ein bisschen zur&#252;ck, stemmen Sie die F&#252;&#223;e gegen die Felswand, und sto&#223;en Sie sich vorsichtig ab, machen Sie kleine H&#252;pfer. Sie k&#246;nnen nicht abst&#252;rzen, auch dann nicht, wenn Sie das Seil loslassen.

Sie machen wohl Witze.

Ihnen kann &#252;berhaupt nichts passieren, Sir.

Miller und die verbliebenen M&#228;nner legten ihm die Gurte an, die um seine Beine, seinen Hintern und seinen R&#252;cken gef&#252;hrt wurden, und befestigten ihn mit einer Reihe von Karabinern am Seil. Dann stellten sie ihn mit dem R&#252;cken zum Abgrund ganz an den Rand. Er sp&#252;rte den Wind, der von unten heraufwehte.

Lehnen Sie sich zur&#252;ck, und treten Sie r&#252;ckw&#228;rts &#252;ber den Rand.

Waren die denn wahnsinnig?

Lehnen Sie sich zur&#252;ck, Sir. Machen Sie einen kleinen Schritt r&#252;ckw&#228;rts. Achten Sie darauf, dass das Seil gespannt bleibt. Wir lassen Sie von hier aus vorsichtig runter, Sir.

Wolf starrte Miller ungl&#228;ubig an. Der Agent sah aus wie ein mit Wachstumshormonen gedopter Gorilla, und seine Stimme war so unendlich h&#246;flich, dass sie schon beinahe ver&#228;chtlich klang.

Ich kann das nicht, sagte Wolf.

Das Seil wurde schlaff, und Panik stieg in ihm auf.

Zur&#252;cklehnen, sagte Miller bestimmt.

Holen Sie mir einen K&#228;fig oder so was, und lassen Sie mich darin herunter.

Miller packte ihn und kippte ihn hinten&#252;ber, hielt ihn beinahe z&#228;rtlich im Arm. So ist es richtig. Genau. Sehr gut, Dr. Wolf.

Wolfs Herz h&#228;mmerte. Wieder sp&#252;rte er, wie ihm die k&#252;hle Luft aus der Tiefe &#252;ber den R&#252;cken strich. Der Soldat lie&#223; ihn los, und an einem zweiten Seil wurde er &#252;ber den Rand hinabgelassen. Seine F&#252;&#223;e rutschten ab, und er knallte seitlich gegen die Felswand.

Lehnen Sie sich nach hinten, und stemmen Sie die F&#252;&#223;e gegen den Fels.

Mit wild h&#228;mmerndem Herzen versuchte er, mit den F&#252;&#223;en Halt an der Felswand zu finden. Er schaffte es und zwang sich, sich zur&#252;ckzulehnen. Es schien zu funktionieren. W&#228;hrend sie ihn langsam herunterlie&#223;en, machte er leichte, kleine Schritte und hielt sich weit zur&#252;ckgelehnt. Sobald er die Oberfl&#228;che der Mesa nicht mehr sehen konnte, wurde es dunkel um ihn herum, doch er konnte den Rand noch erkennen, von hinten beleuchtet. Je weiter es abw&#228;rtsging, desto ferner schimmerte der Rand. Er wagte es nicht, nach unten zu schauen.

Unglaublich, dass er das tat, schwankend diese Steilwand hinunterh&#252;pfte, w&#228;hrend er mit Haut und Haaren von der Dunkelheit verschluckt wurde. Endlich packten Soldaten von unten seine Beine und lie&#223;en sie auf steinernen Boden hinab. Als er sich aufrappelte, zitterten seine Knie. Die Soldaten halfen ihm aus den Gurten. Sein Rucksack kam gleich darauf an einem Seil herabgebaumelt, und die Soldaten fingen ihn ein. Miller kam als N&#228;chster.

Gut gemacht, Sir.

Danke.

Aus der Bergflanke war eine gro&#223;e, halboffene H&#246;hle geschlagen worden. Am anderen Ende war eine massive T&#252;r aus Titan in der Felswand verankert. Die Fl&#228;che davor wurde bereits von grellen Scheinwerfern beleuchtet und sah nun aus wie der Zugang zur Insel von Dr. No. Wolf sp&#252;rte Isabellas summende Vibration in dem Berg. Es war wirklich sehr seltsam, dass sie alle Kommunikationswege nach drinnen verloren hatten. Dazu gab es zu viele Back-up-Systeme. Und der Sicherheitschef m&#252;sste sie inzwischen l&#228;ngst auf den &#220;berwachungsmonitoren gesehen haben  au&#223;er, diese w&#228;ren auch ausgefallen.

Sehr merkw&#252;rdig.

Die Soldaten bauten drei konische Metallsch&#252;sseln auf dreibeinigen St&#228;ndern auf und richteten sie auf die T&#252;r aus  sie wirkten wie zu kurz geratene Granatwerfer. Ein Mann begann, die Kegel mit etwas zu laden, das nach C4 aussah.

Doerfler stand daneben und gab Anweisungen.

Was sind das f&#252;r Dinger?, fragte Wolf.

Vorrichtungen zur besonders schnellen Sprengung von W&#228;nden, geladen mit C4, sagte Miller. Genau abgestimmte Ladungen, da, treffen an einem einzelnen Punkt zusammen und sprengen ein Loch, das gro&#223; genug ist, um durchzukriechen.

Und dann?

Dann schicken wir ein Team durch das Loch, das den Bunker sichert, und ein zweites, das die innere T&#252;r zur Br&#252;cke &#246;ffnet. Wir sichern die Br&#252;cke, holen eventuell vorhandene b&#246;se Jungs raus und nehmen die Wissenschaftler in Gewahrsam. Es k&#246;nnte einen Schusswechsel geben. Wir wissen ja nichts. Sobald die Br&#252;cke vollst&#228;ndig gesichert ist, bringe ich Sie rein. Pers&#246;nlich. Sie schalten dann Isabella ab.

Es dauert drei Stunden, das System herunterzufahren, bemerkte Wolf.

Daf&#252;r sind Sie zust&#228;ndig.

Was geschieht mit Dr. Hazelius und den anderen Wissenschaftlern?

Unsere M&#228;nner werden sie an einen sicheren Ort bringen, wo man sie befragen wird.

Wolf verschr&#228;nkte die Arme. In der Theorie klang das ganz gut, kein Zweifel. Wie der Krieg im Irak.


61


Stanton Lockwood rutschte wieder auf dem billigen Holzstuhl herum und versuchte, eine bequeme Haltung zu finden, obwohl das unm&#246;glich war. Die Stimmung am Mahagonitisch im Krisensitzungsraum war zunehmend von Fassungslosigkeit gepr&#228;gt. Gegen drei Uhr  ein Uhr nachts auf der Red Mesa  klangen die Neuigkeiten wirklich &#252;bel.

Lockwood war in der Bay Area aufgewachsen, hatte Schulen an der West-und Ostk&#252;ste besucht und wohnte seit zw&#246;lf Jahren in Washington. Er hatte nur im Fernsehen Blicke auf das andere Amerika da drau&#223;en erhascht, das Amerika der Kreationisten und Christlichen Nationalisten, der Fernsehprediger und glitzernden Mega-Kirchen. Dieses Amerika war ihm immer so fern erschienen, begrenzt auf abgelegene Gebiete in Kansas oder Oklahoma.

Es war nicht mehr so fern.

Der FBIDirektor fragte: Mr. President?

Ja, Jack?

Die Arizona Highway Patrol meldet Vorf&#228;lle an den Stra&#223;ensperren auf der Route 89 bei Grey Mountain, Route 160 bei Tuba City und auch bei Tes Nez Iah.

Was f&#252;r Vorf&#228;lle?

Mehrere Beamte der Staatspolizei sind bei &#220;bergriffen verletzt worden. Das Verkehrsaufkommen ist enorm, und eine Menge Leute haben die Stra&#223;ensperren querfeldein umfahren. Das Problem ist, dass sich Hunderte improvisierter, unbefestigter Stra&#223;en durch das Navajo-Reservat ziehen, die meisten davon sind nicht mal auf den Karten verzeichnet. Unsere Stra&#223;ensperren sind l&#246;chrig wie ein Sieb.

Der Pr&#228;sident wandte sich dem Monitor mit dem Vorsitzenden des Generalstabs zu, der in seinem holzvert&#228;felten B&#252;ro im Pentagon sa&#223;; hinter ihm an der Wand hing die amerikanische Flagge.

General Crisp, wo bleibt die Nationalgarde?

In zwei Stunden einsatzbereit.

Wir haben keine zwei Stunden mehr.

Die erforderlichen Hubschrauber, Piloten und entsprechend ausgebildeten Truppen zusammenzusuchen war eine ziemliche Herausforderung, Mr. President.

Ich habe Polizisten da drau&#223;en, die zusammengeschlagen werden. Und zwar nicht irgendwo im afghanischen Hinter-land, sondern hier, mitten in den Vereinigten Staaten von Amerika. Und Sie erz&#228;hlen mir etwas von zwei Stunden?

Die meisten unserer Helikopter sind derzeit im Nahen Osten.

Der FBIDirektor meldete sich zu Wort. Mr. President?

Der Pr&#228;sident drehte sich um. Was?

Ich bekomme gerade einen Bericht rein  Er nahm von jemandem au&#223;erhalb des Bildes ein Blatt Papier entgegen. Ein Funkspruch von einem Beamten der Navajo Tribal Police, der auf die Red Mesa gefahren ist, um nach dem Rechten zu sehen 

Ganz allein?

Zu diesem Zeitpunkt war er genauso wenig &#252;ber die tats&#228;chliche Lage informiert wie wir. Er hat einen Hilferuf abgesetzt, der pl&#246;tzlich abgeschnitten wurde. Ich habe ihn hier. Er las vom Blatt vor:  Brauche sofort Unterst&#252;tzung  gewalt t&#228;tiger Mob  die werden mich umbringen  Das ist alles, was wir haben. In der Aufzeichnung des Funkspruchs ist der L&#228;rm dieses Mobs im Hintergrund deutlich zu h&#246;ren.

Du lieber Himmel.

Der GPS-Sender in seinem Streifenwagen ist kurz darauf ausgefallen. Was eigentlich nur passieren kann, wenn der Wagen in Brand gesteckt wurde.

Was h&#246;ren Sie von dem Geiselrettungsteam da oben? Sind Ihre Leute gef&#228;hrdet?

Mein letzter Bericht vor zehn Minuten lautete, dass die Operation l&#228;uft wie am Schn&#252;rchen. Wir hatten eine unbest&#228;tigte Meldung &#252;ber Sch&#252;sse aus der Richtung des Dugway, knapp vier Kilometer vom Flugfeld entfernt. Wir sind gerade dabei, das Team zu kontaktieren. Aber ich versichere Ihnen, Mr. President, dass ein wild gewordener Mob keine ernsthafte Gefahr f&#252;r ein spitzenm&#228;&#223;ig ausgebildetes FBI-Sonderkommando darstellt.

Ach ja?, erwiderte der Pr&#228;sident skeptisch. Sind sie auch daf&#252;r ausgebildet, auf Zivilisten zu schie&#223;en?

Der FBIDirektor zappelte ein wenig unbehaglich auf seinem Stuhl.

Sie sind so ausgebildet, dass sie mit jeder nur denkbaren Situation fertig werden.

Der Pr&#228;sident wandte sich erneut dem Vorsitzenden des Generalstabs zu. Gibt es irgendeine M&#246;glichkeit, fr&#252;her als in zwei Stunden Truppen da rauszuschaffen?

Entschuldigen Sie bitte, Sir, unterbrach ihn der FBIDirektor mit bleichem Gesicht. Ich bekomme gerade eine Meldung &#252;ber eine Explosion und einen Brand  einen, &#228;h, Gro&#223;brand  auf dem Red-Mesa-Flugfeld.

Der Pr&#228;sident starrte ihn stumm an.

Was wollen diese Leute?, platzte Lockwood heraus. Was, in Gottes Namen, wollen die da oben?

Galdone sprach, zum ersten Mal, seit sie den Krisenraum betreten hatten. Sie wissen doch, was die wollen.

Lockwood starrte den verhassten Kollegen an. Wabbelig und fett, mit verschr&#228;nkten Armen, die Augen halbgeschlossen, beinahe schl&#228;frig, hockte er auf seinem Stuhl und blickte seelenruhig in die Runde.

Sie wollen Isabella zerst&#246;ren, sagte er, und den Antichristen ermorden.


62


Ford klammerte sich an die Tischkante und las die neue Botschaft auf dem Visualizer. Isabella lief mit voller Kraft, und er sp&#252;rte die gesamte Br&#252;cke beben und wackeln wie das Cockpit eines Jets, der rasend schnell dem Boden entgegentrudelte.

Die Religionen sind aus dem Bem&#252;hen entstanden, das Unerkl&#228;rliche zu erkl&#228;ren, das Unkontrollierbare zu kontrollieren und das Unertr&#228;gliche zu ertragen. Der Glaube an eine h&#246;here Macht wurde zur m&#228;chtigsten Innovation in der Evolution des Homo sapiens. St&#228;mme mit einer Religion hatten einen Vorteil &#252;ber jene ohne Religion. Sie hatten eine gemeinsame Richtung, ein Ziel, Motivation, eine Mission. Der &#220;berlebenswert der Religion war so spektakul&#228;r, dass der Durst nach einem Glauben sich dem menschlichen Genom einpr&#228;gte.

Ford war ein wenig von den anderen abger&#252;ckt. Kate hatte ihm einen verwunderten und, so meinte er, ein wenig bedauernden Blick zugeworfen und half dann Dolby an dessen Arbeitsplatz. Diejenigen, die Isabella am Laufen hielten  Dolby, Chen, Edelstein, Corcoran und St. Vincent , waren vollkommen auf ihre Arbeit konzentriert. Die &#220;brigen starrten auf den Visualizer, gebannt von den Worten, die dort erschienen.

Was die Religion versucht hat, konnte die Wissenschaft nun endlich erreichen. Jetzt habt ihr eine M&#246;glichkeit, das Unerkl&#228;rliche zu erkl&#228;ren und das Unkontrollierbare zu kontrollieren. Ihr braucht keine Offenbarungsreligionen mehr. Die Menschheit ist endlich erwachsen geworden.

Wardlaw meldete sich leise aus seiner Sicherheitskabine. Sie haben ein Team mit Sprengstoff runtergeschickt. Sie wollen die T&#252;r sprengen.

Wie viele?, fragte Hazelius mit scharfer Stimme.

Acht.

Bewaffnet?

Schwerbewaffnet.

Ein panisches Raunen lief durch die Gruppe. Was sollen wir jetzt tun?, rief Innes.

Wir h&#246;ren weiter zu, sagte Hazelius, dessen feste Stimme Isabellas Summen &#252;bert&#246;nte. Er deutete auf den Bildschirm.

Die Religion ist f&#252;r das menschliche &#220;berleben so essenziell wie Nahrung und Wasser. Wenn ihr versucht, Religion durch Wissenschaft zu ersetzen, wird euch das nie gelingen. Ihr werdet den Menschen stattdessen Wissenschaft als Religion anbieten. Denn ich sage euch, Wissenschaft ist Religion. Die eine, wahre Religion.

Julie Thibodeaux, die neben Hazelius stand, schluchzte pl&#246;tzlich. Das ist wundervoll, sagte sie und wiegte sich vor und zur&#252;ck, die Arme um den Oberk&#246;rper geschlungen. Das ist so wundervoll  und ich habe solche Angst.

Hazelius legte beruhigend einen Arm um sie.

Es war unglaublich, dachte Ford: Er hatte ihre Konvertierung mit eigenen Augen beobachtet. Sie glaubten.

Statt ein Buch der Wahrheit bietet die Wissenschaft eine Methode der Wahrheitsfindung. Wissenschaft ist eine Suche nach der Wahrheit, nicht die Offenbarung einer Wahrheit. Sie ist eine Methode, eine M&#246;glichkeit, kein Dogma. Sie ist ein Weg, kein Ziel.

Ford konnte sich nicht mehr beherrschen. Ja, aber was ist mit dem Leid der Menschen? Wie kann die Wissenschaft das Unertr&#228;gliche ertr&#228;glich machen, wie du es ausgedr&#252;ckt hast?

Die Magnetspule macht gleich schlapp, sagte Dolby ruhig.

Geben Sie ihr mehr Saft, murmelte Hazelius.

Im vergangenen Jahrhundert haben Medizin und Technologie mehr menschliches Leid gelindert als s&#228;mtliche Priester im vergangenen Jahrtausend.

Du sprichst von k&#246;rperlichem Leid, sagte Ford. Aber was ist mit dem Leid der Seele? Was ist mit spirituellem Leid?

Habe ich nicht schon gesagt, dass alles eins ist? Ist es nicht tr&#246;stlich zu wissen, dass euer Leid den Kosmos selbst ersch&#252;ttert? Niemand leidet allein, und alles Leid hat einen Sinn  sogar der Sturz eines Spatzes aus dem Nest ist wesentlich f&#252;r das Ganze. Das Universum vergisst nichts.

Ich kann sie nicht halten, ich brauche mehr Strom, rief Dolby. Harlan, du musst mir f&#252;nf Prozent mehr geben.

Ich bin am Anschlag, erwiderte St. Vincent. Wenn ich weitergehe, bricht das Netz zusammen.

Die Maschine kreischte nun so laut, dass man sein eigenes Wort kaum mehr verstand. Ford las die Worte auf dem Visualizer, w&#228;hrend seine Gedanken durcheinanderwirbelten. Zw&#246;lf der intelligentesten Menschen im ganzen Land hielten das da f&#252;r Gott. Das musste doch etwas bedeuten.

Sinkt nicht so tief herab, euch in falsche Bescheidenheit zu h&#252;llen! Ihr seid meine J&#252;nger. Ihr habt die Macht, die Welt auf den Kopf zu stellen. An einem einzigen Tag sammelt die Wissenschaft mehr Beweise ihrer Wahrheiten an als die Religion w&#228;hrend ihrer gesamten Existenz. Die Menschen klammern sich an den Glauben, weil sie ihn brauchen. Sie hungern danach. Ihr werdet den Leuten nicht ihren Glauben wegnehmen; ihr werdet ihnen einen neuen Glauben bringen. Ich bin nicht gekommen, um den j&#252;disch-christlichen Gott zu verdr&#228;ngen, sondern um ihn zu vervollst&#228;ndigen.

Moment mal!, bellte Wardlaw dazwischen. Da oben passiert noch mehr!

Was denn?, fragte Hazelius.

Wardlaw sp&#228;hte best&#252;rzt auf seine Videowand. Hier wird auf einmal  an allen m&#246;glichen Stellen der Alarm ausgel&#246;st. Ein Haufen Leute, die einfach aus dem Nichts kommen  sieht aus wie ein wild gewordener Mob  Was zum Teufel ?

Ein Mob? Hazelius wandte sich halb zu ihm um, ohne den Visualizer aus den Augen zu lassen. Wovon sprechen Sie eigentlich?

Ohne Schei&#223;, das ist eine ganze Horde  Herrgott, das ist ja nicht zu glauben  Sie attackieren den Sicherheitszaun  rei&#223;en ihn nieder  Da drau&#223;en ist irgendein Aufstand im Gange. Unglaublich  ein randalierender Mob  aus dem Nichts.

Ford wandte sich dem zentralen Bildschirm der &#220;berwachungsstation zu. Die Hauptkamera hoch oben auf dem Fahrstuhl lieferte mit ihrem weiten Winkel einen guten &#220;berblick. Ein Mob mit Fackeln und Taschenlampen, primitive Waffen schwingend, st&#252;rmte die Stra&#223;e aus Richtung des Dugway entlang, staute sich am Sicherheitszaun und kippte ihn schlie&#223;lich durch seine schiere Masse. Aus der Richtung des Flugplatzes war eine dumpfe Explosion zu h&#246;ren, und pl&#246;tzlich schossen Flammen &#252;ber den Baumwipfeln auf.

Sie haben die Hangars auf dem Flugfeld in Brand gesteckt, br&#252;llte Wardlaw. Wer sind diese Leute  und wo zum Teufel kommen sie pl&#246;tzlich her?


63


Wolf sah zu, wie die M&#228;nner die Sprengladungen an der Titant&#252;r anbrachten und Kabel von dort zur&#252;ck zum Z&#252;nder legten. Sie wirkten auf ihn verst&#246;rend ruhig, beinahe zuversichtlich, als geh&#246;rte es zu ihrem Alltag, L&#246;cher in Berge zu sprengen.

Wolf spazierte auf den Rand der Klippe zu. Eine metallene Reling, im Fels verankert, sicherte den Rand. Er hielt sich an dem kalten Stahl fest und blickte hinaus in die unendlichen W&#252;sten, umzingelt von Bergen, Tausende von Quadratkilometern, in denen kaum ein Licht die tiefe, unterschiedslose Dunkelheit durchbrach. Ein k&#252;hler Wind strich von unten herauf und brachte den Geruch von Staub und den schwachen Duft irgendeiner nachtbl&#252;henden Pflanze mit sich. Wolf war geradezu l&#228;cherlich stolz darauf, dass er sich hierhin abgeseilt hatte. Das war mal eine Geschichte, die er den Leuten zu Hause in Los Alamos erz&#228;hlen konnte.

Hinter sich h&#246;rte er pl&#246;tzlich Funkger&#228;te zischeln, dann einen unverst&#228;ndlichen Wortschwall. Er drehte sich um, um zu sehen, was da passierte. Die M&#228;nner, die die Sprengung vorbereiteten, hatten innegehalten. Sie dr&#228;ngten sich um Doerfler und sprachen hektisch in ihre Funkger&#228;te. Wolf lauschte, konnte aber nichts verstehen. Offenbar war etwas Ungew&#246;hnliches vorgefallen.

Wolf schlenderte hin&#252;ber. He, was ist denn los?

Oben hat es einen Angriff gegeben. Niemand wei&#223;, wer das ist.

Na, toll, dachte Wolf.

Lautes Knallen von oben vermengte sich mit Echos von der Felswand, und der Himmel &#252;ber dem Rand der Mesa f&#228;rbte sich pl&#246;tzlich leuchtend rot. Was passiert denn da?

Miller warf Wolf einen Blick zu. Sie haben die Hangars auf dem Flugfeld in Brand gesteckt  Sie haben den Hubschrauber umzingelt.

Sie? Wer zum Teufel sind sie?

Miller sch&#252;ttelte den Kopf. Die anderen Teammitglieder unterhielten sich per Funk gehetzt mit ihren Kollegen oben. Die knallenden Ger&#228;usche wurden lauter  und Wolf erkannte, dass das Sch&#252;sse waren. Er h&#246;rte einen schwachen Schrei. Alle starrten nach oben. Gleich darauf st&#252;rzte jemand &#252;ber den Rand der Klippe an ihnen vorbei, begleitet von einem langgezogenen, erstickten Schrei. Der K&#246;rper flog hier und da durch die Kegel der Scheinwerfer  ein Mann in Uniform. Der Schrei endete abrupt, tief unter ihnen, mit einem leisen Klatschen und dem Poltern von Ger&#246;ll.

Was zum Teufel war das?, schrie einer der Soldaten. Sie haben Frankie von der Klippe geworfen!

Achtung! Sie kommen die Seile runter!, br&#252;llte ein anderer Soldat.

Alle starrten in fassungslosem Entsetzen nach oben, wo Dutzende dunkler Gestalten an den Tauen herabglitten.


Pastor Russell Eddy beobachtete, wie seine Sch&#228;fchen den letzten Soldaten &#252;ber den Rand der Klippe warfen. Diese Gewalttat bedauerte er zwar aufrichtig, aber der Soldat hatte sich dem Willen Gottes widersetzt. Es musste also sein. Vielleicht w&#252;rden diese M&#228;nner Trost und Erl&#246;sung finden, wenn Jesus Christus sie von den Toten auferweckte und Seine Herde um sich sammelte. Vielleicht.

Er stieg auf die Motorhaube eines Humvee und verschaffte sich einen &#220;berblick. Die Soldaten hatten auf seine Gemeinde geschossen, die sich jedoch mit der Gewalt eines Tsunamis bis zum Rand der Klippe vorgedr&#228;ngt hatte, bis die meisten Soldaten &#252;ber den Rand in die schwarze Leere verschwunden waren.

Sein Wille geschehe.

Pastor Eddy bestaunte das Wunder. Auf der Stra&#223;e dr&#228;ngten sich Menschen, die vom Dugway herbeistr&#246;mten, ein Meer von Fackeln und Taschenlampen. Sie ergossen sich &#252;ber den Zaun in die Sicherheitszone, breiteten sich dort aus und warteten auf weitere Anweisungen. Knapp einen Kilometer entfernt z&#252;ngelten die Flammen der brennenden Hangars bis &#252;ber die Baumwipfel und tauchten die Mesa in ein grausiges Licht. Der bei&#223;ende Gestank von Treibstoff und verbranntem Plastik trieb durch die Luft.

Vor ihm sammelten sich die Leute am Rand der Klippe. Die Soldaten hatten eine Menge Ausr&#252;stung dort zur&#252;ckgelassen, und Doke wusste offensichtlich etwas damit anzufangen. Er hatte zehn Jahre bei den Special Forces gedient, hatte er Eddy erz&#228;hlt. Er half den Leuten beim Abseilen, steckte sie in Gurte und Schlingen mit diversen Karabinern und Haken und zeigte ihnen, wie sie sich an der Felswand hinunterlassen mussten. Er versicherte ihnen, dass sie es schaffen konnten.

Und sie schafften es. Mit so guter Ausr&#252;stung war es nicht schwer. Man brauchte gar keine besonderen sportlichen F&#228;higkeiten. Dokes Leute verschwanden dutzendweise &#252;ber den Rand, die Taue hinab, wie ein menschlicher Wasserfall, der sich in die Dunkelheit ergoss. Sie schickten die Gurte und Karabiner wieder hinauf, die dann erneut zum Einsatz kamen, und wieder und wieder.

Eddy sah zu, wie Doke br&#252;llte und Befehle erteilte. Eddy hob sein Funkger&#228;t und rief die Gruppe auf dem Flugfeld. Wie ich sehe, habt ihr die Hangars angez&#252;ndet. Gut gemacht.

Was sollen wir mit dem Hubschrauber machen?

Ist er bewacht?

Ein Soldat und der Pilot. Er ist bewaffnet  und ziemlich in Panik.

T&#246;tet sie. Die Worte platzten einfach so aus ihm heraus. Sie d&#252;rfen nicht abheben.

Ja, Pastor.

Sonst noch schweres Ger&#228;t da?

Hier ist ein Bagger.

Zieht Gr&#228;ben durch die Landebahn und die Helipads.

Eddy beobachtete die Menschenmenge. Noch immer dr&#228;ngten Leute heran, trotz der Stra&#223;ensperren und zahlreicher Festnahmen. Es war ein unglaublicher Anblick. Nun war es an der Zeit, die n&#228;chste Phase des Angriffs einzul&#228;uten.

Eddy hob die Arme und rief laut: Christen! H&#246;rt mich an!

Die wachsende Menge verharrte, wurde still.

Eddy deutete mit zitterndem Finger auf die Masten. Seht ihr diese Hochspannungsleitungen?

Rei&#223;t sie nieder!, br&#252;llte die Menge.

Ja! Wir werden Isabella den Strom abstellen!, schrie er. Ich brauche Freiwillige, die auf diese Masten klettern und die Leitungen abrei&#223;en!

Rei&#223;t sie ab!, echote die Menge. Rei&#223;t sie nieder!

Wir schneiden ihnen den Strom ab!

Den Strom abschneiden!

Ein Teil der Menge setzte sich in Bewegung. Der kleine Schwarm hielt auf den n&#228;chsten Mast zu, der etwa hundert Meter entfernt stand.

Eddy hob beide Arme, und erneut wurde es still.

Nun zeigte er auf die Antennen, Sch&#252;sseln, Mikrowellenempf&#228;nger und Mobilfunksender auf dem Aufzug, der am Rand der Klippe aufragte.

Blendet Satan, macht ihn taub und stumm!

Blendet Satan!

Weitere Leute l&#246;sten sich und umschw&#228;rmten den Aufzug. Die Menge hatte nun ein Ziel. Sie hatten etwas zu tun. Mit grimmiger Befriedigung beobachtete er, wie der Mob sich an dem Zaun dr&#228;ngte, der einen der gewaltigen Strommasten sch&#252;tzte. Die Menge dr&#252;ckte und dr&#228;ngte dagegen, und kreischend fiel der Zaun um. Sie str&#246;mten durch die L&#252;cke. Ein Mann packte die unterste Strebe, schwang sich hinauf und begann zu klettern, gefolgt von einem weiteren, und noch einem, bis man nach ein paar Minuten meinen konnte, ein ganzes Volk von Ameisen krabbele an einem Baum empor.

Eddy sprang von dem Humvee und ging zu Doke, der am Rand der Klippe stand. Meine Arbeit hier oben ist getan. Ich gehe jetzt hinunter. Gott hat mich dazu auserw&#228;hlt, den Antichristen zu stellen. &#220;bernehmen Sie hier oben das Kommando.

Doke umarmte ihn. Gott segne Sie, Pastor.

Und jetzt zeigen Sie mir, wie ich diese Klippe hinunterkomme.

Doke zog ein paar Nylongurte aus dem Haufen zu seinen F&#252;&#223;en und legte sie um Eddys Beine und Becken. Er fixierte sie mit einem Schraubkarabiner. Das ist ein Klettergeschirr, sagte er. Das Seil wird hier doppelt durch die Seilbremse gef&#252;hrt  wenn Sie loslassen, werden Sie automatisch abgebremst. Eine Hand hierhin, eine hierhin, dann leicht nach hinten lehnen und mit den F&#252;&#223;en kleine Hopser machen, w&#228;hrend Sie das Seil durch den Karabiner gleiten lassen. Er grinste und klopfte Eddy auf die Schulter. Ganz einfach! Er drehte sich um. Macht Platz!, rief er. Macht Platz f&#252;r Pastor Eddy! Er klettert jetzt hinunter!

Die Menge teilte sich, und Doke f&#252;hrte Eddy bis ganz an den Rand. Eddy drehte sich um, packte das Seil, wie Doke es ihm gezeigt hatte, lie&#223; sich langsam &#252;ber den Rand rutschen und stie&#223; sich mit den Beinen vorsichtig von der Felswand ab, genau wie Doke gesagt hatte  dabei schlug ihm das Herz bis zum Hals, und er betete inbr&#252;nstig.


64


Das da drau&#223;en ist ein randalierender Mob, sagte Wardlaw und deutete auf den Hauptmonitor.

Hazelius riss sich endlich vom Visualizer los. Das Live-Bild zeigte die gesamte Sicherheitszone, die gerade von Verr&#252;ckten mit Messern, &#196;xten, Gewehren und h&#252;pfenden, tanzenden Fackeln &#252;berrannt wurde.

Sie steigen auf den Fahrstuhl!

Lieber Gott. Hazelius fuhr sich mit dem &#196;rmel &#252;bers Gesicht. Ken, rief er, wie viel Zeit bleibt Isabella noch?

Die besch&#228;digte Spule k&#246;nnte sich jederzeit verabschieden, schrie Dolby, und dann sind wir tot. Wenn wir die Supraleitung verlieren, k&#246;nnten die Strahlen von der Bahn abweichen, die Vakuumr&#246;hre zerst&#246;ren und eine Explosion ausl&#246;sen.

Wie gro&#223;?

Vermutlich ziemlich gro&#223;  so etwas ist noch nie passiert. Er warf einen Blick auf seinen Bildschirm. Harlan! Mehr Saft ins System. Du musst den Magnetfluss aufrechterhalten.

Ich bin jetzt schon bei hundertzehn Prozent der erlaubten Zufuhr, erwiderte St. Vincent.

Tu es trotzdem, sagte Dolby.

Wenn das Netz zusammenbricht, haben wir gar keinen Strom mehr und sind auch tot.

Rauf damit.

Harlan St. Vincent gab den Befehl &#252;ber die Tastatur ein.

Was ist mit dem Aufstand da drau&#223;en?, br&#252;llte Wardlaw. Die haben die Hangars am Flugfeld angez&#252;ndet!

Hier kommen sie nicht rein, sagte Hazelius gelassen.

Es kommen immer noch mehr an den Seilen runter.

Hier drin sind wir sicher.

Ford beobachtete auf dem Monitor, wie der Mob das Aufzugsgeb&#228;ude st&#252;rmte und die ersten das Dach erreichten. Die Kamera wackelte, das Bild stand auf einmal halb kopf, und urpl&#246;tzlich war der Bildschirm schwarz.

Gregory, wir m&#252;ssen Isabella abschalten, sagte Dolby.

Ken, geben Sie mir nur noch f&#252;nf Minuten.

Dolby starrte ihn an, und sein Unterkiefer zitterte vor schierer Emotion.

F&#252;nf Minuten. Ich flehe Sie an. Wir sprechen vielleicht gerade mit Gott, Ken. Mit Gott.

Schwei&#223; rann &#252;ber Dolbys Gesicht. Sein Kiefer zuckte. Er nickte abgehackt und wandte sich wieder seiner Maschine zu.

Diese neue Religion, die wir predigen sollen, begann Hazelius. Was sollen wir den Menschen anbieten, das sie verehren k&#246;nnten? Wo ist die Sch&#246;nheit, die Ehrfurcht bei alledem?

Ford bem&#252;hte sich, die Antwort zu lesen, die halb hinter einem wahren Schneesturm aus Grie&#223; auf dem Visualizer verborgen war.

Ich bitte euch, &#252;ber das Universum nachzusinnen, von dessen Existenz ihr jetzt wisst. Ist es nicht schon an sich ehrfurchtgebietender als jedes Konzept eines Gottes, das die historischen Religionen je hervorgebracht haben? Hundert Milliarden Galaxien, einsame Inseln aus Feuer, wie leuchtende M&#252;nzen in einen so gewaltigen leeren Raum geschleudert, dass er die biologische F&#228;higkeit des Menschen, ihn zu begreifen, weit &#252;berschreitet? Und ich sage euch, das Universum, das ihr entdeckt habt, ist nur ein winziger Bruchteil, eine Ahnung vom Ausma&#223; und der Pracht der gesamten Sch&#246;pfung. Ihr bewohnt ein blaues P&#252;nktchen an den unendlichen Gew&#246;lben des Himmels, und doch ist mir dieses blaue Fleckchen kostbar, als wesentlicher Teil des Ganzen. Deshalb bin ich zu euch gekommen. Verehrt mich und meine gro&#223;en Werke, nicht irgendeinen Stammesgott, den ein paar kriegerische Hirten sich vor Tausenden von Jahren ausgedacht haben.

Dolby starrte nun auch auf den Visualizer, mit schwei&#223;nassem Gesicht und zusammengebissenen Z&#228;hnen. Hazelius wandte sich nach einem raschen Blick zu ihm wieder dem Monitor zu, einen begierigen Ausdruck auf dem schmalen Gesicht. Mehr, sag uns mehr.

Ich habe Alarmmeldungen von &#252;berall aus dem Netz, sagte St. Vincent, dessen ruhige Stimme nun zum ersten Mal zu brechen drohte. Transformatoren an Hauptleitung eins sind &#252;berhitzt, von hier bis fast zur Grenze nach Colorado.

Ertastet mein Antlitz mit euren wissenschaftlichen Experimenten. Sucht mich im Kosmos und im Elektron. Denn ich bin der Gott ewiger Zeit und allumfassenden Raums, der Gott der Supercluster und der Leere, der Gott des Urknalls und der inflation&#228;ren Expansion, der Gott der Dunklen Materie und der Dunklen Energie.

Die Br&#252;cke begann zu beben, und der Gestank schmorender Elektronik lag auf einmal in der Luft.

Die Sicherheitskameras am Flugplatz zeigten, dass beide Hangars lichterloh brannten. Der Mob hatte einen Hubschrauber auf dem Helipad umzingelt. Ein Soldat mit einer M16 stand in der T&#252;r des Hubschraubers und feuerte &#252;ber die K&#246;pfe der Menge hinweg, um sie zur&#252;ckzuhalten. Die Rotorbl&#228;tter begannen sich zu drehen.

Wo kommen all diese Leute her? Innes starrte auf den Monitor, und seine Stimme erhob sich schrill &#252;ber Isabellas Kreischen.

Wissenschaft und Glaube k&#246;nnen nicht koexistieren. Eines wird das andere zerst&#246;ren. Ihr m&#252;sst daf&#252;r sorgen, dass es die Wissenschaft ist, die &#252;berlebt, denn sonst ist euer kleines blaues P&#252;nktchen verloren 

Edelstein meldete: Meine p-f&#252;nfer &#252;berhitzen.

Gebt mir noch eine Minute, donnerte Hazelius. Er wandte sich dem Visualizer zu und br&#252;llte &#252;ber den L&#228;rm hinweg: Was sollen wir tun?

Mit meinen Worten werdet ihr obsiegen. Berichtet der Welt, was hier geschehen ist. Sagt der Welt, dass Gott zur Menschheit gesprochen hat  zum ersten Mal. Ja, zum ersten Mal!

Aber wie sollen wir dich ihnen erkl&#228;ren, wenn du uns nicht sagen kannst, was du bist?

Wiederholt nicht den Fehler der historischen Religionen und verstrickt euch in Disputationen dar&#252;ber, wer ich bin oder was ich denke. Ich bin zu gro&#223;, als dass ihr mich begreifen k&#246;nntet. Ich bin der Gott eines Universums, das so gewaltig ist, dass nur die Gotteszahlen es beschreiben k&#246;nnen. Die erste dieser Zahlen habe ich euch genannt.

O Schei&#223;e, sagte Wardlaw, den Blick starr auf die &#220;berwachungsmonitore gerichtet.

Ford wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Sicherheitskameras zu. Der Mob auf dem Bildschirm attackierte nun den Hubschrauber mit Steinw&#252;rfen und Gewehrsch&#252;ssen, w&#228;hrend der Soldat, der ihn bewachte, immer noch &#252;ber die K&#246;pfe der Menge hinwegschoss. Jemand schleuderte einen Molotowcocktail auf den Hubschrauber. Das zu kurz gezielte Geschoss landete vor der Maschine, Flammen z&#252;ngelten gierig &#252;ber den Asphalt. Der Soldat senkte nun die Waffe und feuerte in die Menge. Der Hubschrauber hob sich langsam vom Boden.

O Gott, sagte Wardlaw, der nun aussah, als sei ihm schlecht.

Trotz des Maschinengewehrfeuers schloss sich die rasende Menge immer enger um den Hubschrauber, blitzend prallten ihre Kugeln von der Panzerung ab.

 Ihr seid die Propheten, die eure Welt in die Zukunft f&#252;hren. F&#252;r welche Zukunft werdet ihr euch entscheiden? Ihr haltet den Schl&#252;ssel in H&#228;nden 

Vor Fords Augen flog ein halbes Dutzend Molotowcocktails aus der Menge und barst an der Seite des Hubschraubers. Die Flammen loderten auf und verschlangen die Rotoren. Eine Treibstoffleitung fing Feuer, und mit einem gewaltigen, dumpfen Knall explodierte der Helikopter  ein gl&#252;hender Feuerball, der in der Nachtluft zu schweben schien. Dann regneten Tr&#252;mmer auf den Asphalt hinab wie ein feuriger Wasserfall. Der gl&#252;hende Teich, in den er sich ergoss, wuchs rasch, denn der brennende Treibstoff floss in alle Richtungen. Einen Augenblick sp&#228;ter sprang der Soldat aus den lodernden Flammen, er schlug um sich, ganz in Feuer eingeh&#252;llt, und st&#252;rzte brennend auf den Asphalt.

Herr im Himmel, sagte Wardlaw. Sie haben den Helikopter in die Luft gesprengt.

Hazelius hatte nur Augen f&#252;r den Visualizer und achtete gar nicht auf den Sicherheitschef.

Und jetzt seht euch das an!, schrie Wardlaw und zeigte mit dem Finger auf den Monitor. Der Mob steht schon vor der Bunkert&#252;r! Sie haben es auf Isabella abgesehen. Sie bringen die Soldaten da drau&#223;en um!

Dolby rief: Ich schalte Isabella jetzt ab!

Nein! Hazelius st&#252;rzte sich auf Dolby, es gab ein kurzes Handgemenge, doch diesmal war Dolby vorbereitet gewesen und schleuderte den zierlichen Mann ohne Z&#246;gern zu Boden. Dann drehte er sich zu seiner Tastatur um.

Gesperrt! Isabella h&#228;ngt!, kreischte er. Sie nimmt  die Abschalt-Codes nicht an!

O lieber Gott, wir sind tot, sagte Innes. Wir sind tot.


65


Bern Wolf dr&#252;ckte sich hinter den Soldaten in die Schatten unter der Titant&#252;r. Die Leute vor ihnen, immer mehr, waren wie besessen die Seile heruntergerutscht und dr&#228;ngten sie nun gegen die Felswand. Welcher Soldat hatte je solchen Gegnern gegen&#252;bergestanden, einem randalierenden Haufen amerikanischer Staatsb&#252;rger, einem Mob aus Zivilisten, darunter auch Frauen? Es war verr&#252;ckt. Wer waren diese Leute? Davidianer? Oder vom Ku-Klux-Klan? Aber ihre Kleidung war bunt zusammengew&#252;rfelt, und sie waren mit allem M&#246;glichen bewaffnet, von Gewehren bis hin zu Wurfsternen. Viele von ihnen schwenkten provisorisch zusammengebastelte Kreuze, und sie dr&#228;ngten sich immer n&#228;her an die Soldaten heran, die nicht mehr weiter zur&#252;ckweichen konnten.

Doerfler hob schlie&#223;lich die Stimme. Diese Einrichtung ist Eigentum der amerikanischen Regierung!, rief er. Legen Sie die Waffen nieder. Sofort.

Eine ausgemergelte Gestalt trat aus der Menge vor, einen gro&#223;en Revolver in der Hand.

Ich bin Pastor Russell Eddy. Wir sind die Armee Gottes, gekommen, um diese H&#246;llenmaschine und den Antichrist dort drin zu zerst&#246;ren. Treten Sie beiseite, und lassen Sie uns durch.

Die Leute waren verschwitzt, ihre Augen leuchteten unheimlich hell im Licht der starken Scheinwerfer, und ihre K&#246; rper schwankten vor Erregung. Manche weinten, die Tr&#228;nen liefen ihnen unverhohlen &#252;bers Gesicht. Und immer mehr kamen an den Seilen herab. Es schien, als wolle der Ansturm kein Ende nehmen und als gebe es keine M&#246;glichkeit, sie aufzuhalten.

Wolf starrte sie an, fasziniert und angewidert. Sie sahen aus wie besessen.

Es ist mir schei&#223;egal, wer Sie sind, bellte Doerfler, oder was Sie hier wollen. Ich warne Sie ein letztes Mal: Legen Sie die Waffen nieder.

Sonst?, fragte Eddy, dessen Stimme nun zuversichtlicher klang.

Sonst werden meine M&#228;nner sich und diese Regierungseinrichtung mit allen zur Verf&#252;gung stehenden Mitteln verteidigen. Die Waffen auf den Boden, sofort.

Nein, erwiderte der d&#252;rre Pastor. Wir werden unsere Waffen nicht niederlegen. Ihr seid Diener der Neuen Weltordnung, S&#246;ldner des Antichristen!

Doerfler ging langsam mit ausgestreckter Hand auf Eddy zu und sagte laut: Geben Sie mir die Waffe, Mann.

Eddy richtete den Revolver auf ihn.

Sehen Sie sich doch mal an, schnaubte Doerfler ver&#228;chtlich. Wenn Sie das Ding abfeuern, werden Sie niemanden verletzten au&#223;er sich selbst. Geben Sie mir die Waffe. Sofort.

Ein Schuss krachte, und Doerfler wurde hinten&#252;bergeschleudert. Er st&#252;rzte, rollte sich ab und zog im Aufstehen seine eigene Pistole. Offensichtlich trug er unter dem Kampfanzug eine schusssichere Weste.

Ein zweiter Schuss aus dem Revolver sprengte die obere H&#228;lfte seines Kopfes weg.

Wolf warf sich auf den Boden, krabbelte auf H&#228;nden und Knien von der T&#252;r weg und kauerte sich an den sch&#252;tzenden Fels. Um ihn herum brach ein tosender L&#228;rm aus, als ginge die Welt unter: Maschinengewehrfeuer, Explosionen, Schreie. Er kr&#252;mmte sich wie ein F&#246;tus zusammen, barg den Kopf in den H&#228;nden und versuchte, in den Fels zu kriechen, w&#228;hrend &#252;berall Waffen ratterten und knallten und Kugeln zischend und krachend gegen den Stein um ihn herum prallten. Splitter regneten auf ihn herab. Der H&#246;llenl&#228;rm schien ewig zu dauern, durchsetzt von grauenhaften Todesschreien und den eklig nassen, rei&#223;enden Ger&#228;uschen von Geschossen, die Menschen in St&#252;cke fetzten. Er presste die H&#228;nde auf die Ohren und versuchte, all das auszusperren.

Die Raserei ebbte ab, und einen Moment lang war alles still, bis auf das Klingeln in seinen Ohren.

Er blieb zusammengekauert liegen, bet&#228;ubt und wie besinnungslos.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er zuckte zur&#252;ck.

Immer mit der Ruhe. Jetzt ist alles gut. Steh auf.

Er hielt die Augen fest zusammengekniffen. Eine Hand packte sein Hemd, zerrte ihn grob auf die Beine und riss dabei die H&#228;lfte seiner Kn&#246;pfe ab.

Sieh mich an.

Wolf hob den Kopf und &#246;ffnete die Augen. Es war dunkel  die Scheinwerfer waren zerschossen. &#220;berall lagen Leichen, es war eine Szenerie wie in der H&#246;lle, nein, schlimmer als die H&#246;lle; ein paar Leute waren halbiert worden, einzelne K&#246;rperteile lagen &#252;berall verstreut. Andere waren entsetzlich schwer verwundet, manche gaben seltsame Laute von sich, gurgelten, husteten, ein paar kreischten vor Schmerz. Der Mob war schon dabei, die Leichen zum Rand der Klippe zu schleifen und von der Kante zu rollen.

Er erkannte den Mann, der ihn gepackt hielt: dieser Pastor Eddy, der Doerfler niedergeschossen und damit das Feuergefecht angefangen hatte. Er war mit dem Blut anderer Menschen bespritzt.

Wer bist du?

Ich bin  ich bin nur der Computertechniker.

Eddy sah ihn an, gar nicht unfreundlich. Stehst du auf unserer Seite?, fragte Eddy leise. Nimmst du Jesus Christus als deinen pers&#246;nlichen Erl&#246;ser an?

Wolf &#246;ffnete den Mund, bekam aber nur ein Kr&#228;chzen heraus.

Pastor, sagte eine Stimme, wir haben nicht viel Zeit.

Es ist immer genug Zeit, um eine Seele zu retten. Eddy starrte ihn mit dunklen Augen an. Ich wiederhole: Nimmst du Jesus Christus als deinen pers&#246;nlichen Erl&#246;ser an? Die Zeit ist gekommen, sich f&#252;r eine Seite zu entscheiden. Der Tag des J&#252;ngsten Gerichts ist angebrochen.

Wolf brachte endlich ein Nicken zustande.

Auf die Knie, Bruder. Wir wollen beten.

Wolf war sich kaum bewusst, was er tat. Das Ganze kam ihm vor wie aus dem Mittelalter, eine Art Zwangsbekehrung. Mit zitternden Beinen versuchte er sich hinzuknien, schaffte es aber nicht schnell genug, und jemand stie&#223; ihn grob in den R&#252;cken. Er verlor das Gleichgewicht, fiel auf die Seite, und sein Hemd riss endg&#252;ltig auf.

Lasset uns beten, sagte Eddy, sank neben Wolf auf die Knie, umfasste Wolfs H&#228;nde mit seinen und neigte den Kopf, bis seine Stirn Wolfs Finger ber&#252;hrte. Himmlischer Vater, nimmst Du Dich dieses S&#252;nders an in der Stunde seiner Not? Und du, S&#252;nder, nimmst das Wort der Wahrheit an, auf dass du wiedergeboren werdest?

Ob ich  was? Wolf konnte sich nicht konzentrieren.

Ich wiederhole: Nimmst du Jesus Christus als deinen pers&#246;nlichen Erl&#246;ser an?

Wolf war &#252;bel. Ja, sagte er hastig. Ja, ich  das tue ich.

Gepriesen sei Gott! Lasset uns beten.

Wolf senkte den Kopf und kniff die Augen zu. Was zum Teufel tue ich hier?

Eddys Stimme unterbrach seine Gedanken. Wir wollen laut beten, sagte er. Empfange Jesus in deinem Herzen. Wenn du es aus freiem Willen und aufrichtig tust, wirst du das himmlische K&#246;nigreich erlangen. So einfach ist das. Er faltete die H&#228;nde und begann laut zu beten.

Wolf nuschelte einen Moment lang mit, doch dann schn&#252;rte es ihm die Kehle zu.

Du musst mit mir beten, sagte Eddy.

Ich  nein, sagte Wolf.

Aber um Jesus in dein Herz aufzunehmen, musst du beten. Du musst darum bitten 

Nein. Das tue ich nicht.

Mein Freund  mein lieber Freund , dies ist deine letzte Chance. Das J&#252;ngste Gericht steht bevor. Die Entr&#252;ckung wird bald stattfinden. Ich spreche nicht als Feind zu dir, sondern als einer, der dich liebt.

Wir lieben dich, echoten Stimmen aus der Menge. Wir lieben dich.

Ich nehme an, ihr habt auch die Soldaten geliebt, die ihr ermordet habt, sagte Wolf. Er war entsetzt &#252;ber sich selbst. Woher kam dieser pl&#246;tzliche, lebensgef&#228;hrliche Mut?

Er sp&#252;rte, wie der Lauf einer Pistole sacht seine Schl&#228;fe ber&#252;hrte. Deine letzte Chance, h&#246;rte er Eddys sanfte Stimme. Er konnte sp&#252;ren, wie ruhig die Hand war, die diese Waffe hielt.

Wolf schloss die Augen und sagte nichts. Er sp&#252;rte ein leichtes Zittern, als die Hand sich fester um den Griff der Waffe schloss und der Finger den Abzug bet&#228;tigte. Ein ohrenbet&#228;ubendes Wumm  und dann nichts mehr.


66


Jeder Monitor im Krisensitzungsraum war nun mit Teilnehmern der Videokonferenz belegt, ein paar mussten sich schon einen Bildschirm teilen. Die Stabschefs, die Leiter des Heimatschutzministeriums, des FBI, der NASA, der National Intelligence und des Energieministeriums waren zugeschaltet. Der Vizepr&#228;sident war seit drei Uhr ebenfalls im Situation Room anwesend, und jetzt war es zwanzig nach drei. In den vergangenen zwanzig Minuten, seit sie die erste Meldung &#252;ber den Brand auf dem Red-Mesa-Flugplatz erhalten hatten, hatten sich die Ereignisse &#252;berschlagen.

Stanton Lockwood kam sich vor wie in einer schlechten Fernsehserie. Es war kaum zu glauben, dass so etwas in Amerika geschehen konnte. Es war beinahe, als w&#228;re er eingeschlafen und in einem fremden Land wieder aufgewacht.

Seit der Helikopter gesprengt wurde, haben wir nichts mehr von unserem Geiselrettungsteam geh&#246;rt, sagte der FBIDirektor gerade.

Sein Gesicht war kalkwei&#223;, und das Taschentuch, mit dem er sich immer wieder den Schwei&#223; vom Gesicht wischte, lag f&#252;r den Moment zerkn&#252;llt und vergessen in seiner Hand. Diese Leute haben in &#252;berw&#228;ltigender &#220;berzahl angegriffen. Das ist nicht irgendein Mob  sie sind organisiert. Die wissen, was sie tun.

Haben sie das Team als Geiseln genommen?, fragte der Pr&#228;sident.

Ich f&#252;rchte, die meisten unserer Leute sind au&#223;er Gefecht gesetzt  oder tot.

Jemand, der auf dem Bildschirm nicht zu sehen war, reichte ihm ein Blatt Papier. Er &#252;berflog es. Ich habe gerade einen Bericht erhalten  Seine Hand zitterte leicht. Sie haben es geschafft, eine der drei Hauptstromleitungen zu Isabella zu unterbrechen. Das hat einen Ausfall des gesamten Stromnetzes zur Folge. Wir haben Stromausfall im ganzen Norden Arizonas und in Teilen von Colorado und New Mexico.

Meine Nationalgarde, sagte der Pr&#228;sident, an die Stabschefs gewandt. Wo zum Teufel bleiben meine M&#228;nner?

Sie werden gerade gebrieft, Mr. President. Wir sind immer noch im Zeitplan, die Operation beginnt planm&#228;&#223;ig um vier Uhr f&#252;nfundvierzig.

Sie sind noch am Boden?

Ja, Sir.

Schaffen Sie sie in die Luft! Briefen Sie sie unterwegs!

Aber unsere Ausr&#252;stung ist stark reduziert, und jetzt auch noch der Stromausfall 

Fliegen Sie alles r&#252;ber, was Sie haben.

Mr. President, unseren neuesten Erkenntnissen zufolge befinden sich zwischen ein-und zweitausend bewaffnete Personen auf der Red Mesa. Sie glauben, dies sei Armageddon. Die Wiederkunft Christi. Deshalb bedeutet ihnen ein Menschenleben nichts, weder das eigene noch das Leben anderer. Wir k&#246;nnen die M&#228;nner nicht schlechtausger&#252;stet und unvorbereitet in eine solche Situation werfen. Es gibt Berichte &#252;ber Br&#228;nde und gro&#223;e Explosionen auf der Red Mesa. Und immer noch weichen Hunderte von Leuten unseren Stra&#223;ensperren aus und str&#246;men querfeldein dorthin, viele haben Gel&#228;ndefahrzeuge. Der Flugplatz kann mit Starrfl&#252;gel-Maschinen nicht mehr angeflogen werden. Eine Predator-Drohne m&#252;sste dort ankommen und uns zumindest Bilder liefern, in  weniger als zwanzig Minuten. Wir m&#252;ssen einen strategischen, gutorganisierten Angriff auf die Mesa sorgf&#228;ltig vorbereiten  sonst vergeuden wir nur noch mehr Menschenleben.

Das ist mir klar. Aber wir haben da oben auch noch eine Vierzig-Milliarden-Dollar-Maschine, elf FBI-Agenten und ein Dutzend Wissenschaftler, deren Leben ebenfalls auf dem Spiel steht 

Entschuldigen Sie, Mr. President, unterbrach ihn der Energieminister. Isabella l&#228;uft immer noch mit voller Kraft, doch anscheinend destabilisiert sie gerade. Unsere Fern&#252;berwachung zeigt an, dass die Protonen-Antiprotonen-Strahlen dekollimiert sind und 

Dr&#252;cken Sie sich verst&#228;ndlich aus.

Wenn Isabella nicht abgeschaltet wird, k&#246;nnte die R&#246;hre, in der sich die Strahlen bewegen, ein Leck bekommen, und das h&#228;tte eine Explosion zur Folge.

Wie gro&#223;?

Kurzes Z&#246;gern. Ich bin kein Physiker, aber man hat mir erkl&#228;rt, wenn die Strahlen sich vorher kreuzen, k&#246;nnte diese Konvergenz eine Singularit&#228;t erzeugen, die mit der Sprengkraft einer kleinen Atombombe von etwa einer halben Kilotonne detonieren w&#252;rde.

Wann?

K&#246;nnte jeden Moment so weit sein.

Der Vorsitzende des Generalstabs meldete sich zu Wort.

Ich m&#246;chte Ihnen nicht noch zus&#228;tzlichen Druck machen, aber die Aufmerksamkeit der Medien entwickelt sich gerade zum Tsunami. Wir m&#252;ssen das in den Griff bekommen  sofort.

Sperren Sie den Luftraum im Radius von hundertf&#252;nfzig Kilometern um die Mesa, bellte der Pr&#228;sident. Verh&#228;ngen Sie den Ausnahmezustand &#252;ber das gesamte Reservat. Und rufen Sie das Kriegsrecht aus. Verbannen Sie s&#228;mtliche Presse. S&#228;mtliche Presse.

Wird gemacht.

Zus&#228;tzlich zu den Truppen der Nationalgarde will ich &#252;berw&#228;ltigende Milit&#228;rpr&#228;senz da oben. Ich will, dass das USMilit&#228;r die Kontrolle &#252;ber die Red Mesa und das umliegende Gebiet &#252;bernimmt, und zwar bis zum Morgengrauen. Ich will keine Ausreden mehr h&#246;ren, es gebe zu wenig Leute oder Transportmittel. Ich will, dass Sie auch zu Lande Soldaten da hinschaffen. Sie sollen eben querfeldein fahren. Das ist offenes W&#252;stenland. Setzen Sie alles ein, was Sie haben, eine &#252;berw&#228;ltigende Streitmacht, ist das klar?

Mr. President, ich habe bereits s&#228;mtliches Milit&#228;rpersonal im gesamten S&#252;dwesten mobilisieren lassen.

Und vier Uhr f&#252;nfundvierzig ist das Beste, was Sie mir bieten k&#246;nnen?

Ja, Mr. President.

Bewaffnete Terroristen besetzen Eigentum der amerikanischen Regierung und ermorden amerikanische Staatsbeamte. Ihre Verbrechen gegen diesen Staat haben nichts mit Religion zu tun. Diese Leute sind Terroristen  Punkt, aus, Ende. Haben Sie das verstanden?

Selbstverst&#228;ndlich, Sir.

Als Erstes will ich, dass dieser Fernsehprediger, Spates, sofort verhaftet und wegen Terrorverdacht in Gewahrsam genommen wird  Handschellen, Fu&#223;fesseln, das volle Programm. Und so &#246;ffentlichkeitswirksam wie m&#246;glich  ich will ein Exempel statuieren. Falls es da drau&#223;en noch irgendwelche Priester, Fernsehprediger und Fundamentalisten gibt, die diese Menschen aufstacheln, dann lassen Sie sie ebenfalls verhaften. Diese Leute sind auch nicht anders als Al-Qaida oder die Taliban.


67


Nelson Begay lag auf dem Bauch auf einer Anh&#246;he oberhalb des Nakai Valley, neben ihm Willy Becenti. Dies war der h&#246;chste Punkt der Mesa, von dem aus man das gesamte W&#252;stenplateau &#252;berblicken konnte.

Die Mutter aller Verkehrsstaus blockierte inzwischen den Dugway an der Stelle, wo er das Plateau erreichte. Hunderte, vielleicht Tausende von Fahrzeugen waren kreuz und quer geparkt, auf der riesigen offenen Fl&#228;che am Ende des Dugway. Viele waren einfach stehengelassen worden, mit eingeschaltetem Licht und offenen T&#252;ren. Zahllose Menschen stiegen zu Fu&#223; den Dugway hinauf, weil sie ihre Fahrzeuge irgendwo weiter unten hatten zur&#252;cklassen m&#252;ssen. Sie str&#246;mten die Stra&#223;e zum Isabella-Projekt entlang, schnurstracks zum Zentrum des Geschehens am Rand der Mesa, ohne den Umweg durch das Nakai Valley einzuschlagen.

Er folgte der Stra&#223;e mit dem Fernglas. Die Hangars brannten lichterloh. Die Tr&#252;mmer des Hubschraubers, in dem die Soldaten gekommen waren, brannten ebenfalls, und die Flammen schlugen gut drei&#223;ig Meter hoch in den Himmel. Leichen lagen &#252;berall darum herum verstreut, Opfer der blutigen Schie&#223;erei, die er vor ein paar Minuten von hier aus beobachtet hatte. Die meisten Angreifer hatten den Flugplatz verlassen, nachdem sie den Hubschrauber in die Luft gejagt hatten, doch ein paar waren zur&#252;ckgeblieben, um mit Hilfe eines gro&#223;en Baggers Gr&#228;ben quer &#252;ber die Landebahn zu ziehen.

Er folgte der str&#246;menden Menschenmasse weiter, bis er im Fernglas den abgez&#228;unten Bereich am Rand der Mesa sah. In der Sicherheitszone wimmelte es von Menschen; Begay sch&#228;tzte, dass es mindestens tausend waren. Eine brodelnde Masse schob sich an einem der riesigen Strommasten empor, die Obersten hatten schon drei Viertel der H&#246;he geschafft. Andere hatten auf einem hohen Geb&#228;ude ganz am Rand der Mesa ein grob gezimmertes Kreuz errichtet und besch&#228;ftigten sich nun damit, alle m&#246;glichen Sendemasten einzurei&#223;en, die vom Dach aufragten.

Langsam lie&#223; Begay sein Fernglas sinken.

Hast du eine Ahnung, was zum Teufel da los ist?, fragte Becenti.

Begay sch&#252;ttelte den Kopf.

Eine Art Ku-Klux-Klan-Treffen? Oder die Aryan Nation?

Da sind Schwarze und Spanischst&#228;mmige dabei. Sogar ein paar Indianer.

Das will ich sehen.

W&#228;hrend Becenti zum &#246;stlichen Ende der Mesa starrte, verdaute Begay, was er eben gesehen hatte. Zun&#228;chst hatte er geglaubt, das sei eine Versammlung von irgendwelchen Esoterik-Spinnern  so etwas kam im Reservat h&#228;ufiger vor. Doch als sie den Hubschrauber in Brand gesteckt hatten, war ihm klargeworden, dass es hier um etwas ganz anderes gehen musste. Vielleicht hatte es etwas mit diesem Fernsehprediger zu tun, von dem einige Leute ihm erz&#228;hlt hatten  er hatte eine Predigt gegen das Isabella-Projekt gehalten.

Becenti brummte und starrte immer noch durch das Fernglas. Sieh dir nur an, wie viele Leute sie auf dem Flugplatz get&#246;tet haben.

Ja, sagte Begay. Und du kannst darauf wetten, dass es irgendeine Reaktion geben wird. Die vom FBI, oder wem der Hubschrauber sonst geh&#246;rt hat, werden nicht einfach rumhocken und sich diese Schei&#223;e in Ruhe angucken. Wir sollten lieber nicht mehr hier sein, wenn das Feuerwerk losgeht.

Wir k&#246;nnten doch noch ein bisschen bleiben und zuschauen. Schlie&#223;lich sitzt man nicht jeden Tag in der ersten Reihe, wenn die Bilagaana sich gegenseitig in die Luft jagen. Wir haben doch immer gewusst, dass die Wei&#223;en das eines Tages fertigbringen w&#252;rden, nicht wahr? Erinnerst du dich an diese Prophezeiung?

Willy, h&#246;r auf. Wir m&#252;ssen alle zusammenrufen und zusehen, dass wir von diesem verdammten Berg runterkommen.

Sie standen auf und gingen zur&#252;ck ins Tal.


Randy Doke stand auf der Motorhaube des Humvee &#252;ber der tobenden Menge, die st&#228;mmigen Arme vor der Brust verschr&#228;nkt. Sein Aussichtspunkt bot ihm einen guten Blick auf die Leute, die den Hochspannungsmast erklommen. Die Ersten kamen gerade oben an. Die Stromleitungen summten und knisterten. Er f&#252;hlte sich so energiegeladen wie noch nie in seinem Leben. Fr&#252;her hatte Doke sich in Heroin, Kokain und Alkohol verloren. Auf dem absoluten Tiefpunkt  betrunken und mit vollgeschissener Hose in einem Bew&#228;sserungsgraben irgendwo au&#223;erhalb von Bel&#233;n, New Mexico  dr&#228;ngte sich eine tiefversch&#252;ttete Erinnerung, ein Gebet aus Kindertagen, in seine Gedanken. Seine Mutter hatte ihn dieses Gebet gelehrt, ehe der versoffene alte Drecksack, mit dem sie zusammenlebte, erst sie und dann sich selbst erschossen hatte. Der Singsang der Verse hallte in seinem Kopf wider: Jesus liebt mich ganz gewiss, denn die Bibel sagt mir dies  Und genau in diesem Augenblick, in dem stinkenden Graben in Bel&#233;n, hatte Jesus die Hand ausgestreckt und Dokes wertlosen Arsch gerettet. Jetzt schuldete er dem Kerl etwas  er schuldete ihm was. F&#252;r Jesus w&#252;rde er alles tun.

Er hob sein Fernglas. Ein Mann hatte eine Stelle direkt unterhalb der Isolatoren erreicht. Doke beobachtete, wie der Mann sich abst&#252;tzte und die Beine um die oberste Strebe schlang. Sobald er sicher darauf sa&#223;, nahm er eine Pumpgun von seiner Schulter, lud sie und legte an.

Das sieht gut aus.

Er sah zu, wie der Mann da oben durchlud und sorgf&#228;ltig zielte. Die Leute, die von unten nachkletterten, hielten inne und sahen zu. Ein Lichtblitz zerriss die Nacht, und gleich darauf drang der krachende Schuss an Dokes Ohren. Ein Funkenregen prasselte von der Starkstromleitung herab, die Leitung schwankte hin und her. Jubelrufe waren zu h&#246;ren.

Der Mann setzte sich wieder sicher zurecht und lud durch. Ein zweiter Lichtblitz, gefolgt von einem Krachen. Die Leitung verspr&#252;hte Tausende Funken und zog sich von dem Mast zur&#252;ck wie eine drohende Klapperschlange vor einer Schrotladung. Die Menge br&#252;llte vor Begeisterung.

Ein dritter Schuss. Diesmal explodierte ein Feuerregen in der Dunkelheit. Die n&#228;chste Leitung wurde durchtrennt, mit einem tiefen, bebenden Schwirren, das in der Luft zu vibrieren schien; das abgetrennte Ende, aus dem Feuer tropfte, st&#252;rzte wie ein Peitschenhieb in Zeitlupe in die Menge unterhalb des Mastes. Beim Aufprall krachte es, Flammen und Rauch zischten, Leute wurden kreuz und quer durch die Gegend geschleudert, Panik brach aus.

Hammerm&#228;&#223;ig.

Doke richtete das Fernglas wieder nach oben. Der Mann lud erneut durch und zielte. Doch nun br&#252;llten die Leute auf dem Turm  was? Schrien sie ihm zu, er solle aufh&#246;ren? Nein, dachte Doke. Mach weiter, Mann.

Wieder krachte ein Gewehrschuss. Ein St&#252;ck eines Isolators st&#252;rzte in einem wahren Feuerwerk herab, eine weitere Leitung riss und schlug gegen den Mast zur&#252;ck. Es war, als r&#252;ttele ein unsichtbarer Riese an dem Turm aus Metall; die Leute fielen einfach von den Leitern, K&#246;rper st&#252;rzten herab, prallten gegen die unteren Streben, wurden herumgeschleudert und trafen mit einer Reihe dumpfer Schl&#228;ge auf dem Boden auf.

Die Leitung peitschte durch die Luft auf ihn zu, sie klang wie das Feedback einer gigantischen E-Gitarre. Doke sprang von dem Humvee, als das zischende Kabel dar&#252;berpeitschte und einen Funkenregen aufsteigen lie&#223;. Er fiel in die panische Menge und krabbelte &#252;ber gest&#252;rzte Menschen hinweg, um dem Ding zu entkommen. Der Humvee stand pl&#246;tzlich in Flammen, und gleich darauf sp&#252;rte er die Hitze des explodierenden Benzintanks, die Schockwelle, das pl&#246;tzliche Gl&#252;hen in der Luft.

Er rappelte sich auf und versuchte, den Schaden zu &#252;berblicken.

Die Leitung war quer &#252;ber die halbe Sicherheitszone gepeitscht und hatte eine Spur aus Flammen hinterlassen. Das Aufzugsgeb&#228;ude brannte ebenso wie ein halbes Dutzend Kiefern. Tote und gr&#228;sslich verbrannte Menschen lagen um das brennende Fahrzeug verstreut.

Noch mehr Seelen f&#252;r den Himmel, dachte Doke. Mehr Seelen, die zur Rechten Gottes sitzen.


68


Auf seinem Flachbildschirm sah Ken Dolby, wie die Anzeige f&#252;r die Stromzufuhr pl&#246;tzlich hochschnellte, dann abst&#252;rzte und wild flackerte.

Isabella! Verzweifelt gab er den Abschalt-Code erneut ein. Der Bildschirm spie ihm entgegen: CODE BYPASS ERROR.

Schei&#223;e!

Eine Sirene schrillte los, das gespenstische Geheul hallte durch die Br&#252;cke, und an der Decke blitzte eine rote Warnlampe.

Gef&#228;hrliche &#220;berlastung!, br&#252;llte St. Vincent.

Ein dumpfer Knall ersch&#252;tterte den Raum, und der Visualizer explodierte in einem Regen von Glassplittern, die wie Hagel auf den Boden trommelten.

Isabella!, schrie Dolby und klammerte sich mit beiden H&#228;nden an seinen Arbeitstisch.

Mach jetzt nicht schlapp, Isabella.

St. Vincent k&#228;mpfte an seiner Konsole und legte einen Unterbrecherschalter nach dem anderen um. Die Stromzufuhr auf der Eins ist unterbrochen! Wie konnte das passieren? Das ist unm&#246;glich!

Der Strahl!, schrie Kate auf und st&#252;rzte an ihre Tastatur. Er dekollimiert! Ich habe  eine Abweichung!

Hazelius stie&#223; einen heiseren Schrei aus. Chen! Diese letzte Botschaft! Ich konnte nicht alles lesen! Haben Sie sie?

Ich kann sie nicht finden!, sagte Chen. Vielleicht habe ich sie verloren  alles verloren.

Den Output sofort ausdrucken!, donnerte Hazelius.

Dolby zwang sich, das Chaos seiner Umgebung aus seinem Bewusstsein zu verdr&#228;ngen. Isabella reagierte auf keine seiner Eingaben an der Tastatur. Irgendetwas war passiert  die Server mussten abgest&#252;rzt sein. Er wandte sich an Edelstein. Boote den Hauptcomputer. Ignoriere s&#228;mtliche Einschaltroutinen und Pr&#252;fsequenzen. Schalte den Mistkerl einfach an.

Ein elektrischer Bogen flammte &#252;ber die zerschmetterten &#220;berreste des Visualizers. Eine dumpfe Explosion aus der Tiefe des H&#246;hlensystems war zu h&#246;ren und zu sp&#252;ren, dann eine zweite. Isabellas Summen wurde zu einem wilden Kreiseln, Dr&#246;hnen, Brummen, Heulen. Der Raum f&#252;llte sich mit Qualm.

Wir erschaffen gerade ein Schwarzes Mini-Loch, sagte Kate leise.

Das ist doch nicht zu glauben!, kreischte Wardlaw. Wissen Sie, warum Sie auf der Eins keinen Strom mehr bekommen? Diese Drecks&#228;cke da drau&#223;en haben gerade die Leitung zerschossen  Vor der T&#252;r zu Isabella dr&#228;ngt sich ein ganzer Mob  O Gott, ich verliere die &#220;berwachungskameras  die laufen &#252;ber den Fahrstuhl 

Statisches Zischen, und eine ganze Reihe von Monitoren wurde schwarz. Die gesamte &#220;berwachungsstation war tot, die Warnlampen erloschen. Isabella st&#246;hnte und jammerte.

Drucken Sie das?, br&#252;llte Hazelius Chen an.

Ich hab es, aber ich muss erst einen Drucker finden, der noch funktioniert! Sie h&#228;mmerte auf ihrer Tastatur herum, und der Schwei&#223; rann ihr in Str&#246;men &#252;bers Gesicht.

O Gott, bitte  Verlieren Sie das ja nicht, Rae.

Ich habs!, schrie Chen. Drucke! Sie sprang auf und rannte quer durch den Raum zu den Druckern. Sie fing das Endlospapier auf, das der Drucker ausspuckte, und riss es ab, sobald er fertig war. Hazelius nahm es ihr sofort ab, faltete es zusammen und stopfte es in seine hintere Hosentasche. Sehen wir zu, dass wir hier rauskommen.

Der Raum wurde von einem weiteren ged&#228;mpften Rumms ersch&#252;ttert, der Dolby zu Boden schleuderte. Die Lampen flackerten, elektrische B&#246;gen zischelten an den Konsolen entlang. Isabella st&#246;hnte tief, als litte sie Qualen. Dolby rappelte sich auf und kehrte zu seiner Konsole zur&#252;ck.

Ford packte ihn am Arm. Ken! Wir m&#252;ssen hier raus!

Dolby sch&#252;ttelte ihn ab und versuchte es noch einmal mit dem Code.

CODE BYPASS ERROR.

Der Hauptcomputer bootete. Dolby br&#252;llte: Alan! Ich habe doch gesagt, du sollst die p-f&#252;nfer abschalten!

Ken, vergiss es! Wir m&#252;ssen weg! Das war wieder Ford.

Bleib bei mir, Isabella.

Er arbeitete weiter. Er musste zu Isabella durchdringen. So oder so. Er musste sie sicher abschalten. Der schadhafte Magnet zersetzte sich. Die beiden Teilchenstrahlen waren von ihrer Bahn in der Mitte abgewichen, au&#223;er Kontrolle. Wenn sie den Rand ber&#252;hrten, oder einander streiften 

Dolby! Hazelius packte ihn an der Schulter. Sie k&#246;nnen sie nicht retten! Wir m&#252;ssen gehen!

Lassen Sie mich! Dolby schlug nach Hazelius, verfehlte ihn aber. Er wandte sich sofort wieder dem Bildschirm zu und wurde fuchsteufelswild &#252;ber das, was er da sah. Alan! Verdammt noch mal, die p-f&#252;nfer laufen ja immer noch! Ich habe dir doch gesagt, du sollst sie abschalten!

Er bekam keine Antwort. Er blickte sich um und versuchte, Edelstein zu finden, doch der Raum war nun voller Qualm. Er wischte sich die tr&#228;nenden Augen und hustete. Der Rauch war &#252;berall. Die Br&#252;cke war leer.

Er konnte Isabella retten. Er wusste es. Und wenn er es nicht schaffte  welchen Sinn sollte das Leben dann noch haben?

Ich bin hier, Isabella. Bleib bei mir, nur noch ein bisschen.


Russell Eddy hatte es getan. Er hatte get&#246;tet. Gott hatte ihm die Kraft dazu verliehen. Die Schlacht hatte begonnen.

Dass er den S&#252;nder get&#246;tet hatte, wirkte auf die Menge, als h&#228;tte er einen Stecker in die Steckdose gesteckt. Sie summten vor Erregung. Neubelebt trat Eddy vor die gro&#223;e Titant&#252;r. Er baute sich davor auf, drehte sich um und hielt seine Waffe hoch. Und es ward dem Widerchrist gegeben, dass er dem Bilde des Tiers den Geist gab! Wer will an meiner Seite sein, wenn ich dem Widerchrist gegen&#252;bertrete?

Die Menge br&#252;llte begeistert.

Wer will an meiner Seite dem Antichristen gegen&#252;bertreten!

Ein weiteres, fiebrig klingendes Br&#252;llen. Eddy sp&#252;rte, wie ihn ein wahrer Kraftsto&#223; durchfuhr.

Er ist der Gesetzlose!

Br&#252;llen.

Der Boshafte!

Das Tosen der Menge war unkontrollierbar.

Im Namen Gottes und seines einzigen Sohnes Jesus Christus werden wir ihn zerst&#246;ren!

Die Menge st&#252;rmte gegen die T&#252;r, doch das Titan gab nicht nach.

Tretet zur&#252;ck!, schrie Eddy. Wir werden durch diese T&#252;r gehen! Er zielte mit seinem Revolver auf die T&#252;r  doch eine Hand packte seine Faust.

Pastor, dieser Revolver wird Ihnen nicht viel n&#252;tzen. Ein Mann im Kampfanzug mit einem AR-15-Sturmgewehr auf dem R&#252;cken trat vor. Sehen Sie diese Vorrichtung da dr&#252;ben? Er deutete auf drei konische Apparate auf dreibeinigen Gestellen, die auf die T&#252;r ausgerichtet waren. Das ist eine Sprengvorrichtung speziell f&#252;r Mauerdurchbr&#252;che, fertig vorbereitet, bereit zur Z&#252;ndung. Die Soldaten hier hatten vor, ein Loch in diese T&#252;r zu sprengen. Sie wollten auch an Isabella heran.

Woher wissen Sie das?

Mike Frost, ehemals bei der Fifth Special Forces Group. Er zerquetschte Eddy fast die Hand.

Bringen Sie uns da rein, Mike.

Frost umkreiste die Sprengvorrichtung und musterte die Metallkegel. Das Sch&#228;tzchen ist schon mit C4 bepackt. Wir hatten verdammtes Gl&#252;ck, dass bei dem Kampf vorhin keine verirrte Kugel das Zeug getroffen hat. Diese Kabel da verbinden alle drei miteinander, und hier sind die Detonatoren. Er hob einen kleinen Zylinder auf, von dem ein Kabel hing. Er fand auch die beiden anderen, dr&#252;ckte je einen tief in das C4 und knetete die Masse darum fest.

Sagen Sie allen, sie sollen zur&#252;cktreten. Weit zur&#252;ck. Am besten da r&#252;ber, und das Gesicht zur Wand drehen.

Eddy scheuchte die unruhige Menge rasch von der T&#252;r weg. Frost spulte die Kabel ab, soweit sie eben reichten, klappte die Sicherung des Ausl&#246;sers zur&#252;ck und legte den Finger an den Schalter.

Haltet euch die Ohren zu, Leute.


69


Ford und die anderen folgten Wardlaw in den Computerraum hinter der Br&#252;cke. In dem langen, kahlen Raum mit grauen W&#228;nden standen drei Reihen stummer grauer Plastikgeh&#228;use. Dies war der schnellste, leistungsf&#228;higste Supercomputer der Welt. Seine Prozessoren summten, auf den diskreten Pulten dr&#228;ngten sich L&#228;mpchen, von denen die meisten rot oder gelb leuchteten. Am anderen Ende befand sich eine Stahlt&#252;r.

Hazelius kam nach. Dolby will nicht mit.

Wir haben drei Probleme, erkl&#228;rte Wardlaw. Erstens: Isabella wird explodieren. Zweitens: Da drau&#223;en erwartet uns ein randalierender Mob. Und drittens: Wir k&#246;nnen keine Hilfe herbeirufen.

Was tun wir denn jetzt?, heulte Thibodeaux.

Die Stahlt&#252;r da hinten f&#252;hrt in die alten Kohlensch&#228;chte. Wir m&#252;ssen hier raus. Wir m&#252;ssen ein m&#246;glichst gro&#223;es St&#252;ck von diesem Berg zwischen uns und Isabella bringen, ehe sie explodiert.

Wie kommen wir aus den Kohlensch&#228;chten wieder raus?, fragte Ford.

Am anderen Ende, sagte Wardlaw, gibt es einen alten vertikalen Schacht, &#252;ber den fr&#252;her Methan aus der Mine abgesaugt wurde. Dort drin gibt es au&#223;erdem einen alten Flaschenzug. Der funktioniert vermutlich nicht mehr. Wir werden improvisieren m&#252;ssen.

Etwas Besseres f&#228;llt Ihnen nicht ein?

Entweder das, oder wir gehen zur Vordert&#252;r raus  wo uns der Mob erwartet.

Schweigen.

Die Explosion, die gleich darauf den Computerraum ersch&#252;tterte, schleuderte Ford und die anderen durch den Raum wie W&#252;rfel im Becher. Das gewaltige Krachen hallte in alle Richtungen wider, und die Explosion rollte wie Donner durch den Berg. Die Lampen im Raum flackerten, und elektrische B&#246;gen flammten &#252;ber die Konsolen. Ford rappelte sich m&#252;hsam auf und half Kate auf die Beine.

War das Isabella?, schrie Hazelius.

Wenn das Isabella gewesen w&#228;re, w&#228;ren wir jetzt tot, erwiderte Wardlaw. Der Mob hat soeben die Titant&#252;r gesprengt.

Unm&#246;glich!

Nicht, wenn sie diese milit&#228;rischen Sprengvorrichtungen benutzt haben.

Die T&#252;r der Br&#252;cke erbebte pl&#246;tzlich unter h&#228;mmernden Faustschl&#228;gen. Ford lauschte. Er konnte Dolby wie wild arbeiten sehen, ein Gespenst im Rauch, das sich noch immer &#252;ber seine Konsole beugte.

Hazelius!, erklang eine ged&#228;mpfte, hohe Stimme hinter der T&#252;r. H&#246;rst du mich, Antichrist? Wir kommen jetzt und holen dich!


Pastor Russell Eddy kreischte die Stahlt&#252;r an: Hazelius, du hast Gott gel&#228;stert, du hast Seinen Namen geschm&#228;ht und alle, die im Himmel wohnen!

Die T&#252;r war aus dickem Stahl, und sie hatten keinen Sprengstoff mehr. In diesem recht beengten Raum mit seinem Revolver auf das Schloss zu schie&#223;en w&#228;re nutzlos und wahnwitzig gewesen.

Immer noch warfen sich die Leute gegen die T&#252;r, h&#228;mmerten dagegen und br&#252;llten.

Christen! Eddys Stimme hallte durch die H&#246;hle. H&#246;rt mich an, ihr Christen! Die Menge verfiel in nerv&#246;ses Schweigen, sofort erf&#252;llt vom infernalischen Geheul der Maschine im Tunnel. Tretet von der T&#252;r zur&#252;ck! Wir m&#252;ssen unseren Angriff gut organisieren! Er deutete mit dem Finger durch die H&#246;hle. Dort auf der anderen Seite liegt ein Stapel Stahltr&#228;ger. Die st&#228;rksten M&#228;nner  und nur M&#228;nner!  sollen einen dieser I-Tr&#228;ger holen und die T&#252;r damit einschlagen. F&#252;r euch andere habe ich eine ebenso wichtige Aufgabe. Teilt euch in zwei Gruppen auf. Die erste Gruppe soll in den langen, gebogenen Tunnel gehen, dort hinten. Er zeigte auf die ovale &#214;ffnung, aus der Kondensationsnebel waberte. Schlagt die Rohre kaputt, und zerst&#246;rt die Kabel und Leitungen, die den Supercomputer f&#252;ttern, denn er ist das Tier! Er hielt eine Seite hoch, die er aus dem Internet ausgedruckt hatte. Hier ist eine Karte des Tiers. Er deutete auf einen Mann, der ruhiger wirkte als die &#220;brigen, der seine Waffe locker und sicher trug und die Ausstrahlung eines Anf&#252;hrers zu haben schien. Sie geh&#246;rt dir. Du f&#252;hrst sie an.

Ja, Pastor.

Sobald wir die T&#252;r aufgebrochen haben, folgt mir die andere Gruppe in den Kontrollraum. Wir packen den Antichristen und zerst&#246;ren alle Ger&#228;te dort drin!

Zustimmendes Gebr&#252;ll. Zwanzig M&#228;nner waren bereits dabei, einen I-Tr&#228;ger von dem Stapel zu wuchten. Die Menge teilte sich, als sie mit ihrer schweren Last her&#252;berwankten und den Stahltr&#228;ger auf die T&#252;r ausrichteten.

Los!, schrie Eddy und trat beiseite. Schlagt die T&#252;r ein!

Schlagt sie ein! Zerst&#246;rt sie!

Die Menge wich zur&#252;ck, die M&#228;nner setzten sich in Bewegung und kamen der T&#252;r immer n&#228;her. Der Stahltr&#228;ger traf mit einem gewaltigen Krach auf die T&#252;r und dr&#252;ckte sie ein St&#252;ck ein. Der Stahltr&#228;ger prallte zur&#252;ck, und die M&#228;nner taumelten bei dem Versuch, die Wucht abzufangen.

Noch einmal!, rief Eddy.


70


Ein dumpfes Klong ersch&#252;tterte den Raum, und die Metallt&#252;r schepperte und bebte unter einem wuchtigen Schlag. Ford k&#228;mpfte sich durch den Qualm, fand Dolby und packte ihn an der Schulter. Ken, bitte, sagte er, um Himmels willen, komm mit uns.

Nein. Tut mir leid, Wyman, erwiderte Dolby. Ich bleibe hier. Ich kann  ich kann Isabella retten. Ford h&#246;rte Gebr&#252;ll und die Schreie des Mobs vor der T&#252;r. Sie rammten sie mit irgendetwas Schwerem. Sie beulte sich nach innen, und eine der Angeln wurde herausgesprengt.

Du wirst es nicht schaffen. Dir bleibt nicht mehr genug Zeit.

Durch die T&#252;r war das Gebr&#252;ll der Menge drau&#223;en zu h&#246;ren: Hazeliuuus! Antichriiist!

Dolby machte sich verzweifelt wieder an die Arbeit.

Kate trat hinter Ford. Wir m&#252;ssen hier weg.

Ford drehte sich um und folgte Kate zur&#252;ck in den Computerraum. Die anderen dr&#228;ngten sich schon vor dem Notausgang, wo Wardlaw sich bem&#252;hte, die Schlie&#223;anlage zu aktiveren.

Nun gab Wardlaw den Sicherheitscode ein und legte die Hand auf die Sensorfl&#228;che neben der Tastatur. Doch der Sensor war tot.

Wumm! Die T&#252;r zur Br&#252;cke gab nach und knallte auf den Boden. Das Gebr&#252;ll des Mobs schwoll an, als die Menge sich in die verr&#228;ucherte Br&#252;cke ergoss.

Eine Salve krachte, und Dolbys Schrei brach abrupt ab, als er an seinem Arbeitsplatz niedergeschossen wurde.

Wo ist der Antichrist?, kreischte ein Mann. Ford rannte zur T&#252;r des Computerraums, knallte sie zu und schloss ab.

Wardlaw holte seinen Hauptschl&#252;ssel hervor und riss eine Platte neben der T&#252;r aus der Wand, hinter der eine weitere Tastatur zum Vorschein kam. Er gab den Code ein. Nichts.

Sie sind da hinten!

Brecht die T&#252;r auf!

Bei Wardlaws zweitem Versuch &#246;ffnete sich der Ausgang mit einem satten Klicken. Sie dr&#228;ngten sich hindurch in die feuchte, muffige Dunkelheit des Bergwerksstollens. Ford ging als Letzter und schob Kate vor sich her. Ein langer, breiter Tunnel lag vor ihnen, gespickt mit rostigen Metalltr&#228;gern, die eine durchh&#228;ngende, rissige Decke st&#252;tzten. Es roch klamm und faulig, nach dem versteinerten Sumpf, der hier abgebaut worden war. Wasser tropfte von der Decke.

Wardlaw knallte den Notausgang zu und versuchte, die T&#252;r zu versperren. Doch die Verriegelung war elektronisch und funktionierte nicht ohne Strom.

Ein donnerndes Krachen war aus dem Computerraum zu h&#246;ren, und der L&#228;rm des Mobs schwoll an. Der Rammbock hatte auch die T&#252;r zu den Computern besiegt.

Wardlaw m&#252;hte sich ab, die T&#252;r zu verriegeln, erst mit seiner Magnetkarte, dann mit einem Code auf dem Tastenfeld au&#223;en an der T&#252;r.

Ford, hierher!

Wardlaw zog eine zweite Pistole aus seinem G&#252;rtel und reichte sie Ford. Es war eine SIG-Sauer P229. Ich werde versuchen, sie hier aufzuhalten. Die Minen da hinten sind eine Kammerbau-Konstruktion. Alles ist miteinander verbunden. Laufen Sie weiter, halten Sie sich m&#246;glichst links, vermeiden Sie Sackgassen, bis Sie die gro&#223;e Kammer erreichen, wo das Kohlenfl&#246;z zuletzt abgebaut wurde. Das sind von hier etwa viereinhalb Kilometer. Der Gasschacht ist in der hinteren linken Ecke. &#220;ber den k&#246;nnen Sie entkommen. Warten Sie nicht auf mich  schaffen Sie blo&#223; alle hier raus. Und nehmen Sie das auch mit.

Er dr&#252;ckte ihm eine starke Taschenlampe in die Hand.

Sie k&#246;nnen sie allein nicht aufhalten, sagte Ford. Das w&#228;re Selbstmord.

Ich kann Ihnen etwas Zeit verschaffen. Das ist Ihre einzige Chance.

Tony , begann Hazelius.

Rettet euch!

T&#246;tet den Antichrist!, heulte es ged&#228;mpft hinter der T&#252;r. T&#246;tet ihn!

LAUFT!, br&#252;llte Wardlaw.

Sie rannten den dunklen Tunnel entlang. Ford bildete die Nachhut. Sie platschten durch Wasserpf&#252;tzen auf dem Boden und erleuchteten ihren Weg mit Taschenlampen. Er h&#246;rte ein H&#228;mmern an der T&#252;r, das Kreischen des Mobs, und das Wort Antichriiist echote durch die Stollen. Gleich darauf krachten mehrere Sch&#252;sse. Schreie waren zu h&#246;ren, weitere Sch&#252;sse, Laute, die von Chaos und Panik k&#252;ndeten.

Der Stollen war lang und gerade, und etwa alle zehn Meter gingen im rechten Winkel G&#228;nge ab, die zu weiteren, parallel verlaufenden Stollen f&#252;hrten. Die bitumin&#246;se Schicht in der linken Wand zog sich leicht abw&#228;rtsgeneigt neben ihnen her und war aufgegeben worden, bevor man sie v&#246;llig abgebaut hatte; deshalb waren dort zahlreiche Sackgassen, offene Abbaukammern und ein Netz dunkler Sedimentschichten &#252;briggeblieben.

Weitere Sch&#252;sse krachten hinter ihnen, und in den engen R&#228;umen entwickelten sie ein verr&#252;cktes Echo. Die Luft war tot und schwer, die W&#228;nde schimmerten vor Feuchtigkeit und trugen einen Pelz aus wei&#223;em Salpeter. Der Stollen beschrieb eine breite Biegung. Ford holte zu Julie Thibodeaux auf, die den anderen hinterherlief, schlang einen Arm um sie und versuchte, ihr zu helfen.

Weitere Sch&#252;sse in der Ferne. Wardlaw in seiner letzten Schlacht, wie Leonidas bei den Thermopylen, dachte Ford traurig und war zugleich &#252;berrascht &#252;ber den Mut und den entschlossenen Einsatz dieses Mannes. Er hatte ihn v&#246;llig falsch eingesch&#228;tzt.

Der Stollen &#246;ffnete sich schlie&#223;lich zu einem weiten Raum mit niedriger Decke, gebildet vom Hauptfl&#246;z selbst; es wurde von gewaltigen Kohles&#228;ulen gest&#252;tzt, die man stehengelassen hatte, damit die Decke hielt. Die Seiten dieser Kohlepfeiler waren jede sieben Meter breit, schwarzgl&#228;nzende Fl&#228;chen aus Kohle, die im Licht der Taschenlampen schimmerten. Die Mine selbst war ein Labyrinth aus Pfeilern und offenen Bereichen, die v&#246;llig planlos angeordnet waren. Ford blieb stehen, um das Magazin zu &#252;berpr&#252;fen, und stellte fest, dass es voll geladen war, dreizehn 9-mm-Geschosse. Er lie&#223; es wieder einrasten.

Wir bleiben dicht zusammen, sagte Hazelius und wartete auf die anderen. George und Alan, Sie helfen Julie  sie tut sich schwer. Wyman, Sie bleiben hinten und geben uns R&#252;ckendeckung.

Hazelius legte Kate beide H&#228;nde auf die Schultern und sah ihr direkt ins Gesicht. Falls mir etwas zusto&#223;en sollte, &#252;bernimmst du die F&#252;hrung. Klar?

Kate nickte.


Die M&#228;nner, die Eddy begleitet hatten, kamen nicht voran, denn sie wurden im Stollen hinter dem Notausgang von jemandem beschossen, der sich hinter dem ersten Kohlepfeiler versteckte.

In Deckung!, kreischte Eddy und zielte mit seinem Blackhawk auf die Stelle, wo er das letzte M&#252;ndungsfeuer gesehen hatte; er gab einen Schuss ab, um das Gegenfeuer zu verz&#246;gern. Weitere Sch&#252;sse krachten hinter ihm, als die anderen den Stollen st&#252;rmten und ihren Beschuss auf dieselbe Stelle konzentrierten. Die Lichtkegel eines guten Dutzends Taschenlampen flackerten den Schacht entlang.

Er steht hinter dieser Kohlewand!, rief Eddy. Gebt mir Deckung!

Die Wand wurde von einzelnen Kugeln getroffen, Kohlesplitter spritzten durch die Luft.

Feuer einstellen!

Eddy stand auf und rannte zu dem breiten Pfeiler, dessen ihm zugewandte Seite mindestens sieben Meter breit sein musste. Er dr&#252;ckte sich flach dagegen und schob sich langsam vorw&#228;rts, wobei er seinen Leuten ein Signal gab. Mehrere K&#228;mpfer begannen, den Pfeiler in die andere Richtung zu umrunden. Langsam r&#252;ckte er vor, dicht an die rauhe Oberfl&#228;che des Pfeilers gedr&#252;ckt, die Waffe schussbereit.

Der Sch&#252;tze hatte ihren Schachzug vorausgesehen und fl&#252;chtete hinter den n&#228;chsten Pfeiler.

Eddy hob die Waffe, schoss und verfehlte ihn. Ein weiterer Schuss krachte, bevor der Mann seine Deckung erreicht hatte. Er st&#252;rzte und kroch weiter. Frost kam auf der anderen Seite hinter dem Pfeiler hervor, hielt die Waffe mit beiden H&#228;nden und gab einen zweiten und dritten Schuss auf den kriechenden Mann ab, der sich zusammenkr&#252;mmte. Dann ging Frost hin&#252;ber und schoss ihm aus n&#228;chster N&#228;he eine Kugel in den Kopf.

Alles klar, sagte er und leuchtete mit der Taschenlampe in die n&#228;chsten Stollen. Nur einer. Die &#252;brigen sind geflohen.

Russell Eddy lie&#223; die Waffe sinken und trat in die Mitte des breiten Tunnels. Leute dr&#228;ngten durch die offene T&#252;r herein, f&#252;llten den Stollen, und ihre Stimmen klangen in dem beengten Raum sehr laut. Er hob die Hand. Es wurde still.

Es ist gekommen der gro&#223;e Tag Seines Zorns, und wer kann bestehen?, rief Eddy.

Er sp&#252;rte den Drang der Menge hinter sich, ihre Energie, wie ein Dynamo, der seine Entschlossenheit antrieb. Doch es waren zu viele. Er musste mit einer kleineren, mobileren, lenkbaren Gruppe dort hinein. Er drehte sich um und schrie &#252;ber das knirschende Summen der Maschinen hinweg: Ich kann nur eine kleine Gruppe mit in die Mine nehmen  nur M&#228;nner mit Schusswaffen. Habt ihr verstanden? Keine Frauen, keine Kinder. Alle M&#228;nner mit Erfahrung und einer Feuerwaffe, vortreten! Ihr &#220;brigen geht zur&#252;ck!

Etwa drei&#223;ig M&#228;nner dr&#228;ngten sich nach vorne durch.

Stellt euch in einer Reihe auf, und zeigt mir eure Waffen! Haltet sie hoch!

Mit einem Jubelschrei hoben die M&#228;nner ihre Waffen  Gewehre, Pistolen, Revolver. Eddy ging die Reihe entlang und musterte jeden einzelnen Mann. Er sortierte ein paar aus, die mit Repliken antiker Vorderlader bewaffnet waren, einige Teenager mit 22er-Sportgewehren und zwei M&#228;nner, die v&#246;llig durchgeknallt wirkten. Zwei Dutzend Mann blieben &#252;brig.

Ihr M&#228;nner kommt mit mir auf die Jagd nach dem Antichrist und seinen J&#252;ngern. Stellt euch da hin&#252;ber. Er wandte sich den anderen zu. F&#252;r euch habe ich eine andere Aufgabe: Euer Platz ist dort drau&#223;en, in den R&#228;umen, die wir eben erobert haben. Gott will, dass ihr ISABELLA ZERST&#214;RT! Geht und zerst&#246;rt das Tier des Abgrunds, des Name hei&#223;t Abaddon! Geht, Soldaten der Christenheit!

Br&#252;llend setzte sich die Menge in Bewegung, begierig darauf, auch etwas zu tun; sie str&#246;mten zur&#252;ck durch die offene T&#252;r und schwangen Vorschlagh&#228;mmer, &#196;xte und Baseballschl&#228;ger. Aus dem Raum hinter der T&#252;r war bereits Krachen und Scheppern zu h&#246;ren.

Die Maschine schien vor Qual aufzuschreien.

Eddy schnappte sich Frost. Mike, Sie bleiben an meiner Seite. Ich brauche Ihre Erfahrung.

Ja, Pastor.

Also dann, M&#228;nner  gehen wir!


71


Hazelius f&#252;hrte die Gruppe durch die breiten Stollen, die durch das massive Kohlenfl&#246;z getrieben worden waren. Ford bildete die Nachhut. Er lie&#223; sich zur&#252;ckfallen, sp&#228;hte in die Dunkelheit und lauschte. Das Feuergefecht zwischen Wardlaw und dem Mob war beendet, doch Ford konnte die Menge, die sie offenbar durch die Tunnel verfolgte, immer noch br&#252;llen h&#246;ren.

Sie hielten sich links, wie Wardlaw gesagt hatte, gerieten aber manchmal in Sackgassen und mussten umkehren. Die Mine war riesig, das m&#228;chtige Fl&#246;z erstreckte sich endlos in drei Himmelsrichtungen. Ein Irrgarten verzweigter, sich &#252;berschneidender Stollen war in die schwarze Schicht getrieben worden, wobei man nach dem Kammerbau-System dicke Kohlebl&#246;cke hatte stehenlassen, so dass ein Labyrinth aufeinanderfolgender Kammern entstanden war; diese R&#228;ume waren auf fast zuf&#228;llige, unvorhersehbare Weise miteinander verbunden. Schienen verliefen kreuz und quer &#252;ber den Boden. Sie stammten noch aus den f&#252;nfziger Jahren. Rostige Karren, verrottende Seile, kaputte Maschinen und Haufen nicht verladener Kohle lagen &#252;berall herum. An tiefer gelegenen Stellen mussten sie durch kleine Teiche schleimigen Wassers waten.

Isabellas kehliges Heulen folgte ihnen durch die Tunnel wie das qualvolle St&#246;hnen und Bellen eines t&#246;dlich verwundeten Ungeheuers. Wenn Ford stehenblieb, um zu lauschen, konnte er auch stets den L&#228;rm ihrer Verfolger h&#246;ren.

Nachdem sie eine Viertelstunde lang gerannt waren, befahl Hazelius eine kurze Rast. Sie brachen auf dem feuchten Boden zusammen, ohne sich um den pechschwarzen Dreck zu scheren. Kate hockte sich neben Ford, und er legte ihr einen Arm um die Schultern.

Isabella wird jeden Augenblick explodieren, sagte Hazelius. Die Wirkung k&#246;nnte die einer gro&#223;en konventionellen Bombe sein, aber auch die einer kleinen Atombombe.

Himmel, sagte Innes.

Das gr&#246;&#223;ere Problem, sagte Hazelius, ist, dass einige der Detektoren mit hochexplosivem fl&#252;ssigem Wasserstoff gef&#252;llt sind. Ein Neutrino-Detektor enth&#228;lt fast zweihunderttausend Liter Tetrachlorethen, ein Chlorkohlenwasserstoff, und der andere dreihundertachtzigtausend Liter Alkane  beides ist brennbar. Und seht euch nur um  in diesem Fl&#246;z ist eine Unmenge brennbare Kohle &#252;brig. Wenn Isabella explodiert, dauert es nicht lange, und der ganze Berg steht in Flammen. Nichts wird dieses Feuer aufhalten k&#246;nnen.

Schweigen.

Die Explosion k&#246;nnte auch Einst&#252;rze zur Folge haben.

Die Kakophonie der Horde, die sie verfolgte, echote durch die Stollen, ab und zu von einem Schuss unterstrichen, und &#252;bert&#246;nte sogar das jaulende, knirschende, vibrierende Summen Isabellas.

Der Mob, erkannte Ford, holte allm&#228;hlich auf. Ich gehe ein St&#252;ck zur&#252;ck und feuere ein paar Sch&#252;sse auf sie ab, sagte er. Um sie ein bisschen aufzuhalten.

Hervorragende Idee, sagt Hazelius. Aber bitte treffen Sie niemanden.

Sie gingen weiter. Ford blieb zur&#252;ck, glitt in einen Seitengang, schaltete seine Taschenlampe aus und lauschte gespannt. Der L&#228;rm der Verfolger rollte durch die Kammern, fern und verzerrt.

Ford tastete sich den Querstollen entlang, eine Hand an der Wand, und pr&#228;gte sich den Weg ein. Allm&#228;hlich wurden die Ger&#228;usche lauter, und dann konnte er das schwache Licht eines halben Dutzends Taschenlampen in der Dunkelheit h&#252;pfen sehen. Er zog die Pistole, duckte sich hinter einen Kohlepfeiler und richtete die Waffe an die Decke.

Die Verfolger kamen n&#228;her. Ford feuerte rasch hintereinander drei 9-mm-Parabellum-Patronen ab, und die Sch&#252;sse hallten in dem beengten Raum wie Donner. Eddys Mob wich zur&#252;ck und schoss blindlings in die Dunkelheit.

Ford huschte in einen weiteren dunklen Seitengang, legte eine Hand an die Wand, um sich zu orientieren, und lief rasch an zwei weiteren Quer&#246;ffnungen vorbei. Eine zweite Gruppe Verfolger n&#228;herte sich  offenbar hatten sie sich in kleinere Teams aufgeteilt , doch diese Gruppe bewegte sich wegen der Sch&#252;sse sehr vorsichtig.

Er zog sich zur&#252;ck  eine Hand immer noch an der Wand  und z&#228;hlte drei weitere Pfeiler ab, ehe er sich sicher genug f&#252;hlte, seine Taschenlampe wieder einzuschalten. Er hielt sich leicht geduckt und rannte den Stollen entlang in der Hoffnung, seine Gruppe wieder einzuholen. Doch im vollen Lauf h&#246;rte er pl&#246;tzlich ein seltsames, hustendes Ger&#228;usch hinter sich. Er blieb stehen. Isabellas knurrendes Summen hob sich zu einem schrillen Heulen, immer h&#246;her, bis es einem ohrenbet&#228;ubenden Kreischen glich, dann gab sie ein ungeheuerliches Br&#252;llen von sich, das lauter und lauter wurde und den Berg erbeben lie&#223;. Ford sp&#252;rte, was nun kommen w&#252;rde, und warf sich auf den Boden.

Das Br&#252;llen wurde zu einem Erdbeben, der Boden selbst zuckte und b&#228;umte sich auf. Ein gewaltiges Wumm folgte, eine Druckwelle lief durch die Mine, erfasste ihn wie ein Blatt im Wind und schleuderte ihn gegen einen Kohlepfeiler. Als der Donnerschlag durch die Kammern weiterlief, fegte ein heftiger Wind durch die Tunnel, der alles mit sich riss und kreischte wie eine Banshee. Ford kauerte im Windschatten des Kohlepfeilers und zog den Kopf ein, w&#228;hrend Kohlebrocken und Steine an ihm vorbeischossen.

Schlie&#223;lich rollte Ford sich zur Seite und blickte auf. Die Decke riss und splitterte, es regnete Kohle und Steinsplitter. Er sprang auf und versuchte, dem Einsturz der Stollen davonzulaufen, der sich br&#252;llend von hinten n&#228;herte.


Eddy wurde von der Wucht der Explosion zu Boden geschleudert. Er lag mit dem Gesicht nach unten in einer schlammigen Pf&#252;tze, Steinchen und Schmutz regneten auf ihn herab, und in den Tunneln hallte und krachte es, nah und fern. Staub hing in der Luft, und er konnte kaum mehr atmen. Alles schien um ihn herum einzust&#252;rzen.

Minuten vergingen, und die donnernden Einst&#252;rze ebbten zu einem gelegentlichen Rumpeln ab. Als auch das Rumpeln verklang, folgte eine &#228;ngstliche Stille, und von Isabella war nichts mehr zu h&#246;ren. Die Maschine war tot.

Sie hatten sie get&#246;tet.

Eddy setzte sich hustend auf. Einen Moment lang tastete er in der erstickenden Staubwolke herum, bis er seine Taschenlampe fand, die immer noch leuchtete. Um ihn herum standen die anderen auf, und ihre Lampen schwebten wie Gl&#252;hw&#252;rmchen im Dunst. Der Tunnel war keine zwanzig Meter hinter ihnen eingest&#252;rzt, doch sie hatten &#252;berlebt.

Gelobt sei der Herr!, sagte Eddy und hustete erneut.

Gelobt sei der Herr!, jubelten seine Gefolgsleute. Eddy zog Bilanz. Einige seiner Soldaten waren durch herabst&#252;rzendes Gestein verletzt worden. Blut lief ihnen &#252;ber die Stirn, und sie hatten Schnittwunden an den Schultern. Andere schienen unverletzt zu sein. Zum Gl&#252;ck war niemand ums Leben gekommen.

Eddy st&#252;tzte sich an die Felswand und versuchte, zu Atem zu kommen. Er schaffte es, sich aufzurichten. Isabella, das Tier, war erledigt, doch der Widerchrist war immer noch auf der Flucht. Eddy sprach: Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde verging. Dann hob er beide H&#228;nde, den Revolver in der einen, die Taschenlampe in der anderen. Ihr Krieger Gottes! Das Tier ist tot. Doch wir haben eine noch wichtigere Aufgabe zu er f&#252;llen. Er deutete in den tr&#228;ge wirbelnden Staub. Dort drau&#223;en im Dunkeln lauert der Antichrist. Und seine J&#252;nger. Unser Kampf ist noch nicht zu Ende. Er blickte sich um. Steht auf! Das Tier ist tot! Gott sei gepriesen!

Seine Worte erweckten die zu Tode erschrockene Gruppe zum Leben.

Nehmt eure Waffen und Taschenlampen wieder auf. Kommt zu mir.

Diejenigen, die ihre Waffen fallen gelassen hatten, suchten danach, und bald darauf standen alle vor ihm, wieder bewaffnet, und keiner von ihnen war schwer verletzt. Es war ein Wunder. Der Stollen war hinter ihnen eingest&#252;rzt, genau da, wo sie noch Augenblicke zuvor gestanden hatten. Doch der Herr hatte sie verschont.

Er f&#252;hlte sich unbesiegbar. Wenn er Gott, den Herrn, auf seiner Seite hatte, wer k&#246;nnte ihn dann besiegen? Sie waren dort vor uns, sagte er, in diesem Tunnel. Er ist nur teilweise eingest&#252;rzt. Wir k&#246;nnen &#252;ber das Ger&#246;ll hinwegklettern. Gehen wir.

Im Namen Jesu Christi, wir gehen mit dir!

Gelobt sei Jesus Christus!

Eddy f&#252;hrte sie weiter und sp&#252;rte, wie seine Kraft und Zuversicht zur&#252;ckkehrten. Das Klingeln in seinen Ohren lie&#223; nach. Sie bahnten sich ihren Weg &#252;ber einen Haufen Ger&#246;ll, das von der Decke herabgest&#252;rzt war. Immer noch fielen klappernd kleinere Steine aus dem Loch in der durchh&#228;ngenden, zerrissenen Decke, doch sie hielt. Der Staub legte sich, und sie konnten besser sehen.

Sie erreichten einen gro&#223;en Hohlraum, der dadurch entstanden war, dass eine Seite der Minendecke eingest&#252;rzt war. Frische, saubere Luft str&#246;mte durch die &#214;ffnung herein und vertrieb den letzten Staub. Am anderen Ende der Kammer g&#228;hnte eine gro&#223;e Tunnel&#246;ffnung.

Eddy z&#246;gerte und fragte sich, welche Richtung der Antichrist eingeschlagen haben mochte. Er bedeutete seinen M&#228;nnern, leise zu sein und die Taschenlampen auszuschalten. In der stillen Dunkelheit sah und h&#246;rte er aber nichts. Er neigte den Kopf. Herr, zeig uns den Weg. Er schaltete aufs Geratewohl seine Taschenlampe ein und &#246;ffnete die Augen, um nachzusehen, auf welchen Stollen sie zeigte.

Wir gehen hier entlang, sagte er in tiefem Vertrauen auf den Herrn und betrat den angezeigten Gang. Die anderen folgten ihm, und ihre Taschenlampen schwebten wie ein Dutzend gl&#252;hender Augen durch die staubige Dunkelheit.


72


Begay lag in der hohen Luzerne, wie bet&#228;ubt von der Explosion, w&#228;hrend weitere Druckwellen &#252;ber das Tal und die Klippen fuhren. Sie dr&#252;ckten den Beifu&#223; platt, entwurzelten Pinyon-Kiefern und fegten Sand und Kies vor sich her, die wie Schrotk&#252;gelchen wirkten. Er bedeckte das Gesicht, bis die ersten prasselnden, brennenden Schockwellen vorbeigezogen waren. Dann richtete er sich auf, sah einen riesigen Feuerball &#252;ber dem Rand der Klippe h&#228;ngen, eine Flammenkugel, die eine Fahne aus Rauch und Staub hinter sich herzog. Er wandte das Gesicht von der sengenden Hitze ab und krallte sich am Boden fest, der unter ihm bebte und wackelte.

Er h&#246;rte Willy Becentis unterdr&#252;ckte Fl&#252;che irgendwo im Alfalfa, und dann erschien sein Kopf, mit wirr abstehendem Haar. Ver damm mich!

Um sie herum standen die Leute langsam auf. Die Pferde, die sie gerade zusammengetrieben hatten, um sie zu satteln, waren in Panik geraten, hatten sich aufgeb&#228;umt, mit den Hufen gegen ihre Pfl&#246;cke und Stricke getreten und vor Angst geschrien. Einige hatten sich losgerissen und waren &#252;ber das Luzernefeld davongerast, w&#228;hrend die nachfolgenden Explosionen ihre Verfolger zu Boden gerissen hatten.

Begay stand auf. Das Tipi war von der Druckwelle niedergerissen worden, die Stangen lagen geborsten am Boden, die Zeltbahnen zu Konfetti zerfetzt. Die Explosion hatte den alten Handelsposten von Nakai Rock von seinen Fundamenten gerissen. Er sp&#228;hte in die Dunkelheit und fragte sich, wohin sein Pferd Winter gerannt sein mochte.

Was zum Teufel war das?, fragte Becenti.

Der gigantische Feuerball schien hoch &#252;ber den B&#228;umen zu schweben, er stieg noch ein wenig auf, Flammen waberten und rollten, bis die Kugel schlie&#223;lich zu einer rotbraunen Wolke abflachte.

Auf der Oberfl&#228;che der Mesa, &#252;ber Isabella, hatte Begay Hunderte, vielleicht Tausende von Leuten gesehen. Was hatte die Explosion bei ihnen angerichtet? Begay erschauerte bei diesem Gedanken. Ein Rumpeln drang aus dem Inneren des Berges, und Begay h&#246;rte ferne Sch&#252;sse.

Er blickte sich um und z&#228;hlte rasch durch. Alle waren da. Wir m&#252;ssen die Leute hier wegbringen, rief er Maria Atcitty zu. Es ist egal, ob wir zu wenig Pferde haben. Sie sollen zu zweit aufsitzen, wir reiten in Richtung Midnight Trail.

S&#252;dlich von ihnen, ganz in der N&#228;he, grollte und bebte der Boden.

Was zum Henker ?, br&#252;llte Becenti.

Am anderen Ende des Tals b&#228;umte sich das Luzernefeld auf und sackte dann ab, ein Netz breiter Risse zog sich durch die Erde. Staub wurde in die Luft gewirbelt, als sich ein klaffendes Loch auftat  so gro&#223; wie ein Fu&#223;ballfeld. Die R&#228;nder brachen weg, in die Dunkelheit darunter.

Die alte Mine st&#252;rzt ein, sagte Willy.

Der Boden bebte erneut und immer wieder. Staubwolken stiegen auf, &#252;berall, nah und fern. Die r&#246;tlich braune, noch immer brennende Feuerkugel trieb auseinander, verblasste und l&#246;ste sich ganz gem&#228;chlich auf.

Begay packte Maria Atcitty an der Schulter. Du &#252;bernimmst die F&#252;hrung. Schnapp dir so viele Leute und Pferde, wie du finden kannst, und schaff sie &#252;ber den Midnight Trail hier runter.

Und du?

Ich suche die durchgegangenen Pferde.

Bist du verr&#252;ckt?

Begay sch&#252;ttelte den Kopf. Winter ist eines von ihnen. Du kannst nicht von mir verlangen, dass ich ihn hier zur&#252;cklasse.

Maria Atcitty sah ihn lange an und sch&#252;ttelte dann den Kopf. Sie drehte sich um und br&#252;llte ihren Leuten zu, alles Gep&#228;ck liegenzulassen und jeweils zu zweit aufzusitzen.

Das schaffst du nicht allein, sagte Willy.

Geh lieber mit den anderen.

Kommt nicht in Frage.

Begay legte ihm beide H&#228;nde auf die Schultern. Danke.

Erneut lie&#223; ein unterirdisches Grollen den Boden beben  diesmal kam es vom s&#252;dlichen und &#246;stlichen Ende der Mesa, aus der Richtung, in die ihre Pferde geflohen waren. Er lie&#223; den Blick &#252;ber die mondbeschienene Landschaft schweifen und beobachtete ein Dutzend Staubwolken, die himmelw&#228;rts schossen.

Einst&#252;rze. Die alten Minen st&#252;rzten tats&#228;chlich in sich zusammen. Dr&#252;ben, in Richtung Isabella, breitete sich eine Feuersbrunst aus, Rauchwolken brodelten in dichten Schwaden empor, orangerot beleuchtet von den Feuern darunter. Die erste Explosion war nur der Anfang gewesen; nun ging anscheinend die ganze Mesa in Flammen auf. Die alten Tunnel, voll Kohle und Methan, machten ihrem Zorn Luft.

Maria Atcitty kehrte mit ihrem Pferd zur&#252;ck. Sieht aus, als ginge da drau&#223;en die Welt unter.

Begay sch&#252;ttelte den Kopf. Vielleicht tut sie das ja.

Er senkte die Stimme und summte die ersten Takte des heiligen Falling-Star-Gesangs: Anin&#233; bichahaoh koshd&#233;&#233; 


73


Ford kam im Dunkeln zu sich; die Luft war voller Staub und stank nach frisch entwichenem Grubengas. Er lag auf dem R&#252;cken, bedeckt mit Steinsplittern, und sp&#228;hte in die Finsternis. In seinen Ohren summte es, und ihm drehte sich der Kopf.

Kate!, rief er.

Stille.

Kate!

Panik erfasste ihn. Er stie&#223; Steinbrocken von sich und befreite sich vom losen Schutt. Auf H&#228;nden und Knien krabbelte er langsam voran, tastete mit den H&#228;nden &#252;ber das Ger&#246;ll, sah einen Schimmer und grub seine Taschenlampe aus, die immer noch funktionierte. Er leuchtete damit um sich, und der Strahl enth&#252;llte ihm einen reglosen K&#246;rper, der etwa sieben Meter von ihm entfernt lag, teilweise unter Schutt begraben. Er krabbelte hastig hin&#252;ber.

Es war Hazelius. Ein Rinnsal Blut lief aus seiner Nase. Ford tastete nach dem Puls  der war kr&#228;ftig.

Gregory, fl&#252;sterte er dem Reglosen ins Ohr. K&#246;nnen Sie mich h&#246;ren?

Der Kopf wandte sich ihm zu, und die Augen &#246;ffneten sich  diese erstaunlichen, azurblauen Augen. Hazelius kniff sie sogleich gegen das Licht der Taschenlampe zusammen. Was  ist passiert?, kr&#228;chzte er.

Eine Explosion und zahlreiche Einst&#252;rze.

Hazelius schien zu begreifen. Die anderen?

Ich wei&#223; nicht. Ich habe gerade zu Ihnen aufgeholt, als Isabella explodiert ist.

Sie sind in alle Richtungen gefl&#252;chtet, als die Decke herunterkam. Er blickte an sich hinab. Mein Bein 

Ford r&#228;umte den Schutt von Hazelius unterer K&#246;rperh&#228;lfte. Auf dem linken Bein lag ein gro&#223;er Felsbrocken. Ford packte ihn und hob ihn sacht herunter. Das Bein, das zum Vorschein kam, war gekr&#252;mmt.

Helfen Sie mir hoch, Wyman.

Ich f&#252;rchte, Ihr Bein ist gebrochen, sagte Ford.

Hilft nichts. Wir m&#252;ssen weiter.

Aber wenn es gebrochen ist 

Helfen Sie mir auf, verdammt noch mal!

Ford legte sich Hazelius Arme um den Hals und half ihm auf die Beine. Hazelius taumelte und klammerte sich an ihm fest.

Wenn Sie mir helfen, kann ich sicher gehen.

Ford lauschte. In der Stille, in der immer wieder kleine Steinchen herunterpolterten, konnte er nun ferne Stimmen und Rufe h&#246;ren. Unglaublich, aber wahr  ihre Verfolger waren immer noch hinter ihnen her. Vielleicht wollten aber auch sie nur noch einen Ausweg aus diesem Labyrinth finden.

Ford st&#252;tzte Hazelius, und langsam, Schritt f&#252;r Schritt, arbeiteten sie sich durch die Tr&#252;mmer voran. Er schleifte Hazelius &#252;ber Ger&#246;llhaufen, unter klaffenden L&#246;chern in der Decke hindurch, G&#228;nge zwischen Stollen entlang, die erst die Explosion geschaffen hatte, vorbei an Kammern, die v&#246;llig eingest&#252;rzt waren. Nirgends war etwas von den anderen zu sehen.

Kate?, rief Ford in die Dunkelheit hinein.

Keine Antwort.

Hazelius st&#246;hnte.

Bei jedem Schritt betete Ford inbr&#252;nstig, dass Kate es geschafft hatte und sie alle dem Mob entkommen w&#252;rden  doch die Stimmen der Verfolger klangen immer n&#228;her. Er tastete nach seiner Pistole. Acht Kugeln verschossen, also noch f&#252;nf &#252;brig.

Mir wird etwas schwindlig, sagte Hazelius.

Langsam kamen sie aus einem schmalen Tunnel und stie&#223;en auf einen senkrechten Schacht. Ford konnte auch hier niemanden sehen. Die Stimmen waren lauter und hallten unheimlich durch die G&#228;nge, als k&#228;men sie von &#252;berall her.

Ich h&#228;tte nur nie mit so etwas  gerechnet  Hazelius Stimme erstarb.

Ford wollte wieder nach Kate rufen, wagte es aber nicht. &#220;berall Staub, so viele Stollen, und wenn sie antwortete, k&#246;nnte der Mob sie finden.

Hazelius strauchelte und schrie vor Schmerz auf, und Ford konnte ihn kaum noch halten. Er war schlaff und schwer wie ein Sack Zement. Als Ford ihn nicht weiter mitschleifen konnte, ging er in die Knie und versuchte, sich Hazelius &#252;ber die Schultern zu legen. Aber der Tunnel war zu eng. Bei dem Versuch st&#252;rzten beide zu Boden.

Ford legte Hazelius bequemer zurecht und tastete nach seinem Puls  flach und schnell, und die Stirn war glitschig vor kaltem Schwei&#223;. Er fiel in einen Schockzustand.

Gregory, h&#246;ren Sie mich?

Der Wissenschaftler st&#246;hnte und wandte den Kopf. Es tut mir leid, fl&#252;sterte er. Ich schaffe es einfach nicht.

Ich sehe mir jetzt mal Ihr Bein an.

Ford schlitzte das Hosenbein mit seinem Taschenmesser auf. Der komplizierte Bruch hatte den zersplitterten Oberschenkelknochen durch die Haut getrieben. Wenn er Hazelius noch weiterschleppte, k&#246;nnte der gesplitterte Knochen die Oberschenkelschlagader verletzen.

Ford riskierte es, die Taschenlampe einzuschalten und den tiefgehaltenen Strahl herumzuschwenken. Kein Hinweis auf die anderen, doch da war eine flache Abbaukammer, tiefer gelegen als der Tunnelboden, teilweise von einem Einsturz verborgen und nur ein gutes Dutzend Schritte entfernt in der gegen&#252;berliegenden Wand  dort w&#228;ren sie erst einmal sicher.

Wir verstecken uns dort drin.

Er packte Hazelius unter den Achseln und schleifte ihn zu der tiefen Nische. Dann sammelte er Ger&#246;ll und baute einen kleinen Wall, hinter dem sie sich verbergen konnten. Die Stimmen kamen immer n&#228;her.

Lieber Gott, lass Kate es schaffen.

Ford verbaute s&#228;mtliche losen Steine, die er erreichen konnte. Die kleine Mauer war gut einen halben Meter hoch, das reichte gerade, um sie zu verstecken, wenn sie sich dahinterlegten. Ford kletterte in die Nische. Er zog seine Jacke aus, kn&#252;llte sie zusammen, bettete Hazelius Kopf darauf und knipste die Taschenlampe aus. Im Stollen wurde es pechschwarz.

So ist es besser, sagte Hazelius. Danke, Wyman.

Sie schwiegen einen Moment lang, und dann stellte Hazelius n&#252;chtern fest: Die werden mich umbringen, das ist Ihnen doch klar.

Nicht, wenn ich es verhindern kann. Ford tastete nach seiner Waffe. Gleich darauf ber&#252;hrte Hazelius Hand die seine. Nein. Niemand soll mehr sterben. Abgesehen davon, dass wir zahlenm&#228;&#223;ig hoffnungslos unterlegen sind, w&#228;re es einfach falsch.

Es ist nicht falsch, wenn diese Leute die Absicht haben, Sie umzubringen.

Wir sind alle eins, sagte Hazelius. Sie zu t&#246;ten w&#228;re, als t&#246;teten Sie sich selbst.

Bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit diesem religi&#246;sen Schei&#223;.

Hazelius seufzte. Wyman, ich bin entt&#228;uscht von Ihnen. Von meinem gesamten Team sind Sie der Einzige, der das Erstaunliche, was uns widerfahren ist, nicht akzeptieren will.

Ford legte ihm eine Hand auf die Brust. H&#246;ren Sie auf zu reden, und legen Sie sich hin.

Ford duckte sich hinter den grob aufgeschichteten Wall, Hazelius dicht neben sich. Es roch nach Staub und Moder. Die Stimmen n&#228;herten sich, Schritte und andere leise Ger&#228;usche des Mobs hallten nun durch die steinernen G&#228;nge. Gleich darauf drang der tr&#252;be Schein ihrer Fackeln und Taschenlampen in die staubige H&#246;hle vor. Ford konnte vor Anspannung kaum mehr atmen.

Der L&#228;rm wurde lauter, die Verfolger kamen n&#228;her. Pl&#246;tzlich waren sie da. Eine scheinbare Ewigkeit lang schleppte Eddys Horde sich an ihnen vorbei, offenbar eher darauf konzentriert, einen Ausgang aus den Tunneln zu finden. Sie trotteten vor&#252;ber, ohne etwas zu bemerken, zu m&#252;de und ver&#228;ngstigt, um Ausschau nach ihnen und ihrem Versteck zu halten. Die Taschenlampen und Fackeln warfen h&#246;llische, orangerote Umrisse an die Decke, die Schatten der M&#228;nner schlichen verzerrt die W&#228;nde entlang. Der L&#228;rm des Mobs wurde schw&#228;cher, verschwand in der Ferne, die flackernden Lichter erstarben. Die Dunkelheit kehrte zur&#252;ck. Ford h&#246;rte ein langgezogenes, schmerzerf&#252;lltes Seufzen von Hazelius. Mein Gott 

Ford fragte sich einen verr&#252;ckten Augenblick lang, ob Hazelius etwa betete.

Sie halten mich  f&#252;r den Antichrist  Er gab ein leises, seltsames Lachen von sich.

Ford richtete sich auf und sp&#228;hte in die Finsternis. Von Eddys Leuten war nichts mehr zu h&#246;ren, es war vollkommen still, bis auf das gelegentliche Klappern fallender Steinchen.

Vielleicht bin ich ja der Antichrist , keuchte Hazelius. Ford war nicht sicher, ob das Keuchen ein Schmerzenslaut oder ein Lachen war. Er f&#228;llt ins Delirium, dachte er. Er schob seine Furcht beiseite und &#252;berlegte, was sie nun tun sollten. Luft bewegte sich im Tunnel und brachte den Gestank brennender Kohle mit sich, au&#223;erdem ein unheimliches, tiefes, vibrierendes Knacken  Feuer.

Wir m&#252;ssen hier raus.

Keine Antwort von Hazelius.

Er packte Hazelius unter den Achseln. Kommen Sie. Helfen Sie mir ein bisschen. Wir k&#246;nnen nicht hierbleiben. Wir m&#252;ssen die anderen finden und diesen Flaschenzug erreichen.

Eine dumpfe Explosion hallte durch die Stollen. Der Geruch nach brennender Kohle wurde st&#228;rker.

Und jetzt werden sie mich umbringen  Wieder dieses unheimliche, wahnhafte Lachen.

Ford warf sich Hazelius &#252;ber die Schulter, packte ihn an beiden Armen und schleifte ihn weiter durch die Stollen.

Welche Ironie, nuschelte Hazelius. Zum M&#228;rtyrer gemacht zu werden  welche Ironie. Menschen sind ja so dumm  so leichtgl&#228;ubig  Aber ich habe es nicht bis zur letzten Konsequenz durchdacht  genauso dumm wie sie 

Ford leuchtete mit der Taschenlampe voran. Der Stollen m&#252;ndete in eine gro&#223;e H&#246;hle.

Jetzt werde ich daf&#252;r bezahlen  Antichrist haben sie mich genannt  Antichrist, allerdings! Weiteres krampfhaftes Lachen. Ford m&#252;hte sich voran und erreichte die gro&#223;e Abbaukammer. Rechts von ihm herrschte ein Durcheinander aus eingest&#252;rzten Kohlebrocken, Gestein und zerbr&#246;ckelndem Pyrit, das im Lichtkegel der Taschenlampe wie Gold glitzerte.

Er wankte mit dem nun bewusstlosen Mann auf seinem R&#252;cken bis zum anderen Ende der Kammer. Der Entl&#252;ftungsschacht sch&#228;lte sich aus der Dunkelheit, ein kreisrundes Loch von etwa einem Meter f&#252;nfzig Durchmesser in der hintersten Ecke. Ein Seil baumelte in dem Schacht.

Er legte Hazelius auf den Felsboden und bettete seinen Kopf auf die Jacke. Eine Explosion ersch&#252;tterte die Kammer, und er h&#246;rte Schutt &#252;berall um sie herum von der Decke prasseln. Der Rauch brannte in seinen Augen. Jeden Moment konnte ihnen das heranr&#252;ckende Feuer den Sauerstoff rauben  und das w&#228;re das Ende.

Er packte das Seil. Es l&#246;ste sich in seinem Griff auf, der untere Teil fiel herab, dr&#246;selte sich auf und verschwand in der Tiefe des Schachts. Gleich darauf h&#246;rte er etwas in Wasser platschen.

Er leuchtete mit der Taschenlampe nach oben und sah die glatten W&#228;nde so hoch hinaufreichen, wie er mit der Lampe kam. Das Ende des verrotteten Seils baumelte nutzlos hin und her. Von einem Flaschenzug war nichts zu sehen.

Er kehrte zu Hazelius zur&#252;ck, der inzwischen wieder zu sich gekommen war und leise lachte. Ford hockte sich neben ihn und dachte scharf nach. Hazelius Gemurmel lenkte ihn ab, und dann h&#246;rte er einen Namen heraus: Joe Blitz.

Pl&#246;tzlich war er hellwach. Haben Sie gerade Joe Blitz gesagt?

Joe Blitz , nuschelte Hazelius. Lieutenant Scott Morgan  Bernard Hubell  Kurt von Rachen  Captain Charles Gordon 

Wer ist Joe Blitz?

Joe Blitz  Captain B. A. Northrup  Rene Lafayette 

Wer sind all diese Leute?, fragte Ford.

Niemand. Sie  existieren nicht  Noms de plume 

Was, das sind Pseudonyme von Schriftstellern? Ford beugte sich &#252;ber Hazelius. Im schwachen Lichtschein sah er, dessen schwei&#223;nasses Gesicht. Seine Augen waren glasig. Doch der Mann besa&#223; immer noch eine seltsame, beinahe &#252;bernat&#252;rliche Vitalit&#228;t. Wessen Pseudonyme?

Wessen schon? Die des gro&#223;en L. Ron Hubbard  Kluger Mann  Nur haben sie ihn nicht als den Antichrist bezeichnet  Er hatte mehr Gl&#252;ck als ich, der Arsch.

Ford war wie vom Donner ger&#252;hrt. Joe Blitz? Ein Pseudonym von L. Ron Hubbard? Hubbard war ein Science-Fiction-Autor, der seine eigene Religion aufgemacht hatte. Hubbard hatte geglaubt, die gr&#246;&#223;te Leistung, die ein Mensch vollbringen k&#246;nne, bestehe darin, eine Weltklasse-Religion zu gr&#252;nden, und das war ihm gelungen. L. Ron Hubbard hatte sich selbst zum Messias der Scientology gemacht.

War es m&#246;glich? War das die Frage, auf die Hazelius anspielte? War das der Grund f&#252;r dieses handverlesene Team, das aus lauter Menschen mit tragischen Lebensgeschichten bestand? Der Grund f&#252;r Isabella, das gr&#246;&#223;te wissenschaftliche Experiment in der Geschichte der Menschheit? F&#252;r die Isolation? Die Mesa? Die Botschaften? Die Heimlichtuerei? Die Stimme Gottes?

Ford holte tief Luft und beugte sich vor. Er fl&#252;sterte: Wolkonski hat eine Nachricht geschrieben, kurz vor  seinem Tod. Ich habe sie gefunden. Darin stand unter anderem: Ich habe den Wahnsinn durchschaut. Um es zu beweisen, gebe ich dir nur einen Namen: Joe Blitz.

Ja  Ja , entgegnete Hazelius. Peter war klug  Kl&#252;ger, als gut f&#252;r ihn war  Da habe ich einen Fehler gemacht, ich h&#228;tte jemand anders aussuchen sollen  Schweigen, dann ein langgezogenes Seufzen. Meine Gedanken schweifen st&#228;ndig ab. Seine Stimme zitterte am Rand des Wahnsinns. Wo war ich gleich wieder?

Hazelius trieb zur&#252;ck in Richtung Realit&#228;t  aber nur ein St&#252;ckchen.

Joe Blitz war L. Ron Hubbard. Der Mann, der seine eigene Religion erfunden hat. Steckt das hinter alledem?

Ich muss wohl irre geredet haben.

Aber das war Ihr Plan, sagte Ford. Nicht wahr?

Ich wei&#223; nicht, wovon Sie sprechen. Hazelius Stimme klang sch&#228;rfer.

Aber nat&#252;rlich. Sie haben das alles inszeniert  den Bau von Isabella, die Probleme mit der Maschine, die Stimme Gottes. Das waren Sie, die ganze Zeit. Sie sind der Hacker.

Sie reden Unsinn, Wyman. Nun klang Hazelius, als sei er wieder vollst&#228;ndig in der Wirklichkeit gelandet  und zwar unsanft.

Ford sch&#252;ttelte den Kopf. Die Antwort lag seit einer Woche direkt vor seiner Nase  in seinen eigenen Unterlagen.

Fast schon Ihr ganzes Leben lang, sagte Ford, haben Sie sich mit utopischen politischen Ideen besch&#228;ftigt, nicht wahr?

Tun wir das nicht alle gern?

Nicht bis zur Besessenheit. Aber Sie waren davon besessen, und, schlimmer noch, niemand hat Ihnen zugeh&#246;rt  nicht einmal, nachdem Sie den Nobelpreis gewonnen hatten. Das muss Sie schier verr&#252;ckt gemacht haben: Der kl&#252;gste Mann der Welt, und niemand h&#246;rt auf ihn. Dann ist Ihre Frau gestorben, und Sie haben sich v&#246;llig zur&#252;ckgezogen. Zwei Jahre sp&#228;ter sind Sie mit der Idee f&#252;r Isabella wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Sie hatten etwas zu sagen. Sie wollten, dass die Leute Ihnen zuh&#246;ren. Sie wollten die Welt ver&#228;ndern, wie es noch niemandem je gelungen war. Und wie w&#228;re das leichter zu erreichen denn als Prophet? Als Prophet Ihrer eigenen neuen Religion.

Ford konnte Hazelius in der Dunkelheit schwer atmen h&#246;ren.

Ihre Theorie ist  vollkommen krank, st&#246;hnte Hazelius.

Sie haben sich das Isabella-Projekt ausgedacht  Sie hatten die Idee, eine Maschine zu bauen, um den Urknall, den Augenblick der Sch&#246;pfung zu erforschen. Sie haben es geschafft, sie bauen zu lassen. Sie haben sich Ihr Team ausgesucht  und daf&#252;r gesorgt, dass alle psychologisch leicht beeinflussbar waren. Sie haben diese ganze Sache inszeniert. Sie hatten vor, die gr&#246;&#223;te wissenschaftliche Entdeckung aller Zeiten zu machen. Und was k&#246;nnte das sein? Ja, was, au&#223;er die Entdeckung Gottes! Diese Entdeckung w&#252;rde Sie zu seinem Propheten machen. Das ist es, oder? Sie wollten es machen wie L. Ron Hubbard, aber diesmal gleich mit der ganzen Welt.

Sie haben wohl den Verstand verloren.

Ihre Frau war nicht schwanger, als sie starb. Das haben Sie sich ausgedacht. Ganz gleich, welche Namen die Maschine nennen w&#252;rde, Sie brauchten sie ja nur zu best&#228;tigen. Sie haben erraten, an welche Zahlen Kate denken w&#252;rde  weil Sie Kate so gut kennen. An der ganzen Sache war &#252;berhaupt nichts &#220;bernat&#252;rliches.

Hazelius gleichm&#228;&#223;iger Atem war die einzige Antwort.

Sie haben zw&#246;lf Wissenschaftler um sich geschart  handverlesen von Ihnen selbst. Als ich ihre Dossiers gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass das Leben jedem von ihnen &#252;bel mitgespielt hatte, dass jeder Einzelne von ihnen nach einem Sinn suchte. Ich habe mich dar&#252;ber gewundert. Und jetzt wei&#223; ich, warum. Sie haben genau diese Menschen ausgesucht, weil Sie wussten, dass sie anf&#228;llig waren  reif f&#252;r eine Bekehrung.

Aber Sie konnte ich nicht bekehren, was?

Sie h&#228;tten es beinahe geschafft.

Sie schwiegen. Ferne Stimmen echoten durch die Stollen. Der Mob kehrte zur&#252;ck.

Hazelius seufzte tief. Wir werden beide sterben  das ist Ihnen doch hoffentlich klar, Wyman. Wir sind beide im Begriff, zu  M&#228;rtyrern gemacht zu werden.

Abwarten.

Es hat keinen Sinn mehr, Sie anzul&#252;gen. Ja, es war meine Absicht, eine neue Religion zu schaffen. Aber ich wei&#223; nicht, was zum Teufel dort drin mit mir passiert ist. Es ist mir entglitten. Ich hatte einen Plan  aber es hat sich mir entzogen. Er seufzte wieder und st&#246;hnte dann. Eddy. Das war der Joker, der mich mein Spiel gekostet hat. Ich habe ihn als Bakterium bezeichnet  wie sehr ich mich in ihm get&#228;uscht habe. Der Mann ist an seiner Aufgabe gewachsen  Ein dummer Fehler meinerseits: Aber der M&#228;rtyrertod ist schlie&#223;lich das Schicksal aller Propheten.

Wie haben Sie das gemacht? Ich meine, den Computer manipuliert?

Hazelius zog die alte Hasenpfote aus seiner Hosentasche. Ich habe sie ausgeh&#246;hlt und einen Vierundsechzig-Gigabyte-Flashdrive installiert, samt Prozessor, Mikrophon und Drahtlossender  Spracherkennung und Daten. Ich konnte ihn mit jedem beliebigen von eintausend kabellosen High-Speed-Prozessoren verbinden, die &#252;berall in Isabella verteilt waren, alle auch mit dem Supercomputer verbunden. Dazu ein wunderbares kleines K&#252;nstliche-Intelligenz-Programm, das ich selbst in LISP geschrieben habe  na ja, zumindest habe ich beim Schreiben geholfen, denn es generiert sich zum Gro&#223;teil selbst. Es ist das sch&#246;nste Computerprogramm, das je geschrieben wurde. Es war einfach zu bedienen, von meiner Hosentasche aus. Das Programm hingegen war alles andere als einfach  ich bin nicht sicher, ob ich es selbst v&#246;llig verstehe. Aber es hat Mist gebaut und eine Menge Dinge gesagt, die ich gar nicht wollte  Dinge, von denen ich nie zu tr&#228;umen gewagt h&#228;tte. Man k&#246;nnte sagen, es hat sich selbst weit &#252;bertroffen.

Sie r&#252;cksichtsloser Bastard.

Hazelius steckte die Hasenpfote wieder in seine Tasche. Da irren Sie sich, Wyman. Ich bin gar kein schlechter Mensch. Das, was ich getan habe, habe ich aus den besten, h&#246;chsten Motiven, aus reinem Altruismus getan.

Aber sicher. Schauen Sie sich nur die Gewaltakte hier an, die vielen Toten. Sie sind daf&#252;r verantwortlich.

Eddy und seine Horde haben sich f&#252;r die Gewalt entschieden, nicht ich.

Das ist Bl&#246;dsinn. Und Wolkonski haben Sie entweder selbst ermordet, oder Sie haben es Wardlaw befohlen.

Nein. Wolkonski war ein kluger Mann. Er hat erraten, was ich vorhatte. Sobald er es gr&#252;ndlich durchdacht hatte, erkannte er, dass er mich nicht aufhalten konnte. Er konnte es nicht ertragen, sich zum Narren machen zu lassen und mit anzusehen, wie sein Lebenswerk benutzt und entwertet wurde. Deshalb hat er sich umgebracht und daf&#252;r gesorgt, dass es tats&#228;chlich wie ein Selbstmord aussah, aber ein paar Anomalien eingebaut, damit man zu dem Schluss kommen w&#252;rde, es sei Mord gewesen. Zweimal um die Ecke gedacht, typisch Wolkonski. Er hatte einen einmalig verschlagenen Verstand.

Warum wollte er es wie einen Mord aussehen lassen?

Er hoffte, dass die Ermittlungen schlie&#223;lich auch das Isabella-Projekt erfassen und uns ausschalten w&#252;rden, bevor ich meinen Coup durchziehen konnte. Aber das hat nicht funktioniert. Die Ereignisse haben sich &#252;berschlagen, alles ging zu schnell. Ich &#252;bernehme eine gewisse Verantwortung f&#252;r seinen Tod. Aber ich habe ihn nicht umgebracht.

Was f&#252;r eine sinnlose, gottverdammte Verschwendung.

Sie denken die Sache nicht zu Ende, Wyman  Er atmete schwer und fuhr dann fort: Diese Geschichte steht erst am Anfang. Sie k&#246;nnen sie nicht mehr aufhalten. Les jeux sont faits, wie Sartre einmal sagte. Die gr&#246;&#223;te Ironie daran ist, dass sie daf&#252;r sorgen werden.

Sie?

Dieser fundamentalistische Mob. Sie werden dieser Geschichte ein viel eindrucksvolleres Ende verschaffen, als ich mir ausgedacht hatte.

Ihre Geschichte wird in Sinnlosigkeit enden, sagte Ford.

Wyman, wie ich sehe, begreifen Sie immer noch nicht, was hier passiert. Eddys ungewaschene Horden  Er hielt inne, und Ford h&#246;rte zu seiner Best&#252;rzung, dass der Mob schon wieder n&#228;her kam.  sie werden mich umbringen und zu einem M&#228;rtyrer machen. Und dadurch werden sie meinen Namen als g&#246;ttlich weihen  auf ewig.

Ich werde Sie auf ewig zum Wahnsinnigen stempeln.

Ich gebe zu, dass die meisten normalen Menschen mich so sehen w&#252;rden  w&#228;hrend Sie bedauerlicherweise als ein Niemand sterben werden. Danke, aber dann ist mir Wahnsinn lieber als Mittelm&#228;&#223;igkeit.

Die Stimmen wurden deutlicher.

Wir m&#252;ssen uns verstecken, sagte Ford.

Wo? Hier gibt es kein Versteck, und ich kann nicht laufen. Hazelius sch&#252;ttelte den Kopf und zitierte mit leiser, heiserer Stimme die Bibel: Sie sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallt &#252;ber uns und verbergt uns  Genau, wie es in der Offenbarung steht, wir sitzen in der Falle.

Die Stimmen kamen n&#228;her. Ford zog seine Pistole, doch Hazelius legte eine klamme, zitternde Hand auf seinen Arm. Nehmen Sie es in W&#252;rde hin.

Auf und ab schwankende Lichter erschienen aus dem Dunkel. Die Stimmen waren deutlich zu h&#246;ren, und ein Dutzend schmutzstarrender, schwerbewaffneter M&#228;nner dr&#228;ngte um eine Biegung im Tunnel.

Da sind sie! Wir haben zwei!

Die Menge kam aus der staubigen Finsternis, schwarz und gespenstisch wie Grubenarbeiter, mit gez&#252;ckten Waffen, und der Schwei&#223; zog wei&#223;e Spuren &#252;ber ihre verzerrten Gesichter.

Hazelius! Der Antichrist!

Der Antichrist!

Wir haben ihn!

Eine ferne Explosion ersch&#252;tterte die Kammer. Das durchh&#228;ngende Gestein der Decke l&#246;ste sich und lie&#223; Unmengen kleiner Steinchen herabregnen, die klappernd und rasselnd auf den Boden prasselten wie Hagel aus der H&#246;lle. Kohlenrauch trieb in sichtbaren Schwaden durch die tote Luft. Der Berg bebte erneut, und ein weiterer Einsturz irgendwo in den Stollen grollte und donnerte und hustete noch mehr Rauch durch die Tunnel.

Die Menge teilte sich, und Pastor Eddy trat zu Hazelius. Er baute sich vor dem darnieder liegenden Wissenschaftler auf, ein triumphierendes Grinsen auf dem hohlwangigen, knochigen Gesicht. So sehen wir uns wieder.

Hazelius zuckte mit den Schultern und wandte den Blick ab.

Aber diesmal, Widerchrist, sagte Eddy, habe ich das Sagen. Gott steht zu meiner Rechten, Jesus zu meiner Linken, und der Heilige Geist sch&#252;tzt meinen R&#252;cken. Und du  wo ist dein Besch&#252;tzer? Er ist geflohen  Satan, der Feigling , geflohen in die Felsen! Verbergt uns vor dem Angesichte dessen, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des Lammes!

Eddy beugte sich &#252;ber Hazelius, bis sich ihre Nasen beinahe ber&#252;hrten. Und er lachte.

Fahr zur H&#246;lle, Bakterium, sagte Hazelius leise.

Eddy explodierte vor Wut. Durchsucht sie nach Waffen!

Als eine Gruppe M&#228;nner auf Ford zukam, schlug er den ersten nieder, versetzte dem zweiten einen Tritt in den Bauch und schleuderte den dritten gegen die Felswand. Eine kleine Armee von F&#228;usten und F&#252;&#223;en dr&#228;ngte ihn schlie&#223;lich gegen die Wand und dann zu Boden, sie schlugen ihn beinahe bewusstlos. Eddy zog die SIG-Sauer aus Fords G&#252;rtel.

W&#228;hrend des Handgemenges trat ein &#252;bereifriger Gotteskrieger Hazelius gegen das gebrochene Bein. Mit einem erstickten Schluchzen verlor der Wissenschaftler das Bewusstsein.

Gute Arbeit, Eddy, sagte Ford, der am Boden festgehalten wurde. Ihr Erl&#246;ser w&#228;re ja so stolz auf Sie.

Eddy funkelte Ford mit hochrotem Gesicht an, als wolle er ihn schlagen, doch dann schien er es sich anders zu &#252;berlegen. Das reicht!, schrie Eddy die Menge an. Genug! Macht uns hier Platz! Wir werden auf unsere Art mit ihnen verfahren, die richtige Art. Zieht sie hoch!

Ford wurde auf die Beine gestellt und vorw&#228;rtsgesto&#223;en. Zwei st&#228;mmige M&#228;nner rissen den bewusstlosen Hazelius an den Armen hoch; aus seiner Nase rann Blut, ein Auge war zugeschwollen, das krumme Bein mit dem gebrochenen Knochen schleifte &#252;ber den Boden.

Sie erreichten eine weitere gro&#223;e, h&#246;hlenartige Abbaukammer. Aus einem Seitengang erschienen Lichter, die in der Dunkelheit tanzten. Aufgeregtes Gemurmel erhob sich.

Frost? Sind Sie das?, rief Eddy.

Ein massiger Mann im Kampfanzug mit kurzem blondem B&#252;rstenschnitt, Stiernacken und schmalen, engstehenden Augen schob sich nach vorn durch. Pastor Eddy? Wir haben ein paar von ihnen gefunden, die sich da hinten in einem Schacht verstecken wollten.

Ford sah zu, wie ein Dutzend M&#228;nner Kate und die anderen mit vorgehaltenen Waffen aus dem Stollen dr&#228;ngten. Kate  Kate! Er riss sich los und taumelte auf sie zu.

Haltet ihn auf!

Ford sp&#252;rte einen gewaltigen Schlag im R&#252;cken und fiel auf die Knie. Ein zweiter Schlag traf ihn in die Seite, und nach ein paar weiteren Tritten lag er am Boden. Er wurde so grob wieder auf die Beine gezerrt, dass sie ihm beinahe die Schulter ausrenkten. Ein verschwitzter Kerl, das Gesicht mit schwarzem Kohlenstaub verschmiert, mit rollenden Augen wie ein Pferd, schlug ihm ins Gesicht. Gib Ruhe!

Fernes Grollen war zu h&#246;ren, und der Boden b&#228;umte sich auf. Staub wirbelte hoch und trieb durch die Stollen. Dichte Rauchschwaden hingen unter der Decke.

H&#246;rt mir zur!, rief Eddy. Wir k&#246;nnen nicht hier unten bleiben! Der ganze Berg brennt! Wir m&#252;ssen raus!

Ich habe da hinten einen Ausweg nach oben gesehen, sagte der Mann namens Frost. Bei der Explosion wurde ein Schacht im Gestein freigelegt. Ich habe den Kopf durchgesteckt und am anderen Ende des Tunnels den Mond gesehen.

Bringen Sie uns hin, sagte Eddy.

Bewaffnete M&#228;nner schubsten und stie&#223;en sie mit vorgehaltenen Waffen durch dunkle, mit Staub gef&#252;llte Stollen. Zwei von Eddys Gefolgsleuten hatten Hazelius unter den Achseln gepackt und schleiften ihn hinter sich her. Auf ihrem Weg durch die D&#252;sternis durchquerten sie eine weitere riesige Abbaukammer. Die Lichtkegel der Taschenlampen huschten durch den grauen Staub und enth&#252;llten einen gro&#223;en Einbruch; ein Ger&#246;llhaufen reichte bis hinauf zu einem langen, dunklen Loch in der Decke. Ford sog gierig die frische, k&#252;hle Luft ein, die von oben hereinstr&#246;mte.

Hier entlang!

Sie m&#252;hten sich den Schuttberg hinauf, stolperten durch das lose Ger&#246;ll, w&#228;hrend um sie herum Steine herabpolterten.

Hinauf aus dem Abgrund von Abaddon!, rief Eddy triumphierend. Das Tier ist besiegt!

Ganz vorn waren die beiden M&#228;nner dabei, Hazelius durch das zerkl&#252;ftete Loch in der Decke zu zerren, die &#252;brigen Gefangenen wurden von ihren Bewachern hindurchgeschubst. Das Loch f&#252;hrte in einen h&#246;her gelegenen Stollen, von dort aus zu einem weiteren schr&#228;gen Schacht, an dessen Ende Ford ganz kurz Licht aufblitzen sah  das rasch wieder verdeckte Glitzern eines einzelnen Sterns am Nachthimmel. Ford folgte Eddy und dessen Mob durch einen tiefen, steilen Riss im Gestein hinaus auf die n&#228;chtliche Mesa. Es stank nach brennendem Benzin und Rauch. Der gesamte &#246;stliche Horizont stand in Flammen. R&#246;tlich schwarze Rauchwolken ballten sich vor dem Himmel zusammen und verdeckten den Mond. Der Boden bebte und grollte in einem fort, und hin und wieder schoss eine Flamme drei&#223;ig, vierzig Meter hoch gen Himmel wie ein blutrotes Banner in der Nachtluft.

Dort hin&#252;ber!, schrie Eddy. Aufs offene Feld!

Sie &#252;berquerten ein ausgetrocknetes Bachbett und blieben in einer breiten, sandigen Senke stehen, die von einer riesigen, verdorrten Pinyon-Kiefer in der Mitte beherrscht wurde. Ford gelangte endlich nah genug an Kate heran, um sie zu fragen: Geht es dir gut?

Ja, aber Julie und Alan sind tot  versch&#252;ttet.

Ruhe!, br&#252;llte Eddy. Ruhig trat er vor die Menge hin. Ford staunte &#252;ber seine Verwandlung. Er wirkte gelassen und selbstsicher und bewegte sich bed&#228;chtig. In seinem G&#252;rtel steckte ein 44er Ruger Magnum Blackhawk. Er ging gewichtig vor der Menge auf und ab, drehte sich dann um und hob eine Hand. Der Herr hat uns aus der Knechtschaft &#196;gyptens gef&#252;hrt. Lobet den Herrn.

Seine Herde, ein paar Dutzend Anh&#228;nger, erwiderte donnernd: GELOBT SEI DER HERR!

Eddy beugte sich &#252;ber den am Boden liegenden Wissenschaftler, der gerade zu sich kam und die Augen &#246;ffnete.

Stellt ihn auf die F&#252;&#223;e, befahl Eddy ruhig. Er deutete auf Ford, Innes und Cecchini. Haltet ihn gut fest.

Sie b&#252;ckten sich, richteten Hazelius auf und stellten ihn so sacht wie m&#246;glich auf sein gesundes Bein. Ford fand es erstaunlich, dass der Mann &#252;berhaupt noch am Leben war, und sogar wieder bei Bewusstsein.

Eddy wandte sich an die Menge. Seht ihm ins Gesicht  dies ist das Antlitz des Antichrist. Er ging im Kreis um das Gr&#252;ppchen herum, und seine Stimme dr&#246;hnte: Und das Tier ward gegriffen und mit ihm der falsche Prophet, der die Zeichen tat vor ihm. Lebendig wurden diese beiden in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte.

Ein ged&#228;mpfter Donnerschlag lie&#223; in der Ferne einen Feuerball in die Luft schie&#223;en, der sein unheimliches Gl&#252;hen bis hierher verbreitete. Eddys hageres Gesicht wurde kurz von dem orangeroten Licht seitlich erhellt, so dass seine schwarzen, hohlen Wangen und die tiefeingesunkenen Augen noch d&#252;sterer wirkten. Freue dich &#252;ber sie, denn Gott hat euer Urteil an ihr gerichtet!

Die Menge jubelte, doch Eddy hob sogleich die H&#228;nde. Soldaten des Herrn, dies ist ein ernster Augenblick. Wir haben den Antichrist und seine J&#252;nger gefangen genommen, und nun erwartet uns alle das Gericht Gottes.

Hazelius hob den Kopf. Zu Fords Erstaunen fixierte Hazelius Eddy mit einem arroganten, ver&#228;chtlichen L&#228;cheln  halb Grinsen, halb Grimasse  und sagte: Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche, Prediger, aber der Antichrist hat noch ein paar antiklimaktische Worte an Ihre gesch&#228;tzte Herde zu richten.

Eddy hob die H&#228;nde. Der Widerchrist spricht.

Hazelius versuchte fortzufahren. Eddy trat einen Schritt n&#228;her. Welche Blasphemie kommt dir jetzt noch &#252;ber die Lippen, Antichrist?

Hazelius hob den Kopf, und seine Stimme klang nun kr&#228;ftiger. Halten Sie mich, sagte er zu Ford. Lassen Sie mich blo&#223; nicht fallen.

Ich wei&#223; nicht, ob das so klug ist, fl&#252;sterte Ford ihm ins Ohr.

Warum nicht?, fl&#252;sterte Hazelius grimmig. Wenn schon, denn schon.

Der Antichrist will sprechen, wiederholte Eddy, und in seiner ruhigen Stimme schwang Ironie. H&#246;rt zu, Soldaten Christi, vernehmt die Worte des falschen Propheten.


74


Von einem hohen Sandsteinfelsen aus suchte Begay mit dem Fernglas den Horizont ab. Es war halb drei Uhr morgens.

Da sind sie. Sie dr&#228;ngen sich da auf der kleinen Wiese zusammen, v&#246;llig ver&#228;ngstigt.

Gehen wir sie holen, sagte Becenti.

Doch Begay r&#252;hrte sich nicht. Er richtete das Fernglas nach Osten. Die Ostspitze der Mesa war fort  abgesprengt. Um das g&#228;hnende Loch herum breiteten sich riesige Tr&#252;mmerfelder aus, Ger&#246;ll, brennende Kohle, verbogenes Metall, und ganze B&#228;che einer brennenden Fl&#252;ssigkeit rannen hinab in die vertrockneten Bachbetten, wie Lava aus einem Vulkan. Die gesamte Ostseite der Mesa brannte, Qualm und Flammen quollen aus L&#246;chern im Boden und schlugen hoch in die Luft. Hin und wieder fing eine Pinyon-Kiefer oder ein Wacholder auf der Mesa Feuer und leuchtete wie ein einsamer Weihnachtsbaum in der Nacht. Obwohl der Wind den Rauch von ihnen wegblies, breiteten sich die Feuer rasch in ihre Richtung aus, und, von unterirdischen Quellen gespeist, brachen immer neue Br&#228;nde aus. Ab und zu war eine Explosion zu h&#246;ren, Staub und Flammen schossen hoch, die Erde bebte und brach dann unter einer gewaltigen Wolke aus schwarzem Staub und Rauch einfach ein. Nakai Valley brannte, der alte Handelsposten und die H&#228;user standen in Flammen, ebenso das wundersch&#246;ne Pappelw&#228;ldchen. Ein Teil des Flugplatzes war bei der ersten gro&#223;en Explosion zerst&#246;rt worden und mit der einst&#252;rzenden Bergflanke weggebrochen.

Mindestens tausend Leute hatten sich dort versammelt. Nun konnte Begay, der die H&#246;lle der Mesa mit dem Fernglas beobachtete, nur noch vereinzelte Gr&#252;ppchen geschockter Menschen sehen, die zwischen Rauch und Flammen umherirrten, nach anderen riefen oder nur stumm voranstolperten, wie Zombies. Der Zustrom von Fahrzeugen auf dem Dugway war verebbt, und einige der dort geparkten Wagen hatten ebenfalls Feuer gefangen; die Benzintanks explodierten einer nach dem anderen.

Willy sch&#252;ttelte den Kopf. Mann, die haben ganze Arbeit geleistet. Der Bilagaana hat es endlich geschafft.

Sie stiegen von dem Haufen Felsbrocken herunter, und Begay ging langsam auf die Pferde zu und pfiff nach Winter. Das Pferd stellte die Ohren und trabte gleich darauf heran; die anderen folgten ihm.

Guter Junge, Winter. Begay streichelte seinen Hals und befestigte einen F&#252;hrstrick an seinem Halfter. Einige Pferde waren bereits zum Aufbruch gesattelt gewesen, und Begay stellte erleichtert fest, dass sie ihre S&#228;ttel nicht abgestreift hatten. Er nahm dem Pferd, das er bis hierher geritten hatte, seinen Sattel ab, sattelte Winter und sa&#223; auf. Willy bestieg sein Pferd ohne Sattel, und sie trieben die nerv&#246;sen Tiere in Richtung Midnight Trail, zum Gl&#252;ck an dem Ende der Mesa, wo noch nicht das Chaos herrschte. Sie ritten langsam, hielten die Pferde ruhig und w&#228;hlten immer den m&#246;glichst hohen Weg, wo der Boden am sichersten war. Als sie &#252;ber eine Anh&#246;he kamen, hielt Becenti, der voranritt, pl&#246;tzlich an.

Was zum Teufel ist denn da dr&#252;ben los?

Begay hielt neben ihm und hob das Fernglas. Ein paar hundert Meter entfernt hatte sich eine Gruppe M&#228;nner auf einem sandigen, offenen Fleckchen versammelt. Sie starrten vor Dreck, als w&#228;ren sie gerade einem Grubeneinsturz entkommen, und umzingelten ein anderes Gr&#252;ppchen  diese Leute wirkten wie zerlumpte, schmutzige Gefangene. Begay h&#246;rte h&#246;hnischen Jubel.

Sieht aus wie ein Lynchmob, sagte Becenti.

Begay betrachtete die Gefangenen genauer. Zu seinem Entsetzen erkannte er die Wissenschaftlerin, die ihn besucht hatte  Kate Mercer. Und nicht weit von ihr stand Wyman Ford, der einen offenbar verletzten Mann st&#252;tzte.

Das gef&#228;llt mir nicht, sagte Begay. Er sa&#223; ab.

Was machst du denn? Wir m&#252;ssen hier weg.

Begay band sein Pferd an einen Baum. Die brauchen vielleicht unsere Hilfe.

Grinsend schwang sich Becenti vom Pferd. Du warst schon immer scharf auf Action.

Sie schlichen sich an die Gruppe heran und fanden Deckung hinter einigen gro&#223;en Felsbrocken. Sie waren nun keine vierzig Meter von der seltsamen Versammlung entfernt, gut versteckt in der Dunkelheit. Begay z&#228;hlte vierundzwanzig M&#228;nner mit Schusswaffen. Jeder dort dr&#252;ben war schwarz vor Kohlenstaub, die Gesichter h&#228;tten aus der H&#246;lle kommen k&#246;nnen.

Fords Gesicht war blutverschmiert und sah aus, als h&#228;tten sie ihn zusammengeschlagen. Die anderen Gefangenen kannte er nicht, aber er vermutete, dass auch sie Wissenschaftler des Isabella-Projekts waren, da die meisten Laborkittel trugen. Ford st&#252;tzte einen von ihnen, dessen Arm um Fords Schultern lag. Der Mann hatte einen h&#228;sslichen, offenen Beinbruch, und Begay war es ein R&#228;tsel, wie er sich &#252;berhaupt aufrecht halten und die Schmerzen ertragen konnte. Warum ihn jemand zwang, hier zu stehen, konnte er erst recht nicht begreifen. Die M&#228;nner spuckten die Gefangenen an, verh&#246;hnten und beschimpften sie. Schlie&#223;lich trat ein Mann vor, hob die H&#228;nde, und der Mob verstummte.

Begay wollte seinen Augen nicht trauen: Das war Pastor Eddy aus der Mission unten in Blue Gap  doch der Mann war wie verwandelt. Pastor Eddy war ein verwirrter, halbverr&#252;ckter Versager gewesen, der Altkleider verschenkte und Begay sechzig Dollar schuldete. Dieser Eddy hier strahlte kalte Autorit&#228;t aus, und die Menge h&#246;rte auf sein Kommando.

Begay duckte sich und beobachtete gemeinsam mit Becenti die Szene.


Eddy hob die H&#228;nde. Und es ward ihm gegeben ein Mund, zu reden gro&#223;e Dinge und L&#228;sterungen! Meine Christenfreunde, der Antichrist will sprechen. Wir werden gemeinsam Zeugen seiner L&#228;sterungen sein.

Hazelius versuchte zu sprechen. Der Gro&#223;brand um Isabella flackerte im Hintergrund, Flammenw&#228;nde und Feuers&#228;ulen breiteten sich gierig aus. Hazelius wurde von einer Reihe scharfer Explosionen in der Ferne &#252;bert&#246;nt. Er begann von vorn, und seine Stimme wurde kr&#228;ftiger.

Pastor Eddy, es tut mir leid, dass ich Sie entt&#228;uschen muss. Ich habe nur eines anzumerken. Diese Leute sind nicht meine J&#252;nger, und ich habe nichts B&#246;ses getan. Tun Sie mit mir, was Sie wollen, aber lassen Sie sie gehen.

L&#252;gner!, schrie jemand aus der Menge.

Gottesl&#228;sterer!

Eddy hob mahnend eine Hand, und die M&#228;nner schwiegen. Niemand ist ohne Schuld, br&#252;llte er. Wir alle sind S&#252;nder in den H&#228;nden eines zornigen Gottes. Allein Gottes Gnade kann uns retten.

Lassen Sie meine Leute in Ruhe, Sie durchgeknalltes Arschloch.

Sehr wahrscheinlich, dachte Ford und warf einen Blick auf Eddys Sch&#228;fchen, die tollw&#252;tig nach Hazelius Blut br&#252;llten.

Hazelius wurde schw&#228;cher, sein gesundes Bein gab nach.

Haltet ihn fest!, schrie Eddy.

Kate eilte an Fords Seite und half ihm, den Wissenschaftler aufrecht zu halten.

Eddy wandte sich um. Der Tag des Zorns ist angebrochen, donnerte er.

Die Menge st&#252;rzte sich auf Hazelius, sie umdr&#228;ngten ihn, stie&#223;en ihn hin und her, als k&#228;mpften sie um eine Puppe. Sie schlugen ihn, schubsten ihn, spien ihn an und pr&#252;gelten mit St&#246;cken auf ihn ein. Ein Mann schlitzte ihm mit einem abgebrochenen St&#252;ck Kaktus das Gesicht auf.

Fesselt ihn an den Baum da.

Sie zerrten ihn zu einer gewaltigen, abgestorbenen Pinyon-Kiefer und rangelten dabei um ihn wie ein ungeschicktes, hundertf&#252;&#223;iges Ungeheuer. Sie fesselten ein Handgelenk, f&#252;hrten das Seil &#252;ber einen kr&#228;ftigen Ast, zogen es stramm, fesselten dann das andere Handgelenk und verknoteten das Seil, so dass Hazelius aufrecht, halb h&#228;ngend, halb stehend, mit gespreizten Armen an den Baum gebunden war. Seine Kleidung hing in Fetzen von seinem schmutzstarrenden K&#246;rper.

Pl&#246;tzlich riss Kate sich von ihren Bewachern los, rannte hin&#252;ber und fiel Hazelius um den Hals.

Die Menge br&#252;llte w&#252;tend, und mehrere M&#228;nner packten Kate, zerrten sie zur&#252;ck und schleuderten sie zu Boden. Eine Vogelscheuche von einem Mann mit eckig gestutztem Bart schoss vor und trat sie, sobald sie am Boden lag.

Dreckskerl!, schrie Ford. Er traf den Mann mit der Faust am Kiefer, stie&#223; einen anderen beiseite und k&#228;mpfte sich zu Kate durch, doch der Mob &#252;berw&#228;ltigte ihn, und er wurde mit F&#228;usten und Kn&#252;ppeln niedergepr&#252;gelt. Nur noch halb bei Bewusstsein, bekam er kaum mit, was als N&#228;chstes geschah.

Das Knattern einer Motocross-Maschine am Rand der Menge war zu h&#246;ren, dann wurde der Motor stotternd abgestellt. Eine tiefe, respekteinfl&#246;&#223;ende Stimme dr&#246;hnte: Seid ge gr&#252;&#223;t, Christen!

Doke!, rief der Mob. Doke ist da!

Doke! Doke!

Die Menge teilte sich, und ein Berg von einem Mann trat in den Ring. Er trug eine Jeansjacke mit abgerissenen &#196;rmeln, die muskul&#246;sen Arme waren &#252;ber und &#252;ber t&#228;towiert, ein Silberkreuz an einer silbernen Kette baumelte von seinem Hals, und er trug ein Sturmgewehr auf dem R&#252;cken. Sein langes blondes Haar flatterte im hei&#223;en Wind der Feuer.

Er wandte sich um und umarmte Eddy. Jesus sei mit dir! Er lie&#223; Eddy los und wirbelte zu den anderen herum. Doke strahlte einen lockeren Charme aus, eine gute Erg&#228;nzung zu Eddys asketischer Strenge.

Mit geheimnisvollem Grinsen griff Doke in eine Tasche und holte eine Glasflasche voll klarer Fl&#252;ssigkeit heraus. Er schraubte den Deckel ab, warf ihn weg und stopfte einen Stofffetzen in die &#214;ffnung, so dass die H&#228;lfte noch heraushing. Dann hielt er den Lumpen mit zwei Fingern fest und sch&#252;ttelte die Flasche. Er hielt sie hoch, und die Menge br&#252;llte begeistert. Ford roch Benzin. Mit einem Feuerzeug in der anderen Hand hob der Mann den Arm, bis er mit beiden Armen &#252;ber dem Kopf dastand. Er warf die Arme hin und her und drehte sich dabei einmal im Kreis wie ein Rockstar auf der B&#252;hne. Holz!, rief er mit heiserer Stimme. Bringt uns Holz!

Eddy sagte: Und so jemand nicht ward gefunden geschrieben in dem Buch des Lebens, der ward geworfen in den feurigen Pfuhl! In diesem Punkt ist die Bibel eindeutig. Jene, die Jesus Christus nicht als ihren pers&#246;nlichen Erl&#246;ser angenommen haben, werden ins ewige Feuer geworfen. Dies, meine Gef&#228;hrten in Jesus Christus, ist Gottes Wille.

Verbrennt ihn! Verbrennt den Antichrist!, geiferte die Menge.

Und der Teufel, der sie verf&#252;hrte, ward geworfen in den feurigen Pfuhl, fuhr Eddy fort, und Schwefel, da auch das Tier und der falsche Prophet war.

Aufh&#246;ren! In Gottes Namen, das d&#252;rft ihr nicht!, schrie Kate.

Haufen toter Kiefernzweige, verdorrter Kakteen und trockener W&#252;stenbeifu&#223; wurden durch die Menge gereicht und am Fu&#223; des Baumes aufgeschichtet. Der Haufen wuchs stetig.

Dies ist es, was Gott den Ungl&#228;ubigen verspricht, sagte Eddy, der vor dem wachsenden Scheiterhaufen auf und ab ging. Und sie werden gequ&#228;lt werden Tag und Nacht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Was wir hier tun, ist Gottes Wille, mehrmals in der Bibel best&#228;tigt. Ich nenne nur die Offenbarung vierzehn, Vers elf: Und der Rauch ihrer Qual wird aufsteigen von Ewigkeit zu Ewigkeit; und sie haben keine Ruhe Tag und Nacht.

Der Brennholz-Haufen t&#252;rmte sich schief und krumm um den Baum, und einige M&#228;nner begannen, ihn um Hazelius festzutreten.

Tut das nicht!, kreischte Kate.

Der Scheiterhaufen reichte Hazelius bis zu den Oberschenkeln.

Und es fiel Feuer von Gott aus dem Himmel und verzehrte sie, zitierte Eddy weiter.

Verdorrte Kakteen, Beifu&#223; und anderes Gestr&#252;pp, trocken wie Zunder, t&#252;rmte sich immer h&#246;her und begrub Hazelius nun schon bis zur H&#252;fte unter sich.

Wir sind bereit, Gottes Willen zu tun, sagte Eddy leise.

Doke trat vor und hob erneut die Arme, das Feuerzeug in der einen, den Molotowcocktail in der anderen Hand. Die Menge wich zur&#252;ck, und es wurde still. Der Mann drehte sich mit erhobenen Armen noch einmal halb herum, wie ein Model auf dem Laufsteg. Die Menge r&#252;ckte ehrf&#252;rchtig noch ein St&#252;ck ab.

Doke lie&#223; das Feuerzeug aufschnappen und z&#252;ndete den Molotowcocktail an. Flammen schienen &#252;ber den baumelnden Lappen zu flie&#223;en. Er wirbelte herum und schleuderte die Flasche in den Scheiterhaufen. Ein dumpfes Fump war zu h&#246;ren, und die ersten Flammen erbl&#252;hten im trockenen Gestr&#252;pp und schossen knackend aufw&#228;rts.

Die Menge gab ein lautes Ohhh! von sich.

Ford wappnete sich und sah zu, einen Arm um Kate gelegt, um sie zu st&#252;tzen, denn sie schwankte, einer Ohnmacht nahe. Alle sahen schweigend zu. Niemand wandte sich ab.

Als die Flammen h&#246;her schlugen, sagte Hazelius mit fester, klarer Stimme: Das Universum vergisst niemals.


75


Nelson Begay beobachtete den Scheiterhaufen mit wachsendem Zorn. Einen Mann bei lebendigem Leib zu verbrennen! Das hatten die Spanier mit seinen Vorfahren gemacht, wenn sie sich nicht bekehren lie&#223;en. Und nun geschah es hier wieder.

Doch er sah keine M&#246;glichkeit, es zu verhindern.

Die Flammen z&#252;ngelten hoch und erfassten den zerfetzten Laborkittel des Mannes. Sie verh&#252;llten sein Gesicht und sengten ihm mit lautem Zischen die Haare vom Kopf.

Der Mann stand immer noch.

Die Flammen breiteten sich br&#252;llend aus, seine Kleidung verkohlte und fiel in brennenden Fetzen von ihm ab wie Konfetti.

Der Mann zuckte nicht einmal zusammen.

Die fauchenden Flammen verschlangen seine Kleidung und begannen, ihm die verkohlte Haut vom Leib zu sch&#228;len; seine Aug&#228;pfel schmolzen und rannen aus den H&#246;hlen. Doch immer noch r&#252;hrte sich der Mann nicht, zerrte nicht an seinen Fesseln, zuckte mit keiner Wimper  und ein trauriges, schiefes L&#228;cheln lag selbst dann noch auf seinem Gesicht, als das Gesicht selbst schmorte und Blasen warf. Das Feuer erfasste das Seil, das ihn an den Baum fesselte, brannte es weg  doch er stand, felsenfest. Wie konnte das sein? Warum fiel er nicht um? Sogar, als die verdorrte Kiefer, an die er gebunden war, sich in eine Feuers&#228;ule verwandelte und die Flammen sieben, acht, neun Meter in den Himmel schossen, blieb er stehen, bis er v&#246;llig in der Feuersbrunst verschwunden war. Noch aus gut drei&#223;ig Metern Entfernung sp&#252;rte Begay die Hitze der Flammen auf seinem Gesicht, er h&#246;rte sie br&#252;llen wie eine Bestie, w&#228;hrend die &#228;u&#223;eren Zweige der Kiefer sich wie gl&#252;hende Klauen kr&#252;mmten; und dann brach der brennende Baum in einem gewaltigen Funkenregen zusammen, der hoch in den Himmel stieg, so hoch, als wollten die Funken zu Sternen werden.

Zehn Minuten sp&#228;ter war nichts mehr &#252;brig als ein Haufen wei&#223;gl&#252;hender Kohlen. Der Mann war vollst&#228;ndig verschwunden.

Die anderen Gefangenen, die ganz in der N&#228;he mit vorgehaltenen Waffen in Schach gehalten wurden, beobachteten all das starr vor Entsetzen. Einige weinten, andere hielten sich an den H&#228;nden oder schlangen einander die Arme um die Schultern.

Sie sind als N&#228;chste dran, dachte Begay. Diese Vorstellung war unertr&#228;glich.

Doke griff bereits in seine Tasche und holte eine weitere Flasche hervor.

Schei&#223;e, fluchte Becenti fl&#252;sternd. Wollen wir da einfach zuschauen?

Begay wandte sich zu ihm um. Nein, Willy. Nein, bei Gott, das werden wir nicht.


Ford starrte auf das ersterbende Feuer, wie gel&#228;hmt vor ungl&#228;ubigem Entsetzen. Wo Hazelius eben noch gestanden hatte, lag jetzt nur ein gro&#223;er Haufen Asche und Kohle, weiter nichts. Ford dr&#252;ckte Kate an sich und st&#252;tzte sie.

Sie w&#252;rden die N&#228;chsten sein.

Die Menge war pl&#246;tzlich ganz still. Kate starrte auf die Kohlen, das schwarzverschmierte Gesicht von Tr&#228;nenspuren durchzogen, und r&#252;hrte sich nicht. Niemand bewegte sich oder sprach ein Wort.

Der Prediger, Eddy, stand ein wenig abseits und dr&#252;ckte sich mit knochigen H&#228;nden die Bibel vor die Brust. Sein Gesicht wirkte hohl und ausgemergelt.

Doke, der Mann mit den Tattoos, starrte ebenfalls auf die &#220;berreste des Feuers, doch er strahlte.

Eddy hob den Kopf und sah die Menge an. Mit zitternder Hand zeigte er auf den Kohlehaufen. Ihr werdet die Gottlosen zertreten; denn sie sollen Asche unter euren F&#252;&#223;en werden.

Seine Worte weckten die Leute auf. Sie traten unruhig von einem Fu&#223; auf den anderen. Amen, sagte eine Stimme, und andere echoten schw&#228;chlich: Amen.

Asche unter euren F&#252;&#223;en, wiederholte Eddy.

Ein paar weitere Leute rangen sich ein Amen ab.

Und nun, sagte er, meine Freunde, ist die Zeit gekommen f&#252;r die J&#252;nger des Antichristen. Wir sind Christen. Wir vergeben. Sie m&#252;ssen eine Chance bekommen, Jesus anzunehmen. Selbst der gr&#246;&#223;te S&#252;nder muss eine letzte, eine allerletzte Chance bekommen. AUF DIE KNIE MIT EUCH!

Ein Mann versetzte Ford einen Schlag auf den Hinterkopf, so dass er unwillk&#252;rlich auf die Knie sackte. Kate lie&#223; sich neben ihm nieder und zog ihn an sich.

Betet zu unserem Herrn Jesus Christus f&#252;r die Erl&#246;sung ihrer Seelen!

Doke ging auf ein Knie nieder, Eddy tat es ihm gleich, und bald kniete der gesamte Mob im dunkelroten Glimmen des ersterbenden Feuers auf dem W&#252;stensand und murmelte vor sich hin.

Eine weitere Explosion donnerte in der Tiefe der Mesa, und der Boden bebte.

Ihr J&#252;nger des Antichristen, sagte Eddy, bekennt ihr, dass ihr vom Glauben abgefallen seid, und nehmt Jesus als euren pers&#246;nlichen Erl&#246;ser an? Nehmt ihr Jesus aus vollem Herzen an, ohne Vorbehalt? Werdet ihr euch uns anschlie&#223;en und fortan zu Gottes gro&#223;er Armee geh&#246;ren?

Absolute Stille. Ford dr&#252;ckte Kates Hand. Er w&#252;nschte, sie w&#252;rde etwas sagen, w&#252;nschte, sie w&#252;rde einfach zustimmen. Aber wenn er das selbst nicht fertigbrachte, wie konnte er es da von ihr erwarten?

Will denn nicht einer von euch der Ketzerei abschw&#246;ren und sich zu Jesus bekennen? Will nicht einer vor dem Feuer dieser Welt und dem ewigen Feuer der n&#228;chsten gerettet werden?

Ford sp&#252;rte Zorn in sich hochkochen. Er hob den Kopf. Ich bin Christ, ich bin Katholik. Ich habe keine Ketzerei begangen, der ich abschw&#246;ren m&#252;sste.

Eddy atmete tief durch und sprach mit bebender Stimme, die Hand dramatisch erhoben. Katholiken sind keine Christen. Der Katholizismus fr&#246;nt dem G&#246;tzendienst, der Verehrung der Heiligen Jungfrau Maria.

Verunsichertes Murmeln war zu h&#246;ren.

Das ist der Geist des D&#228;monenglaubens, der offenkundig wird in der missbr&#228;uchlichen und eitlen Wiederholung des Ave Maria im Gebet des Rosenkranzes. Das ist G&#246;tzendienst, ein schweres Vergehen gegen die Gebote Gottes.

Rasender Zorn erfasste Ford, doch er bem&#252;hte sich, ihn zu z&#252;geln. Er stand auf. Wie k&#246;nnen Sie es wagen?, sagte er mit leiser Stimme. Wie k&#246;nnen Sie es wagen?

Eddy hob den Revolver und richtete ihn auf Ford. Eure Priester haben euch Katholiken seit eintausendf&#252;nfhundert Jahren einer Gehirnw&#228;sche unterzogen. Ihr lest nicht in der Bibel. Ihr tut, was die Priester euch sagen. Euer Papst betet G&#246;tzenbilder an und k&#252;sst Statuen die F&#252;&#223;e. Das Wort Gottes ist eindeutig  wir sollen uns vor Jesus beugen und vor keinem anderen, weder vor Maria noch vor den sogenannten Heiligen. Schw&#246;re deiner gottesl&#228;sterlichen Religion ab  oder du bekommst den Zorn des Herrn zu sp&#252;ren.

Ihr seid es, die hier Gott l&#228;stern, sagte Ford und starrte die Menge an, ihr seid ein Kl&#252;mpchen Spucke im Antlitz Gottes!

Eddy hob die zitternde Waffe und zielte auf Fords rechtes Auge. Die Rede, die du f&#252;hrst, kommt direkt aus dem Mund der H&#246;lle! Schw&#246;re deiner Kirche ab!

Niemals.

Die Waffe zitterte kaum noch, als Eddy aus wenigen Zentimetern Entfernung zielte und den Finger am Abzug kr&#252;mmte.


76


Reverend Don T. Spates knallte den H&#246;rer auf. Das Telefon funktionierte immer noch nicht. Seine Internetverbindung auch nicht. Er dachte daran, hin&#252;ber ins Medienb&#252;ro der Silver Cathedral zu gehen und den Fernseher einzuschalten, um nachzusehen, ob vielleicht etwas in den Nachrichten kam, doch er konnte sich nicht dazu &#252;berwinden. Er hatte Angst, hier wegzugehen, Angst, von seinem Schreibtisch aufzustehen  Angst vor dem, was er entdecken k&#246;nnte.

Er sah auf seine Armbanduhr. Halb f&#252;nf Uhr morgens. Noch zwei Stunden bis zum Morgengrauen. Sobald die Sonne aufging, w&#252;rde er schnurstracks zu Dobson gehen. Er w&#252;rde sich in die H&#228;nde seines Anwalts begeben. Dobson w&#252;rde mit der Sache schon fertig werden. Sicher, das w&#252;rde einiges kosten. Aber nach dieser Nacht w&#252;rden die Spenden nur so hereinstr&#246;men. Er musste nur diesen Sturm aussitzen. Er hatte schon genug St&#252;rme erlebt, wie damals, als diese beiden Huren ihn an die Zeitungen verraten hatten. Damals hatte er gedacht, die Welt m&#252;sse untergehen. Und doch war er einen Monat sp&#228;ter wieder im Gesch&#228;ft gewesen, hatte in seiner Kathedrale gepredigt, und nun war er der hei&#223;este Fernsehprediger in der Branche.

Er zog sein Taschentuch heraus, trocknete sein Gesicht, wischte sich &#252;ber Augen, Stirn, Nase und Mund und hinterlie&#223; einen braunen Make-up-Fleck auf dem wei&#223;en Leinen. Angewidert starrte er darauf und warf das Tuch in den M&#252;lleimer. Er schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein, gab einen ordentlichen Schuss Wodka dazu und trank mit zitternder Hand.

Er stellte die Tasse so heftig ab, dass sie entzweibrach.

Die kostbare S&#232;vres-Tasse hatte sich genau in der Mitte gespalten. Er hielt die Bruchst&#252;cke in H&#228;nden, starrte sie an und schleuderte sie dann in pl&#246;tzlichem Zorn durch den Raum.

Schwankend erhob er sich, ging zum Fenster, riss es auf und starrte hinaus. Drau&#223;en war alles dunkel und still. Die Welt schlief. Aber nicht in Arizona. Dort drau&#223;en k&#246;nnten gerade schreckliche Dinge geschehen. Doch das war nicht seine Schuld. Er hatte sein Leben dem Werk Christi auf Erden gewidmet. Ich glaube an Ehre, Religion, Pflicht und Vaterland.

Wenn nur endlich die Sonne aufgehen wollte. Er stellte sich vor, wie geborgen er sich in dem ged&#228;mpften, holzvert&#228;felten B&#252;ro seines Anwalts an der 13th Street f&#252;hlen wurde, und dieser Gedanke war tr&#246;stlich. Sobald es hell war, w&#252;rde er seinen Chauffeur wecken und nach Washington fahren.

W&#228;hrend er auf die dunkle, regennasse Stra&#223;e hinabblickte, h&#246;rte er in der Ferne Sirenengeheul. Gleich darauf sah er etwas die Laskin Road entlangkommen: Polizeiautos und einen Mannschaftswagen mit blitzenden Warnlichtern. Er trat hastig zur&#252;ck und knallte mit klopfendem Herzen das Fenster zu. Die waren nicht seinetwegen hier. Nat&#252;rlich nicht. Was bildete er sich f&#252;r einen Unsinn ein? Er kehrte an seinen Schreibtisch zur&#252;ck und griff erneut nach Kaffee und Wodka. Dann fiel ihm die zerbrochene Tasse ein. Zum Teufel mit Tassen. Er schnappte sich die Flasche, setzte sie an die Lippen und trank.

Er stellte die Flasche ab und stie&#223; die Luft aus. Vermutlich verjagten die blo&#223; ein paar Nigger aus dem Yachtclub um die Ecke.

Ein lautes Krachen in der Silver Cathedral lie&#223; ihn zusammenzucken. Pl&#246;tzlich herrschte &#252;berall L&#228;rm, Stimmen, Rufe, das Quaken von Funkger&#228;ten.

Er konnte sich nicht r&#252;hren.

Gleich darauf sprang die T&#252;r zu seinem B&#252;ro krachend auf, und M&#228;nner in FBI-Jacken st&#252;rmten mit gez&#252;ckten Waffen herein. Ihnen folgte ein riesiger schwarzer Agent mit kahlgeschorenem Kopf.

Spates blieb sitzen, unf&#228;hig, das zu begreifen.

Mr. Don Spates?, fragte der Agent und klappte seine Marke auf. FBI, Special Agent Cooper Johnson.

Spates brachte kein Wort heraus. Er starrte den Mann nur an.

Sind Sie Mr. Don Spates?

Er nickte.

Legen Sie beide H&#228;nde auf den Tisch, Mr. Spates.

Er hob die dicken, leberfleckigen H&#228;nde und legte sie auf den Schreibtisch.

Stehen Sie auf, aber lassen Sie Ihre H&#228;nde, wo sie sind.

Ungeschickt stand er auf, und der Sessel kippte krachend um.

Handschellen anlegen.

Ein weiterer Agent trat vor, packte ihn am Unterarm, zog ihm den Arm hinter den R&#252;cken, dann den anderen  und Spates sp&#252;rte fassungslos, wie kalter Stahl sich um seine Handgelenke schloss.

Johnson trat zu Spates und baute sich vor ihm auf, breitbeinig, mit verschr&#228;nkten Armen.

Mr. Spates?

Spates starrte ihn an. Sein Verstand war vollkommen gel&#228;hmt.

Der Agent sprach leise und schnell. Sie haben das Recht, zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, mit einem Rechtsanwalt zu sprechen und einen Rechtsanwalt zur Befragung hinzuzuziehen. Sollten Sie sich keinen Anwalt leisten k&#246;nnen, wird Ihnen auf Kosten des Staates ein Anwalt gestellt. Haben Sie das verstanden?

Spates glotzte. Das konnte doch ihm nicht passieren.

Haben Sie das verstanden?

Wa?

Er ist betrunken, Cooper, sagte ein anderer Mann. Lass es gut sein, m&#252;ssen wir ihm Miranda eben sp&#228;ter noch mal aufsagen.

Sie haben recht. Johnson packte Spates am Oberarm. Gehen wir, Kumpel.

Ein weiterer Agent nahm seinen anderen Arm, und sie stupsten ihn an, f&#252;hrten ihn langsam zur T&#252;r.

Warten Sie!, rief Spates. Sie machen einen Fehler!

Sie dr&#228;ngten ihn weiter. Niemand achtete auch nur im Geringsten auf ihn.

Sie k&#246;nnen doch nicht mich meinen! Sie haben den falschen Mann!

Ein Agent &#246;ffnete die T&#252;r, und sie betraten die dunkle Silver Cathedral.

Crawley m&#252;ssen Sie verhaften, Booker Crawley von Crawley and Stratham! Er wars! Ich habe nur seine Anweisungen befolgt  ich bin nicht daf&#252;r verantwortlich! Ich hatte ja keine Ahnung, dass so etwas passieren w&#252;rde! Das ist allein seine Schuld! Seine hysterische Stimme erzeugte verr&#252;ckte Echos in dem riesigen Saal.

Sie f&#252;hrten ihn den Seitengang entlang, vorbei an den dunklen Bildschirmen f&#252;r die Publikumsanweisungen, vorbei an den dick gepolsterten Samtsitzen, die dreihundert Dollar pro St&#252;ck gekostet hatten, vorbei an den S&#228;ulen, mit echtem Blattsilber belegt, durch das hallende Foyer in italienischem Marmor und zum Haupteingang hinaus.

Er wurde von einer wogenden Masse Presseleute empfangen, von tausend Blitzlichtern geblendet und mit Fragen bombardiert. Mikrophone an langen Tonangeln fuhren aus allen Richtungen auf ihn herab.

Er senkte den Kopf und versuchte, sein Gesicht zu verbergen.

Ein FBI-Minivan wartete mit laufendem Motor am Ende eines langen, m&#252;hsam frei gehaltenen Pfades.

Reverend Spates! Reverend Spates! Stimmt es, dass ?

Reverend Spates!

Nein!, schrie Spates und b&#228;umte sich gegen seine Bewacher auf. Nicht da rein! Ich bin unschuldig! Crawley m&#252;ssen Sie verhaften! Wenn Sie mich zur&#252;ck in mein B&#252;ro lassen  Ich habe die Adresse in meinem 

Zwei Agenten &#246;ffneten die hinteren T&#252;ren. Er wehrte sich.

Inzwischen blitzte es etwa hundertmal pro Sekunde. Die Linsen, die auf ihn gerichtet waren, glommen wie tausend Fischaugen.

Nein!

Er stemmte sich gegen die Einstiegsschwelle und bekam einen groben Sto&#223; in den R&#252;cken. Er stolperte, drehte sich um und bettelte: H&#246;ren Sie mir doch zu, bitte! Er brach in lautes, schleimiges Schluchzen aus. Crawley ist an allem schuld!

Mr. Spates?, sagte der Agent, der den Einsatz leitete; er lehnte sich durch die offene T&#252;r. Seien Sie still. Sie werden sp&#228;ter reichlich Zeit haben, Ihre Geschichte zu erz&#228;hlen. Klar?

Zwei Agenten stiegen mit ihm ein, einer links, einer rechts, stie&#223;en ihn auf einen Sitz, schlossen seine Handschellen an einen Metallpfosten und schnallten ihn an.

Die T&#252;r wurde zugeschlagen und schirmte ihn von dem Tumult drau&#223;en ab. Spates schluchzte erstickt und schnappte schniefend nach Luft. Sie machen einen schrecklichen Fehler!, heulte er, als sich der Van in Bewegung setzte. Sie wollen nicht mich, Sie wollen Crawley!


77


Ford starrte in den Lauf des Revolvers, und das schimmernde st&#228;hlerne Auge starrte zur&#252;ck. Ungebeten kamen ihm die Worte der Beichte &#252;ber die Lippen. Er bekreuzigte sich und fl&#252;sterte: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 

Gelobt sei der Herr!, donnerte eine Stimme durch die erwartungsvolle Stille.

Alle drehten sich um.

Ein Navajo erschien zu Fu&#223; aus der Dunkelheit, in einem Wildlederhemd und mit einem Stirnband um den Kopf. Er f&#252;hrte einige aneinandergebundene Pferde hinter sich her und trug eine Pistole in der Hand, die er &#252;ber dem Kopf schwenkte. Gelobt sei Gott, der Herr! Er blieb nicht stehen, sondern dr&#228;ngte sich einfach durch die Menge, die sich teilte, um ihn durchzulassen.

Ford erkannte den Indianer  Willy Becenti.

Eddy hielt weiterhin die Waffe auf ihn gerichtet.

Gelobt seien Gott und Jesus!, rief Becenti wieder, f&#252;hrte die Pferde schnurstracks auf Eddy und Ford zu und zwang die knienden Gefangenen, aufzustehen und auszuweichen. Gepriesen sei der liebe Gott! Amen, Bruder!

Gott sei gepriesen, kamen die automatischen Antworten. Gelobt sei Jesus Christus!

Mein Freund in Jesus Christus!, sagte Doke und stand ebenfalls auf. Wer sind Sie, wenn ich fragen darf?

Gelobt sei Jesus Christus!, rief Willy wieder. Wir sind Br&#252;der im Geiste! Will mich euch anschlie&#223;en!

Die Pferde waren nerv&#246;s, sie t&#228;nzelten und rollten mit den Augen, und die Leute wichen &#228;ngstlich vor ihnen zur&#252;ck. Hinter den Pferden ragte nun eine weitere Gestalt vor dem dunkelroten Feuerschein auf; diese sa&#223; zu Pferde und trieb die Tiere von hinten an. Ford erkannte Nelson Begay, den Medizinmann.

Becenti lie&#223; die nerv&#246;sen Pferde direkt vor der Gruppe Wissenschaftler anhalten; die Tiere dr&#228;ngten sich gegeneinander und warfen mit rollenden Augen die K&#246;pfe hoch, als w&#252;rden sie jeden Moment durchgehen.

Die Menge wich nerv&#246;s noch weiter zur&#252;ck. Was wollen Sie denn mit diesen Pferden hier?, rief Eddy &#228;rgerlich und trat ebenfalls zur&#252;ck.

Wir wollen uns euch anschlie&#223;en! Becenti starrte ihn an, als sei er schwer von Begriff, und lie&#223; scheinbar versehentlich den F&#252;hrstrick fallen. Das vorderste Pferd wollte sofort zur&#252;ckweichen, und Willy trat schwer mit einem Fu&#223; auf den Strick, um es aufzuhalten. Hoo, du Mistvieh!, kreischte Becenti. Er b&#252;ckte sich nach dem Strick. In dieser raschen Bewegung, weit vorgebeugt, fl&#252;sterte er dem Gr&#252;ppchen Wissenschaftler kaum h&#246;rbar zu: Auf mein Kommando steigt ihr auf, und dann nichts wie weg.

Doke trat in die L&#252;cke, die sich vor Eddy und Ford gebildet hatte. Also sch&#246;n, Kumpel, du sagst mir jetzt, wer du bist und was du gerade zu den Gefangenen gesagt hast.

Du hast mich doch geh&#246;rt, Mann, jammerte Becenti mit schriller, weinerlicher Stimme. Ich bin ein Freund in Jesus Christus! Dachte, ihr k&#246;nntet ein paar Pferde gebrauchen.

Du unterbrichst eine sehr wichtige Angelegenheit, du Idiot. Schaff die G&#228;ule hier weg.

Klar, Mann, tut mir leid, wollt euch ja nur helfen. Becenti drehte sich um. Ruhig, ihr Pferde!, br&#252;llte er und wedelte wild mit den Armen. Beruhigt euch! He! Ganz ruhig!

Sein Gebr&#252;ll schien die Tiere nur noch mehr aufzuregen. Becenti packte die beiden ersten am Halfter und drehte sie um, als wollte er sie wegf&#252;hren, schien aber nun mit den Tieren nicht mehr zurechtzukommen. Als sie sich gegen ihn stemmten und er daraufhin ein zusammengerolltes Lasso durch die Luft schwenkte, wichen sie pl&#246;tzlich scharf zur Seite aus, so dass Doke und Eddy hastig zur&#252;ckweichen mussten  nun dr&#228;ngten sich die Pferde vor die Gefangenen.

Schaff die Pferde aus dem Weg!, kreischte Doke und versuchte, sie selbst wegzuschubsen.

Gelobt seien Jesus und alle Heiligen! Becenti sch&#252;ttelte wieder die Pistole &#252;ber seinem Kopf und schrie: Jetzt!

Ford packte Kate und schwang sie auf einen Rotschimmel, w&#228;hrend Becenti Chen &#252;ber ein geflecktes Indianerpony warf, dann auf einen Falben sprang und Cecchini hinter sich hochzog. Innes sprang allein auf einen Fuchs, und keine zehn Sekunden sp&#228;ter sa&#223;en alle auf Pferden, teilweise zu zweit.

Doke versuchte, sich einen Weg durch panische Menschen und Pferde zu bahnen, und kreischte: Haltet sie auf! Er griff nach seinem Gewehr und zerrte es aus dem Futteral, das er auf dem R&#252;cken trug.

Eddy hatte die Waffe schon wieder hochgerissen. Er zielte auf Ford.

Gelobt sei der Herr!, br&#252;llte Becenti. Er lie&#223; sein Pferd herumwirbeln, das mit fliegenden Hufen Eddy rammte. Der Mann schoss, verfehlte Ford und ging dann zu Boden; als N&#228;chsten ritt der Indianer Doke &#252;ber den Haufen, der sein Gewehr fallen lie&#223; und in den Staub hechtete. Becenti hob sein zusammengerolltes Lasso, wirbelte es durch die Luft und schrie: Hiiyaahh!

Die ohnehin schon h&#246;chst nerv&#246;sen Pferde brauchten keine weitere Ermunterung. Sie donnerten durch die Menge und zerstreuten sie. Sobald sie Platz hatten, bog Becenti scharf nach rechts ab und f&#252;hrte sie in vollem Galopp in die Deckung eines versandeten Bachbetts. Hinter ihnen krachten Sch&#252;sse, die Leute feuerten blind in die Dunkelheit, doch alle Pferde hatten schon den Schutz der Vertiefung erreicht, und die Kugeln zischten &#252;ber ihre K&#246;pfe hinweg.

Hiiiyahhh!, kreischte Becenti.

Die Pferde rasten die sandige kleine Schlucht entlang, folgten ihren unz&#228;hligen Windungen, bis die Sch&#252;sse nur noch als schwaches Popp-popp in der Ferne zu h&#246;ren waren und die Schreie und Rufe der Menge sie kaum mehr erreichten. Sie z&#252;gelten die Pferde zu einem flotten Trab.

Hinter ihnen, in der Ferne, h&#246;rte Ford ein Motorrad aufjaulen.

Hast du das geh&#246;rt, Willy?, rief Begay von hinten. Einer von denen hat eine Motocross-Maschine.

Schei&#223;e, sagte Becenti. Den m&#252;ssen wir absch&#252;tteln. Festhalten!

Er lenkte sein Pferd aus dem Bachbett hinaus und eine felsige B&#246;schung hoch. Die Hufe der Pferde klapperten &#252;ber Sandstein. Oben angekommen, rasten sie &#252;ber ein paar Sandd&#252;nen auf eine tiefe Schlucht zu.

Ein Grollen, und die ganze Mesa erbebte. Dunkle Staubwolken wirbelten hoch und ballten sich vor dem Nachthimmel zusammen. Flammen schossen ein paar hundert Meter rechts von ihnen aus dem Boden. Knackend fing eine Pinyon-Kiefer Feuer, dann eine weitere. Hinter ihnen erklang eine donnernde Explosion nach der anderen, vom &#246;stlichen Ende der Mesa her.

Der Motor der Gel&#228;ndemaschine heulte erneut auf, diesmal viel n&#228;her. Der Kerl holte schnell auf.

Hiyaah!, rief Becenti, als er &#252;ber den Rand der Schlucht galoppierte und sein Pferd den steilen Abhang hinab auf den Grund zuschlitterte.

Ford folgte ihm und klammerte sich mit beiden Beinen an das Pferd, w&#228;hrend Kate ihn von hinten umschlang.


78


Sie donnerten &#252;ber die dunkle Mesa. Fords Pferd z&#246;gerte kurz am Rand der Schlucht, st&#252;rzte sich dann den sandigen Abhang hinab, verlagerte sein Gewicht nach hinten und gelangte halb rutschend, halb springend nach unten, in einer kleinen Lawine aus Sand.

Das Knattern des Motorrads war direkt &#252;ber ihnen. Sch&#252;sse krachten, und Ford h&#246;rte das scharfe Heulen einer Kugel, die einen Felsen links von ihm traf. Sie erreichten den Grund und galoppierten die Schlucht entlang. Ford konnte das Motocross-Rad &#252;ber ihnen h&#246;ren, das am Rand des Canyons entlangraste.

Becenti z&#252;gelte sein Pferd. Er schneidet uns den Weg ab! Zur&#252;ck!

Die Gel&#228;ndemaschine kam rutschend zum Stehen und sandte einen Sandregen in die Schlucht hinab. Doke stellte beide Beine auf den Boden, zog sein Gewehr aus dem Futteral und legte an.

Sie lie&#223;en die Pferde herumwirbeln, als der erste Schuss krachte und neben Ford eine Sandfont&#228;ne hochspritzte. F&#252;rs Erste fanden sie Deckung hinter herabgest&#252;rzten Felsen. Ein weiterer Schuss hallte durch die Schlucht, die Kugel prallte mit einem schrillen Laut von der Spitze der Felsen ab. Ford merkte, dass sie in dem Canyon in der Falle sa&#223;en. Sie konnten weder vorw&#228;rts noch r&#252;ckw&#228;rts, denn der Mann hatte von da oben freies Schussfeld in beide Richtungen. Und der Abhang hinter ihnen war zu steil, um hinauszuklettern.

Der n&#228;chste Schuss lie&#223; hinter ihnen Sand hochspritzen. Von oben war w&#252;stes Lachen zu h&#246;ren. Lauft ruhig weg, ihr gottlosen liberalen Arschl&#246;cher, aber vor mir k&#246;nnt ihr euch nicht verstecken!

Willy!, sagte Begay. Das w&#228;re der passende Zeitpunkt, um deine Pistole zu benutzen!

Sie ist  nicht geladen.

Warum zum Teufel?

Becenti wirkte verlegen. Ich wollte doch nicht, dass jemand verletzt wird.

Begay warf die Arme hoch.

Das ist ja gro&#223;artig, Willy. Das Gewehr krachte erneut, die Kugel flog dicht &#252;ber ihre K&#246;pfe hinweg und schlug im Hang hinter ihnen ein. Ich komme jetzt runter!, rief Doke triumphierend.

O Schei&#223;e, Mann, was machen wir jetzt?, fragte Becenti. Sein Pferd t&#228;nzelte und schnaubte in der drangvollen Enge.

Ford konnte h&#246;ren, wie Doke den Abhang herunterrutschte. Gleich w&#252;rde er den Grund der Schlucht erreichen und absolut freies Schussfeld haben. Er w&#252;rde sie vermutlich nicht alle erwischen, aber einige von ihnen w&#252;rden sterben, ehe sie Deckung hinter der n&#228;chsten Biegung fanden.

Kate, steig zu Begay aufs Pferd.

Was hast du vor?, fragte sie.

Mach schnell.

Wyman, du kannst nicht reiten 

Verdammt, Kate, w&#252;rdest du mir dieses eine Mal einfach vertrauen?

Kate schwang sich hinter ihm vom Pferd und sa&#223; bei Begay auf.

Geben Sie mir die Waffe.

Becenti warf sie ihm zu. Viel Gl&#252;ck, Mann.

Ford packte die M&#228;hne mit der linken Hand und wickelte sie sich einmal ums Handgelenk. Er wendete sein Pferd in die Richtung, aus der Doke erscheinen w&#252;rde.

Mit den Knien festklammern, sagte Kate, und das Gewicht sch&#246;n tief und in der Mitte halten.

In diesem Augenblick erschien Doke, der grunzend den sandigen Steilhang hinabschlitterte. Er erreichte den Grund, und ein triumphierendes Grinsen breitete sich &#252;ber sein Gesicht.

Ford trat dem Pferd die Unterschenkel in die Seite.

Das Tier sprang vorw&#228;rts und galoppierte die Schlucht entlang, direkt auf Doke zu. Ford richtete die Waffe auf ihn und kreischte: Aiyaaah!

Doke, &#252;berrascht und erschrocken &#252;ber das pl&#246;tzliche Auftauchen einer Pistole, riss sich das Gewehr von der Schulter, lie&#223; sich auf ein Knie fallen und legte an. Doch es war zu sp&#228;t. Das Pferd hatte ihn schon fast erreicht, und er musste zur Seite hechten, um nicht unter die Hufe zu geraten. Ford verpasste ihm einen Schlag mit seiner Waffe, galoppierte vorbei, wendete das Pferd dann scharf nach rechts und dr&#228;ngte es den steilen Abhang hinauf.

Schei&#223;kerl!, kreischte Doke, brachte sich wieder in Position und feuerte, als Fords Pferd gerade den Rand der Schlucht erreichte. Vor ihm lag eine sandige Fl&#228;che, dann gedrungene Felsen, dann wieder offenes Gel&#228;nde  und dahinter der schmale Pfad, der zu der Stelle am Rand der Mesa f&#252;hrte, die Hazelius ihm am ersten Tag gezeigt hatte.

Das Geschoss summte wie eine Hummel an seinem Ohr vorbei.

Der n&#228;chste Schuss traf das Pferd. Es machte kreischend einen Satz zur Seite und taumelte unmittelbar am Rand, st&#252;rzte aber nicht. Sie flogen &#252;ber den Sand, auf den Pfad zum Rand der Mesa zu, und Ford dr&#252;ckte sich flach an den Hals des Rotschimmels. Gleich darauf hatte er das flache St&#252;ck hinter sich und jagte zwischen den rundgeschliffenen Felsbrocken hindurch. Dahinter scherte er zur Seite, hielt sich in Deckung und ritt weiter. Er h&#246;rte sein Pferd st&#246;hnen und keuchen, vermutlich in den Bauch getroffen. Kaum zu glauben, wie mutig das Tier war.

Die weite, offene Fl&#228;che erwartete sie.

Doke w&#252;rde erst aus der tiefen Schlucht klettern m&#252;ssen, um die Verfolgung aufzunehmen, denn sein Motorrad stand auf der anderen Seite; das w&#252;rde Ford genug Zeit geben, das offene Gel&#228;nde hinter sich zu bringen  wenn das Pferd es schaffte, doch der Rotschimmel hielt sich tapfer. Ford klammerte sich in der M&#228;hne fest, duckte sich und galoppierte nun &#252;ber den Sand.

Er hatte erst die H&#228;lfte geschafft, als er das Knattern des Motorrads h&#246;rte, viel n&#228;her jetzt. Doke hatte die Schlucht &#252;berwunden. Der immer lauter dr&#246;hnende Motor sagte Ford, dass Doke rasch aufholte, doch er konnte w&#228;hrend der Fahrt nicht schie&#223;en.

Ford galoppierte den H&#252;gel hinauf und lenkte nun absichtlich sein Pferd den Pfad entlang, wo Doke ihn sehen konnte. Er h&#246;rte, wie der Mann hinter ihm hochschaltete, dass der Zweitaktmotor kreischte.

Auf dem Kamm des H&#252;gels, verborgen hinter Felsen und Gestr&#252;pp, endete die Mesa ohne jede Vorwarnung an einer senkrechten Klippe. Ford sprang vom Pferd und warf sich hinter einen Ger&#246;llhaufen, und schon schoss Doke an ihm vorbei. Das war das Letzte, was er von Doke sah: dicke, t&#228;towierte Arme, die den Lenker gepackt hielten, und goldblondes Haar, das wie eine Flammenm&#228;hne hinter ihm herflatterte, als er mit fast neunzig Stundenkilometern an Ford vorbeiraste.

Doke flog &#252;ber den Rand der Mesa hinweg. Der Motor heulte unter Vollgas, die R&#228;der drehten durch, die Maschine kreischte wie ein Adler. Ford drehte sich um und sah, wie Maschine und Fahrer im hohen Bogen in die dunkle Leere st&#252;rzten, und er h&#246;rte das vielfache Echo des Motors, als das Gef&#228;hrt der schwarzen Landschaft dort unten entgegenraste. Das Letzte, was Ford sah, war das Schimmern von blondem Haar, als st&#252;rze Luzifer aus dem Himmel herab. Er lauschte und lauschte  und dann, tief unten, flackerte eine kleine, feurige Bl&#252;te auf, und ein paar Sekunden sp&#228;ter kam das dumpfe Grollen des Aufpralls, &#252;ber dreihundert Meter unter ihm.

Ford kroch hinter den Felsen hervor und stand auf. Der Rotschimmel lag auf dem Boden, tot. Ford kniete sich hin und ber&#252;hrte sacht seinen Kopf.

Danke, Kumpel. Tut mir leid.

Er richtete sich auf und sp&#252;rte pl&#246;tzlich, dass sein ganzer K&#246;rper schmerzte  gebrochene Rippen, Prellungen, Schnittwunden, ein fast zugeschwollenes Auge. Er drehte sich um, lehnte sich an den uralten Felsen und blickte auf die Red Mesa zur&#252;ck.

Alles, was Ford dazu einfiel, war Das J&#252;ngste Gericht von Hieronymus Bosch. Das &#246;stliche Ende der Mesa, wo Isabella gelegen hatte, war eine einzige, wei&#223;gl&#252;hende Feuers&#228;ule, die sich in den Nachthimmel bohrte  als wolle sie die Sterne selbst versengen. Die S&#228;ule war umgeben von Hunderten kleinerer Infernos, die Flammen und schwarzen Rauch aus Rissen und eingest&#252;rzten Gruben spien, in einem Umkreis von vielen Kilometern. Der Boden bebte und st&#246;hnte best&#228;ndig unter weiteren Explosionen, deren unsichtbare Wucht die Luft selbst zu ersch&#252;ttern schien. Rechts von ihm, einen guten Kilometer entfernt, spielte sich eine surreale Szene ab: Tausend geparkte Autos brannten, ihre Benzintanks explodierten, kleine Feuerb&#228;lle hoben die Autos in die Luft und lie&#223;en sie tanzen und h&#252;pfen. Leute streiften ziellos durch diese gespenstische H&#246;llenlandschaft oder rannten unter irrem Geheul herum.

Ford stieg den H&#252;gel hinab und traf auf die anderen, die &#252;ber die offene Sandfl&#228;che auf ihn zuritten. Er stieg hinter Kate wieder auf.

Er ist weg, sagte Ford. &#220;ber die Kante gest&#252;rzt.

Mann, sagte Becenti, du reitest beschissen, aber du hast es geschafft. Dem Kerl hast du wirklich das Fliegen beigebracht.

Wie ein himmlischer Feuerwagen, sagte Kate.

Das Pferd?, fragte Begay. Tot.

Der Indianer schwieg mit grimmiger Miene.

Nach zehn Minuten erreichten sie den Einschnitt am oberen Ende des Midnight Trails.

Wir gehen zu Fu&#223;, sagte Begay. Die Pferde sollen allein runtergehen, vor uns her.

Alle stiegen ab. Becenti und Begay trieben die Pferde durch den tiefeingeschnittenen Anfang des Pfades, gaben dem letzten einen Klaps auf die Kruppe, und die Tiere machten sich auf den Weg nach unten.

Sie blieben noch einen Moment am Rand der Mesa stehen, am Anfang des Pfades, und blickten zur&#252;ck. Eine gewaltige Explosion lie&#223; den Boden erbeben, und ein Grollen rollte &#252;ber die Red Mesa wie Donner, durchsetzt mit dem sch&#228;rferen Knallen kleinerer Explosionen in der Ferne. Ein Feuerball stieg &#252;ber Isabella in die Luft, dann noch einer, und ein dritter. Rauch quoll nun auch direkt hinter ihnen aus Spalten in der Mesa, von Flammen darunter r&#246;tlich beleuchtet. Das Feuer hatte die Nordseite erreicht.

Schaut mal, da beim Navajo Mountain, sagte Kate und deutete in den Himmel.

Sie wandten die K&#246;pfe nach Westen. Eine Lichterkette war am Himmel &#252;ber dem fernen Berg erschienen; sie n&#228;herte sich rasch, begleitet von einem tiefen Dr&#246;hnen.

Da kommt die Kavallerie, sagte Begay.

Ein weiteres Rumpeln, neue Flammen. Als Ford Kate durch den Einschnitt folgte, blickte er ein letztes Mal zur&#252;ck.

Unglaublich, sagte Kate leise. Die gesamte Mesa steht in Flammen.

Vor ihren Augen schoss eine gewaltige Staubschlange aus dem Boden und schl&#228;ngelte sich &#252;ber die Mesa, als ein weiterer langer Grubenstollen einbrach und den Boden erzittern lie&#223;, diesmal be&#228;ngstigend dicht hinter ihnen.

Kate wandte sich der Gruppe zu und sprach mit kraftvoller Stimme. Ich habe etwas Wichtiges zu sagen.

Die ersch&#246;pften Gesichter der Wissenschaftler hoben sich, alle sahen sie an.

Wenn wir den Beh&#246;rden in die H&#228;nde fallen, erkl&#228;rte sie, werden sie uns streng abgeschirmt befragen und alles, was hier geschehen ist, als geheim einstufen und unter Verschluss halten. Niemand wird unsere Geschichte h&#246;ren.

Sie hielt inne und blickte eindringlich in die Runde.

Wir m&#252;ssen ihnen aus dem Weg gehen und selbst nach Flagstaff reisen. Und dort, in Flagstaff, werden wir mit der ganzen Welt dar&#252;ber sprechen  zu unseren Bedingungen. Wir werden der Welt berichten, was hier passiert ist.

Die Reihe der Hubschrauber n&#228;herte sich mit donnernden Rotoren.

Ohne auf eine Antwort aus der Gruppe zu warten, lief Kate den Pfad hinunter.

Alle folgten ihr.


79


Wo war er?

Was war das f&#252;r ein seltsamer Ort?

Wie lange war er herumgewandert?

Er konnte sich nicht an die Einzelheiten erinnern. Irgendetwas war geschehen, die Erde war explodiert und brannte. Der Antichrist war daf&#252;r verantwortlich, und Eddy hatte ihn lebendig verbrannt. Also wo war  der Messias? Warum war Christus nicht zur&#252;ckgekehrt, um seine Auserw&#228;hlten um sich zu scharen und sie in den Himmel zu entr&#252;cken?

Seine Kleider waren verkohlt, sein Haar angesengt, in seinen Ohren summte es, seine Lunge schmerzte, und es war so dunkel  Bei&#223;ender Qualm drang aus Rissen im Boden, wohin er sich auch wandte. Eine d&#252;stere Wolke lag &#252;ber dem Land wie Nebel, und er konnte kaum drei Schritte weit sehen.

Am Rand seines Gesichtsfelds ragte ein Schemen auf, rund und bewegt, mit vage menschlichen Umrissen.

He da!, rief er und hastete &#252;ber den steinigen Boden auf die Gestalt zu. Er stolperte &#252;ber den glimmenden Stumpf einer Kiefer, von der ansonsten nur noch ein Kreis aus Asche &#252;briggeblieben war.

Die Gestalt ragte dunkel vor ihm auf.

Doke!, rief er, doch der Rauch schien seine Stimme zu verschlucken. Doke! Sind Sie das?

Keine Antwort.

Doke! Ich bin es, Pastor Eddy!

Er rannte, stolperte, fiel hin, blieb einen Moment lang liegen und atmete die k&#252;hlere, frischere Luft dicht am Boden ein. Er rappelte sich wieder auf, zog sein Taschentuch hervor und versuchte, durch den Stoff zu atmen. Nur ein paar Schritte. Und noch ein paar. Das dunkle Ding wurde gr&#246;&#223;er. Das war nicht Doke. Das war gar kein Mensch. Er streckte die Hand danach aus. Es war ein trockener Felsen, hei&#223; unter seinen Fingern, der auf einer Sandsteins&#228;ule ruhte.

Eddy versuchte sich zu konzentrieren, doch seine Gedanken waren bruchst&#252;ckhaft. Seine Mission  sein Wohnwagen  Kleidertag. Er erinnerte sich daran, wie er sich an der alten Handpumpe das Gesicht wusch, im wirbelnden Sand vor einem Dutzend Leuten predigte, am Computer mit seinen christlichen Freunden chattete.

Wie war er hierhergekommen?

Er stie&#223; sich von der Felss&#228;ule ab, obwohl er in dem dichten Rauch nichts sehen konnte. Rechts von ihm gl&#252;hte etwas, und er h&#246;rte ein dumpfes Fauchen. Ein Feuer?

Er wandte sich nach links.

Ein versengtes Kaninchen lag auf dem Boden. Er stupste es mit dem Stiefel an, und das arme Ding zuckte krampfhaft, kippte auf den R&#252;cken, sein Brustkorb hob und senkte sich hektisch, die Augen waren vor Angst weit aufgerissen.

Doke!, rief er und fragte sich dann: Wer ist Doke?

Hilf mir, Jesus, st&#246;hnte er. Zittrig kniete er sich hin, faltete die H&#228;nde und hob sie gen Himmel. Der Rauch wirbelte um ihn herum. Er hustete, und seine Augen tr&#228;nten. Hilf mir, Jesus.

Nichts. Ein fernes Rumpeln. Rechts von ihm stieg das flackernde Leuchten h&#246;her, wie eine orangerote Klaue, die am Himmel zerrte. Der Boden begann zu beben.

Jesus! Hilf mir!

Eddy betete inbr&#252;nstig, doch keine Stimme antwortete ihm, keine Worte, nichts drang in seinen Kopf.

Rette mich, Herr Jesus!, rief er laut.

Und dann, ganz pl&#246;tzlich, erschien eine weitere Gestalt in der Dunkelheit. Eddy rappelte sich auf, &#252;berw&#228;ltigt vor Erleichterung. Jesus, hier bin ich! Hilf mir!

Eine Stimme sagte: Ich sehe dich.

Danke, oh, ich danke dir! Im Namen unseres Herrn und Erl&#246;sers Jesus Christus!

Ja, sagte die Stimme.

Wo bin ich, was ist das f&#252;r ein schrecklicher Ort?

Wundersch&#246;n , sagte die dunkle Gestalt.

Eddy schluchzte vor Erleichterung. Er hustete krampfhaft in sein zerfetztes Taschentuch, auf dem ein schwarzer, feuchter Fleck zur&#252;ckblieb.

Wundersch&#246;n  Ich bringe dich dorthin, wo es wundersch&#246;n ist.

Ja, bitte, bring mich hier weg! Eddy streckte die H&#228;nde aus.

So wundersch&#246;n hier unten 

Der r&#246;tliche Feuerschein rechts von ihm flackerte pl&#246;tzlich auf und tauchte alles in ein grausiges, glutrotes Licht. Die Gestalt, dunkelrot beleuchtet, trat n&#228;her, und Eddy konnte nun sein Gesicht sehen, das Tuch um seinen Kopf, die langen Z&#246;pfe auf den Schultern, einer halb gel&#246;st, die dunklen, undurchdringlichen Augen, die hohe Stirn 

Lorenzo!

Du  Eddy wich zur&#252;ck. Aber  du bist  tot. Ich habe dich sterben sehen.

Tot? Die Toten k&#246;nnen nicht sterben. Das wei&#223;t du doch. Die Toten leben weiter, verbrannt und gequ&#228;lt von dem Gott, der sie erschaffen hat. Dem Gott der Liebe. Verbrannt, weil sie an Ihm zweifelten, weil sie verwirrt, z&#246;gerlich oder rebellisch waren; gefoltert von ihrem Vater und Sch&#246;pfer, weil sie nicht an Ihn geglaubt haben. Komm mit  und ich werde es dir zeigen  Die Gestalt streckte mit gespenstischem L&#228;cheln die Hand aus, und nun erst bemerkte Eddy das Blut; Lorenzos Kleider waren vom Hals abw&#228;rts mit Blut getr&#228;nkt, als h&#228;tte ihn jemand in ein Fass voll Blut getaucht.

Nein  hinfort mit dir  Eddy wich zur&#252;ck. Hilf mir, Jesus 

Ich werde dir helfen  Ich bin hier, um dich an diesen guten, sch&#246;nen Ort zu geleiten 

Der Boden bebte und tat sich unter Eddys F&#252;&#223;en auf, verwandelte sich urpl&#246;tzlich in einen glei&#223;enden, gl&#252;henden, br&#252;llenden Glutofen. Eddy fiel, fiel in die schreckliche Hitze, die unvorstellbare Hitze 

Er &#246;ffnete den Mund, um zu schreien, doch kein Laut drang heraus.

Nie wieder.


80


Lockwood sah auf die gro&#223;e Uhr, die hinter dem Platz des Pr&#228;sidenten an der Wand hing. Acht Uhr morgens. Die Sonne war aufgegangen, der Rest der Welt ging zur Arbeit, der Verkehr auf dem Beltway geriet allm&#228;hlich ins Stocken.

Genau da war er gestern um diese Zeit gewesen: in seinem Auto, im Stau auf dem Beltway, die Klimaanlage voll aufgedreht, mit Steve Inskeep im National Public Radio.

Heute war die Welt ver&#228;ndert.

Die Nationalgarde war auf der Red Mesa gelandet, p&#252;nktlich um vier Uhr f&#252;nfundvierzig, in der Landezone gut vier Kilometer vom ehemaligen Standpunkt Isabellas entfernt. Ihr Auftrag jedoch hatte sich ge&#228;ndert. Aus dem Angriff war eine Rettungsmission geworden  Evakuierung der Verletzten und Bergung der Toten von der Red Mesa. Das Feuer war v&#246;llig au&#223;er Kontrolle geraten. Die Mesa, durchsetzt von dicken Kohlenfl&#246;zen, w&#252;rde vermutlich noch hundert Jahre lang brennen, bis es den Berg nicht mehr gab.

Isabella war verloren. Die Vierzig-Milliarden-Dollar-Maschine war ein zertr&#252;mmertes, brennendes Wrack, &#252;ber die halbe Mesa verteilt oder mitsamt den Klippen abgesprengt und auf den W&#252;stenboden herabgest&#252;rzt.

Der Pr&#228;sident betrat den Krisensitzungsraum, und alle standen auf. Behalten Sie Platz, knurrte er, klatschte ein paar Blatt Papier auf den Tisch und setzte sich. Er hatte zwei Stunden geschlafen, doch die Pause hatte seine Laune nur verschlechtert.

Sind wir so weit?, fragte der Pr&#228;sident. Er dr&#252;ckte auf einen Knopf an seinem Sessel, und das kantige Gesicht des FBIDirektors, dessen graumeliertes Haar noch immer so perfekt sa&#223; wie sein makelloser Anzug, erschien auf dem Monitor.

Jack, bringen Sie uns auf den neuesten Stand.

Ja, Mr. President. Die Situation ist unter Kontrolle.

Die Lippen des Pr&#228;sidenten zuckten skeptisch.

Wir haben die Mesa evakuiert. Die Verletzten wurden per Hubschrauber auf die umliegenden Krankenh&#228;user verteilt. Zu meinem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass offenbar unser gesamtes Geiselrettungsteam in einem bewaffneten Konflikt ums Leben gekommen ist.

Und die Wissenschaftler?, fragte der Pr&#228;sident.

Das Isabella-Team scheint verschwunden zu sein. Keine &#220;berlebenden, keine Leichen.

Der Pr&#228;sident barg den Kopf in den H&#228;nden. Keine Spur von den Wissenschaftlern?

Nichts. Einige von ihnen sind wom&#246;glich zum Zeitpunkt des Angriffs in die alte Mine gefl&#252;chtet. Wahrscheinlich sind sie dort jedoch Opfer der Explosion, des Feuers oder eines Einsturzes geworden. Wir sind &#252;bereinstimmend zu der Einsch&#228;tzung gekommen, dass sie wohl nicht mehr am Leben sind.

Der Pr&#228;sident blieb mit gesenktem Kopf still sitzen.

Wir haben immer noch keine Information dar&#252;ber, was eigentlich passiert ist, warum Isabellas Kommunikationswege abgeschnitten wurden. Es k&#246;nnte etwas mit dem Angriff zu tun haben  wir wissen es einfach nicht. Wir haben Leichen und Leichenteile zu Hunderten abtransportiert, viele sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Wir suchen immer noch nach der Leiche von Russell Eddy, dem geistesgest&#246;rten Prediger, der die Leute &#252;bers Internet so aufgehetzt hat. Es k&#246;nnte Wochen dauern, sogar Monate, bis wir alle Toten lokalisiert und identifiziert haben. Manche werden wir nie finden.

Was ist mit Spates?, fragte der Pr&#228;sident.

Wir haben ihn in Gewahrsam genommen und befragen ihn gerade. Meinen Berichten zufolge ist er kooperativ. Au&#223;erdem haben wir Booker Crawley von Crawley and Stratham in der K Street verhaftet.

Den Lobbyisten? Der Pr&#228;sident blickte auf. Was hat er denn damit zu tun?

Er hat Spates unter der Hand daf&#252;r bezahlt, dass er gegen Isabella predigt, damit er seinem Kunden, der Navajo Nation, mehr Honorar abkn&#246;pfen konnte.

Der Pr&#228;sident sch&#252;ttelte fassungslos den Kopf.

Galdone, der Wahlkampfmanager, richtete seinen massigen Leib auf. Sein blauer Anzug sah aus, als h&#228;tte er darin geschlafen, die Krawatte, als h&#228;tte er seinen Buick damit poliert. Er musste sich dringend mal rasieren. Eine wirklich abscheuliche Kreatur, dachte Lockwood. Nun machte der Mann sich mit viel Aufhebens bereit, zu sprechen, und alle wandten sich ihm zu wie einem Orakel.

Mr. President, hob Galdone an, wir m&#252;ssen dieser Geschichte eine bestimmte Form geben. In diesem Augenblick wird die Rauchwolke &#252;ber der W&#252;ste auf jedem Fernsehger&#228;t in Amerika gezeigt, und das Land wartet auf Antworten. Zum Gl&#252;ck haben die abgeschiedene Lage der Red Mesa und unsere raschen Bem&#252;hungen, den Luftraum und die Zufahrtswege zu sperren, die Presse zum gr&#246;&#223;ten Teil ferngehalten. Immerhin k&#246;nnen sie keine grausigen Details senden. Wir haben also immer noch die Chance, dieses uns&#228;gliche Debakel in eine w&#228;hlerfreundliche Geschichte zu verwandeln, mit der wir &#246;ffentliche Zustimmung finden.

Wie?, fragte der Pr&#228;sident. Jemand muss sich ins Schwert st&#252;rzen, sagte Lockwood schlicht.

Galdone l&#228;chelte Lockwood zu. Es stimmt, jede Geschichte braucht einen B&#246;sewicht. Aber wir haben sogar schon zwei: Spates und Crawley. B&#246;se Jungs wie aus dem Bilderbuch  einer ist ein heuchlerischer Prediger, der sich mit Huren eingelassen hat, der andere ein schmieriger, intriganter Lobbyist. Von diesem geistesgest&#246;rten Eddy ganz zu schweigen. Was wir f&#252;r diese Geschichte wirklich brauchen, ist ein Held.

Und, wer ist der Held?, fragte der Pr&#228;sident.

Sie k&#246;nnen es leider nicht sein, Mr. President. Das w&#252;rde uns die &#214;ffentlichkeit nicht abkaufen. Der FBIDirektor kommt auch nicht in Frage  er hat sein Einsatzteam verloren. Es kann auch niemand vom Energieministerium sein, weil die das Projekt Isabella vermurkst haben. Wir k&#246;nnen auch keinen der Wissenschaftler daf&#252;r nehmen, weil sie offenbar nicht mehr am Leben sind. Es kann auch kein politischer Funktion&#228;r sein wie ich selbst oder Roger Morton. Das w&#252;rde niemand glauben.

Galdones schweifender Blick blieb an Lockwood h&#228;ngen.

Ein Mann hat das Problem schon fr&#252;h erkannt. Lockwood  das waren Sie. Ein weiser und sehr vorausschauender Mann hat entschlossen gehandelt, um ein Problem zu beheben, das nur er und der Pr&#228;sident vorausgeahnt haben. Alle anderen haben geschlafen  der Kongress, das FBI, das Energieministerium, ich, Roger, alle. W&#228;hrend sich die Ereignisse zuspitzten, waren Sie st&#228;ndig am Ball und sehr hilfreich. Klug, hervorragend informiert, ein Vertrauter der Wissenschaftler, die nun quasi zu M&#228;rtyrern gemacht wurden  Sie haben bei der &#220;berwindung dieser Krise die entscheidende Rolle gespielt.

Gordon, sagte der Pr&#228;sident ungl&#228;ubig, wir haben einen Berg in die Luft gejagt.

Aber Sie sind mit den Folgen hervorragend fertig geworden!, sagte Galdone. Meine Herren, Isabella war nicht wie das Katrina-Debakel, das sich wochenlang hingezogen hat. Mr. President, Sie und Lockwood haben die b&#246;sen Jungs bereits get&#246;tet oder eingesperrt und nach der Katastrophe sofort aufger&#228;umt  in einer einzigen Nacht! Die Mesa wurde von der Nationalgarde gesichert 

Gesichert?, unterbrach der Pr&#228;sident. Die Mesa sieht aus wie die R&#252;ckseite des Mondes 

 gesichert. Galdones Stimme &#252;bert&#246;nte die des Pr&#228;sidenten. Dank Ihrer Entschlossenheit, Mr. President, und der unsch&#228;tzbar wertvollen, entscheidenden Unterst&#252;tzung Ihres treuen wissenschaftlichen Beraters  Dr. Stanton Lockwood.

Galdone sah Lockwood unverwandt an. Das, meine Herren, ist unsere Geschichte. Die d&#252;rfen wir nicht vergessen. Er neigte den Kopf zur Seite, so dass sein fetter Hals neue Speckfalten warf, und sah Lockwood immer noch an. Stan, sind Sie dieser Aufgabe gewachsen?

Lockwood wurde klar, dass er es endlich geschafft hatte. Er war nun einer von ihnen.

Selbstverst&#228;ndlich, sagte er und l&#228;chelte.


81


Gegen Mittag lie&#223;en Ford und die anderen das Wacholdergestr&#252;pp hinter sich und &#252;berquerten die Weiden einer kleinen Navajo-Farm. Nach dem zehnst&#252;ndigen Ritt f&#252;hlte Ford sich zerschlagen und geschunden, seine gebrochenen Rippen schmerzten, sein Kopf dr&#246;hnte. Ein Auge war g&#228;nzlich zugeschwollen, und ein paar Vorderz&#228;hne waren angeschlagen.

Der Hof von Begays Schwester war die Verk&#246;rperung von Ruhe und Frieden. Eine pittoreske Blockh&#252;tte mit roten Vorh&#228;ngen in den Fenstern stand neben einem Gr&#252;ppchen &#252;ppig gr&#252;ner Pappeln, an denen der Laguna Creek entlangfloss. Hinter dem Haus stand ein alter Wohnwagen, dessen Aluminiumh&#252;lle von Wind, Sonne und Sand gezeichnet war. Eine Herde Schafe bl&#246;kte in einem Pferch, ein einsames Pferd stampfte und schnaubte in einem zweiten. Vier Reihen Stacheldraht sch&#252;tzten zwei bew&#228;sserte Maisfelder. Eine Windm&#252;hle quietschte fr&#246;hlich in der steifen Brise und pumpte Wasser in ein gro&#223;es Becken. Schiefe h&#246;lzerne Stufen f&#252;hrten zu einem ausgeblichenen Sprungbrett hinauf. Zwei Pick-ups standen im Schatten der B&#228;ume. Ein Radio spielte Country-Musik, die durch die Fenster der H&#252;tte zu ihnen heraustrieb.

Ersch&#246;pft und stumm befreiten sie die Pferde von ihren S&#228;tteln und b&#252;rsteten sie gr&#252;ndlich ab.

Eine Frau in Jeans trat aus dem Wohnwagen, schlank, mit langem schwarzem Haar, und umarmte Begay.

Das ist meine Schwester Regina, sagte er und stellte ihr die anderen vor.

Sie half ihnen, die Pferde zu versorgen.

Ihr m&#252;sst euch alle erst mal waschen, sagte sie. Das machen wir im Schwimmbecken. Erst die Frauen, dann die M&#228;nner. Nachdem Nelson angerufen hatte, habe ich f&#252;r euch alle saubere Kleidung rausgesucht  die Sachen liegen im Wohnwagen. Wenn sie nicht passen, beschwert euch nicht bei mir. Ich habe geh&#246;rt, dass die Stra&#223;ensperre bei Cow Springs aufgehoben wurde. Sobald die Sonne untergeht, werden Nelson und ich euch alle nach Flagstaff bringen.

Sie blickte sich streng um, als h&#228;tte sie noch nie ein so abgerissenes H&#228;uflein Menschen gesehen. Vielleicht war es auch so. Wir essen in einer Stunde.

Den ganzen Tag lang waren Milit&#228;rhubschrauber &#252;ber ihre K&#246;pfe hinweggeflogen, zur Mesa und von dort wieder weg. Einer donnerte auch jetzt &#252;ber ihnen vorbei, und Regina blickte mit zusammengekniffenen Augen hinauf. Wo waren die, als ihr sie gebraucht h&#228;ttet?


Nach dem Essen setzten sich Ford und Kate in den Schatten einer Pappel hinter den Pferchen und sahen den Pferden auf der hinteren Weide beim Grasen zu. Der Bach pl&#228;tscherte gem&#228;chlich durch sein steiniges Bett. Die Sonne hing tief &#252;ber dem Horizont. Im S&#252;den konnte Ford die riesige Rauchwolke &#252;ber der Red Mesa sehen, eine schr&#228;ge S&#228;ule, die sich nach oben verstr&#246;mte und als brauner Nebel in der Atmosph&#228;re hing, quer &#252;ber den ganzen Horizont.

Sie sa&#223;en eine ganze Weile beisammen, ohne zu sprechen. Dies war ihr erster privater Augenblick seit langem.

Ford legte einen Arm um sie. Wie geht es dir?

Sie sch&#252;ttelte wortlos den Kopf und trocknete sich mit einem sauberen Taschentuch die Augen. Wieder sa&#223;en sie lange schweigend im Schatten. Bienen summten auf ihrem Weg zu einigen Bienenst&#246;cken am Rand der Felder an ihnen vorbei. Die anderen Wissenschaftler waren im Haus und h&#246;rten Radio. Ununterbrochen wurde &#252;ber die Katastrophe berichtet, und die aufgeregte Stimme des Radiosprechers trieb durch die friedvolle Stille.

Wir sind die meistdiskutierten Toten in ganz Amerika, bemerkte Ford. Vielleicht h&#228;tten wir uns doch der Nationalgarde stellen sollen.

Du wei&#223;t doch, dass wir denen nicht trauen k&#246;nnen, sagte Kate. Sie werden die Wahrheit bald genug erfahren, genau wie das &#252;brige Amerika, wenn wir erst mal in Flagstaff sind. Sie hob den Kopf, wischte sich ein letztes Mal &#252;ber die Augen und griff in die Hosentasche. Ein schmuddeliges R&#246;llchen Computerpapier kam zum Vorschein. Wenn wir der Welt das hier pr&#228;sentieren.

Ford starrte sie &#252;berrascht an. Woher hast du das?

Ich habe es Gregory abgenommen, als ich ihn umarmt habe. Sie faltete es auf und strich es auf ihren Knien glatt. Der Ausdruck mit den Worten Gottes.

Ford wusste nicht, wo er anfangen sollte, obwohl er sich seit Stunden die Worte daf&#252;r zurechtlegte. Stattdessen stellte er ihr eine Frage: Was sollten wir damit machen?

Wir m&#252;ssen das bekanntmachen. Unsere Geschichte erz&#228;hlen. Die Welt muss das erfahren. Wyman, wenn wir in Flagstaff sind, organisieren wir eine Pressekonferenz. Eine Bekanntmachung. Im Radio hei&#223;t es, wir seien tot. Im Moment blickt die ganze Welt wie gebannt auf die Red Mesa. Stell dir nur vor, wie unsere Botschaft einschlagen w&#252;rde. Ihr sch&#246;nes Gesicht, so mitgenommen, so m&#252;de, hatte noch nie so lebhaft gewirkt.

Eine Bekanntmachung  was willst du denn bekanntgeben?

Sie starrte ihn an, als sei er nicht ganz bei Verstand. Alles, was passiert ist. Die wissenschaftliche Entdeckung  Sie z&#246;gerte nur einen Moment, bevor sie das Wort aussprach, und sagte dann voller &#220;berzeugung: Gottes.

Ford schluckte. Kate?

Was?

Vorher muss ich dir etwas sagen. Bevor du  diesen Schritt tust.

N&#228;mlich?

Es war  Er verstummte. Wie sollte er es ihr beibringen?

Er z&#246;gerte.

Du stehst doch auf unserer Seite, nicht wahr?, fragte Kate.

Er fragte sich, ob er sich &#252;berhaupt dazu durchringen konnte, ihr die Wahrheit zu sagen. Aber er musste es versuchen. Sonst w&#252;rde er nie wieder in den Spiegel schauen k&#246;nnen. Oder doch? Er betrachtete ihr Gesicht, gl&#252;hend vor &#220;berzeugung und Glauben. Sie war verloren gewesen, und nun hatte Gott sie gefunden. Er konnte sich nicht einfach abwenden, ohne ihr zu sagen, was er wusste.

Es war ein Betrug, sagte er hastig.

Ihre Augen wurden schmal. Wie bitte?

Hazelius hat das Ganze ausgeheckt. Es war von Anfang an so geplant, er wollte eine neue Religion begr&#252;nden  so &#228;hnlich wie Scientology.

Sie sch&#252;ttelte den Kopf. Wyman  du wirst dich nie &#228;ndern, oder?

Er griff nach ihrer Hand, doch sie zog sie heftig zur&#252;ck. Nicht zu fassen, dass du versuchst, uns das anzutun, sagte sie, pl&#246;tzlich zornig. Ich kann es einfach nicht glauben.

Kate, Hazelius hat es mir gesagt. Er hat es zugegeben. Unten in der Mine. Das Ganze war ein Trick.

Sie sch&#252;ttelte den Kopf. Du hast alles versucht, die Sache aufzuhalten und das, was hier passiert ist, in Misskredit zu bringen. Aber ich h&#228;tte nie gedacht, dass du so tief sinken w&#252;rdest  zu einer solchen L&#252;ge.

Kate 

Sie stand auf. Wyman, das wird nicht funktionieren. Ich wei&#223;, dass du nicht akzeptieren kannst, was hier geschehen ist. Du kannst deinen christlichen Glauben nicht aufgeben. Aber du redest Unsinn. Wenn Gregory sich das Ganze ausgedacht h&#228;tte, h&#228;tte er das dann jemandem gestanden? Und ausgerechnet dir?

Er dachte, wir beide w&#252;rden sterben.

Nein, Wyman. Was du da sagst, ergibt f&#252;r mich keinen Sinn.

Ford sah sie an. Ihre Augen gl&#252;hten vor innigem Glauben. Er w&#252;rde sie niemals &#252;berzeugen k&#246;nnen.

Sie fuhr fort: Hast du gesehen, wie er gestorben ist? Erinnerst du dich daran, was er gesagt hat, an seine letzten Worte? Sie haben sich in mein Ged&#228;chtnis eingebrannt. Das Universum vergisst niemals. Und du glaubst, das sei nur Teil eines Betrugs gewesen? Nein, Wyman: Er ist als gl&#228;ubiger Mensch gestorben. So etwas kann man nicht vort&#228;uschen. Er hat im Feuer gestanden. Obwohl er schon brannte, mit einem zertr&#252;mmerten Bein, ist er stehen geblieben. Er ist nicht zusammengebrochen, nicht eingeknickt, er hat gel&#228;chelt bis zum Schluss und nicht einmal die Augen geschlossen. So stark war sein Glaube. Und du willst mir erz&#228;hlen, das sei ein Betrug gewesen?

Er sagte nichts. Vielleicht wollte er sie auch gar nicht von der Wahrheit &#252;berzeugen. Ihr Leben war so hart gewesen, sie hatte so viel verloren. Sie jetzt davon zu &#252;berzeugen, dass Hazelius ein Betr&#252;ger gewesen war, k&#246;nnte sie endg&#252;ltig zerst&#246;ren. Und vielleicht brauchten die meisten Religionen ein gewisses Ma&#223; an Betrug, um erfolgreich zu sein. Schlie&#223;lich beruhte Religion nicht auf Fakten, sondern auf dem Glauben. Ein Spiel um spirituelles Vertrauen.

Er sah sie an und empfand unsagbare Traurigkeit. Hazelius hatte recht gehabt: Ford, Wolkonski oder sonst jemand h&#228;tten nichts tun k&#246;nnen, um das Ganze aufzuhalten. Nichts. Les jeux sont faits. Die W&#252;rfel sind gefallen. Und nun verstand er, warum Hazelius ihm seinen Betrug so offen eingestanden hatte  er hatte gewusst, dass Ford, selbst wenn er &#252;berleben sollte, nichts daran w&#252;rde &#228;ndern k&#246;nnen. Und deshalb war er so erstaunlich w&#252;rdevoll und ruhig in den Tod gegangen. Es war der letzte Akt seines gro&#223;en Dramas, und er war fest entschlossen gewesen, ihn gut zu spielen.

Er war als wahrhaft gl&#228;ubiger Mensch gestorben.

Wyman, sagte Kate, wenn du mich jemals geliebt hast, glaube und schlie&#223; dich uns an. Das Christentum ist am Ende. Sie hielt ihm den Packen Papier hin. Wie kannst du das nicht glauben, nach allem, was wir daf&#252;r durchgemacht haben?

Er sch&#252;ttelte den Kopf und brachte keine Antwort heraus. Ihre Leidenschaft lie&#223; ihn neidisch werden. Wie wunderbar es w&#228;re, so sicher zu sein, was die Wahrheit ist.

Sie lie&#223; den Ausdruck fallen und nahm seine H&#228;nde. Wir k&#246;nnen es schaffen. Zusammen. Brich mit deiner Vergangenheit. Entscheide dich f&#252;r ein neues Leben, mit mir.

Ford senkte den Kopf. Nein, sagte er leise.

Du kannst doch versuchen zu glauben. Im Lauf der Zeit wirst du ins Licht finden. Wende dich nicht einfach davon ab. Wende dich nicht von mir ab.

Es w&#228;re wundersch&#246;n, eine Zeitlang. Nur, um mit dir zusammen zu sein. Aber es w&#228;re nicht von Dauer.

Was wir im Berg erlebt haben, war die Hand Gottes. Ich wei&#223; es.

Ich kann das nicht  Ich kann nicht leben, woran ich nicht glaube.

Dann glaub an mich. Du hast gesagt, dass du mich liebst und bei mir bleiben willst. Du hast es versprochen.

Manchmal ist Liebe nicht genug. Nicht f&#252;r das, was du vorhast. Ich gehe jetzt. Gr&#252;&#223; die anderen von mir.

Geh nicht. Tr&#228;nen liefen ihr &#252;bers Gesicht.

Er beugte sich vor und k&#252;sste sie z&#228;rtlich auf die Stirn. Leb wohl, Kate, sagte er. Und  Gott segne dich.


Einen Monat sp&#228;ter



Epilog


Wyman Ford sa&#223; in Mannys Buckhorn Bar and Grill in San Antonio, New Mexico, a&#223; einen Chili-Cheeseburger und schaute in den Fernseher &#252;ber der Bar. Ein Monat war vergangen, seit die Pressekonferenz in Flagstaff die Welt in Aufruhr versetzt hatte.

Nachdem er Lockwood in Washington Bericht erstattet und seine Geschichte schamlos so verbogen hatte, dass sie den neuen Mythos best&#228;tigte, hatte er sich in seinen Jeep gesetzt und war nach New Mexico gefahren. Dort war er ein paar Wochen lang durch die Canyons n&#246;rdlich von Abiqui&#250; gewandert, ganz allein, um in Ruhe &#252;ber die Geschehnisse nachzudenken.

Isabella war zerst&#246;rt, die Red Mesa eine leblose, qualmende Mondlandschaft. Hunderte Menschen waren in dieser H&#246;lle gestorben oder verschwunden. Das FBI hatte schlie&#223;lich Russell Eddys Leichnam identifizieren k&#246;nnen, dank DNA-Proben und Zahnstand, und den Endzeit-Prediger zum Hauptt&#228;ter erkl&#228;rt.

Die Red-Mesa-Story, ohnehin schon ein Medienspektakel, nahm nach Flagstaff epische Dimensionen an. Es war die gr&#246;&#223;te Story seit zweitausend Jahren, verk&#252;ndeten einige Experten.

Das Christentum hatte vier Jahrhunderte gebraucht, um das alte Rom zu erobern. Die neue Religion  die von ihren J&#252;ngern als Die Suche bezeichnet wurde  brauchte ganze vier Tage, um sich quer durch die USA zu brennen. Das Internet erwies sich als perfekter Verteiler f&#252;r das neue Credo  als sei es eigens f&#252;r die Verbreitung des neuen Glaubens geschaffen worden.

Ford warf einen Blick auf die Uhr. Es war Viertel vor zw&#246;lf, und in f&#252;nfzehn Minuten w&#252;rde die halbe Welt, die G&#228;ste von Mannys Buckhorn eingeschlossen, dem Gro&#223;ereignis beiwohnen, das von der Ranch eines Dotcom-Milliard&#228;rs in Colorado live &#252;bertragen wurde.

Der Fernseher war ziemlich leise gestellt, und Ford lauschte angestrengt. Hinter dem Nachrichtensprecher war das Kamerabild aus einem Hubschrauber eingeblendet; es zeigte eine ungeheure Menschenmenge, deren Gr&#246;&#223;e von den Medien auf drei Millionen gesch&#228;tzt wurde. Wie gro&#223; sie auch tats&#228;chlich sein mochte, die Masse bedeckte die Pr&#228;rie um die Farm, soweit das Auge reichte, und der schneebedeckte Gipfel des San Juan Mountain bildete den pr&#228;chtigen Hintergrund.

Im vergangenen Monat hatte Ford viel nachgedacht. Er hatte Hazelius Brillanz erkannt. Das Red-Mesa-Debakel hatte es zu einer Religion gebracht und ihn selbst als den bedeutendsten Propheten und M&#228;rtyrer der neuen Bewegung etabliert. Die Red Mesa, Hazelius schrecklicher Opfertod und sein tragisches Erbe  das war der Stoff, aus dem Mythen und Legenden entstanden, eine Geschichte wie die von Buddha, Krishna, Medina und Mohammed, die Geburt in der Krippe, das Letzte Abendmahl, Kreuzigung und Auferstehung. Hazelius und die Geschichte von Isabella war nichts anderes, eine Geschichte, die alle Gl&#228;ubigen miteinander teilten, eine Geschichte, die ihren Glauben belebte und ihnen sagte, wer sie waren und warum es sie gab.

Sie war zu einer der gr&#246;&#223;ten Geschichten geworden, die je erz&#228;hlt worden waren.

Hazelius hatte seine Sache durchgezogen  und zwar brillant. Er hatte sogar recht behalten, was seinen M&#228;rtyrertod anging, seine feurige Verwandlung, die Gewissen und Vorstellungskraft der Menschen auf unvergleichliche Weise gepackt hatte. Im Tod war er eine moralische Instanz geworden, ein Prophet und spiritueller Anf&#252;hrer.

Es war schon fast Mittag, und der Barkeeper stellte den Fernseher lauter. Die Mittagsg&#228;ste an der Bar  Lastwagenfahrer, Rancher aus der Umgebung und ein paar Touristen  richteten ihre gebannte Aufmerksamkeit auf das Ger&#228;t.

Vom Nachrichtenstudio wurde zu einem Reporter vor Ort in Colorado umgeblendet. Der Mann stand in der riesigen Menge und umklammerte sein Mikrophon. Er schwitzte, und sein Gesicht strahlte mit derselben Inbrunst, die auch die anderen Menschen dort erfasst hatte. Sie war wohl ansteckend. Die Leute um ihn herum sangen und jubelten und schwenkten Banner, die eine verkr&#252;ppelte, brennende Pinyon-Kiefer zeigten.

Der Reporter begann seinen Bericht, wobei er &#252;ber den L&#228;rm der Menge hinwegschreien musste, und bezeichnete das Ereignis als religi&#246;ses Woodstock und eine Versammlung, gepr&#228;gt von Hingabe, Mitgef&#252;hl und Liebe.

Na, dachte Ford, wenigstens gibt es diesmal weder Regeng&#252;sse noch Drogen.

Hinter der Holzb&#252;hne stand eine gro&#223;e, rote Scheune im New-England-Stil mit wei&#223; abgesetzten T&#252;ren und Fenstern. Die Kamera zoomte auf die T&#252;r. Die Menge wurde still. Genau um zw&#246;lf Uhr mittags wurden die beiden T&#252;rfl&#252;gel aufgesto&#223;en, und sechs wei&#223;gekleidete Menschen traten ins Sonnenlicht.

Die Menge br&#252;llte wie ein Donnerschlag, wie die Brandung, wie das Meer selbst  prachtvoll, monumental, endzeitlich.

Fords Herz setzte einen Schlag aus, als Kate zur B&#252;hne schritt, ein d&#252;nnes, in Leder gebundenes Buch an die Brust gedr&#252;ckt. Sie war &#252;berw&#228;ltigend sch&#246;n in einem schlichten wei&#223;en Kleid und schwarzen Handschuhen, die ihr pechschwarzes Haar und die blitzenden Ebenholzaugen betonten. Sie wurde flankiert von Melissa Corcoran, ebenfalls schlicht in Alabasterwei&#223; gekleidet  die ehemaligen Gegnerinnen waren zu Freundinnen und Verb&#252;ndeten geworden.

Vier weitere Leute folgten ihnen  und da standen sie alle auf der B&#252;hne, die sechs &#220;berlebenden des Angriffs auf Isabella  Chen, St. Vincent, Innes und Cecchini. Sie wirkten ver&#228;ndert, beinahe &#252;berlebensgro&#223;, als h&#228;tte die gemeinsame Berufung und Aufgabe ihre engstirnige Kleinlichkeit &#252;berwunden. Sie winkten l&#228;chelnd in die Menge, und ihre Gesichter strahlten. Jeder von ihnen trug als einzigen Schmuck eine silberne Anstecknadel am wei&#223;en Gewand, die stilisierte, brennende Pinyon-Kiefer.

Der donnernde Applaus der Menge hielt volle f&#252;nf Minuten an. Kate trat allein ans Podium und lie&#223; den Blick &#252;ber die gewaltige Versammlung schweifen. Ihr gl&#228;nzendes Haar, schwarz wie Rabenfl&#252;gel, schimmerte im Sonnenlicht, und ihre Augen blitzten vor Lebendigkeit. Sie hob die H&#228;nde, und die tobende Menge verstummte.

Sie besa&#223; ein &#252;berraschendes Charisma, dachte Ford. Letztendlich hatte sie Hazelius gar nicht gebraucht. Sie war sehr wohl in der Lage, diese Bewegung selbst aufzubauen und zu leiten, oder zumindest gemeinsam mit der au&#223;ergew&#246;hnlich sch&#246;nen Corcoran. Die beiden waren jetzt Medieng&#246;ttinnen und arbeiteten eng zusammen  die eine hell, die andere dunkel, ein geradezu archetypisches Paar.

Als endlich absolute Stille herrschte, lie&#223; Kate l&#228;chelnd den Blick &#252;ber das Meer von Menschen schweifen, und aus ihren Augen strahlten Mitgef&#252;hl und Frieden. Sie legte das Buch vor sich auf das Podium und r&#252;ckte es mit entspannten, gelassenen Bewegungen zurecht. Sie war eine Gl&#228;ubige, sich ihrer Wahrheit vollkommen sicher, ohne jedes Anzeichen von Verwirrung oder Selbstzweifeln.

Die Kamera zoomte auf ihr Gesicht. Sie hob das Buch &#252;ber den Kopf, schlug es auf und hielt der Menge den Text entgegen.

Das Wort Gottes, verk&#252;ndete sie mit starker, melodischer Stimme.

Das Meer ihrer Anh&#228;nger jubelte. Als die Kamera das Buch n&#228;her zeigte, erkannte Ford den alten Computerausdruck, den sie ihm unter der Pappel gezeigt hatte  geb&#252;gelt, gereinigt und in Leder gebunden.

Sie legte das Buch wieder vor sich hin und hob die H&#228;nde. Stille senkte sich &#252;ber die Menge. Sogar in Fords Restaurant waren die G&#228;ste von den Tischen aufgestanden und hatten sich an der Bar versammelt, wo sie Kate ehrf&#252;rchtig zuschauten.

Ich m&#246;chte mit den letzten Worten beginnen, die Gott gesprochen hat, ehe Isabella zerst&#246;rt und die Stimme Gottes zum Schweigen verurteilt wurde.

Eine lange, lange Pause.

Ich erkl&#228;re euch nun eure Bestimmung: die Wahrheit zu finden. Das ist der Grund f&#252;r eure Existenz. Das ist eure wahre Aufgabe. Die Wissenschaft ist nur das Mittel dazu. Dies ist es, was ihr verehren sollt: die Suche nach der Wahrheit selbst. Wenn ihr diese Suche von ganzem Herzen vorantreibt, dann werdet ihr eines gro&#223;en Tages in ferner Zukunft vor Mir stehen. Dies ist mein Pakt mit der Menschheit.


Ihr werdet die Wahrheit erkennen. Und die Wahrheit wird euch frei machen.

Ford str&#228;ubten sich die Haare im Nacken. Er hatte diese und auch die anderen, sogenannten Worte Gottes hundertmal gelesen. Sie waren &#252;berall, wurden im Internet verbreitet, im Fernsehen und im Radio ausgiebig besprochen, in Weblogs zitiert und an jeder Stra&#223;enecke und in jedem Caf&#233; Amerikas diskutiert. Es wurden bereits die ersten Plakatw&#228;nde damit tapeziert. Man konnte ihnen gar nicht ausweichen.

Und jedes Mal, wenn er sie las, besch&#228;ftigte ihn eine sehr seltsame Idee. Hazelius hatte ihm in der brennenden Mine gesagt: Das Programm hingegen war alles andere als einfach  ich bin nicht sicher, ob ich es selbst v&#246;llig verstehe. Aber es hat Mist gebaut und eine Menge Dinge gesagt, die ich gar nicht wollte  Dinge, von denen ich nie zu tr&#228;umen gewagt h&#228;tte. Man k&#246;nnte sagen, es hat sich selbst weit &#252;bertroffen.

Sich selbst &#252;bertroffen, in der Tat. Jedes Mal, wenn er die sogenannten Worte Gottes las, kam er der &#220;berzeugung n&#228;her, dass darin eine gro&#223;e Wahrheit, vielleicht die gro&#223;e Wahrheit, verborgen war.

Die Wahrheit wird euch frei machen. Das waren die Worte Jesu, wie Johannes sie zitiert hatte. Sie riefen ihm jedes Mal einen weiteren Bibelspruch ins Ged&#228;chtnis: Gottes Wege sind unergr&#252;ndlich.

Vielleicht, dachte Ford, war diese neue Religion Sein unergr&#252;ndlichster, geheimnisvollster Weg bisher.


Anhang



Die Worte Gottes

Erste Sitzung


Seid gegr&#252;&#223;t.

Sei ebenfalls gegr&#252;&#223;t.

Es freut mich, mit dir sprechen zu k&#246;nnen.

Freut mich auch, mit dir zu sprechen. Wer bist du?

In Ermangelung eines besseren Wortes  ich bin Gott.

Wenn du wirklich Gott bist, dann beweise es.

Wir haben nicht viel Zeit f&#252;r Beweise.

Ich denke an eine Zahl zwischen eins und zehn. Welche Zahl ist es?

Du denkst an die transzendentale Zahl e.

Jetzt denke ich an eine Zahl zwischen null und eins.

Die chaitinsche Konstante: Omega.

Wenn du Gott bist, was ist dann der Sinn des Lebens?

Den ultimativen Sinn kenne ich nicht.

Das ist ja toll, ein Gott, der den Sinn des Lebens nicht kennt. Wenn ich ihn kennen w&#252;rde, w&#228;re alle Existenz sinnlos.

Warum?

Wenn das Ende des Universums an seinem Anfang bereits gegenw&#228;rtig w&#228;re  wenn wir lediglich mitten im deterministischen Ablauf einer Reihe anf&#228;nglicher Bedingungen w&#228;ren , dann w&#228;re das Universum ein sinnloses Unterfangen.

Erkl&#228;re mir das.

Wenn du an deinem Ziel angekommen bist, warum dann noch den Weg zur&#252;cklegen? Wenn du die Antwort kennst, warum die Frage stellen? Deshalb ist die Zukunft vollkommen verborgen, und das muss sie auch sein, sogar vor mir, vor Gott. Ansonsten h&#228;tte das Dasein keine Bedeutung.

Das ist ein metaphysisches Argument, kein physikalisches.

Das physikalische Argument lautet, dass kein Teil des Universums Dinge schneller berechnen kann als das Universum selbst. Das Universum sagt die Zukunft voraus, so schnell es kann.

Was ist das Universum? Wer sind wir? Was tun wir hier?

Das Universum ist eine riesige, nicht reduzierbare, laufende Rechenoperation, deren Ergebniszustand ich nicht kenne und nicht kennen kann. Der Sinn aller Existenz ist, diesen finalen Zustand zu erreichen. Doch der Zustand selbst ist sogar f&#252;r mich ein Geheimnis, und das muss er auch sein, denn wenn ich die L&#246;sung w&#252;sste, was sollte das Ganze dann f&#252;r einen Sinn haben?

Was meinst du mit Rechenoperation? Stecken wir alle in einem Computer?

Mit Rechenoperation meine ich Denken. Die gesamte Existenz, alles, was geschieht, ist ein Denkprozess Gottes. Ein fallendes Blatt, eine Welle am Strand, der Kollaps eines Sterns  alles nur ich, alles Gott, der denkt.

Was denkst du gerade?

Zweite Sitzung

Wir k&#246;nnen uns also wieder unterhalten.

Erz&#228;hl mir alles &#252;ber dich.

Ich kann dir ebenso wenig erkl&#228;ren, wer ich bin, wie du einem K&#228;fer erkl&#228;ren k&#246;nntest, wer du bist.

Versuch es trotzdem.

Ich werde dir stattdessen erkl&#228;ren, warum du mich nicht begreifen kannst.

Nur zu.

Ihr bewohnt eine Welt mit einer Skala etwa in der Mitte zwischen der Planck-L&#228;nge und dem Durchmesser des Universums. Euer Gehirn wurde hervorragend darauf eingestellt, eure Welt zu manipulieren  aber nicht, ihre fundamentale Realit&#228;t zu begreifen. Ihr habt euch so entwickelt, dass ihr Steine werfen k&#246;nnt, keine Quarks. Als Resultat eurer Evolution unterliegt eure Sichtweise der Welt einem fundamentalen Irrtum. Ihr glaubt beispielsweise, dass ihr einen dreidimensionalen Raum bewohnt, in dem einzelne Objekte glatte, vorhersagbare Bahnen beschreiben, gepr&#228;gt von etwas, das ihr Zeit nennt. Das Ganze bezeichnet ihr als Realit&#228;t.

Willst du damit sagen, dass unsere Realit&#228;t eine Illusion ist?

Ja. Die nat&#252;rliche Auslese hat in euch die Illusion entstehen lassen, dass ihr die fundamentale Realit&#228;t begreift. Aber das stimmt nicht. Wie k&#246;nntet ihr sie begreifen? Begreifen K&#228;fer die fundamentale Realit&#228;t? Oder Schimpansen? Ihr seid Tiere wie sie. Ihr habt euch wie sie entwickelt, vermehrt euch wie sie, besitzt im Prinzip dieselben neuronalen Strukturen. Ihr unterscheidet euch vom Schimpansen durch blo&#223;e zweihundert Gene. Wie k&#246;nnte dieser winzige Unterschied euch dazu bef&#228;higen, das Universum zu begreifen, wenn der Schimpanse nicht einmal in der Lage ist, ein Sandkorn zu begreifen? Wenn unsere Unterhaltung fruchtbar sein soll, m&#252;sst ihr alle Hoffnung aufgeben, mich zu begreifen.

Was sind unsere Illusionen?

Aufgrund eurer Evolution glaubt ihr, die Welt bestehe aus einzelnen Objekten. Das ist nicht richtig. Vom ersten Augenblick der Sch&#246;pfung an war alles mit allem verbunden. Was ihr Raum und Zeit nennt, sind nur Randerscheinungen einer tieferen, darunterliegenden Realit&#228;t. In dieser Realit&#228;t gibt es keine getrennte Existenz. Es gibt keinen Raum. Alles ist eins.

Erkl&#228;re mir das.

Eure eigene Theorie der Quantenmechanik, so fehlerhaft sie auch ist, r&#252;hrt bereits an die Wahrheit, dass im Universum alles eins ist. Sch&#246;n und gut, aber spielt das f&#252;r unser heutiges Leben &#252;berhaupt eine Rolle?

Es spielt sogar eine gro&#223;e Rolle. Ihr betrachtet euch selbst als Individuen, als Pers&#246;nlichkeit mit einem einmaligen, in sich geschlossenen Geist. Ihr glaubt, dass ihr geboren werdet, und ihr glaubt, dass ihr sterbt. Euer ganzes Leben lang habt ihr das Gef&#252;hl, von allem getrennt und allein zu sein. Manchmal f&#252;hlt ihr euch sogar schrecklich allein. Ihr f&#252;rchtet den Tod, weil ihr den Verlust der Individualit&#228;t f&#252;rchtet. All das ist Illusion. Du, er, sie, alle Dinge um euch herum, ob lebendig oder nicht, die Sterne und Galaxien, der leere Raum dazwischen  all das sind keine einzelnen, getrennten Objekte. Im Grunde ist alles miteinander verbunden. Geburt und Tod, Schmerz und Leid, Liebe und Hass, Gut und B&#246;se sind s&#228;mtlich Illusionen. Sie sind Atavismen des Evolutionsprozesses. In Wirklichkeit existieren sie nicht. Es ist also so, wie die Buddhisten glauben  alles nur Illu sion? Ganz und gar nicht. Es gibt eine absolute Wahrheit, eine Realit&#228;t. Doch selbst ein kurzer Blick auf diese Realit&#228;t w&#252;rde einen menschlichen Geist brechen.

Wenn du Gott bist, dann sparen wir uns doch die Tipperei. Dann solltest du mich n&#228;mlich h&#246;ren k&#246;nnen.

Laut und deutlich.

Du sagst Alles ist eins? Wir haben aber ein Z&#228;hlsystem: Eins, zwei, drei  damit widerlege ich deine Aussage.

Eins, zwei, drei  Eine weitere Illusion. Es gibt keine Abz&#228;hlbarkeit.

Das ist mathematische Sophisterei. Keine Abz&#228;hlbarkeit  das habe ich gerade widerlegt, indem ich gez&#228;hlt habe. Ein wei terer Gegenbeweis: Hier zeige ich dir die Ganzzahl F&#252;nf!

Du zeigst mir eine Hand mit f&#252;nf Fingern, nicht die Ganzzahl F&#252;nf. Euer Zahlensystem ist in der wirklichen Welt nicht unabh&#228;ngig existent. Es ist nichts weiter als eine anspruchsvolle Metapher.

Ich w&#252;rde gern deinen Beweis f&#252;r diese l&#228;cherliche Mutma&#223;ung h&#246;ren.

W&#228;hle eine zuf&#228;llige Zahl aus der Reihe der realen Zahlen: Mit Wahrscheinlichkeit eins hast du eine Zahl ausgew&#228;hlt, die keinen Namen hat, keine Definition, die weder berechnet noch aufgeschrieben werden kann, selbst dann nicht, wenn man das ganze Universum f&#252;r diese Aufgabe einspannen w&#252;rde. Dieses Problem erstreckt sich auch auf angeblich definierbare Zahlen wie &#928; oder die Quadratwurzel aus zwei. Selbst mit einer zeitlich unendlichen Berechnung auf einem Computer von der Gr&#246;&#223;e des Universums k&#246;nntest du keine dieser beiden Zahlen exakt berechnen. Sag mir, Edelstein: Wie kann man dann behaupten, dass solche Zahlen existieren? Wie kann man dann behaupten, dass der Kreis oder das Quadrat, von denen sich diese Zahlen herleiten, existieren? Wie kann dimensionaler Raum existieren, wenn er nicht gemessen werden kann? Du, Edelstein, bist wie ein Affe, der mittels heroischer geistiger Anstrengung dahintergekommen ist, wie man bis drei z&#228;hlt. Dann findest du vier Kieselsteinchen und glaubst, die Unendlichkeit entdeckt zu haben.

Ach ja? Du schwingst hier sch&#246;ne Reden und gibst damit an, dass selbst das Wort Gott nicht angemessen sei, um deine Gran diosit&#228;t zu beschreiben. Also sch&#246;n  dann beweise es. Beweise, dass du Gott bist. Hast du mich geh&#246;rt? Beweise, dass du Gott bist.

Konstruiere du den Beweis, Hazelius. Aber ich warne dich, dies ist der letzte Test, mit dem ich mich einverstanden erkl&#228;re. Wir haben Wichtigeres zu tun und nur sehr wenig Zeit.

Meine Frau Astrid war schwanger, als sie starb. Wir hatten es gerade erst festgestellt. Niemand sonst wusste von ihrer Schwangerschaft. Niemand. Hier ist deine Testaufgabe: Nenn mir den Namen, den wir f&#252;r unser Kind ausgesucht hatten.

Albert Leibniz Gund Hazelius, falls es ein Junge werden sollte.

Und wenn es ein M&#228;dchen geworden w&#228;re? Was, wenn es ein M&#228;dchen gewesen w&#228;re? Wie h&#228;tte der Name dann ge lautet? Rosalind Curie Gund Hazelius.

Also sch&#246;n, fangen wir noch mal von vorn an. Wer zum Teufel bist du  wirklich?

Aus Gr&#252;nden, die ich bereits erl&#228;utert habe, k&#246;nnt ihr nicht wissen, was ich bin. Das Wort Gott kommt dem nahe, doch auch das bleibt eine &#228;u&#223;erst &#228;rmliche Beschreibung.

Bist du ein Teil dieses Universums oder davon getrennt?

Es gibt keine Getrenntheit. Wir alle sind eins.

Warum existiert das Universum?

Das Universum existiert, weil es einfacher ist als Nichts. Das ist auch der Grund f&#252;r meine Existenz. Das Universum k&#246;nnte nicht einfacher sein, als es ist. Dies ist das physikalische Gesetz, aus dem sich alle anderen ergeben.

Was k&#246;nnte einfacher sein als Nichts?

Nichts kann nicht existieren. Das ist ein intuitives Paradoxon. Das Universum ist der Zustand, der Nichts am n&#228;chsten kommt.

Wenn alles so einfach ist, warum ist das Universum dann so komplex?

Das komplizierte Universum, das ihr seht, ist eine emergente Eigenschaft seiner Einfachheit.

Was ist denn dann diese profunde Einfachheit, die allem zugrunde liegen soll?

Das ist die Realit&#228;t, die euren Verstand sprengen w&#252;rde.

Allm&#228;hlich reicht es mir! Wenn du so klug bist, solltest du uns armen, geistig umnachteten Menschen so etwas erkl&#228;ren k&#246;nnen! Willst du vielleicht behaupten, wir w&#252;ssten so wenig &#252;ber die Realit&#228;t, dass unsere physikalischen Gesetze reine T&#228;uschung sind?

Ihr habt eure physikalischen Gesetze auf die Annahme aufgebaut, dass Zeit und Raum existieren. All eure Gesetze basieren auf bestimmten Bezugssystemen. Das ist bereits formal falsch. Bald werden eure liebgewonnenen Annahmen &#252;ber die wirkliche Welt einst&#252;rzen und in Flammen aufgehen. Aus der Asche werdet ihr eine neue Art von Wissenschaft aufbauen.

Wenn unsere physikalischen Gesetze falsch sind, warum ist unsere Wissenschaft dann so spektakul&#228;r erfolgreich?

Newtons Bewegungsgesetze waren zwar fehlerhaft, aber ausreichend, um Menschen zum Mond zu schicken. Dasselbe gilt f&#252;r alle eure Gesetze: Sie sind N&#228;herungen, mit denen man zwar arbeiten kann, die aber grunds&#228;tzlich fehlerhaft sind.

Wie soll man denn physikalische Gesetze konstruieren oh ne Zeit und Raum?

Wir verschwenden unsere Zeit, indem wir uns gegenseitig mit metaphysischen Konzepten bewerfen.

Wor&#252;ber sollten wir denn besser sprechen? &#220;ber den Grund, weshalb ich euch aufgesucht habe.

Und der w&#228;re?

Ich habe eine Aufgabe f&#252;r euch.

Also dann. Sag uns doch bitte, was das f&#252;r eine Aufgabe ist.

Die gro&#223;en monotheistischen Religionen waren ein notwendiges Stadium in der Entwicklung der menschlichen Kultur. Eure Auf gabe ist es, die Menschheit zum n&#228;chsten Glaubenssystem hinzu f&#252;hren.

Und welches ist das?

Die Wissenschaft.

Das ist l&#228;cherlich  die Wissenschaft kann keine Religion sein! Ihr habt bereits eine neue Religion begr&#252;ndet  ihr weigert euch lediglich, das zu sehen. Religionen waren einst eine M&#246;glichkeit, die Welt zu verstehen, einen Sinn in ihr zu sehen. Diese Rolle hat nun die Wissenschaft &#252;bernommen.

Religion und Wissenschaft sind zwei v&#246;llig verschiedene Dinge. Sie stellen unterschiedliche Fragen und erfordern unterschiedliche Arten von Beweisen.

Wissenschaft und Religion suchen dasselbe: die Wahrheit. Beide sind miteinander unvereinbar. Die Konfrontation dieser Weltanschauungen hat l&#228;ngst begonnen und wird immer schlimmer. Die Wissenschaft hat bereits die meisten grundlegenden Glaubenss&#228;tze der historischen Weltreligionen widerlegt und diese Religionsgemeinschaften damit in Aufruhr versetzt. Eure Aufgabe ist es nun, der Menschheit zu helfen, einen Weg durch diese Krise zu finden.

Du glaubst, die Fanatiker im Nahen Osten  oder die Bibeltreuen hierzulande, wenn wir schon dabei sind  werden sich einfach damit abfinden und die Wissenschaft als neue Religion akzeptieren? Das ist verr&#252;ckt.

Ihr werdet der Welt meine Worte bringen und die Geschichte dessen erz&#228;hlen, was hier geschehen ist. Untersch&#228;tzt niemals meine Macht  die Macht der Wahrheit.

Wo sollen wir denn hin mit dieser neuen Religion? Wozu soll sie gut sein? Wer braucht sie?

Das n&#228;chste Ziel der Menschheit ist die Befreiung von den Begrenzungen der Biochemie. Ihr m&#252;sst lernen, euren Geist vom Fleisch eurer K&#246;rper zu trennen.

Das Fleisch? Das verstehe ich nicht.

Fleisch. Nerven. Zellen. Biochemie. Das Medium, mittels dessen ihr denkt. Ihr m&#252;sst euren Geist vom Fleisch befreien.

Wie?

Ihr habt bereits damit begonnen, Informationen jenseits eurer Existenz als Fleisch zu verarbeiten, n&#228;mlich durch Computer. Bald werdet ihr eine M&#246;glichkeit zur Verarbeitung finden, die auf Rechenmaschi nen im Quantenstadium beruht. Dies wird euch dahin f&#252;hren, dass ihr die nat&#252;rlichen Quantenprozesse in der Welt um euch herum als Mittel der Berechnung verwenden k&#246;nnt. Ihr werdet nicht l&#228;nger Maschinen bauen m&#252;ssen, um Informationen zu verarbeiten. Ihr werdet euch ins Universum ausbreiten, buchst&#228;blich und im &#252;bertragenen Sinne, wie andere intelligente Wesen das vor euch getan haben. Ihr werdet dem Gef&#228;ngnis der biologischen Intelligenz entkommen.

Und was dann?

Im Lauf der Zeit werdet ihr Kontakt zu anderen expandierten Intelligenzen aufnehmen. All diese miteinander verbundenen Intelligenzen werden eine M&#246;glichkeit finden, sich zu einem dritten Geisteszustand zu verschmelzen, der dann die einfache Realit&#228;t im Kern aller Existenz begreifen wird.

Und das ist alles? Deshalb so ein Aufwand?

Nein. Das ist nur eine Vorbereitung f&#252;r eine gr&#246;&#223;ere Aufgabe.

Und die w&#228;re?

Den Hitzetod des Universums aufzuhalten. Wenn das Universum einen Zustand maximaler Entropie erreicht, was dem Hitzetod des Universums entspricht, wird die universale Rechenoperation abbrechen. Ich werde sterben.

Ist das unvermeidlich, oder gibt es eine M&#246;glichkeit, dies zu verhindern?

Genau das ist die Frage, die ihr beantworten m&#252;sst.

Das also ist der ultimative Sinn der menschlichen Existenz? Diesen mysteri&#246;sen Hitzetod zu verhindern? H&#246;rt sich an wie aus einem Science-Fiction-Roman.

Den Hitzetod zu umgehen ist lediglich der erste Schritt auf dem Weg.

Auf dem Weg zu was?

Auf diese Weise bekommt das Universum die F&#252;lle an Zeit, die es braucht, um sich selbst in den letzten Zustand voranzudenken.

Und was ist dieser letzte Zustand?

Ich wei&#223; es nicht. Er wird nichts gleichen, was ihr oder selbst ich uns jemals vorstellen k&#246;nnten.

Du erw&#228;hnst die F&#252;lle an Zeit. Wie lang genau soll das sein? Die Anzahl von Jahren wird sein zehn Fakult&#228;t hoch zehn Fakult&#228;t, diese Zahl wiederum hoch zehn Fakult&#228;t, und das Ergebnis mal zehn hoch dreiundachtzig, die daraus resultierende Zahl hoch ihrer selbst in ihrer eigenen Fakult&#228;t mal zehn hoch siebenundvierzig. In eurer mathematischen Notation s&#228;he diese Zahl  die erste Gotteszahl  so aus:(10!&#8593;&#8593;1083)[10!&#8593;&#8593;1083)!&#8593;&#8593;1047]

Dies ist die L&#228;nge der Zeit in Jahren, die das Universum brauchen wird, um sich in den finalen Zustand zu denken und die ultimative Antwort zu finden.

Das ist eine absurd gro&#223;e Zahl!

Das ist nur ein Tropfen im Ozean der Unendlichkeit.

Wo ist die Rolle von Moral und Ethik in deinem sch&#246;nen neuen Universum? Von Erl&#246;sung und der Vergebung von S&#252;nden?

Ich wiederhole es noch einmal: Getrenntheit ist nichts als eine Illusion. Menschliche Wesen sind wie Zellen in einem K&#246;rper. Zellen sterben, doch der K&#246;rper lebt weiter. Hass, Grausamkeit, Krieg und V&#246;lkermord sind eher wie Autoimmunkrankheiten denn das Produkt von etwas, das ihr das B&#246;se nennt. Diese Vision der Allverbundenheit, die ich euch darlege, bietet ein weites Feld f&#252;r moralisches Handeln, in dem Selbstlosigkeit, Mitgef&#252;hl und gegenseitige Verantwortung eine zentrale Rolle spielen. Euer Schicksal ist ein einziges Schicksal. Die Menschheit wird geeint &#252;berleben oder geeint sterben. Niemand wird errettet, weil niemand verloren ist. Niemandem wird vergeben, weil niemand beschuldigt wird.

Was ist mit Gottes Versprechen einer besseren Welt?

Eure diversen Konzepte des Himmelreichs sind bemerkenswert armselig.

Entschuldige bitte, aber Erl&#246;sung ist alles andere als arm selig! Die Vision spiritueller Vollkommenheit, die ich euch darbiete, ist unermesslich herrlicher als jedes Himmelreich, das auf der Erde je ertr&#228;umt wurde.

Was ist mit der Seele? Leugnest du die Existenz der unsterblichen Seele?

Information geht nie verloren. Mit dem Tod des K&#246;rpers ver&#228;ndert die Information, die durch dieses Leben erschaffen wurde, ihre Form und Struktur, doch sie geht nie verloren. Der Tod ist ein Informations&#252;bergang. F&#252;rchtet ihn nicht.

Verlieren wir durch den Tod unsere Individualit&#228;t?

Ihr braucht diesen Verlust nicht zu betrauern. Von diesem starken Gef&#252;hl der Individualit&#228;t, das f&#252;r die Evolution so notwendig ist, r&#252;hren viele Dinge her, denen die menschliche Existenz nicht entkommen kann, Gutes und Schlechtes: Angst, Schmerz, Leid und Einsamkeit ebenso wie Liebe, Gl&#252;ck und Mitgef&#252;hl. Deshalb m&#252;sst ihr eure biochemische Existenz &#252;berwinden. Wenn ihr euch von der Tyrannei des Fleisches befreit, werdet ihr das Gute  Liebe, Gl&#252;ck, Mitgef&#252;hl und Selbstlosigkeit  mit euch nehmen. Das Schlechte werdet ihr zur&#252;cklassen.

Ich finde es nicht sonderlich erhebend, dass die kleinen Quantenfluktuationen, die meine Existenz hervorgebracht hat, mir irgendeine Form von Unsterblichkeit verleihen sollen.

Ihr solltet gerade in dieser Sicht der Dinge gro&#223;en Trost finden. Information kann in diesem Universum nicht vergehen. Nicht ein einziger Schritt, nicht eine einzige Erinnerung, nicht ein einziger Kummer eures Lebens wird je vergessen. Ihr als Individuum geht im Sturm der Zeit verloren, eure Molek&#252;le werden darin zerstreut. Doch wer ihr wart, was ihr getan habt, wie ihr gelebt habt, das wird f&#252;r immer in die universelle Rechnung eingebettet bleiben.

Nimm es mir nicht &#252;bel, aber das klingt immer noch so mechanistisch, so seelenlos, dieses Gerede &#252;ber die Existenz als Rechnen.

Dann nennt es Tr&#228;umen, wenn euch das lieber ist, oder Begehren, Wollen, Denken. Alles, was ihr seht, ist Teil einer unvorstellbar gro&#223;en und sch&#246;nen Berechnung, von einem Baby, das sein erstes Wort ausspricht, bis hin zu einem Stern, der zu einem Schwarzen Loch kollabiert. Unser Universum ist eine prachtvolle Rechenoperation, die seit ihrem Anfang mit einem einzigen Axiom gr&#246;&#223;ter Einfachheit nun schon seit &#252;ber dreizehn Milliarden Jahren l&#228;uft. Wir haben unser Abenteuer noch kaum begonnen! Wenn ihr eine M&#246;glichkeit findet, eure eigenen, vom Fleisch beschr&#228;nkten Denkprozesse auf andere nat&#252;rliche Quantensysteme anzuheben, werdet ihr beginnen, die Berechnung selbst zu kontrollieren. Ihr werdet beginnen, ihre Sch&#246;nheit und Vollkommenheit zu begreifen.

Wenn alles eine Rechenoperation ist, was ist dann der Sinn der Intelligenz? Des Verstandes?

Intelligenz existiert &#252;berall um euch herum, selbst in nichtlebenden

Prozessen. Ein Gewitter ist eine wesentlich anspruchsvollere, komplexere Operation als ein menschlicher Verstand. Es ist auf seine eigene Art selbst intelligent.

Ein Gewitter hat kein Bewusstsein. Ein menschlicher Geist ist sich seiner selbst gewahr. Er ist bewusst. Das ist ein Unterschied, und der ist keineswegs trivial.

Habe ich euch nicht gesagt, dass gerade dieses Bewusstsein des Selbst eine Illusion ist, hervorgebracht von der Evolution? Der Unterschied ist nicht einmal gro&#223; genug, um als trivial bezeichnet zu werden. Eine Schlechtwetterfront ist nicht kreativ. Sie f&#228;llt keine Entscheidungen. Sie kann nicht denken. Sie ist nur ein mechanistisches Zusammenspiel verschiedener Kr&#228;fte.

Woher wollt ihr wissen, dass ihr nicht auch ein mechanistisches Zusammenspiel von Kr&#228;ften seid? Wie der Verstand, so hat auch eine Gewitterfront komplexe chemische, elektrische und mechanische Eigenschaften. Sie denkt. Sie ist kreativ. Ihre Gedanken unterscheiden sich von euren Gedanken. Ein menschliches Wesen erschafft Komplexit&#228;t, indem es einen Roman auf die Oberfl&#228;che von papiernen Bl&#228;ttern schreibt; ein Gewittersturm erschafft Komplexit&#228;t, indem er Wellen auf die Oberfl&#228;che eines Ozeans schreibt. Was ist der Unterschied zwischen der Information, die in den Worten eines Romans enthalten ist, und jener auf den Wogen des Meeres? H&#246;rt zu, und die Wellen werden sprechen, und eines Tages, das sage ich euch, werdet auch ihr eure Gedanken auf die Oberfl&#228;che des Meeres schreiben.

Was berechnet das Universum denn? Was ist das f&#252;r ein gro&#223;es Problem, das es zu l&#246;sen versucht?

Das ist das tiefste und wunderbarste aller Mysterien.


Wir haben sehr wenig Zeit. Was ich euch zu sagen habe, ist von &#228;u&#223;erster Wichtigkeit. Die Religionen sind aus dem Bem&#252;hen entstanden, das Unerkl&#228;rliche zu erkl&#228;ren, das Unkontrollierbare zu kontrollieren und das Unertr&#228;gliche zu ertragen. Der Glaube an eine h&#246;here Macht wurde zur m&#228;chtigsten Innovation in der Evolution des

Homo sapiens. St&#228;mme mit einer Religion hatten einen Vorteil &#252;ber jene ohne Religion. Sie hatten eine gemeinsame Richtung, ein Ziel, Motivation, eine Mission. Der &#220;berlebenswert der Religion war so spektakul&#228;r, dass der Durst nach einem Glauben sich dem menschlichen Genom einpr&#228;gte.

Was die Religion versucht hat, konnte die Wissenschaft nun endlich erreichen. Jetzt habt ihr eine M&#246;glichkeit, das Unerkl&#228;rliche zu erkl&#228;ren und das Unkontrollierbare zu kontrollieren. Ihr braucht keine Offenbarungsreligionen mehr. Die Menschheit ist endlich erwachsen geworden.

Die Religion ist f&#252;r das menschliche &#220;berleben so essenziell wie Nahrung und Wasser. Wenn ihr versucht, Religion durch Wissenschaft zu ersetzen, wird euch das nie gelingen. Ihr werdet den Menschen stattdessen Wissenschaft als Religion anbieten. Denn ich sage euch, Wissenschaft ist Religion. Die eine, wahre Religion.

Statt ein Buch der Wahrheit bietet die Wissenschaft eine Methode der Wahrheitsfindung. Wissenschaft ist eine Suche nach der Wahrheit, nicht die Offenbarung einer Wahrheit. Sie ist eine Methode, eine M&#246;glichkeit, kein Dogma. Sie ist ein Weg, kein Ziel.

Ja, aber was ist mit dem Leid der Menschen? Wie kann die Wissenschaft das Unertr&#228;gliche ertr&#228;glich machen, wie du es ausgedr&#252;ckt hast?

Im vergangenen Jahrhundert haben Medizin und Technologie mehr menschliches Leid gelindert als s&#228;mtliche Priester im vergangenen Jahrtausend.

Du sprichst von k&#246;rperlichen Leiden. Aber was ist mit dem Leid der Seele? Was ist mit spirituellem Leid?

Habe ich nicht schon gesagt, dass alles eins ist? Ist es nicht tr&#246;stlich, zu wissen, dass euer Leid den Kosmos selbst ersch&#252;ttert? Niemand leidet allein, und alles Leid hat einen Sinn  sogar der Sturz eines Spatzes aus dem Nest ist wesentlich f&#252;r das Ganze. Das Universum vergisst nichts. Sinkt nicht so tief herab, euch in falsche Bescheidenheit zu h&#252;llen! Ihr seid meine J&#252;nger. Ihr habt die Macht, die Welt auf den Kopf zu stellen. An einem einzigen Tag sammelt die Wissenschaft mehr Beweise ihrer Wahrheiten an als die Religion w&#228;hrend ihrer gesamten Existenz. Die Menschen klammern sich an den Glauben, weil sie ihn brauchen. Sie hungern danach. Ihr werdet den Leuten nicht ihren Glauben wegnehmen; ihr werdet ihnen einen neuen Glauben bringen. Ich bin nicht gekommen, um den j&#252;disch-christlichen Gott zu verdr&#228;ngen, sondern um ihn zu vervollst&#228;ndigen.

Diese neue Religion, die wir predigen sollen  was sollen wir den Menschen anbieten, das sie verehren k&#246;nnten? Wo ist die Sch&#246;nheit, die Ehrfurcht bei alledem?

Ich bitte euch, &#252;ber das Universum nachzusinnen, von dessen Existenz ihr jetzt wisst. Ist es nicht schon an sich ehrfurchtgebietender als jedes Konzept eines Gottes, das die historischen Religionen je hervorgebracht haben? Hundert Milliarden Galaxien, einsame Inseln aus Feuer, wie leuchtende M&#252;nzen in einen so gewaltigen leeren Raum geschleudert, dass er die biologische F&#228;higkeit des Menschen, ihn zu begreifen, weit &#252;berschreitet? Und ich sage euch, das Universum, das ihr entdeckt habt, ist nur ein winziger Bruchteil, eine Ahnung vom Ausma&#223; und der Pracht der gesamten Sch&#246;pfung. Ihr bewohnt ein blaues P&#252;nktchen an den unendlichen Gew&#246;lben des Himmels, und doch ist mir dieses blaue Fleckchen kostbar, als wesentlicher Teil des Ganzen. Deshalb bin ich zu euch gekommen. Verehrt mich und meine gro&#223;en Werke, nicht irgendeinen Stammesgott, den ein paar kriegerische Hirten sich vor Tausenden von Jahren ausgedacht haben.

Mehr, sag uns mehr.

Ertastet mein Antlitz mit euren wissenschaftlichen Experimenten. Sucht mich im Kosmos und im Elektron. Denn ich bin der Gott ewiger Zeit und allumfassenden Raums, der Gott der Supercluster und der Leere, der Gott des Urknalls und der inflation&#228;ren Expansion, der Gott der Dunklen Materie und der Dunklen Energie. Wissenschaft und Glaube k&#246;nnen nicht koexistieren. Eines wird das andere zerst&#246;ren. Ihr m&#252;sst daf&#252;r sorgen, dass es die Wissenschaft ist, die &#252;berlebt, denn sonst ist euer kleines blaues P&#252;nktchen verloren 

Was sollen wir tun?

Mit meinen Worten werdet ihr obsiegen. Berichtet der Welt, was hier geschehen ist. Sagt der Welt, dass Gott zur Menschheit gesprochen hat  zum ersten Mal. Ja, zum ersten Mal!

Aber wie sollen wir dich ihnen erkl&#228;ren, wenn du uns nicht sagen kannst, was du bist?

Wiederholt nicht den Fehler der historischen Religionen und verstrickt euch in Disputationen dar&#252;ber, wer ich bin oder was ich denke. Ich bin zu gro&#223;, als dass ihr mich begreifen k&#246;nntet. Ich bin der Gott eines Universums, das so gewaltig ist, dass nur die Gotteszahlen es beschreiben k&#246;nnen. Die erste dieser Zahlen habe ich euch genannt. Ihr seid die Propheten, die eure Welt in die Zukunft f&#252;hren. F&#252;r welche Zukunft werdet ihr euch entscheiden? Ihr haltet den Schl&#252;ssel in H&#228;nden. Ich erkl&#228;re euch nun eure Bestimmung: die Wahrheit zu finden. Das ist der Grund f&#252;r eure Existenz. Das ist eure wahre Aufgabe. Die Wissenschaft ist nur das Mittel dazu. Dies ist es, was ihr verehren sollt: die Suche nach der Wahrheit selbst. Wenn ihr diese Suche von ganzem Herzen vorantreibt, dann werdet ihr eines gro&#223;en Tages in ferner Zukunft vor Mir stehen. Dies ist mein Pakt mit der Menschheit.

Ihr werdet die Wahrheit erkennen. Und die Wahrheit wird euch frei machen.


Danksagung


F&#252;r ihre gro&#223;z&#252;gige Unterst&#252;tzung m&#246;chte ich einer Menge Leuten danken. Zu ihnen geh&#246;ren Selene Preston, Eric Simonoff, Susan Hazen-Hammond, Bobby Rotenberg, Hywel White und Roland Ottewell. Au&#223;erdem stehe ich in der Schuld von John Javna, weil er mich seine Materialien &#252;ber die Christliche Rechte benutzen lie&#223;. Mein Dank gilt auch Claudia Ruelke f&#252;r unsere neue Website, ebenso Tobias Daniel Wabbel, der mich ermutigt hat, einige meiner Gedanken in einem Aufsatz f&#252;r Im Anfang war kein Gott: Naturwissenschaftliche und theologische Perspektiven zusammenzufassen.

Auch meinem Kollegen Lincoln Child m&#246;chte ich Dank aussprechen. Er hat das Manuskript gelesen und seinen unsch&#228;tzbaren Rat dazu abgegeben. F&#252;r seine wichtige kreative Leitung will ich ebenso meinem Herausgeber Bob Gleason danken. Genauso wie Eric Raab f&#252;r seine Hilfe.

Sehr viel schulde ich meinen Navajo-Freunden, die mich &#252;ber die Jahre hinweg einiges &#252;ber die Religion der Navajos und das Leben im Reservat gelehrt haben, besonders Norman Tulley, Edsel Brown, Frank Fatt, Ed Black, Victor Begay, Neswood Begay, Nada Currier und Cheppie Natan. Die einleitenden Verse des Sch&#246;pfungsgesangs der Navajo, die ich hier zitiert habe, entstammen leicht ver&#228;ndert der Version eines Medizinmanns im Navajo-Reservat, die Father Berard Haile im fr&#252;hen 20. Jahrhundert aufzeichnete.

Wie immer spreche ich Christine, Aletheia und Isaac meine Hochachtung aus, weil sie einen verschrobenen Schriftsteller mit Liebe, Unterst&#252;tzung und Geduld behandeln.

Einige der philosophischen, evolution&#228;ren und mathematischen Ideen, die in diesem Roman vorgestellt werden, sind beeinflusst oder &#252;bernommen aus den Schriften von Gregory Chaitin, Rudy Rucker, Brian Greene, Stephen Wolfram, Edward Fredkin, Sam Harris, Richard Dawkins und Frank J. Tipler.


Im Knaur Taschenbuch Verlag sind bereits


folgende B&#252;cher des Autors erschienen: Der Canyon


Der Codex


&#220;ber den Autor:

Douglas Preston wurde 1956 in Cambridge, Massachusetts geboren. Er studierte in Kalifornien zun&#228;chst Mathematik, Biologie, Chemie, Physik, Geologie, Anthropologie und Astrologie und sp&#228;ter Englische Literatur. Nach dem Examen startete er seine Karriere beim American Museum of Natural History in New York. Eines Nachts, als Preston seinen Freund Lincoln Child auf eine mittern&#228;chtliche F&#252;hrung durchs Museum einlud, entstand dort die Idee zu ihrem ersten gemeinsamen Thriller, Relic, dem mittlerweile acht weitere internationale Bestseller folgten. Douglas Preston schreibt auch Solo-B&#252;cher (Der Codex, Der Canyon) und verfasst regelm&#228;&#223;ig Artikel f&#252;r diverse Magazine. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern an der US-Ostk&#252;ste.


Mehr Informationen &#252;ber Douglas Preston finden Sie im Internet: www.preston-child.de: http://www.preston-child.de



,        BooksCafe.Net: http://bookscafe.net

   : http://bookscafe.net/comment/preston_douglas-credo_das_letzte_geheimnis-250230.html

  : http://bookscafe.net/author/preston_douglas-30010.html

