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Max McCoy

Indiana Jones und das Geheimnis der Sphinx


Und Aaron warf seinen Stab hin vor dem Pharao und vor seinen Gro&#223;en, und er ward zur Schlange .. Und nun taten die &#228;gyptischen Zauberer ebenso mit ihren K&#252;nsten ... aber Aarons Stab verschlang ihre St&#228;be.

EXODUS, 7: 10-12




KAPITEL EINS

Grabmal des Grauens


MountHua, Provinz Shaanxi, China 1934

Der Eingang, kr&#228;chzte der Mann aus dem Dorf und pochte mitseinem Spazierstock gegen die Flanke des Heiligen Berges. Ich gehe jetzt zur&#252;ck.

Kommt nicht in Frage, erwiderte Indiana Jones, w&#228;hrend er sich den Staub von seinem Filzhut klopfte und m&#252;hsam wieder zu Atem kam. Der Aufstieg war anstrengender gewesen, als es in der Abendd&#228;mmerung vom Fu&#223; des Berges aus den Anschein gehabt hatte. Mittlerweile war die halbe Nacht vorbei, und es gab noch viel zu tun. Unsere Abmachung lautete, dass du mich auch wieder vom Berg herunterf&#252;hrst, sagte Indy, w&#228;hrend er sich vorn&#252;bergebeugt mit den H&#228;nden auf den Knien abst&#252;tzte, um den stechenden Schmerz in seiner Brust zu lindern. Oder glaubst du vielleicht, ich komme nicht mit zur&#252;ck?

Der Alte aus dem Dorf l&#228;chelte gelassen. Er hielt sich an seinem Spazierstock fest und betrachtete den keuchenden Amerikaner aus tr&#252;ben Augen. Dann bedachte er ihn mit einem gleichg&#252;ltigen L&#228;cheln, das, als er sich vorbeugte, einen Mund voll schiefer Z&#228;hne sichtbar werden lie&#223;.

Jones wird Lo jetzt bezahlen, sagte er.

Indy biss die Z&#228;hne aufeinander.

Aus dieser Entfernung erinnerte Indy der Anblick von Los Gesicht an eine Hausratte, die man in der Hand h&#228;lt und der man in ihr grinsendes Maul schaut - man wusste nie, wann sie einem ihre Z&#228;hne in die Finger schlagen w&#252;rde, nur dass sie es schlie&#223;lich tun w&#252;rde, wusste man. Lo war der beste F&#252;hrer der Provinz, galt aber gleichzeitig als &#252;beraus ber&#252;chtigter L&#252;gner. Als Indy drei Tage zuvor im Dorf Lintong angekommen war, hatte Lo damit geprahlt, in s&#228;mtlichen bedeutenden Grabschatzkammern der Wei-Bei-Ebene gewesen zu sein. Und obwohl Lo die Namen der Bewohner aller Grabst&#228;tten aufz&#228;hlen konnte und bis in die haarstr&#228;ubenden Einzelheiten zu schildern vermochte, welche Gr&#228;uel in jedem Einzelnen von ihnen lauerten, wusste Indy, es war lange her, dass der Alte, wenn &#252;berhaupt jemals, das Innere eines nicht gepl&#252;nderten Grabes gesehen hatte; sonst h&#228;tte er ihn nicht auf einem Abfallhaufen lebend angetroffen, wo er Ausl&#228;nder um Geld f&#252;r Opium anbettelte.

Ich sehe hier keinen Eingang, sagte Indy. Indy zog einen Lappen aus seiner Ges&#228;&#223;tasche und wischte sich das Blut von den H&#228;nden, die er sich bei der m&#252;hevollen Suche nach einem Halt an der Bergflanke aufgeschrammt hatte. Ellbogen und Schienbeine schmerzten von mehreren Beinahe-Abst&#252;rzen, und die Muskeln in der unteren R&#252;ckenpartie zitterten, als w&#228;ren sie aus Gummi. Eingang ist dort, sagte Lo. F&#252;hle ihn. Als Indy mit den Fingerspitzen die Umrisse einer Luke erf&#252;hlte, die tats&#228;chlich ein Eingang zu sein schien, waren Schnitt- und Sch&#252;rfwunden vergessen. Neugierigen Spinnen gleich huschten seine H&#228;nde &#252;ber den Granit und ertasteten, den R&#228;ndern des Eingangs folgend, einen perfekten Kreis von etwa einem Meter Durchmesser, bevor sie sich zur Mitte hin orientierten. Als seine Rechte gegen einen mitten in die T&#252;r gemei&#223;elten Steingriff stie&#223;, schl&#246;ssen sich seine Finger fest darum.

Er zog.

Der Griff f&#252;hlte sich ebenso massiv an wie der Berg, mit dem er verbunden war.

Lo kicherte. Der Alte setzte sein schadenfrohes Gejauchze hinter vorgehaltener Hand fort, bis es schlie&#223;lich in ein unversch&#228;mtes, geradezu fr&#246;hliches Lachen &#252;berging. Wie ich gesagt, meinte Lo. Man kann ihn nicht &#246;ffnen. Einige sagen, man braucht dazu richtige Art von Magie, andere sagen, T&#252;r nichts weiter als ein in Berg geritztes Bild. Und was sagst du?, wollte Indy wissen. Das ich sage dir, wenn ich mein Geld bekomme. Also sch&#246;n, erwiderte Indy. W&#228;hrend er eine Hand voll Geldscheine verschiedener L&#228;nder und Nennwerte aus den Taschen seiner Lederjacke abz&#228;hlte, fragte er Lo: Wieso bist du nicht m&#252;de? Ich bin vollkommen erledigt. Amerikaner atmen zu flach, sind immer au&#223;er Atem, sagte Lo und deutete mit einer ausladenden Handbewegung das Ein- und Ausatmen der Luft mit Hilfe des Zwerchfells an. Man muss bis tief in den Bauch hineinatmen und das Ki, die Lebenskraft, speisen.

Indy sch&#252;ttelte den Kopf.

F&#252;r einen Opiums&#252;chtigen bist du gar nicht so &#252;bel, sagte er und hielt ihm die Scheine hin.

Lo riss Indy das bunte Geldscheinb&#252;ndel aus der Hand, z&#228;hlte nach und stopfte es in seine Sch&#228;rpe. War nicht immer s&#252;chtig, sagte Lo. Fr&#252;her einmal ich war verdammt beste Grabr&#228;uber im Mausoleumsbezirk. Dann Japaner kommen. Lo spie aus.

Jetzt Lo keine M&#246;glichkeit mehr, auf ehrliche Weise Lebensunterhalt zu verdienen. Seit der Eroberung der Mandschurei durch die kaiserlich japanische Armee hatten Trupps von Pl&#252;nderern auf Beute-

suche im Mausoleumsbezirk mit ziemlicher Regelm&#228;&#223;igkeit die Grenze &#252;berschritten. In diesem Bezirk waren die Grabmale von elf Dynastien der chinesischen K&#246;nigsfamilie beheimatet. Er lag unmittelbar n&#246;rdlich der Provinzhauptstadt Xi'an - oder Changan, wie sie in fr&#252;heren Zeiten gehei&#223;en hatte - der Stadt des ewigen Friedens am Ende der Seidenstra&#223;e. &#220;ber der Ebene erhoben sich, drohend wie ein Drache, der sein Nest beh&#252;tet, die schroffen Umrisse des Hua, des Heiligen Berges. Die leicht zug&#228;nglichen Grabmale waren s&#228;mtlich l&#228;ngst gepl&#252;ndert worden; in den meisten F&#228;llen bedeutete das nichts weiter, als dass man ein Loch in die verd&#228;chtig aussehenden, von den Einheimischen lings genannten Erdh&#252;gel hineingegraben hatte. Trotzdem war Indy &#252;berzeugt, dass es noch einige gab, an die mit einer Schaufel nicht heranzukommen war. Unter dem Fluss vielleicht, oder im Innern des Berges. Indy z&#228;hlte auf Letzteres.

Im &#220;brigen handelte es sich vonseiten Indys nicht um blo&#223;e Vermutungen. Hergef&#252;hrt hatte ihn die Inschrift auf der Klinge eines Messers, die besagte, der Heilige Berg sei das Grabmal von Qin Shi Huang, dem ersten Kaiser Chinas. Das Messer war Indy w&#228;hrend einer Expedition quer durch die Gobi von einem Nachfahren des Dschingis Khan geschenkt worden. Die japanischen Grabr&#228;uber werden beim ersten Licht zur&#252;ck sein, deshalb sollten wir uns beeilen, erkl&#228;rte Indy. Erz&#228;hl mir etwas &#252;ber diese T&#252;r.

Nur ein in Berg geritztes Bild, erwiderte Lo hochm&#252;tig. Einmal, vor siebzehn Jahren, kamen Lo und seine Vettern an diesen Ort und banden ein dickes Seil um den Griff. Dann sie legten Baumstamm &#252;ber Felsen dort dr&#252;ben, banden Seil daran fest und stemmten alle zusammen gegen Ende des Stammes.

Was passierte dann?

Seil ist gerissen, sagte Lo und wandte sich zum Gehen. Auf Wiedersehen.

Augenblick noch, sagte Indy, schob sich den Filzhut elegant auf den Kopf und packte den Alten anschlie&#223;end mit derselben Hand an der Schulter.

Was gibt es noch zu tun?, fragte Lo.

Forschungsarbeit, sagte Indy und nahm sein Notizbuch aus der Mappe. Den Bleistift im Mund, bl&#228;tterte er bis zu einer mit einem Gummiband markierten Seite. Dort befand sich die Zeichnung einer runden T&#252;r mitsamt Abmessungen, die Indy aus einem alten arabischen Manuskript kopiert hatte. Das Manuskript stand in keinerlei Verbindung zu Qins Schatz, Indy hatte jedoch herausgefunden, dass alle Erbauer geheimer Orte &#228;hnlich dachten, selbst wenn sie aus verschiedenen Jahrhunderten und Kulturen stammten. Den entscheidenden Hinweis hatte Indy die letzte Zeile der Inschrift auf der Messerklinge geliefert: Der Atem des Heiligen Berges besch&#252;tzt das Grab des Qin.

Inzwischen hatte Indy ein Bandma&#223; in der Hand und verglich die Abmessungen der T&#252;r mit denen in der Zeichnung. Als er zufrieden war, entnahm er seiner Mappe ein St&#252;ck Kreide und malte, die Entfernung von einer kleinen Vertiefung in der Mitte des Griffs sorgf&#228;ltig abmessend, ein Kreuz auf die rechte T&#252;rh&#228;lfte. Dann nahm er einen Winkelmesser aus Metall, bestimmte den Winkel zur Kante des Bandma&#223;es und malte ein weiteres Kreuz im selben Abstand, jedoch in einem F&#252;nfundvierzig-Grad-Winkel zum Radius des Ersten. Schlie&#223;lich ma&#223; Indy die Entfernung, halbierte sie und platzierte ein gr&#246;&#223;eres Kreuz genau zwischen die beiden Ersten.

Qin, alter Freund, sagte Indy, das Kreuz markiert genau die Stelle.

Was f&#252;r Magie ist das?, fragte Lo.

Geometrie, erwiderte Indy, steckte Kreide und Notizbuch wieder ein und nahm einen Gesteinshammer sowie einen Mei&#223;el aus der Mappe. Der Mei&#223;el verj&#252;ngte sich zu einer feinen, nadel&#228;hnlichen Spitze.

Ich werde jetzt ein wenig L&#228;rm machen. Es wird vermutlich nicht lange dauern, aber der L&#228;rm k&#246;nnte ein wenig ungewollte Aufmerksamkeit erregen. Halt die Augen offen.

Lo nickte.

Indy setzte die Mei&#223;elspitze auf die Kreidemarkierung, holte mit dem Gesteinshammer aus und schlug so fest auf das untere Mei&#223;elende, dass Funken flogen. Der Mei&#223;el brach - mit einem Ger&#228;usch wie ein Gewehrschuss - entzwei und glitt Indy aus der Hand, als er von einer unsichtbaren Kraft durch die T&#252;r gerissen wurde.

Lo schlug sich eine Hand vor den Mund und trat einen Schritt zur&#252;ck.

Man vernahm ein Pfeifen, als die Nachtluft in einem rei&#223;enden Strom durch das Loch gesogen wurde. Innerhalb von Sekunden war die Oberfl&#228;che der Eingangst&#252;r mit einer wei&#223;en Reifschicht &#252;berzogen, die sich rasch in Eis verwandelte.

Schwarze Magie, stammelte Lo.

Das nicht gerade, sagte Indy, als das Tosen der Luft sich gelegt hatte.

Indy packte den Griff und zog. Die runde T&#252;r, die wie ein sich verj&#252;ngender Korken in den dahinter liegenden, r&#246;hren&#228;hnlichen Tunnel passte, begann sich zu lockern. Lo eilte herbei, um Indy mit der T&#252;r zu helfen, und kurz darauf lag der dreihundert Pfund schwere Pfropfen zwischen ihnen.

Wie das m&#246;glich? , fragte Lo.

Durch Vakuum, erkl&#228;rte Indy. Das Grab ist durch ein partielles Vakuum verschlossen worden. Schon ein geringer Unterschied im Luftdruck macht Schl&#246;sser und Ketten &#252;berfl&#252;ssig. Du hast herausgefunden, dass ein Pferdegespann die T&#252;r nicht h&#228;tte herausziehen k&#246;nnen. Aber wenn man das Siegel erbricht und den Druck ausgleicht, ist es gar nicht mehr so schwer. Lo nickte.

Der Mei&#223;el hat die mit M&#246;rtel verputzten L&#246;cher durchsto&#223;en, durch die die Erbauer ihre Schl&#228;uche zum Abpumpen der Luft eingef&#252;hrt haben, erl&#228;uterte Indy, w&#228;hrend er eine batteriebetriebene Lampe hervorholte. Er befestigte Lampe und Reflektor an seinem Filzhut und klemmte die Batteriehalterung an seinen G&#252;rtel. Damit ihm das Stromkabel nicht vor dem Gesicht hing, f&#252;hrte er es durch eine G&#252;rtelschlaufe &#252;ber seiner Ges&#228;&#223;tasche, bevor er es einst&#246;pselte. Was glaubt Jones, befindet sich im Innern?, fragte Lo mit leuchtenden Augen. Viele Geschichten, ich seit Kindheit geh&#246;rt -Berge von Gold, silberne Fl&#252;sse, Himmel voller Juwelen. Ich habe die Absicht, es herauszufinden, sagte Indy, als er in den Tunnel kletterte. Dann bedachte er Lo mit einem strengen Blick. Ich gehe davon aus, dass jeder au&#223;er mir hier drinnen Scherereien machen will - und werde mich dementsprechend verhalten. Indy legte seine rechte Hand auf den im Halfter steckenden Knauf seines 38er Revolvers. Sollte ich dort drinnen jemandem begegnen - jemandem, der nicht wenigstens ein paar tausend Jahre tot ist - werde ich ihn erschie&#223;en. Hast du das verstanden? Lo nickte.

Gut, sagte Indy. Du bleibst hier und stehst Wache. Gibt es &#196;rger, rufst du. Wenn ich nicht sp&#228;testens eine Stunde vor Tagesanbruch zur&#252;ck bin, verschwindest du von hier. Indy sah auf seine Uhr. Es war nach ein Uhr morgens.

Dann nahm er einen kr&#228;ftigen Zug frische Nachtluft und verschwand geb&#252;ckt im Tunnel, der bald darauf in einen breiten Gang &#252;berging, in dem sich eine Wendeltreppe nach unten schraubte. Die mit einem Gew&#246;lbe versehene Decke war so hoch, dass Indy aufrecht stehen konnte, ohne sich sorgen zu m&#252;ssen, den Kopfteil seines Hutes einzudr&#252;cken, und der Korridor wirkte solange nicht bedrohlich, bis Indy die erste Windung der abw&#228;rts f&#252;hrenden Spirale hinter sich gebracht hatte. Er wurde vom Ersten einer sich scheinbar endlos hinziehenden Reihe von Terrakotta-Soldaten begr&#252;&#223;t, die die Seitenw&#228;nde des Tunnels in Habt-Acht-Stellung flankierten, die Gesichter f&#252;r immer zu einer drohenden Maske erstarrt. Ihre Augen waren polierte Steine aus Blau, Rot und Gr&#252;n, die man in den Ton eingesetzt hatte, bevor er trocken wurde. Ihre Wange waren gebl&#228;ht, als wollten sie jeden Augenblick einen vorzeitlichen Ballon aufblasen, ihre Lippen bildeten ein zartes Rund, und hinter vielen dieser Lippen steckten Murmeln von derselben Art wie in den Augen. Aus dem Boden ragte ein kr&#228;ftiges Bambusst&#252;ck, das, wie Indy vermutete, half, die Statuen abzust&#252;tzen. Selbst ihr Gleichgewicht war k&#252;nstlich, dachte Indy. Das einzig Echte an diesen Soldaten, so schien es, waren ihre Waffen: Schwerter blinkten, Lanzen drohten, und Armbr&#252;ste harrten gespannt auf die Mitte des Korridors gerichtet.

Vor allem der Anblick der Armbr&#252;ste behagte Indy ganz und gar nicht.

Ihm fiel auf, dass trotz der &#196;hnlichkeit der Murmelaugen und der gebl&#228;hten Wangen keine zwei Soldaten einander glichen. Schuld daran waren nicht nur ihre unterschiedlichen K&#246;rperhaltungen, oder dass sie unterschiedlich bewaffnet oder gekleidet waren; jede Figur besa&#223; ein eigenes Gesicht, ihre eigene Pers&#246;nlichkeit, so als h&#228;tte der Bildhauer sich bei jedem einzelnen Gesicht vom Leben inspirieren lassen, das urspr&#252;ngliche Antlitz jedoch zu einer grotesken Parodie verzerrt.

Ein paar Meter weiter entdeckte Indy seinen Mei&#223;el inmitten einiger brauner Scherben auf dem Tunnelboden. Er kniete nieder, steckte den Mei&#223;el wieder in seine Mappe und erhob sich, um den Tonsoldaten zu untersuchen, den sein Geschoss versehentlich getroffen hatte.

Das Opfer war gegen einen Kameraden zu seiner Rechten gekippt. Der Mei&#223;el hatte den Soldaten unterhalb seines Schwertarms getroffen und dabei die t&#246;nerne R&#252;stung &#252;ber seinem Brustkorb zertr&#252;mmert. Indy richtete das Licht in die &#214;ffnung. Drinnen schimmerten, hell wie Elfenbein, Menschenknochen. Indy kannte die Volkserz&#228;hlungen &#252;ber Qin, den ersten Kaiser Chinas und Erbauer der Chinesischen Mauer, der zweihundert Jahre vor Christi Geburt geherrscht hatte. Der Legende zufolge hatten siebenhunderttausend Arbeiter nahezu vier Jahrzehnte gebraucht, um dieses Grabmal zu errichten (das laut Legende eine Miniaturnachbildung des Universums darstellte), und angeblich waren zweihundert-tausend seiner besten Soldaten mit ihm zusammen beerdigt worden. Es war nicht ungew&#246;hnlich, dass K&#246;nige mitsamt W&#228;chtern, Dienern oder Familienmitgliedern beigesetzt wurden, um ihnen das Leben nach dem Tod angenehmer zu gestalten, die Gr&#246;&#223;e von Qins Geisterarmee hatte bei Indy jedoch Zweifel ausgel&#246;st. Jetzt, da er zwischen den Reihen der Terrakotta-Leichen umherspazierte, war er nicht mehr so sicher. Die Soldaten sahen aus, als k&#246;nnten sie jeden Augenblick zum Leben erwachen, um Qins Sch&#228;tze zu verteidigen. Da das Grabmal hermetisch versiegelt worden war, bedeckte nicht einmal eine Staubschicht die Terrakotta-Armee. Boden und W&#228;nde des Korridors waren so makellos, als w&#228;ren sie gestern erbaut worden. Indy beschlich das unheimliche Gef&#252;hl, in ein modernes, geschickt konstruiertes Museum eingebrochen zu sein, statt in ein Grab, das Jahrtausende unber&#252;hrt dagelegen hatte.

&#196;ngstlich bestrebt, vor Tagesanbruch das Grabmal wieder verlassen zu haben, ging Indy entschlossen weiter. Fast h&#228;tte er weder den seidenen Faden auf seinem Gesicht gesp&#252;rt noch die von leblosen H&#228;nden gehaltene Armbrust bemerkt, die auf ihn gerichtet war. Doch dann &#252;bernahmen die Reflexe das Kommando, als er sp&#252;rte, wie der Faden auf seinem Nasenr&#252;cken zerriss und er schlie&#223;lich auch die blinkende Spitze des auf seinen Solarplexus zielenden Armbrustbolzens bemerkte. Die Sehne schwirrte, doch Indy warf sich bereits r&#252;cklings auf die Stufen. Der Pfeil flog &#252;ber ihn hinweg, schrammte den Kopf teil seines Hutes und bohrte sich dann in den Bauch eines TerrakottaSoldaten auf der anderen Seite des Korridors. Der Krieger, der eine Streitaxt &#252;ber seinem Kopf schwang, kippte um. Indy w&#228;lzte sich zur Seite, als die schwere Axt eine Kerbe in die Stufe schlug, auf der eben noch sein Hals gelegen hatte. Der Krieger zerfiel zu einem Durcheinander aus Tonscherben und Menschenknochen.

Indy setzte sich auf, b&#252;rstete den Staub von seiner Kleidung und sch&#252;ttelte den Kopf. Ich werde allm&#228;hlich zu alt f&#252;r diese - Die Stufe unter ihm sackte ein paar Zoll ab, worauf ein Zischen von Luft erfolgte, die durch Bambusr&#246;hren gepresst wurde. -Dinge.

Eine steinerne Murmel schoss aus dem Mund einer der Krieger und h&#252;pfte drei Stufen hinunter, bevor Indy sie auffangen konnte. Die Murmel war gr&#252;n mit wei&#223;er Maserung, und Indy rollte sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie war schwer und glatt, die Sorte, die Indy als kleiner Junge Schusser genannt h&#228;tte.

Soll einem das etwa Angst einjagen?, fragte Indy laut, w&#228;hrend er die Murmel in die Luft warf und sie mit der Handfl&#228;che nach unten wieder auffing. Da musst du dich schon etwas mehr anstrengen, Qin.

Eine weitere Murmel h&#252;pfte an ihm vor&#252;ber, diesmal eine rote. Dann vernahm er das Ger&#228;usch von hundert Murmeln, die &#252;ber ihm zu Boden fielen und den Korridor hinuntergeschossen kamen. Indy stand auf und trat ein paar Schritte tiefer in den Tunnel, wobei er mit jedem Schritt ein wenig mehr einsank. Kurz darauf kullerte ein Hagelsturm aus Murmeln aus den M&#252;ndern der Soldaten, und das Ger&#228;usch der steinernen Murmeln, die sich die Stufen hinabergossen, schwoll zu einem Tosen an. Ein Strom aus Rot, Blau und Gr&#252;n rauschte an ihm vorbei. Einen Augenblick lang konnte Indy sich noch auf den Beinen halten, als die Murmeln an ihm vor&#252;bersch&#246;ssen, dann wurde die Sturzsee unwiderstehlich. Sie riss ihm die F&#252;&#223;e unter dem Leib weg und schwemmte ihn inmitten einer Flut aus Kugeln fort, die sich krachend an den W&#228;nden brach und die Terrakotta-Soldaten wie Kegel umriss. Schwerter und Messer fielen aus lange toten H&#228;nden, und Armbrustbolzen sirrten kreuz und quer. Immer mehr Murmeln mischten sich in das Chaos, nachdem sie aus den zerbrochenen Tonfiguren gefallen waren. Der L&#228;rm tat in den Ohren weh.

Der Teppich aus Murmeln machte den Tunnel so schl&#252;pfrig wie Eis. Indy versuchte, seinen Fall zu bremsen, indem er sich an den Soldaten festhielt, doch die t&#246;nernen Arme und Beine br&#246;ckelten ihm unten seinen H&#228;nden weg. Er zuckte zusammen, als ein herabst&#252;rzendes Schwert durch seine Lederjacke schnitt und die Haut an seiner linken Schulter ritzte.

Also gut, es macht einem Angst, musste er sich eingestehen. Er st&#252;lpte sich den Hut mit beiden H&#228;nden &#252;ber die Ohren und zog die Beine an die Brust, w&#228;hrend ihn die Flut geschwind das spiralf&#246;rmige Treppenhaus hinuntersp&#252;lte. Der Gang f&#252;hrte in eine trichterf&#246;rmige Grube, in der tausende von Murmeln wie Wasser am Rand entlanggewirbelt wurden, die jeden Augenblick im Abfluss verschwin-den konnten. Die Waffen sowie die Ton- und Knochensplitter, die nicht des Rollens f&#228;hig waren, rutschten unmittelbar hinunter in die Tiefen der Grube.

Indy zog die Rinderpeitsche aus seinem G&#252;rtel und schlug, w&#228;hrend er am Rand entlanggesp&#252;lt wurde, blindlings nach der Kante. Die Peitsche fand oben eine Stelle, an der sie sich festbei&#223;en konnte, und kurz darauf baumelte Indy auf der gegen&#252;berliegenden Seite der Grube, w&#228;hrend die Murmelsintflut &#252;ber ihn hinwegsp&#252;lte.

Indy blickte angestrengt in die Dunkelheit.

Was immer sich dort unten befindet, sagte er laut, kann nichts Gutes bedeuten.

Er musste sich einen Augenblick lang winden, bevor es ihm gelang, einen brauchbaren Halt zu finden, dann begann er, sich Hand &#252;ber Hand an der zw&#246;lf Fu&#223; langen Peitsche hochzuziehen.

Als er den Blick nach oben richtete, wurde der Strahl seiner elektrischen Lampe von einem Dutzend glitzernder Lichtpunkte zur&#252;ckgeworfen. Zuerst glaubte er, in den n&#228;chtlichen Himmel zu blicken, da die Punkte sich zu vertrauten Konstellationen zu ordnen schienen - die Lichter verblassten jedoch, sobald er den Kopf drehte.

Die Neigung der Grube wurde flacher, und kurz darauf bekam er die Beine unter seinen K&#246;rper, um die letzten paar Meter hinaufzuklettern. Am oberen Rand angekommen, richtete er sich auf.

Er f&#252;hlte sich, als w&#228;re er durch einen Abfluss auf dem Grund der Welt nach oben gesp&#252;lt worden. Das Peitschenende war am Fl&#252;gel eines steinernen Drachens h&#228;ngen geblieben, der auf Hinterbeinen und Schwanz rittlings &#252;ber dem Trichter hockte und einen Mond zwischen seinen Kinnladen hielt. Indy kniete nieder, befreite die Peitsche und geriet in Verz&#252;ckung, als er die in den Elfenbeinmond geschnitzten Meere und Krater erblickte. Er hatte die ungef&#228;hre Gr&#246;&#223;e einer Warzenmelone. Das grelle elektrische Licht brach sich auf seiner elfenbeinernen Oberfl&#228;che und tauchte die Kammer in ein weiches, k&#252;nstliches Mondlicht. Pl&#246;tzlich merkte er, dass am Rande seines Gesichtsfeldes tausende von Dingen funkelten, und wandte den Kopf herum. Er befand sich inmitten eines mit Juwelen verzierten Meeres, auf dem winzige Segelschiffe aus Silber und Gold verkehrten. Dar&#252;ber leuchtete ein Firmament aus Diamanten an einem n&#228;chtlichen Himmel. Die Decke glich einer umgest&#252;lpten, juwelenbesetzten Schale, deren Scheitelpunkt er eben gerade mit den Fingerspitzen erreichen konnte. Der Fu&#223;boden der Kammer war flach und schien einen Durchmesser von vielleicht f&#252;nfzehn Metern auf zuweisen. Gr&#252;ne und braune Fl&#228;chen verk&#246;rperten die Kontinente, doch sie waren nicht nach dem gewohnten Muster angeordnet, das Indy seit der Grundschule vertraut war. Stattdessen waren sie alle gegeneinander verschoben, wobei Afrika, Indien und Asien von einem einzigen Meer umschlossen wurden. Nord- und S&#252;damerika sowie die Pole fehlten ganz, und offenbar endete die Welt kurz hinter S&#252;deuropa. Die Kontinente waren mit Grenzsteinen aus kostbaren Metallen &#252;bers&#228;t. Indy befand sich vor der K&#252;ste eines Chinas wie aus dem M&#228;rchenbuch, durch das sich eine gewaltige (wenn auch verkleinerte) Chinesische Mauer wand, vorbei an Gebirgsausl&#228;ufern aus Jade. Der Yangtse und seine Zufl&#252;sse waren aus fl&#252;ssigem Quecksilber. Der Mittelpunkt des Universums, Peking, war durch einen funkelnden Tempel markiert. Indy war &#252;berw&#228;ltigt. In einem eher von Vernunft gepr&#228;gten Augenblick h&#228;tte sich ihm angesichts des schieren Umfangs des Schatzes in der Kammer, was seinen Geld- oder historischen Wert betraf, der Kopf gedreht. Doch Indy war hingerissen, gefangen im Bann von Qins perfekter Welt, und glaubte halb, er m&#252;sse dies im Bett in seinem kleinen Haus in Princeton, New Jersey, liegend tr&#228;umen. Wie ein Gulliver trat Indy &#252;ber den Rand des Trichters hinweg und langte nach unten, um diese juwelenbesetzte Welt zu ber&#252;hren.

Sein K&#246;rpergewicht setzte irgendein altes Hebelwerk in Gang. Hinter ihm fiel der Mond aus den Kinnladen des Drachens und begann kreisend im Trichter zu verschwinden. Er sprang hinterher, schaffte es, ihn mit den Fingerspitzen zu ber&#252;hren, doch dann wurde er unvermittelt zur&#252;ckgerissen. Der Riemen seiner Mappe hatte sich an einer der Krallen des Drachenfu&#223;es verfangen, sodass er mit dem Kopf nach unten unter diesem steinernen Ungeheuer baumelte, w&#228;hrend der Mond kreisend seine Bahnen bis zum Hals des Trichters zog und schlie&#223;lich dort verschwand.

Indy schloss die Augen und lauschte, wie die wei&#223;lichblasse Kugel polternd durch ein R&#246;hrensystem unter ihm kullerte. Dann h&#246;rte man ein scharfes metallisches Ger&#228;usch, gefolgt von Wassergurgeln.

Das k&#246;nnte &#252;bel werden, sagte Indy bei sich, w&#228;hrend er versuchte, den Riemen zu entwirren. Er war unschl&#252;ssig, ob es sicherer f&#252;r ihn w&#228;re, in der Schatzkammer zu bleiben oder einen Fluchtversuch zu wagen, vorbei an der Reihe von Fallen, die sich, dessen war er sicher, unter ihm befinden mussten.

Schon benetzte ein feiner Nebel seine Wangen. Indy sog Luft in seine Lungen und schloss den Mund. Im n&#228;chsten Augenblick war aus dem Nebel ein Tr&#246;pfeln geworden, dann eine rei&#223;ende Flut. Er bekam seinen Filzhut gerade noch zu fassen, als er ihm vom Kopf gesp&#252;lt wurde. Indy baumelte an dem Riemen wie ein bei Gewitter in einer Regenrinne gefangenes Blatt. Sogar bei diesem Wasserrauschen konnte er unter sich noch das Mahlen von Zahnr&#228;dern h&#246;ren, und er stellte sich vor, wie Knochen spr&#246;de krachend zwischen steinernen Z&#228;hnen splitterfein zermahlen wurden.

Indy sp&#252;rte, wie der Riemen unter dem Gewicht des Wassers nachzugeben begann, und versuchte, sich so weit nach oben zu ziehen, dass er die steinernen Vorspr&#252;nge zu fassen bekam, doch er schaffte es nicht. Als seine Lunge es nicht l&#228;nger aushielt, atmete er japsend ein und wurde daf&#252;r mit einem Gemisch bestraft, das ihn spucken und prusten lie&#223;.

Dann ebbte das Wasser ab.

Er h&#246;rte, wie der Elfenbeinmond wieder in der Kinnlade &#252;ber ihm landete. Das Ger&#228;usch schnell entweichender Luft beruhigte sich und verstummte. Indy g&#246;nnte sich einen Augenblick der Entspannung und lie&#223; sich wie ein nasser Schwamm h&#228;ngen. Er war froh, dass er den Riemen nicht von der Kralle des Drachens hatte l&#246;sen k&#246;nnen.

Endlich, seufzte er. Eine Atempause.

Dann gab der Riemen, vom wilden Strudeln des Wassers und der Reibung auf dem Felsen schon fast bis zum Zerrei&#223;en gespannt, endlich nach. Der Ruck brachte den Drachen ins Wanken, und der Mond kullerte abermals aus seinen Kinnladen in den Trichter.

Indy rutschte in die Dunkelheit und verschwand im Schacht am unteren Trichterende. Die Kugel folgte hinterher. Nach wenigen Metern schwenkte der Schacht ab, und in der fl&#252;chtigen Helligkeit seiner elektrischen Lampe erkannte Indy eine winzige Fallt&#252;r, die genau die richtige Gr&#246;&#223;e hatte, um den Miniaturmond durchzulassen.

Er drehte sich, packte die Elfenbeinkugel und presste sie an seinen K&#246;rper wie ein Quarterback, der sich einer &#252;berm&#228;chtigen Verteidigung gegen&#252;bersieht. Ihm war klar, dass die Fallt&#252;r abermals die Sintflut ausl&#246;sen und er diesmal, gefangen in der Enge des Schachtes, darin ertrinken w&#252;rde. Sein Sturz war fast beendet, als der Schacht abermals nach unten schwenkte und Indy sich in einer anderen Kammer wiederfand, wo er auf H&#228;nden und Knien in einer Schicht aus Schlamm und einem undefinierbaren Matsch gelandet war. Die Schicht aus weichem, aber ekelhaftem Material kleidete Boden und W&#228;nde einer tiefen Grube aus. Indy kam auf die Knie und untersuchte seine Handfl&#228;chen. Der Schleim war von winzigen Knochensplittern durchsetzt. Er wischte sich die H&#228;nde an der Hose ab, schnappte sich den Elfenbeinmond und verstaute ihn in seiner Mappe. Anschlie&#223;end knotete er den abgerissenen Riemen der Mappe zusammen und schob ihn &#252;ber seine Schulter. Dann nahm er den Rest der Kammer in Augenschein. Rechts und links von ihm befanden sich klobige Steinwalzen, die offenbar vom Wasserdruck zusammengepresst werden sollten, um den Eindringling zu zermalmen. Oberhalb der Grube, auf einem Jadethron, der so ausgerichtet war, dass man von dort aus den Vollzug dieser schauerlichen Gerechtigkeit &#252;berwachen konnte, sa&#223; Qin. Der Kaiser war mit einem gepanzerten Brustharnisch und einem verzierten Helm bekleidet. Am Sch&#228;del klebten noch Fetzen ledrigen Fleisches sowie einige Str&#228;hnen schwarzen Haars. Zu seinen F&#252;&#223;en r&#228;kelte sich ein halbes Dutzend skelettierter Konkubinen.

Die Decke war zu einer Kuppel geformt, in deren Mitte sich eine achteckige &#214;ffnung befand. Auf jeder Seitenfl&#228;che der &#214;ffnung war ein Symbol angebracht, in denen Indy die acht im Y Ging, dem Buch der Wandlungen, verwendeten Symbole erkannte. Indy kletterte &#252;ber die todbringenden M&#252;hlr&#228;der hinauf in die eigentliche Kammer, wo er kurz vor Qin stehen blieb und an die Krempe seines Hutes tippte. Welch ein Ego, sagte er. Bestimmt hast du dir, f&#252;r den Fall, dass dein Leichnam wieder zum Leben erwachen sollte, einen Fluchtweg offen gelassen. Schlie&#223;lich warst du ein Gott. Indy nahm eine sorgf&#228;ltige Suche vor, bis er das Gesuchte schlie&#223;lich fand. Rechts vom Thron, in Reichweite von Qins leblosen H&#228;nden, befanden sich f&#252;nf bronzene Hebel. Indy kniete nieder und untersuchte sie vorsichtig. Aller Wahrscheinlichkeit nach w&#252;rde nur ein Einziger davon einen Weg nach drau&#223;en offenbaren,- die &#220;brigen vier waren mit Sicherheit t&#246;dliche Fallen. Selbst wenn es einem Eindringling gelingen sollte, bis zu Qins Thron vorzudringen, lag die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht wieder lebend nach drau&#223;en gelangte, immer noch bei achtzig Prozent.

Indy stand da und starrte in Qins leere Augenh&#246;hlen. Was magst du dir nur dabei gedacht haben?, fragte er. Die Zahlen Drei und F&#252;nf, die bei Qin und seinen Zeitgenossen aller Wahrscheinlichkeit nach als g&#246;ttlich gegolten hatten, w&#228;ren die nahe liegendste Wahl, entschied Indy. Aber f&#252;r welche der beiden sollte er sich entscheiden? Indy sah auf seine Uhr. Das Kristallglas war zerbrochen, und die Zeiger waren kurz vor vier Uhr zu Bewegungslosigkeit erstarrt. Die Zeit wurde bereits knapp, als die Uhr stehen geblieben war, und Indy vermochte nicht mit Sicherheit zu sagen, wie lange das bereits zur&#252;cklag.

Indy griff nach Hebel Nummer f&#252;nf - und z&#246;gerte. So einfach h&#228;ttest du es nicht gemacht, meinte Indy schlie&#223;lich. Vielleicht spielt es gar keine Rolle, ob man sich f&#252;r Nummer drei oder f&#252;nf entscheidet. M&#246;glicherweise geht es eher darum, wo man steht - beziehungsweise sitzt. Rings um den Thron waren f&#252;nf breite Steinplatten angeordnet -zwei davor, zwei an den Seiten und eine dahinter. Rutsch mal ein St&#252;ck, Qin.

Indy kletterte auf den Jadethron und lie&#223; sich so behutsam wie m&#246;glich auf dem Scho&#223; des Kaisers nieder. Trotzdem wirbelte eine Staubwolke von der Leiche auf. Indy zuckte zusammen. Dann langte er nach unten, packte Hebel Nummer f&#252;nf fest mit seiner rechten Hand und zog. Die Steinplatten vor dem Thron klappten mit einem explosionsartigen Knall nach unten weg, der Indy an das Ausl&#246;sen der Fallt&#252;r eines Galgens erinnerte. Gleichzeitig &#246;ffnete sich ein Spalt in der Mitte der &#252;berkuppelten Kammer. Ein Rumpeln lie&#223; den Thron erzittern, als sich Tonnen feinen Sandes aus dem Spalt ergossen und in dem freigelegten Schacht verschwanden. Als der Sand endlich verebbte, begann der Thron sich zu heben. Oben konnte Indy das glitzernde Licht der Sterne an einem rosafarbenen Himmel erkennen. Unten sah er, wie sich die S&#228;ule unter dem Thron aus dem Fu&#223;boden schob. Indy widerstand dem Drang, abzuspringen. Was immer geschehen mochte, der sicherste Ort im gesamten Grabmal war vermutlich auf Qins Scho&#223;. Der Thron hob sich in einem um mehrere Grad von der Mitte abweichenden Winkel, sodass er sich trotz des unmittelbar vor ihm in den Schacht st&#252;rzenden Sandes durch dieselbe &#214;ffnung nach oben schieben konnte. Er wurde mit dem Ansteigen zunehmend schneller. Der Thron passierte die sechs Meter &#252;ber dem Fu&#223;boden liegende Decken&#246;ffnung und setzte seinen Weg im selben schr&#228;gen Winkel fort. Indy roch die frische Nachtluft und erkannte am Ende des Schachtes ein immer weiter werdendes Rund voller verblassender Sterne.

Inzwischen hatte der Thron weiter Fahrt aufgenommen und durchma&#223; die verbleibenden drei&#223;ig Meter des Schachtes in wenigen Sekunden. Unvermittelt durchbrach er die Flanke des Berges und kam mit einem Ruck in einer Wolke aus Leichenstaub zum Stehen. Qins Sch&#228;del kullerte von seinen Schultern, sprang einmal auf der Armlehne seines Thrones auf und verschwand den Hang hinunter.

Indy wurde aus Qins Scho&#223; geschleudert, bekam aber im Fallen Hebel Nummer f&#252;nf zu fassen. Es war der falsche. Er sp&#252;rte das metallische Klicken, woraufhin sich der Thron wieder in das Innere des Berges zur&#252;ckzuziehen begann.

Unter sich vernahm Indy einen erschrockenen Aufschrei.

Ai!

Ein Trupp japanischer Soldaten, der Lo mit vorgehaltenem Bajonett in Schach gehalten hatte, verfolgte offenen Mundes staunend das Schauspiel aus Jadethron, kaiserlichen &#220;berresten und Indiana Jones, der &#252;ber ihnen im morgendlichen Himmel hing. Lo nutzte die Gelegenheit und ergriff die Flucht, und keiner der Soldaten machte Anstalten, ihm nachzusetzen.

Vor die Wahl gestellt, an der Felswand zerquetscht zu werden und eines sicheren, oder aber durch die japanischen Grabr&#228;uber eines nur wahrscheinlichen Todes zu sterben, entschied Indy sich f&#252;r Letzteres. Er lie&#223; den Hebel los und landete vor den F&#252;&#223;en der japanischen Soldaten.

Der Berg rumpelte, und die S&#228;ule schien zu verschwinden. Dann erzitterte die runde Luke, durch die er eingestiegen war und die Lo vor dem Eintreffen der Soldaten wieder eingesetzt hatte, und wurde, als im Grabmal der urspr&#252;ngliche Druckunterschied wiederhergestellt wurde, nach innen gesogen.

Indy begr&#252;&#223;te die Soldaten mit einem schiefen L&#228;cheln und einem Gru&#223; auf Japanisch:

Ohio gozaimash'ta.

Einer der Soldaten machte Anstalten, Indy mit seinem Bajonett aufzuspie&#223;en, doch der Anf&#252;hrer des Trupps stie&#223; es zur Seite.

Wagen Sie es nicht, uns einen guten Morgen zu w&#252;nschen, schrie der Anf&#252;hrer des Trupps Indy auf Englisch an. Sagen Sie &#252;berhaupt nichts! Wie lautet Ihr Name?

Indy schwieg.

Wie lautet Ihr Name?

Sie haben mir den Mund verboten.

Ruhe!

Der Anf&#252;hrer trat Indy mit der Stiefelspitze in die Rippen.

Das war nicht n&#246;tig, sagte Indy, sich vor Schmerzen kr&#252;mmend.

Wie lautet Ihr Name?

Babe Ruth, erwiderte Indy.

Aufstehen!

Indy erhob sich.

Der Anf&#252;hrer zog den Webley aus Indys Halfter und schob ihn hinter seinen G&#252;rtel. Dann griff er die Mappe und nahm den Elfenbeinmond heraus. Er hielt ihn hoch, um ihn den anderen zu zeigen.

He, meinte Indy. Wir befinden uns immer noch in China, und das dort geh&#246;rt den Chinesen.

Jetzt ist es Eigentum der kaiserlich japanischen Armee, entschied der Anf&#252;hrer des Trupps. Sie haben sich nach Manchukuo verirrt, Sie amerikanischer Dummkopf. Wir werden Sie jetzt in Gewahrsam nehmen und daf&#252;r sorgen, dass Sie wohlbehalten zur&#252;ckgelangen.



KAPITEL ZWEI

Meister Sokai

In der Gef&#228;ngniszelle war es d&#252;ster, feucht und einsam. Seit seiner Gefangenn&#228;hme auf dem Berg Hua hatte Indy nichts zu Gesicht bekommen als die Ladefl&#228;che eines Lastwagens der kaiserlichen Armee und das Innere des Gef&#228;ngnisses, in das er mitten in der Nacht eingefahren war. Man hatte ihm alles abgenommen, auch seine Kleidung und Papiere, und ihm daf&#252;r nichts gegeben au&#223;er einer Uniform, die aus kaum mehr als Lumpen bestand. Was an Licht und frischer Luft die Zelle heimsuchte, stammte von einem winzigen vergitterten Fensterloch hoch oben &#252;ber Indys Kopf. In diesem Gef&#228;ngnis gab es keine Elektrizit&#228;t. Sobald die Sonne unterging und das Licht vor dem Fenster verlosch, versank die Zelle bis zum n&#228;chsten Morgen in Dunkelheit. Nachts war es in der Zelle kalt, und wenn es regnete, spritzte das Wasser durch das offene Fenster und durchfeuchtete den Haufen Stroh, der als Bett diente.

Die Latrine bestand aus einem Topf, der einmal am Tag geleert wurde.

Indy hatte keine Ahnung, wo er sich befand oder was die Japaner mit ihm zu tun beabsichtigten. Er bekam keine anderen Gefangenen zu Gesicht. Zweimal t&#228;glich brachten ihm die W&#228;rter eine Schale kalten Reis und eine Blechb&#252;chse mit brackigem Wasser, und Indy war froh, dass man daran dachte, ihm &#252;berhaupt etwas zu essen zu geben. Er argw&#246;hnte, dass sie ihn am Leben hielten, um mehr &#252;ber das Innere der Schatzkammer im Grabmal zu erfahren, sonst h&#228;tten sie ihn sicher auf der Stelle erschossen.

Am f&#252;nften Tag seiner Gefangenschaft wurde er von zwei Soldaten aus seiner Zelle gezerrt. Die Soldaten unterschieden sich deutlich von den schlampigen, ungebildeten Provinzwachtposten, die ihm jeden Tag die Schale kalten Reis brachten,- diese beiden waren gepflegte Berufssoldaten mit wachem Blick. Der j&#252;ngere der beiden war glatt rasiert und besa&#223; au&#223;ergew&#246;hnlich fein geschnittene Gesichtsz&#252;ge sowie tiefschwarzes Haar, trotzdem dauerte es einen Augenblick, bis Indy merkte, dass der Soldat eine Frau war. Sie trug eine schwere Fliegermontur aus Segeltuch &#252;ber einem hellbraunen Dienstanzug, und auf ihrem Kragenspiegel bemerkte Indy das gelb-rote Band eines Leutnants. Der andere Soldat war schwerer, ein paar Jahre &#228;lter und kr&#228;ftig gebaut. Er war kahl, hatte ein kantiges Kinn, und die Falten um seine Augen schienen seinem Gesicht einen dauerhaft finsteren Ausdruck zu verleihen. Er trug den dunkelbraunen Overall eines Stabsoffiziers, und um seinen linken Arm befand sich ein wei&#223;es, mit dem Emblem der aufgehenden Sonne verziertes Band. Beide trugen Schirmm&#252;tzen mit einem goldenen Stern auf der Stirnseite. Als diese neuen Soldaten ihn durch den Korridor schleppten, machten ihnen die regul&#228;ren Wachtposten l&#252;mmelnd Platz und gr&#252;&#223;ten, vermieden es jedoch, mit ihnen in Blickkontakt zu treten. Das ist ein schlechtes Zeichen, dachte Indy. Sie warfen Indy in einen Raum, der bis auf zwei St&#252;hle mit gerader Lehne und eine Holzbank leer war. Fenster gab es nicht, und das Licht stammte von einer unter der Decke h&#228;ngenden Kerosinlampe. Der Lampendocht musste dringend gestutzt werden, und die Flamme brannte ungleichm&#228;&#223;ig und spie Kohlenstoff durch den verru&#223;ten Zylinder Richtung Decke.

Die Soldaten pflanzten Indy unsanft auf einen der St&#252;hle/dann stellten sie sich hinter ihn und nahmen Haltung an.

Auf der Bank lagen Indys Sachen, seine Mappe, seine Papiere, die Peitsche, das Halfter mitsamt Revolver, sogar der Elfenbeinmond.Die Kleidungsst&#252;cke waren gewaschen und geb&#252;gelt worden. Auf der anderen Seite des Raumes stand ein Mann in einem knielangen schwarzen Wettermantel. Er war jung -vielleicht f&#252;nfundzwanzig -, von mittlerer K&#246;rpergr&#246;&#223;e, schlank, hatte braune Augen und kurz geschorenes, schwarzes Haar. Seine Wangen waren schmutzverschmiert, und noch von der anderen Zimmerseite aus konnte Indy den Geruch von Benzin und Auspuffgasen riechen. Um seinen Hals hing eine Fliegerbrille, und darunter sah man einen wei&#223;en Seidenschal. Er rauchte eine Zigarette mit einer ge&#252;bten L&#228;ssigkeit, die Indy an den m&#228;nnlichen Hauptdarsteller eines Hollywoodfilms erinnerte.

Er machte den Soldaten ein Zeichen, den Raum zu verlassen. Sie verbeugten sich und entfernten sich r&#252;ckw&#228;rts gehend aus dem Zimmer.

Geht es Ihnen gut?

Der Mann sprach v&#246;llig akzentfreies Englisch.

Wie man es nimmt, antwortete Indy.

Gut.

Der Mann griff in die Tasche seines Wettermantels und holte beil&#228;ufig eine Schachtel Lucky Strike hervor. Er hielt Indy die

Packung hin.

Ich rauche nicht, sagte Indy.

Das hatte ich auch nicht erwartet, Dr. Jones, erwiderte der

Mann, w&#228;hrend er die Zigaretten wieder in die Tasehe steckte. Ich habe bei Ihren Sachen nichts gefunden, was darauf hingedeutet h&#228;tte. Andererseits ist es ziemlich &#252;blich, im Gef&#228;ngnis zu rauchen. Eine der wenigen Freiheiten, derer sich die Insassen erfreuen.

Die Zigarette locker im Mundwinkel, stieg der Mann auf den Stuhl und stellte die Flamme der Kerosinlampe nach. Sie brannte jetzt heller, mit weniger Rauch.

Indy kniff die Augen gegen die pl&#246;tzliche Helligkeit zu sammen. Er strich sich mit der Hand &#252;bers Kinn und f&#252;hlte einen Wald aus Stoppeln, der sich rasch zu einem Bart aus wuchs. Kommen Sie zur Sache, sagte Indy. Der Mann l&#228;chelte.

Verzeihen Sie mir, meinte er. Das Ganze ist etwas unangenehm, finden Sie nicht? Ich muss mich f&#252;r Ihre Behandlung entschuldigen. Ich hoffe, der Trupp, der Sie hergebracht hat, hat Ihnen keine &#252;bertriebenen Verletzungen zugef&#252;gt. Nein? Gut. Mein Name ist Meister Mishima Sokai. Ich arbeite f&#252;r das Au&#223;enministerium in Tokio. Dann sind Sie Spion, stellte Indy fest. Ganz recht, und zwar ein ziemlich guter, erwiderte Sokai mit einem L&#228;cheln.

Dann werden Sie mir sicher verraten k&#246;nnen, warum Ihre Schl&#228;ger mich hierher verschleppt haben, sagte Indy. Ich bin Professor f&#252;r Arch&#228;ologie an der Universit&#228;t Princeton und war mit der Durchf&#252;hrung einer legalen wissenschaftlichen Untersuchung auf dem Berg Hua besch&#228;ftigt, als - Sokai hob seine Hand.

Bitte ereifern Sie sich nicht, bat er freundlich. Ich bin nicht leicht einzusch&#252;chtern, au&#223;erdem wei&#223; ich mehr &#252;ber Sie als selbst Ihre Kollegen in akademischen Kreisen. Sie f&#252;hren ein ziemlich faszinierendes Doppelleben. Wohin sich Dr. Jones auch begibt, der &#196;rger scheint ihm stets auf Schritt und Tritt zu folgen. Das kann unm&#246;glich Zufall sein.

Sagen wir, ich habe daf&#252;r eine gewisse Begabung.

Wie wahr, sagte Sokai. Und ich bin mir durchaus be-wusst, dass Sie ein Bed&#252;rfnis nach Verschwiegenheit haben.

Da Sie &#252;ber mich so viel zu wissen scheinen, sagte Indy, warum erz&#228;hlen Sie mir nicht ein wenig &#252;ber sich? Ohne zu fragen griff er nach seinen Kleidungsst&#252;cken und zog sie vom Tisch. Sokai zog erstaunt eine Braue hoch, unternahm aber nichts, um ihn am Umziehen zu hindern.

Davon abgesehen, dass ich in Kreisen, die dies beurteilen k&#246;nnen, als Nippons Meisterspion gelte, bin ich Kampfpilot, ein Chutai-F&#252;hrer im 24. Sentai der Luftwaffe der kaiserlichen Armee.

Und ich dachte schon, Sie tragen die Fliegerbrille nur zum Vergn&#252;gen.

Um die Wahrheit zu sagen, es hat seine Vorteile, Pilot zu sein. Man ist unabh&#228;ngig von Schiffs- und Zugfahrpl&#228;nen, verf&#252;gt &#252;ber &#252;berlegene Feuerkraft und hat den Vorteil einer Luftaufkl&#228;rung aus erster Hand.

Faschisten scheinen eine besondere Vorliebe f&#252;r Luftfahrzeuge zu haben, habe ich herausgefunden, erwiderte Indy. Was sind die beiden, die gerade hinausgegangen sind? Ihre Bord- und Bombensch&#252;tzen?

Nein, das sind die anderen Piloten in meiner Chutai, sagte Sokai. Leutnant Musashi und Stabsoffizier Miyamoto. Wir fliegen Ki-10-Doppeldecker-Jagdbomber vom Typ 95. Dieser Typ erreicht eine maximale Flugh&#246;he von nahezu 10.000 Fu&#223;, verf&#252;gt &#252;ber eine H&#246;chstgeschwindigkeit von 248 Meilen in der Stunde und ist mit zwei 7.7-Millimeter-Maschinengewehren im Bug bewaffnet.

Tragen Sie ein Foto davon in Ihrer Brieftasche?

Ich wei&#223; Witz durchaus zu sch&#228;tzen, allerdings nur, wenn man ihn sparsam einsetzt. Sie beginnen meine Geduld auf die Probe zu stellen wie ein altkluges Kind. Sorgen Sie daf&#252;r, dass sie mir nicht rei&#223;t.

Sokai sah Indy einen Augenblick lang unverwandt an, um seiner Bemerkung Nachdruck zu verleihen, dann fuhr er fort: Lassen Sie mich &#252;berlegen, wie lauten die Fragen, die man mir &#252;blicherweise stellt? Ich spreche gut Englisch, weil ich im Westen erzogen wurde. Mein Vater war Ausl&#228;nder, ein gaijin, ein Diplomat. Meine Mutter? Eine Geisha, die das Pech hatte, sich in ihn zu verlieben. Ich wurde, an jenem Tag des Jahres 1904 geboren, als man ihn als Spion im russisch-japanischen Krieg hinrichtete. Sie sehen also, ich bin im eigenen Land als gaijin aufgewachsen. Das hat mich zu einem gro&#223;en Verehrer amerikanischer Filme, amerikanischer Zigaretten und amerikanischer Kleidung gemacht. Aber Ihre politische Einstellung ist entschieden kaiserlich. Amerika ist f&#252;r mich nichts weiter als ein Zeitvertreib, sagte Sokai. Japan hingegen ist das Land meiner V&#228;ter. Au&#223;erdem stehen wir auf derselben Seite. Wir befinden uns nicht im Krieg. Erkl&#228;ren Sie das mal den Chinesen, sagte Indy. Sokai lachte, lie&#223; den Zigarettenstummel fallen und zertrat ihn mit dem Absatz seines auf Hochglanz polierten Schuhs. Das Leben ist ein Kampf, fuhr er fort. Ich bin ein Sch&#252;ler des Bushido, des Weges des Kriegers. Sokai griff unter seinen Wettermantel und zog ein Samuraischwert hervor. Er hielt es vor seinen K&#246;rper, senkrecht, in beidh&#228;ndigern Griff. Die alten Methoden sind oftmals die besten, fuhr er fort. Dieses Schwert ist &#252;ber f&#252;nfhundert Jahre alt und noch immer ist es die sch&#228;rfste der Menschheit bekannte Klinge.

Indy wollte etwas erwidern, doch Sokai legte einen Finger an die Lippen.

Der Schwertmacher, der sie hergestellt hat, hat zehn Jahre seines Lebens daf&#252;r geopfert. Sie wurde erst geschmiedet, nachdem man die Werkstatt gereinigt und der Gottheit, die der aus einem einzigen Klumpen Eisenerz bestehenden Klinge innewohnen w&#252;rde, Opfergaben dargebracht hatte. Anschlie&#223;end wurde die Klinge erhitzt, geschlagen und f&#252;nftausendmal gefalzt - und jedes Mal im Schnee des Fujijama abgek&#252;hlt, um sie zu h&#228;rten. Diese Geschichten habe ich schon geh&#246;rt, sagte Indy, w&#228;hrend er sich b&#252;ckte, um sich die Schuhe zuzubinden. Der Geist, der in die Klinge f&#228;hrt, ist ein Abbild der Fr&#246;mmigkeit ihres Erzeugers, fuhr Sokai fort. Manchmal, wenn ein unguter Gedanke die geistige Reinheit des Schwertmachers beeintr&#228;chtigt, bef&#228;llt ein b&#246;ser Geist die Klinge. Doch das erf&#228;hrt man erst, nachdem die Klinge das erste Blut zu schmecken bekommen hat.

Ich habe den Eindruck, Sie haben es bereits herausgefunden. Das war vor langer Zeit , erwiderte Sokai. Dann ritzte er mit der Klinge seinen Daumenballen an und zapfte eine winzige Menge Blut ab. Man sollte eine mit einer Schneide versehene Waffe niemals zur&#252;ck in die Scheide schieben, ohne dass sie Blut gekostet hat. Ihre Gier danach k&#246;nnte sonst &#252;berm&#228;chtig werden. In einer einzigen eleganten, ge&#252;bten Bewegung zog Sokai den Schwertr&#252;cken durch die fleischige Kerbe zwischen linkem Zeigefinger und Daumen, um die Klinge in die Scheide einzuf&#228;deln, dann schob er die Waffe vollends hinein. Indy sah Sokai kommentarlos an. Ich trage diese Waffe stets bei mir, sagte Sokai. Man wei&#223; nie, wann die zwingende Notwendigkeit entsteht, sie zu benutzen.

Ich ziehe modernere Methoden vor, sagte Indy. Dann griff er nach dem Webley.

Nur zu, sagte Sokai. Er ist selbstverst&#228;ndlich nicht geladen.

Indy klappte die Trommel heraus. Sokai hatte nicht gelogen. Dann schloss er die Waffe und schob das vertraute Gewicht zur&#252;ck ins Halfter.

Und was ist hiermit?, sagte Sokai und schnappte sich die Peitsche von der Bank. Das betrachten Sie doch gewiss nicht als modern? Seit Anbeginn der Zeit haben Sklaven den Hieb der Peitsche zu sp&#252;ren bekommen. Was f&#252;r eine seltsame Wahl.

Sokai warf ihm die Peitsche zu.

Indy fing sie auf.

Manchmal, sagte Indy, kehren Sklaven die Peitsche gegen ihren Herrn.

Ein Idealist, erwiderte Sokai. Wie entz&#252;ckend.

Was wollen Sie?, sagte Indy, w&#228;hrend er seinen Hut aufsetzte.

Sokai nahm den Elfenbeinmond zur Hand.

Aus Qins Grab.

Wenn Sie es sagen, gab Indy zur&#252;ck.

Haben Sie sich nie gefragt, woher Qins Astronomen die Kenntnis hatten, dass der Mond eine Kugel ist? Und zwar so detaillierte Kenntnis, dass sie die Krater und Meere auf der R&#252;ckseite eingeschnitzt haben? Selbst wir wissen nicht, wie sie aussieht. Der Mond kehrt uns nie den R&#252;cken zu.

Kommen Sie zur Sache.

Ich bin nicht etwa nur hinter Sch&#228;tzen her, Dr. Jones, sagte Sokai, w&#228;hrend er den Mond in Indys Mappe legte. Mein Ziel ist Macht. Uraltes Wissen. Magie. Sie ist eine Kraft, auf die sich alle Kulturen vor uns verstanden haben. Die alten Samurai zum Beispiel haben mehr studiert als nur die Kunst des Krieges. Im gleichen Ma&#223;e haben sie ihre Begabung f&#252;r die Malerei, f&#252;r Musik und Literatur, f&#252;r das Spiel der positiven und negativen Kr&#228;fte innerhalb des Universums sowie f&#252;r den Gebrauch von Beschw&#246;rungen und Zauberformeln entwickelt. Die Soldaten haben mir eine ziemliche Geschichte &#252;ber Ihr Auftauchen aus dem Berg erz&#228;hlt. Irgendetwas &#252;ber den Geist des Kaisers, der Sie ihnen vor die F&#252;&#223;e geworfen haben soll.

Sie m&#252;ssen betrunken gewesen sein, sagte Indy, w&#228;hrend er seine Jacke &#252;berzog. Als ich dieses Ding gefunden hatte, war ich so aufgeregt, dass ich ins Stolpern geriet, als ich vom Berg herunterkletterte, um meinem F&#252;hrer davon zu berichten. Das ist alles.

Dann hob er seinen Hut auf, b&#252;rstete ein wenig Staub vom Kopfteil und legte ihn in die Mappe. Er h&#228;ngte die Mappe &#252;ber seine Schulter.

Sie schicken sich an, uns zu verlassen?, fragte Sokai. W&#252;rden Sie das nicht tun?

Sokai b&#252;ckte sich, hob eine h&#246;lzerne Kiste von der Gr&#246;&#223;e einer Hutschachtel auf und stellte sie auf die Bank. Die Kiste war schwarz lackiert, der Deckel mit Scharnieren versehen und mit einem Vorh&#228;ngeschloss versperrt. Sokai nahm einen Schl&#252;ssel aus seiner Tasche, entriegelte den Deckel und klappte ihn auf. Er schob die Kiste zu Indy her&#252;ber. Schon mal so etwas gesehen? Drinnen lag ein helmartiger Gegenstand, der aus sehr alt aussehendem Eisen gefertigt war. Man nennt es Nussknacker, erl&#228;uterte Sokai. Ja, ganz recht. Er wird benutzt, um ganz harte N&#252;sse zu knacken. Er klopfte gegen seinen Sch&#228;del.

Ein wundersch&#246;nes St&#252;ck, meinte Indy. Wie ich schon sagte, oft sind die alten Methoden die besten, fuhr Sokai fort, w&#228;hrend er den Gegenstand aus der Kiste nahm. Dort wo er &#252;ber Augen, Ohren und Mund zu liegen kommen w&#252;rde, ragten dicke Schrauben hervor. Die beiden H&#228;lften wurden mittels eines Stifts geschlossen, den man von oben durch die &#214;se f&#252;hrte. Sokai zog den Stift heraus und klappte die H&#228;lften auseinander, sodass die korkenzieher&#228;hnlichen Dorne im Innern sichtbar wurden. Sie waren schwarz und mit getrocknetem Blut &#252;berkrustet.

Und das beabsichtigen Sie bei mir zu benutzen?

Wenn ich dazu gezwungen werde, erwiderte Sokai. Aber ich hoffe, so weit wird es nicht kommen.

Tun Sie sich keinen Zwang an.

&#220;beraus komisch, sagte Sokai. Und sehr mutig, angesichts des Umstandes, dass Sie nacheinander Ihres Geh&#246;rs, der Sprechf&#228;higkeit und des Augenlichts beraubt werden sollen. Ah,wie ich sehe, habe ich jetzt Ihre Aufmerksamkeit. Es funktioniert wie folgt - zuerst wird ein Ohr zerst&#246;rt, dann das andere. Dann wird die Zunge zerquetscht. Zu guter Letzt, da die meisten von uns das Augenlicht mehr als alles andere sch&#228;tzen, wird Ihnen ein Auge genommen, und danach folgt die gro&#223;e Dunkelheit. Aber lassen Sie nicht alle Hoffnung fahren. Die meisten N&#252;sse brechen, bevor es so weit kommt.

Sokai betrachtete Indy voller Mitgef&#252;hl.

Oder aber Sie k&#246;nnen all diesen Unannehmlichkeiten aus dem Weg gehen und mir einfach die Geheimnisse von Qins Grabmal anvertrauen, fuhr Sokai fort. Vor allem interessiert mich, wie man lebend hinein- und wieder herauskommt, was Ihnen ja offenbar gelungen ist.

Sie k&#246;nnen mich mal.

Sokai rief seine Fliegerkollegen. Als sie hereinkamen, redete er mit ihnen leise auf Japanisch.

Hai", antworteten beide und machten eine knappe Verbeugung, dann gingen sie an die Arbeit. Sie packten Indys H&#228;nde, bogen sie hinter seinen R&#252;cken und versuchten, seine Handgelenke aneinander zu legen, um ihn mit einem Strick fesseln zu k&#246;nnen.

Was ist?, herrschte Sokai sie an, als es ihnen nicht gelang, Indys Handgelenke aneinander zu legen.

Der gaijin ist sehr stark, beschwerte sich Leutnant Musashi.

Wie stark kann er schon sein?, schnaubte Sokai ver&#228;chtlich. Er ist zwanzig Jahre &#228;lter als Sie und hat seit nahezu einer Woche nur Gef&#228;ngniskost bekommen.

Jawohl, Sokai Sensei, gab sie zur&#252;ck. Wir werden uns noch gr&#246;&#223;ere M&#252;he geben.

Im Verlauf der Rangelei wurde dem weiblichen Leutnant die &#252;tze vom Kopf gesto&#223;en, woraufhin darunter ein Schwall eidigschwarzen Haars zum Vorschein kam.

Warum machen Sie ein so &#252;berraschtes Gesicht?, erkundigte sich Sokai. Fanden Sie nicht, dass die Gesichtsz&#252;ge des Leutnants &#252;bertrieben fein waren und die Stimme ein wenig zu feminin?

Dass sie eine Frau ist, wusste ich, erwiderte Indy. Aber nicht, dass sie so sch&#246;n ist.

Daraufhin schnippte Sokai mit den Fingern.

Stabsoffizier Miyamoto schlug Indy mit der Faust gegen den Hinterkopf, so fest, dass Indy Sterne sah. Er stie&#223; Indy auf einen Stuhl, packte mit jeder Hand ein Handgelenk und bog sie &#228;chzend zusammen, w&#228;hrend der weibliche Leutnant sie mit einem Strick

fesselte.

Gut, sagte Sokai und trat n&#228;her. Halten Sie seinen Kopf fest.

Er klappte den Nussknacker weit auseinander, schraubte die Dorne heraus und arretierte ihn fest &#252;ber Indys Kopf, w&#228;hrend die anderen ihn hielten. Indy leistete Widerstand, bis der Helm geschlossen war. Er sp&#252;rte, wie die Spitzen der Dorne an seinen Lidern, Ohren und der Unterlippe kratzten, sobald er nur die geringste Bewegung machte. Die einzige Richtung, in die er seinen Kopf bewegen konnte, wie er bald

herausfand, war nach hinten.

Das h&#228;tten wir, meinte Sokai. Alles erledigt. F&#252;hlen Sie sich wohl, Dr. Jones?

Nein, murmelte Indy.

Nat&#252;rlich nicht! Wer w&#252;rde das schon?

Die Soldaten traten zur&#252;ck, w&#228;hrend Sokai sich hinter den Stuhl stellte und eine Hand auf den Griff legte, mit dem der Dorn &#252;ber dem rechten Ohr hineingeschraubt wurde. Sokai begann, den Griff langsam zu drehen.

So f&#228;ngt es an, erl&#228;uterte Sokai. Das Vorgef&#252;hl so zahlreicher, &#252;berfl&#252;ssiger Schmerzen. Das Ger&#228;usch der sich drehenden Schraube so dicht an Ihrem Ohr, gefolgt vom Gef&#252;hl des Doms, wenn er Ihre Ohrmuschel ber&#252;hrt -sehen Sie, Sie sind zusammengezuckt. Sie m&#252;ssen es gesp&#252;rt haben - und dann die entsetzlich qu&#228;lenden Sekunden, w&#228;hrend er in den Geh&#246;rgang eindringt und sich der zarten Membran des Trommelfells n&#228;hert.

Und wenn das Trommelfell rei&#223;t, gewahrt man einen spitzen Schmerz sowie ein lautes Dr&#246;hnen - ironischerweise in einem Ohr, dessen H&#246;rverm&#246;gen soeben f&#252;r immer erloschen ist.

Sie genie&#223;en das zu sehr, versuchte Indy hervorzubringen, ohne sich die Lippe zu durchsto&#223;en oder den Dorn noch tiefer in sein Ohr zu bohren, doch es kam nur etwas Unverst&#228;ndliches heraus.

Tut mir Leid, meinte Sokai. Sie hatten Ihre Chance, sich zu - Indy trat zu und erwischte mit der Spitze seines rechten Stiefels die Kante der Sitzbank. Die Bank kippte, schlug krachend mit einer Ecke gegen die Lampe, zertr&#252;mmerte den Glaskolben, brachte die Flamme zum Erl&#246;schen und besprenkelte den Raum mit Kerosin.

Im Zimmer wurde es dunkel.

Indy warf sich nach hinten, und als der Stuhl mit ihm darauf kippte, traf die R&#252;ckseite des Helms Sokai in die Brust. Das trieb ihm den Atem aus den Lungen, und er ging keuchend zu Boden.

Indy empfand ein schmerzhaftes Klingen in seinem rechten Ohr und sp&#252;rte, wie ihm Blut den Hals hinunterrann, doch er zwang sich, in Bewegung zu bleiben. Er befreite seine Arme von der Stuhllehne, kam auf die Knie, zog das Kinn auf die Brust und sch&#252;ttelte dabei den Kopf. Der Stift rutschte aus der &#214;se, und der Helm landete scheppernd auf dem Boden.

Die Soldaten riefen in der Dunkelheit nach ihrem Meister. Das Luftholen bereitete Sokai noch immer M&#252;he, trotzdem hielt er die H&#228;nde tastend ausgestreckt.

Indy rappelte sich auf. Er begab sich r&#252;ckw&#228;rts zur Wand, damit er mit seinen noch immer gefesselten H&#228;nden tasten konnte, und suchte hektisch nach der T&#252;r.

Sokai bekam im Dunkeln Indys Bein zu fassen.

Indy versuchte, sich mit einem Tritt von ihm zu befreien, doch ohne Erfolg. Dann riss in dem Gerangel der Strick, der seine H&#228;nde fesselte, und er schlug blindlings in die Richtung, wo er Sokais Gesicht vermutete. Er wurde mit dem Klatschen von Kn&#246;cheln auf Fleisch belohnt.

Doch Sokai gab nicht auf. Er fing einen von Indys Schl&#228;gen mit den H&#228;nden ab, verdrehte ihm das Handgelenk, fixierte gekonnt seinen Ellbogen und zwang ihn zu Boden. Das Gesicht auf den Fu&#223;boden gepresst und Sokai &#252;ber sich, hatte Indy nicht gen&#252;gend Bewegungsfreiheit mit der rechten Hand, um sich zu verteidigen.Dann bekam seine umhertastende Rechte ein St&#252;ck des abgebrochenen Stuhlbeins zu fassen. Indy holte mit dem Holzst&#252;ck zu einem heftigen Schwinger aus, und die Verl&#228;ngerung reichte gerade, um seinen Widersacher am Kinn zu treffen. Sokais Kopf schnellte zur&#252;ck, er entlie&#223; Indy aus seinem Haltegriff und wankte einen Augenblick,, bevor er nach vorne kippte - in die offene Vorderh&#228;lfte des auf dem Boden liegenden Nussknackers. Indy konnte nicht sehen, was geschah, doch das Ger&#228;usch dabei schockierte ihn, ein feuchtes, hohles Ger&#228;usch, wie es entsteht, wenn man einen Eispickel in eine Wassermelone sticht. Leutnant Musashi war das Ger&#228;usch ebenfalls bekannt. Ich bin geblendet, stellte Sokai n&#252;chtern fest, als w&#228;ren es die Augen eines anderen, die von einem rostigen Metalldorn aufgespie&#223;t worden waren.

Musashis Sorge um ihren Meister schlug schlagartig in Gier nach Rache um.

Stehen bleiben!, kommandierte sie, w&#228;hrend der Lauf ihrer halbautomatischen Pistole auf der Suche nach Indy im Dunkeln mal hier-, mal dorthin schwenkte. Eine Sekunde bevor der Schuss krachte, sp&#252;rte Indy instinktiv, dass eine Waffe auf ihn gerichtet war, und warf sich flach auf den Boden. Der Knall war in dem winzigen Raum ohrenbet&#228;ubend, und im orangenen M&#252;ndungsfeuer erstarrten ihre Positionen wie bei einer Blitzlichtaufnahme -Sokai auf dem Boden liegend, die Maske wie ein lebendiges Wesen &#252;ber dem Gesicht, Miyamoto in geduckter Kampfhaltung, jedoch unschl&#252;ssig, wohin er sich wenden sollte, und der weibliche Leutnant mit einer 1914er Mauser, die sie mit beiden H&#228;nden vor dem K&#246;rper hielt. Die Kugel riss hinter Indy einen Krater in die Wand, dann versank der Raum abermals f&#252;r einen kurzen Augenblick in Dunkelheit. Leutnant Musashi feuerte zwei weitere Sch&#252;sse ab, deren M&#252;ndungsfeuer aus der Mauser gespien wurde. Ihr zweiter Schuss ging fehl, der dritte jedoch fand sein Ziel. Die Kugel traf Indy in die linke Schulter und schleuderte ihn durch die Holzt&#252;r nach drau&#223;en auf den Gang. Ein gl&#252;hend hei&#223;er Schmerz zog sich von seinem Schl&#252;sselbein bis in die Fingerspitzen.

Indy kam m&#252;hsam auf die Beine, sch&#252;ttelte Teile der zertr&#252;mmerten T&#252;r ab und stolperte den Gang hinunter. Am Ende des Korridors befand sich ein vergittertes Fenster mit einem W&#228;chtertrio davor. Die W&#228;chter sprangen zur Seite, als sie Musashi aus der T&#252;r treten und mit der Pistole in ihre Richtung zielen sahen.

Sorgf&#228;ltig nahm sie die Mitte von Indys R&#252;cken ins Visier und dr&#252;ckte auf den Abzug. Doch der Abzug klemmte; die Waffe hatte einen Aussetzer, sodass eine Patronenh&#252;lse die Kammer blockierte.

Indy hielt sich den rechten Arm vors Gesicht und st&#252;rzte sich durchs Fenster. Die Gitterst&#228;be gaben in einer Wolke aus altem Putz und Glassplittern nach.

Musashi fluchte in flie&#223;endem Englisch und schleuderte die nutzlose ausl&#228;ndische Waffe angewidert fort. Sie blaffte den Gef&#228;ngnisw&#228;rtern Befehle zu, sie sollten einen Suchtrupp bilden und dem Amerikaner nachsetzen. Dann schrie sie sie an, sie sollten den ersten Arzt mitbringen, den sie auftreiben konnten, und nach dem besten Arzt in der Provinz schicken. Sie sahen sie mit leerer Miene an. Sie wiederholte die Befehle auf Japanisch, noch grimmiger als zuvor. Dann stapfte sie zur&#252;ck ins Zimmer, wo Miyamoto Sokai in den Armen hielt. Ist er tot?, erkundigte sie sich. Miyamoto sch&#252;ttelte den Kopf. Aber er k&#246;nnte es ebenso gut sein, erwiderte er.



KAPITEL DREI

Der Seiltrick


Indy st&#252;rzte auf die schlammige Stra&#223;e vor dem Gef&#228;ngnis und versuchte nach vorne abzurollen, doch da ihm seine Schulter den Dienst versagte, blieb er auf dem R&#252;cken liegen. Seine Schulter pochte und war gleichzeitig gef&#252;hllos, so wie ein Daumen, auf den man sich beim Versuch, einen Nagel in die Wand zu treiben, mit dem Hammer schl&#228;gt. Er nahm nicht an, dass die Kugel einen Knochen getroffen hatte, allerdings war es schwer, das mit Sicherheit zu sagen. Er verzog das Gesicht und verbarg seinen Arm, den linken &#196;rmel leer lassend, sicherheitshalber unter seiner Jacke.

Dann war er auf den Beinen und rannte los. Es wurde bereits dunkel, daher hielt er auf die Schatten zu, die unter den Giebeln der verlassenen Lagerh&#228;user am Ende der Stra&#223;e miteinander verschmolzen. Abgesehen von einem H&#252;hnerpaar, das Indy ob seiner R&#252;cksichtslosigkeit missbilligend ansah, war die Stra&#223;e verlassen.

An den verwitterten Zaun geheftete Handzettel verk&#252;ndeten in chinesischer und franz&#246;sischer Sprache, die Lagerh&#228;user seien von der kaiserlichen Armee beschlagnahmt worden, und Unbefugte w&#252;rden erschossen. Indy hatte einige M&#252;he, den Zaun zu erklimmen, und als er sich auf der anderen Seite zu Boden fallen lie&#223;, h&#246;rte er bereits das

rhythmische Getrappel von Stiefeln, die die Stra&#223;e hinunterkamen.

Das Innere des Lagerhauses glich einer dunklen H&#246;hle, und im Geb&#228;lk h&#246;rte Indy Tauben gurren. Er lief rasch durch das Dunkel, entdeckte eine T&#252;r an der R&#252;ckseite des Geb&#228;udes, zw&#228;ngte sich Schulter voran hindurch und hatte das Ende einer verwinkelten, engen Gasse vor sich.

Die Gasse diente Dutzenden von Familien, die von den Japanern vertrieben worden waren, als behelfsm&#228;&#223;ige Unterkunft, und Indy war gezwungen, &#252;ber Kochfeuer hinwegzusetzen, sich zwischen Transportkisten hindurchzuzw&#228;ngen und unter W&#228;scheleinen durchzutauchen. Als ein Trupp Soldaten die Kreuzung einer nahen Querstra&#223;e passierte, musste er sich in einen Hauseingang dr&#252;cken und legte einen Finger an die Lippen, um eine in einer Transportkiste hausende Familie, die ihn, kalten Reis aus Schalen essend, teilnahmslos anstarrte, zur Stille zu ermahnen. Offensichtlich war er im Begriff, immer tiefer in den &#228;lteren Teil der Stadt vorzudringen, nur wusste er nicht, welcher Stadt. Auf seine Frage, wo er sich befinde, antworteten diejenigen, die mutig genug waren, ihm &#252;berhaupt etwas zu erwidern oder sich zu erkundigen, ob er schwer verletzt sei, in einem Dialekt, den er nicht verstand. Also eilte er entschlossen weiter, in der Hoffnung, auf irgendein Wahrzeichen oder einen anderen Hinweis zu sto&#223;en, der ihm einen Anhaltspunkt lieferte - sowie eine Vorstellung, in welche Richtung er laufen musste, um sich in Sicherheit zu bringen. Doch s&#228;mtliche H&#228;userzeilen sahen aus wie die davor und unterschieden sich bestenfalls dadurch, dass das Gedr&#228;nge zwischen ihnen noch dichter und ein Vorankommen noch beschwerlicher war.

Ersch&#246;pft wurde er schlie&#223;lich langsamer und ging im Schritttempo weiter. Ein japanischer Soldat auf einem Motorrad hielt auf der letzten Kreuzung, die Indy &#252;berquert hatte. Er lie&#223; das Motorrad leer laufen, schwenkte den Lenker nach links und rechts und suchte die Kreuzung mit dem Strahl seines Scheinwerfers ab. Der Lichtkegel lie&#223; die Blutspur sichtbar werden, die Indy hinterlassen hatte. Wild hupend rief der Soldat etwas auf Japanisch, um die Aufmerksamkeit der anderen Soldaten auf sich zu lenken, dann lie&#223; er die Maschine aufheulen und raste in die Gasse hinein, wo die Fl&#252;chtlinge zur Seite sprangen, um Platz zu machen. Der Motorradsoldat setzte seinen Weg durch die Gasse in halsbrecherischem Tempo fort, durchtrennte W&#228;scheleinen und zersprengte Kochfeuer. Schlie&#223;lich prallte er gegen eine W&#228;scheleine, die sich weigerte, nachzugeben, was ihn augenblicklich aus dem Sattel seines Motorrads riss. Aus der Gasse gelangte Indy auf einen &#246;ffentlichen Platz inmitten des alten Zentrums. Tausend oder noch mehr Menschen standen dicht gedr&#228;ngt und verfolgten eine Darbietung auf einer fahrbaren, aus einem alten, flachen, offenen G&#252;terwagen gebauten B&#252;hne, die in der Platzmitte stattfand. Die B&#252;hne wurde von aufgeh&#228;ngten Lampions und mit Kerzen best&#252;ckten Rampenlichtern beleuchtet. Eine blonde Frau in einem dunklen, mit dem &#252;blichen Sammelsurium aus Hexensymbolen &#252;bers&#228;ten Gewand trug in marktschreierischer Manier auf Englisch den Text einer Zaubernummer vor, wobei ihr ein vielleicht sechzehnj&#228;hriges, dunkelhaariges M&#228;dchen assistierte. Die jugendliche Assistentin trug ein gelbes, locker sitzendes Seidenkost&#252;m sowie eine mit Quasten und Schellen versehene Kappe. Alle paar S&#228;tze legte die Magierin eine Pause ein, um ihrer chinesischen Dolmetscherin Gelegenheit zu geben, eine mehr oder weniger genaue Zusammenfassung ihrer Worte im &#246;rtlichen Dialekt nachzureichen. Indy bahnte sich einen Weg durch die Menge. Die Magierin deutete nach rechts. Man h&#246;rte ein Krachen, dann sah man einen roten Schal aus einer kleinen Rauchwolke schweben. Bei dem Knall zog Indy unwillk&#252;rlich den Kopf ein. Die Magierin zeigte nach links. Wieder ein Krachen, und ein gr&#252;ner Schal segelte zu Boden.

Hat Ihnen die Vorstellung bis jetzt gefallen? , erkundigte sich die Magierin.

Man h&#246;rte vereinzelten Applaus und das Stampfen von St&#246;cken auf dem Boden.

Nun, das Beste steht Ihnen noch bevor!, versprach sie.

Bitte zeigen Sie Ihre werte Annerkennung, wie immer Sie k&#246;nnen - mit ein wenig Kleingeld, etwas zu essen, oder, wenn n&#246;tig, mit einem frommen Wunsch. Erlauben Sie, dass ich Ihnen, w&#228;hrend meine Assistentin Mystery den Korb f&#252;r Ihre Spenden rumgehen l&#228;sst, etwas &#252;ber meine Familie erz&#228;hle.

Sie hielt inne, um der Dolmetscherin Gelegenheit zu geben,nachzukommen.

Indy bemerkte, dass rings um den Platz immer mehr Soldaten eintrafen. Er zw&#228;ngte sich tiefer in die Menschenmenge, Richtung B&#252;hne.

Mein Name ist Faye Maskelyne, und wir geh&#246;ren der ber&#252;hmtesten Magierfamilie der Welt an. Diejenigen unter Ihnen, die bereits Gelegenheit hatten, die sch&#246;ne Stadt London zu besuchen, werden gewiss von unserer Ber&#252;hmtheit geh&#246;rt haben, und diejenigen unter Ihnen, denen dieses Vergn&#252;gen noch nicht verg&#246;nnt war, werden heute Abend einige unserer hervorragendsten illusionistischen Darbietungen zu sehen bekommen. Warum aber, werden Sie sich vielleicht fragen, bereisen eine Meisterin der Magie und ihre t&#252;chtige Gehilfin f&#252;r wenig Geld weit entlegene Orte, wenn sie in ihrer angestammten Heimat Reichtum und unsterblichen Ruhm erlangen k&#246;nnten?

Mit den letzten Ausf&#252;hrungen hatte die Dolmetscherin ein wenig M&#252;he.

Ich werde es Ihnen erkl&#228;ren, fuhr Faye fort. Die Antwort liegt in der Fotografie begr&#252;ndet, die Mystery in ihrem Korb umhertr&#228;gt. Sehen Sie sie sich gut an, meine Freunde, und sagen Sie ihr, ob Sie diesen Mann gesehen haben. Er ist das Ziel unserer Suche. Sein Name ist Kaspar Maskelyne, er ist Mysterys Vater. Und nat&#252;rlich auch mein Ehemann. Mittlerweile hatten die Japaner den Platz umstellt. Leutnant Musashi kletterte umst&#228;ndlich auf die Motorhaube eines Lastwagens, um einen besseren &#220;berblick zu haben. Sie trug ihr Haar noch immer offen und dirigierte die Suche mit Sokais blankgezogenem Schwert.

Vor vier Jahren traf Kaspar Maskelyne im geheimnisvollen Osten ein, um nach einem Buch mit Geheimwissen zu suchen, von dem ein arabischer Gelehrter aus alter Zeit, Ibn Battuta, berichtet. Faye schnippte mit den Fingern, und ein Buch tanzte hoch &#252;ber den K&#246;pfen der Menge. Dieses Buch - das sagenumwobene Omega-Buch - enth&#228;lt einen vollst&#228;ndigen Bericht &#252;ber das Leben jeder einzelnen Seele, die je auf Erden leben wird, sowie s&#228;mtliche Geheimnisse der Natur. Alle Religionen beziehen sich darauf. Es gibt noch andere Namen daf&#252;r, dennoch handelt es sich stets um dasselbe Buch. Und gefunden werden kann es nur mit Hilfe von Aarons Stab. Faye schnippte abermals mit den Fingern, und das Buch verschwand. Gleichzeitig erschien, inmitten einer Wolke aus Rauch, ein Stab auf der B&#252;hne. Um den Stab wand sich eine Schlange.

Eben jener Stab, den Moses vor den Magiern des Pharao in eine Schlange verwandelte, der die Pest &#252;ber &#196;gypten brachte und das Rote Meer teilte. Der ureigene Stab der Magier! Faye klatschte in die H&#228;nde. Die Schlange verschwand, und ein bl&#252;hender Mandelbaum trat an ihre Stelle. Die &#220;bersetzerin hatte M&#252;he, Schritt zu halten, und die Menge wirkte verloren.

Sie haben doch alle schon von Moses geh&#246;rt, oder?, fragte Faye. Von dem Stock, der sich in der W&#252;ste in einen Mandelbaum verwandelt? Na sch&#246;n, weiter im Programm. Aber den Seiltrick kennen Sie doch alle, oder? K&#252;ndige den Seiltrick an, Herrgott nochmal.

Die Dolmetscherin tat es, woraufhin die Menge anerkennende Laute von sich gab.

Mystery stellte den Korb f&#252;r die Opfergaben und die Fotografie zu F&#252;&#223;en der Dolmetscherin ab und kehrte auf die B&#252;hne zur&#252;ck.

Unser alter Freund Ibn Battuta nannte sich selbst der Reisende, erz&#228;hlte Faye. Und das mit gutem Grund, denn 1355 scheute er keine M&#252;he, den Hof des Gro&#223;en Khan zu besuchen, und dort geschah es, dass Battuta zum ersten Mal einen Bericht dessen niederschrieb, was zu einem der ber&#252;hmtesten Kunstst&#252;cke der Magie wurde - dem Seiltrick.

Mystery schleppte einen &#252;bergro&#223;en Koffer auf die B&#252;hne. Sie &#246;ffnete ihn, entnahm ihm einen kleinen Speer und langte erneut hinein, um ein zusammengerolltes Seil herauszuholen. Sie befestigte das Seil am Speerschaft und nahm anschlie&#223;end damit Aufstellung.

Manch einer hat im Laufe der Jahrhunderte versucht, das Wunder, das an jenem Abend am Hof des Khan seinen Lauf nahm, zu wiederholen, doch geschafft hat es niemand - bis auf den heutigen Tag. Auf unseren ausgedehnten Reisen haben wir die daf&#252;r notwendige Schwarze Magie erlernt und freuen uns, es Ihnen jetzt pr&#228;sentieren zu k&#246;nnen.

Mystery reichte ihr den Speer.

Faye drehte sich um und schleuderte den Speer in die Luft. Er verschwand in der Dunkelheit. Das Seil folgte, sich aus der Kiste abspulend, bis es schlie&#223;lich deutlich sichtbar in der Luft h&#228;ngen blieb.

Ein Aufst&#246;hnen ging durch die Menge.

Die Soldaten bahnten sich unsanft einen Weg durch das Gedr&#228;nge, nach einem bed&#228;chtigen und wohl &#252;berlegten Muster, das Indy &#252;ber kurz oder lang vor der B&#252;hne festnageln w&#252;rde. Faye bemerkte die sich durch die Menge schiebenden Uniformen, lie&#223; sich jedoch in ihrem Auftritt nicht beirren.

Dort oben in den Wolken lebt ein Ungeheuer, verk&#252;ndete Faye.

Es bewacht einen unermesslichen Schatz. Es hat geschworen, jeden in St&#252;cke zu rei&#223;en, der ihn zu stehlen versucht. Aber du, meine geschmeidige Gehilfin, bist dieser Aufgabe gewachsen.

Mystery sch&#252;ttelte energisch den Kopf.

Hinauf!, kommandierte sie und deutete theatralisch am Seil entlang nach oben. Mystery wollte nichts davon wissen. Faye sch&#252;ttelte den Kopf und schaute ins Publikum. Sie zeigte abermals am Seil hinauf und befahl Mystery, hinaufzuklettern.

Die Gehilfin wich zur&#252;ck.

Faye holte einen Zauberstab aus ihrem Gewand hervor und richtete ihn auf Mystery. Sie murmelte ein paar Worte, die nach K&#252;chenlatein klangen, woraufhin die Gehilfin tat, als werde sie unwiderstehlich zum Seil hingezogen. Sie kletterte in die Kiste, dann packte sie das Seil mit beiden H&#228;nden. Langsam begann sie, sich Hand &#252;ber Hand am Seil hinaufzuhangeln, wobei der Anblick, wie sie sich nach oben zog, noch zus&#228;tzlich an Dramatik gewann, weil sie beim Hochziehen ihre Beine nicht benutzte.

Eine athletische Gehilfin, murmelte Indy, als er den Kragen hochschlug und sich l&#228;ssig gegen eines der Waggonr&#228;der lehnte. Mittlerweile waren zwei der Soldaten so nahe, dass sie ihn fast ber&#252;hren konnten.

Faye zielte abermals mit ihrem Zauberstab.

Die Gehilfin verschwand inmitten eines kleinen Rauchw&#246;lkchens in der Dunkelheit. Im selben Augenblick tauchte Indy unter den Waggon, zog den Kopf ein und hielt rennend auf die andere Seite zu. Als er dort zum Vorschein kam, wartete bereits ein anderer Soldat auf ihn. Oben rief Faye nach allen Regeln der Kunst nach ihrer Gehilfin, woraufhin Mystery mit entr&#252;ckter Stimme antwortete. Dann vernahm man die Ger&#228;usche eines f&#252;rchterlichen Kampfes, man h&#246;rte Geschrei und das Zerrei&#223;en von Kleidung, und ein paar Fetzen zerlumpter gelber Seide trudelten herab. Viele der Stoff st&#252;cke wiesen verd&#228;chtig gro&#223;e Blutflecken auf, und Faye hob eines davon auf und betrachtete es traurig. Dann z&#252;ckte sie ihren Zauberstab und begann, einen Schwall von Hokuspokus aufzusagen, der an Eindringlichkeit zunahm, w&#228;hrend sie Kreise mit dem Zauberstab beschrieb.

Unter dem Waggon war es stockfinster. Indy wartete kauernd ab, was die Soldaten unternehmen w&#252;rden, als jemand gegen ihn stie&#223;. Beide fuhren erschrocken zur&#252;ck.

Wer sind Sie denn?, fragte eine M&#228;dchenstimme.

Und wer bist du?, fragte Indy.

Ich bin die Assistentin, antwortete Mystery und krabbelte an ihm vorbei. Hier unten haben Sie nichts verloren. Verschwinden Sie.

Ich verstecke mich vor den Schl&#228;gern, sagte Indy.

Hab ich gesehen, sagte Mystery, w&#228;hrend sie sich zu einer Fallt&#252;r begab, die aufgeklappt nach unten hing. Sie befand sich genau unterhalb der &#252;bergro&#223;en Kiste, aus der auch das Seil stammte. Tut mir Leid, Mister, aber ich muss die Show zu Ende bringen.

Der Hokuspokus &#252;ber ihnen endete.

Das ist mein Stichwort, sagte sie, w&#228;hrend sie an ihre Position kletterte. Viel Gl&#252;ck.

Es gab eine Explosion, den &#252;blichen Rauch, und Mystery sprang v&#246;llig wiederhergestellt aus der Kiste.

Viel Gl&#252;ck, schnaubte Indy, als die Soldaten begannen, unter den Waggon zu kriechen. Die Maskelynes waren in der Mandschurei ein voller Erfolg. Die Menge johlte, klatschte und stampfte kollektiv mit den F&#252;&#223;en. Faye fasste Mystery bei der Hand, und gemeinsam machten sie eine tiefe Verbeugung. Dann verfiel die Menge abermals in erstaunte Ohs und Ahs, als Indy aus der magischen Kiste kletterte, gefolgt von den K&#246;pfen zweier verst&#246;rt dreinblickender Soldaten.

Verzeihung, meinte Indy mit einem Blick &#252;ber seine Schulter, als er den Deckel krachend zuschlug und sich auf die Kiste setzte.

Nicht der Rede wert, erwiderte Faye &#252;ber das Gel&#228;chter der Menge hinweg. Die Leute hier haben offensichtlich Sinn f&#252;r derben Humor. Im &#220;brigen scheinen Sie zu bluten. Sind Sie schwer verletzt?

Ich werde es &#252;berleben, erwiderte Indy, der k&#228;mpfen musste, um den Deckel unten zu halten. Dann f&#252;gte er hinzu: Hoffe ich jedenfalls.

Ruhe!, schrie Leutnant Musashi von der Haube des Lastwagens. Haltet den Amerikaner. Er ist ein Verbrecher. Sie da, auf der B&#252;hne!

Meinen Sie uns?, fragte Faye.

Halten Sie ihn fest!

Was wollen Sie, dass wir tun?

Packen Sie ihn, halten Sie ihn fest.

Das k&#246;nnen wir nicht, erwiderte Faye. Er geh&#246;rt nicht zu unserer Nummer.

Dann werden Sie mit ihm zusammen im Gef&#228;ngnis sitzen, rief Musashi, w&#228;hrend sie vom Lastwagen herunterkletterte. Die Menge teilte sich f&#252;r sie und ihr erhobenes Schwert. Indy k&#228;mpfte einen aussichtslosen Kampf mit dem Kistendeckel, denn mittlerweile dr&#252;ckten f&#252;nf Soldaten von unten dagegen.

Das Seil, sagte Mystery im Fl&#252;sterton. Es h&#228;ngt an einem Draht, der an den D&#228;chern der Geb&#228;ude zu beiden Seiten befestigt ist.

Ich glaube nicht, dass ich im Stande bin zu klettern.

Sie t&#228;ten aber gut daran, es zu versuchen, erwiderte Faye l&#228;chelnd, w&#228;hrend sie sich abermals verbeugte. Mystery, warum hilfst du ihm nicht hinauf?

In die Menge l&#228;chelnd ging Mystery gem&#228;chlich zu Indy hin&#252;ber, stellte sich neben ihn auf den Kistendeckel, dann langte sie nach unten und legte das Schloss vor. Es ist ein Trick dabei, erkl&#228;rte sie. Am anderen Ende befindet sich ein Gegengewicht. Wenn ich das Kabel ausl&#246;se, werden Sie sich wie ein Vogel in die Luft erheben. Sie ergriff das Ende des Seils und befestigte es unter Indys Achseln.

Und was wird aus Ihnen beiden?

Machen Sie sich um uns keine Sorgen, sagte Mystery.

Ich werde hier bleiben und k&#228;mpfen, erbot sich Indy. Lassen Sie mich nur -

Wie viel wiegen Sie?

Hundertsiebzig Pfund, antwortete er.

Das ist Pech, meinte sie.

Wieso, fragte Indy, ist das Pech?

Weil das Seil nur f&#252;r hundertf&#252;nfzig ausgelegt ist, erwiderte Mystery und trat auf den Hebel hinter der Kiste, um das Kabel auszul&#246;sen. Indy erhob sich elegant und unerreichbar f&#252;r den Schein der Lampions in die L&#252;fte.

Schie&#223;t auf ihn!, kreischte Leutnant Musashi.

Die verwirrten Soldaten richteten ihre Gewehre in die Dunkelheit, sch&#246;ssen aber nicht. Es war kein Ziel zu sehen, und sie brachtenes nicht &#252;ber sich, wahllos in ein Wohngebiet zu feuern.

Worauf warten Sie?, fragte Musashi, als sie auf die B&#252;hne sprang. Durchsieben Sie die Luft mit Kugeln. Aber Leutnant, stammelte ein Sergeant. Wir haben kein Licht. Der Platz ist voller Menschen. Die umliegenden Geb&#228;ude sind ebenfalls bewohnt.

Sie haben zu lange gez&#246;gert, sagte Musashi mit zusammengebissenen Z&#228;hnen. Der Amerikaner hatte gen&#252;gend Zeit zu entkommen. Rufen Sie Ihre M&#228;nner zusammen und suchen Sie die D&#228;cher ab. Und, Sergeant - danach erstatten Sie mir Bericht, damit ich disziplinarische Ma&#223;nahmen ergreifen kann. Jawohl, Leutnant.

Sie dort, und Sie, rief Musashi zweien der am n&#228;chsten stehenden Soldaten zu. Verhaften Sie diese Frau und ihr abgerichtetes &#196;ffchen. Schneiden Sie ein St&#252;ck von diesem Strick ab und fesseln Sie ihnen die Handgelenke. Sie wer- l den ins Provinzgef&#228;ngnis verbracht und der Beihilfe zur Flucht eines Feindes des Kaiserreiches angeklagt. Mystery streckte ihre H&#228;nde vor den K&#246;rper, doch die Soldaten bogen sie ihr auf den R&#252;cken und banden sie mit einem drei Fu&#223; langen Seilst&#252;ck zusammen. Mystery kicherte.

Das ist viel zu locker, sagte sie. Der Strick wird von alleine abfallen. Besser, Sie ziehen die Knoten fester an. Die Dolmetscherin, die noch immer in Habt-Acht-Stellung auf einer B&#252;hnenseite stand, &#252;bersetzte. Die Soldaten machten kein Hehl aus ihrem Unglauben, banden die Knoten jedoch neu. Beide setzten eine grimmige Miene auf, als sie sie fester zurrten, und w&#228;hrend sie sich zu ihrer Kraft begl&#252;ckw&#252;nschten, schob Faye die H&#228;nde in ihre ger&#228;umigen Taschen und lie&#223; zwei Rauchbomben in jeder Hand verschwinden.

Die Soldaten gingen hin&#252;ber zu Faye, doch Mystery stie&#223; einen Pfiff aus, bevor sie sie erreicht hatten.

He, Jungs, rief sie, das schlaffe Seil in ihrer rechten Hand.

Wollt ihr es vielleicht noch mal versuchen? Ihr schafft es einfach nicht. Ich sagte doch, es w&#252;rde sich wieder l&#246;sen.

Die Soldaten murrten etwas und wandten sich w&#252;tend um zu Mystery. F&#252;r den sp&#246;ttischen Unterton in ihrer Bemerkung brauchten sie die Dolmetscherin nicht. Faye warf die Rauchbomben. Die B&#252;hne wurde in Rauch geh&#252;llt. Als er sich lichtete, waren Faye und Mystery verschwunden. Das Gleiche galt f&#252;r den Korb mit Geld, die Fotografie sowie die meisten ihrer Requisiten. Der einzige Gegenstand, den sie zur&#252;ckgelassen hatten, war der &#252;bergro&#223;e Zaubererkoffer - sowie die zwei japanischen Soldaten, die an den H&#228;nden gefesselt waren. Musashi wedelte sich den Rauch aus dem Gesicht. Dann starrte sie den Koffer an, legte einen Finger an die Lippen und schlich auf Zehenspitzen zu ihm hin. Sokais Schwert mit beiden H&#228;nden haltend, stie&#223; sie die Klinge durch den Deckel. Als sie sie herauszog, war die Klinge rot verschmiert.

Aha!, machte sie.

Sie fuhr mit dem Daumen an der Klinge entlang, dann probierte sie die rote Fl&#252;ssigkeit. Sie schmeckte s&#252;&#223;, mit einem w&#252;rzigen Beigeschmack.

Sie riss den Koffer auf. Er war leer. Das Schwert hatte eine mit Ketchup gef&#252;llte Gummiblase durchbohrt, die in einer Tasche im Kofferdeckel versteckt gewesen war, und die die Maskelynes bei ihrer Nummer mit dem menschlichen Nadelkissen verwendeten. Musashi fluchte in drei Sprachen.

Musashi und ihre Soldaten waren noch mit der Durchsuchung des Platzes und der umliegenden D&#228;cher besch&#228;ftigt, als die Maskelynes bereits eine halbe Meile entfernt an Bord eines Frachters gingen. Indy hing kraftlos zwischen ihnen, als sie sich die Laufplanke hinauf schleppten.

In welcher Stadt sind wir &#252;berhaupt?

In Luchow, antwortete Faye.

Hafenstadt, sagte Indy. Ehemals eine franz&#246;sische Kolonie.

Wenigstens in Geografie kennt er sich aus, meinte Mystery.

Nehmen Sie Abschied von Luchow, Mister, sagte Faye, als sie auf dem Deck des Frachters anlangten.

Wo fahren wir denn hin?, wollte Indy wissen.

Wollen Sie das wirklich wissen?, fragte Faye.

Allerdings, murmelte Indy. Jeder Ort ist besser als dieser hier.

Er hat eine Menge Blut verloren, sagte Faye an Mystery gewandt. Wir m&#252;ssen jemanden finden, der ihm hilft.

Der Kapit&#228;n der Divine Wind stand, die Ellbogen aufgest&#252;tzt, an der Reling und rauchte eine Zigarette. Er hatte zugesehen, wie die drei sich die Laufplanke hinaufschleppten.

Gibt es &#196;rger?, erkundigte er sich seelenruhig.

Wonach sieht das Ihrer Ansicht nach wohl aus, Snark?, versetzte Faye.

Ich hoffe, er folgt Ihnen nicht hierher, gab Snark zur&#252;ck.

Sie haben gesagt, wenn wir jemals jemanden brauchen, der uns einen Gefallen tut, k&#246;nnten wir auf Sie z&#228;hlen, sagte Faye. Also sch&#246;n, heute Abend brauchen wir jemanden. Wo steckt dieser alte S&#228;ufer, den Sie einen Schiffsarzt nennen?

Unter Deck, antwortete Snark.

Fl&#246;&#223;en Sie ihm Kaffee ein, sagte Faye. Wir brauchen ihn.

Ganz wie Sie wollen, meinte Snark. Er schnippte die Zigarette ins Wasser. Dann l&#228;chelte er. Ach, &#252;brigens. W&#228;hrend der Fahrt ist Rauchen an Bord nicht gestattet.

Das hatte ich auch nicht vor, versetzte Faye.

Sie kennen diesen Kerl? , fragte Indy mit schwerer Zunge.

Leider, sagte Faye. Es ist eine lange Geschichte, aber Snark hat mich bei einem Kartenspiel in Taipeh gewonnen. Mystery war mit Geben an der Reihe, und sie sollte mir das Siegerblatt zuschieben. Aber an dem Abend hatte sie Schwierigkeiten mit dem Mithalten.

Mutter, flehte Mystery.

Snark ist ein Verbrecher, aber die Geschichte nahm ein gutes Ende, erkl&#228;rte Faye. Wir haben zwei Wochen damit verbracht, ihm s&#228;mtliche bekannten Kartentricks beizubringen, und er hat zwei Wochen damit zugebracht, uns zu erkl&#228;ren, welche Beamten in welchen St&#228;dten geschmiert werden m&#252;ssen, wenn wir nach Kaspar suchen wollen.

&#196;rger mit der Armee?, fragte Snark.

Der Mann ist aus dem Gef&#228;ngnis geflohen.

Dann ist er jetzt Matrose, erkl&#228;rte Snark. Ein Australier mit Namen Smith. Wurde bei einer Kneipenschl&#228;gerei im Orchid verletzt.

Wann legen Sie ab?, erkundigte sich Faye.

Mit der Flut, sagte er und sah auf seine Uhr. In gut zwei Stunden. 

K&#246;nnen wir nicht sofort auslaufen?

Nein, sagte er. Wir haben unsere Papiere bereits beim Hafenmeister abgegeben. Das w&#252;rde zu viel Aufmerksamkeit erregen. Au&#223;erdem brauchen wir die Flut, um &#252;ber die Felsen dort drau&#223;en wegzukommen. Wir liegen zu tief im Wasser. 

Na sch&#246;n, meinte Faye.

Willkommen an Bord, sagte Snark. Schaffen Sie den Amerikaner ins Lazarett, ich werde inzwischen daf&#252;r sorgen, dass unser Knochenklempner Sie dort in Empfang nimmt. Au&#223;erdem werde ich die Mannschaft veranlassen, Ihnen Ihre alte Kabine herzurichten. In Ordnung, sagte Faye.

Indy erwachte und gewahrte den Geruch von Antiseptikum und Gin. Der Arzt, ein Besorgnis erregend hagerer Neuseel&#228;nder mit einer Halbliterflasche Gordon's Dry Gin in der Tasche seines schmuddeligen wei&#223;en Kittels, war soeben mit dem Vern&#228;hen der Wunde fertig.

Ah, Sie sind wach, sagte der Arzt, als er Indys Lidflattern bemerkte. Tut mir Leid, aber wir hatten kein richtiges Narkotikum. Ich musste unbedingt die Blutung stillen. Die Kugel ist glatt durchgeschlagen, aber sie hat vorne, wo sie unterhalb Ihres Schl&#252;sselbeins ausgetreten ist, ein h&#228;ssliches Loch gerissen.

Sie k&#246;nnen von Gl&#252;ck reden, dass Sie &#252;berlebt haben, mein Freund.

Indy st&#246;hnte.

Oh, ich wette, es tut weh.

Die Frau, murmelte Indy. Das M&#228;dchen.

Sie befinden sich sicher an Bord, erwiderte der Arzt. Er band den Knoten ab, dann bewunderte er sein Werk und nahm einen ordentlichen Schluck Gin. Das hei&#223;t, so sicher, wie dies unter dem Kommando von Kapit&#228;n Snark m&#246;glich ist.

Sind wir auf See?

Wir liegen noch im Hafen, sagte der Arzt.

Wie lautet unser Bestimmungsort?

Das wissen Sie nicht?, fragte der Arzt und l&#228;chelte, was den Blick auf einen Mund voller vernachl&#228;ssigter Z&#228;hne freigab.

Japan.

Nein -

Der Arzt half Indy auf und ging daran, ihm Brust und Schulter mit einer Bandage zu umwickeln.

Wir m&#252;ssen von diesem Schiff runter, sagte Indy.

Mein Freund, erwiderte der Arzt, wem sagen Sie das?

Indy verzog das Gesicht.

Ich muss gehen, meinte Indy. Die Magierin und ihre Tochter sind in Sicherheit. Ich habe noch andere Dinge zu erledigen. Aber ich bin so ... m&#252;de.

Das ist der Blutverlust, mein Freund.

Vielleicht ruhe ich mich hier einfach ein paar Minuten aus, sagte Indy. Sie wissen schon, um meine Kr&#228;fte zu sammeln. Wecken Sie mich rechtzeitig, damit ich von Bord gehen kann.

An der T&#252;r des Lazaretts klopfte es.

Herein, rief der Arzt. Dann, an Indy gewandt: Ganz ruhig.

Faye und Mystery kamen herein. Faye war mit einem schwarzen, von einer roten Sch&#228;rpe zusammengehaltenen Morgenmantel bekleidet, Mystery dagegen trug die dunkelblaue Uniform mitsamt Kappe der japanischen Handelsmarine.

Wie geht es ihm?, erkundigte sich Mystery.

Gar nicht mal so schlecht, erwiderte der Arzt, f&#252;r einen Vierundsechzigj&#228;hrigen.

Ich werde dieses Jahr f&#252;nfunddrei&#223;ig, sagte Indy.

Das ist etwas anderes, meinte der Arzt. Er wird es &#252;berleben, aber Sie m&#252;ssen bedenken, mit welchem Material ich arbeiten musste. Der Knabe hat mehr L&#246;cher als ein Fliegengitter.

Vielen Dank, Albert Schweitzer.

Wer?

Schon gut, sagte Indy.

Der Arzt zuckte die Achseln und packte seine Instrumente zusammen.

Dieses Schiff nimmt Kurs auf Japan, sagte Indy. Ich gehe von Bord, sobald ich ein wenig verschnauft habe. Sie m&#252;ssen ebenfalls von Bord.

Das werden wir auch, sagte Faye. Bei der erstbesten Gelegenheit. Aber f&#252;rs Erste m&#252;ssen wir bleiben, wo wir sind. In einer Stunde ist Hochwasser, laut Fahrplan ist das der Zeitpunkt, an dem wir auslaufen m&#252;ssen.

Das ist mein Stichwort mich zu verabschieden, sagte Indy und rappelte sich hoch. Dann hielt er inne. Wie sind Sie denn angezogen, f&#252;r eine Halloween-Party?

Sie meinen die Kleider?, fragte Faye. Wir hielten es f&#252;r besser, uns umzuziehen. Die einzigen Frauen, die man normalerweise an Bord eines Frachters wie diesem antrifft, sind entf&#252;hrt worden und werden zur Prostitution gezwungen. Man hat sie zu tausenden in ganz Asien geraubt, aus allen Nationalit&#228;ten.

Und deine Geschichte?, fragte Indy an Mystery gewandt.

Ich verkleide mich immer als Junge, sagte sie.

Das ist sicherer, erl&#228;uterte Faye. Wenigstens solange sie die Figur hat, um damit durchzukommen.

Indy nickte.

Kommen Sie, sagte Faye und half Indy vom Tisch herunter. In Luchow wollen Sie ganz sicher nicht wieder an Land. Verfrachten wir Sie in eine Koje, damit Sie sich ausruhen k&#246;nnen. Ich wecke Sie, falls etwas passiert.

Indy hatte gerade die Augen zugemacht, als die Kabinent&#252;r aufflog und dahinter ein Bajonett und schlie&#223;lich ein Gewehr mit einem japanischen Soldaten am anderen Ende folgte. Der Soldat sagte laut und schnell etwas auf Japanisch und machte schnelle, sto&#223;ende Bewegungen mit seinem Bajonett. Indy hatte keine Ahnung, was er sagte, es war jedoch klar, dass Indy sich von der Koje erheben sollte.

Indy schwang die Beine &#252;ber den Kojenrand, dabei wurde ihm jedoch so schwindelig, dass er ihnen augenblicklich auf den Fu&#223;boden folgte. In der T&#252;r erschien der Arzt, schob sich an dem Soldaten vorbei und half Indy zur&#252;ck auf die Koje.

Gluck, gluck, machte der Arzt und mimte das Ansetzen einer Flasche. Der Soldat lachte.

Hinter dem Soldaten erschien ein Sergeant, und der war alles andere als am&#252;siert. Er fragte den Arzt, was mit dem Amerikaner nicht stimme, woraufhin ihm der Arzt in einem von einem neuseel&#228;ndischen Akzent verunstalteten Japanisch erkl&#228;rte, dass es sich bei dem Seemann um einen Australier handele, der sich am Abend besinnungslos betrunken habe, t&#246;richterweise in eine Messerstecherei mit einem dreihundert Pfund schweren Malaien geraten sei und dabei den K&#252;rzeren gezogen habe.

Der Sergeant spie aus.

F&#252;r mich sehen alle gaijin gleich aus, sagte er, sich die Hosen hochziehend. Ihre F&#252;&#223;e sind zu gro&#223; und ihre Stimmen zu laut, au&#223;erdem stinken sie alle nach verfaultem Hamburger. Wir haben Befehl, s&#228;mtliche Schiffe, die heute Abend den Hafen verlassen, nach einem gro&#223;en, h&#228;sslichen Amerikaner mit einer Schusswunde sowie einer Magierin und ihrer &#228;ffischen Gehilfin abzusuchen.

Das ist eine Messer-, keine Schusswunde, stellte der Arzt richtig. Und sein Name lautet Smith. Im &#220;brigen war ich dabei, als der Streit im Orchid anfing. W&#228;re ich nicht dort gewesen, h&#228;tte er mich heute Morgen nicht mehr zum Teufel w&#252;nschen k&#246;nnen.

Der Sergeant langte unter Indys aufgekn&#246;pftes Hemd und wollte gerade den Verband anheben, als ein anderer Soldat Faye durch den Gang ins Zimmer schleppte. Kapit&#228;n Snark folgte ihnen dichtauf.

Bringen Sie sie hierher zur&#252;ck, kommandierte Snark. Nein, kreischte Faye. Dieser Pirat hat mich entf&#252;hrt und will mich als Prostituierte verk -

Der Sergeant verpasste Faye einen Schlag mit dem Handr&#252;cken, so fest, dass ihre Unterlippe aufplatzte. Einen Augenblick lang wankte sie, der seidene Morgenrock begann, von ihren Schultern zu gleiten, und Indy dachte, sie w&#252;rde ohnm&#228;chtig werden. Dann fing sie sich, wischte sich das Blut vom Mund und bedachte den Sergeant mit einem kalten L&#228;cheln. Ich hatte gehofft, Sie w&#228;ren gekommen, um mich zu retten, sagte sie.

Bitte den Mund halten, sagte er in schwerf&#228;lligem Englisch. Du gibst eine gute Hure ab. Ich nehme dich nicht mit. Domo arrigato, bedankte sich Snark und bedachte den Sergeant mit einer leichten, kaum merklichen Verbeugung. Der Sergeant packte Indys Unterkiefer mit seiner muskul&#246;sen Hand und drehte sein Kinn erst nach links, dann nach rechts und nahm dabei die Platzwunden und blauen Flecken in Augenschein. Indy vermied es, ihm in seine Schweinsaugen zu sehen, der stinkende Atem des Sergeants blieb ihm jedoch nicht erspart. Dies ist nicht der gaijin, den wir suchen, stellte der Sergeant auf Japanisch fest. Der hier stinkt nach Gin und ist offensichtlich zu bl&#246;de, um aus dem Provinzgef&#228;ngnis geflohen zu sein. Dann stie&#223; er Indy zur&#252;ck auf die Koje, wandte sich zur T&#252;r und befahl den Soldaten mit einem Wink, ihm zu folgen. Pl&#246;tzlich blieb er stehen, packte Faye um die H&#252;fte und zog sie grob an seinen K&#246;rper. Er gab ihr einen &#252;bertriebenen KUSS auf den Mund, dann lie&#223; er sie los und versetzte ihr einen Klaps auf den Hintern. Indy war aus der Koje und halb durch die Kabine, als der

Arzt ihn zu fassen bekam. Der Streit ist es nicht wert, daf&#252;r zu sterben, mein Freund, raunte ihm der Arzt zu, w&#228;hrend sich ihre Schritte durch den Korridor entfernten. Lassen Sie sie ziehen. W&#228;hrend der Junge in irgendeinem Sch&#252;tzengraben durch die Hand eines blutr&#252;nstigen chinesischen Warlords krepiert oder an einer Syphilis erblindet, weil er sich zu oft an einem von seinen Kameraden l&#228;ngst vergifteten Brunnen gelabt hat, werden wir auf sein lausiges Andenken im International Hotel in Tokio einen heben. Kennen Sie das Hotel? Allerdings, antwortete Indy.

Gegen&#252;ber liegt das von einer wei&#223;en Mauer umgebene Schloss des Kaisers, meinte der Arzt. Enten und G&#228;nse, die friedlich im Wassergraben schwimmen. Selten, ganz selten, kann man einen Blick auf Hirohito pers&#246;nlich erhaschen, einen kleinen Mann in Frack und Zylinder, der meiner Meinung nach lieber G&#228;rtner w&#228;re. F&#252;r einen lebenden Gott nicht gerade &#252;bertrieben ehrgeizig, was?

Indy blickte den Arzt bewundernd an f&#252;r seine F&#228;higkeit, mit seiner Stimme zu beschwichtigen und selbst inmitten des Chaos noch f&#252;r das Sch&#246;ne empf&#228;nglich zu sein. &#220;berrascht? Ich war nicht immer ein Wrack mit schlechten Z&#228;hnen und blaus&#252;chtiger Haut, fuhr er fort, w&#228;hrend er sich Faye zuwandte und ihre blutende Lippe untersuchte. Ich habe eine ganze Reihe von Karrieren hinter mir - als Journalist, Anwalt, Arzt: Naja, eigentlich war ich nie wirklich Arzt, aber in diesen Breiten gehe ich als einer durch. Gew&#246;hnlich habe ich an der Bar des International Hotel gehockt, Sake aus diesen kleinen Porzellantassen getrunken, mich zu meiner Kultiviertheit begl&#252;ckw&#252;nscht und zugesehen, wie die Welt vor&#252;berglitt. Ein wenig wie der Kaiser. Wie das?

Japan ist ein so verdammt kultiviertes Land, und sehen Sie sich an, in welch armseligen H&#228;nden es sich derzeit befindet. Aber das haben wir uns selber eingebrockt, oder nicht?

Wissen Sie, die Japaner haben bereits einmal auf Schusswaffen verzichtet, nachdem die Portugiesen sie vor vierhundert Jahren mitgebracht hatten. Trotzdem ist es Nippon gelungen, ebenso modern und blutr&#252;nstig zu werden wie wir anderen. Die Welt befindet sich wieder einmal im Kriegszustand, nur wissen die meisten Menschen noch nichts davon - hier hat es vor zwei Jahren angefangen, und kein Mensch schert sich darum. Nun, das wird sich &#228;ndern, mein Freund.

Er nahm ein paar Tupfer und ein Antiseptikum aus seiner &#196;rztetasche.

Das wird ein bisschen wehtun, an Ihrer Stelle w&#252;rde ich es aber nicht darauf ankommen lassen, wo dieser Rohling seine Finger heute schon gehabt hat, sagte er, w&#228;hrend er Fayes Lippe abtupfte.

Was ist mit Ihnen passiert?, fragte Indy.

Ich bin aus meinem Traum aufgewacht, erwiderte er. Und habe es nicht ausgehalten. Ich wusste, was auf mich zukommt, schlie&#223;lich habe ich das Gesch&#228;ft, wie man Menschen wieder zusammenflickt, w&#228;hrend des Weltkrieges als Sanit&#228;ter gelernt. Also fing ich an zu trinken, und jetzt verbringe ich meine Zeit damit, so zu tun, als praktizierte ich Medizin auf einem rostigen Eimer mit einem japanischen Schmuggler als Kapit&#228;n. Und k&#252;mmere mich um Kriegswaisen in der Mandschurei, w&#228;hrend Snark unterwegs ist und alles an illegaler Fracht an Land zieht, was er nur auf treiben kann.

Sie tun nur so?, fragte Indy, seine Wunde bef&#252;hlend. Das sagen Sie mir jetzt.

Naja, das meiste ist mir wieder eingefallen, gestand er, w&#228;hrend er mit dem Verarzten von Fayes Unterlippe zum Ende kam, die inzwischen fleckig war von Jod.

Wie hei&#223;en Sie?, wollte Indy wissen.

Bryce. Er schien ein wenig zu wachsen, als er den Namen aussprach. Montgomery Bryce, Oxford, Jahrgang 1923.

Jones, erwiderte Indy und reichte ihm die Hand.

Sie sch&#252;ttelten einander die H&#228;nde.

Ja, ich wei&#223;, sagte Bryce. Ich habe Ihr Foto in der Zeitung gesehen. Bis er offiziell vorgestellt worden ist, enth&#228;lt sich ein

Gentleman jedoch jeglichen Kommentars.

Dann gab es einen Ruck, und Bryce l&#228;chelte, w&#228;hrend er sich am Schott abst&#252;tzte. Aha, wie haben die Leinen losgemacht. Die Schlepper ziehen uns aus dem Hafen. Bald werden wir dieses stinkende St&#252;ck Land hinter uns gelassen haben.

Was hat Snark auf dieser Fahrt geladen?

So etwas vertraut er mir nicht an, meinte Bryce.

Er kniete auf dem Fu&#223;boden, schloss seine Tasche, dann sah er Indy mit einem Blick an, aus dem eine unaussprechliche Mischung aus Entsetzen und Schuldgef&#252;hl sprach.

Wissen Sie, Jones, was ich eben sagte, entspricht durchaus der Wahrheit, meinte er. Trotzdem ist es nicht die ganze Geschichte. W&#228;hrend ich vorgab, nicht zu sehen, wie die Mandschurei vergewaltigt wurde, verliebte ich mich in die Konkubine eines armseligen Warlords, der mit der kaiserlich japanischen Armee kollaborierte. Der Name des M&#228;dchens war Si Huang, sie war siebzehn und das zarteste Gesch&#246;pf, das mir je begegnet ist. Das Ehrgef&#252;hl verbot ihr jedoch, ihren angestammten Platz im Leben aufzugeben; sie weigerte sich, mit mir an einen sicheren Ort zu fliehen. Der Warlord kam nat&#252;rlichdahinter. Wissen Sie, was er getan hat?

Indy schloss die Augen.

Er hat sie umgebracht. Er hat ihr das Herz herausgeschnitten, es gekocht und unter das Schweinefleischcurry mischen lassen, das ich an jenem Abend gegessen habe.

Der Arzt l&#228;chelte ein L&#228;cheln, das nicht die geringste Freude ausstrahlte.

Seitdem habe ich keinen Bissen Fleisch mehr gegessen, sagte er und lie&#223; seine Tasche zuschnappen. Und abends, kurz bevor ich einnicke - das hei&#223;t, wenn ich n&#252;chtern bin -, weht mir ein kleiner Hauch von Curry zu, dicht gefolgt von den Schrecken der Nacht.

Die Kamikaze Maru - die Divine Wind - war seit nahezu zehn Stunden auf hoher See, als die beiden Kawasaki-Ki-10-Doppeldecker &#252;ber ihrem Kielwasser am Horizont auftauchten. Indy hatte das Dr&#246;hnen der gro&#223;en Sternmotoren geh&#246;rt und sofort gewusst, dass sie nichts als &#196;rger bedeuten konnten. Er hatte in seinen Kleidern geschlafen, sodass er, um sich fertig anzuziehen, auf dem Weg aus seiner Kabine nur Hut und Jacke zu greifen brauchte. Mittlerweile d&#228;mmerte es, und die aufgehende Sonne &#252;berzog den &#246;stlichen Himmel mit einem Hauch von Bronze.

Als Indy auf der Br&#252;cke eintraf, &#252;berflogen die Doppeldecker das Schiff bereits in geringer H&#246;he.

Snark stand an Deck und verfolgte durch einen Feldstecher, wie die Flugzeuge abdrehten und sich auf einen weiteren &#220;berflug vorbereiteten. Faye, Mystery und Bryce waren ebenfalls anwesend.

Auch ohne Feldstecher konnte Indy auf beiden Tragfl&#228;chen deutlich die hinamaru - die rot aufgehende Sonne des japanischen Kaiserreiches erkennen.

Dr. Jones, sagte Snark. Sie scheinen mehr &#196;rger zu machen, als Sie wert sind. Jemand muss dahinter gekommen sein, welches Schiff das Ungl&#252;ck hatte, Sie an Bord zu nehmen. Gibt es zu Hause irgendjemanden, der einen stattlichen Betrag daf&#252;r zahlen w&#252;rde, Sie gesund und wohlbehalten wieder zu bekommen?

Nein, es sei denn, mein Freund Marcus Brody findet eine M&#246;glichkeit, ein Museumsexponat aus mir zu machen.

Das ist Pech, meinte Snark. Diese Doppeldecker sind zu weit drau&#223;en &#252;ber dem Meer, um in die Mandschurei zur&#252;ckzukehren. Auf dem Wasser k&#246;nnen sie nicht landen, und sie d&#252;rften kaum genug Treibstoff haben, um das japanische Festland zu erreichen. Statt eines zus&#228;tzlichen Treibstofftanks haben sie n&#228;mlich beide ein Torpedo unter ihrem Rumpf.

Snark reichte Indy den Feldstecher.

K&#246;nnen Sie Verbindung mit ihnen aufnehmen?, fragte Faye.

Und vielleicht verhandeln?

An Bord der Divine Wind gibt es kein Funkger&#228;t, sagte Snark.

Ich dachte, nach dem was 1912 passiert ist -, setzte Faye an.

Das ist Ihre Welt, unterbrach Snark sie ungehalten. F&#252;r uns hatte die Titanic keine sonderliche Bedeutung. Zur Verst&#228;ndigung benutzen wir anstelle von Funk Signalpistolen, Flaggen oder Notsignale. Leider l&#228;sst dies unter den gegebenen Umst&#228;nden keinen gegenseitigen Informationsaustausch zu.

Ich glaube, sie sind bereit, uns eine Nachricht zu schicken, sagte Indy, w&#228;hrend er durch den Feldstecher verfolgte, wie die Doppeldecker sich &#252;ber dem Heck der Divine Wind zum Angriff formierten. Bei f&#252;nfundsiebzig Metern l&#246;ste sich der Torpedo vom Rumpf der vorausfliegenden Maschine.

Der mechanische Hai hinterlie&#223; eine Blasenspur, als er durch das gr&#252;ne Wasser auf sie zugeschossen kam. Snark lie&#223; das Schiff hart nach Backbord abdrehen, dann blaffte er Kommandos durch das Sprachrohr, man solle den Maschinenraum r&#228;umen und die hinteren Schotten dicht machen.

Sie versuchen, uns zu versenken, platzte Faye heraus.

Das nicht, widersprach Snark. Aber gelingen k&#246;nnte es ihnen trotzdem. Sie wollen uns man&#246;vrierunf&#228;hig machen, das Ruder und die Schrauben der alten Dame besch&#228;digen und auf diese Weise verhindern, dass wir ihnen entkommen. H&#228;tten sie uns versenken wollen, h&#228;tten sie uns mit beiden Torpedos mittschiffs angegriffen. Aber sie wissen nicht, was wir in den Achterfrachtr&#228;umen geladen haben. Bereitmachen f&#252;r Einschlag, kommandierte Snark. Dann schloss er die Augen.

Der Torpedo schlug leicht seitlich ein, ein ged&#228;mpfter Schlag, der das Heck mit Gischt &#252;berspr&#252;hte und ein widerw&#228;rtiges Zittern durch den Rumpf schickte. Snark &#246;ffnete die Augen.

Na, das war ja nicht allzu schlimm, meinte Faye nach einem kurzen Augenblick.

Es ist noch nicht vorbei, sagte Snark, w&#228;hrend er das Ruder ausprobierte. Es klemmte hart Backbord. Eine Schraube dreht sich noch, aber jetzt k&#246;nnen wir nichts weiter tun, als im Kreis herumzufahren.

Was genau haben wir eigentlich geladen?, wollte Indy wissen. Chinesisches Feuerwerk, antwortete Snark. Feuerwerk?, fragte Indy ungl&#228;ubig. Und Sie bezeichnen sich als Schmuggler?

Das Zeug ist illegal, brachte Snark zu seiner Verteidigung hervor. Au&#223;erdem wissen Sie, dass man bei manchen von den Dingern leicht einen Finger verlieren kann. Schwarzer Rauch brach aus dem Heck hervor. Der erste Maat drehte die Kurbel einer uralten Handsirene, um die Feuerwachen zu benachrichtigen, und das halbe Dutzend M&#228;nner der Besatzung, die sich noch unten aufhielten, erschien an Deck. Einer von ihnen m&#252;hte sich mit einem BrowningAutomatikgewehr ab.

Gib das mir, sagte Snark und riss ihm die BAR aus der Hand. Willste einen Krieg gegen die gesamte kaiserliche Armee vom Zaun brechen?

Ein &#246;lverschmierter Mechaniker kam auf die Br&#252;cke gest&#252;rzt. Jemand verletzt?, erkundigte sich Snark. Nein, Captain, antwortete er auf Japanisch. Dann mach, dass du runterkommst und l&#246;sch das Feuer, fuhr er ihn an.

Das k&#246;nnen wir nicht, Sir, erwiderte der Mechaniker. Der Maschinenraum wird gerade &#252;berschwemmt, und oben auf dem Wasser brennt der Dieseltreibstoff. Ist der Achterladeraum gesichert? Ja, Sir, antwortete der Mechaniker. Glaube ich wenigstens. Das Heulen einer Rakete und das maschinengewehr&#228;hnliche Knattern von Feuerwerksk&#246;rpern machte seiner Unentschlossenheit ein Ende. Nein, Sir, offensichtlich doch nicht. Verdammt, entfuhr es Snark.

Die Ki-10, die den Torpedo abgeworfen hatte, war zur&#252;ckgekehrt, um den Schaden zu begutachten, und flog jetzt langsam im Tiefflug &#252;ber die Divine Wind hinweg - was in diesem Augenblick f&#252;r sie genau der falsche Punkt am Himmel war. Eine Kiste mit Feuerwerksk&#246;rpern explodierte, h&#252;llte das Heck in eine Feuerwolke aus Rot und Gr&#252;n und bombardierte die Tragfl&#228;chen der Ki-10 mit hunderten lichterloh brennender schrotgro&#223;er Kugeln. Die untere Tragfl&#228;che kokelte d&#252;ster ein paar Augenblicke vor sich hin, dann brach sie in Flammen aus. Er wird notlanden m&#252;ssen, stellte Indy fest. Snark fluchte ausgiebig auf Japanisch. Wir haben eine Maschine des Kaisers abgeschossen, murmelte er an Indy gewandt auf Englisch. Mit geschmuggelten chinesischen Feuerwerksk&#246;rpern, w&#228;hrend wir drei westlichen Fl&#252;chtlingen Unterschlupf gew&#228;hren.

Gratuliere, meinte Indy. Sie werden es in der Welt noch zu was bringen.

Der Pilot der Ki-10 man&#246;vrierte das aktionsunf&#228;hige Flugzeug geschickt Richtung offenes Meer. Zweihundert Meter Steuerbord vor dem Bug des sinkenden Frachters prallte es auf die Wasseroberfl&#228;che, kippte inmitten einer gewaltigen Gischt auf die Schnauze, um sich dann schwerf&#228;llig wieder zu senken. Ruhig erteilte Snark dem ersten Maat den Befehl zum Verlassen des Schiffes.

Wie viel Zeit bleibt uns noch?, fragte Indy.

Zwanzig Minuten, sagte Snark. Im g&#252;nstigsten Fall eine halbe Stunde. Das Wasser wird die Feuerwerksk&#246;rper nicht l&#246;schen - sie sind mit chemischem Brennstoff versehen und werden ein Loch durch die Unterseite unseres Rumpfes brennen. Dann werden vier Lader&#228;ume &#252;berschwemmt sein, und das ist einer zu viel, um uns &#252;ber Wasser zuhalten.

Sollten wir uns nicht um den Piloten k&#252;mmern?, fragte Indy.

Der wird fr&#252;h genug absaufen, meinte Snark, dann l&#228;chelte er.

Komisch, aber das alte M&#228;dchen hatte den letzten Lacher auf seiner Seite, oder?

Nein, ich meinte, um ihn zu bergen.

Keine dumme Idee, sagte Snark. Er deutete mit einem Nicken auf den noch in der Luft befindlichen Doppeldecker. Machen wir ordentlich Wind darum, vielleicht rettet mir das den Hals, falls ich je nach Hause, nach Nagasaki, zur&#252;ckkehren sollte. Mr. Bryce, nehmen Sie eines der Boote und fischen Sie den Auserw&#228;hlten des Kaisers aus dem Meer.

Ich werde Sie begleiten, bot Indy an.

Aber beeilen Sie sich, rief Snark. Wie es scheint, hat sich die Mannschaft bereits die beiden anderen Boote unter den Nagel gerissen. Die anderen fahren ebenfalls mit. Als Kapit&#228;n geh&#246;rt es sich, dass ich als Letzter von Bord gehe. Holen Sie Ihre Sachen, Faye, sagte Indy. Faye nickte. Mystery machte Anstalten, ihr zur Kabine zu folgen, aber Faye stie&#223; sie zur&#252;ck. Hilf ihnen, das Boot zu Wasser zu lassen, sagte sie.

Nimm nur das Foto mit, rief Mystery. Und meine Tasche mit dem gesamten Repertoire.

Lassen Sie sich von Snark nicht in die Irre f&#252;hren, riet Bryce Indy, als sie das Rettungsboot von den Blocks des Flaschenzugs l&#246;sten. Er hat keinen Funken Ehre - er will blo&#223; sichergehen, dass er den Safe in seiner Kabine ausr&#228;umt, bevor ihm der erste Maat zuvorkommt.

Hat er denn so viel zu verlieren?, fragte Mystery. Viel nicht gerade, meinte Bryce. Jedenfalls nicht nach unseren Ma&#223;st&#228;ben. Ein paar hundert Dollar, den Gegenwert eines Neuwagens in den Staaten. Aber da das Schiff hin ist, ist es alles, was er noch hat.

Sie warfen ein brandneues Netz &#252;ber die Bordwand, und als Faye an die Reling zur&#252;ckkehrte, kletterten sie hinunter in das sechzehn Fu&#223; lange Beiboot. Indy japste vor Schmerzen, als sie endlich die Ruder im Wasser hatten.

&#220;berlassen Sie das mir, sagte Mystery und nahm Indys Platz am Ruder ein. Gehen Sie in den Bug und halten Sie nach dem Piloten Ausschau.

Wir haben Gl&#252;ck, meinte Bryce. Die See ist ruhig heute Morgen.

Dann zuckten sie alle zusammen, als eine weitere Feuerwerkssalve aus dem Frachtraum hervorbrach und heulend in den fr&#252;hmorgendlichen Himmel stieg. Gl&#252;ck, meinte Indy, ist ein relativer Begriff. Sie ruderten auf die &#214;lschicht zu, die die Absturzstelle des Flugzeugs markierte. Die Pilotin trat entschlossen Wasser und konnte gerade eben den Mund &#252;ber Wasser halten.

Indy lachte, als er den seidigen Sch&#246;pf schwarzen Haars erblickte, der um ihren Kopf auf dem Wasser trieb.

Leutnant Musashi, rief Indy. Wieso &#252;berrascht mich das nicht?

Musashi blaffte auf Japanisch eine &#228;tzende Erwiderung, dann schluckte sie Wasser. Sie hustete und spuckte, und ihr Kopf tauchte einmal kurz unter, bevor sie weitersprechen konnte. Sie war offensichtlich m&#252;de und der Ersch&#246;pfung nahe, trotzdem brachte sie es fertig, auf Englisch hinzuzusetzen: Jones, Sie sind verhaftet.

Das Gebaren kam Mystery vertraut vor.

Ist das etwa die Verr&#252;ckte, die auf dem Platz hinter Ihnen her war?

Ich f&#252;rchte, ja, sagte Indy.

Bryce verlie&#223; seinen Platz, um Indy zu helfen, sie an Bord zu hieven.

Machen Sie schon, sagte er und streckte ihr den Riemen entgegen. Benehmen Sie sich wie eine gute Kaisertreue und klettern Sie an Bord.

&#220;ber ihnen kreiste der einsame Doppeldecker.

Fahren Sie zur H&#246;lle, spie Musashi und schluckte noch mehr Wasser.

Machen Sie keine Schwierigkeiten, schimpfte Indy. Sie werden sich noch selbst ers&#228;ufen, wenn Sie nicht Acht geben. Wissen Sie, es w&#228;re unser gutes Recht, Sie hier drau&#223;en zur&#252;ckzulassen.

Musashi sch&#252;ttelte den Kopf.

Also sch&#246;n, meinte Bryce. Wir sind alle verdammt noch mal verhaftet. Jetzt klettern Sie ins Boot und zwar so, dass Ihr blutr&#252;nstiger Kollege da oben das auch mitbekommt.

Musashi ging erneut unter, bekam jedoch mit letzter Kraft das Ruderblatt zu fassen. Bryce zog sie zum Boot, und Indy langte mit seinem unverletzten Arm nach unten, packte den pelzbesetzten Kragen ihrer Fliegerjacke und wuchtete sie &#252;ber das Schandeck.

Sie wiegt in diesem Ding ja eine Tonne, st&#246;hnte Indy.

Bryce schwenkte das Ruder in der Luft.

Der Doppeldecker wackelte als Antwort mit den Fl&#252;geln und entfernte sich in s&#252;d&#246;stlicher Richtung. Dann warf Bryce das Ruder fort und steckte Musashi den Finger in den Mund, um sich zu vergewissern, dass sie ihre Zunge nicht verschluckt hatte.

Atmet sie?, erkundigte sich Indy.

Ich denke schon, sagte Bryce, w&#228;hrend er ihren Kopf &#252;ber die Reling legte und ihr auf den R&#252;cken klopfte. Meerwasser sprudelte ihr aus Nase und Mund. Als Bryce sie wieder herumdrehte, versuchte sie, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen, doch daf&#252;r fehlte ihr die Kraft.

Helfen Sie mir, sie nach Waffen zu durchsuchen, sagte Indy.

Machen Sie Witze?, fragte Bryce. Sie ist fast ein Kind.

Dieses >Kind< ist die Person, die mir ein Loch in die Schulter geschossen und unser Schiff versenkt hat, erwiderte Indy. Er &#246;ffnete den Rei&#223;verschluss ihrer Fliegerjacke, dann hielt er inne.

Ah, Mystery. W&#252;rde es dir etwas ausmachen?, fragte er.

Ganz und gar nicht, meinte Mystery, w&#228;hrend sie vortrat und sich daranmachte, die fremden Taschen gr&#252;ndlich zu durchsuchen. Da h&#228;tten wir einen Dosen&#246;ffner, einen Kompass und etwas Kleingeld. Sie gab Indy die Gegenst&#228;nde und vergrub ihre Hand in der n&#228;chsten Tasche.

Volltreffer, sagte sie und zog eine Automatik Kaliber 25 hervor.

Bryce nahm die Waffe an sich und lie&#223; sie in seine Tasche gleiten.

Such weiter, sagte Indy.

Papiere, meinte sie. Sieht aus wie ein Pass und irgendwelche anderen offiziell aussehenden Dokumente. Hier, sehen Sie mal das rote Band. Ist das nicht h&#252;bsch?

Mach weiter.

Also gut, erwiderte Mystery und f&#252;hlte Musashis Hosenbeine bis zum Oberrand ihrer Stiefel ab. Oh, Sie hatten Recht. Was f&#252;r ein t&#252;ckisch aussehendes kleines Messer.

Indy untersuchte das Springmesser und warf es anschlie&#223;end &#252;ber Bord. Als sie zur&#252;ckkehrten, um Snark zu holen, hatte die &#252;brige Mannschaft bereits das Weite gesucht, und der Rumpf neigte sich auf alarmierende Weise zum Heck. Snark stand beil&#228;ufig da, rauchte eine Zigarette, einen Seesack &#252;ber seine Schulter geh&#228;ngt.

Er warf den Seesack ins Boot.

Was hat Sie so lange aufgehalten?, fragte er, als er von seinem Platz an Deck ins Rettungsboot trat.

Es war nicht ganz einfach, sagte Indy.

Wenn die Wind abs&#228;uft, wird uns der Sog mit nach unten ziehen, meinte Snark, w&#228;hrend er die Ruderpinne &#252;bernahm.

Wir t&#228;ten gut daran, etwas Wasser zwischen uns und sie zu bringen.

Obwohl die Kamikaze Maru im Japanischen Meer unterging, schaffte es das Wasser nicht, das Feuer zu l&#246;schen, das sich durch ihren Bauch gefressen hatte. Selbst als das Schiff l&#228;ngst auf Grund lag, schwelte es noch weiter und markierte seine letzte Ruhest&#228;tte mit einem Hexenkessel aus Rauch und Blasen.



KAPITEL VIER

TyFung


Die Schiffe, gro&#223; und klein, die den Schiffbr&#252;chigen zu Hilfe eilten, tauchten scheinbar aus dem Nichts auf, herbeigerufen von den ungeschriebenen Gesetzen des Meeres und dem Feuerwerk &#252;ber dem Grab der Divine Wind. Die Mannschaft willigte ein, sich von einem Walf&#228;nger zur&#252;ck nach Japan mitnehmen zu lassen, w&#228;hrend Snark an Bord eines Postdampfers ging, der auf dem Weg zum Festland war.

Auf Wiedersehen, Faye!, verabschiedete sich Snark &#252;berschw&#228;nglich, als sich das Postschiff stampfend entfernte, und schwenkte, sich gef&#228;hrlich weit &#252;ber die Reling lehnend, seinen Hut. Bis uns das Schicksal das n&#228;chste Mal zusammenf&#252;hrt! Jedenfalls scheint er anh&#228;nglich zu sein, meinte Indy und griff nach einem Seilnetz, das die Besatzung einer Dschunke &#252;ber die Bordwand herabgelassen hatte.

Oh, das ist einfach seine Art, meinte Faye abwiegelnd, obwohl sie leicht err&#246;tete.

Mystery war als Erste das Netz hinauf und an Deck der Dschunke geklettert, dann streckte sie eine Hand aus und half Bryce &#252;ber die Reling. Indy war auf halbem Weg nach oben, als Faye ihm zurief: Was machen wir mit ihr?

Musashi hockte immer noch mit m&#252;rrischem Gesicht im Rettungsboot, die H&#228;nde vor dem K&#246;rper gefesselt.

Wir lassen sie zur&#252;ck, rief Indy.

Das k&#246;nnen wir nicht tun, protestierte Faye.

Doch, k&#246;nnen wir, rief Mystery. Sie hat versucht, uns umzubringen, Mutter. H&#246;r auf Dr. Jones. Er hat Recht.

Praktisch denken ist nicht dasselbe wie Recht haben, Mysti, erwiderte Faye ersch&#246;pft. Sie ist ein Mensch. Wir k&#246;nnen sie nicht auf dem Boden eines Rettungsbootes liegen lassen.

Und wer soll den Babysitter f&#252;r sie spielen?, fragte Indy.

Ich jedenfalls nicht, sagte Mystery.

Musashi versuchte, sich zusammenzurei&#223;en, doch ihre aufgerissenen Augen verrieten ihre Angst.

Ich gehe nicht ohne sie, entschied Faye.

Dann stellen wir sie doch vor die Wahl, feuerte Indy zur&#252;ck.

Sie kann mitkommen und sich benehmen, oder wir schmei&#223;en sie beim ersten Anzeichen von &#196;rger &#252;ber Bord.

Haben Sie das verstanden?, fragte Faye.

Ja, sagte Musashi.

Dr. Jones meint es v&#246;llig ernst, sagte Faye.

Ich habe verstanden, erwiderte Musashi ruhig. Trotzdem sind Sie alle nach wie vor verhaftet.

Verstehst du jetzt, was ich meine, Mutter?, fragte Mystery. Sie benimmt sich unm&#246;glich.

Dann werden wir sie eben als Frachtgut behandeln m&#252;ssen,sagte Bryce und warf einen Strick hinunter ins Rettungsboot.

Binden Sie sie fest, dann ziehen wir sie hoch.

Faye befestigte das Seil unter Musashis Armen, und Bryce hievte sie an Bord der Dschunke. Sie leistete sogar dann noch Widerstand, als ihre F&#252;&#223;e schon das Deck ber&#252;hrten.

Das wird nichts als &#196;rger geben, prophezeite Indy, als Faye an Bord kletterte. Der Kapit&#228;n der Dschunke, ein z&#228;her alter Bursche, der eine langstielige Tonpfeife rauchte, hatte das Schauspiel vom Quarterdeck aus verfolgt. Er am&#252;sierte sich lautstark &#252;ber Musashis aberwitziges Benehmen.

Ich bin froh, dass wenigstens einer seinen Spa&#223; hat, meinte Indy.

Er scheint zu glauben, dass sie Ihre Freundin ist, alter Knabe, sagte Bryce, w&#228;hrend er das Rettungsboot losmachte und seinem Schicksal &#252;berlie&#223;. Au&#223;erdem denkt er, Sie haben mit ihr alle H&#228;nde voll zu tun. Und ich muss gestehen, da gebe ich ihm durchaus Recht.

Die kaiserliche Armee wird sich nicht mit einem leeren Rettungsboot zufrieden geben, versuchte Indy Bryce' Vergn&#252;gen &#252;ber die Situation zu &#252;bergehen. Wenn sie es finden, m&#246;chte ich, dass sie glauben, wir seien untergegangen.

Indy zog den Webley aus dem Halfter, beugte sich &#252;ber die Reling und feuerte f&#252;nf Kugeln in das vor&#252;bertreibende Rettungsboot. Das Boot sank langsam bis zu seinen Schandecks, w&#228;hrend es im Kielwasser hinter ihnen umhergewirbelt wurde.

Davon wird sich Sokai Sensei nicht t&#228;uschen lassen, sagte Musashi.

Das nicht, erwiderte Indy, w&#228;hrend er den Webley wieder lud, aber vielleicht gewinnen wir dadurch ein wenig Zeit. Mr. Bryce, ich schlage vor, wir reden mal ein W&#246;rtchen mit dem Kapit&#228;n, was meinen Sie?

Nach einer l&#228;ngeren und leicht hitzigen Diskussion wurde man sich schlie&#223;lich einig.

Der alte malayische Pirat, der diese Dschunke kommandiert, wollte einhundert amerikanische Dollar daf&#252;r, dass er uns in einen Hafen bringt, berichtete Indy, als er sich wieder bei den Maskelynes auf dem Vorderdeck einfand. Ich habe ihm alles gegeben, was ich bei mir hatte, das waren f&#252;nfunddrei&#223;ig Dollar sowie ein bisschen Kleingeld.

War es genug?

Wird es wohl sein m&#252;ssen, erwiderte Indy.

Wo genau fahren wir eigentlich hin?

Schanghai, sagte Indy. Was insofern g&#252;nstig ist, als ich dort Freunde habe. Wir d&#252;rften dort irgendwann morgen Abend eintreffen. Bis dahin m&#252;ssen wir es einfach ruhig angehen lassen und uns bedeckt halten.

Faye nickte.

Au&#223;erdem k&#246;nnen wir Ihnen von dort eine Passage zur&#252;ck nach England besorgen.

Wie war das, bitte?, meinte Faye.

Wir sind Amerikaner, Dr. Jones, erkl&#228;rte Mystery. Mom benutzt den englischen Akzent auf der B&#252;hne, weil die Menschen das erwarten, und weil mein Vater Engl&#228;nder ist. Aber Mutter ist in Oklahoma geboren.

Also gut, sagte Indy. Dann bringen wir Sie eben zur&#252;ck in die Staaten.

Wir gehen nicht zur&#252;ck, sagte Faye. Wir bleiben hier, bis wir Mysterys Vater gefunden haben.

Aber in diesem Teil der Welt haben Sie nichts verloren, sagte Indy. Hier ist es gef&#228;hrlich, falls Ihnen das entgangen sein sollte. Sie und Ihre Entfesslungsk&#252;nstlerin werden sich noch Ihr eigenes Grab schaufeln.

Wir sind ganz gut zurechtgekommen, erwiderte Faye, bis Sie durch Zufall in die Vorstellung hineingeplatzt sind. Schlie&#223;lich war die kaiserliche Armee nicht auf der Suche nach uns. Und wenn ich mich recht erinnere, waren wir es, die Ihre Haut gerettet haben, nicht umgekehrt.

Ich bin ganz gut zurechtgekommen, meinte Indy.

Faye lachte.

Nein, das sind Sie nicht, sagte sie. Sie standen mit einem Bein bereits wieder im Gef&#228;ngnis. Und wo wir gerade beim Thema sind, weswegen hat man Sie &#252;berhaupt eingesperrt? Das haben Sie uns nie erz&#228;hlt.

Das ist eine lange Geschichte, sagte Indy.

Darauf wette ich, meinte Faye. Und dieser Name, den Sie sich zugelegt haben? H&#228;tten Sie sich nicht etwas Besseres einfallen lassen k&#246;nnen als ausgerechnet Jones? Das beweist einen ausgepr&#228;gten Mangel an Fantasie.

Das ist mein richtiger Name, protestierte Indy.

Aber nur, wenn er nicht gerade Smith lautet, oder?

Mutter, bat Mystery inst&#228;ndig. Bitte fang keinen Streit an.

Angefangen hat er, erwiderte Faye. Ich m&#246;chte lediglich, dass er sich klar macht, dass wir unsere Suche nach Kaspar fortsetzen werden und erwarten, den durch ihn entstandenen Schaden von ihm ersetzt zu bekommen.

Soll das hei&#223;en, das alles war die Wahrheit?, fragte Indy.

Selbstverst&#228;ndlich war es die Wahrheit, sagte Faye. Glauben Sie vielleicht, wir h&#228;tten uns das alles ausgedacht?

Die Geschichte war so gut, erwiderte Indy, dass ich dachte, sie geh&#246;rt einfach zu Ihrem Auftritt. Verzeihen Sie, aber meiner Erfahrung nach waren B&#252;hnenmagier noch nie die verl&#228;sslichsten Informationsquellen. Aber wenn das stimmt, was Sie sagen ... k&#246;nnten sich daraus einige interessante M&#246;glichkeiten ergeben. M&#246;glicherweise w&#228;re ich sogar geneigt, in Ihrer N&#228;he zu bleiben.

Was macht Ihre Schulter, Dr. Jones?, erkundigte sich Mystery.

Sie war bem&#252;ht, das Thema zu wechseln. Sie tut weh, erwiderte Indy, streckte sich auf einem Ballen grober Leinwand aus und zog sich die Krempe seines Hutes &#252;ber die Augen. Einen Augenblick lang sagte er nichts, schlie&#223;lich fragte er: Wollen Sie damit etwa sagen, Ihr Kaspar war tats&#228;chlich auf der Suche nach Aarons Stab?

Doch bevor Faye ihm antworten konnte, schnarchte Indy schon.

W&#228;hrend die Dschunke ihre gem&#228;chliche, traum&#228;hnliche Reise nach S&#252;dosten fortsetzte, g&#246;nnte Indy sich ein wenig Schlaf, um den Qualen seiner schmerzenden Schulter gewachsen zu sein. Vom Wind getrieben und begleitet allein von dem Ger&#228;usch der Segel und des Wassers, wurde die Dschunke Teil einer zeitlosen Szene, die sich w&#228;hrend irgendeines von eintausend vorangegangenen Septembermonaten zugetragen haben mochte. Verborgen unter einem Schleier aus Geheimnis und Tradition bahnte sich die festungs&#228;hnliche Dschunke ihren Weg durch die Meerenge, die Japan vom besetzten Korea trennte. An jenem Nachmittag &#252;berquerte die Dschunke bereits das Ostchinesische Meer mit Ziel Schanghai. Obwohl sich im Osten hohe Unwetterwolken zusammenbrauten, war der Tag mild, die See ruhig, und es ging ein m&#228;&#223;iger Wind. Die Luft war von jener ganz eigent&#252;mlichen Helligkeit durchdrungen, die Indy nur aus dem Osten kannte,- der Tag schien gr&#252;n und golden zu leuchten. Dann, am fr&#252;hen Abend, zog ein Schatten &#252;bers Meer. Die Unwetterwolken im Osten hatten eine Kaltfront vor sich hergeschoben, die die Dschunke schlie&#223;lich eingeholt hatte. Das Sonnenlicht wurde fahl, und die Temperatur fiel um f&#252;nfzehn Grad in ebenso vielen Minuten, lie&#223; die Passagiere fr&#246;steln und bewirkte, dass Indy aus seinem Schlaf erwachte, als er von den Lippen der Besatzung die gefl&#252;sterten Worte vernahm: ty fung. Wo sind wir?, fragte Indy, als er an die Reling trat. Ungef&#228;hr einhundert Meilen vor der chinesischen K&#252;ste, auf der H&#246;he von Schanghai, antwortete Faye. Obwohl es noch nicht regnete, frischte der Wind auf und verwehte ihr Kleid wie einen kleinen Wimpel hinter ihrem R&#252;cken.

Sie hielt sich an der Takelage fest und blickte &#252;ber das kabbelige Wasser bis hin zum Festungswall aus dunklen Wolken, die von Osten her immer n&#228;her kamen. Unvermittelt aufleuchtende Blitze aus Rosa und Blau zuckten am unteren Rand der Wolkenwand, w&#228;hrend sich darunter die verr&#228;terischen Wind- und Regenstreifen ausbreiteten.

Was ist das f&#252;r ein Wort, das sie immerzu wiederholen?, fragte Faye.

Ty fung, sagte Indy.

Und was bedeutet es?

Nichts Gutes, erwiderte Indy.

Das f&#252;rchte ich auch, pflichtete Bryce ihm bei, w&#228;hrend er ein Streichholz anriss, seine H&#228;nde darumw&#246;lbte und sich eine Zigarette anz&#252;ndete. Es bedeutet Taifun. Und wenn man die Jahreszeit ber&#252;cksichtigt und um wie viel das Barometer w&#228;hrend der letzten Stunde gefallen ist, w&#252;rde ich sagen, sie liegen verdammt richtig damit.

Ein Wirbelsturm?, fragte Mystery.

In diesem Teil der Welt nennt man sie Taifun, erkl&#228;rte Bryce.

In Australien hei&#223;en sie Willie-willies, el baguio auf den Philippinen, Hurrikan auf dem Atlantik. Aber im Grunde handelt es sich bei allen um tropische Wirbelst&#252;rme.

Gro&#223;artig, meinte Mystery.

Pech ist, dass wir kein Funkger&#228;t haben, meinte Bryce. Ich w&#252;sste zu gern, wie mein alter Freund Clement Wragge den hier nennen wird. Dieser Wragge ist nicht auf den Kopf gefallen. Er ist australischer Meteorologe und hat es sich zur Gewohnheit gemacht, St&#252;rme nach Frauen, die er mag, und nach Politikern, die er nicht ausstehen kann, zu benennen.

Wer hat je davon geh&#246;rt, dass man St&#252;rme nach einer Frau benennt?, fragte Faye.

Klingt in meinen Augen vollkommen logisch, murmelte Indy.

K&#246;nnen wir ihm entkommen?, fragte Mystery.

Der Wirbelsturm hat sch&#228;tzungsweise einen Durchmesser von vierhundert Meilen, sagte Bryce. Und im Allgemeinen ziehen sie nach S&#252;dwesten, bis sie auf die K&#252;ste treffen. Wir fahren genau vor ihm her und haben nicht den Hauch einer Chance, das Festland zu erreichen, bevor er uns eingeholt hat.

Musashi, die mit &#252;bereinander geschlagenen Beinen auf dem Deck hockte, die H&#228;nde vor dem K&#246;rper gefesselt, fing an zu lachen.

Was ist daran so komisch?, fuhr Indy sie an.

Sie haben selbst das Wetter gegen sich, lachte sie.

Sie hat wirklich einen kranken Sinn f&#252;r Humor, meinte Mystery.

Was k&#246;nnen wir tun?, fragte Faye.

Ich f&#252;rchte, gar nichts, erwiderte Bryce. Abwarten und beobachten und darauf hoffen, dass wir es bis zu einer kleinen, gesch&#252;tzten Bucht auf einer Insel oder einem anderen Schlupfwinkel schaffen, bevor der Sturm uns einholt.

Dann zog Bryce den Gin aus seiner Jackentasche, trank ihn aus und schleuderte die leere Flasche ins Meer.

Sokai trug ein schwarzes Gewand. Seine F&#252;&#223;e waren unter den K&#246;rper gefaltet, die gro&#223;en Zehen gekreuzt, und seine H&#228;nde ruhten mit den Innenfl&#228;chen nach unten auf seinen Oberschenkeln. Er senkte seine mit einem Band verzierte Stirn, bis sie den harten Holzfu&#223;boden ber&#252;hrte, und verharrte drei respektvolle Sekunden in dieser Haltung. Als er in die sezen, die sitzende Stellung, zur&#252;ckkehrte, flackerten die Kerzen zu beiden Seiten des Altars. Das Flackern wurde von der schwarz lackierten Scheide seines Samurai-Schwertes zur&#252;ckgeworfen, das in Reichweite vor ihm auf dem Boden lag, und von den Abbildern seiner toten Meister, die die W&#228;nde des Dojos s&#228;umten. Das Flackern spiegelte sich auch in der mandelfarbenen Iris von Sokais rechtem Auge.

Das andere Auge, noch immer unter n&#228;ssenden Verb&#228;nden verborgen, war mittlerweile nutzlos geworden. Au&#223;erdem hatten die Dorne des Nussknackers St&#252;cke seines linken Ohrs und seiner Wange ausgestochen. In Verbindung mit den unbeholfenen Stichen, mit denen der Dorfarzt in Luchow die Wunden vern&#228;ht hatte, verlieh dieser Verlust Sokais abziehbildhaft gutem Aussehen jetzt eher einen Hauch von Boris Karloff. Sokai harrte bereits seit Stunden bewegungslos vor dem Altar in dem abgedunkelten &#220;bungsraum aus und suchte nach dem boon ki - dem eigentlichen Grund, dem Wesen und der wahren Bedeutung dessen, was vorgefallen war. Er hatte den Blick &#252;ber die Gesichter der Meister des Bushido schweifen lassen, angefangen bei seinem eigenen Meister aus Okinawa, bis hin zum grimmigen, zahnl&#252;ckigen Antlitz von Dharuma, dem Begr&#252;nder des Zen-Buddhismus aus dem sechsten Jahrhundert, der auch den M&#246;nchen des Songshan-Shaolin-Klosters die Kampfk&#252;nste gebracht hatte. Angeblich hatte Dharuma nach seiner Ankunft im Kloster neun Jahre in stummer Versenkung vor einer H&#246;hlenwand verbracht und auf das Geschrei der Ameisen gelauscht. Einer der M&#246;nche, der diese Glanzleistung der Selbstbeherrschung verfolgt hatte, war so ergriffen, dass er eine seiner H&#228;nde abtrennte und sie Dharuma als Zeichen seiner Anteilnahme darbrachte.

Die Geschichte, sp&#252;rte manch einer, hatte den Zweck, sich jeder Deutung zu entziehen, ein weiteres Zen-Koan, &#252;ber das Betrachtungen anzustellen waren, das aber niemals wirklich verstanden werden konnte. Verstandesm&#228;&#223;iges Begreifen war ausgeschlossen, das Beste, worauf man hoffen konnte, war eine Art kontemplativen, emotionalen Akzeptierens.

Doch als Sokai seinen Fingerspitzen gestattete, den Verband &#252;ber seinem geblendeten Auge zu ber&#252;hren, glaubte er die Botschaft zu verstehen. Die dunkle Nacht seines Lebens war auf eine Weise erhellt worden, so wie ein Blitz die Geheimnisse einer Sommernacht sichtbar werden l&#228;sst.

Das Ger&#228;usch der schreienden Ameisen hatte einen Namen.

Jones, knurrte Sokai.

Und aus dem Namen war ein Fluch geworden.

Der Taifun holte die Dschunke in Gestalt einer finsteren Wand aus Wind und Wasser ein, die den Himmel verdunkelte. Der Rumpf der Dschunke wurde unerbittlich von den Wogen des Sturms vorangepeitscht, einem Surfbrett gleich, das auf einem Wellenkamm reitet. Kapit&#228;n und Mannschaft hatten beim ersten Anzeichen des aufkommenden Unwetters das Weite gesucht und sich in den kleinen Booten, die der Dschunke anhingen wie Pilotfische dem Bauch eines Hais, aus dem Staub gemacht. Sie w&#252;rden den Sturm im Schutz irgendeiner Insel vor&#252;berziehen lassen und anschlie&#223;end, sollte ihn die Dschunke &#252;berstehen, zur&#252;ckkehren. Wenn nicht, dann kam stets ein anderes Schiff zur rechten Zeit des Weges.

Indy und die anderen hatten weniger Wahlm&#246;glichkeiten. Sie hatten sich an einer Ladeluke auf dem Mitteldeck des Schiffes R&#252;cken an R&#252;cken festgezurrt. Bevor der Sturm losschlug, hatte Bryce das Seil durchtrennt, mit dem Musashis Handgelenke gefesselt waren. Indy hatte seinen Filzhut in seine Jacke gestopft und den Rei&#223;verschluss hochgezogen. Anschlie&#223;end hatte er sich mit Faye auf der einen und Mystery auf der anderen Seite an den H&#228;nden gefasst.

Sie h&#246;rten, wie der Sturm heranbrauste, und es klang wie einhundert Dampflokomotiven, die &#252;ber das Wasser auf sie zugerast kamen. Dr. Jones, schrie Mystery. Was ist? Ich habe Angst.

Ich auch, erwiderte Indy. Aber halt dich trotzdem einfach an meiner Hand fest, was auch passiert. Mit dem ersten gewaltigen Ansturm des Wassers &#252;ber die Decks wurden die Masten der Dschunke wie Zweige fortgerissen. Der Bootsrumpf legte sich vollst&#228;ndig auf die Seite. Nahezu eine Minute lang waren Indy und die anderen unter Wasser, hielten den Atem an und klammerten sich fest, bis der Rumpf sich endlich wieder aufrichtete.

Unter den wuchtigen Schl&#228;gen drei&#223;ig Meter hoher Wellen und gepeitscht von Winden, die manchmal zweihundert Meilen in der Stunde erreichten, gingen die befestigten Aufbauten rasch zu Bruch. An den offenen Stellen ragten die Planken des Rumpfes wie die Rippen eines Skeletts empor, und Meerwasser schwappte sch&#228;umend in beiden Richtungen durch die Ladeluke, der Mittelteil des Rumpfes jedoch hielt stand. Dann warf ein weiterer Brecher den Rumpf in die entgegengesetzte Richtung, und das Schiff tanzte auf dem Kamm, bis es &#252;ber einer Schlucht aus brodelndem Wasser schwebte. Mystery schrie, als ihr das Deck unter den F&#252;&#223;en wegglitt. Indys Hand schloss sich noch fester um ihr Handgelenk. Einen Augenblick lang hing sie &#252;ber dem Abgrund. Mystery!, br&#252;llte Faye. Ich hab sie, rief Indy.

Im selben Augenblick l&#246;ste sich Bryce' Griff an der Ladeluke und er st&#252;rzte mit den F&#252;&#223;en voran und mit den im wei&#223;en Kittel steckenden Armen auf dem gesamten Weg nach unten rudernd in die tosende See. Als das entmastete Wrack anschlie&#223;end krachend zur&#252;ck auf die See klatschte, zog Indy Mystery sch&#252;tzend an seine Seite.

Der Sturm hielt &#252;ber eine Stunde unvermindert an, das unerbittliche Wirken von Wind und Wasser lie&#223;en Indy und die anderen jedoch lange vorher das Bewusstsein verlieren. Der der Ladung vorbehaltene Teil des Rumpfes war geflutet, hielt sich jedoch &#252;ber Wasser. Als der Wind sich legte, lief das Wrack auf dem Ausl&#228;ufer einer winzigen, hakenf&#246;rmigen Insel auf Grund.

Faye erlangte als Erste das Bewusstsein wieder.

Nachdem sie sich &#252;berzeugt hatte, dass Mystery normal atmete, befreite sie sich aus den Stricken, die sie an die Frachtluke fesselten, und richtete ihre Kleidung.

Dann r&#252;ttelte sie Indy.

Jones, rief sie. Wachen Sie auf.

Ich bin wach, beharrte er. Wo sind wir?

Auf einer Insel, sagte sie. Scheint unbewohnt zu sein. Wahrscheinlich ist sie nicht einmal auf einer Karte eingezeichnet. Wir sind ziemlich weit vom Kurs abgetrieben worden, und ich w&#228;re bereit, darauf zu wetten, dass wir uns nicht einmal in der N&#228;he von Schanghai befinden. Aber wenigstens ist der Sturm vorbei.

Das ist unm&#246;glich, sagte Indy und rieb sich die Augen.

Es ist so still, meinte Faye. Und sehen Sie doch - da oben. Blauer Himmel.

Sie machen Scherze.

Nein, erwiderte sie. Und V&#246;gel gibt es auch.

Der Sturm muss einen Durchmesser von mehreren hundert Meilen gehabt haben, protestierte Indy. Er kann unm&#246;glich so schnell vor&#252;ber sein.

Faye kam m&#252;hsam auf die Knie. Sie beugte sich hin&#252;ber und t&#228;tschelte Mysterys Wange. Das M&#228;dchen schlug die flatternden Lider auf und starrte mehrere Augenblicke lang hoch zu ihrer Mutter.

Mr. Bryce, sagte Mystery. Es tut mir so Leid, dass er fort ist. Mir auch, meinte Faye. Fast k&#246;nnte man meinen, er h&#228;tte sich dem Sturm geopfert, damit wir anderen ihn &#252;berstehen.  Denselben Gedanken hatte ich auch, meinte Mystery. Es war einfach Pech, weiter nichts, sagte Indy mit heiserer Stimme, w&#228;hrend er sich von der Frachtluke losband. Dagegen ist es ein Wunder, dass wir drei &#252;berlebt haben. Vier, sagte Musashi, ihre Ersch&#246;pfung &#252;berwindend. Wir sind zu viert. Ein Offizier der kaiserlichen Armee und drei Gefangene.

Sicher, sagte Indy, w&#228;hrend er seinen mit Wasser vollgesogenen Hut aus seiner Jacke zog und aufsetzte. Ein Wunder ist es trotzdem, wie auch immer Sie es drehen und wenden. Das k&#246;nnte genau der richtige Ausdruck sein, sagte Faye. Sehen Sie.

Ein Doppelregenbogen spannte sich hinter ihnen &#252;ber die Weite des Himmels.

Er ist noch nicht vorbei, sagte Indy, der mit einem Schlag begriff. Das ist nur eine Atempause. Wir befinden uns genau im Zentrum des Wirbelsturms. Schauen Sie nach unten, auf den Horizont - dort k&#246;nnen Sie die Wolkenwand erkennen, die uns auf allen Seiten umkreist.

Und was machen wir jetzt?, fragte Mystery. Indy erhob sich.

Mystery zuckte mitf&#252;hlend zusammen, als sie das Knarren und Knacken in seinen Knien vernahm. Wir m&#252;ssen unbedingt einen Ort finden, wo wir den Rest des Sturmes heil &#252;berstehen k&#246;nnen, sagte Indy und

rieb sich die Schulter. Und das am besten schnell. Wenn du senkrecht nach oben schaust, kannst du sehen, dass das Zentrum bereits &#252;ber uns hinweggezogen ist. Die Nachhut des Sturms wird bald &#252;ber uns hereinbrechen, und die wird genauso heftig werden, wie das, was wir bereits hinter uns haben. Sehen Sie, sagte Musashi. Sie zeigte am Strand entlang.

Der Strand war mit entwurzelten B&#228;umen und anderen Tr&#252;mmern des Sturms &#252;bers&#228;t. Inmitten eines kleinen Palmenhains in der Inselmitte jedoch ragte ein grobschl&#228;chtiger Kirchturm in die H&#246;he, und auf dem Dach des Turmes befand sich ein Kreuz aus Holz.



KAPITEL F&#220;NF

Die Lazarus-Insel


Das Holzkreuz stand auf dem felsigen Ausl&#228;ufer eines H&#252;gels, der eine Lagune &#252;berblickte. Darunter, aus einer H&#246;hle im Vulkangestein gebaut, befand sich eine festungs&#228;hnliche Kirche mit einer m&#228;chtigen, kupferbeschlagenen Doppelt&#252;r. Indy packte den Ring an einem der T&#252;rfl&#252;gel und zog daran.

Sie ist abgeschlossen, sagte er.

Der Wind frischte auf, und es hatte wieder zu regnen angefangen.

Ist dort jemand drin?, fragte Faye.

Jemand hat sie von innen verriegelt, stellte Indy fest.

Den Strand selbst umgab ein Kreis aus ein paar H&#252;tten, und mehrere verlassene Auslegerboote waren weit auf den Sand hinaufgezogen worden. Einige stark verwitterte Hinweisschilder in franz&#246;sischer Sprache erkl&#228;rten die Insel zur eingeschr&#228;nkten Handelszone. Indy h&#228;mmerte mit der Faust gegen das blind gewordene Kupfer, dann hob er einen Brocken Vulkangestein vom Boden auf und h&#228;mmerte weiter. Der Regen wurde heftiger. Ein Blitz schlug in eine f&#252;nfzig Meter weiter unten am Strand stehende Palme ein, und die Ersch&#252;tterung der Explosion warf sie fast zu Boden.

He!, schrie Mystery mit frisch gewonnenem Elan. Da drinnen in der Kirche! Wir brauchen Schutz!

Pl&#246;tzlich wurde die T&#252;r entriegelt und von einer in ein Gewand geh&#252;llten, entstellten Gestalt mit einer Kerosinlampe in der Hand aufgerissen.

Die vier st&#252;rzten in die H&#246;hle hinein.

Danke, sagte Indy und sch&#252;ttelte sich das Wasser von seinem Hut. Der Sturm h&#228;tte uns fast erwischt - zum z weiten Mal.

No entiez, erwiderte der Mann.

Mister, da drau&#223;en tobt ein Wirbelsturm, sagte Mystery. Oder haben Sie das etwa nicht bemerkt?

Bemerkt schon, erwiderte der Mann mit schwerem franz&#246;sischen Akzent. Seine Stimme klang heiser, so als h&#228;tte er seit langer Zeit nicht mehr gesprochen. Die Insel ist Sperrgebiet. Sie k&#246;nnen nicht hier bleiben.

Tut mir Leid, sagte Indy. Aber wir haben wirklich keine andere Wahl. Der Sturm hat unser Schiff versenkt.

Wieso denn Sperrgebiet?, fragte Faye.

Verbotenes Gebiet, kr&#228;chzte der Mann.

Er stellte die Lampe auf den Boden. Sein Gesicht war unter einer weiten Kapuze verborgen, und er trat br&#252;sk zur&#252;ck, als Indy versuchte, ihm die Hand freundlich auf die Schulter zu legen.

Verzeihung, sagte Indy. H&#246;ren Sie, wir werden keine Umst&#228;nde machen. Vier halb ertrunkene Schiffbr&#252;chige, die Zuflucht vor einem Sturm suchen. Wir werden so schnell wie m&#246;glich wieder von hier verschwinden. Haben Sie ein Funkger&#228;t, damit wir Hilfe herbeirufen k&#246;nnen?

Warten Sie hier, sagte der Mann.

Er lie&#223; die Lampe stehen und verschwand wieder.

Was hatte das denn zu bedeuten?, fragte Faye.

Keine Ahnung, erwiderte Indy, aber offenbar kann er im Dunkeln ausgezeichnet sehen.

Drau&#223;en w&#252;tete der Sturm, und Wasser sickerte unter der Doppelt&#252;r hindurch und sammelte sich in Pf&#252;tzen auf den Steinplatten. Indy hob die Lampe vom Boden auf, hielt sie in die H&#246;he und schwenkte sie im Kreis. Im flackernden Licht wurden ein paar verstaubte, aufs Geratewohl &#252;bereinander gestapelte Kirchenb&#228;nke sichtbar.

Sieht aus, als w&#228;re es schon eine Weile her, dass man hier einen Gottesdienst abgehalten hat, stellte Indy fest. Mehrere Jahre, gab Faye ihm Recht. Das gef&#228;llt mir nicht, sagte Musashi. Sie hatte die Arme um den K&#246;rper geschlungen, in der Hoffnung, dadurch ihr Zittern unterbinden zu k&#246;nnen. Das erinnert mich an die Gespenstergeschichten, die meine Gro&#223;mutter immer erz&#228;hlte, in denen Reisende in ein Unwetter geraten und in einem fremden Schloss Zuflucht suchen. Sie nehmen nie ein gutes Ende. Endlich erschien eine weitere Laterne am fernen Ende der Kirche und hielt auf sie zu. Der Mann, der sie trug, war betr&#228;chtlich gr&#246;&#223;er als der Erste und ebenfalls in ein Gewand geh&#252;llt. Ich m&#246;chte mich f&#252;r Henri entschuldigen, erkl&#228;rte der Mann mit franz&#246;sischem Akzent. Wir bekommen hier nicht oft Besuch. Genau genommen bekommen wir &#252;berhaupt niemals Besuch. Wenn ich recht verstanden habe, ist Ihr Schiff gesunken. Gibt es noch weitere &#220;berlebende? Nein, sagte Faye. Wir sind alle. Das tut mir Leid, meinte der Mann. War es ein Handelsschiff? Von welcher Linie?

Von gar keiner, sagte Indy. Es war eine Dschunke. Ich wei&#223; nicht einmal sicher, was ihr Heimathafen war. In diesem Fall besteht keine Notwendigkeit, einen Funkspruch abzusenden oder andere abzuh&#246;ren, sagte er. Kommen Sie, bitte. Wir m&#252;ssen daf&#252;r sorgen, dass Sie sich aufw&#228;rmen und abtrocknen k&#246;nnen.

Der Mann f&#252;hrte sie &#252;ber eine Treppenflucht hinunter in einen kasematten&#228;hnlichen Bereich, der mit einem langen Holztischeinigen Feldbetten und einem B&#252;cherregal ausgestattet war. Er hielt eine Kerze an den Abzug der Kerosinlampe bis sie brannte, dann z&#252;ndete er mit ihr drei weitere auf der langen, h&#246;lzernen Tafel an.

Hier sind Sie sicherer, erkl&#228;rte er.

Ich kann den Sturm kaum h&#246;ren, sagte Indy.

Ja, der Orden hat sich zweifellos eine Festung gebaut, erwiderte der Mann gut gelaunt, w&#228;hrend er den bauchigen Ofen in der Mitte des Raumes mit Anmachholz f&#252;tterte. Dieser Raum wurde seit dem Abzug der letzten Ordensbr&#252;der nicht mehr benutzt. Es ist seltsam, aber die alten Absonderungsbestimmungen haben noch immer eine gewisse Wirkung.

Verzeihen Sie, sagte Indy, ich m&#246;chte nicht unh&#246;flich sein, aber k&#246;nnten Sie uns verraten, wo wir uns befinden?

Der Mann unterbrach seine Arbeit am Ofen, ohne zu bemerken, dass ein mit Pusteln &#252;bers&#228;ter Finger in den lodernden Flammen zur&#252;ckblieb.

Geben Sie Acht, sagte Indy und zog den Arm des Mannes zur&#252;ck.

Verflucht, sagte der Mann und schlug das Feuer an seinem

Umhang aus. Sie haben wirklich keine Ahnung? Haben Sie die Schilder nicht gesehen?

Da stand irgendwas von einer Handelszone, meinte Faye.

Tja, erwiderte der Mann gedehnt, w&#228;hrend er die Ofent&#252;r schloss und sich auf dem n&#228;chsten Stuhl niederlie&#223;. Dies ist die Lazarus-Insel. Sie wurde vom Orden des heiligen Lazarus gegr&#252;ndet. Es ist eine Leprakolonie.

Leprakranke, zischte Musashi.

Man hat mir gesagt, so h&#228;sslich sehe ich gar nicht aus, fuhr der Mann fort und zog die Kapuze zur&#252;ck, unter der ein bleiches Gesicht mittleren Alters zum Vorschein kam, das bis auf ein paar rosig-graue Flecken l&#228;ngs der Nase v&#246;llig normal aussah. Meine H&#228;nde hat es allerdings schlimm erwischt. Ich habe kein Gef&#252;hl mehr in den Fingern, wissen Sie. Der Gestank verbrennenden Fleisches tut mir Leid.

Darauf bezieht sich die Sperre, meinte Indy. Zwischengeld?

Richtig, man zwingt uns, Zwischengeld zu verwenden, fuhr der Mann fort. Aus Angst vor Ansteckung. Zuerst waren es die Franzosen, und als der Orden sich dann vor einigen Jahrzehnten aufl&#246;ste, gaben die Amerikaner das Zwischengeld aus und setzten die Handelsbeschr&#228;nkungen durch. Die Kirche wird seit der Zeit vor dem Gro&#223;en Krieg nicht mehr benutzt.

Dann ist dies Eigentum der Vereinigten Staaten?, fragte Indy.

Kein Mensch w&#252;rde Anspruch auf die Lazarus-Insel erheben,gab der Mann lachend zur&#252;ck. Aber man zwingt uns trotzdem, das Sondergeld zu benutzen, um uns die Dinge zu kaufen, die wir nicht selbst herstellen k&#246;nnen.

Ist die Krankheit ansteckend?, fragte Mystery.

Tut mir Leid, sagte Faye und packte ihre Tochter bei den Schultern. Entschuldigen Sie unsere Manieren. Verzeihen Sie, aber ich wei&#223; Ihren Namen nicht.

Pascal.

Monsieur Pascal.

Das ist schon in Ordnung, sagte er. Sie ist ansteckend, Mademoiselle, aber durch einen so fl&#252;chtigen Kontakt wie den Austausch von Geld wird sie nicht &#252;bertragen. Wer unter Leprakranken lebt, wei&#223;, dass die meisten gesunden Menschen von Natur aus dagegen immun sind. Tats&#228;chlich stecken sich viele, die mit Leprakranken verheiratet sind, niemals mit der Krankheit an. Ich f&#252;rchte, Unwissenheit hat weit mehr Schaden angerichtet als die Krankheit selbst.

Ist die Krankheit heilbar?, wollte Mystery wissen.

Nein, antwortete Pascal. Heilbar ist sie nicht.

Noch nicht, wandte Indy ein. Aber das wird kommen.

Ich w&#252;nschte, ich k&#246;nnte daran glauben, meinte Pascal. Aber wir behelfen uns so gut wir eben k&#246;nnen. Deswegen war Henri Ihnen gegen&#252;ber so kurz angebunden. Die Strafen f&#252;r die Verletzung der Handelsbeschr&#228;nkungen k&#246;nnen ziemlich hart sein. Ich f&#252;rchte, die Gesellschaft hat uns nicht nur zu Auss&#228;tzigen gemacht, sondern auch zu Kriminellen.

Da befinden Sie sich in guter Gesellschaft, meinte Indy.

Wie viele sind Sie?, fragte Faye.

Fast einhundert, sagte Pascal. Gr&#246;&#223;tenteils M&#228;nner, aber auch ein paar Frauen.

Und Sie sind ihr Vertreter?, fragte Indy.

Ihr Sprecher, ihr Arzt, Rechtsanwalt und Priester, erwiderte Pascal. Bitte nehmen Sie unsere Gastfreundschaft an. Sobald der Sturm sich legt, werde ich Ihnen etwas zu essen schicken. Bis dahin, schlage ich vor, trocknen Sie Ihre Kleider und ruhen sich ein wenig aus. Sie sind, mit einer Ausnahme, Amerikaner?

Ja, sagte Indy.

Morgen fr&#252;h werde ich versuchen, Kontakt mit der USS Augusta aufzunehmen. Sie ist das Flaggschiff der Asienflotte. Sie kreuzt schon seit Wochen zwischen hier und Schanghai und versucht, amerikanische St&#228;rke zu zeigen. Wenn sie nicht zu weit drau&#223;en auf See ist, kann sie Sie vielleicht an Bord nehmen.

Dann haben Sie also Funk, sagte Indy.

Selbstverst&#228;ndlich, antwortete Pascal.

Unsinn, wandte Musashi ein.

Soll ich versuchen, auch die kaiserliche -

Nein, unterbrach ihn Indy. Und bitte lassen Sie diese Frau auf keinen Fall in die N&#228;he des Funkger&#228;ts. Mystery, w&#252;rde es dir etwas ausmachen, die Rolle der Gastgeberin zu &#252;bernehmen?

Es w&#228;re mir ein Vergn&#252;gen, sagte Mystery. Haben Sie einen Strick?

Pascal wirkte schockiert.

Ist das wirklich n&#246;tig?

Auf jeden Fall, sagte Indy.

Darf ich wenigstens diese Sachen ausziehen, fragte Musashi unter Z&#228;hneklappern. Mir ist kalt.

Es gibt noch einen anderen Raum, schlug Pascal vor. Einen kleineren. Er verf&#252;gt &#252;ber eine T&#252;r, die von au&#223;en verriegelt werden kann. Er liegt wie dieser unter der Erde und hat keine weiteren Ausg&#228;nge. Einen Ofen gibt es dort auch.

Das wird gehen, sagte Indy.

Ich helfe ihr, erbot sich Faye und schnappte sich eine der Decken. Komm, Mysti. Lassen wir Dr. Jones ein wenig alleine.

Ich w&#252;rde lieber hier bleiben, sagte Mystery.

Das wird leider nicht gehen, sagte Faye.

Was ist mit Ihrer Schulter?, wandte sich Pascal an Indy. Wie ich gesehen habe, sind Sie offenbar verletzt. Ist sie gebrochen? Ben&#246;tigen Sie medizinische Hilfe?

Nein, sagte Indy. Danke. Sie wird mit der Zeit schon wieder verheilen.

Wie Sie wollen, sagte Pascal. Bis morgen fr&#252;h.

Endlich alleine, zog Indy seine triefnassen Kleider aus und verteilte sie zum Trocknen &#252;ber die St&#252;hle. Dann h&#252;llte er sich in eine Decke und legte sich aufs Feldbett. Er war m&#252;de, aber noch nicht bereit einzuschlafen. Seine Augen wanderten &#252;ber die verstaubten B&#228;nde in dem alten B&#252;cherschrank. Die meisten Titel waren auf Franz&#246;sisch, Katechismen und das Leben der Heiligen. Es gab ein deutsches W&#246;rterbuch mit einem stark abgenutzten Einband. Die beiden B&#252;cher auf Englisch waren die Lebenserinnerungen von U. S. Grant und eine Ausgabe der K&#246;nig-James-Version der Bibel. Indy griff nach der Bibel.

Er blies den Staub von ihrem Einband und schlug das Buch Exodus auf.

In seinen Tr&#228;umen war Indy auf der Suche. Vielleicht lag es daran, dass er vor dem Einschlafen noch einmal im Alten Testament gebl&#228;ttert hatte, oder an den einhundert bangen Augenblicken der vergangenen paar Tage, oder an dem Bewusstsein, sich tief unterhalb der Erde zu befinden. Aus welchem Grund auch immer, Indy fand sich in einer biblischen Landschaft aus Pyramiden und G&#246;tzenbildern, Sand und Sonne wieder, wo er endlose Korridore und unglaublich verschlungene G&#228;nge durchstreifte, auf der Suche nach einem fl&#252;chtigen Schatten, der stets hinter der n&#228;chsten Ecke verborgen blieb. Oft war er nahe genug, um den Klang ihrer Stimme zu h&#246;ren, manchmal gelang es ihm, einen fl&#252;chtigen Eindruck ihres Gesichts zu erhaschen, doch nie kam er nahe genug heran, um sie auch wirklich zu ber&#252;hren. Seine Entt&#228;uschung wurde dadurch wettgemacht, dass ein Teil von ihm wusste, dass es nur ein Traum war und er sie niemals w&#252;rde einholen k&#246;nnen. Wer ist Alecia?, wollte Faye wissen, als Indy aufwachte. Wie bitte?

Sie haben im Schlaf gesprochen, sagte Faye. Sie sa&#223; am Tisch und a&#223; zum Fr&#252;hst&#252;ck von einem Teller mit Obst, den Pascal gebracht hatte. Ich m&#246;chte nicht aufdringlich sein, aber sie schien furchtbar wichtig zu sein. Ist sie Ihre Frau?

Ich war nie verheiratet.

Dann Ihre Freundin?

Nein, erwiderte Indy.

Er setzte sich auf und rieb sich die Augen.

Wie sp&#228;t ist es?, fragte er.

Kurz nach Tagesanbruch, sagte sie. Ich war vor einer Weile drau&#223;en. Es ist herrlich, jetzt, wo der Sturm vor&#252;ber ist.

Wo ist Leutnant Musashi?, fragte er.

Sie schl&#228;ft noch, sagte Faye. Mystery auch.

Und warum Sie nicht?, fragte Indy.

In geschlossenen R&#228;umen konnte ich noch nie schlafen, antwortete sie. Werden Sie es mir erz&#228;hlen?

Erz&#228;hlen? Was denn?

Von Alecia.

Warum sollte ich?, fragte Indy.

Weil wir Freunde sind, meinte Faye. Weil wir zusammen eine Zerrei&#223;probe auf Leben und Tod durchgemacht haben. Weil wir froh sein k&#246;nnen, &#252;berlebt zu haben. Und weil ich es wissen will, und Sie es mir erz&#228;hlen wollen.

Das ist nicht wahr.

Lieben Sie sie?

Ich habe sie geliebt, sagte Indy.

Aber jetzt nicht mehr.

H&#246;ren Sie, sagte Indy. Ich werde Ihnen die Kurzfassung erz&#228;hlen, einverstanden? Ich kannte einmal eine Frau mit Namen Alecia. Wir haben uns gegenseitig nichts als Ungl&#252;ck gebracht. Dann ist sie gestorben.

Faye schwieg.

Zufrieden?, fragte Indy.

Nein, sagte Faye. K&#246;nnen Sie nicht dar&#252;ber sprechen, ohne w&#252;tend zu werden?

Sie machen mich w&#252;tend.

Das glaube ich nicht, meinte Faye. Sie sind w&#252;tend auf diese Frau, und das schon seit geraumer Zeit. Nur wusste ich bis zu diesem Augenblick nicht, wor&#252;ber Sie w&#252;tend sind.

H&#246;ren Sie, das hat l&#228;ngst nichts mehr mit mir zu tun -

Und ob es etwas mit Ihnen zu tun hat, widersprach Faye.

Denken Sie doch mal nach. Die Menschen lassen nicht einfach alles stehen und liegen und gehen in ein fremdes Land, es sei denn, sie sind nicht gl&#252;cklich oder unerf&#252;llt. Das wei&#223; ich - ich spreche aus Erfahrung.

Kaspar war nicht gl&#252;cklich?, fragte Indy.

Er hat mich nicht gebeten, nachzukommen, sagte sie.

Warum suchen Sie ihn dann?

Weil ich ihn liebe, antwortete sie. Weil Mystery ihren Vater braucht oder zumindest wissen muss, was aus ihrem Vater geworden ist. Und weil ich klug und stark genug bin, ihn zu finden, und ich es mir nie verzeihen k&#246;nnte, wenn ich es nicht versucht h&#228;tte.

Indy h&#252;stelte.

Das Thema ist Ihnen unangenehm, stellte Faye fest.

Es geh&#246;rt nicht zu den Dingen, &#252;ber die man sieh mit seinen Freunden unterh&#228;lt, gab Indy zu.

Dann h&#246;ren wir auf damit, schlug Faye vor.

Gut, sagte Indy.

Faye langte nach unten und hob die Bibel auf.

Waren Sie gerade dabei, Ihre Gebete zu sprechen?, fragte sie.

Ich habe &#252;ber den Stab des Aaron gelesen, erkl&#228;rte Indy. Jetzt verstehe ich, warum Kaspar fasziniert war - es war der urspr&#252;ngliche Zauberstab. Mit seiner Hilfe konnte man Wasser finden, Plagen heraufbeschw&#246;ren, seine Feinde vernichten. Solange Moses ihn in die H&#246;he hielt, waren die Juden im Kampf unbesiegbar.

Faye l&#228;chelte.

Als ich noch ein Kind war, erz&#228;hlte Faye, schloss ich oft die Augen, schlug die Bibel auf und las aufs Geratewohl einen Vers.

Jetzt kommt mir das ziemlich albern vor. Aber die Verse schienen stets einen Sinn zu ergeben.

Und jetzt nicht mehr?

Nein, erwiderte sie.

Was hat sich Ihrer Meinung nach ge&#228;ndert?

Ich selbst, sagte Faye. Ich bin erwachsen geworden.

Kinder besitzen die Gabe magischen Denkens.

Sie glauben nicht an Magie, Dr. Jones?

Kommt ganz darauf an, wie man sie definiert, meinte Indy.

Wenn Sie damit die Art von Unterhaltung meinen, die von einem Publikum, das es eigentlich besser wissen sollte, ein freiwilliges Au&#223;erkraftsetzen seiner Kritikf&#228;higkeit erfordert, dann lautet meine Antwort >ja<, daran habe ich meine Freude.

Nein, sagte sie. Ich spreche von wahrer Magie.

Falls die Wissenschaft uns &#252;berhaupt etwas gelehrt hat, entgegnete Indy, dann, dass es dergleichen nicht gibt. Magie, Aberglaube - diese Dinge geh&#246;ren der Vergangenheit an.

Wissenschaft ist auch nichts weiter als ein Glaubenssystem, meinte Faye. Es ist ein gutes System, aber nicht das einzige.

Au&#223;erdem erkl&#228;rt sie l&#228;ngst nicht alles. Glauben Sie an Gott, Dr. Jones?

Ja, sagte Indy.

Gut, meinte Faye. Wenigstens etwas. Sie setzen Ihren Glauben an die Wissenschaft vor&#252;bergehend au&#223;er Kraft, um Platz f&#252;r den Glauben an etwas zu schaffen, dessen Existenz Sie nicht beweisen k&#246;nnen, dessen Vorhandensein Sie aber aufgrund einer &#220;berzeugung als gegeben voraussetzen, die &#252;ber das rein Rationale hinausgeht. W&#228;re es so schwer, einzugestehen, dass Magie ebenfalls funktioniert?

Wenn es Beweise daf&#252;r g&#228;be, sagte Indy.

Faye l&#228;chelte.

Genau danach hat Kaspar gesucht, sagte sie. Andere suchen den Stab vielleicht wegen der Reicht&#252;mer und der Macht, die er einem verschaffen kann, aber Kaspar war auf etwas anderes aus. Er wollte eine Best&#228;tigung daf&#252;r, dass Magie funktioniert, dassnoch immer Wunder geschehen k&#246;nnen.

Der urspr&#252;ngliche Zauberstab.

Genau, sagte Faye.

Aber der ist in der Antike unrettbar verloren gegangen, sagte Indy. M&#246;glicherweise ist er sogar nichts als eine Legende.

Wenn, sagte Faye, dann handelt es sich um eine besonders gut dokumentierte Legende. Im Alten Testament ist mehrfach von ihm die Rede. Im Buch Exodus verwandelt er sich in eine Schlange und verschlingt das von den Magiern des Pharao herbeigezauberte Gew&#252;rm. Er verwandelt den Nil in Blut und wird dazu benutzt, die zehn Plagen &#252;ber &#196;gypten herbeizuflehen.

Fr&#246;sche, M&#252;cken und Schw&#228;rme von Fliegen, sagte Indy.

Eiternde Geschw&#252;re, gl&#252;hender Hagel und Heuschrecken. Den Tod des Viehs. Finsternis, die sich &#252;ber das Land senkt. Den Tod der Erstgeborenen &#196;gyptens. Aber selbst wenn Sie ihn f&#228;nden, fragte Indy, woher wollen Sie wissen, dass es sich um den echten Stab handelt? Wenn er tats&#228;chlich erhalten geblieben ist, w&#228;re er mittlerweile nichts weiter als ein altes, vertrocknetes St&#252;ck Holz.

Sie meinen, wie man ihn von einer F&#228;lschung unterscheiden k&#246;nnte?, fragte Faye. In der Bibel wird er als Zepter beschrieben, gefertigt aus Mandelholz, mit Aarons Namen darauf. Und dann bleibt nat&#252;rlich die Frage, wie viele alte, vertrockneteHolzst&#252;cke Wunder bewirken k&#246;nnen.

Das kann unm&#246;glich Ihr Ernst sein, sagte Indy.

Faye erwiderte seinen standhaften Blick.

Tja, meinte Indy, wenn er funktioniert, w&#252;rde das die Frage der Magie ein f&#252;r alle Mal kl&#228;ren, sch&#228;tze ich.

Faye l&#228;chelte und wollte gerade noch etwas hinzuf&#252;gen, als Mystery ins Zimmer st&#252;rzte.

Dr. Jones!, rief sie. Mutter! Kommt schnell. Drau&#223;en in der Lagune schwimmt ein Flugzeug.

Indy und Faye folgten Mystery nach drau&#223;en. Die Helligkeit des Sonnenlichts am Strand lie&#223; Indy blinzeln. Mitten in der Lagune schwamm, einer einsamen Ente auf einem Farmteich gleich, ein klobiges Flugboot. Es besa&#223; vier Motoren, die an seiner einen, oben liegenden Tragfl&#228;che angebracht waren. Der Rumpf hatte eher die Form eines Schiffes als die eines Flugzeugs, ein Effekt, der durch eine Reihe von Bullaugen noch unterstrichen wurde. Auf dem Bug, unterhalb der Cockpitfenster, standen in schwarzen Lettern die Worte Pan American. Unter der Tragfl&#228;che der Maschine lie&#223; die Besatzung soeben ein kleines Boot zu Wasser. Pascal erschien an Indys Seite.

Ich hatte nicht erwartet, dass Sie so fr&#252;h auf den Beinen sein w&#252;rden, in Anbetracht dessen, was Sie gestern alles durchgemacht haben, meinte er.

Wann ist das Flugboot angekommen?, fragte Indy. Vor wenigen Minuten, antwortete Pascal. Ich habe heute Morgen Verbindung mit der Augusta aufgenommen, erkl&#228;rte er, und die wiederum haben sich mit dem Flugboot in Verbindung gesetzt.

Ich wusste gar nicht, dass die Pan Am in diesem Teil der Welt einen Passagier dienst unterh&#228;lt, sagte Indy. Tut sie auch nicht, meinte Pascal. Ihre schnellen Passagiermaschinen sind, glaube ich, auf S&#252;damerika beschr&#228;nkt. Aber der Funker an Bord der Augusta meinte, sie seien gerade dabei, ein neues Flugzeug zu erproben.

Als sich das Beiboot dem Strand n&#228;herte, wurde Pascal unbehaglich zumute.

Wenn es Ihnen nichts ausmacht, meinte er, ich muss noch meine morgendlichen Pflichten erledigen.

Danke, sagte Indy.

Sie brauchen sich nicht zu bedanken.

Oh, ich denke doch, erwiderte Indy und reichte ihm die Hand. Pascal z&#246;gerte, schlie&#223;lich ergriff er sie.

Wir werden Ihre Freundlichkeit nicht vergessen, sagte Indy.

Pascal nickte, dann verschwand er in der H&#246;hle der Kirche.

Das Boot langte am Strand an, und der Matrose, der ruderte, zog die Riemen ein. Ein hoch gewachsener Mann in einer blauen Uniformjacke trat vom Bug in die Brandung.

Wie ich h&#246;re, haben Sie eine ziemlich anstrengende Reise hinter sich, sagte der Mann. Mein Name ist Ed Musick. Ich fliege f&#252;r die Pan American, wie Sie sehen. Wir waren gerade dabei, Flugtests mit der Sikorsky S-42 durchzuf&#252;hren. Prachtvolle Maschine, finden Sie nicht?

Allerdings. Ich habe schon seit Jahren kein Exemplar mehr zu Gesicht bekommen.

Wie bitte?, fragte Musick. Die S-42 ist gerade erst in Produktion gegangen.

Ich meinte das Flugboot, erkl&#228;rte Indy. Musick l&#228;chelte.

Im &#220;brigen waren wir gerade dabei, einige Flugstrecken und Landepl&#228;tze f&#252;r eine m&#246;gliche Chinaroute im n&#228;chsten Jahr zu erkunden, erkl&#228;rte er. Dann erhielten wir einen Funkspruch, in dem man uns bat, einige Personen zu bergen, die vor einem Unwetter Schutz gesucht haben. .

Das d&#252;rften wir sein, sagte Indy. Captain Musick, das sind Faye Maskelyne und ihre Tochter Mystery.

Meine Damen, sagte Musick und tippte an seinen Hut. Ich f&#252;rchte, wir k&#246;nnen Sie nicht in die Staaten zur&#252;ckbringen, da wir noch nicht f&#252;r die Bef&#246;rderung von Passagieren eingerichtet sind. Aber unser n&#228;chster Halt ist Kalkutta, und von dort aus sollten Sie keine Schwierigkeiten haben, eine Fahrkarte zur&#252;ck nach Hause zu bekommen.

Das w&#228;re eine gro&#223;e Hilfe, sagte Indy.

Sind Ihre Leute so weit?, fragte Musick. Der Funker meinte, Sie seien zu viert.

Wir sind so gut wie fertig, erwiderte Indy.

Was machen wir mit Leutnant Musashi?, wollte Faye wissen.

Wir k&#246;nnen sie unm&#246;glich hier lassen, antwortete Indy. Wir nehmen sie mit nach Kalkutta und setzen sie an der japanischen Botschaft ab.

Eine japanische Staatsangeh&#246;rige?, fragte Musick.

Die einzige weitere &#220;berlebende von unserem Schiff, best&#228;tigte Indy.

Ich gehe und nehme ihr die Fesseln ab, erbot sich Faye.

Sie ist gefesselt?, fragte Musick.

Warten Sie's ab, meinte Indy. Wenn Sie sie erst kennen gelernt haben, werden Sie verstehen.

Als das Flugboot in den blauen Himmel &#252;ber der Lazarus-Insel stieg, lie&#223; Indy sich in den gut gepolsterten Sitz sinken und zog sich die Krempe seines Filzhuts &#252;ber die Augen.

Faye und Mystery dr&#228;ngten sich am Fenster und blickten hinunter auf die tiefblaue Lagune, Indy dagegen hatte schon in so vielen Flugzeugen gesessen, dass solche Anblicke zur Routine geworden waren. Stattdessen dachte er dar&#252;ber nach, wie er nach ihrer Ankunft in Kalkutta das Telegramm an Marcus Brody formulieren sollte und wo sie unterkommen sollten, bis das Geld eintraf.

Auf der anderen Seite des Mittelganges, die H&#228;nde gefesselt, die Augen aber hell und klar, sa&#223; Musashi. Sie war ebenfalls mit Pl&#228;neschmieden besch&#228;ftigt.



KAPITEL SECHS

Jadoo


Indy zog Musashi an der Hand durch die Menschenmassen, die die Innenstadt von Kalkutta verstopften, dichtauf gefolgt von Faye und Mystery. &#220;ber dem verwirrenden Gemisch aus Bengali, Hindi und Urdu - Sprachen, die jeder so laut und hektisch wie m&#246;glich zu sprechen schien - h&#246;rte man das L&#228;rmen von Hupen und das unabl&#228;ssige Gebrumm der Busse, das Getrappel zehntausender F&#252;&#223;e und die allgegenw&#228;rtigen Rufe der Bettler am Stra&#223;enrand. Das ist die lauteste Stadt, die ich je erlebt habe, meinte Faye. Und au&#223;erdem die &#228;rmste, sagte Indy. Diese Menschen schlafen zu tausenden auf der Stra&#223;e, weil sie keinen anderen Platz haben, wo sie hingehen k&#246;nnen. Die meisten, die das Gl&#252;ck haben, ein Zuhause zu besitzen, leben in den bustees, den Elendsvierteln, in denen es weder flie&#223;endes Wasser noch eine Kanalisation gibt. Hunger und Krankheiten nehmen hier &#252;berhand.

Nachdem die Depression um sich gegriffen hatte, dachte ich, Oklahoma sei ein hartes Pflaster, sagte Faye. Aber je mehr ich von der Welt sehe, desto gl&#252;cklicher sch&#228;tze ich mich, Amerikanerin zu sein. Vergessen Sie dieses Gef&#252;hl niemals, rief Indy nach hinten.

Nachdem sie sich an jeder Ecke, an die sie kamen, nach dem Weg erkundigt hatten, fanden sie die japanische Botschaft schlie&#223;lich verborgen vor den wimmelnden Menschenmengen hinter einem von zwei Soldaten der kaiserlichen Armee bewachten Eisentor.

Also gut, sagte Indy, w&#228;hrend er den Strick l&#246;ste, mit dem Musashis H&#228;nde an seine gefesselt waren, da w&#228;ren wir. Sayonara.

Sie stand vor dem Tor und rieb sich die Handgelenke.

He!, rief Indy, den Wachen mit den Armen zuwinkend.

Hai! Kommt und holt sie ab. Sie ist eine von euch!

Sie h&#228;tten mich umbringen sollen, als Sie die Gelegenheit dazu hatten, bemerkte Musashi.

Indy beugte sich dicht zu ihr hin.

Daf&#252;r ist immer noch Zeit, sagte er.

Die Wachen schl&#246;ssen das Tor auf, und Musashi trat ein. Sie ging sofort dazu &#252;ber, Befehle auf Japanisch zu belfern und dabei auf Indy zu zeigen.

Sie werden es doch wohl nicht wagen, sagte Indy.

Und ob sie es wagen, sagte Faye, als die Soldaten auf sie zukamen.

 Lauft!, rief Indy.

Im Nu waren sie im Gedr&#228;nge nicht mehr zu sehen. Die Soldaten, nicht bereit, sich aus der Sichtweite der Botschaft zu entfernen, blieben am Ende der H&#228;userzeile stehen.

Feiglinge, zischte Musashi, als sie zur&#252;ckkehrten.

Nach zwanzigmin&#252;tigem Feilschen mit einem Pfandleiher gelang es Indy, seine Armbanduhr f&#252;r zehn Dollar zu versetzen. Anschlie&#223;end schickte er vom B&#252;ro der Western Union, unmittelbar neben dem Pfandleiher gelegen, ein Telegramm nach New York. Dessen K&#252;rze war nicht nur wegen des heiklen Zustandes ihrer Finanzen geboten, sondern auch wegen Indys Abneigung gegen lange Erkl&#228;rungen:

AN : MARCUS BRODY, AMERICAN MUSEUM OF NATURAL

HISTORY

VON: INDIANA JONES

BIN IN KALKUTTA, BRAUCHE DRINGEND GELD. STOP.

KEINE FRAGEN, ERKL&#196;RE ALLES SP&#196;TER. STOP .

Im Touristenb&#252;ro erkundigten sie sich nach der billigsten und sichersten M&#246;glichkeit, die Nacht zu verbringen. Sie wurden zum Atlas House geschickt, einem leicht heruntergewirtschafteten, aber immer noch soliden Hotel, das haupts&#228;chlich Englisch sprechende Handelsreisende der Mittelschicht beherbergte. Das Atlas verlangte zwei Dollar pro Nacht, Verpflegung inklusive. Sie trugen sich f&#252;r zwei Zimmer ein.

Als der Portier auf ihre Namen blickte, zog er die Brauen hoch.

Etwas nicht in Ordnung?, fragte Indy.

Nein, erwiderte der Portier. Es ist nur so, dass Maskelyne ein Name ist, den man nicht h&#228;ufig sieht. Vor drei, vier Jahren hatte ich mal einen Maskelyne hier wohnen, wenn ich mich recht erinnere.

Kaspar Maskelyne?, frage Faye.

Ich glaube, ja, sagte der Portier.

Sind Sie sicher?, fragte Faye. Es ist sehr wichtig.

Der Portier holte ein altes Melderegister unter der Theke hervor und begann, die Seiten umzubl&#228;ttern. t;

Richtig, hier ist es, sagte er und drehte das Melderegister herum, sodass Faye den Eintrag lesen konnte. 14. Februar 1930. Valentinstag. Er wohnte in einem der Zimmer, die Sie jetzt haben.

Faye fuhr mit dem Finger &#252;ber die Unterschrift.

Welches Zimmer war das?, fragte sie.

Ihres, sagte der Portier. Zweihundertsieben. Sind Sie mit ihm

verwandt?

Ich bin seine Frau, antwortete sie, eine Tr&#228;ne unterdr&#252;ckend.

Dies ist seine Tochter.

Und wer ist das? erkundigte sich der Portier nach Indy.

Ein Freund, sagte Faye. Er hilft uns bei der Suche. Mein Mann ist verschollen.

Wieso erinnern Sie sich &#252;berhaupt an Kaspar?, wollte Indy wissen. Sie haben doch sicher jedes Jahr hunderte von G&#228;sten.

Nun, nicht &#252;berm&#228;&#223;ig viele davon sind Magier, meinte der Portier. Manchmal hat er abends kleine Vorstellungen hier drau&#223;en im Eingangsbereich gegeben und sich mit den Leuten &#252;ber Magie und dergleichen mehr unterhalten. Ein &#252;beraus freundlicher Bursche. Er hat ungef&#228;hr eine Woche hier gewohnt.

Erinnern Sie sich an sonst noch was?, fragte Faye.

Er fragte mich, ob ich jemals von einem Mann namens Jadoo geh&#246;rt h&#228;tte, sagte er. Klar, sage ich, von dem alten Jadoo, dem ber&#252;hmtesten Magier Indiens, hat jeder schon geh&#246;rt. Er fragte, ob ich helfen k&#246;nnte, eine Adresse auf der Bengali zu finden. Das liegt am Rand eines der bustees und ist nicht leicht zu finden, wenn man nicht genau wei&#223;, wonach man sucht.

H&#228;tten Sie einen Bleistift und ein St&#252;ck Papier?, fragte Faye.

Aber sicher.

W&#252;rde es Ihnen etwas ausmachen, uns den Weg dorthin zu beschreiben?

Ganz und gar nicht, sagte der Portier. Er schrieb die

Wegbeschreibung auf und meinte dann: In dieser Gegend sollten Sie sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht erwischen lassen. Ich w&#252;rde bis morgen warten.

Wir k&#246;nnen nicht sofort hingehen?, fragte Mystery.

Er hat Recht, meinte Indy. Warten wir bis morgen fr&#252;h.

Mutter, sagte Mystery. Dies ist der erste brauchbare Hinweis, den wir bis jetzt erhalten haben. Wir haben vier Jahre lang gewartet, sagte Faye. Auf eine Nacht mehr kommt es jetzt nicht mehr an. Au&#223;erdem bin ich m&#252;de und hungrig, und schlie&#223;lich k&#246;nnen wir keinen Magierkollegen aufsuchen, solange wir wie die Opfer eines Schiffbruchs aussehen - was wir genau genommen nat&#252;rlich sind.

Sie entdeckten das Gesch&#228;ft in einer engen Seitenstra&#223;e. Zweimal waren sie bereits daran vorbeigelaufen, bevor Mystery auf einer verblichenen roten T&#252;r die winzigen Zahlen bemerkte, 707. Die T&#252;r f&#252;hrte zu einem Treppenlauf mit ausgetretenen Stufen, die wiederum zu einer weiteren, massiveren T&#252;r im dritten Stock hinauff&#252;hrten. An dieser T&#252;r - die aus Eichenholz gefertigt war -befand sich ein sorgsam poliertes Namensschild aus Messing -Jadoo: Zauberer von Weltrang. Nur nach Terminabsprache. Und wie trifft man eine Terminabsprache?, fragte sich Mystery verwundert.

Finden wir es heraus, sagte Indy und klopfte laut und vernehmlich an die T&#252;r.

Nach wenigen Augenblicken ging in der T&#252;rmitte eine Klappe auf. Ein blutunterlaufenes Augenpaar sp&#228;hte heraus. Wir m&#246;chten Jadoo sprechen, erkl&#228;rte Indy. Ich bin Indiana Jones, und das hier sind -

Tut mir aufrichtig Leid, sagte die qu&#228;kige, zu den blutunterlaufenen Augen geh&#246;rende Stimme im Tonfall der britischen Kolonien. Nur nach Terminabsprache. Die Klappe wurde ger&#228;uschvoll zugeschlagen. Indy klopfte abermals an, ein wenig h&#228;rter diesmal. Die Klappe &#246;ffnete sich.

Sie verstehen nicht, sagte Indy mit bem&#252;hter H&#246;flichkeit. Wir m&#252;ssen Jadoo, den Zauberer, in einer &#228;u&#223;erst wichtigen Angelegenheit sprechen. Wir haben nicht die Zeit, einen Termin zu machen.

Nur nach Terminabsprache, beschied die Stimme ihnen knapp.

Die Klappe wurde erneut zugeschlagen.

Indy rieb sich das Kinn, betrachtete die geschlossene T&#252;r, dann h&#228;mmerte er mit den Kn&#246;cheln der geballten Faust dagegen. Die Klappe blieb geschlossen. Er versuchte es erneut, diesmal so heftig, dass der Putz von der bejahrten Decke rieselte.

H&#246;ren Sie auf, sagte Faye.

Ich dachte, Sie wollten diesen Kerl sehen, erwiderte Indy.

Das tue ich auch, sagte sie, aber nicht, indem ich sein Haus einrei&#223;e.

Dann versuchen Sie es, forderte Indy sie auf.

Verzeihen Sie, sagte Faye und klopfte behutsam an die Klappe.

Es tut uns entsetzlich Leid, dass wir Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten, und mir ist auch bewusst, dass alle Besucher einen Termin ben&#246;tigen. Aber wenn Sie so freundlich w&#228;ren, Jadoo auszurichten, dass die Maskelynes hier sind, um -

Die Klappe wurde ruckartig aufgerissen.

Wie war gleich der Name, den Sie erw&#228;hnten?

Maskelyne, wiederholte Faye. Ich bin Faye Maskelyne, die Gattin des gro&#223;en Magiers Kaspar Maskelyne, und dies ist unsere Tochter Mystery.

Hallo, sagte Mystery.

Die Klappe wurde zugeschlagen, und man h&#246;rte das Rasseln von Ketten und das Schnappen von Schl&#246;ssern, die entriegelt wurden.

Die T&#252;r ging auf, und ein schm&#228;chtiger Inder in einer wei&#223;en Jacke dr&#228;ngte sie mit einer Handbewegung, einzutreten.

Ich bin der Diener des Meisters, sagte der Mann. Nennen Sie mich Pasha. Danke, sagte Faye.

Sie befanden sich in einem verschwenderisch eingerichteten Empfangszimmer, das mit Erinnerungsst&#252;cken an mehrere Jahrzehnte der Magie vollgestellt war. Die Regale waren gef&#252;llt mit B&#252;chern &#252;ber Magie in mehreren Sprachen und quollen &#252;ber vor Requisiten und anderen Ger&#228;tschaften. Unmittelbar nach ihrem Eintreten schloss und verriegelte der Diener hinter ihnen die T&#252;r.

Tut mir Leid, meinte er, aber der Meister ist zurzeit nicht zu Hause. Er wird jedoch sehr bald zur&#252;ck sein, und ich bin sicher, dass er Sie empfangen m&#246;chte. Wollen Sie vielleicht warten?

Wir werden warten, sagte Faye. Sehr wohl, sagte Pasha. Darf ich Ihnen eine Erfrischungreichen? Tee, vielleicht? Das w&#228;re freundlich, sagte Faye. Sehr wohl, wiederholte Pasha, legte die H&#228;nde aneinander und machte eine winzige Verbeugung. Dann entfernte er sich r&#252;ckw&#228;rts gehend aus dem Zimmer. Hier sieht es aus wie in einem Museum, sagte Mystery, als sie einen aus einem menschlichen Sch&#228;del gefertigten Trinkpokal zur Hand nahm, der auf einem silbernen Fu&#223; befestigt war. Der Sch&#228;del sa&#223; verkehrt herum und war entlang der Oberkieferlinie in zwei H&#228;lften geteilt worden, sodass die offen liegende Hirnschale den Kelch des Pokals bildete. Augen- und Nasenh&#246;hlen waren mit getriebenem Gold ausgekleidet. Der Sch&#228;del war gebleicht und poliert worden, bis er eine an Elfenbein erinnernde Helligkeit angenommen hatte, die Z&#228;hne wirkten allerdings ein wenig gelb. Einer der Backenz&#228;hne wies eine goldene Krone auf. Ist der echt?, fragte sie. Indy nahm ihn in die Hand. In die Innenseite der Hirn-

schale hatte man Furchen f&#252;r jene Blutgef&#228;&#223;e eingeritzt, die im lebendigen Zustand das Gehirn mit Blut versorgt hatten. Ich f&#252;rchte, ja, sagte Indy.

Igitt, entfuhr es Mystery. Sie zog ein Gesicht und wischte sich die Handfl&#228;chen an ihren Jeans ab. Wer k&#246;nnte so verschroben sein, dass er aus einem menschlichen Sch&#228;del trinken will? Er wird f&#252;r magische Rituale benutzt, erkl&#228;rte Indy. Das ist bei primitiven V&#246;lkern in der ganzen Welt gebr&#228;uchlich. Die Vorstellung besagt, dass man, wenn man den Sch&#228;del seines Feindes zu einem Kelch gestaltet, mit jedem Schluck daraus symbolisch seine Kraft zu sich nimmt. Er ist bestimmt nur ein St&#252;ck aus der Sammlung. Faye nahm Indy den Pokal aus der Hand. Bei manchen St&#228;mmen ist es ein Zeichen des Respekts und sogar der Verehrung, sagte sie. Je m&#228;chtiger dein Feind, desto gr&#246;&#223;er muss man demzufolge selber sein. Wie barbarisch, meinte Mystery. Hmm, sagte Faye. Im Gegensatz zu den anderen Gegenst&#228;nden ist er nicht eingestaubt. Sie wollen doch nicht etwa andeuten ..., sagte Indy.

Faye fuhr mit dem Mittelfinger durch die Innenseite der Hirnschale und probierte.

Wein, meinte sie. Wei&#223;. Nicht &#252;berm&#228;&#223;ig alt, w&#252;rde ich sagen.

Na, gro&#223;artig, meinte Indy. Faye stellte den Pokal zur&#252;ck ins Regal. Hoffen wir, sagte sie, dass der Besitzer dieses Sch&#228;dels bereits tot war, als Jadoo seinen Kopf als Trinkgef&#228;&#223; begehrte. Ich frage mich, ob er einen Termin hatte, sagte Indy. Wir werden ihn fragen, sagte Faye. Pasha kehrte mit einem Tablett zur&#252;ck. Aus einer silbernen Kanne goss er starken britischen Tee in drei Tassen.

Faye nahm die dampfende Tasse, die ihr gereicht wurde, entgegen, Indy aber lehnte ab.

Ich auch nicht, sagte Mystery.

Nein?, fragte Pasha. Darf ich der jungen Dame ein wenig Milch holen, und dem Gentleman vielleicht etwas Wein?

Mystery sch&#252;ttelte den Kopf.

Nein, danke, antwortete Indy mit einem L&#228;cheln. Ich bin nicht durstig.

Ganz wie Sie w&#252;nschen, sagte Pasha. Ich erwarte den Meister in K&#252;rze zur&#252;ck. Gibt es vielleicht etwas anderes, das ich bis dahin f&#252;r Ihr Wohlbefinden tun kann?

Da w&#228;re tats&#228;chlich etwas, sagte Indy. Wir erwarten heute Nachmittag ein Telegramm aus den Staaten. K&#246;nnten Sie im B&#252;ro der Western Union anrufen und darum bitten, dass man es hierher weiterleitet?

Wir haben kein Telefon, erwiderte Pasha. Aber ich werde einen Boten zum Telegrafenamt schicken. Auf welchen Namen wird die Nachricht ausgestellt sein?

Auf meinen, sagte Indy.

Sehr wohl, Dr. Jones.

Indy musterte Pashas Augen, doch der hielt seinem Blick stand.

Sie m&#252;ssen &#252;ber ein ph&#228;nomenales Ged&#228;chtnis verf&#252;gen, sagte Indy.

Ich bitte um Verzeihung, Sir?

Ich erinnere mich nicht, Ihnen gesagt zu haben, dass ich Professor bin.

Wir empfangen hier auf telegrafischem Weg durchaus Nachrichten, selbst in Kalkutta, sagte Pasha. Der w&#228;re ein schlecht informierter B&#252;rger des Britischen Imperiums, der nicht den Namen des ber&#252;hmten Arch&#228;ologen kennt.

Pasha entfernte sich r&#252;ckw&#228;rts aus dem Zimmer. Sie trauen ihm. nicht, stellte Faye fest.

Es gibt nicht viele Menschen, denen ich traue, erwiderte Indy. Als er Mysterys Blicke daraufhin in seinem Nacken sp&#252;rte, f&#252;gte er hinzu: Anwesende ausgeschlossen.

Man h&#246;rte das Ger&#228;usch einer T&#252;r, die irgendwo nicht weit entfernt geschlossen wurde, sowie ged&#228;mpfte Stimmen, gefolgt von n&#228;her kommenden Schritten. Ein hoch gewachsener, wei&#223;haariger Mann, bekleidet mit einem schwarzen Turban und einem wei&#223;en Jackett, betrat das Zimmer. Seine Haut hatte die Farbe von Waln&#252;ssen, seine Augen jedoch waren von einem durchdringenden Blau.

G&#228;ste, rief er. Verzeihen Sie, dass ich Sie habe warten lassen.

Wenn ich gewusst h&#228;tte, dass Sie hier warten, h&#228;tte ich mich beeilt. Bitte kommen Sie durch in mein eigentliches B&#252;ro.

Danke, sagte Faye.

Sie folgten ihm in einen dunklen, reichhaltig mit Teppichen ausgelegten Raum, in dem tr&#228;ge ein Deckenventilator kreiste. Der Magier lie&#223; sich in einem &#252;ppig gepolsterten Sessel nieder und nahm eine Zigarre aus einer h&#246;lzernen Kiste auf einem Beistelltisch, dann hielt er die Kiste Indy hin.

Nein, danke, sagte Indy. Ich rauche nicht.

Aber ich, sagte Faye.

Wie Sie w&#252;nschen, sagte Jadoo und lie&#223; sie eine Zigarre ausw&#228;hlen.

Jadoo z&#252;ndete die Zigarre mit einem Streichholz an, dann gab er die Streichh&#246;lzer an Faye weiter. Sie biss ein Zigarrenende ab und saugte dann die Flamme in das andere Ende.

Ich wusste gar nicht, dass du rauchst, Mutter.

Ich war gezwungen, es aufzugeben, erwiderte Faye, als der Rauch, vom Ventilator nach oben gezogen, sich um ihren Kopf kr&#228;uselte. Amerikanische Zigaretten sind schwer zu bekommen, und das hiesige Kraut, das man hier raucht, stinkt zu abscheulich.

Mein Gott, ist die stark.

Jadoo feixte.

Von Ihnen habe ich bereits geh&#246;rt, Dr. Jones. Und was Sie betrifft, Madam, so berichtet mir Pasha, Sie seien die Gemahlin meines Berufskollegen, Kaspar Maskelyne. Womit kann ich Ihnen dienen?

Der Grund, weshalb wir hergekommen sind, ist mein Mann, erkl&#228;rte Faye. Man erz&#228;hlte uns, er habe Sie m&#246;glicherweise vor seinem Verschwinden vor gut vier Jahren aufgesucht.

Jadoo paffte an seiner Zigarre.

Richtig, sagte er. Selbstverst&#228;ndlich erinnere ich mich an ihn. Er verbrachte einen ganzen Tag bei mir, 1930 war das, glaube ich. Er ist verschwunden? Tut mir Leid, das zuh&#246;ren.

Wir hatten gehofft, sagte Indy, Sie k&#246;nnten uns mitteilen, um was es bei Ihrer Unterredung mit ihm im Wesentlichen ging, um so ein paar zus&#228;tzliche Informationen f&#252;r unsere Suche zu erhalten.

Ach, das liegt so lange zur&#252;ck, sagte Jadoo. Au&#223;erdem ist mein Ged&#228;chtnis nicht mehr das, was es einmal war, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. Das Erstaunlichste an unserer Unterhaltung war eigentlich, dass sie so angenehm verlief. Wir haben selbstverst&#228;ndlich &#252;ber die Geschichte der Zauberei gesprochen, und er machte sich Notizen f&#252;r ein Buch, an dem er, wie er sagte, gerade arbeitete.

Ein Buch?, fragte Faye. Von einem Buch hat er mir nie erz&#228;hlt.

Augenblick, lassen Sie mich nachdenken, sagte Jadoo und schloss die Augen. Mir scheint tats&#228;chlich, dass in unserem Gespr&#228;ch von einem Buch die Rede war. Wir haben uns &#252;ber so viele Dinge unterhalten.

Kaspar war nicht der Typ, der ein Buch in Angriff nehmen w&#252;rde, meinte Faye. Er war eher der Typ des Abenteurers als der des Gelehrten. Tats&#228;chlich habe ich vor seinem Verschwinden ganze drei Briefe von ihm erhalten, und darin war er aufreizend kurz angebunden. Ich habe mir oft gew&#252;nscht, er w&#252;rde mehr dazu neigen, seine Aktivit&#228;ten schriftlich festzuhalten, denn das h&#228;tte die Suche nach ihm erheblich einfacher gemacht.

Jetzt erinnere ich mich, sagte Jadoo. Er schrieb nicht an einem Buch &#252;ber alte Magie, sondern er war auf der Suche nach einem solchen. Der Titel war mir nicht gel&#228;ufig, da es sich offenkundig eher mit Religion als mit Magie befasste.

Konnten Sie ihm einen Tipp geben?, fragte Indy.

Ja. Er fragte mich nach sehr alten Hindu-Texten, und ich konnte etwas &#252;ber Sanskrit erz&#228;hlen. Wir sprachen auch &#252;ber den nahezu in allen Religionen der Welt verbreiteten Glauben, dass es ein Buch oder Schrifttafeln gebe, auf denen die Geschichte jedes Menschen verzeichnet ist, der jemals leben wird.

Das Omega-Buch, sagte Faye.

So wird es in einigen Kulturen genannt, meinte Jadoo. Die alten &#196;gypter glaubten zum Beispiel, es gebe in der Stadt Heliopolis, in der N&#228;he Kairos, eine gewaltige heilige S&#228;ule mit Namen Annu, die dort schon vor Anbeginn der Zivilisation gestanden habe und die auf 36.535 in ihrem Innern verborgenen Schriftrollen geheimes Wissen berge. Dieses Wissen k&#246;nne nur verdienten Pers&#246;nlichkeiten und nur zum Wohl der Welt offenbart werden.

Indy musste lachen. Das ist eine Metapher, sagte er. Die 36.535 Schriftrollen stehen f&#252;r die 365 Tage des Jahres, plus dem Bruchteil eines Tages, und einigen Auslegungen zufolge birgt das Wissen nicht die S&#228;ule selbst, sondern der Himmel - mit anderen Worten, die Sterne.

Wie im Himmel, also auch auf Erden, zitierte Jadoo eine verbreitete okkulte Weisheit. Angeblich suchte Plato den Tempel Neith auf, dessen geheime Hallen historische Aufzeichnungen enthielten, die dort mehr als neuntausend Jahre lang aufbewahrt wurden. Der Historiker Manetho, der eine heute noch gebr&#228;uchliche Zeittafel der Pharaonen und Dynastien erstellte, soll seine Geschichte angeblich gewissen S&#228;ulen entnommen haben, auf die er an unterirdischen Orten gesto&#223;en war und auf denen Hermes das heilige Wissen niedergeschrieben hatte.

Von diesen Legenden habe ich geh&#246;rt, sagte Indy. Auch von der &#252;ber Edgar Cayce, dem so genannten schlafenden Propheten, der vorhersagte, man werde unter den Pranken der Sphinx einen >Saal der Aufzeichnungen< finden, der die Geschichte einer untergegangenen Zivilisation enth&#228;lt. Ganz recht, sagte Jadoo. Wir unterhielten uns auch &#252;ber einige bedeutende arch&#228;ologische Funde, und dass bei vielen von ihnen offenbar eher Magie als Wissenschaft im Spiel war. Erstaunlich, nicht wahr, an wie vielen Entdeckungen drei Personen beteiligt waren - ein betr&#252;gerischer Arch&#228;ologe, sein Geldgeber und die noch nicht ganz vollj&#228;hrige Tochter seines Auftraggebers. Das Grab des Tut-Ench-Amun, sagte Indy, oder der Kristallsch&#228;del von Lubantuun. Genau, best&#228;tigte Jadoo. Zweifellos ist hier eine geheimnisvolle Macht am Werk, die vollst&#228;ndig zu begreifen die Wissenschaft nicht f&#228;hig ist. Schlie&#223;lich spielt das Gl&#252;ck beim Graben in der Erde eine au&#223;erordentliche Rolle, finden Sie nicht auch?

Als Sie sich mit Kaspar &#252;ber dieses alte Buch unterhielten, fragte Indy, war da im Zusammenhang mit dem Auffinden noch von etwas anderem als Gl&#252;ck die Rede? Ja, sagte Jadoo, vom Stab des Aaron. Wieso war Kaspar der Meinung, der Stab werde ihm dabei helfen, diese Aufzeichnungen zu finden?, wollte Indy wissen. Schlie&#223;lich haben wir es mit untereinander nicht verwandten theologischen Systemen zu tun.

Weil man mithilfe dieses Stabes alles zu finden vermag, antwortete Jadoo. Die Juden, zum Beispiel, fanden mit seiner Hilfe in der W&#252;ste Wasser; man klopft damit auf einen Fels, und eine Quelle sprudelt hervor. Kaspar war &#252;berzeugt, eine solche g&#246;ttliche F&#252;gung sei erforderlich, um die richtige Stelle im Sand zu finden. Schlie&#223;lich gleicht der Vorgang dem Versuch, eine Nadel im Heuhaufen zu finden, wie Ihr Amerikaner sagt. Der Glaube an den Stab hat im Islam, im Judentum und in der Christenheit Tradition, erwiderte Indy. Aaron war angeblich 123 Jahre alt, als er starb und am Berg Horeb beigesetzt wurde. &#220;ber den Ort, wo sich der Stab zuletzt befand, schweigen die Texte. Nicht alle, wandte Jadoo ein. Sie sind im Besitz von Informationen, die Sie bereit w&#228;ren, uns mitzuteilen? Jadoo zuckte die Achseln. Ger&#252;chten und Legenden aus dem Volk nachzujagen ist, als wollte man den Wind einfangen, erwiderte er. Es existiert allerdings eine Geschichte &#252;ber den Stab, die sich hartn&#228;ckig h&#228;lt, und derzufolge er von einem Stamm von Teufelsanbetern im Irak verehrt wird, die man Yezidi nennt. Teufelsanbeter?, fragte Mystery. Warum sollten sie etwas verehren, das so eng mit der biblischen Geschichte des Auszugs der Juden aus &#196;gypten verbunden ist?

Weil Aaron und seine Schwester, eine Magierin mit Namen Miriam, ihren Glauben verlor, als ihr Bruder Moses sich auf dem Berg befand, wo er von Gott die Zehn Gebote &#252;berreicht bekam, sagte Indy. Sie bedr&#228;ngten die Juden, das Goldene Kalb zu erschaffen und als G&#246;tzen zu verehren. Die Yezedi sind ein au&#223;ergew&#246;hnliches Volk, fuhr Jadoo fort. Sie haben sich in einer entlegenen Bergregion im Norden Bagdads niedergelassen, zu der Fremde absolut keinen Zutritt haben. Ich erkl&#228;rte Kaspar, er t&#228;te gut daran, sich in Acht zu nehmen, wenn er bei ihnen eintrifft, da sie leicht in Zorn geraten und f&#252;r Vernunft nicht zug&#228;nglich sind. Wie nennen es die Amerikaner gleich? Eher w&#252;rden sie jemandem die Kehle durchschneiden, als ihm ins Gesicht zu sehen.

Kaspar hatte also vor, in den Irak zu reisen? Ja, ich glaube, so lautete sein Plan, sagte Jadoo. Aber genau wei&#223; ich es nicht, schlie&#223;lich habe ich seitdem nichts mehr von ihm geh&#246;rt. Au&#223;erdem hat er seine Reiseroute mit mir nicht abgesprochen.

Danke, sagte Faye, w&#228;hrend sie die Asche ihrer Zigarre im Aschenbecher abklopfte. Sie haben uns den ersten echten Hinweis &#252;ber den Aufenthaltsort meines Mannes geliefert.

Ich w&#252;nschte nur, ich k&#246;nnte genauere Angaben machen, entschuldigte sich Jadoo. Eine Frage h&#228;tte ich noch, sagte Faye.

Nur zu, forderte Jadoo sie auf.

In Ihrer Sammlung im Nachbarzimmer befindet sich ein aus einem menschlichen Sch&#228;del hergestellter Pokal, sagte sie. Uns fiel auf, dass er, im Gegensatz zu den anderen St&#252;cken, nicht eingestaubt war. Au&#223;erdem roch er nach Wein.

Verstehe, sagte Jadoo und l&#228;chelte. Und da haben Sie sich gefragt, ob ich, um meinem Namen gerecht zu werden, daraus Erfrischungen zu mir nehme? Nein, es tut mir Leid, da muss ich Sie entt&#228;uschen. Ich habe diese Reliquie vor einigen Jahren in Tibet erstanden, und durch Nachl&#228;ssigkeit geschah es, dass eine M&#228;usefamilie sich darin einnistete. Als ich dies vergangene Woche bemerkte, bat ich Pasha, ihn zu reinigen. Er verwendete dazu Essig, daher der Geruch.

Das erkl&#228;rt es, sagte Faye.

Was meinen Sie mit >um meinem Namen gerecht zu werden<?, wollte Mystery wissen.

Der Magier wirkte verlegen.

Jadoo, erl&#228;uterte Indy, bedeutet >Schwarze Magie<.

Ein Name, den ich mir f&#252;r die B&#252;hne zugelegt habe, sagte der Magier.

An der T&#252;r klopfte es, und Pasha trat ins Zimmer. In der Hand hatte er ein Tablett, und auf dem Tablett lag ein schweres, gelbes St&#252;ck Papier, so gefaltet, dass es seinen eigenen Umschlag bildete.

Verzeihung, sagte er. Eine Nachricht f&#252;r Dr. Jones.

Danke, sagte Indy.

Indy &#246;ffnete das Telegramm und las.

Es ist von Marcus Brody, sagte er mit beinahe brechender Stimme. Er schreibt, er sei untr&#246;stlich zu erfahren, dass ich in Indien statt in China bin, er dennoch einen Geldtransfer zur hiesigen Britischen Handelsbank veranlasst habe. Ich brauche nichts weiter zu tun, als zur Bank zu gehen und unser &#252;bliches Kodewort anzugeben.

Sie scheinen &#252;berrascht zu sein, von Ihrem alten Freund zu h&#246;ren, meinte Faye.

&#220;berrascht nicht, erwiderte Indy. Nur von Heimweh ergriffen.

Sie haben ein Kodewort?, fragte Mystery.

Ja, antwortete Indy stolz. Eine Ged&#228;chtnisst&#252;tze, die wir uns gemeinsam ausgedacht haben, etwas aus unserer Kindheit. Er ist wirklich praktisch.

Und was ist, wenn jemand es err&#228;t?, fragte sie.

Das wird mit Sicherheit nicht geschehen, erwiderte er. Das Kodewort ist Bestandteil eines Satzes, und jedes Mal, wenn wir ihn benutzen, r&#252;ckt es um eine Position weiter. Oh, verdammt.

Was haben Sie, Dr. Jones, erkundigte sich Faye. Sie sehen pl&#246;tzlich so blass aus.

Ich wei&#223; nicht mehr, an welcher Position des Satzes wir im Augenblick sind, stammelte er.

Also, Dr. Jones, sagte der Bankier freundlich. Mein Name ist Mr. Hyde, ich werde die &#220;berweisung aus Amerika beaufsichtigen. Eintausend amerikanische Dollar.

Sie sa&#223;en in einem elegant eingerichteten B&#252;ro der Britischen Handelsbank, w&#228;hrend Faye und Mystery drau&#223;en in der Eingangshalle warteten. Der Bankier schien ein wenig beunruhigt &#252;ber Indys ungepflegtes &#196;u&#223;eres und hatte darauf bestanden, dass er Peitsche und Revolver bei Faye zur&#252;cklie&#223;.

Gro&#223;artig, sagte Indy. Sie glauben gar nicht, was f&#252;r eine Hilfe das ist.

Unterschreiben Sie hier, bitte.

Er schob ein Formular zu Indy her&#252;ber. Indy unterzeichnete und datierte es, dann reichte er es zur&#252;ck.

Das Datum, meinte der Bankier.

Was? Oh, Verzeihung. Ich bin nach dem Jahreswechsel immer ein wenig im R&#252;ckstand.

Sie sind wohl eher ein Vierteljahrhundert voraus, bemerkte der Bankier.

Dazu gibt es eine komische Geschichte, sagte Indy.

Davon bin ich &#252;berzeugt, erwiderte der Bankier ohne jede Gef&#252;hlsregung. Haben Sie irgendetwas bei sich, womit Sie sich ausweisen k&#246;nnen? Ihr Pass w&#252;rde gen&#252;gen.

Tut mir Leid, nein, sagte Indy.

Sie reisen ohne Pass?

Der ging in dem Sturm verloren, der unser Schiff versenkt hat, sagte Indy.

Dann etwas anderes. Eine Geburtsurkunde?

Die geh&#246;rt nicht zu den Dingen, die ich normalerweise bei mir trage.

Dann vielleicht ein Bibliotheksausweis?

Ich sagte Ihnen doch, sagte Indy. Seine Augen funkelten, und seine Wangen begannen sich zu r&#246;ten. Ich habe alles w&#228;hrend des Taifuns verloren. Wir befinden uns hier in einer verzweifelten Lage, sonst h&#228;tte ich meinen Freund Marcus Brody wohl kaum in einem Telegramm um Geld gebeten.

Also gut, Dr. Jones, kein Grund, sich zu ereifern, sagte Hyde.

Es besteht eine letzte M&#246;glichkeit, zu der wir Zuflucht nehmen k&#246;nnen. Ich muss lediglich Ihre Identit&#228;t mittels des Kodewortes feststellen, das Mr. Brody uns angegeben hat.

Indy grinste verlegen.

Das ist wieder so eine komische Geschichte, sagte er.

Das glaube ich Ihnen aufs Wort, versetzte der Bankier.

K&#246;nnte ich Ihnen vielleicht den vollst&#228;ndigen Satz geben, aus dem -

Das Kodewort, Dr. Jones, beharrte der Bankier. Indy murmelte etwas.

Wie war das bitte?

Bursche, sagte Indy.

Nein, tut mir Leid.

Denkt.

V&#246;llig falsch.

Fehlerfrei, versuchte Indy es ein weiteres Mal.

Tja, meinte der Bankier.

Das ist es, sagte Indy. Ich konnte mich nicht erinnern, welchen Ton wir beim letzten Mal verwendet haben. Ein Gerissener Bursche Denkt Fehlerfrei. Der Satz steht f&#252;r die Linien des Notensystems, und beim letzten Mal haben wir D verwendet.

Der Bankier musterte ihn argw&#246;hnisch.

H&#246;ren Sie, ich habe Ihnen soeben den Kode gegeben, sagte er.

Telegrafieren Sie Brody, wenn es nicht anders geht, und bitten Sie ihn um eine Best&#228;tigung - wir m&#252;ssen ihn jetzt ohnehin &#228;ndern.

Warten Sie hier, bitte, sagte der Bankier. Ich gehe das Geld f&#252;r Sie holen.

Der Bankier verlie&#223; das B&#252;ro, und Indy wartete nerv&#246;s. Als der Mann zur&#252;ckkehrte, wurde er von einem Sicherheitsbeamten der Bank begleitet.

Etwas nicht in Ordnung?, fragte Indy.

Sie sind verhaftet wegen Betruges, sagte Hyde. Die korrekte Antwort lautete >Ein<.

Sie machen einen gro&#223;en Fehler, protestierte Indy.

Ich f&#252;rchte, nein, Dr. Jones - oder wer immer Sie sein m&#246;gen, versetzte Hyde. Unsere Beschreibung von Dr. Jones bezieht sich auf einen Mann, der betr&#228;chtlich j&#252;nger ist als Sie. Ganz sicher h&#228;tte er kein grau meliertes Haar. Dar&#252;ber hinaus teilte Mr. Brody uns mit, dass Sie sich seiner Ansicht nach in S&#252;damerika aufhalten. Also m&#252;ssen wir zwangsl&#228;ufig zu der Schlussfolgerung gelangen, dass Sie ein Hochstapler sind, der versucht, Dr. Jones' Identit&#228;t anzunehmen, um &#252;ber Mr. Brodys Museum schnell an Geld zu kommen.

Holen Sie mir Marcus ans Telefon, sagte Indy. Lassen Sie mich mit ihm sprechen.

Das ist v&#246;llig ausgeschlossen, sagte Mr. Hyde.

Bitte, sagte Indy. Sie verstehen nicht.

Ich f&#252;rchte, leider doch, erwiderte Hyde. Die Polizei Kalkuttas wird Sie festhalten, bis wir die Angelegenheit gekl&#228;rt haben.

Und benehmen Sie sich, riet ihm der Wachmann, w&#228;hrend er ihm die H&#228;nde hinter dem R&#252;cken in Handschellen legte. So ist es recht. Widerstand ist zwecklos. Als Indy durch die Eingangshalle abgef&#252;hrt wurde, rief Faye ihm etwas zu.

Wo bringen die Sie hin?, wollte sie wissen.

Ins Gef&#228;ngnis von Kalkutta., rief Indy zur&#252;ck. Sie sind der Meinung, ich wolle sie berauben. Sie glauben mir nicht, dass ich bin, wer ich bin.

Sie machen einen Fehler, wandte sich Faye an sie. Das ist Dr. Jones.

Offenbar hat dieser Mann Sie ebenfalls zum Narren gehalten, meinte der Wachmann. Woher wissen Sie, dass dies Dr. Jones ist?

Er hat es uns gesagt.

Wie lange kennen Sie ihn?

Einige Tage, sagte sie.

Haben Sie uns etwa angelogen?, fragte Mystery.

Unsinn, gab Indy zur&#252;ck.

Haben Sie sonst irgendeinen Beweis?, fragte der Wachmann.

Naja, das nicht gerade, meinte Faye, aber ich vertraue ihm.

Ich bitte um Verzeihung, meinte der Wachmann. Aber das war Ihr erster Fehler, Madam. Tut mir Leid, aber ich werde Sie und das M&#228;dchen ebenfalls zum Verh&#246;r mitnehmen m&#252;ssen. Geben Sie mir die Waffe, bitte.

Indy, sagte Faye. Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?

Geben Sie sie ihm, riet Indy ihr.

Sie gab dem Wachmann den im Halfter steckenden Webley. Der klemmte ihn sich unter den Arm, dann zog er ein zweites und ein drittes Handschellenpaar aus seiner Ges&#228;&#223;tasche.

Weil ich alleine bin und Sie zu dritt, entschuldigte er sich, w&#228;hrend er die zus&#228;tzlichen Handschellenpaare in die H&#246;he hielt, um sie ihnen zu zeigen. Der Mann hier wandert ins Gef&#228;ngnis, Sie beide wird man jedoch freilassen, sobald die Polizeiinspektoren Gelegenheit hatten, Sie zu verh&#246;ren.

Lassen Sie sie gehen, sagte Indy.

Tut mir Leid, Kumpel.

Der Wachmann fesselte Mystery mit Handschellen die H&#228;nde auf den R&#252;cken, dann wandte er sich ihrer Mutter zu. Mystery hatte sich nach wenigen Sekunden von den Handschellen befreit und schnappte sich den Webley unter seinem Arm.

Mir reicht's, sagte Mystery, zog den Revolver aus dem Halfter und richtete ihn auf den Wachmann der Bank.

Ich bitte Sie, Miss, meinte der Wachmann. Sie k&#246;nnten jemanden damit verletzen.

Genau darum geht es, erwiderte sie. Ich werde nicht zulassen, dass Sie Dr. Jones verhaften. Wissen Sie &#252;berhaupt, wie man das Gef&#228;ngnis hier nennt? Das schwarze Loch. Die Menschen wandern hinein und kommen nie wieder raus. Lassen Sie ihn laufen.

Also gut, sagte der Wachmann und lie&#223; Indy los.

Verschwinden wir von hier, sagte Mystery.

Indy nahm die Waffe aus dem Halfter des Wachmanns an sich.

Noch nicht, sagte Indy. Ich werde jetzt das Geld an mich nehmen, Mr. Hyde.

Sie rauben mich aus?

Keineswegs, sagte Indy. Diese eintausend Dollar sind tats&#228;chlich f&#252;r mich bestimmt. Das Geld geh&#246;rt nicht Ihnen, sondern Marcus Brody - oder zumindest seinem Museum.

Ganz wie Sie wollen, meinte Hyde. Es wird allerdings einen Augenblick dauern.

Es ist mir gleich, ob es in Dollar, Pfund oder Rupien ist, sagte Indy. Wenn Sie sich nur beeilen. Und versuchen Sie keine Tricks, denn wir sind in einer verzweifelten Lage.

Genau, meinte Mystery.

Gib das mir, sagte Faye und nahm ihr den Revolver ab. Du wirst niemanden damit erschie&#223;en.

Faye, meinte Indy. Dies ist eine brenzlige Situation. W&#252;rden Sie also bitte unsere Position nicht untergraben?

Ich werde nicht mit ansehen, wie meine Tochter mit Waffen herumfuchtelt, erwiderte sie.

Sch&#246;n, sagte Indy. Dann fuchteln Sie eben damit herum.

Hyde kam mit dem Geld zur&#252;ck, in Pfundnoten. Indy stopfte es in seine Jacke und tippte kurz an seinen Hut.

Denken Sie daran, sagte er. Ich habe mir lediglich genommen, was mir geh&#246;rt.

Dann liefen alle drei zur T&#252;r.

Die schwarze Seidenklappe &#252;ber seinem rechten Auge war f&#252;r Sokai noch ungewohnt, daher legte er den Kopf unbeholfen in den Nacken, als er den alten Magier ansah. Sokai, der einen wei&#223;en Anzug unter seinem schwarzen Wettermantel trug, steckte sich eine amerikanische Zigarette an und schlug die Beine &#252;bereinander, w&#228;hrend Jadoo nerv&#246;s mit einer Zigarre hantierte. Musashi stand hinter Sokais Stuhl.

Dieser Jones, sagte Sokai schlicht. Erz&#228;hlen Sie mir, was Sie &#252;ber ihn wissen.

Er war hier, meinte Jadoo. Mit seinen beiden Begleiterinnen, einer Frau mit Namen Maskelyne und ihrer Tochter. Sie d&#252;rften inzwischen l&#228;ngst auf dem Weg nach Bagdad sein.

Was wollten sie?

Sie waren auf der Suche nach Hinweisen &#252;ber den verschollenen Ehemann der Frau, erkl&#228;rte Jadoo. Ich erz&#228;hlte ihnen, er sei vor etwa vier Jahren hier gewesen.

Reden Sie weiter, forderte Sokai ihn auf.

Ich habe sie zu dem Glauben verleitet, ich st&#252;nde ihrer Suche wohlwollend gegen&#252;ber.

Sch&#246;n, meinte Sokai. Was weiter?

Jones erhielt ein Telegramm aus New York. In der Britischen Handelsbank wartete Geld auf ihn.

Das d&#252;rfte seine Ergreifung zus&#228;tzlich erschweren, meinte Sokai.

Warum wollen Sie ihn haben?

Aus pers&#246;nlichen Gr&#252;nden, sagte Sokai und ber&#252;hrte die Augenklappe. Dar&#252;ber hinaus suchen sie etwas, das mich interessiert. Wieso fahren sie nach Bagdad?

Weil ich ihnen erz&#228;hlt habe, dieser Ehemann habe geglaubt, er werde den Stab des Aaron bei den Yezedi im Norden des Irak finden, erkl&#228;rte Jadoo. Soweit ist die Geschichte wahr.

Aber sie werden den Ehemann dort nicht finden, sagte Sokai.

Nein, erwiderte Jadoo.

Wieso haben Sie nie selbst nach diesem legend&#228;ren Stab gesucht, wo dieser Ehemann Ihnen doch verraten hat, wo er zu finden ist?

Weil ich nicht scharf darauf bin, einen Stamm wie die Yezedi aufzusuchen, meinte Jadoo. Ich war noch nie versucht, mein

Leben f&#252;r ein Ungewisses Risiko aufs Spiel zu setzen.

Aha, sagte Sokai. Aber was w&#228;re, wenn jemand anderes die eigentliche Arbeit machte, indem er die Beute als Erster findet?

Dann brauchte man nur noch zuzugreifen, sagte Jadoo.

Sokai lachte.

Offenbar verf&#252;gen wir &#252;ber miteinander vereinbare Weltanschauungen, stellte Sokai fest. Vereinen wir unsere Kr&#228;fte und f&#252;hren wir die Vernichtung dieses Jones und seiner Begleiterinnen herbei. Wir werden bekommen, was ihm geh&#246;rt.

Wir haben ein Problem, sagte Indy, als er sich in dem &#252;bervollen, in das Herz des indischen Subkontinents hineinfahrenden Eisenbahnwaggon zwischen Faye und Mystery zw&#228;ngte. Der Schaffner hatte ihre Fahrkarten gelocht, ohne sie auch nur eines zweiten Blickes zu w&#252;rdigen. Au&#223;er, dass wir Fl&#252;chtlinge sind?, fragte Mystery. Nicht so laut, sagte Indy. Nein, ich denke, im Augenblick sind wir sicher. Das Problem ist, dass, sobald wir die pakistanische Grenze erreichen - von jetzt an gerechnet in ein oder zwei Wochen, je nach Gl&#252;ck und den T&#252;cken des indischen Eisenbahnsystems - die Schienen enden. Also gut, meinte Faye. Dann heuern wir eben einen Fahrer an.

Es gibt dort keine Stra&#223;en, sagte Indy. Jedenfalls nicht im modernen Sinn des Wortes. &#220;ber f&#252;nfzehnhundert Meilen quer durch Fels und W&#252;ste gibt es dort nichts als Ziegenpfade, Zickzackstra&#223;en und namenlose Gr&#228;ber. Die beiden L&#228;nder zwischen uns und Bagdad, Pakistan und Irak geh&#246;ren eher dem Mittelalter an als dem zwanzigsten Jahrhundert. Und wie reisen die Menschen durch dieses Land?, fragte Mystery.

Im Allgemeinen &#252;berhaupt nicht, sagte Indy. Wenn sie unbedingt m&#252;ssen, ziehen sie in Karawanen wie vor tausend Jahren auf der alten Seidenstra&#223;e. Dann suchen wir uns eben eine Karawane, schlug Faye vor. Es dauert sechs Wochen, eine solche Entfernung in der W&#252;ste auf einem Kamel zur&#252;ckzulegen, sagte Indy. Ich wei&#223; nicht, wie Sie dar&#252;ber denken, aber ich glaube nicht, dass ich so viel Zeit er&#252;brigen kann - von den Schwierigkeiten ganz zu schweigen. Sind Sie je auf einem Kamel geritten? Nein, gestand Faye.

Es ist erb&#228;rmlich, sagte Indy. Der Gestank alleine reicht, um einen um den Verstand zu bringen. Aber wenn wir mit unserem Zeitplan richtig liegen, k&#246;nnen wir uns von einer der &#214;lgesellschaften ein Flugzeug borgen. Mit Gl&#252;ck finden wir sogar eine Maschine, die noch im Stande ist, mehr als f&#252;nfzig Meilen ohne Zwischenlandung zur&#252;ckzulegen. Bekannterma&#223;en setzt die W&#252;ste Flugzeugen m&#228;chtig zu.

Das ist also unser Plan?, fragte Mystery.

Genau, Dr. Jones, meinte Faye. Was werden wir als N&#228;chstes tun?

Das Kl&#252;gste w&#228;re, nach Hause zu fahren, schlug Indy vor.

Mein Zuhause, erwiderte Faye, ist dort, wo mein Mann ist.

H&#246;ren Sie, Faye, sagte Indy. Sie brauchen nichts mehr zu beweisen. Niemand w&#252;rde Ihnen einen Vorwurf machen, wenn Sie jetzt aufg&#228;ben und ihn offiziell als im Kampf gefallen erkl&#228;ren lie&#223;en und Ihr Leben weiterlebten. Tut mir Leid, aber genauso ist es.

Sie begreifen es einfach nicht, hab ich Recht?, fragte Faye.

Begreifen? Was?, sagte Indy.

Wir m&#252;ssen Gewissheit haben, sagte Faye. Wenn er noch lebt, will ich ihn finden. Wenn er tot ist, werde ich damit fertig. Aber wie auch immer, ich muss Gewissheit haben - es sind die H&#246;llenqualen der Ungewissheit, die ich nicht ertragen kann. Wenn Sie uns nicht helfen, werden Mystery und ich es auf eigene Faust zu Ende bringen.

Indy biss die Z&#228;hne aufeinander und wandte den Blick ab.

Sie scheinen eines zu vergessen, Dr. Jones.

Ach, ja? Und das w&#228;re?, fauchte Indy gereizt.

Die geringf&#252;gige Chance, dass Kaspar den Stab des Aaron tats&#228;chlich gefunden hat, und vielleicht sogar das Omega-Buch. Vielleicht haben Sie Recht, Dr. Jones - gut m&#246;glich, dass Kaspar schon lange nicht mehr lebt. Aber m&#246;glicherweise h&#228;lt er noch immer den Stab des Aaron in seinen kalten, toten Fingern, der wiederum zum Omega-Buch weist. Das w&#228;re der gewaltigste arch&#228;ologische Fund und Schatz unserer Zeit. Stellen Sie sich vor, Dr. Jones. Ihre Karriere st&#252;nde im Scheinwerferlicht der &#214;ffentlichkeit. Sie w&#228;ren nicht mehr gezwungen, mitten in der Nacht Gr&#228;ber auszurauben und dabei vor irgendwelchen Gangstern mit Maschinenpistolen in Deckung zu gehen. Mir gef&#228;llt meine Arbeit, rechtfertigte sich Indy. Wem w&#252;rde sie nicht gefallen?, sagte Faye. Sie kommen viel rum und lernen Menschen mit interessanten und im Allgemeinen sadistischen Hobbys kennen. Wann haben Sie Ihrem Museum in York das letzte Mal etwas wirklich Wertvolles mitgebracht? Indy r&#228;usperte sich verlegen.

Es gab da verschiedene Gegenst&#228;nde aus Qins Grabmal, die ganz interessant waren, antwortete er kleinlaut. Ich habe noch andere Abenteuer erlebt, aber &#252;ber die meisten darf ich nicht sprechen. Es w&#252;rde mir ohnehin niemand glauben. Was kann Ihnen also ein weiteres Abenteuer ausmachen?, fuhr Faye fort, ein einziger weiterer Versuch, das gro&#223;e Gl&#252;ck zu finden. Sie wissen doch selbst, dass Sie nicht widerstehen k&#246;nnen.

Also sch&#246;n, sagte Indy und rieb sich mit der Hand &#252;ber das stoppelige Kinn. Wir machen entschlossen weiter -hoffen weiter auf das Beste und erwarten das Schlimmste. Und noch etwas: Da wir die Strapazen dieser Expedition zu gleichen Teilen auf uns nehmen, werden wir auch allen Lohn, der dabei ans Licht kommt, gleichm&#228;&#223;ig aufteilen. Abgemacht? Abgemacht, Dr. Jones. Dann hielt Faye inne. Aber nur unter der Voraussetzung, dass Mystery im Falle meines Ablebens ... meinen vollen Anteil erh&#228;lt, und Sie alles daransetzen, sie sicher zur&#252;ck nach Oklahoma zu bringen. Das w&#228;re das Mindeste, sagte Indy. Ich kann alleine auf mich aufpassen, Sie altes Fossil, protestierte Mystery und schlug Indy seinen Filzhut vom Kopf. Und was Mutter betrifft, sie ist ebenso f&#228;hig wie ich, ihr wird nichts zusto&#223;en. F&#252;r den unwahrscheinlichen Fall, dass doch, werde ich Sie pers&#246;nlich daf&#252;r verantwortlich machen, Dr. Jones, dass Sie mich zur Waise gemacht haben.



KAPITEL SIEBEN

Kinder des Satans

Der gro&#223;e, silberne Doppeldecker mit dem roten Emblem der Firma Standard Oil auf den geriffelten Seitenw&#228;nden segelte im Gleitflug hinab bis auf ein, zwei Meter &#252;ber dem W&#252;stenboden. Der 360-PS-Wright-Sternmotor stotterte und erstarb schlie&#223;lich, nachdem er den letzten Tropfen Treibstoff aus dem 90-Gallonen-Tank gesaugt hatte. Die gro&#223;en Ballonreifen sprangen zweimal auf dem harten, verkrusteten Boden auf, lie&#223;en ein Staubwolkenpaar zur&#252;ck, und schlie&#223;lich sp&#252;rte man einen Sto&#223;, als das Heckrad auf dem Boden aufsetzte. Faye, die auf dem Fu&#223;boden des Frachtraumes der PT6-Transportmaschine hockte, verlor das Gleichgewicht und w&#228;re um ein Haar auf Indys Scho&#223; gelandet. Entschuldigung, murmelte sie, pl&#246;tzlich befangen. Als das Flugzeug ausgerollt war, entriegelte Mystery die hintere Frachtluke und sprang hinunter auf die Erde. Sowohl sie als auch ihre Mutter trugen Khakikleidung, die sie zwei Wochen zuvor auf einem Basar in einem namenlosen Dorf am Ufer des Indus erstanden hatten.

&#220;ber ihren K&#246;pfen brannte die irakische Sonne, und mit Ausnahme einiger dunstiger blauer Berge im Norden gab es nichts zu sehen als unvers&#246;hnliche W&#252;ste. Wo sind wir?, fragte Mystery.

Irgendwo in der Oberen Ebene, sagte Indy, als er mit einer h&#246;lzernen Planke aus dem Flugzeug hervorkam. Hier, bring das auf dem Boden in Stellung, ja?

Indy bestieg eines der beiden Motorr&#228;der im Frachtraum, l&#246;ste die Kupplung und lie&#223; es &#252;ber die Planke bis zur Erde hinunterrollen. Dann kletterte er ins Flugzeug zur&#252;ck und wiederholte den Vorgang mit dem anderen Motorrad, an dem ein Beiwagen befestigt war.

Beide Motorr&#228;der waren rote, in Amerika hergestellte Indians, und beide waren bereits l&#228;ngere Zeit in Gebrauch gewesen, als Indy sie tags zuvor einem H&#228;ndler im Lager der &#214;lgesellschaft in der pakistanischen W&#252;ste mit dem letzten Geld abgekauft hatte. Das erste Motorrad war eine 1929er Indiana 4 mit vier schwarzen, an der linken Seite austretenden Auspuffrohren sowie einem ausladenden Sitz, der aussah, als geh&#246;rte er auf einen Traktor. Das Motorrad mit dem Beiwagen war eine 1928er Indiana Scout. Auf dem Beiwagen stand, aufgemalt in Englisch und Arabisch: Eigentum des britischen Vermessungsamtes. Faye schleppte Lebensmittel und Ausr&#252;stung heraus, die sie auf den Motorr&#228;dern festzurrten und im Gep&#228;ckfach des Beiwagens verstauten. Die leinenen Wasserschl&#228;uche h&#228;ngten sie an die vorderen Kotfl&#252;gel der Motorr&#228;der. Anschlie&#223;end hievten Indy und Mystery das Benzin nach drau&#223;en, von dem zehn Kanister f&#252;r den R&#252;ckflug der Maschine bis zur indischen Grenze vorgesehen waren. Die anderen acht Kanister wurden hinten auf den Motorr&#228;dern festgezurrt. Der Pilot &#246;ffnete die gro&#223;e, dreieckige, mit Glasscheiben versehene Klappe und sprang aus der Pilotenkanzel. Das war ein bisschen knapp, finden Sie nicht?, fragte Indy.

Es war die erste ebene Stelle, die ich finden konnte, die nicht mit Steinen &#252;bers&#228;t war, erwiderte der Pilot. Au&#223;erdem sagten Sie, Sie wollten so nahe an Lalesh heran wie m&#246;glich. Bitte, es liegt ungef&#228;hr einhundert Meilen in dieser Richtung.

Der Pilot deutete mit dem Daumen &#252;ber seine Schulter nach Norden.

Als sie mit dem Wiederauftanken des Flugzeugs fertig waren, holte Indy die Karte aus seiner Mappe, breitete sie auf der Erde aus und legte seinen Kompass darauf.

Also gut, sagte er, auf seinen Fersen hockend. Der Tigris liegt genau westlich, die Berge befinden sich Richtung Nordosten, und Sie sagen, Lalesh liegt einhundert Meilen weit im Norden. Damit d&#252;rften wir uns etwa hier befinden.

Indy stie&#223; mit seinem Zeigefinger auf die Karte.

Eher ein St&#252;ck weiter hier dr&#252;ben, glaube ich, meinte der Pilot.

Na gut, sagte Indy. Wenn wir quer durch die W&#252;ste im Schnitt drei&#223;ig Meilen pro Stunde schaffen, m&#252;ssten wir bei Einbruch der Nacht in Lalesh eintreffen. Gibt es irgendwas Besonderes, das wir wissen sollten?

Der Irak ist zwar britisches Protektorat, erkl&#228;rte der Pilot, aber hier oben auf der Oberen Ebene sind Sie v&#246;llig auf sich gestellt.

Der Irak verf&#252;gt &#252;ber eine eigene Armee, aber denen w&#252;rde ich an Ihrer Stelle nicht trauen, falls Sie ihnen &#252;ber den Weg laufen sollten. Die Offiziere haben einen Hang zum Faschismus, au&#223;erdem sind sie damit besch&#228;ftigt, einen Krieg gegen die Briten anzuzetteln. Sie werden Amerikanern nicht gerade wohlgesinnt sein. Halten Sie sich von den St&#228;mmen der Yezedi fern, denn die stehen im Ruf, &#252;beraus unangenehm werden zu k&#246;nnen.

Das habe ich geh&#246;rt, sagte Indy.

Bagdad liegt ungef&#228;hr dreihundert Meilen s&#252;dlich, fuhr der Pilot fort. Wenn Sie sich verirren, suchen Sie einfach den Tigris und folgen Sie ihm flussabw&#228;rts. Au&#223;erdem m&#252;sste es den einen oder anderen Au&#223;enposten der britischen &#214;lgesellschaften geben, bei denen Sie sich auf dem R&#252;ckweg mit Treibstoff versorgen k&#246;nnen.

Indy faltete die Karte zusammen und stopfte sie wieder in seine Mappe.

Danke, sagte er, erhob sich und sch&#252;ttelte dem Piloten die Hand.

Das ist das erste Mal, dass ich jemanden in die Mitte des Nirgendwo geflogen und dort abgesetzt habe, antwortete der.

Viel Gl&#252;ck. Ich wei&#223;. Sie werden es brauchen.

Indy bestieg die Indian 4, w&#228;hrend Faye und Mystery sich darum stritten, wer im Beiwagen fahren sollte. Schlie&#223;lich einigten sie sich darauf, eine M&#252;nze zu werfen, und Mystery gewann. Sie kletterte in den Sattel der Scout, w&#228;hrend ihre Mutter es sich im

Beiwagen bequem machte.

Wei&#223;t du, wie man dieses Ding f&#228;hrt?, fragte Indy, w&#228;hrend er seine Motorradbrille &#252;berstreifte.

Mystery l&#228;chelte ihn blo&#223; an und trat auf den Anlasser. Die Maschine der Scout erwachte tuckernd zum Leben, dann rutschte das Hinterrad seitlich im Staub weg, als sie die Kupplung pl&#246;tzlich kommen lie&#223; und das Gas aufdrehte.

He!, rief er. Das Motorrad muss viele hundert Meilen halten.

Hier drau&#223;en gibt es keine Werkstatt!

Doch Mystery h&#246;rte ihn nicht.

Kinder, sagte Indy kopfsch&#252;ttelnd bei sich.

Dann lie&#223; er sein Motorrad an und fuhr ihr hinterher.

Eine Stunde lang durchquerten sie die Hochebene, gelegentlich Findlingen ausweichend oder einen Wasserlauf hinaufkraxelnd, w&#228;hrend ihre Staubfahnen in der hei&#223;en Nachmittagssonne hinter ihnen hingen.

Indy sah oft auf den Kompass, um sich zu vergewissern, dass sie noch immer in die richtige Richtung fuhren. Einmal hielten sie zum Mittagessen an, danach tauschten Faye und Mystery die Pl&#228;tze, und sie fuhren entschlossen weiter. Im Laufe des Nachmittags wurde das Gel&#228;nde unebener, und sie stellten fest, dass sie sich einer hohen Erhebung n&#228;herten, die den Tigris &#252;berblickte. Auf dem h&#246;chstgelegenen Punkt der Erhebung stand eine Gruppe sehr alter Ruinen, von denen einige offenkundig vor nicht allzu langer Zeit ausgegraben worden waren.

Indy brachte sein Motorrad zum Stehen, und Faye hielt neben ihm.

Was ist das?, fragte Faye.

Ninive, antwortete Indy. Eine der &#228;ltesten St&#228;dte der Welt, vermutlich von Nimrod, dem Urenkel Noahs, gegr&#252;ndet. Sie wurde im sechsten Jahrhundert vor Christus von den Babyloniern zerst&#246;rt.

Und wohin jetzt?, fragte Faye.

Es existiert eine alte Stra&#223;e, die von hier in die Berge im Nordosten f&#252;hrt, erkl&#228;rte Indy. Die nehmen wir.

Die Stra&#223;e war wenig mehr als ein Ziegenpfad und so holprig, dass sie, aus Angst, die Federung der Motorr&#228;der k&#246;nnte brechen, gezwungen waren, ihre Geschwindigkeit auf beinahe Schritttempo zu drosseln. Ganz auf das Befahren der Stra&#223;e konzentriert, bemerkte Indy nicht, dass sie w&#228;hrend der letzten zehn Meilen verfolgt worden waren.

Auf einmal befanden sich rechts und links von ihnen jeweils vier Reiter, die nicht die geringste M&#252;he hatten, mit den Motorr&#228;dern Schritt zu halten. Die Pferde waren Araber, sechzehn Handbreit hoch, und die Reiter trugen dunkle Gew&#228;nder und alte Vorderlader-Gewehre. An ihren Gurten hingen khanjers, die gef&#228;hrlich aussehenden Krummdolche der W&#252;ste.

In ebenem Gel&#228;nde h&#228;tten die Fahrzeuge sie mit Leichtigkeit abh&#228;ngen k&#246;nnen, nicht jedoch hier. Indy nahm das Gas zur&#252;ck und lie&#223; sein Motorrad gem&#228;chlich ausrollen, und Faye folgte seinem Beispiel.

Machen Sie keine abrupten Bewegungen, sagte Indy mit einem L&#228;cheln auf dem Gesicht an Faye und Mystery gewandt, obwohl er dabei die Reiter anschaute. Und was immer Sie tun, richten Sie nicht das Wort an sie, denn das k&#228;me einer Beleidigung gleich. Nur M&#228;nner sprechen mit M&#228;nnern.

Der Anf&#252;hrer war ein kr&#228;ftiger Mann mit leuchtend blauen Augen, die aus einem Gesicht hervorlugten, das ebenso verwittert war wie die Landschaft, die sie umgab. Seine Nase glich einem der m&#228;chtigen Findlinge, und seine Haare und sein Bart hatten die Farbe und Beschaffenheit von Stahlwolle.

Er sprang von seinem Pferd ab und kam auf Indy zu. Sein Steinschlossgewehr ruhte in der Beuge seines linken Armes, sodass seine Rechte frei blieb, um den khanjer zu schwingen, sollte dies erforderlich sein.

Er begr&#252;&#223;te Indy auf Arabisch, dann sagte er:

Ich spreche Englisch, ein wenig.

Gut, antwortete Indy und &#246;ffnete seine Jacke ein wenig, sodass man den im Halfter steckenden Webley nicht &#252;bersehen konnte.

Ich spreche ein wenig Arabisch.

Ich bin Scheich Ali Azhad.

Mein Name ist Dr. Jones, erwiderte Indy auf Arabisch, wohl wissend, wie viel Bedeutung man in diesem Teil der Welt Titeln beima&#223;. Diese Frauen sind meine Assistentinnen. Sie sind unbedeutend, aber ich habe sie gern. Sie geh&#246;ren mir.

Faye, sich des Inhalts des Gespr&#228;ches nicht bewusst, setzte ein liebensw&#252;rdiges L&#228;cheln auf.

Der Scheich nickte.

Du behandelst Kranke?, fragte er.

Nein, sagte Indy. Diese Art Doktor bin ich nicht - ich bin Lehrer, Arch&#228;ologe. Ich grabe in der Erde.

Und was suchst du dort?, fragte der Scheich.

Die Vergangenheit, sagte Indy.

Der Scheich nickte ernst.

Wir warten seit drei Tagen auf euch, sagte er. In einem Traum sah ich euch auf roten Maschinen kommen. Euch alle drei. Aber ich dachte, ihr w&#228;rt drei M&#228;nner. Ich habe mich t&#228;uschen lassen, weil eure Frauen Hosen tragen. So ist das mit Tr&#228;umen. Sie erz&#228;hlen die Wahrheit, doch auf welche Weise, wei&#223; man erst, wenn das Getr&#228;umte tats&#228;chlich eintritt.

Du bist ein Yezedi?, erkundigte sich Indy. Du lebst in Lalesh?

Wir nennen es Scheich Adda, zu Ehren unseres gro&#223;en Propheten. Es liegt in jenem Tal dort dr&#252;ben. Wir sind ein friedliches Volk. Die Welt hat kein Verst&#228;ndnis f&#252;r uns. Man versucht, uns umzubringen und auszul&#246;schen. Warum seid ihr hier?

Hat dir der Traum das nicht gesagt?, fragte Indy und ging damit ein ziemliches Risiko ein.

Der Scheich brummte etwas.

Kann ich deine Waffe sehen?

Indy nahm den Webley aus dem Halfter und hielt ihn dem Scheich mit dem Knauf nach vorne hin.

Wenn ich mir deine ansehen kann, sagte er.

Der Scheich reichte ihm das Steinschlossgewehr und nahm daf&#252;r den Webley.

Das Gewehr war alt, vielleicht hundert Jahre oder &#228;lter, aber gut in Schuss. Es roch nach &#214;l und Schwarzpulver. Es war ungef&#228;hr ein 40er Kaliber, und im Hahn steckte ein nagelneuer Feuerstein.

Der Scheich klappte die Trommel des Webley heraus, sah die Messingpatronen, schloss den Revolver wieder und pr&#252;fte seine Schwere, indem er damit auf einen Berggipfel zielte. Dann gab er

ihn Indy zur&#252;ck. Indy reichte ihm das Gewehr.

Eine sch&#246;ne Waffe, sagte Indy.

Der Scheich nickte zufrieden.

Ich nenne dich Jones.

Indy nickte.

Ich werde dich Ali nennen, erwiderte er.

Ich bringe dich nach Scheich Adda, sagte Ali. Aber zuerst die Regeln: Es darf nicht gespuckt werden. Es darf kein Blau getragen werden. Und Sheitan darf nicht erz&#252;rnt werden.

Der Scheich stieg auf sein Pferd und ritt, gefolgt von den anderen sieben Reitern, die Stra&#223;e entlang voraus. Indy startete sein Motorrad.

Wer ist Sheitan?, fragte Faye.

Satan, sagte Indy.

Das Dorf Scheich Adda, die heiligste aller Yezedi-Siedlungen, war eine Ansammlung wei&#223;er, kegelf&#246;rmiger Grabmale und Tempel inmitten von ein paar hundert in einem gr&#252;nen Tal gelegenen H&#252;tten. Pfaue, Symbole einer jener Halbg&#246;tter, die nach dem Glauben der Yezedi die Erde beherrschten, liefen frei herum. Von Ziegen- und Pferdezucht abgesehen, schien es kaum Handel zu geben, und gemessen am Ma&#223;stab der Yezedi war Ali ein wohlhabender Mann, weil er ein Gewehr besa&#223;, ein Pferd, ein khanjei sowie seinen eigenen kleinen Laden, der mit Tee und billigstem westlichen Krimskrams handelte. Weil er im Dorf nach dem Hohepriester als der m&#228;chtigste Mann galt, hatte man ihm gestattet, Englisch zu lernen und zu sprechen. Wie gro&#223; ist das Volk der Yezedi?, fragte Mystery, als sie aus dem Beiwagen kletterte.

Das wei&#223; niemand, sagte Indy. Sch&#228;tzungen reichen von ein paar tausend bis zu m&#246;glicherweise zehntausenden. In einer Region, in der Religionskrieg die wichtigste Einnahmequelle ist, sind die Yezedi in der ungl&#252;cklichen Lage, mit der einen Person identifiziert zu werden, die fast &#252;berall in der Welt gehasst wird. Sie werden schon seit Jahrhunderten verfolgt.

Wie lange gibt es sie schon?

Auch das wei&#223; niemand, antwortete Indy. Aber sie scheinen eine der &#228;ltesten religi&#246;sen Gemeinschaften der Welt zu sein. Es wurde bereits behauptet, sie seien ein unmittelbares Bindeglied zur Religion der Sumerer, aber auch das ist nicht bewiesen. Ihre Herkunft l&#228;sst sich allerdings bis zu den Geheimreligionen zur&#252;ckverfolgen.

Verehren sie tats&#228;chlich den Teufel?, fragte sie.

Verehren ist nicht ganz das richtige Wort, meinte Ali an Indy gewandt, als er n&#228;her kam. Es w&#228;re f&#252;r ihn einer Unh&#246;flichkeit gleichgekommen, Mystery unmittelbar zu antworten. Wir glauben an die G&#252;te Allahs. Weil Allah gut ist, haben wir von Ihm nichts zu bef&#252;rchten. Sheitan ist es, auf den man Acht geben und dem man Respekt zollen muss.

Auf welche Weise zollt ihr ihm Respekt?, fragte Indy.

Mit jedem Aspekt unseres Lebens, selbstverst&#228;ndlich, antwortete Ali. Kommt, seid ihr hungrig? Wir werden etwas essen.

Indy folgte Ali in dessen Haus, hielt Faye und Mystery aber zur&#252;ck, bevor sie eintreten konnten.

Tut mir Leid, sagte er. Aber Sie werden hier drau&#223;en warten m&#252;ssen, bis die M&#228;nner fertig sind. Dann wird man Ihnen die Reste bringen.

Die Reste? , fragte Mystery.

Sie hat Recht, meinte Faye. Das ist barbarisch.

Machen Sie keinen Aufstand, riet Indy. Das wirft ein schlechtes Licht auf mich. H&#246;ren Sie, ich mache die Regeln hier nicht. Au&#223;erdem k&#246;nnte es schlimmer sein, wenigstens brauchen Sie keinen Schleier zu tragen, was in diesem Teil der Welt als ziemlich fortschrittlich gilt. Falls Sie hungrig sind, im Beiwagen sind noch reichlich Lebensmittel.

Nach dem Mahl kam Indy, bekleidet mit einem wei&#223;en Turban und einem derben zebun, dem traditionellen schlichten arabischen Gewand, wieder zum Vorschein. Unmittelbar vor der H&#252;tte blieb er stehen, legte die H&#228;nde auf den Magen und r&#252;lpste ausgiebig.

Faye und Mystery hockten noch immer bei den Motorr&#228;dern, da keiner der anderen Dorfbewohner, ob m&#228;nnlich oder weiblich, es wagte, auch nur das geringste Interesse an ihnen zu bekunden.

Ali klopfte Indy auf den R&#252;cken und bedankte sich f&#252;r das Kompliment. Komm, sagte er. Ich werde dir dein Haus zeigen. Nimm deine Frauen mit.

War es nett?, fragte Faye.

Sie haben das bessere Ende erwischt, glauben Sie mir, sagte Indy leise. Hammel mit Schafsaugen. Im Augenblick w&#252;rde ich alles f&#252;r ein Schinkensandwich geben.

Tut mir Leid, meinte Faye. Mystery und ich haben den gesamten B&#252;chsenschinken aufgegessen.

Er war &#252;brigens k&#246;stlich, best&#228;tigte Mystery.

Hier, ziehen Sie das an, sagte Indy, als er Faye die Gew&#228;nder zuwarf. Sie halten es f&#252;r unziemlich, wenn eine Frau Hosen tr&#228;gt.

Ali f&#252;hrte sie zu einer bescheidenen H&#252;tte unweit des Dorfbrunnens. Nachdem Indy die Z&#252;ndkerzen entfernt hatte, lie&#223;en sie die Motorr&#228;der drau&#223;en stehen.

Vertraust du uns nicht?, fragte Ali.

Selbstverst&#228;ndlich, erwiderte Indy, w&#228;hrend er die Z&#252;ndkerzen in seiner Mappe verstaute. Aber w&#252;rdest du dein Pferd mit einer Kandare in den Z&#228;hnen drau&#223;en stehen lassen?

Der Sandboden in der H&#252;tte war frisch geharkt, und man hatte zwei Strohmatten zum Schlafen hineingelegt. Au&#223;er den Matten gab es keine M&#246;bel. Neben die T&#252;r hatte man einen Obstkorb gestellt, der mit einem St&#252;ck Zeltleinwand abgedeckt war.

Ich hoffe, du findest es angemessen, sagte Ali.

Mehr als angemessen, erwiderte Indy. Danke, mein Freund.

Am n&#228;chsten Morgen, vor Tagesanbruch, kam Ali in die H&#252;tte gekrochen und kniete neben Indy nieder. Faye und ihre Tochter schliefen noch, sie teilten sich eine Strohmatte in der hinteren Ecke der H&#252;tte.

Ali legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Indy riss die Augen auf, und seine Hand griff nach dem Revolver.

Alis khanjer war an seiner Kehle, bevor Indy seine Finger um den Griff des Webley schlie&#223;en konnte.

Ich bin es nur, sagte Ali, w&#228;hrend er den Dolch in seine Scheide zur&#252;ckschob.

Ich dachte, drau&#223;en sei jemand, der versucht, die Motorr&#228;der zu stehlen, sagte Indy und lie&#223; den Revolver sinken.

Zieh dich rasch an, mein Freund, sagte Ali. Hier, setz diesen Turban auf - die passende Kopfbedeckung f&#252;r einen Mann. Man hat dich in unseren Tempel eingeladen, den noch kein Wei&#223;er zu Gesicht bekommen hat - jedenfalls keiner, der es &#252;berlebt h&#228;tte, um davon zu berichten.

Warum gerade ich?, fragte Indy, w&#228;hrend er seine Stiefel &#252;berstreifte.

Der Grund daf&#252;r ist mein Traum, erkl&#228;rte Ali, und weil die anderen Scheichs deinem Besuch ebenfalls Bedeutung beimessen.

Dies ist eine Zeit gro&#223;er Vorbedeutungen.

Indy folgte Ali nach drau&#223;en, w&#228;hrend er sich den Turban um den Kopf wickelte. Die Sterne leuchteten strahlend hell an einem wolkenlosen Himmel. Sie gingen die Staubstra&#223;e zum Tempel mit dem kegelf&#246;rmigen Dach hinunter, dann hielt Ali inne. Ein Dutzend Schuh- und Stiefelpaare standen drau&#223;en vor dem Eingang.

Zieh deine Stiefel aus, befahl er Indy. Lass sie drau&#223;en stehen und tritt beim Durchschreiten der T&#252;r nicht auf die Schwelle. Sag und tu nichts, es sei denn, man unterweist dich entsprechend.

Im Innern des Tempels nahm Ali eine brennende Kerze von einem Tisch, schob einen an der gegen&#252;berliegenden Seite der gew&#246;lbten Wand h&#228;ngenden Wandteppich zur Seite und gab damit den Blick auf eine Treppenflucht frei. Neben dem Wandbehang, auf dem ein Pfau dargestellt war, stand ein Priester, einen khanjer in der Hand.

Wird er immer bewacht?, fragte Indy.

Selbstverst&#228;ndlich, antwortete Ali, die Stufen hinuntersteigend.

Dies ist das Zentrum der Verehrung f&#252;r alle Yezedi. Sein Alter &#252;bersteigt das Erinnerungsverm&#246;gen der Menschen. Wir k&#246;nnen dir nicht gestatten, Zeuge unserer Rituale zu werden, aber als Scheich steht es mir zu, dir unsere am meisten verehrte Reliquie zu zeigen. Deswegen bist du schlie&#223;lich hergekommen, nicht wahr?

Indy l&#228;chelte, sagte aber nichts.

An den W&#228;nden des Ganges befanden sich Darstellungen gro&#223;er schwarzer, sich umeinander windender Schlangen. Indy vernahm das Ger&#228;usch flie&#223;enden Wassers, das immer lauter wurde, je tiefer sie hinunterstiegen.

Was bedeuten die Schlangenbilder?

Ali legte einen Finger an die Lippen.

Als sie das untere Treppenende erreichten, befanden sie sich in einer gro&#223;en H&#246;hle aus Granit. Ali benutzte die Kerze, um ein in Halterungen an der Wand steckendes Fackelpaar anzuz&#252;nden. In der Mitte des Raumes befand sich eine Vertiefung, und auf dem Boden dieser Vertiefung floss ein Bach aus klarem Wasser.

Du darfst &#252;ber alles Fragen stellen, au&#223;er &#252;ber die Bilder an der Wand, erl&#228;uterte All. Sie sind das Eigentum Sheitans, und es ist uns nicht erlaubt, &#252;ber sie zu sprechen.

Das Wasser, sagte Indy. Es stammt aus dem Dorfbrunnen.

So ist es, best&#228;tigte Ali. Unsere Tempel wurden stets &#252;ber unterirdischen Wasserl&#228;ufen errichtet.

Dann ging Ali hin&#252;ber zu einer in den Fels gehauenen Nische, und im Schein seiner Kerze erkannte Indy die h&#246;lzernen T&#252;ren eines sargf&#246;rmigen Reliquienschreins.

Ali &#246;ffnete die T&#252;rfl&#252;gel, und man erblickte ein knochenwei&#223;es St&#252;ck Holz. Es war beinahe zwei Meter lang, vermutete Indy.

Behutsam hob Ali den Stab von seinem Lager.

Du darfst ihn in die Hand nehmen, sagte er, aber unter keinen Umst&#228;nden darf er mit dem Boden in Ber&#252;hrung kommen.

Indy nickte, dann ergriff er den Stab.

Er ist erstaunlich leicht, bemerkte er.

Er ist sehr alt und hat einen Gro&#223;teil seines Gewichts eingeb&#252;&#223;t. Solltest du ihn fallen lassen, w&#252;rde er zerspringen wie ein St&#252;ck Glas.

Halt die Kerze n&#228;her heran, bat Indy. Hier sind einige Markierungen, aber ich kann sie nicht entziffern. Sie sehen aus wie Hebr&#228;isch, aber mit Sicherheit kann ich das nicht sagen.

Zu meinen Lebzeiten hat er keine Wunder bewirkt, erkl&#228;rte Ali.

Aber in der Vergangenheit hat er die Kranken geheilt. Ich wei&#223; noch, wie mein Gro&#223;vater mir von den Leprakranken und den von D&#228;monen Besessenen erz&#228;hlte, die er wieder gesund gemacht hat.

Dachtest du deswegen, ich sei Arzt?

Es war eigentlich eher eine Hoffnung, sagte Ali. Wir haben fast jede Generation Besuch von einigen Fremden bekommen, die auf der Suche nach dem Stab waren, doch die hatten es stets auf Macht abgesehen.

War in den letzten Jahren jemals ein Engl&#228;nder mit Namen Kaspar darunter?, fragte Indy.

Nein, meinte Ali. Du bist seit einer Generation der Erste.

Der Stab und die ..., sagte Indy und deutete mit einem Nicken zur Treppe. Bei uns im Westen gibt es ein Symbol, den &#196;skulapstab, der f&#252;r das Heilen steht. Er ist eine Kombination aus den Abbildungen und diesem Stab.

Ich habe davon geh&#246;rt, sagte Ali.

Wie gelangte der Stab in den Besitz deines Volkes?

Das wissen wir nicht genau, sagte Ali. Es existiert eine alte Geschichte, der zufolge der Stab und die Bundeslade zur selben Zeit aus dem Tempel Salomons gestohlen wurden, aber Genaues wissen wir dar&#252;ber nicht. Es ist nur eine Geschichte.

Indy gab Ali den Stab vorsichtig zur&#252;ck und fragte, als der Scheich ihn in den Reliquienschrein zur&#252;cklegte:

Hat vielleicht irgendjemand gefragt, ob er sich den Stab nur ausleihen k&#246;nnte?

Das w&#228;re vollkommen unm&#246;glich, erwiderte Ali. In diesem Punkt haben wir &#252;beraus strenge Gesetze. Er muss an diesem Ort bleiben, unter unserem Schutz. Und sollte ihn tats&#228;chlich jemand stehlen, so wird ihn ein Fluch ereilen. Nachdem wir ihm die H&#228;nde abgeschnitten haben, w&#252;rde er in der W&#252;ste angebunden und ausgeweidet werden. Welch ein Festschmaus f&#252;r die Geier, was? Verrate mir, Dr. Jones, was f&#252;r ein Interesse hast du an dem Stab?

Ein rein akademisches, sagte Indy.

Selbstverst&#228;ndlich, meinte Ali. Du musst wissen, es gibt nur einen Umstand, der es erlaubt, den Stab aus dem Dorf zu entfernen, und das ist in den H&#228;nden des Ersehnten, der mit Hilfe des Stabes erneut Wunder bewirken kann. Offen gesagt, mein

Freund, ich hatte gehofft, das seist du.

Ich bin nicht dein Mann, erwiderte Indy. Tut mir Leid. Mir auch, sagte Ali. F&#252;r uns ist es &#252;beraus wichtig, dass die Zeit der Wunder wiederkehrt. In meinem Traum waren sogar die himmlischen M&#228;chte f&#252;r den Willen des Erw&#228;hlten empf&#228;nglich.

Sie haben ihn also tats&#228;chlich gesehen, stellte Faye fest. Sie hockten auf den Strohmatten in der H&#252;tte, und Indy war gerade damit fertig geworden, ihr von seiner Besichtigung des Tempels und dessen unterirdischer Kammer zu berichten.

Ja, oder zumindest einen Stock, der ihm &#228;hnlich sieht, sagte Indy. Er ist sehr alt und wird in einem h&#246;lzernen Schr&#228;nkchen in einer in den Felsen gehauenen Nische aufbewahrt.

Diese Vertiefung mit dem Brunnenwasser darin, fragte Mystery. Wie gro&#223; war die?

Ungef&#228;hr drei Fu&#223; in der Breite.

Konnten Sie erkennen, wie tief das Wasser war oder die Kammer, durch die es floss?

Nein, meinte Indy. Es war zu dunkel.

Das d&#252;rfte schwierig werden, meinte Faye.

Es ist unm&#246;glich, widersprach Indy. Der Tempel wird rund um die Uhr bewacht.

Richtig, aber nur von einem einzigen Priester, sagte Faye.

An ihm f&#252;hrt kein Weg vorbei. Selbst wenn es gel&#228;nge, ihn irgendwie zu &#252;berw&#228;ltigen, m&#252;sste man sich gegen das gesamte Dorf zur Wehr setzen, um fliehen zu k&#246;nnen.

Mag sein, sagte Faye. Es sei denn, es gel&#228;nge, ihn gegen ein Duplikat auszutauschen. Ihre Beschreibung klang nicht so, als s&#228;he er unverwechselbar aus.

H&#246;ren Sie, ich m&#246;chte nicht, dass man mir die H&#228;nde abhackt und mich anschlie&#223;end mitten in der W&#252;ste anbindet, um den Geiern als Fra&#223; zu dienen, sagte Indy. Es ist einfach zu riskant. Davon abgesehen w&#228;re es auch nicht richtig. Diese Menschen haben uns zu essen gegeben und Unterschlupf gew&#228;hrt.

Wir sollten es ihnen nicht zur&#252;ckzahlen, indem wir ihren wertvollsten Besitz stehlen.

Wir k&#246;nnten ihn ja zur&#252;ckbringen, schlug Faye vor.

Es w&#228;re immer noch Diebstahl, sagte Indy.

Er ist der Schl&#252;ssel zum Omega-Buch, stellte Faye n&#252;chtern

fest. Vielleicht ist er auch unsere einzige Chance, Kaspar zu finden.

Zu riskant, wiederholte Indy.

Der ber&#252;hmte Gelehrte, Abenteurer und Grabr&#228;uber gibt zu, dass er einer Herausforderung nicht gewachsen ist?, fragte Mystery sp&#246;ttisch.

Ich ziehe es vor, meine Opfer erst auszurauben, wenn sie bereits ein paar tausend Jahre tot sind, und nicht, solange sie noch umherspazieren, erwiderte Indy anges&#228;uert. Wir werden morgen mit dem ersten Tageslicht nach Bagdad aufbrechen. Hier gibt es f&#252;r uns nichts mehr zu tun.

Indy sa&#223; kerzengerade auf der Strohmatte, geweckt von den Rufen der M&#228;nner und dem Klagegeschrei der Frauen in der Mitte des Dorfes. Er blickte hin&#252;ber zur anderen Seite des Raumes und sah die schlafende Faye, nicht aber Mystery. Oh nein, entfuhr es ihm.

Wo steckt Mystery?, fragte Faye, die soeben wach wurde. Keine Ahnung, antwortete Indy, w&#228;hrend er seine Stiefel anzog und nach seinem zebun griff. Aber ich f&#252;rchte, m&#246;glicherweise ist sie der Grund f&#252;r die Aufregung. Rings um den Tempel hatte sich eine Menschenmenge versammelt, und alles schien gleichzeitig auf Arabisch durcheinander zu reden.

Was ist passiert?, erkundigte sich Indy bei Ali.

Der Stab ist verschwunden, erkl&#228;rte Ali. Wir kamen zum Morgengottesdienst hierher, und er war nicht mehr da. Wo ist er?

Du glaubst doch nicht ernsthaft, ich h&#228;tte ihn gestohlen?

Sonst f&#228;llt mir niemand ein, erwiderte Ali. Ich h&#228;tte ihn dir nicht zeigen d&#252;rfen. Das war ein Fehler.

Ali machte eine Handbewegung, und Indy und Faye wurden bei den Armen gepackt.

Wo ist das M&#228;dchen?, fragte Ali.

Ich wei&#223; es nicht, sagte Indy.

Noch einmal, wo ist der Stab?

Noch einmal, ich wei&#223; es nicht, antwortete Indy. Ali sch&#252;ttelte den Kopf. Er zog seinen khanjer, dessen Klinge im rosigen Licht der Morgend&#228;mmerung schimmerte, und hielt ihn Indy unters Kinn.

Du wirst es mir verraten, sagte Ali. Es w&#228;re besser, du w&#252;rdest es mir jetzt verraten und nicht sp&#228;ter, aber verraten wirst du es mir. Weil ich n&#228;mlich damit anfangen werde, dir die Haut von dem Armen und Beinen zu sch&#228;len, sagte er. Deine Handfl&#228;chen und Fu&#223;sohlen sind besonders empfindlich. Anschlie&#223;end werde ich dasselbe mit deiner Brust und deinem Bauch anstellen, und schlie&#223;lich werde ich dir das Gesicht und deinen Skalp heruntersch&#228;len. Danach werden wir dir, sobald wir den Stab wieder zur&#252;ckerhalten haben, die H&#228;nde abhacken -

Den Rest kenne ich, sagte Indy.

Bindet sie an die Pfl&#246;cke, befahl Ali.

Die Menge packte Indy und Faye bei den H&#228;nden und band sie, Arme und Beine ausgestreckt, mit Lederriemen und Holzpfl&#246;cken im Sand fest.

Haben Sie eine Idee?, fragte Faye.

Keine einzige, gestand Indy. Ali hockte mit &#252;bereinander geschlagenen Beinen auf dem Boden und entfernte Indys linken Stiefel. Dann zog er die Socke herunter und dr&#252;ckte die Messerklinge in die d&#252;nne Haut &#252;ber dem Knochen.

Wir sind ein friedliebendes Volk, sagte er.

Das behauptet Hitler auch, versetzte Indy.

Wer ist dieser Hitler?

Rate mal, sagte Indy.

Du zwingst uns dazu, sagte er. Dann beugte Ali sich ganz nah &#252;ber ihn und sagte: Um Sheitans Willen, bitte verrate uns, wo du den Stab versteckt hast. Ich habe dich f&#252;r meinen Freund gehalten.

Ich m&#246;chte dir nicht wehtun. Nat&#252;rlich m&#252;ssen wir dich jetzt t&#246;ten, aber foltern m&#246;chte ich dich nicht.

Dann lass es, sagte Indy.

Ali sch&#252;ttelte den Kopf und ging daran, das Fleisch von Indys Kn&#246;chel zu schneiden. Indy biss die Z&#228;hne zusammen, konnte aber einen Schrei nicht unterdr&#252;cken, als er sp&#252;rte, wie die Messerklinge am Knochen entlangscharrte.

Halt!, rief Mystery.

Sie tauchte aus dem Brunnen hoch, den Stab in der Hand. Ihr Haar war verfilzt, und sie war schlammverschmiert.

Ich war es, die euren bl&#246;den Stock geklaut hat, rief sie. Ich habe mich in den Brunnen hinuntergelassen und bin durch den unterirdischen Bach bis in die Kammer geschwommen. Lasst sie frei.

Ali rief zwei M&#228;nnern auf Arabisch zu, sie sollten sie packen.

Wenn ihr mich anfasst, zerbreche ich dieses Ding, sagte Mystery. Erst werdet ihr Indy und meine Mutter freilassen, und danach werde ich mir &#252;berlegen, ob ich das hier zur&#252;ckgebe.

Ali befahl ihnen, von den beiden abzulassen. Wir k&#246;nnen sie nicht freilassen, erkl&#228;rte er ihr. So lautet unser Gesetz.

Dann k&#246;nnt ihr euch von eurem wertvollsten Besitz verabschieden, sagte Mystery und begann, Druck auf den Stab auszu&#252;ben. Er spannte sich &#252;ber ihrem Knie wie ein Bogen, und als er zu knacken begann, hob Ali seine Hand.

Also gut, sagte er und befahl den anderen, Faye Maskelyne loszuschneiden.

Was ist mit Dr. Jones?, fragte Mystery.

Er hat mein Vertrauen und meine Freundschaft missbraucht, erkl&#228;rte Ali. Allein daf&#252;r muss er sterben - wie auch du f&#252;r den Diebstahl des Stabes. Deine Mutter aber werde ich laufen lassen.

Faye stand auf und rieb sich die Handgelenke. Sie ging hin&#252;ber und nahm Mystery den Stab aus der Hand. Pl&#246;tzlich fuhr ein kalter Wind in die Gew&#228;nder der M&#228;nner und die Schals der Frauen, und Ali glaubte eine Art phosphoreszierendes Leuchten zu sehen, das den Stab der L&#228;nge nach umspielte, Gib mir den Stab, verlangte Ali. Und dann geh.

Ich gehe nicht ohne meine Tochter, sagte Faye mit einem Blitzen in ihren blauen Augen. Und nicht ohne meinen Freund.

Sie m&#252;ssen sterben, beharrte Ali. Geh.

Du sollst verdammt sein, fluchte Faye und richtete den Stab auf Ali. Du wirst hier niemanden t&#246;ten.

Ein schmaler Blitz fuhr aus dem wolkenlosen Himmel, schlug im Sand zu Alis F&#252;&#223;en ein, schlug ihm den khanjei aus der Hand und schleuderte ihn nach hinten.

Die Menschenmenge wich zur&#252;ck.

Donnerwetter, rief Mystery. Mach das noch einmal, Mom.

Ich habe keine Ahnung, was passiert ist, sagte Faye w&#228;hrend sie zu Indy hin&#252;berging. Sie zog ein Messer aus ihrem G&#252;rtel und schnitt ihn los. Ich war einfach w&#252;tend, das ist alles.

Erinnern Sie mich daran, niemals Ihren Zorn zu erregen, sagte Indy.

Ali setzte sich auf und sch&#252;ttelte den Kopf. Sein Turban und Gewand qualmten, und auf der Erde, dort wo der Sand geschmolzen war, hatte sich eine Lache aus rot gl&#252;hendem Fulgurit gesammelt.

Ist das m&#246;glich?, fragte er. Eine Frau?

Was redet er da?, fragte Faye, wahrend sie Indy auf die Beine half. Wie geht es Ihrem Kn&#246;chel?

Indy bewegte die Zehen hin und her.

Komisch, sagte er, als er die Wunde untersuchte. Es ist nur ein Kratzer. Ich h&#228;tte schw&#246;ren k&#246;nnen, dass Ali ein St&#252;ck Fleisch aus meinem Kn&#246;chel geschnitten hat wie bei einem Erntedankfest-Truthahn. Aber im Augenblick blutet es nicht, es tut nicht einmal weh.

Darf ich den Stab untersuchen?, bat Ali.

Warum sollte ich ihn zur&#252;ckgeben?, fragte Faye.

Bitte, sagte Ali. Erlaube mir, ihn anzusehen, und sei es nur f&#252;r einen kurzen Augenblick.

Er streckte flehend seine H&#228;nde aus.

Geben Sie ihm den Stock, sagte Indy, w&#228;hrend er Socken und Stiefel anzog.

Ali nahm den Stab und wog ihn in der Hand.

Er ist viel schwerer, sagte er. Bringt eine Lampe.

Jemand brachte ihm eine brennende &#214;llampe, und er untersuchte den Stab damit der L&#228;nge nach. Er fuhr mit dem Daumen &#252;ber die Buchstaben.

Seht doch, sagte er. Jetzt sind sie ganz deutlich zu erkennen.

Was?, fragte Faye.

Die hebr&#228;ischen Buchstaben, erwiderte Ali und hielt ihr den Stab hin.

Der Name Aaron, sagte Indy.

Er ist es tats&#228;chlich.

Aber nat&#252;rlich, Mom, sagte Mystery. Oder glaubst du etwa, du k&#246;nntest mit irgendeinem alten Stock einen Blitz erzeugen?

Dann bist du die Ersehnte, stellte Ali fest.

Ich bin nichts dergleichen, widersprach Faye.

Die Zeit der Wunder ist zur&#252;ckgekehrt, sagte Ali.

An Ihrer Stelle w&#252;rde ich ihm nicht widersprechen, fl&#252;sterte Indy ihr ins Ohr. Schnappen Sie sich den Stab, und dann verschwinden wir von hier.

Eine Frau!, rief Ali voller Verwunderung.

Ich sagte dir doch, ich bin es nicht, meinte Indy.

Ach, aber so ist das mit Tr&#228;umen, meinte Ali. Unser Leben ist nichts weiter als ein Traum, w&#228;hrend Allah schl&#228;ft und Sheitan seinen Spielen nachgeht. Unsere Gebete sind nichts als eine flehentliche Bitte an Allah, weiterzuschlafen, denn wenn er erwacht - vergeht die Welt.



KAPITEL ACHT

Schlangenbeschw&#246;rer

Zwei Wochen sp&#228;ter hielt Indy mit seiner Indian in der Muski - dem &#228;ltesten Teil Kairos - vor einem Wohngeb&#228;ude, in dem er schon viele Male zu Gast gewesen war. Mystery, die die Scout mit Faye im Beiwagen fuhr, hielt hinter ihm an. Beide Motorr&#228;der waren mit Staub und Schlamm bedeckt und hatten dringend Reparaturarbeiten n&#246;tig.

Warten Sie hier, trug er den Maskelynes auf, w&#228;hrend er die Schutzbrille von seinem schmutzigen Gesicht zog. Er stieg die Treppenflucht zu einer Wohnung im obersten Stock des Geb&#228;udes hinauf, wischte sich den gr&#246;&#223;ten Teil des Schmutzes mit einem Taschentuch aus dem Gesicht und klopfte. Ein dunkelhaariges M&#228;dchen von ungef&#228;hr drei Jahren kam an die T&#252;r.

Ist dein Daddy zu Hause?, fragte Indy auf Arabisch.

Sie sah ihn mit ausdrucksloser Miene an.

Dann erschien ein zweites Kind in der T&#252;r, ein Junge, etwas &#228;lter und gr&#246;&#223;er als das Erste. Indy wiederholte seine Frage. Der Junge nickte ernst, unternahm aber weiter nichts. Schlie&#223;lich gesellte sich noch ein weiteres M&#228;dchen zu den beiden Kleinen, die bereits in der T&#252;r standen, und rief, als Indy seine Frage zum zweiten Mal wiederholte, etwas in die Wohnung. Indy h&#246;rte schwere Schritte &#252;ber den Holzfu&#223;boden stapfen und kurz darauf erschien ein altbekanntes Gesicht in der T&#252;r.

Sallah, rief Indy. Ich bin es.

Sallah starrte einen Augenblick lang, als h&#228;tte er ein Gespenst vor sich, schlie&#223;lich brach er in ein breites Grinsen aus.

Lasst ihn herein, meine Kleinen, sagte Sallah. Das ist unser Freund Indiana Jones, der gekommen ist, um uns einen unerwarteten Besuch zu machen. Tritt bitte ein.

Unten warten noch zwei Freunde -

Bitte sie ebenfalls herauf, sagte Sallah. Nein, warte, ich werde eines der Kinder hinunterschicken, um sie zu holen. Bist du hungrig? Wir k&#246;nnen etwas zu essen machen, es w&#228;re keine M&#252;he. Du siehst aus, als k&#228;mst du von weit her.

Sallah f&#252;hrte Indy hinaus auf den Balkon, schenkte ihm Tee ein und &#252;berlie&#223; ihm die bequemste Sitzgelegenheit. Der Balkon gew&#228;hrte Aussicht auf eine enge Gasse, dahinter jedoch konnte Indy die Minarette und D&#228;cher Kairos sehen.

Verzeih mir meine Frage, mein Freund, aber mit was f&#252;r einem Bann hat ein Zauberer dich belegt?, erkundigte sich Sallah besorgt. Du siehst dir ganz und gar nicht &#228;hnlich - eher einer blassen, &#228;lteren Nachbildung deiner Selbst, vielleicht.

Indy l&#228;chelte.

Wenn ich an die Religion meiner Vorfahren glauben w&#252;rde, fuhr Sallah fort, m&#252;sste ich zu dem Schluss gelangen, dein kasei gekommen, um mich auf seinem Weg in die Unterwelt zu besuchen.

Ich bin kein Gespenst, sagte Indy. Ich werde dir die Geschichte irgendwann einmal erz&#228;hlen, aber nicht jetzt. Sei versichert, dass ich es wirklich bin. Ich bin &#252;berrascht, dich um diese Tageszeit zu Hause anzutreffen.

Die Wirtschaftskrise ist in der ganzen Welt zu sp&#252;ren, sagte Sallah. In dieser Gegend hat es seit den sp&#228;ten Zwanzigern nur wenige Ausgrabungen gegeben. Hinzu kommt, dass der Service des Antiquites die Erlangung einer Erlaubnis f&#252;r die Weiterf&#252;hrung der Ausgrabungen an den ber&#252;hmteren Denkm&#228;lern zunehmend erschwert. Behalte diesen Gedanken f&#252;r dich, sagte Indy, als Faye und Mystery sich zu ihnen gesellten. Sallah erhob sich und k&#252;sste ihnen beide H&#228;nde. In der Linken hielt Faye den Stab, in eine d&#252;nne Decke geh&#252;llt. Du hast mir nicht erz&#228;hlt, dass du mit so h&#252;bschen Begleiterinnen unterwegs bist, sagte Sallah. Oh, bitte, meinte Faye. Ich sehe bestimmt f&#252;rchterlich aus. Was haben Sie dort, meine Strahlende? Sieh doch nach, schlug Indy vor. Sallah schlug die Decke zur&#252;ck. Der Stab war dicker und schwerer geworden und hatte mittlerweile eine satte, braune Farbe angenommen. Sallah strich mit den Fingern &#252;ber die hebr&#228;ische Inschrift.

Das ist bestimmt eine neuzeitliche F&#228;lschung, meinte er. Nein, sagte Indy. Es ist der echte Stab. Wie kannst du dir so sicher sein? Wir sind Zeugen einer Demonstration seiner Macht geworden. Aber dieses Holz weist kaum Altersspuren auf. Als ich ihn das erste Mal sah, sagte Indy, war er nichts weiter als ein ausged&#246;rrtes St&#252;ck Holz. Seitdem hat er sich in das verwandelt, was du jetzt vor dir siehst. Au&#223;erdem ist er es, der uns nach Kairo gef&#252;hrt hat.

Die folgende Stunde verbrachte Indy damit, Sallah von den gemeinsamen Abenteuern mit den Maskelynes zu berichten. Als er geendet hatte, kratzte Sallah sich an seinem

dunklen Bart und trank einen Schluck seines kalt gewordenen Tees.

Wei&#223;t du, wie die Sphinx von meinem Volk genannt wird?, fragte er. >Die Mutter des Schreckens<. Fr&#252;her einmal hielt man sie f&#252;r eine unsterbliche Gottheit, &#228;lter als das Menschengeschlecht.

Wirst du uns helfen?, fragte Indy. Selbstverst&#228;ndlich, sagte Sallah. Alles was ich zu geben habe, geh&#246;rt dir. Aber es wird nicht einfach werden. Wir m&#252;ssen nachts arbeiten und auf eine m&#246;gliche Entdeckung - oder Einmischung -vorbereitet sein. Verrate mir eins, dieser japanische Verbrecher, den du geblendet hast, ist er dir noch immer auf den Fersen? Seit Kalkutta nicht mehr.

Nun, das ist wenigstens etwas, meinte Sallah. Wir werden, von jetzt an gerechnet, in zwei N&#228;chten beginnen. Dann wird der Mond voll sein und uns helfen, beim Graben etwas zu erkennen.

Antiquit&#228;ten, zischte der Ladenbesitzer verstohlen. Er war ein hagerer Mann mit habichtartiger Nase und einem goldenen Schneidezahn, mit einem billigen Fez auf dem Sch&#228;del und bekleidet mit einem schmutzig-grauen Gewand. &#220;berreste einer untergegangenen Zivilisation von unsch&#228;tzbarem Wert. Darf ich Ihnen vielleicht einen k&#246;niglichen Skarab&#228;us zeigen? Wir sind an deinen schlecht gemachten F&#228;lschungen nicht interessiert, erwiderte Sokai.

Sir, alles in diesem Laden ist echt, protestierte der H&#228;ndler und tat gekr&#228;nkt.

Jadoo stand hinter Sokai, der alte Magier musterte den Inhalt des Ladens mit ge&#252;btem Blick. Es gab die &#252;blichen Scherben, Kalksteinsplitter, auf denen r&#228;tselhafte Gebete, Bauanleitungen und Graffiti in Bilderschrift zu sehen waren und die man in der N&#228;he der Totenstadt Gizeh aufgeklaubt hatte.

Schlechte Kopien von Grabmalstatuen, deren Originale im Museum in der Innenstadt Kairos verwahrt wurden, dazu verschiedenste St&#252;cke nachgemachten Schmucks, darunter Kopien jener goldenen Skarab&#228;usk&#228;fer, die einst die Brustharnische der Pharaonen zierten.

Alles in diesem Laden ist echt, Sir, wiederholte der H&#228;ndler.

Die meisten dieser Gegenst&#228;nde habe ich eigenh&#228;ndig aus dem Sand gegraben.

Wenn dem so ist, dann musst du sie auf deinen verdreckten Fu&#223;boden fallen gelassen haben, warf Jadoo ein. Kein einziger dieser Gegenst&#228;nde hat je das Innere eines k&#246;niglichen Grabmals gesehen.

Sie kr&#228;nken meinen Stolz, beklagte sich der Ladeninhaber.

Verraten Sie mir, was Sie suchen, und ich werde Ihnen helfen, es zu finden.

Etwas ein wenig Exotischeres, sagte Jadoo.

Ich kann Sie nach unten bringen. Dort bewahren wir die Dinge auf, die wir nicht in aller &#214;ffentlichkeit zum Verkauf anbieten k&#246;nnen. Verbotene Dinge. Dinge, die man in einen Trank mischen kann, um Wunden zu heilen, die M&#228;nnlichkeit wiederherzustellen und das Leben zu verl&#228;ngern.

Ah, jetzt kommen wir der Sache schon ein wenig n&#228;her, sagte Sokai. Er sch&#252;ttelte eine Lucky Strike aus der Packung, steckte sie sich in den Mund und gestattete dem Ladenbesitzer, sie anzuz&#252;nden.

Wir haben die besten viertausend Jahre alten Mumien, fuhr der Ladenbesitzer fort. Frisch aus dem Grab, gemahlen und gebrauchsfertig. Die allerbesten Mumien f&#252;r medizinische Zwecke &#252;berhaupt. Oder aber Sie nehmen eine ganze Mumie mit nach Hause, als dekoratives Genrest&#252;ck.

Wie ist dein Name?

Achmed, Sir. Und der Ihre?

Mein Name tut nichts zur Sache, sagte Sokai. Worum es geht, ist, dass ich auf der Suche nach drei Mumien eines etwas j&#252;ngeren Jahrgangs bin.

Selbstverst&#228;ndlich, gurrte Achmed. Aus welcher Dynastie?

Welches Datum haben wir?, fragte Sokai.

Achmed wirkte schockiert.

Wollen Sie damit etwa auf einen Mord anspielen?, fragte er.

Ich bitte dich, sagte Sokai. Versuche nicht, mir Abscheu vorzuheucheln. Ich wei&#223;, dass die Mumien, die du zum Verkauf im Keller liegen hast, noch vor wenigen Monaten gesund und munter umherspaziert sind, und dass du Leichen aus Gr&#228;bern raubst, sie umwickelst und drau&#223;en in der W&#252;ste liegen l&#228;sst, bis sie trocken genug sind.

In Ermangelung eines anderen Einfalls l&#228;chelte Achmed.

Wir haben Nachforschungen angestellt, erkl&#228;rte Jadoo, und Leute, die es wissen m&#252;ssen, sagen, dass du der Mann bist, an den man sich wenden muss, wenn man gewisse Dinge schnell und unauff&#228;llig erledigt haben m&#246;chte.

Tja, das wird aber nicht billig werden, meinte Achmed.

Selbstverst&#228;ndlich nicht, sagte Sokai. Er zog seine Brieftasche aus der Jackentasche, entnahm ihr f&#252;nf Zehnpfundnoten und legte sie auf die schmutzige Ladentheke. Wir reden hier nicht &#252;ber Kleingeld. Weitere einhundert Pfund werden auf dich warten, sobald die Arbeit erledigt ist.

Achmed vergewisserte sich, dass niemand ihn beobachtete, dann raffte er die Scheine an sich und stopfte sie in die Tasche seines Gewandes.

Erz&#228;hlen Sie mir von den dreien, sagte er.

Sie halten sich zurzeit in Kairo auf, erkl&#228;rte Sokai, allerdings wei&#223; ich nicht genau, wo. Ein amerikanischer Arch&#228;ologe, seine Begleiterin, die als Magierin auftritt, sowie die Tochter dieser Frau. Mich interessiert vor allem der Mann.

Wie lautet der Name dieses Mannes?

Indiana Jones.

Achmed musste lachen.

Kennst du ihn?

Jeder in der Muski kennt Dr. Jones, erwiderte er. Es wird nicht schwer sein, ihn zu finden, sein Tod wird allerdings keine popul&#228;re Angelegenheit sein. Er ist bei den Gr&#228;bern sehr beliebt. F&#252;r seinen Tod muss ich dreihundert Pfund verlangen.

So viel ist Jones nicht wert, erwiderte Sokai. Ich werde dir zweihundert geben.

Abgemacht, sagte Achmed. Sagen Sie, was sucht dieser Jones eigentlich in Kairo? Es w&#228;re hilfreich, wenn ich eine Schw&#228;che w&#252;sste, wenn ich sie dazu bringen k&#246;nnte, mich aufzusuchen, wo ich ohne Hast arbeiten kann, statt sie in ihren Betten hinzumeucheln.

Die Sphinx, sagte Jadoo, dann sah er Sokai an. Sie sind wegen der Sphinx hier. Mehr k&#246;nnen wir dir nicht sagen.

Au&#223;erdem will ich alles, was sie bei sich tragen, sagte Sokai.

Jeden einzelnen Fetzen Papier, jeden Gegenstand, ganz gleich, wie unbedeutend er erscheinen mag. Bring alles zu dieser Adresse. Sokai gab ihm eine Gesch&#228;ftskarte mit der Adresse einer Exportfirma darauf. Hast du verstanden?

Vollkommen, erwiderte Achmed. Und danach?

Bringst du sie zu mir, selbstverst&#228;ndlich, sagte Sokai. Als Mumien.

Mystery mischte das Kartenspiel, w&#228;hrend Sallahs Kinder sich um sie dr&#228;ngten. Sie f&#228;cherte die Karten mit der Bildseite nach vorn auseinander und bat das J&#252;ngste der M&#228;dchen, sich eine auszusuchen. Die vier Jahre alte Jasmine l&#228;chelte, war aber zu sch&#252;chtern, eine Karte zu ziehen. Mach endlich, forderte ihr zehnj&#228;hriger Bruder Moshti sie auf Arabisch auf. Das geht schon in Ordnung. Such dir eine Karte aus.

Jasmine griff zu und entschied sich f&#252;r die Kreuz-Drei. So, jetzt zeig sie deinen Geschwistern, forderte Mystery sie auf. Ich werde die Augen schlie&#223;en, damit ich sie nicht sehe. Und dass niemand mir die Karte verr&#228;t. Moshti &#252;bersetzte, und Jasmine zeigte die Spielkarte kichernd herum.

Fertig?, fragte Mystery, die Augen immer noch fest geschlossen. Ja, sagte Moshti.

Also gut, ich m&#246;chte, dass du die Karte irgendwo aufs Geratewohl in den Stapel zur&#252;cksteckst, sagte Mystery, das zusammengeschobene Kartenspiel vor sich haltend. Schieb sie irgendwo hinein.

Moshti f&#252;hrte Jasmines Hand zum Kartenspiel, wo die Karte ungef&#228;hr in der Mitte hineingesteckt wurde. Fertig, meinte Moshti. Mystery schlug die Augen auf.

So, und jetzt werde ich versuchen, deine Karte wiederzufinden, sagte sie an Jasmine gewandt. Seid ganz still, weil man sich dazu sehr stark konzentrieren muss. Was hei&#223;t konzentrieren?, wollte Moshti wissen. Nachdenken, sagte Mystery, w&#228;hrend sie die obersten f&#252;nf Karten vom Sto&#223; nahm und in der Hand hielt. Nein, ich glaube, von diesen ist es keine, sagte sie und lie&#223; die Karten fallen. Dann hob sie zehn weitere Karten von oben ab, aber auch von diesen fand keine ihre Zustimmung. Seid ihr sicher, dass sie drinsteckt?, fragte Mystery. Moshti &#252;bersetzte, und die Kinder nickten. Na sch&#246;n, sagte Mystery und sah weitere zwanzig Karten durch. Von diesen hier ist es ebenfalls keine. Ich kann sie einfach nicht finden, sagte sie, lie&#223; den Rest des Kartenspiels auf den Fu&#223;boden fallen und zeigte ihre leeren H&#228;nde.

Sie muss aber dabei sein, sagte Moshti, woraufhin er und die Kinder die auf dem Boden liegenden Karten durchsuchten, allerdings ohne Erfolg.

Oh, wartet mal, sagte Mystery und schlug sich gegen die Stirn.

Das war mein spezielles Spiel aus fliegenden Karten. Wie dumm von mir. Jetzt wei&#223; ich, wo die Karte steckt.

Sie langte her&#252;ber und zog die Kreuz-Drei hinter dem R&#252;cken von Jasmines Kleid hervor.

Sie ist dorthin geflogen; erkl&#228;rte Mystery.

Die Kinder klatschten begeistert in die H&#228;nde.

Das war sehr gut, lobte Sallah von der anderen Seite des Zimmers.

Das war einer der ersten Kartentricks, die mir mein Vater beigebracht hat, sagte Mystery, w&#228;hrend sie die Karten wieder einsammelte und ins Spiel zur&#252;cksteckte. Eigentlich ist es ein ganz simpler Taschenspielertrick, aber beim Publikum ist er immer gut angekommen.

Ich bin sicher, dein Vater ist sehr stolz auf dich, sagte Sallah.

Wie sollte er, wenn er mich seit Jahren nicht gesehen hat?, fragte sie zornig. Meine Mutter und ich bedeuten ihm offensichtlich nicht sehr viel.

Manchmal, erwiderte Sallah z&#246;gernd, sind Eltern gezwungen, ihre Kinder eine Zeit lang alleine zu lassen, weil ihr Bauch oder ihre Tr&#228;ume ihnen dies gebieten. Ich war manchmal monatelang von dieser Sippe getrennt, bei der einen oder anderen Ausgrabung. Das hei&#223;t nicht, dass ich sie deswegen weniger liebe.

Aber Sie kommen immer zur&#252;ck, sagte Mystery.

Wenn Eltern das nicht tun, erwiderte Sallah, dann liegt es oft an Umst&#228;nden, auf die sie keinen Einfluss haben. Dein Vater hat dich sehr geliebt, dass er dir diese Tricks gezeigt hat, und ich bin sicher, dass er dich nicht aus freien St&#252;cken l&#228;ngere Zeit alleine lassen w&#252;rde.

Manchmal denke ich, er ist tot, sagte Mystery. Und manchmal w&#252;nsche ich mir, er w&#228;re es. Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Ich meine, wenn meine Mutter oder ich wenigstens eine Postkarte oder einen Brief h&#228;tten, in dem er erkl&#228;rt, dass er uns sehr liebt, aber noch nicht zur&#252;ckkommen kann. Das w&#252;rde mir so viel bedeuten.

Nat&#252;rlich w&#252;rde es das, sagte Sallah. Kein Mensch ist jung genug, um Waise zu sein. Als ich meinen Vater verlor, glaubte ich, die Welt w&#252;rde untergehen, aber das tat sie nicht. Und so lebt mein Vater in den strahlenden Gesichtern dieser Kinder weiter, die du hier vor dir siehst.

Ich werde niemals Kinder bekommen, sagte Mystery. Die Welt ist zu brutal. Es w&#228;re grausam, noch ein Leben in sie hineinzusetzen.

So habe ich in deinem Alter auch geredet, meinte Sallah. Die Vorstellung, Kinder zu bekommen, die Verantwortung f&#252;r eine Familie war mir zuwider. Aber die Welt hat ihren eigenen Plan. Und das Eigenartige an Kindern, wenn sie geliebt, umsorgt und als menschliche Wesen akzeptiert werden, ist, dass sie die Welt zu einem vers&#246;hnlicheren Ort machen.

Mystery verzog das Gesicht.

Du wirst schon sehen, prophezeite Sallah. Du wirst den richtigen jungen Mann finden und -

Ich hatte noch nie einen Freund, wissen Sie, meinte Mystery.

Mein Leben war so verr&#252;ckt. Durch die Welt zu ziehen, immer auf der Suche nach meinem Vater, die H&#228;lfte der Zeit in M&#228;nnerkleidung, und bereits auf dem Weg in die n&#228;chste Stadt, kaum dass man mit dem Auftritt in der einen fertig ist. Manchmal frage ich mich, wie es ist, &#252;berhaupt richtige Freunde zu haben, von einem Freund ganz zu schweigen.

Aber du hast Freunde, sagte Sallah. Indy und mich, und deine Mutter ist ganz sicher deine Freundin.

Ich will jemanden, der nicht alt ist.

Sallah machte einen missbilligenden Laut ganz tief in seiner Kehle.

Sie wissen, was ich meine, sagte Mystery.

Ja, meinte Sallah, und genau das ist der Grund, weshalb es mir

Sorgen bereitet.

Mystery verdrehte die Augen.

Vielleicht ist ein Wechsel in der Gangart erforderlich, meinte Sallah. Erlaube, dass ich deine Mutter und Indy rufe. Sie werden dich zum Marktplatz begleiten, wo dich ein neues Kleid erwartet.

Sie meinen, ein richtiges Kleid?, fragte Mystery. Mit Rock und allem Drum und Dran?

Ja, mit Rock und allem Drum und Dran, best&#228;tigte Sallah.

Ich kann nicht glauben, dass ich deswegen so aufgeregt bin, meinte Mystery. Es ist so ...

Normal?, fragte Sallah.

Mystery drehte sich mitten auf der Stra&#223;e im Kreis, w&#228;hrend sich das wei&#223;e Kleid, mit der Nachmittagssonne dahinter, wie ein Fallschirm um sie bl&#228;hte. Ein alter &#196;gypter, der am Stra&#223;enrand einen Graben aushob, hielt einen Augenblick auf den Stiel seiner Schaufel gest&#252;tzt inne und bedachte sie mit einem missbilligenden Stirnrunzeln, w&#228;hrend ein junger Mann auf einem Fahrrad sich den Hals ausrenkte und ein anerkennendes Pfeifen von sich gab, bevor er mit dem K&#252;hlergrill eines geparkten Taxis kollidierte. Jetzt ist es amtlich, sagte Indy, als es zu dem erwarteten Streit zwischen dem Taxichauffeur und dem Radfahrer kam. Sie hat den Stra&#223;enverkehr zum Erliegen gebracht. Mir war gar nicht bewusst, wie erwachsen sie mittlerweile geworden ist, gestand Faye. Ich hatte mit siebzehn noch keine solchen Kurven. Woher sie die wohl hat?

Vielleicht von der besseren Ern&#228;hrung, meinte Indy. Au&#223;erdem sind Sie so daran gew&#246;hnt, sie in M&#228;nnerkleidung zu sehen, dass alles andere zwangsl&#228;ufig ein Schock sein muss.

Stra&#223;enh&#228;ndler riefen ihnen von den Bordsteinen zu, &#228;ngstlich bestrebt, die Aufmerksamkeit der reichen Amerikaner auf sich zu lenken. Die meisten wollten ihnen im Tausch gegen ein paar Piaster das Schicksal aus der Hand oder aus dem Teesatz lesen oder ein paar symboltr&#228;chtige Zahlen auf einen Zettel kritzeln, der daraufhin verbrannt werden und ihnen Gl&#252;ck bringen w&#252;rde. Andere hielten nahezu wertlosen Tand, gr&#246;&#223;tenteils Perlen und Modeschmuck, in ihren ausgestreckten H&#228;nden, w&#228;hrend wieder andere ihnen mit weniger schriller Stimme Dinge anboten, die selbst in der Muski illegal waren: Diebesgut, Haschisch, ein paar Augenblicke der Leidenschaft mit einem wildfremden Menschen. Vor einem Schlangenbeschw&#246;rer blieb Mystery stehen. Der Mann hockte fl&#246;tespielend mit &#252;bereinander geschlagenen Beinen vor einem Weidenkorb. Eine K&#246;nigskobra reckte ihren Kopf aus dem Korb hervor, blies ihre Haube auf und schien sich im Rhythmus der seltsam dissonanten Musik zu wiegen. Das ist ein gro&#223;es Exemplar, meinte Faye. Sie misst vom Kopf bis zum Schwanzende bestimmt acht Fu&#223;. Wie w&#252;rde es Ihnen gefallen, wenn dieses Monstrum seine Giftz&#228;hne in Sie schl&#252;ge?, fragte Mystery. Gehen wir, sagte Indy.

Schlangen sind taub, wissen Sie, sagte Faye. Sie k&#246;nnen die Musik nicht h&#246;ren. Sie sprechen auf die Bewegungen der Fl&#246;te an, nicht auf die Musik.

Sie haben das doch bestimmt schon tausendmal gesehen, sagte Indy. Richtig, aber das ist eine der gr&#246;&#223;ten Schlangen, die ich je zu Gesicht bekommen habe, erwiderte Mystery, als sie neben dem Schlangenbeschw&#246;rer in die Hocke ging und staunend in die Augen der Kobra blickte. Das Beschw&#246;ren von Schlangen ist ein &#252;beraus alter Beruf. V&#228;ter geben ihn an ihre S&#246;hne weiter, und manchmal ist es das Einzige, womit sich eine Familie etwas zu essen verdienen kann. Indy ging ein paar Schritte vor.

Sehr gut, sagte Mystery und legte ein paar M&#252;nzen auf den Boden. Der Schlangenbeschw&#246;rer unterbrach sein Spiel und grinste breit.

Ich zeige dir den ber&#252;hmten Seiltrick, bot er an. Ein andermal, antwortete Mystery. Dann, bevor sie >Nein< sagen konnte, packte er ihre Hand und besah sich gr&#252;ndlich ihre Handfl&#228;che.

Du wirst ein langes und ereignisreiches Leben f&#252;hren, sagte er.

Du wirst fr&#252;h heiraten, viele wundersch&#246;ne Kinder haben, und deine Freude wird stets gr&#246;&#223;er sein als dein Kummer.

Versprochen?, fragte Mystery.

Dr. Jones, meinte Faye tadelnd, ich h&#228;tte nie gedacht, dass Sie sich vor Schlangen f&#252;rchten.

Was reden Sie da?, sagte Indy mit einem gezwungenen L&#228;cheln. Es ist diese verdammte Musik, die ich nicht ausstehen kann.

Ein undurchsichtiger Mann mit einem roten Turban, der, das Gesicht auf den Armen, auf den Fersen gehockt hatte, hob unvermittelt den Kopf. Er klopfte mit seinem Spazierstock dreimal auf das Stra&#223;enpflaster, und als Indy daraufhin in seine Richtung schaute, fragte er leise: Wer m&#246;chte das Geheimnis der Sphinx ergr&#252;nden? Indy blieb stehen. Was haben Sie gesagt?, fragte er. Der Mann schwieg. Indy ging her&#252;ber, st&#252;tzte sich mit

einem Knie auf dem

Boden ab und besah sich den Mann neugierig. Der Mann erwiderte seinen Blick, doch das ledrige Gesicht verriet nicht die geringste Regung.

Trauen Sie sich, die Geheimnisse der Sphinx zu erfahren?, fragte der Mann.

Kommen Sie, sagte Faye und zupfte an Indys Hemd. Augenblick noch, sagte Indy. Er ist doch blo&#223; ein Wahrsager, meinte Faye. Aber er hat etwas &#252;ber die Sphinx gesagt, meinte Indy. Was wollten Sie damit sagen, ob ich mich traue, sie zu erfahren? Wieso fragen Sie ausgerechnet mich? Ihr Schatten begleitet Sie, erwiderte der Mann. Sie suchen die Sphinx, und was sich darin verbirgt. Ich kann Ihnen helfen. Wie denn?, wollte Indy wissen. Wie k&#246;nnen Sie mir helfen? Gehen wir, dr&#228;ngte Faye. Mir gef&#228;llt das nicht. Es existiert eine Karte, erkl&#228;rte Achmed. Sehr alt. Darauf sind viele Geheimnisse verzeichnet, die das Grabmal umgeben, Geheimnisse, die noch entdeckt werden m&#252;ssen. Lassen Sie mich einen Blick darauf werfen. Ich trage sie nicht bei mir, erwiderte Achmed. Aber ich kann sie Ihnen zeigen. Indy z&#246;gerte.

Es ist nicht weit, setzte Achmed hinzu. Faye verschr&#228;nkte die Arme. Wie viel?, fragte sie. Nicht teuer, antwortete Achmed. F&#252;hren Sie mich hin, sagte Indy. Wie viel sie wert ist, dar&#252;ber unterhalten wir uns, sobald ich sie gesehen habe. Achmed nickte. Er erhob sich und f&#252;hrte die Dreiergruppe durch die verwinkelten Stra&#223;en zu einer Gasse, dann in die Gasse hinein bis zur Hintert&#252;r seines Ladens. Er klopfte an die T&#252;r,

die daraufhin von unsichtbarer Hand ge&#246;ffnet wurde. Sie traten ein, und Achmed machte ihnen ein Zeichen, ihm einen Treppenlauf hinunterzufolgen. Das gef&#228;llt mir nicht, meinte Faye. Was kann es schaden?, fragte Indy. Wahrscheinlich ist er im Besitz eines St&#252;ckes wertlosen Plunders, das bereits hundertmal nachgedruckt worden ist. Andererseits k&#246;nnte er auch etwas haben, das wir tats&#228;chlich brauchen. Das m&#252;ssen wir herausfinden.

Indy ging als Erster, gefolgt von Mystery und schlie&#223;lich Faye. Die Stufen knarrten Unheil verk&#252;ndend unter ihrem Gewicht, und im Keller war es so finster, dass sie kaum ihre F&#252;&#223;e erkennen konnten.

Was ist das f&#252;r ein Geruch?, fragte Mystery. So etwas &#220;bles habe ich noch nie gerochen. Ach, bitte?, fragte Indy, als er am unteren Treppenende anlangte. K&#246;nnten wir hier vielleicht etwas Licht bekommen? Achmed riss ein Streichholz an und hielt es an den Docht einer von der Decke herabh&#228;ngenden Kerosinlampe. Als er sich wieder zu ihnen herumdrehte, hatte er einen 32er Revolver in der linken Hand, den Griff fest umklammert. Sie h&#246;rten das Rasseln eines Schl&#252;ssels, als die T&#252;r &#252;ber ihnen abgeschlossen wurde. Ein &#220;berfall?, fragte Indy.

Jetzt wei&#223; ich, woher dieser Gestank kommt, sagte Mystery. Ein Arm und ein Bein schwammen in einem an der gegen&#252;berliegenden Wand stehenden gro&#223;en Bottich, in dem sich eine gr&#252;nliche Fl&#252;ssigkeit befand, w&#228;hrend auf einem Holztisch daneben eine salzverkrustete Leiche lag. Die Organe waren herausgenommen worden und befanden sich in auf dem Fu&#223;boden stehenden Blecheimern. Auf dem Arbeitstisch lag eine blutverschmierte, spitz zulaufende Zange, an deren Backen noch Gehirnpartikel klebten, sowie eine gro&#223;e Rolle Leinenbandagen. Sie stellen Ihre Mumien selber her, bemerkte Indy. Die besten in ganz Kairo, erwiderte Achmed.

Oh, mein Gott, entfuhr es Faye. Was haben Sie uns diesmal eingebrockt, Jones? Ich habe Ihnen doch gesagt, das ist Unfug.

K&#246;nnen wir vielleicht sp&#228;ter dar&#252;ber streiten?, fragte Indy. Ich habe hier ein Problem am Hals.

Wir stecken in derselben Klemme, feuerte Faye zur&#252;ck. Oder glauben Sie vielleicht - Ruhe!, br&#252;llte Achmed.

Er gab ihnen einen Wink mit dem Lauf der Waffe. Kommen Sie hier her&#252;ber, langsam. Sie stellten sich in die Mitte des Kellerraumes unter die Lampe. Achmed n&#228;herte sich Indy vorsichtig, die Waffe im Anschlag, und riss ihm den Revolver aus dem Halfter. Achmed betrachtete den gr&#246;&#223;eren und gut ge&#246;lten Webley einen Augenblick lang, dann warf er seine Waffe auf den Arbeitstisch. Er prallte gegen einen der dort gestapelten K&#246;rbe, aus dem das vertraut hinterh&#228;ltige Ger&#228;usch von Schlangen drang, die einen Weg ins Freie suchen.

Ihre Waffe ist erheblich besser, stellte Achmed anerkennend fest.

Ein geschickter Schachzug, meinte Faye. Ich m&#246;chte wetten, er ist auch noch geladen.

Hacken Sie nicht auf mir herum, warnte Indy. Achmed rief jemandem namens Abdul etwas zu, dann h&#246;rten sie, wie die Kellert&#252;r &#252;ber ihnen aufgeschlossen wurde. Ein gut zwei Meter gro&#223;er Araber mit kahl geschorenem Sch&#228;del und gl&#228;nzenden Muskeln kam die protestierenden Stufen hinunter. Er hatte einen gro&#223;en Weidenkorb in der Hand, den er vor sie hinstellte.

Ziehen Sie Ihre Kleider aus, sagte Abdul. Legen Sie sie in den Korb. Schuhe, G&#252;rtel, Brieftaschen und auch alles andere.

Sie machen wohl Witze, sagte Mystery.

Keine Witze, sagte Achmed und spannte den Revolver. Ziehen Sie Ihre Kleider aus, oder ich werde Sie Ihnen von Abdul ausziehen lassen.

Mystery sah zu Abdul hin&#252;ber, der bereits in freudiger Erwartung feixte.

Was geschieht, wenn wir damit fertig sind?

Achmed gab ein Zeichen mit dem Lauf der Waffe, und Abdul machte Anstalten, sich Mystery zu greifen. Indy trat zwischen die beiden und legte eine Hand auf Abduls schwei&#223;nasse Brust. Es war, als stemmte man sich gegen einen Leinensack voller st&#228;hlerner Lagerkugeln.

Warum erschie&#223;en Sie nicht mich?, fragte Indy, an Abdul gewandt.

Das werde ich auch, drohte Achmed.

Nein, das werden Sie nicht, erwiderte Indy. Weil Sie meine Haut auf keinen Fall durchl&#246;chern wollen, richtig? Es ist schwierig, ein Einschussloch in einer viertausend Jahre alten Mumie zu erkl&#228;ren.

Es ist seltsam, nicht wahr, Dr. Jones?, fragte Achmed. Machen Sie kein so &#252;berraschtes Gesicht - Sie sind hier besser bekannt als Sie dachten. Und nun sollen Sie genau zu dem werden, wonach Sie so viele Jahre gesucht haben.

Nun, ich habe Neuigkeiten f&#252;r dich, Freundchen. Wir alle sind auf die eine oder andere Weise verg&#228;nglich, aber ich habe nicht die Absicht, diesen Vorgang zu beschleunigen, indem ich in diesen Bottich steige.

Oh doch, das werden Sie, sagte Achmed. Und wenn mein Vetter Abdul Sie hineinwerfen muss.

Abdul packte Indy an G&#252;rtel und Kragen und hob ihn hoch. Mit dem Gesicht zur Decke vermochte Indy Abdul bestenfalls die Ellbogen gegen den Kopf zu rammen, und obwohl der Riese bei jedem Schlag st&#246;hnte, weigerte er sich, seinen Griff zu lockern.

Nein, sagte Achmed. Zuerst brauchen wir seine Kleider und den Inhalt seiner Taschen.

Abdul setzte Indy wieder ab.

Ziehen Sie Ihre Kleider aus, kommandierte Achmed. Sie alle. Machen Sie schon!

Indy begann, oben anfangend, langsam sein Hemd aufzukn&#246;pfen. Faye und Mystery gingen ebenfalls dazu &#252;ber, ihre Kleider zu lockern, auch sie langsam.

Wo ist der Stab, wenn man ihn braucht?, fragte Indy Faye.

Seien Sie still, fauchte Faye.

Was?, fragte Achmed.

Nichts, sagte Indy.

Sie erw&#228;hnten einen Stab.

Kann sein, sagte Indy.

Ist dieser Stab wertvoll?

Von unsch&#228;tzbarem Wert, antwortete Indy. Aber das ist jetzt wohl nicht wichtig, oder?

Er war mit dem Aufkn&#246;pfen seines Hemdes fertig. Faye kniete nieder, um die Schn&#252;rsenkel ihrer Stiefel aufzuknoten, w&#228;hrend Mystery ihr neues Kleid von den Schultern gleiten lie&#223;.

Erz&#228;hlen Sie mir davon, forderte Achmed ihn auf.

Das w&#252;rde zu lange dauern, sagte Indy, seine Hemdzipfel herausziehend. Schlie&#223;lich haben Sie es eilig, uns in diese Salzl&#246;sung zu bekommen.

Der Lauf der Waffe geriet unschl&#252;ssig ins Wanken. Sowohl Achmed als auch Abdul starrten Mystery in ihrer Unterw&#228;sche mit einem erwartungsvollen Leuchten in den Augen an. Indy griff hinter seinen R&#252;cken und tat, als wollte er seinen Hemdzipfel l&#246;sen, umfasste stattdessen den Griff seiner Peitsche und machte einen Schritt nach vorn. Die Peitsche schnitt mit einem Knall in Achmeds Handgelenk, und aus der Waffe l&#246;ste sich, bevor Achmed sie fallen lie&#223; und gegen den h&#246;lzernen Arbeitstisch taumelte, ein Schuss. Die Kugel schlug hinter ihm in die gemauerte Wand. Der h&#246;lzerne Tisch st&#252;rzte um, und Leiche sowie Schlangenk&#246;rbe fielen zu Boden. Kobras sch&#246;ssen in alle Richtungen davon.

Schlangen!, schrie Indy. Jede Menge Schlangen!

Abdul packte Indy mit einer Faust, gro&#223; wie ein Schinken, und begann, ihn Richtung Bottich zu zerren. Eine neun Fu&#223; lange Kobra schl&#228;ngelte sich an seinem Bein hinauf, und Abdul versuchte, sie abzusch&#252;tteln. Die Kobra fauchte und &#246;ffnete ihren Hut, dann versenkte sie ihre F&#228;nge in Abduls Oberschenkel. Der H&#252;ne schrie auf und packte die Schlange mit beiden H&#228;nden, vermochte sie jedoch nicht herauszuziehen. Als er sich umdrehte und Indy anflehen wollte, sie zu entfernen, holte Indy aus und versetzte ihm mit voller Wucht einen Schlag gegen das Kinn. Abdul taumelte nach hinten und fiel mit dem Gesicht voran in den Bottich. Die Fl&#252;ssigkeit zischte und fauchte. Achmed war bereits tot. An seinem Gesicht hingen mehrere Schlangen, und seine Wangen waren mit roten und Falten werfenden Bisswunden &#252;bers&#228;t.

Machen wir, dass wir hier rauskommen, sagte Indy.

Er sprang auf die Treppe.

Wollen Sie Ihre Waffe nicht mitnehmen?, fragte Mystery, w&#228;hrend sie sich die Tr&#228;ger ihres Kleides wieder &#252;berstreifte.

Vergiss sie, rief Indy, rollte die Peitsche zusammen und hakte sie an seinen G&#252;rtel.

Mystery sch&#252;ttelte den Kopf, dann ging sie in aller Ruhe quer &#252;ber den Fu&#223;boden.

Nicht!, rief Indy.

Psst!, machte Faye. St&#246;ren Sie ihre Konzentration nicht.

Mystery ging weiter, trat &#252;ber die sich windenden Schlangen hinweg und hob den Webley auf.

Sie versuchen blo&#223;, einen Weg ins Freie zu finden, sagte Mystery. Achmed hatte nicht die geringste Chance, aber Abdul h&#228;tte wahrscheinlich &#252;berlebt, wenn er nicht in Panik geraten w&#228;re. Normalerweise ist der Biss einer Kobra nicht t&#246;dlich.

Das glaube ich dir aufs Wort, sagte Indy, w&#228;hrend er den Webley in das Halfter schob.

Was in aller Welt machen sie mit den - Leichen, die sie hier pr&#228;parieren?, wollte Mystery wissen.

F&#252;r zu Pulver zerriebene Mumien gibt es einen betr&#228;chtlichen Markt, erkl&#228;rte Indy. Manche Leute verwenden sie als Medizin, andere dagegen halten sie f&#252;r ein sehr wirkungsvolles Aphrodisiakum.

Ist ja ekelhaft, sagte Mystery. Sollten wir dieses Haus nicht niederbrennen oder etwas &#196;hnliches?

Das w&#252;rden wir auch tun, wenn es nicht zu beiden Seiten von ehrlichen Gesch&#228;ften und Wohnh&#228;usern umgeben w&#228;re, antwortete Indy. Wir werden es einfach den Schlangen &#252;berlassen m&#252;ssen.



KAPITEL NEUN

Schakale

Kurz vor Sonnenaufgang fuhren sie in einem klapprigen alten Ford, der Sallahs Schwager geh&#246;rte, zur Hochebene von Gizeh, parkten das Auto, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, in der N&#228;he des Nils unterhalb einer Sandbank und warteten, dass der Mond aufging. Als es so weit war und er zwei Stunden sp&#228;ter wie ein gespenstischer Bote &#252;ber Kairo am Himmel erschien, heulte in der Ferne ein Schakal. Das Geheul scheuchte die letzten Touristen &#252;ber die Br&#252;cke zur&#252;ck in die Sicherheit der Stadt und &#252;berlie&#223; die Grabmale der W&#252;ste und den dort lebenden Kreaturen. Sallah nahm den Leinensack der mit Kiefernteer getr&#228;nkten Fackeln und das schwere eiserne Stemmeisen auf, und Indy holte die Schaufeln und &#196;xte. Faye trug den Stab und zwei Lampen, w&#228;hrend Mystery die Seile und den Flaschenzug schleppte. Sie kletterten das felsige Nilufer hinauf und begaben sich quer durch die gepeinigte Landschaft zur Sphinx. Als sie n&#228;her kamen, tauchte der Kopf der Sphinx &#252;ber dem Horizont auf, zusammen mit den Spitzen zweier der drei dahinter liegenden Pyramiden. Schlie&#223;lich bahnten sie sich ihren Weg zwischen den umgest&#252;rzten S&#228;ulen und Steinquadern des Tempels hindurch und erreichten den Eingang des eingefriedeten eigentlichen Grabmalbezirks.

Vor ihnen lag das r&#228;tselhafte Antlitz der Sphinx, den Blick f&#252;r alle Zeiten nach Osten gerichtet. Die verwitterten Pranken ragten ihnen entgegen, w&#228;hrend der Kopf mit seinen abstehenden Ohren und seiner geriffelten Haube aussah, als k&#246;nnte er jeden Augenblick auf sie herabst&#252;rzen, so schlimm war er besch&#228;digt. Weil die Sphinx aus einem einzigen, aus der Erde tretenden Kalksteinfels geschlagen war, ragte allein der Kopf &#252;ber den Horizont; der &#252;brige K&#246;rper war in eine graben&#228;hnliche Einfriedung eingelassen. Zwischen den Pranken befand sich eine senkrechte granitene S&#228;ule, etwa mannshoch, die mit Hieroglyphen &#252;bers&#228;t war. Wie die Sphinx selbst war auch die S&#228;ule besch&#228;digt und unvollst&#228;ndig.

Der Ort hat etwas, meinte Faye. Man sp&#252;rt geradezu, wie die Jahrhunderte auf einem lasten. Nein, nicht nur die Jahrhunderte, sondern die gesamte Ewigkeit.

Sie sind nicht die Erste, die diese Beobachtung macht, sagte Indy. Mir ist es ebenso ergangen, als ich zum ersten Mal hier war, als kleiner Junge. Mittlerweile liegt ein sehr viel gr&#246;&#223;erer Teil der Sphinx frei als damals. Sie ist im Verlauf ihrer Geschichte immer wieder abwechselnd von der W&#252;ste versch&#252;ttet und von nachfolgenden Generationen ausgebuddelt worden.

Wird niemandem auffallen, dass wir hier herumschn&#252;ffeln?

Das ist nicht wahrscheinlich, meinte Indy. Wir sind hinter der Einfriedung so gut verborgen, dass man praktisch genau &#252;ber uns stehen m&#252;sste, um uns zu entdecken.

Was steht hier?, fragte Mystery, vor der Granitstele stehend.

Der Mond schien so hell, dass Indy es ohne die Hilfe einer Lampe entziffern konnte.

Was meist an Grabmalen von Regierungen steht, erkl&#228;rte er.

Es erinnert an ein &#246;ffentliches Bauvorhaben und an den politischen F&#252;hrer, der es ins Leben gerufen hat. Vor etwa f&#252;nfundzwanzig Jahrhunderten lie&#223; Thutmosis IV. den Sand rings um die Sphinx fortr&#228;umen und Reparaturarbeiten an ihr vornehmen. Weil wir einen Teil des Namens hier auf dem besch&#228;digten Abschnitt der Tafel erkennen k&#246;nnen, die Silbe >Chef <, sind die meisten &#196;gyptologen der Ansicht, dass die Sphinx eintausend Jahre vorher von Chefren errichtet wurde.

Und welcher Ansicht sind Sie?, fragte Mystery.

Ich bin der Ansicht, dass wir noch l&#228;ngst nicht alle Antworten kennen, erwiderte er.

Ich habe gelesen, Napoleon habe die Sphinx f&#252;r Schie&#223;&#252;bungen benutzt, erz&#228;hlte Mystery, und dabei die Nase heruntergeschossen.

Nein, sie wurde im vierzehnten Jahrhundert von einem islamischen Fanatiker verunstaltet, erkl&#228;rte Indy.

Also gut, meinte Sallah, der sein B&#252;ndel ablegte und zu einer Schaufel griff. Ich bin bereit. Wo fangen wir an?

Gute Frage, sagte Indy. Faye, es ist so weit.

Faye nickte.

Sie ging zur Sphinx, dann drehte sie sich um und lie&#223; sich, den Stab im Scho&#223;, zwischen ihren Pranken nieder. Sie senkte den Kopf, konzentrierte sich und verharrte eine Viertelstunde lang in dieser Stellung, w&#228;hrend die anderen schweigend warteten. Schlie&#223;lich hob sie den Kopf.

Faye schlug die Augen auf, machte dabei aber ein Gesicht, als lausche sie einer fernen Musik. Sie stellte erst einen, dann den anderen Fu&#223; unter ihren K&#246;rper, und schlie&#223;lich hielt sie den Stab mit ausgestreckten Armen vor sich. Sie machte mehrere Schritte nach vorn, z&#246;gerte, trat einen Schritt nach links. Sie hielt den Stab mit einer Hand &#252;ber ihrem Kopf, dann drehte sie ihn herum und schleuderte ihn zu Boden. Das Ende des Stabes bohrte sich in den flachen Sand und stie&#223; darunter auf etwas Hartes. Graben Sie hier, sagte sie.

Sind Sie sicher?, fragte Indy. Man hat weder einen Blitz noch sonst etwas gesehen. Ich hatte eigentlich mehr erwartet.

Als die Juden in der W&#252;ste nach Wasser suchten, erkl&#228;rte Faye, haben sie mit dem Stab einfach gegen einen Fels geschlagen, und eine Quelle sprudelte hervor. Warum sollte es jetzt anders sein?

Naja, tausende - nein, wahrscheinlich Millionen - von Menschen sind in den letzten f&#252;nftausend Jahren &#252;ber diese spezielle Stelle hinweggegangen, und niemand hat hier je etwas gefunden. Es klang, als sei der Stab auf den nat&#252;rlichen Kalkstein unter dem Sand gesto&#223;en.

H&#246;ren sie auf mit dem Gemecker und fangen Sie an zu graben, sagte Faye.

Sallah markierte die Stelle mit dem Fu&#223;, dann ging er daran, den Sand mit einer Schaufel fortzur&#228;umen. Indy und Mystery halfen ihm dabei, w&#228;hrend Faye zuschaute, den Stab senkrecht in der Hand. Nach wenigen Minuten hatten sie so viel Sand entfernt, dass sie eine glatte, ebene Fl&#228;che vor sich hatten.

Sie ist von Menschen gemacht, stellte Indy fest. Es k&#246;nnte allerdings auch einfach eine der Steinplatten des alten Innenhofes sein, der sich an dieser Stelle befand.

Graben Sie weiter, sagte Faye.

Sallah klopfte mit dem stumpfen Ende des Stemmeisens auf die Steinplatte. Es gab ein hohles Ger&#228;usch.

Ich will verdammt sein, entfuhr es Indy.

Sallah sah missbilligend auf.

Ich habe eine Kante gefunden, rief Mystery.

Eine halbe Stunde sp&#228;ter hatten sie allen Staub von dem Stein entfernt, der eben war und ungef&#228;hr einen Meter im Quadrat ma&#223;. Schlie&#223;lich rammte Sallah das Stemmeisen unter eine der Kanten.

Augenblick noch, sagte Indy. Mystery, sieh nach, ob die Luft rein ist.

Mystery nickte.

Und sei vorsichtig, setzte Indy hinzu.

Sie krabbelte auf die rechte Pranke, kletterte auf die Schulter der Sphinx und st&#252;tzte sich am Kopf ab. Der Mond stand mittlerweile hoch am Himmel. Mystery schaute hinter sich. Der K&#246;rper der Sphinx, fast so lang wie ein Fu&#223;ballplatz, wirkte unproportioniert, der Kopf schien viel zu klein f&#252;r einen derart riesenhaften K&#246;rper. Im Nordosten ragte, vom Mondschein hell erleuchtet, die gro&#223;e Pyramide von Cheops in den Himmel, das letzte noch erhaltene Weltwunder der Antike. Beinahe unmittelbar hinter der Sphinx stand die etwas weniger bedeutende Pyramide von Chefren, w&#228;hrend sich im S&#252;dwesten die kleinste der drei gro&#223;en Pyramiden auf der Hochebene von Gizeh erhob, die von Mykerinos.

Im S&#252;den, parallel zum Nil, glaubte sie eine Bewegung zu gewahren. Sie schloss die Augen, schaute abermals hin, doch da war nichts.

Die Luft ist rein, rief Mystery.

Beim Hinunterklettern l&#246;ste sich unter ihren F&#252;&#223;en ein St&#252;ck der Sphinx aus einer eintausend Jahre alten ausgebesserten Stelle. Sie fing sich, bevor sie mehr als ein paar Fu&#223; weit abrutschen konnte.

Ich hab dir doch gesagt, du sollst vorsichtig sein, rief Indy.

Tut mir Leid.

Leid tun n&#252;tzt nichts, meinte Indy. Pass lieber besser auf.

Sallah holte tief Luft, biss die Z&#228;hne aufeinander und stemmte sich gegen das Endst&#252;ck des Eisens. Nichts geschah. Er schloss die H&#228;nde fester um das Stemmeisen und legte sich mit aller Kraft ins Zeug. Die Muskeln an seinen Armen und Schultern traten hervor wie Schlangen, doch wiederum r&#252;hrte sich nichts.

Er kann unm&#246;glich so schwer sein, sagte Indy.

M&#246;chtest du es mal versuchen?, fragte Sallah. Sein Gesicht war sehr ger&#246;tet, und von seiner Nase troff der Schwei&#223;.

Du hattest bestimmt einen ung&#252;nstigen Hebel, meinte Indy.

Was glaubst du, wie lange ich das schon mache?

Lass mich es versuchen, sagte Indy. Der Stein kann unm&#246;glich mehr als ein paar hundert Pfund wiegen.

Er spuckte in die H&#228;nde, setzte das Stemmeisen erneut an und zerrte.

Du hast Recht, staunte er.

Versuchen wir es gemeinsam, schlug Sallah vor.

Sallah &#252;bernahm das obere Ende des Stemmeisens, Indy die Mitte, und Mystery dr&#252;ckte von der anderen Seite. Nach drei&#223;ig Sekunden konzentrierter Anstrengung vernahm man das scharrende Ger&#228;usch von Fels auf Fels.

Er bewegt sich, stie&#223; Indy zwischen zusammengebissenen Z&#228;hnen hervor.

Nur nicht schlapp machen, dr&#228;ngte Faye.

Widerstrebend gab der Stein nach. Mystery l&#246;ste ihren Griff vom Stemmeisen und trat zur&#252;ck. Mit dem Handr&#252;cken wischte sie sich den Schwei&#223; aus der Stirn, dann schaute sie hinauf zu den Sternen.

Komisch, meinte sie, schwer atmend. Ich dachte, ich w&#252;rde in diesem Augenblick aufgeregt sein, aber das bin ich nicht. Ich f&#252;hle mich seltsam - als w&#228;re ich einer jener Schakale dort drau&#223;en in der W&#252;ste.

Wir sind Schakale, gab Sallah ihr mit einem Gl&#228;nzen in den Augen Recht. Und daran ist nichts Verwerfliches, es ist der Lauf der Natur. Meine Familie pl&#252;ndert diese Gr&#228;ber bereits seit vielen Generationen. Wir sind nichts anderes als menschliche Schakale. J&#228;ger und R&#228;uber.



KAPITEL ZEHN

Die Mutter des Schreckens

Als Sallah den massiven Stein m&#252;hevoll zur Seite wuchtete, str&#246;mte ein hei&#223;er Luftschwall aus dem Gang hervor, der die Sphinx und die Sterne &#252;ber ihr wie eine Luftspiegelung flimmern lie&#223;.

Nimm einen tiefen Atemzug, Indy, sagte Sallah. Wir atmen die Luft der Pharaonen!

Und der Sklaven, versetzte Indy und nahm eine Fackel aus dem Segeltuchsack, der &#252;ber seiner Schulter hing. Er riss ein Streichholz an dem Kalksteinklotz an, den Sallah auf den Sand geschoben hatte, und hielt es an die fest umwickelten, pechgetr&#228;nkten Schilfrohrb&#252;schel. Die Fackel spr&#252;hte und knisterte, bevor sie sich zu einer gleichm&#228;&#223;ig brennenden, orangenen Flamme entz&#252;ndete. Indy machte ein paar Schritte in den Gang hinein und hielt die Fackel vor sich. Die Stufen waren mit einem feinen roten Staub &#252;berzogen und f&#252;hrten hinunter in die Dunkelheit. Die W&#228;nde des Ganges waren schmucklos, auf dem Sturz dagegen waren Hieroglyphen zu erkennen.

Die Hieroglyphen, fragte Mystery. Was besagen sie?

Sie dr&#228;ngen den Weisen zum Weitergehen und den Narren zur Umkehr.

Du hast nie einen Rat befolgt, erinnerte ihn Sallah.

Sehr komisch, gab Indy zur&#252;ck. Du wirst mich ebenfalls begleiten.

Aber Indy, stammelte Sallah. Wer soll denn dann die Frauen besch&#252;tzen?

Du willst hier oben bleiben, bei Faye und diesem Stock?

Sallah wirkte unschl&#252;ssig, doch dann schloss er sich Indy rasch an.

Hoffentlich habe ich die richtige Entscheidung getroffen, meinte er.

Das werden wir bald wissen, sagte Indy und reichte ihm eine Fackel. Bleib hinter mir. Und fass nichts an, es sei denn, ich bitte dich ausdr&#252;cklich darum.

Die Treppe f&#252;hrte steil hinunter in die Erde, verlief dann eben und f&#252;hrte in eine enge, mit farbenfrohen und kunstvoll gearbeiteten Malereien ausgeschm&#252;ckte Nebenkammer. Die G&#246;ttin Nut, mitsamt den Sternenreihen, die ihre Flanken zierten, &#252;berspannte die gesamte Decke. An den W&#228;nden befanden sich Reliefs, auf denen Priester dargestellt waren, die einen Pharao f&#252;r seine Reise in die Unterwelt pr&#228;parierten. Das Ankh, das &#228;gyptische Symbol des ewigen Lebens, wiederholte sich ein ums andere Mal. Zwei mit Papyrusrollen gef&#252;llte Tonvasen standen rechts und links des Kammereingangs.

Dies ist die zweite Galerie, stellte Indy fest. Bislang folgt die Grabkammer einer recht gebr&#228;uchlichen Anordnung, wie sie bei den meisten K&#246;nigsgr&#228;bern &#252;blich ist.

Indy nahm eine Papyrusrolle zur Hand und rollte sie vorsichtig einige Zentimeter auseinander. Sie war mit einer kursiven Form von Hieroglyphen beschriftet, die als hieratischer Stil bekannt war.

Hast du eine Vorstellung, wie alt dieses Labyrinth sein k&#246;nnte?, fragte Sallah.

Nein, antwortete Indy. Die Papyrusrolle in seinen H&#228;nden begann, an den Kanten zu Staub zu zerbr&#246;ckeln. Er steckte sie in die Vase zur&#252;ck und zog eine andere heraus, die, als er sie auseinander rollte, ebenfalls zu zerfallen begann. Dies sind die Gutachten der Priester, die diese Kammer offenbar in Abst&#228;nden von jeweils mehreren hundert Jahren restauriert haben. Dieses hier reicht zur&#252;ck bis zur Zeit Ramses II., dreizehnhundert Jahre vor Christi Geburt. Dort hei&#223;t es, dieser Ort existiere seit Anbeginn der Zeit und sei Schauplatz des glorreichen Ersten Mals gewesen.

Des Ersten Mals, wiederholte Sallah. Als die G&#246;tter auf die Erde kamen. Ich dachte, das sei nichts weiter als eine Legende.

Hier, an diesem Ort, erscheint es mir wirklicher als das Leben selbst. Was glaubst du, mein Freund?

Ich glaube, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt f&#252;r theologische Diskussionen. Die alten &#196;gypter hatten eine v&#246;llig andere Vorstellung von der Wirklichkeit als wir. Sie sahen es als Tatsache an, dass ihre Pharaonen unmittelbar von den G&#246;ttern abstammten.

Indy stellte die Papyrusrolle an ihren Platz zur&#252;ck und wischte sich den Staub von den H&#228;nden.

Ich werde darauf verzichten, mir die anderen anzusehen, denn ich bef&#252;rchte, dadurch unwiderbringliche Texte zu zerst&#246;ren, sagte er. Das Gewicht der Jahrhunderte schien schwer auf ihm zu lasten.

Wenn wir nur mehr Zeit h&#228;tten, meinte Sallah.

Haben wir aber nicht, versetzte Indy. Welch eine Ironie,was?

Ich kann Ironie nicht ausstehen, sagte Sallah. Gew&#246;hnlich bringt sie einem nichts als &#196;rger ein.

Komm weiter, sagte Indy. Ich glaube, in dieser Kammer sind wir ziemlich sicher. Erst hier in der n&#228;chsten wird es anfangen, ein wenig haarig zu werden.

Haarig kann ich auch nicht ausstehen, meinte Sallah.

Indy blieb am oberen Ende einer weiteren Flucht von Stufen stehen. Er hielt die Fackel in die Dunkelheit. Zu beiden Seiten der Treppe, in Nischen, die man in die Kalksteinw&#228;nde gehauen hatte, leuchteten goldene Statuen von der halben Gr&#246;&#223;e eines Menschen auf.

Die dritte Galerie, sagte Indy. Und die Sanktuarien, in denen die G&#246;tter des Ostens und des Westens ruhen. Lass mich vorangehen.

Wenn du darauf bestehst, sagte Sallah.

Indy machte einen vorsichtigen Schritt nach unten, dann noch einen.

So weit, so gut, sagte er &#252;ber seine Schulter. Wenn du mir folgst, tritt genau in die Fu&#223;stapfen, die meine Stiefel im Staub zur&#252;ckgelassen haben.

Indy machte noch einen Schritt.

Zur Linken funkelten die G&#246;tter des Ostens in ihren Nischen, den G&#246;tter des Westens auf der rechten Seite ebenb&#252;rtig. Sie alle waren grimmig dreinblickende Ungeheuer, viele von ihnen halb Mensch, halb Tier, und jeder hatte seine Rolle im G&#246;tterhimmel der alten &#196;gypter: Horus, der R&#228;cher, mit einem Falkenkopf, Anubis, der Gott der Unterwelt, mit dem Kopf eines Schakals, Amun, der Herr der Pharaonen, mit dem Kopf eines Steinbocks, Hathor, die G&#246;ttin der Geburt, mit dem einer Kuh.

Indy sp&#252;rte, wie der Tritt, auf dem er stand, den Bruchteil eines Zolls unter ihm nachgab.

Nur das nicht, sagte er.

Die goldene Kinnlade der schakalk&#246;pfigen Figur des Anubis klappte herunter und lie&#223; Reihen blinkender Elfenbeinz&#228;hne erkennen. Indy warf sich nach vorne, als ein mit einer Kupferspitze versehener Wurfpfeil aus seinem Hals hervorschoss und sich in die Kalksteinwand bohrte.

W&#228;hrend Indy die restlichen Stufen hinunterrollte, folgte ein wahrer Pfeilhagel, jeweils den Bruchteil einer Sekunde zu sp&#228;t, um ihr Ziel zu treffen. Indy hatte mit der Grube am Fu&#223; der Treppe gerechnet, und als er dort anlangte, war die Peitsche bereit und wickelte sich mit ihrem Ende um die Kranzleiste einer steinernen S&#228;ule in der n&#228;chsten Kammer. Indy lie&#223; die Fackel fallen und hing mit beiden H&#228;nden am Peitschengriff. Er verfolgte, wie die Fackel sechs Meter unter ihm in den Sand fiel und Dutzende von Skorpionen aufscheuchte, die vor ihr die Flucht ergriffen.

Dann kippte die steinerne S&#228;ule, von Indys Gewicht aus der Verankerung gerissen. Sie &#252;berspannte die Grube, lie&#223; Indy aber so tief nach unten st&#252;rzen, dass er mit den Stiefelspitzen den Sand ber&#252;hrte. Sein Hut fiel in die Grube.

Indy, mein Freund!, rief Sallah. Bist du wohlauf? Indy angelte sich seinen Hut, dann hangelte er sich hastig Zug um Zug an der Peitsche nach oben bis zur S&#228;ule.

Ja, rief er zur&#252;ck, w&#228;hrend er eine weitere Fackel aus dem Segeltuchsack zog und sie mit einem an der S&#228;ule angerissenen Streichholz anz&#252;ndete. Komm weiter, aber sieh dich beim Hin&#252;bersteigen vor.

Sallah balancierte behutsam &#252;ber die Steins&#228;ule und gesellte sich zu Indy auf der anderen Seite der Skorpiongrube, dann pfl&#252;ckte er einen Skorpion vom Kopfteil seines Hutes und warf ihn zur&#252;ck ins Loch. Danke, sagte Indy.

Sie t&#246;ten einen nicht, meinte Sallah, aber ein, zwei Tage lang wirst du dir w&#252;nschen, sie h&#228;tten es getan. Wo befinden wir uns jetzt?

In der Kammer der beiden W&#228;chter, antwortete Indy, die Fackel in die H&#246;he haltend.

In einer Nische der Ostwand war die vertrocknete Leiche eines Kriegers untergebracht. Seine Haut war eingefallen und spannte um die Knochen, seine R&#252;stung war matt geworden, sein Speer jedoch war noch immer fest von einer skelettierten Hand umschlossen. Ihm gegen&#252;ber befand sich ein Priester. Sein wei&#223;es Gewand war vermodert, und sein Kopf war nach hinten von den Schultern gefallen, sein Kinn indes war nach vorn gesunken und ruhte auf seinem Brustbein. Der klaffende Mund war voller vergilbter Z&#228;hne.

Wie sollen wir weiter vorgehen?, fragte Sallah.

Mit &#228;u&#223;erster Vorsicht, antwortete Indy.

Indy machte einen Schritt nach vorn, hielt inne, machte einen weiteren Schritt.

Und?, fragte er.

Nichts, kam Sallahs Antwort.

Gut, sagte Indy und machte noch zwei Schritte. Und jetzt?

Alles erscheint mir ... viel zu einfach, meinte Sallah.

Da hast du Recht, sagte Indy.

Die Fackel' flackerte, nachdem der Hauch einer Brise sie ganz leicht gestreift hatte.

Runter!, rief Indy.

Indy schmiegte sich flach auf den Boden, als eine Kupferscheibe mit rasiermesserscharfer Schneide sich aus der Decke l&#246;ste. Die Scheibe schlug so weit aus, dass sie den R&#252;cken von Indys Lederjacke aufschlitzte, &#252;ber Sallahs gekr&#252;mmten R&#252;cken hinweg wieder nach oben pendelte, zur&#252;ck zur Decke.

Alles in Ordnung?, fragte Indy, als er die Fackel aufhob.

Ich denke schon, versicherte Sallah.

Gut, meinte Indy. Die n&#228;chste Kammer, Nummer f&#252;nf, m&#252;sste ein Brunnenraum sein.

Dicht gefolgt von Sallah ging Indy vorsichtig durch den Gang bis zum Eingang der n&#228;chsten Kammer. Wie vorhergesagt, befand sich in deren Mitte eine von vier m&#228;chtigen, quadratischen S&#228;ulen ges&#228;umte Grube. Die S&#228;ulen waren mit stilisierten Abbildungen von Krokodilen und Pavianen verziert.

Indy setzte sich einen Augenblick auf die Fersen und nahm die Kammer in Augenschein. Dann hob er einen Kieselstein vom Boden auf und warf ihn in die Grube.

Ein paar Fu&#223; weiter unten traf er mit einem scharfen Klicken auf Stein.

Wir gehen mitten durch, entschied er.

Bist du sicher?

Ber&#252;hre weder die S&#228;ulen noch den Fu&#223;boden, sagte Indy, kletterte in die Grube hinein und ging &#252;ber die Steinplatten auf die andere Seite.

Und was geschieht, wenn doch?, fragte Sallah.

Keine Ahnung, sagte Indy, aber sicher nichts Gutes.

Indy kletterte auf der anderen Seite der Grube nach oben und wartete, bis Sallah ihn eingeholt hatte.

In einem typischen Grabmal, erkl&#228;rte Indy, m&#252;sste der n&#228;chste Raum die eigentliche Grabkammer sein - es sei denn, man hat das Grab um einen zweiten Zugang zum Zentrum erweitert. In diesem Fall d&#252;rfte die Kammer der Saal des Triumphwagens sein, eine Art Kriegerdenkmal.

Sie betraten den n&#228;chsten Raum, der aus einer ger&#228;umigen, mit kriegerischen Szenen geschm&#252;ckten Kammer bestand: Soldaten in geschlossenen Schlachtreihen, vorbeidonnernde Streitwagen, Reihen enthaupteter Feinde. In der Mitte des Raumes, genau ins Zentrum zwischen die S&#228;ulen ger&#252;ckt, befand sich ein steinernes Grabmal mit flachem Deckel und Reihen von Ankhs auf allen Seiten. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Kammern gab es keinen erkennbaren Ausgang.

Es muss eine zweite Ebene geben, stellte Sallah fest.

Wir brauchen nichts weiter zu tun, als deren Zugang zu finden, ohne uns dabei selber umzubringen, meinte Indy.

Eine lohnende Aufgabe, best&#228;tigte Sallah.

Indy suchte Fu&#223;boden und W&#228;nde im Schein der Fackel ab. Es gab eine verwirrende Menge von Gem&#228;lden und Reliefs und, entlang der n&#246;rdlichen Wand, eine Reihe von ovalen Hieroglyphenrahmen, in denen die Namen der Pharaonen aufgelistet waren.

Sieh dir das an, sagte Indy.

Die Namen jedes einzelnen K&#246;nigs, der seit Menes in der ersten Dynastie &#252;ber &#196;gypten geherrscht hat, sagte Sallah, als er seine Fackel ganz dicht davor hielt. Und sieh hier, die Namen reichen zur&#252;ck bis zur dritten Dynastie des Alten Reiches.

Das ist v&#246;llig unm&#246;glich, sagte Indy ungl&#228;ubig. Dieses Labyrinth kann unm&#246;glich vor der Zeit des Mittleren Reiches errichtet worden sein.

Und trotzdem, sagte Sallah, stehen hier die Namen. Sogar ich/kann sie entziffern.

Sie m&#252;ssen hier w&#228;hrend der Restaurationsarbeiten eingeritzt worden sein.

Wollen wir es hoffen, entgegnete Sallah. Die Alternative ist zu be&#228;ngstigend, um sie ernsthaft in Erw&#228;gung zu ziehen.

Indy kehrte der Wand den R&#252;cken zu, um das steinerne Monument in der Mitte des Raumes zu untersuchen.

Vielleicht ist es doch eine Grabkammer, schlug Sallah vor.

Es ist zu klein, um eine Mumie zu enthalten, sagte Indy.

Und wenn es die Leiche eines Kindes enth&#228;lt?, fragte Sallah.

Oder die eines Tempeltieres, eines Pavians zum Beispiel?

Das glaube ich nicht, sagte Indy, w&#228;hrend er mit den Kn&#246;cheln dagegen klopfte. Klingt massiv. Sag mal, wie weit sind wir deiner Meinung nach vorgedrungen?

In die Erde hinein?, fragte Sallah.

Nein, meinte Indy. Horizontal.

Schwer zu sagen, erwiderte Sallah. Ich habe die Schritte nicht gez&#228;hlt, aber ich w&#252;rde sagen, es waren einige hundert Meter, mindestens.

Und in welche Richtung?, fragte Indy.

Nach S&#252;dwesten, sagte Sallah.

Genau das dachte ich auch, sagte Indy und sprang mit einem Satz auf die ebene Oberfl&#228;che des steinernen Monuments.

Wir befinden uns genau unterhalb der gro&#223;en Pyramide. Wir steigen &#252;berhaupt nicht weiter nach unten - sondern gehen bergauf!

Indy hielt die Fackel dicht unter die Decke und bef&#252;hlte sie mit den Fingern seiner anderen Hand. Dann stemmte er die Hand dagegen, und die Decke schien nach oben nachzugeben.

Hilf mir mal, sagte Indy. Ich glaube, sie ist nur an einer Seite eingeh&#228;ngt.

Sallah kletterte, die Fackel zwischen den Z&#228;hnen festhaltend, an der anderen Seite des steinernen Monuments hinauf, stemmte seine beiden fleischigen Handfl&#228;chen gegen die Decke und dr&#252;ckte. Mit einem knarrenden St&#246;hnen klappte die Decke nach oben weg, w&#228;hrend eine Schicht feinen, roten Staubes herabrieselte. Eine schmale Treppenflucht f&#252;hrte nach oben.

Ein zus&#228;tzlicher erster Gang, sagte Indy, w&#228;hrend er sich in den mansarden&#228;hnlichen Raum hinaufzog. Dann langte er mit einer Hand nach unten und half Sallah, sich m&#252;hsam hochzuziehen.

So etwas habe ich noch nicht gesehen, meinte Sallah, dem die Aufregung zum ersten Mal ins Gesicht geschrieben stand. Wie nannten die Vorv&#228;ter so etwas?

Keine Ahnung, gestand Indy. Das ist neu f&#252;r mich. Aber wir sind unterirdisch sehr weit vorgedrungen, und jetzt beginnen wir unseren Aufstieg - das muss eine religi&#246;se Bedeutung haben. Nennen wir es den Schacht der Erl&#246;sung.

Was werden wir deiner Meinung nach an seinem Ende vorfinden?, fragte Sallah. Denk doch an Carters Entdeckung des Grabes von Tut-Ench-Amun - und der war ein minder bedeutender K&#246;nig! Stell dir vor, auf was wir hier sto&#223;en k&#246;nnten!

Genau das macht mir Angst, sagte Indy. Sei vorsichtig - die Treppe ist steil, und durch den Staub ist sie obendrein noch rutschig.

Drei&#223;ig Stufen sp&#228;ter und noch immer ohne einen Absatz in Sicht, st&#252;tzte Sallah sich an der Wand ab und wischte sich mit einem Taschentuch den Schwei&#223; aus dem Gesicht.

Tut mir Leid, mein Freund, meinte er. Mir geht die Puste aus.

Macht nichts, sagte Indy und blieb ebenfalls stehen. Ich kann auch eine Pause gebrauchen. Sag mir Bescheid, wenn du so weit bist, dass du weitergehen kannst.

Sallah legte einen Finger an die Lippen.

Hast du das geh&#246;rt?, fragte er. Ein Scharren, fast so, als w&#252;rde uns jemand folgen.

Diese Grabmale seufzen und st&#246;hnen, als w&#228;ren sie lebendig, wenn sie erst einmal ge&#246;ffnet worden sind, meinte Indy. Das hat mit der Ver&#228;nderung des atmosph&#228;rischen Drucks zu tun und mit dem Kalkgestein, das der Luft die Feuchtigkeit entzieht.

Das war etwas anderes, widersprach Sallah. Schritte, glaube ich.

Du hast ein feineres Geh&#246;r als ich, sagte Indy.

Das ist der Beduine in mir, erwiderte Sallah und l&#228;chelte. Geh du voran. Ich werde ein paar Minuten hier zur&#252;ckbleiben und mich vergewissern, dass uns niemand folgt.

Mir w&#228;re wohler zumute, wenn -

Indy?

Am Fu&#223; der Treppe erschien ein Licht, und Mystery kam geschmeidig in den Gang hineingeklettert. In der Hand

hielt sie eine batteriebetriebene Lampe, und &#252;ber ihrer Schulter hing noch immer die Seilrolle. Hier herauf, rief Indy. Und sei vorsichtig. Als sie bei ihnen angelangt war, meinte Indy zu ihr: Wenn du das n&#228;chste Mal in Gr&#228;bern herumkriechst, nimm eine Fackel mit. Die Flamme verr&#228;t dir, ob du auf einen Einschluss mit verbrauchter Luft gesto&#223;en bist. Ich rechne nicht damit, dass es ein n&#228;chstes Mal gibt, erwiderte Mystery.

Ist deine Mutter wohlauf?, fragte Indy. Sie hat mich geschickt, damit ich nach Ihnen sehe, antwortete Mystery. Sie schienen schon schrecklich lange fort zu sein. Aber jetzt, wo ich die Pfeile und die Grube gesehen habe, wird mir klar, warum.

Du h&#228;ttest nicht alleine versuchen sollen, an ihnen vor-beizugelangen, erwiderte Indy in seiner besten Erwachsenenstimme.

Ich bin schlie&#223;lich hier, oder etwa nicht?, versetzte sie trotzig. Tja, dann wirst du wohl oder &#252;bel mitkommen m&#252;ssen, sagte Indy. Alleine lasse ich dich jedenfalls nicht umkehren. Nun geh schon, dr&#228;ngte Sallah. Ich brauche meinen Schlaf, und du musst so schnell wie m&#246;glich arbeiten. Die Morgend&#228;mmerung l&#228;sst nicht mehr lange auf sich warten. Wenn es &#196;rger gibt, rufe ich.

Indy legte seinem alten Freund die Hand auf die Schulter. Dann wandte er sich zu Mystery. Bleib hinter mir, sagte er, aber sieh dich dabei vor. Damit setzte er seinen Aufstieg die Treppe hinauf fort.

Faye erblickte Jadoos Schatten, den der tief am Himmel stehende Vollmond auf den Sand zu ihren F&#252;&#223;en warf. Sie entbl&#246;&#223;te ihre Arme, indem sie die &#196;rmel ihres Gewandes hochschob, strich sich das dunkle Haar aus dem Gesicht, dann drehte sie sich um und sah dem &#252;berraschten Magier ins Gesicht.

Ich wusste, dass Sie kommen w&#252;rden, sagte sie. Aber ich muss gestehen, ich hatte Sie f&#252;r etwas geschickter gehalten, als sich einfach von hinten an mich heranzuschleichen.

Mag sein, aber es erf&#252;llt seinen Zweck, erwiderte Jadoo, der seine Fassung zur&#252;ckgewann. Zumal ich in bewaffneter Gesellschaft komme, die entschlossen ist, notfalls Gewalt anzuwenden.

Sokai und Leutnant Musashi lie&#223;en sich in die Umfriedung fallen, gefolgt von Stabsoffizier Miyamoto sowie einem halben Dutzend mit Maschinenpistolen bewaffneter japanischer Soldaten.

Miyamoto blaffte einige Befehle, woraufhin die Soldaten ihre Waffen auf Faye richteten.

Jadoo ging zu Faye hin&#252;ber und riss ihr den Stab aus der Hand.

Ich h&#228;tte mir nie tr&#228;umen lassen, dass er in so gutem Zustand ist, stie&#223; er hervor. Er weist noch immer diese Schwere auf, und das Holz ist von so wunderbarer Beschaffenheit, fast so, als w&#228;re es Teil eines lebendigen Baumes. Er hielt sich den Stab wenige Zoll vor seine Nase. Dieser Geruch von frischen Mandeln!

Faye verschr&#228;nkte die Arme und betrachtete Jadoo voller Geringsch&#228;tzung. Von Osten her blies ein sachter Wind, der alte Zeitungen und anderen M&#252;ll &#252;ber den Sand wehte, und sanft &#252;ber Fayes Haar strich. Jadoo konnte sich nicht erinnern, dass ihr Haar so stark von Grau durchschossen war.

Sagen Sie, haben Sie damit zu zaubern versucht?

Faye schwieg.

Jadoo hielt den Stab vor seinen K&#246;rper, unschl&#252;ssig, was er als N&#228;chstes tun sollte. Dann richtete er ihn gen Himmel und befahl ihm, Hagel zu erzeugen.

Faye lachte.

Spielt keine Rolle, sagte Jadoo. Ich werde die richtigen Worte schon noch finden.

Wie ich sehe, hat ihr kleines Gr&#252;ppchen Ausgesto&#223;ener uns bereits einen Gro&#223;teil der Arbeit abgenommen, sagte Sokai und kam n&#228;her. Besonders dankbar bin ich, dass Dr. Jones sich freiwillig bereit erkl&#228;rt hat, den Eingang auf Gefahren zu pr&#252;fen.

Sagen Sie, sind sein &#252;bergewichtiger Freund und Ihre Range von einer Tochter bei ihm?

Faye zuckte die Achseln.

So mutig, bemerkte Sokai mit gespieltem Bedauern, und doch so unvern&#252;nftig.

Ich habe stets auf mein Herz und nicht auf meinen Verstand geh&#246;rt, versetzte sie.

Sokai &#246;ffnete seinen Wettermantel und zog sein Samuraischwert darunter hervor. Er richtete das Schwert auf Faye, setzte die Klinge unmittelbar unterhalb ihres Kinns an und stie&#223; gerade hart genug zu, um ihr einen Tropfen Blut zu entlocken.

Wenn Sie auch nur rufen, sagte er, werden diese Soldaten Sie t&#246;ten. Und wenn Sie hier oben &#196;rger machen, w&#228;hrend ich dort unten bin, werde ich Ihre G&#246;re ohne das geringste Z&#246;gern t&#246;ten. Haben Sie verstanden?

Ja, antwortete Faye.

Gut, meinte Sokai und schob sein Schwert in die Scheide zur&#252;ck. Stabsoffizier Miyamoto, halten Sie ein aufmerksames Auge auf dieses amerikanische Frauenzimmer. Leutnant Musashi, folgen Sie mir.

Die Stufen endeten in einer kleinen, schmucklosen Kammer. Ein kleine, quadratische Decken&#246;ffnung f&#252;hrte in einen langen Schacht.

Hilf mir mal hoch, sagte Indy.

Mystery verschr&#228;nkte die Finger, um eine R&#228;uberleiter f&#252;r Indys rechten Stiefel zu machen, dann half sie, ihn zur Decke hochzuhieven. Er stemmte seine H&#228;nde gegen die Seiten des kamin&#228;hnlichen Schachtes, doch die Schmerzen in seiner verletzten Schulter lie&#223;en ihn zusammenzucken und einen leisen

Schrei aussto&#223;en.

Lassen Sie mich mal, sagte Mystery.

Nein, es geht schon, meinte Indy und lie&#223; sich wieder herunterfallen. Ich muss mich nur einen Augenblick ausruhen.

So viel Zeit haben wir aber nicht, versetzte Mystery und r&#252;ckte die Seilrolle auf ihrer Schulter zurecht. &#220;berlassen Sie das mir, dann kann ich Ihnen das Seil hinunterlassen. Ich bin an so etwas gew&#246;hnt, Dr. Jones.

Zu gef&#228;hrlich, sagte er.

Was glauben Sie, wie gef&#228;hrlich es w&#228;re, wenn Sie sechs Meter tief abst&#252;rzten und auf diesem Felsenboden landeten?, fragte sie, sprang ab und bekam den Rand des Schachtes, der nur den Bruchteil eines Zolls &#252;berstand, mit den Fingerspitzen zu fassen.

Dort hing sie einen Augenblick, dann zog sie sich, den R&#252;cken gegen eine Wand und die F&#252;&#223;e gegen die andere gestemmt, hinauf in den Schacht. Sie schleuderte ihre Schuhe von den F&#252;&#223;en.

Na gut, gab Indy sich geschlagen. Aber sei vorsichtig. Mach langsam, und fass nichts an, das Misstrauen erweckend aussieht.

Wenn du das Gef&#252;hl hast, dass sich etwas bewegt, komm schnell wieder aus dem Schacht heraus.

Glauben Sie eigentlich, ich h&#228;tte von gar nichts eine Ahnung?, fragte Mystery.

Nat&#252;rlich nicht, erwiderte Indy. Nur habe ich mich eben daran gew&#246;hnt, dich um mich zu haben.

Ich sehe einen Balken &#252;ber mir, rief Mystery, als sie sich weiter nach oben begab. Sie lie&#223; sich durch nichts anmerken, dass sie Indys Ausdruck v&#228;terlicher Gef&#252;hle mitbekommen hatte.

Ist er aus Holz oder Stein?, fragte Indy.

Aus Metall, rief sie.

Welche Sorte?, fragte Indy. Aus Kupfer?

N&#246;, rief Mystery. Er ist aus Eisen.

Eisen kann es nicht sein, sagte Indy. Die Bauwerke in Gizeh wurden vor der Eisenzeit errichtet.

Sicher, gab sie zur&#252;ck. W&#228;hrend Indy noch mit sich zu Rate ging, ob sie ihn anfassen durfte, packte sie den Balken und schwang sich in die n&#228;chste Kammer hinauf. Sie klemmte sich die Lampe unter den Arm, w&#228;hrend sie das Seil am Balken festmachte. Es sieht aus wie Eisen, es f&#252;hlt sich an wie Eisen, und es ist so stabil wie Eisen, aber es ist kein Eisen.

Fass es auf keinen Fall an, rief Indy.

Zu sp&#228;t, gab Mystery zur&#252;ck und warf die Seilrolle in den Schacht hinunter.

Indy klemmte sich die Fackel zwischen die Z&#228;hne, packte das Seil und k&#228;mpfte sich durch den Schacht hinauf zum Balken, um sich Mystery wieder anzuschlie&#223;en. Er fand sich in einer halbwegs ger&#228;umigen Kammer aus behauenem Kalkstein wieder, die au&#223;er dem Balken - der, wie Indy zugeben musste, tats&#228;chlich aus Eisen war - und einer nach Norden gehenden T&#252;r keinerlei Besonderheiten auf wies.

Gute Arbeit, meinte Indy.

Danke.

Die n&#228;chste Kammer, sagte Indy und deutete mit einem Nicken auf den Durchgang. Die Halle der Wahrheit. Wenn das Buch tats&#228;chlich existiert, wird es sich dort drinnen befinden. Bist du bereit?

Ich bin bereit, seit ich zw&#246;lf war, kam Mysterys prompte Antwort.

Der Eingang der Kammer wurde von zwei wuchtigen Marmors&#228;ulen flankiert, die auf der Linken war schwarz, die andere hingegen strahlend wei&#223;.

Indy hielt die Fackel in die H&#246;he und trat durch die T&#252;r&#246;ffnung, gefolgt von Mystery und ihrer elektrischen Lampe. Man h&#246;rte einen auf- und abschwellenden musikalischen Akkord, einen DurAkkord.

Mystery schaltete ihre Lampe aus. Sie wurde nicht gebraucht.

Eine unsichtbare Lichtquelle hatte den Raum in ein diffuses Licht getaucht. Fu&#223;boden, W&#228;nde und Decke der Kammer waren aus poliertem, rosafarbenem Granit. In der Mitte der Kammer befand sich ein schwarzer Granitpfeiler, und auf diesem Pfeiler standen, plastisch hervorgehoben, eine Reihe von Schriftzeichen aus verschiedenen Sprachen des Altertums - Sumerisch, &#196;gyptisch, Sanskrit, Koptisch, Griechisch, Chinesisch sowie aus einigen anderen, die Indy nicht gel&#228;ufig waren. Das einzige Schriftzeichen, das Mystery wiedererkannte, war das griechische. Oben auf dem Pfeiler lag ein Buch, beziehungsweise ein Gegenstand, der zwar einem Buch &#228;hnelte, dennoch keinem glich, das einer der beiden je gesehen hatte: Die Seiten des Buches bestanden aus einem hochpolierten, silbrigen Material und kr&#228;uselten sich im Rhythmus zur auf und abschwellenden Musik, die von der Luftbewegung ausgel&#246;st wurde, die Indy und Mystery allein durch das Betreten der Kammer hervorgerufen hatten. Die Seiten drehten sich um einen goldenen R&#252;cken, setzten sich jedoch in das Pfeilerinnere fort, sodass das Buch kein Ende zu haben schien.

Das Omega-Buch, sagte Mystery ehrf&#252;rchtig. Jetzt wei&#223; ich, dass ich tr&#228;ume, meinte Indy. F&#252;hlt sich das etwa an wie ein Traum?, fragte Mystery und kniff ihn in den Unterarm.

Nein, erwiderte Indy, sich die betreffende Stelle reibend. Dann h&#246;ren Sie auf, Unfug zu reden, sagte sie. Mein Vater hat gesagt, dass das Buch existiert, und er hatte Recht.

Allerdings sieht das hier eher nach einer Art Maschine aus und nicht wie ein Buch.

Eine Offenbarung des Hochbetagten, vielleicht?, fragte Indy, w&#228;hrend er die Fackel auf den nackten Felsboden der Kammer hinter ihnen warf.

Des was?, fragte Mystery.

Des g&#246;ttlichen ... Etwas, das den Juden jeden Morgen Brot und Gnade zuteil werden lie&#223;, sagte Indy. Einige Leute haben behauptet, seine Beschreibung in der Bibel klinge ein wenig, als versuchte ein Steinzeitvolk ein Automobil zu beschreiben - Augen anstelle von Scheinwerfern, ein Mund anstelle des K&#252;hlergrills, und so weiter.

Und was denken Sie?

Dies k&#246;nnte es sein, und ich w&#252;rde es nicht einmal merken.

Ich frage mich, woher das Licht stammt, sagte sie.

Von in die W&#228;nde oder die Decke eingelassenen Spiegeln, polierten Steinplatten oder Kristallen, erwiderte Indy. Ich habe in England einige H&#252;gelgr&#228;ber gesehen, in denen man mit Hilfe des Lichts der Wintersonne nahezu den gleichen Effekt erzielt hat.

Dr. Jones, sagte Mystery. Drau&#223;en ist es Nacht, haben Sie das vergessen?

An diesem Punkt ist meine Theorie l&#252;ckenhaft, r&#228;umte Indy ein. Wie auch immer, sei vorsichtig. Auf der zweiten Ebene sind bis jetzt noch keine nennenswerten Fallen oder Gefahren aufgetreten, aber irgendetwas T&#246;dliches gibt es hier bestimmt.

Vielleicht das Buch selbst, meinte Mystery.

Indy nickte und ging hin&#252;ber zum Pfeiler. Als er sich vorbeugte, um das Buch zu untersuchen, wurden die matt gl&#228;nzenden Buchseiten vom Hauch seines Atems umgebl&#228;ttert. Rechter Hand erschienen neue Seiten und traten an die Stelle derer, die im Sockel des Pfeilers verschwunden waren.

Stehen wir auf der falschen Seite?, fragte Mystery. Liegt das Buch verkehrt herum?

Nein, meinte Indy. Diese Sprachen des Altertums werden im Allgemeinen von rechts nach links gelesen.

Behutsam nahm er eine Seite zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand. Das Blatt war so d&#252;nn und leicht, dass er es an seinen Fingern &#252;berhaupt nicht sp&#252;rte. Die Buchstaben, die ungef&#228;hr die Gr&#246;&#223;e der Drucktypen einer Zeitung aufwiesen, waren irgendwie in die Seiten hineingeschnitten worden. Auf dem Pfeiler lagen Bl&#228;tter in s&#228;mtlichen Farben des Regenbogens aus demselben Material.

K&#246;nnen Sie es entziffern?, fragte Mystery.

Nein, sagte Indy. Es ergibt f&#252;r mich nicht den geringsten Sinn.

Ich frage mich, welchem Zweck die anderen Bl&#228;tter hier dienen?

Mystery nahm das rote Blatt in die Hand, das zuoberst lag.

Ein erstaunliches Zeug, sagte sie. Wenn man es biegt, springt es sofort wieder in seine urspr&#252;ngliche Form zur&#252;ck.

Sie experimentierte einen Augenblick damit, dann zerkn&#252;llte sie es zwischen ihren H&#228;nden zu einem festen Ball. Als sie es loslie&#223;, faltete sich das Blatt zu einer vollkommen glatten, unzerknitterten Seite auseinander.

Als ich klein war, hatte ich ein Spiel, erz&#228;hlte sie. Es war ein in Geheimschrift geschriebenes Buch, und wenn man es lesen wollte, musste man ein eingef&#228;rbtes Blatt dar&#252;ber legen. Ich frage mich, ob das hier genauso funktioniert. 

Indy nahm das rote Blatt und schob es unter die Seite.

Ich will verdammt sein, entfuhr es ihm. Sieh doch,

Chinesisch, Sanskrit sowie eine andere Sprache, die ich nicht kenne.

Indy nahm das n&#228;chste Blatt, ein blaues, und schob es unter dieselbe Seite. Drei Textspalten wurden sichtbar, eine in &#196;gyptisch, eine in koptischer Sprache und die letzte in Griechisch.

Das ist unglaublich, sagte Indy. Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen - die Welt hat noch nie etwas Vergleichbares gesehen, jedenfalls nicht die uns bekannte Welt.

Wir werden die Geschichte umschreiben m&#252;ssen. Dies ist die arch&#228;ologische Entdeckung des Jahrhunderts.

Um was geht es auf dieser Seite?, fragte Mystery.

Sie handelt von dem Leben eines franz&#246;sischen Bauern namens Francois Malevil, sagte Indy. Wie bei dem Rosetta-Stein sind die drei &#220;bersetzungen identisch. Die Zeitdaten sind sogar in verschiedenen Zahlensystemen angegeben. Mal sehen, es wird eine Weile dauern, bis ich das griechische mit unserem derzeitigen System in &#220;bereinstimmung gebracht habe.

Indy hielt einen Augenblick lang inne.

Vierzehntes Jahrhundert, stellte er fest. Nach Christi Geburt.

Nein, das kann unm&#246;glich stimmen. Mein Gott, doch. Sieh doch, in diesem Eintrag ist von einem r&#246;mischen Soldaten die Rede, der bei Actium ums Leben kam.

Indy gab seiner ersten Eingebung nach: Er begann, die Seiten zollweise umzubl&#228;ttern, die Namen zu &#252;berfliegen und sich begierig auf die Suche nach dem Namen >Jones< zu machen.

Das Buch ist nicht alphabetisch geordnet, beschwerte er sich.

Was tun Sie da?, wollte Mystery wissen.

Nat&#252;rlich, entfuhr es Indy nach einem fl&#252;chtigen Blick auf die Zeitangaben. Es ist chronologisch geordnet.

Was suchen Sie?

Meinen Namen.

Nicht, sagte Mystery. Das d&#252;rfen Sie nicht tun. Dieses Wissen ist uns verboten.

Das Buch -, stammelte er.

Begreifen Sie nicht?, sagte sie. Dies ist die letzte Falle. Sie d&#252;rfen jeden Namen nachschlagen, nur nicht Ihren eigenen. Mit diesem Buch haben Sie das letztg&#252;ltige arch&#228;ologische Nachschlagewerk in der Hand. Schlagen Sie von mir aus Jesus nach oder Jeanne d'Arc, aber auf keinen Fall Indiana Jones.

Indy h&#246;rte auf zu bl&#228;ttern.

Ich habe Recht, sagte Mystery. Und das wissen Sie.

Siebzehnj&#228;hrige sind immer so von sich selber &#252;berzeugt.

Auf mich trifft das jedenfalls zu, erwiderte sie. Die Welt ist nicht bereit daf&#252;r.

Was tun wir dann hier?, fragte Indy.

Ich bin nur aus einem einzigen Grund hier, und zwar, weil ich herausfinden will, was aus meinem Vater geworden ist, sagte Mystery. Und Sie sind hier, weil ich keine der Sprachen entziffern kann, in denen das Buch geschrieben ist.

Indy z&#246;gerte.

Was ist?, wollte sie wissen.

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, sagte er. Ich habe Menschen aus den Augen verloren, deren Namen ich gerne nachschlagen w&#252;rde, aber ich glaube, ich sollte es besser sein lassen.

Er bl&#228;tterte im Buch, suchte nach den 30er Jahren.

Das Buch wird immer umfangreicher, je weiter man in der Zeit fortschreitet, stellte er fest. Immer mehr Menschen, &#252;ber die Buch gef&#252;hrt werden muss, vermutlich. Also gut, gleich hab ich es. Ich bin schon in den Zwanzigern.

Mystery nickte.

Mal sehen, sagte Indy. Maskelyne ... ob du es glaubst oder nicht, es gibt mehrere davon. Wann ist dein Vater geboren?

Achtzehnhundertdreiundneunzig. Hier ist es, Kaspar Maskelyne. Geboren am 16. Juli 1893 in Leeds. Das ist er.

Indy fuhr mit dem Finger &#252;ber den Text und las leise bei sich. Und?, fragte Mystery.

Das Zeug l&#228;sst sich nicht so einfach lesen wie die Baseballergebnisse in der Morgenzeitung, sagte Indy, als er ein gr&#252;nes Blatt zur Hand nahm und es hinter die Seite schob. So &#252;berm&#228;&#223;ig flie&#223;end bin ich in Sanskrit nicht. Lass mich es eben vergleichen mit -

Die auf- und abschwellende Musik erklang erneut. Dr. Jones, sagte Sokai, w&#228;hrend er Indys schwelende Fackel in der Vorkammer mit dem Absatz eines teuren, aber reichlich zerkratzten schwarzen Schuhs austrat. Wissen Sie nicht, dass man mit Feuer nicht so achtlos umgehen sollte? Leutnant Musashi, die hinter ihm stand, lachte niedertr&#228;chtig. Sokai zog sein Schwert aus der Scheide, als er den Raum betrat.

Wie ich sehe, haben Sie gefunden, wonach wir alle suchen. Ist die Beute so aufregend, wie wir uns erhofft haben? Wo ist Sallah?, fragte Indy. Wir sind ihm im Gang begegnet, antwortete Sokai. Jetzt befindet er sich drau&#223;en bei der Frau, wo er von Stabsoffizier Miyamoto und seinen M&#228;nnern bewacht wird. Treten Sie von dem Buch zur&#252;ck. Indy tat es. Welch ein Pech f&#252;r Sie, dass wir uns erneut &#252;ber den Weg laufen. Ich werde mir von Ihnen als Entsch&#228;digung mehr als nur ein Auge nehmen. Ich dachte an ein Organ, das n&#228;her an Ihrem ...Herzen liegt, in Ermangelung eines treffenderen Ausdrucks. Das w&#228;re durchaus passend, als Ausgangspunkt, gewisserma&#223;en. Wir wollen doch nicht allzu schnell sterben, oder?

Machen Sie sich keine allzu gro&#223;en Hoffnungen, sagte Indy.

Wer ist denn dieser Fiesling?, fragte Mystery.

Das ist Sokai, stellte Indy ihn vor. Mit ihm hat der ganze &#196;rger f&#252;r mich &#252;berhaupt erst angefangen, 

Mund halten, herrschte Sokai ihn an, w&#228;hrend er Musashi das Schwert reichte. Spie&#223;en Sie sie auf, wenn sie sich r&#252;hren.

Sokai n&#228;herte sich dem Buch, sein eines gesundes Auge funkelte im ged&#228;mpften Licht. Er beugte sich vor, um die Seite in Augenschein zu nehmen, dann runzelte er die Stirn.

Was ist?, spottete Indy. K&#246;nnen Sie etwa kein Sanskrit?

Herkommen, befahl Sokai, der nicht erkannte, dass ein anderes der bunten Bl&#228;tter den Text auf Mandarin h&#228;tte sichtbar werden lassen, eine Sprache, die er lesen konnte.

Indy ging langsam zu ihm hin.

Wie funktioniert das?, fragte Sokai.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, antwortete Indy.

Nein, ich meinte die Eintragungen, setzte Sokai ungeduldig hinzu. Sie geben die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft wieder? Suchen Sie den mich betreffenden Eintrag und lesen Sie ihn mir vor. Wenn ich wei&#223;, was vor mir liegt, kann ich die Dinge meinem Willen unterwerfen.

Ganz wie Sie wollen, sagte Indy und trat an das Buch heran.

Er bl&#228;tterte die Seiten langsam um.

Beeilen Sie sich!, fuhr Sokai ihn an.

Das kann man nicht einfach so herunterlesen, erwiderte Indy.

Musashi packte Mystery dicht &#252;ber der Kopfhaut bei den Haaren und drehte. Mystery verbiss den Schmerz.

Ich mache so schnell ich kann, sagte Indy mit hasserf&#252;llten Augen. Sokai, geboren auf Hawaii. Ausgebildet in-

Das wei&#223; ich alles, unterbrach ihn Sokai. Gehen Sie weiter, in die Zukunft.

Neunzehnhundertvierunddrei&#223;ig, las Indy. Geblendet in der Mandschurei von einem Amerikaner, den er im Begriff war zu foltern. Er folgte ebendiesem Amerikaner, Indiana Jones, von der Mandschurei bis nach Indien und schlie&#223;lich nach &#196;gypten.

Indy hielt inne.

Lesen Sie weiter!

Wenn Sie darauf bestehen, meinte er. Verbrannt unter der gro&#223;en Pyramide in der Halle der Aufzeichnungen in der Totenstadt von Gizeh.

Nein!

So steht es hier geschrieben.

Sokai schlug Indy mit dem Handr&#252;cken ins Gesicht.

Sie l&#252;gen, sagte Sokai.

Indy wischte sich mit dem &#196;rmel seiner Jacke das Blut von der geplatzten Unterlippe und bedachte Sokai mit einem unnachgiebigen Blick, der den Meisterspion vom Gegenteil &#252;berzeugte.

&#196;ndern Sie es, befahl Sokai.

Das kann ich nicht, protestierte Indy. Ich wei&#223; ja nicht einmal, wie es &#252;berhaupt niedergeschrieben wurde.

Benutzen Sie einen Bleistift, kreischte Sokai. Sie haben doch einen Bleistift bei sich, oder etwa nicht?

Indy zog einen Bleistift aus seiner Hemdtasche und versuchte auf der Seite zu schreiben.

Er hinterl&#228;sst keinen Abdruck, sagte Indy.

Geben Sie sich etwas mehr M&#252;he, tobte Sokai, sonst wird Musashi das M&#228;dchen t&#246;ten.

Musashi wechselte das Schwert in ihre linke Hand, zog ihre Pistole, spannte den Hahn und hielt sie an Mysterys Kopf. Bei dem Versuch, einen Abdruck zu hinterlassen, dr&#252;ckte Indy den Bleistift so fest auf, dass er abbrach.

Sokai packte die Seite und versuchte, sie aus dem Buch herauszurei&#223;en, sie lie&#223; sich jedoch nicht entfernen. Er schaffte es lediglich, sich an der Kante die Hand aufzuschneiden.

Sehen Sie, rief Musashi.

Sokais Hosenbein begann oberhalb des Absatzes, mit dem er die Fackel ausgetreten hatte, zu qualmen.

Mein Gott, es stimmt.

Nein, schrie Sokai, als sein Hosenaufschlag in Flammen aufging. Wie von Sinnen versuchte er das Feuer zu ersticken, und als das nicht funktionierte, l&#246;ste er seine G&#252;rtelschnalle und versuchte, sich mit hektischen Bewegungen aus seiner Hose herauszuwinden. Mittlerweile hatten die Flammen auf Hemd und Wettermantel &#252;bergegriffen.

Sokai schrie. Der Gestank von verbranntem Fleisch und Haar f&#252;llte den Raum. Sokai warf sich auf den Fu&#223;boden und begann, sich zu w&#228;lzen.

Schneiden Sie mir die Kleider herunter, flehte er Musashi an.

Sie lie&#223; die Pistole fallen und versuchte, ihm die Kleidungsst&#252;cke vom K&#246;rper zu schneiden, mit dem einzigen Erfolg, dass sie ihn an einem halben Dutzend Stellen mit dem Schwert verletzte. Sein K&#246;rper selbst schien zu brennen, und die Flammen schlugen immer h&#246;her, ganz gleich, wie viele Kleidungsst&#252;cke entfernt wurden.

Mein Schwert, kr&#228;chzte Sokai und umklammerte den Griff mit einer brennenden Hand.

Sokai k&#228;mpfte sich bis zu den Knien hoch und machte einen Ausfall gegen Indy, doch der war viel zu kurz bemessen. Brocken brennenden Fleisches l&#246;sten sich von seinem Gesicht und seinen H&#228;nden. Sokai fiel auf den R&#252;cken, das Schwert jedoch reckte er in die H&#246;he, bis sich das Feuer durch sein Handgelenk fra&#223; und das Samuraischwert scheppernd auf den Granitfu&#223;boden fiel.

Oh Gott, sagte Mystery und lief zu Indy, wo sie ihr Gesicht in seiner Lederjacke vergrub.

Sokai war nur noch ein rauchendes H&#228;uflein Asche.

M&#246;chten Sie, dass ich Ihren Namen auch vorlese?, drohte er Musashi.

Sie z&#246;gerte, dann kniete sie neben der Asche nieder. Sie zog ihren

Schal aus und benutzte ihn, um das Samuraischwert aufzuheben.

Wollen Sie seine Asche nicht mitnehmen?, fragte Indy. Oder ist es Ihnen egal, ob er sich zu seinen Vorfahren gesellt?

Zur H&#246;lle mit Sokai, rief Musashi und drohte ihnen mit dem Schwert. Dies ist die wahre Macht!

Dann st&#252;rzte sie aus dem Raum, und bei ihrem Verschwinden erklang ein weiteres Mal die auf- und abschwellende Musik - nur dass es diesmal ein Unheil verk&#252;ndender, verminderter Dreiklang war. Die Beleuchtung wechselte von Wei&#223; zu Rot.

Der Klang gef&#228;llt mir &#252;berhaupt nicht, sagte Indy.

Meine Mutter, rief Mystery erschrocken.

Machen wir, dass wir hier rauskommen, schlug Indy vor.

Aber mein Vater -

Komm schon, sagte er und zerrte Mystery aus der Halle der Wahrheit.



KAPITEL ELF

Wundertaten und Verst&#252;mmelungen

Gewitterwolken hingen dicht &#252;ber dem Horizont, als Indy und Mystery zwischen den Pranken der Sphinx aus dem Schacht hervorkamen. Faye und Sallah knieten auf der Erde, in ihrem R&#252;cken zwei Soldaten, deren Gewehre zwischen ihre Schulterbl&#228;tter zielten. Jadoo hatte sich vor Faye aufgebaut und drohte ihr mit der Faust.

Das ist nicht der Stab Aarons, fluchte der Magier. Er funktioniert nicht.

Er funktioniert, entgegnete Faye ruhig.

Tut mir Leid, Indy, sagte Sallah. Ich habe dich zu warnen versucht -

Schon gut, beruhigte ihn Indy, w&#228;hrend ein japanischer Soldat ihm Peitsche und Revolver aus dem G&#252;rtel zog.

Erschie&#223;t sie!, kommandierte Musashi.

Nein, sagte Jadoo. M&#246;glicherweise brauchen wir sie noch.

Wer sind Sie, dass Sie es wagen, Befehle zu erteilen?, herrschte Musashi ihn an.

Sokai ist tot, erkl&#228;rte Jadoo. Damit f&#228;llt die Befehlsgewalt an mich.

Sokai Sensei ist tot?, fragte Miyamoto ungl&#228;ubig.

Allerdings, best&#228;tigte Indy. Er ist verbrannt. Leutnant Musashi hat sein Schwert.

Miyamoto wandte sich zu Musashi. Sie zeigte ihm das Schwert, woraufhin er die H&#228;nde faltete und eine knappe Verbeugung machte.

Hai!, rief er. Das Kommando f&#252;hrt Musashi Sensei.

Schuld daran war der Amerikaner, beeilte sich Musashi hinzuzuf&#252;gen.

Das ist nicht wahr, verteidigte ihn Mystery.

Es ist wahr! Er hat ihn get&#228;uscht, indem er die Worte im Buch verdrehte!, erwiderte Musashi.

Sie haben das Omega-Buch gefunden?, fragte Faye.

Ja, sie haben es gefunden, best&#228;tigte Musashi. Aber sie haben es dazu benutzt, Sokai Sensei zu t&#246;ten. Daf&#252;r m&#252;ssen sie sterben.

Die Soldaten richteten ihre Gewehre auf Indy.

Nein, rief Miyamoto, seine Uniformjacke aufkn&#246;pfend.

Erschie&#223;t ihn nicht. Ich will die Genugtuung, ihn mit meinen blo&#223;en H&#228;nden umzubringen.

T&#246;tet das M&#228;dchen nicht, bevor mir seine Mutter nicht gezeigt hat, wie man den Stab benutzt, sagte Jadoo.

Wenn Sie sie sowieso t&#246;ten, fragte Faye, warum sollte ich es Ihnen dann zeigen?

Um ihr ein paar Minuten des Lebens zu erkaufen, erwiderte Jadoo. Sowie die Chance, dass der kleine, blutgierige weibliche Leutnant vielleicht noch seine Meinung &#228;ndert. Sie helfen mir, und ich versuche Musashi zu &#252;berreden, Sie beide laufen zu lassen.

Die Frauen k&#252;mmern mich nicht, sagte Miyamoto und schleuderte sein Hemd zu Boden. Selbst im Mondschein konnte Indy sehen, wie die Muskeln an Armen und Brust hervortraten.

Aber der Mann geh&#246;rt mir. Faye nickte.

Jadoo reichte ihr den Stab, und sie rappelte sich m&#252;hsam hoch.

Glauben Sie ihm kein Wort, Faye, rief Indy.

Miyamoto feuerte eine linke Gerade ab, die Indy blockte, doch um die rammbockartige Rechte abzuwehren, die sich in seinen Magen bohrte, ihm die Luft aus dem Leib presste und ihn auf die Knie schickte, war er nicht schnell genug.

Steh auf und k&#228;mpfe, amerikanischer Feigling.

Indy hob einen Finger.

Miyamoto trat ihm gegen die Brust.

Indy wurde nach hinten geworfen und landete vor einer Wandtafel.

Miyamoto attackierte. Indy rappelte sich auf und boxte ihn so fest er konnte in den Solarplexus, doch Miyamoto l&#228;chelte blo&#223; und rammte Indy die Kn&#246;chel seiner rechten Hand ans Kinn.

Indy ging abermals zu Boden, und diesmal war sein Mund gef&#252;llt mit Blut und dem widerw&#228;rtigen Gef&#252;hl eines abgebrochenen, losen Zahns. Er kam wieder auf die Beine und spuckte ein St&#252;ck eines blutigen Backenzahns in den Sand.

Den Zahn vor Augen, wanderten seine Gedanken spontan zur&#252;ck zu der alttestamentarischen Warnung >Auge um Auge, Zahn um Zahn<, und das wiederum brachte ihn auf die Geschichte des Auszugs der Juden aus &#196;gypten und die Schlachten, die sie dabei geschlagen hatten ...

Faye, murmelte Indy. Der Stab -

Miyamoto schlug ihn abermals in den Magen, und als Indy sich daraufhin kr&#252;mmte, lie&#223; er seine hammer&#228;hnliche Faust auf seinem Hinterkopf niedergehen. Indy zuckte zusammen und sackte auf ein Knie. Er schlug Miyamoto gegen den Oberschenkel, woraufhin der Sergeant vor Schmerzen st&#246;hnend nach hinten taumelte.

Indy versuchte, den Spielraum zu nutzen, doch als er die Entfernung &#252;berbr&#252;ckt hatte, war Miyamoto abermals bereit und bearbeitete sein Gesicht mit einer Kombination aus Geraden.

Indy!, rief Faye. Was soll ich tun?

Pl&#246;tzlich d&#228;mmerte es ihm.

Halten sie ihn in die H&#246;he, murmelte Indy.

Was?

Indy steckte zwei weitere K&#246;rpertreffer ein.

Halten Sie den Stab hoch, flehte Indy. Solange Moses den Stab hochhielt, waren die Juden auf dem Schlachtfeld unbesiegbar.

Faye hob den Stab z&#246;gernd in die H&#246;he. Indy fing Miyamotos n&#228;chsten Schlag mit der rechten Hand ab, dann bog er ihm das Handgelenk nach hinten, bis er auf die Knie fiel und vor Schmerzen schrie. Miyamoto zog seine verletzte Hand zur&#252;ck und versetzte ihm zwei weitere Schl&#228;ge mit der anderen Hand, die Indy blockte. Geben Sie's ihm, feuerte Mystery ihn an. Indy machte einen Schritt nach vorn und feuerte zwei Gerade auf Miyamotos Kinn, dann versetzte er ihm eine krachende Rechte auf die Stelle zwischen Nase und Oberlippe. Miyamoto kippte in den Sand und spie seine Schneidez&#228;hne aus.

Nimm das, rief Sallah.

Haben Sie endlich genug?, fragte Indy.

Miyamoto hob abwehrend eine ge&#246;ffnete Hand.

Musashi trat vor.

Sie Idiot, beschimpfte sie Jadoo. Nehmen Sie der Frau den Stab weg. Jadoo packte den Stab, und er und Faye rangelten um die Kontrolle &#252;ber ihn.

Gehen Sie dazwischen und machen Sie ihn fertig, br&#252;llte Musashi Miyamoto an. Der Stabsoffizier sch&#252;ttelte den Kopf.

Sie sind j&#228;mmerlich, sagte sie, zog Sokais Schwert und schlug Miyamoto mit derselben Bewegung den Kopf ab. Mystery schrie auf.

Dann wandte Musashi sich herum, das Gesicht bespritzt mit dem Blut ihres Kameraden, und ging auf Indy los.

Sie war so flink, dass Indy kaum Zeit zu reagieren hatte, als er die Spitze der rasiermesserscharfen Klinge auf seinen Solarplexus zuschie&#223;en sah. Es gelang ihm, die gr&#246;&#223;te Wucht des Sto&#223;es abzulenken, indem er den Leder&#228;rmel seiner Jacke gegen die flache Seite der Klinge stie&#223;, trotzdem musste er mit ansehen, wie die Klinge sich in die rechte Seite seiner Jacke bohrte.

Indy war wie gel&#228;hmt.

Ich f&#252;hle nichts, sagte er.

Das kommt noch, sagte Musashi und drehte die Klinge.

Ein Schmerz schoss durch Indys Flanke, w&#228;hrend seine Jacke sich blutrot f&#228;rbte.

Faye schlug Jadoo das Stabende auf den Mund, als dieser auf das sich in Indys H&#252;fte bohrende Schwert starrte. Dann reckte sie den Stab abermals in die H&#246;he. Als Jadoo erneut danach greifen wollte, trat sie ihm in den Unterleib.

Indy befreite sich von der jetzt blutverschmierten Klinge, und diese fiel in den Sand, als w&#228;re sie so schwer, dass Musashi sie nicht mehr halten konnte. Er machte mit seinem rechten Fu&#223; einen Schritt nach vorn und trat auf das Schwert.

Es brach entzwei.

Musashi warf das Heft fort und zog ihre Pistole. Indy erwartete, eine Kugel zwischen die Augen zu bekommen und zuckte zur&#252;ck.

Doch als der Schuss sich l&#246;ste, h&#246;rte Indy die Kugel von der steinernen Tafel in seinem R&#252;cken abprallen.

Wie konnte ich daneben schie&#223;en?, fragte Musashi verwundert.

Ein Blutstropfen rann an ihrem Nasenfl&#252;gel herab.

Die Kugel war von der Steintafel abgeprallt und hatte sie zwischen die Augen getroffen. Sie ber&#252;hrte die blutende Stelle mit den Fingern ihrer linken Hand, betrachtete sie, dann verdrehte sie die Augen und brach vor Indys F&#252;&#223;en zusammen.

Nein, entfuhr es Indy. Mystery kniete nieder und suchte einen Puls. Ist sie -

Mausetot, sagte Mystery, als sie sich zu Indy umdrehte. Sie hat gekriegt, was sie verdient. Wissen Sie, wie oft sie uns umzubringen versucht hat? Trotzdem, meinte Indy. Sie zog den Rei&#223;verschluss seiner Jacke auf und warf vorsichtig einen Blick darunter.

Man hat mich erstochen, sagte Indy ungl&#228;ubig. Sie bluten ziemlich stark, antwortete sie. Ich kann Schwerter nicht ausstehen, klagte Indy. Aber es hat die fleischige Partie Ihrer H&#252;fte durchbohrt, erkl&#228;rte Mystery, w&#228;hrend sie einen Stoffstreifen vom &#196;rmel ihrer Bluse abriss und ihn unter seine Jacke stopfte. Gut, dass Sie an der Stelle ein ordentliches Fettpolster haben, ich glaube n&#228;mlich nicht, dass etwas Lebenswichtiges getroffen wurde. Vielen Dank, sagte er. Ihr Idioten, wandte sich Jadoo an die Soldaten. Schnappt euch den Stock!

Die Soldaten sahen ihn mit einem unschl&#252;ssigen Blick an, der zu fragen schien: Damit wir wie Miyamoto enden? Faye, flehte Jadoo. &#220;berlassen Sie mir Aarons Stab und zeigen Sie mir, wie man ihn benutzt. Dann lasse ich Sie alle laufen.

Glauben Sie ihm kein Wort, warnte Indy. Wieso nicht?, fragte Faye. Dort stehen immer noch Soldaten, die ihre Waffen auf uns richten. Er hat Kaspar umgebracht, sprudelte Indy hervor. Was?, fragte Mystery fassungslos. Gewitterwolken schoben sich vor den Mond.

Tut mir Leid, meinte Indy. Ich wollte es dir nicht erz&#228;hlen, aber so stand es im Buch geschrieben. Jadoo hat ihn vergiftet, als er ihn 1930 besuchte, den Leichnam enthauptet und den Sch&#228;del als Trinkgef&#228;&#223; verwendet. Tut mir Leid, Faye, aber es war Kaspars Sch&#228;del, den wir in seinem Regal in Kalkutta gesehen haben.

Ich hatte es bef&#252;rchtet, meinte Faye traurig.

Der Wind peitschte ihr das Haar ins Gesicht. Als eine einzelne Tr&#228;ne &#252;ber ihre Wange kullerte, setzte ein feiner Nieselregen ein.

Ein Frosch landete zu Jadoos F&#252;&#223;en und hoppelte davon.

Haben Sie das gesehen?, fragte Mystery.

Kurz darauf fing es ernsthaft an zu regnen. Ein weiterer Frosch landete auf Indys Hutkrempe, dann folgte eine wahre Sturzflut von Amphibien, die mit dumpfem Plumps im Sand landeten und hastig die Flucht ergriffen.

Was hat das zu bedeuten?, fragte Jadoo.

Das wissen Sie nicht?, antwortete Indy voller Vergn&#252;gen. Das ist eine der zehn Plagen.

Die Soldaten lie&#223;en ihre Gewehre sinken.

Jadoo br&#252;llte sie an, woraufhin sie erneut Haltung annahmen.

Das ist nichts Ungew&#246;hnliches, stammelte Jadoo. Es hat schon einmal Fr&#246;sche geregnet, wie jeder wei&#223;, der Charles Forts Buch der Verdammten gelesen hat. Dies ist keine biblische Plage, sondern nichts als eine Laune der Natur.

Ach ja?, fragte Faye.

Sie breitete, den Stab in ihrer rechten Hand, die Arme aus und hob ihr Gesicht gen Himmel.

Es m&#246;ge hageln, gebot sie.

Im Kopf der Sphinx schlug ein Blitz ein, der sie alle mit einem Funkenregen &#252;bersch&#252;ttete und ihnen in den Ohren klang. Auf den Blitzeinschlag folgten gro&#223;e Brocken lichterloh brennender, baseballgro&#223;er Hagelk&#246;rner, die &#252;berall im Sand liegen blieben.

Die Soldaten warfen ihre Gewehre fort und hielten sich die H&#228;nde sch&#252;tzend &#252;ber die K&#246;pfe. Jadoo br&#252;llte sie an, doch sie weigerten sich, die Waffen wieder aufzunehmen. Indy zog Mystery an sich, w&#228;hrend Jadoo zusammengekauert in die Hocke ging und Sallah sich verwundert umsah.

Faye, rief Indy, als ihn ein brennendes Hagelkorn in den R&#252;cken traf. Was haben Sie blo&#223; angerichtet? Faye nickte. Sie erhob ihr Gesicht gen Himmel und verk&#252;ndete: Blut! Der Regen f&#228;rbte sich dunkel. Oh, mein Gott, schrie Mystery, als sie mit den Fingern ihren Mund bef&#252;hlte. Es ist echt!

Machen Sie dem ein Ende, Faye!, flehte Indy. Faye funkelte Jadoo w&#252;tend an. Ein Fluch, sagte sie. Nein, flehte Jadoo sie an und lie&#223; sich, die H&#228;nde aneinander gelegt, auf die Knie fallen. Ich flehe Sie an, haben Sie Erbarmen.

Hatten Sie vielleicht Erbarmen mit meinem Mann? Ich habe ihn nicht umgebracht, log Jadoo. Sie kennen die Begleitumst&#228;nde nicht. Es war nicht meine Schuld. Tod, verk&#252;ndete Faye, dem Siebtgeborenen des Siebtgeborenen -

Nein!, rief Indy. Das schlie&#223;t auch Sallah ein! - des Siebtgeborenen.

Na gut, gab sich Indy achselzuckend geschlagen. Jadoos Blick bekam etwas Gehetztes. Er kam auf die Beine, wich vor Faye zur&#252;ck, dann fing er an zu rennen. Schlie&#223;lich st&#252;rzte er hin und hielt sich keuchend die Brust. Er verendete, die Augen aufgerissen und die Fersen in den Sand gestemmt, an einem schweren Herzinfarkt.

Faye betrachtete das Blutbad ringsum.

Sie nahm den Stab wie einen Speer in die Hand und schleuderte ihn fort. Er segelte in hohem Bogen zweihundert Meter weit und bohrte sich unweit des Nils in den Sand.

Es ist vorbei, stellte Sallah fest.

Fast, erwiderte Indy.

Die Aasfresser werden die &#220;berreste dieser Schurken vernichtet haben, noch bevor der Tag hei&#223; wird, sagte Sallah. Sie haben nichts Besseres verdient.

Nein, meinte Indy, sich die Seite haltend. Wir m&#252;ssen sie begraben. Aber es gibt noch etwas anderes, das wir tun m&#252;ssen -wir m&#252;ssen diesen Eingang wieder fest verschlie&#223;en. Kommt und helft mir, den Stein an seinen Platz zu r&#252;cken. Anschlie&#223;end werden wir das Loch mit Sand auff&#252;llen, dann ist es auf viele Jahre sicher.

Aber das Buch, wandte Sallah ein. Du hast es doch gefunden, oder?

Wir haben es gefunden, das ist richtig, antwortete Indy.

Die Welt ist noch nicht so weit, f&#252;gte Mystery hinzu.

Sie hat Recht, sagte Indy. Sie hatte die ganze Zeit schon Recht. Und die Prophezeiungen &#252;ber die Halle der Aufzeichnungen treffen ebenfalls zu: Die Welt wird erst Jahre nach ihrer Entdeckung von ihnen erfahren.

Aber Indy, sagte Sallah, wenn nicht jetzt, wann dann?

Sobald die Zeit gekommen ist, mein Freud, sagte Indy. Sobalddie Zeit gekommen ist.



KAPITEL ZW&#214;LF

Der Kristallsch&#228;del

Das Taxi hielt vor dem Wohngeb&#228;ude und hupte. Heraus stieg Indy, er hatte einen neuen Anzug an, auf seinem Kopf jedoch trug er noch immer seinen geliebten Filzhut. Sallah und seine Kinderschar folgten ihm. Indy und Sallah gaben sich die Hand, dann zog Sallah ihn an seine Brust und umschlang ihn fest mit beiden Armen.

Ich muss dich um einen Gefallen bitten, sagte Indy, als er wieder Luft bekam.

Was immer du verlangst.

Wenn wir uns das n&#228;chste Mal treffen, sagte Indy, m&#246;chte ich, dass wir kein Wort dar&#252;ber verlieren, was sich unter dem Hochplateau von Gizeh zugetragen hat, und erw&#228;hne auch Marcus Brody gegen&#252;ber nichts davon. Wir sollten uns nicht dazu verleiten lassen, das Geheimnis zu enth&#252;llen, solange die Welt noch nicht reif daf&#252;r ist, sonst k&#246;nnte das Gef&#252;ge der Zeit durcheinander geraten. Ich kann es nicht erkl&#228;ren. Vertrau mir einfach.

Ganz wie du w&#252;nschst, mein Freund, erwiderte Sallah.

Wo sind Faye und Mystery?, fragte Indy. Ich dachte, sie w&#252;rden hier sein.

Sie sind heute fr&#252;h abgereist, sagte Sallah. Sie befinden sich auf dem Weg zur&#252;ck in die Vereinigten Staaten. Aber sie haben dies f&#252;r dich zur&#252;ckgelassen.

Sallah h&#228;ndigte ihm einen Brief aus.

Danke, sagte Indy.

Leb wohl, mein Freund, verabschiedete sich Sallah. Es war ein pr&#228;chtiges Abenteuer. Aber lass uns beim n&#228;chsten Mal etwas weniger Gef&#228;hrliches aussuchen.

Indy schmunzelte, erwiderte jedoch nichts.

Er stieg ins Taxi, und als es losfuhr, tippte er mit dem Finger an die Krempe seines Hutes.

Wohin?

Zum Flughafen, sagte Indy.

W&#228;hrend das Taxi dahinholperte, &#246;ffnete er den Brief und las.

Lieber Indy,

tut mir Leid, dass Mutter und ich nicht da sein k&#246;nnen, um Sie zu verabschieden, aber was Abschiede anbelangt, sind wir abergl&#228;ubisch. Danke, dass Sie uns so sehr geholfen haben, herauszufinden, was aus Vater geworden ist. Als ich h&#246;rte, er sei tot, war ich am Boden zerst&#246;rt, aber jetzt bin ich froh, endlich die Wahrheit zu wissen.

Mutter sagt, dass Magie zwar funktioniert, dabei aber ihren ganz eigenen, verschrobenen Regeln folgt und nie ein Ersatz f&#252;r die Wirklichkeit sein kann. Zum Beispiel kann sie uns nie die Menschen zur&#252;ckgeben, die wir lieben. Trotzdem glaube ich, dass alles wirklich Magische von Gott stammt, dessen Gesetze uns zwingen, f&#252;r all das, was wir uns w&#252;nschen, zu arbeiten, damit wir nicht verw&#246;hnt werden.

Wir fahren nach Hause, nach Oklahoma. Mutter erwartet, dass ich dort die Schule beende. Igitt! Wie soll ich jemals wieder zur Schule gehen, nachdem ich auf der Sphinx gestanden und zwei Schiffbr&#252;che &#252;berlebt habe, fast mumifiziert worden w&#228;re und Zeuge eines echten Wundeis war! Das Schlimmste ist, dass kein Mensch mir jemals die Geschichte mit dem Omega-Buch und den Fr&#246;schen und allem anderen glauben wird. Was soll's. Wenigstens wissen wir, dass es so war, stimmt's!

Passen Sie auf sich auf. Ich wei&#223; noch nicht, wie unsere Adresse lauten wird, aber wenn ich sie Ihnen an die Universit&#228;t Princeton schicke, werden Sie mir dann auch ganz bestimmt schreibend

Ihre Freundin Mysti

P.S.: Ich hatte mich ein wenig in Sie verliebt, aber inzwischen bin ich dar&#252;ber weg.

Eine Woche sp&#228;ter traf Indy in Princeton ein. Es war ein verschlafener Samstagnachmittag, und die Universit&#228;t wirkte menschenleer. Im vierten Stock der McCormick Hall, in der Abteilung f&#252;r Kunst und Arch&#228;ologie, blieb er kurz vor der T&#252;r seines B&#252;ros stehen, einen Augenblick lang erschrocken &#252;ber sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Fast w&#228;hrend der gesamten Dauer der spontanen Omega-Buch-Expedition hatte er auf die Begegnung mit seinem Konterfei verzichten m&#252;ssen, denn nur wenige Orte, an denen er sich in den letzten Wochen aufgehalten hatte, waren mit Spiegeln ausgestattet gewesen. Jetzt, als er Gelegenheit hatte, sich endlich wieder einmal ausgiebig zu betrachten, schien es, als blicke ihm ein Fremder entgegen: hagerer als in seiner Erinnerung, dringend eine Rasur und einen Haarschnitt ben&#246;tigend, und im Gesicht mit Falten, die nicht ausschlie&#223;lich auf Wind und Sonne zur&#252;ckzuf&#252;hren waren. Indy sch&#252;ttelte den Kopf und probierte den T&#252;rknauf. Es war nat&#252;rlich abgeschlossen. Gedankenverloren klopfte er suchend die Taschen seines Anzugs ab, w&#228;hrend er sich zu erinnern versuchte, wo er seine Schl&#252;ssel aufbewahrt hatte. Zu Hause? Oder bei Marcus Brody? Er war schon im Begriff, die Fensterscheibe mit dem Ellbogen einzudr&#252;cken - teils aus Entt&#228;uschung und teils aus Unbehagen &#252;ber sein Ebenbild, dessen er soeben ansichtig geworden war - als er einen Hausmeister am Ende des Korridors bemerkte.

Entschuldigen Sie, sagte Indy, aber ich bin Prof -

Dr. Jones, erwiderte der Mann. Ich wei&#223;, wer Sie sind.

Und Sie hei&#223;en -

Arthur.

Richtig, sagte Indy und l&#228;chelte. Das Problem ist, ich habe mich aus meinem B&#252;ro ausgeschlossen. Ich frage mich, ob es Ihnen etwas ausmachen w&#252;rde, mir die T&#252;r aufzuschlie&#223;en?

Dr. Jones, sagte Arthur, Sie lassen Ihre Schl&#252;ssel doch nie zu Hause. Ich bin &#252;berrascht.

Tja, erwiderte Indy l&#228;chelnd. Ich bin heute einfach nicht ganz ich selbst.

Sie sehen etwas m&#252;de aus, pflichtete Arthur ihm bei.

Der Hausmeister schloss die T&#252;r mit einem Schl&#252;ssel von dem Ring an seinem G&#252;rtel auf, und Indy trat ein. Danke, sagte er und schloss die T&#252;r.

Auf seinem Schreibtisch lag - neben einem Sto&#223; zu benotender Hausarbeiten - der &#252;bliche Haufen Post, und oben auf dem Stapel lag ein Erster-Klasse-Brief mit Stempel aus Claremore, Oklahoma. Er lie&#223; den Brief in seine Jackentasche gleiten.

Unter dem Brief von Mystery lag ein offiziell aussehendes Schreiben des Barnett College, bei dem es sich, wie er wusste, um ein Stellenangebot handeln musste. Er spielte mit dem Gedanken es zu &#246;ffnen, legte es dann aber zur&#252;ck auf den Stapel. Dann wandte er sich den Regalen zu, wo er,

hinter einigen B&#252;chern verborgen, einen Drei-Gallonen-Glasbeh&#228;lter f&#252;r Pr&#228;parate, gef&#252;llt mir verg&#228;lltem Alkohol, vorfand.

Er nahm den Beh&#228;lter herunter, stellte ihn auf den Schreibtisch und nahm den Deckel ab. Dann zog er sein Jackett aus und krempelte einen &#196;rmel seines Hemdes hoch. Bis auf den Alkohol schien der Beh&#228;lter leer zu sein.

Er griff in den Beh&#228;lter hinein, tastete umher, hakte zwei Finger in die Augenh&#246;hlen des Kristallsch&#228;dels und zog ihn heraus. Der Unterkiefer klappte auf, was den Eindruck erweckte, als ob der Sch&#228;del schrie. Regenbogen aus buntem Licht tanzten in den Orbitalh&#246;hlen. Er war noch immer genauso Angst einfl&#246;&#223;end wie an jenem Tag vor Jahren, als er ihn im Tempel der Schlange, unter der zerst&#246;rten Stadt Cozan in British Honduras gefunden hatte. Der Sch&#228;del war die geheimnisvolle Troph&#228;e in einem t&#246;dlichen, sich &#252;ber Jahre hinziehenden Katz-und-Maus-Spiel gewesen, das Indy mehrere Male abwechselnd gewonnen und wieder verloren hatte. Der Sch&#228;del war quer durch ganz Europa gereist, auf den Grund des Meeres gesunken und in der Arktis wiedergefunden worden. Und wie bei den meisten gro&#223;en Sch&#228;tzen ging mit ihm ein Fluch einher: Wer immer ihn vom Altar im Schlangentempel entfernte, w&#252;rde das t&#246;ten, was er am meisten liebte. Obschon Indy nicht an Fl&#252;che glaubte, hatte er Alecia Dunstin sterben sehen, unter Umst&#228;nden, f&#252;r die er sich verantwortlich f&#252;hlte. Ihre Beziehung war von dem Tag an, als sie sich in der Bibliothek des British Museum begegneten, zum Scheitern verurteilt gewesen. H&#228;tten sich ihre Wege nicht gekreuzt, davon war Indy fest &#252;berzeugt, dann w&#252;rde die wundersch&#246;ne und hellsichtige Engl&#228;nderin noch leben. Manchmal, wenn Indy die Augen schloss, um einzuschlafen, erschien ihm ihr Bild.

Indy betrachtete den typischen Bankkalender, der an der Wand hing und dessen gro&#223;e, rote Buchstaben eine Reihe von Sonntagen markierten. Alle Tage sollten rot markiert sein, sann Indy, um uns daran zu erinnern, dass jeder Tag kostbar ist, und uns davor zu warnen, auch nur einen von ihnen ungenutzt verstreichen zu lassen.

Indy nahm den Sch&#228;del in beide H&#228;nde, hob ihn in Augenh&#246;he und drehte seine leeren Augenh&#246;hlen zu sich.

Ich habe wegen dir bereits genug verloren, sagte er an den Sch&#228;del gewandt.

Ein bl&#228;ulicher Schimmer tanzte &#252;ber das Gebiss, und pl&#246;tzlich ging ein Fr&#246;steln durch Indys Handfl&#228;chen. Hoffnungsvoll schrieb er die beiden Effekte dem rasch verdunstenden Alkohol zu.

Gew&#246;hnlich vermied Indy es, den Sch&#228;del mit blo&#223;en H&#228;nden anzufassen, aus irgendeinem Grund jedoch hatte er das Bed&#252;rfnis nach unmittelbarem Kontakt mit dem kalten St&#252;ck Quarz; vielleicht, so sagte er sich, wollte er ihm einfach zu verstehen geben, dass er endlich bereit war, sich mit ihm zu befassen -komme, was da wolle.

Er w&#252;rde den Sch&#228;del zum Tempel in jener untergegangenen Stadt zur&#252;ckbringen, wo man ihn gefunden hatte. Und obwohl dies seit seiner Wiederentdeckung in der Arktis seine Absicht gewesen war, schien immer etwas dazwischenzukommen, sodass Indy den Sch&#228;del in einem Glasbeh&#228;lter mit Alkohol in seinem B&#252;roregal versteckt hatte. Das spezifische Gewicht des Alkohols war mit dem des Quarzes nahezu identisch, was den Sch&#228;del unsichtbar machte. Obwohl sein B&#252;ro mehrmals gefilzt worden war, hatte man den Sch&#228;del nie gefunden.

Er legte den Sch&#228;del auf seinen Schreibtisch.

Das Telefon l&#228;utete.

Indy starrte es einen Augenblick lang an und rang mit sich, ob er drangehen sollte. Schlie&#223;lich hob er, einem Gef&#252;hl nachgebend, das er nicht zu erkl&#228;ren vermochte, den H&#246;rer ab.

Hallo, Indy?, erkundigte sich eine altbekannte Stimme. Bist du es?

Marcus?, fragte Indy.

Ja, sicher. Ich bin froh, dass ich dich erwischt habe. Ich habe vorhin bereits versucht, dich zu Hause zu erreichen.

Dort war ich noch gar nicht, sagte Indy und setzte sich hin.

Kaum zur&#252;ck, und schon musst du nach deiner Arbeit sehen, was?, fragte Brody.

Ich bringe nur ein paar Dinge in Ordnung, die liegen geblieben sind.

Sag mal, w&#228;hrend du fort warst, ist etwas &#252;beraus Seltsames geschehen. Irgendein Bursche, der sich f&#252;r dich ausgab, hat sich per Telegraf aus Indien beim Museum gemeldet und eintausend amerikanische Dollar angefordert. Ich wusste, dass du in China warst, das Geld habe ich trotzdem geschickt, auf die unwahrscheinliche Chance hin, dass du es am Ende doch bist und es wirklich dringend brauchst. Wie auch immer, der Kerl hat sich offenbar mit dem Geld aus dem Staub gemacht.

Der Kerl war ich, sagte Indy.

Tats&#228;chlich?, meinte Brody erstaunt. Was hast du in Kalkutta getan?

Das &#220;bliche, erwiderte Indy. Ich war auf der Durchreise. Gelandet bin ich schlie&#223;lich in Gizeh, wo ich -

Nein, erz&#228;hl es mir erst gar nicht, unterbrach ihn Brody. Ich bin sicher, dein Vorgehen war vollkommen professionell und in &#220;bereinstimmung mit den Gesetzen und Richtlinien des Service des Antiquites.

Man k&#246;nnte sagen, meine Vollmacht kam von allerh&#246;chster Stelle.

Ausgezeichnet. &#220;brigens, heute traf ein P&#228;ckchen aus Kairo im Museum ein. Es ist an dich adressiert, und die Adresse des Absenders scheint - wenn ich das Gekrakel richtig deute - die deines Freundes Sallah zu sein. K&#246;nnte es sich m&#246;glicherweise um die Ausbeute deines Abenteuers handeln? Darf ich es &#246;ffnen? Bevor Indy etwas erwidern konnte, h&#246;rte er am anderen Ende das Ger&#228;usch zerrei&#223;enden Papiers.

Es ist eine Schachtel Mandeln, sagte Brody mehr als nur ein wenig entt&#228;uscht. Ein Zettel h&#228;ngt daran. Darauf steht: Ichm&#246;chte mein gegebenes Wort nicht brechen, dachte mir aber, du w&#252;rdest gerne wissen, dass dort, wo der Stock gelandet ist, jetzt ein Mandelb&#228;umchen bl&#252;ht. Bis zu unserem Wiedersehen, mein Freund. Indy musste lachen.

Ich vermute, dazu gibt es eine passende Geschichte, meinte Brody.

Die gibt es allerdings, sagte Indy. Und ich bin sicher, eines Tages wirst du sie mir erz&#228;hlen, sagte Brody. Ach, und noch etwas, das war &#252;brigens der eigentliche Grund meines Anrufs. Hast du je von etwas geh&#246;rt, das >die Asche des Nurhachi< genannt wird?

Hab ich, sagte Indy, aber ich w&#252;rde mich gern etwas ausruhen, bevor ich nach Schanghai reise, um mich darum zu k&#252;mmern.

Au&#223;erdem habe ich ein Stellenangebot vorliegen, das ich &#252;berdenken muss. M&#246;glicherweise wechsele ich schon bald die

Universit&#228;t.

Gro&#223;artig, sagte Brody. Wenn man doch noch einmal jung sein k&#246;nnte. Du ruhst dich aus und rufst mich kurz an, sobald du dich entschieden hast. Mach ich, sagte Indy. Marcus? Was gibt's?

Einen Augenblick lang war Indys Kehle so trocken, dass er kein Wort hervorbrachte. Schlie&#223;lich sagte er:

Es tut gut, deine Stimme wieder zu h&#246;ren, Marcus. Geht es dir gut?, erkundigte sich Brody besorgt. Es ist doch alles in Ordnung, oder?

Aber ja, sagte Indy. Ich f&#252;hle mich ausgezeichnet. Oder jedenfalls bald.



KAPITEL DREIZEHN

Die Zeit ger&#228;t aus den Fugen

Indy steckte die Fackel in den Schlamm vor dem leer ger&#228;umten Altar und zog ein Paar Lederhandschuhe aus der Tasche. Sein Gesicht war schl&#228;mm- und schwei&#223;verschmiert, und seine zerschundenen H&#228;nde taten weh, als er die eng sitzenden Handschuhe &#252;berstreifte. Der Abstieg in den Schlangentempel war ebenso schwierig und gef&#228;hrlich gewesen wie in seiner Erinnerung, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Diesmal befand sich keine Riesenschlange dort. Die zertr&#252;mmerten Knochen der drei&#223;ig Fu&#223; langen Anaconda, die Indy vor Jahren get&#246;tet hatte, lagen verstreut am Ufer des unterirdischen Beckens.

Indy holte den volumin&#246;sen Samtbeutel aus der &#252;ber seiner Schulter h&#228;ngenden Mappe und nahm den Kristallsch&#228;del heraus. Der Fackelschein brach sich im Inneren des Sch&#228;dels, wurde dort vergr&#246;&#223;ert und tanzte &#252;ber Fu&#223;boden und Seitenw&#228;nde der H&#246;hle. Einen Augenblick lang war Indy wie hypnotisiert von dem Schauspiel und spielte mit dem Gedanken, den .Sch&#228;del doch zu behalten.

Nein, rief er pl&#246;tzlich laut. Ich wei&#223; nicht, wer du warst - oder bist - aber du geh&#246;rst hierher.

Der Altar war aus einer in die H&#246;hlenw&#228;nde eingelassenen Nische herausgemei&#223;elt worden. Indy setzte die F&#252;&#223;e fest auf den Boden, vergewisserte sich, dass sein Gewicht

gleichm&#228;&#223;ig verteilt war, und legte den Sch&#228;del behutsam auf den Altar. Dann trat er zur&#252;ck, halb in der Erwartung, eine Falle w&#252;rde aus dem Altarsockel hervorschnellen oder von oben herabfallen. Erledigt, sagte Indy. L&#228;chelnd zog er seine Handschuhe aus und tippte zum Abschied kurz an die Krempe seines Hutes. Als er daraufhin seine Fackel aufnahm und sich zum Gehen wandte, h&#246;rte er es: das Pl&#228;tschern von Wasser, ein schlitterndes Ger&#228;usch vom schlammigen Ufer sowie das Grauen erregende Zischen einer sehr gro&#223;en Schlange, die atmet. Am &#228;u&#223;ersten Rand des Fackelscheins erblickte er ein bernsteinfarbenes, geschlitztes Auge von der Gr&#246;&#223;e einer Warzenmelone, das sich auf ihn zubewegte. Die Schlange, die er damals in dieser H&#246;hle get&#246;tet hatte, war die gr&#246;&#223;te, die er jemals zu Gesicht bekommen hatte, und bei seiner R&#252;ckkehr nach Princeton hatte er einen Herpatologen gefragt, ob jemals Anacondas von zehn Metern L&#228;nge beobachtet worden seien. Durchaus, hatte der Experte geantwortet, es gebe Berichte, denen zufolge sie in den Tiefen des Regenwaldes sogar noch gr&#246;&#223;er wurden.

Diese Schlange lie&#223; die andere klein erscheinen. Nicht schon wieder, st&#246;hnte Indy. Die Schlange schlitterte auf ihn zu. Indy zog den Revolver.

Es gab keinen Platz zu fliehen; die Schlange war so lang, dass sie den R&#252;ckweg zum Eingang des unterirdischen Beckens vollst&#228;ndig versperrte, und der Versuch, schwimmend zu entkommen, hie&#223;e, der Schlange einen noch gr&#246;&#223;eren Vorteil einzur&#228;umen.

Indy stolperte nach hinten und feuerte der Schlange drei Kugeln ins Auge. Falls dies irgendeine Wirkung hatte, so lie&#223; sich die Schlange davon nichts anmerken. Sie klappte ihre mit einem Scharniergelenk versehenen Kinnladen

auf - zeigte dabei ihre s&#228;belgro&#223;en Rei&#223;z&#228;hne - und lie&#223; ihre schwammige, rosafarbene Zunge Richtung Indy schnellen. Wie alle Schlangen hatte sie schlechte Augen, ihr Geruchs- und Tastsinn war dagegen ausgezeichnet. Indy zw&#228;ngte sich in die Nische neben dem Altar und feuerte zwei weitere Sch&#252;sse ab. Die Schlange attackierte, doch ihr Maul war gr&#246;&#223;er als die Nische, und ihre Rei&#223;z&#228;hne kratzten &#252;ber den Fels. Indy wich vor dem Angriff zur&#252;ck, warf sich nach hinten und stie&#223; sich den Kopf am Sturz eines steinernen, in die R&#252;ckwand der Nische eingelassenen Portals. Weil das Portal niedrig war -weniger als einen Meter f&#252;nfzig hoch - und im Schatten hinter dem Altar verborgen lag, hatte er es zuvor nicht bemerkt. Wichtiger noch, das Portal war zu klein, als dass die Schlange h&#228;tte hindurchkriechen k&#246;nnen. Es dauerte jedoch einen Augenblick, bevor Indy dies erkannte. Der Schlag auf seinen Hinterkopf hatte ihm beinahe das Bewusstsein geraubt, und einige Minuten lang hockte er auf dem Boden dieses neuen Durchganges, w&#228;hrend sich ihm der Magen umdrehte und er Sterne vor den Augen sah. Als er seinen Hinterkopf bef&#252;hlte, hatte er Blut an der Hand. Trotzdem, Indy schmunzelte &#252;ber sein gro&#223;es Gl&#252;ck. Er hob die Fackel auf und rappelte sich m&#252;hsam hoch, um den neuen Gang zu untersuchen und das w&#252;tende Zischen auf der anderen Seite des Portals hinter sich zu lassen. Die Decke war niedrig, und er war gezwungen, sich zu b&#252;cken, w&#228;hrend er sich Zoll um Zoll vorw&#228;rts tastete. Dann endete der Gang.

Er endete nicht etwa vor einer T&#252;r&#246;ffnung oder Wand, nicht einmal vor dem Ger&#246;llhaufen eines Einbruchs. Er endete in einer Art von Dunkelheit durchdrungener Wolke, die alles an Dunkelheit &#252;bertraf, einer feindseligen Leere, die der Schein der Fackel nicht zu zerstreuen vermochte.

Stattdessen schien sie das Licht in sich hineinzusaugen und im Gegenzug nichts daf&#252;r preiszugeben. Au&#223;erdem weitete sie sich aus - oder kam ganz einfach auf ihn zu. Indy suchte den Gang nach einer erkennbaren T&#252;r&#246;ffnung, einer Stelle zum Hindurchkriechen oder irgendeinem Ausgang ab, der eine Alternative zu dem bot, was immer sich dort vor ihm befand, und der w&#252;tenden und &#252;beraus gro&#223;en Schlange in seinem R&#252;cken. Es gab keine.

Indy wechselte die Fackel in die linke Hand, dann streckte er die Finger seiner rechten Hand aus. Vorsichtig ber&#252;hrte er die Wolke. Seine Hand verschwand in der Leere, doch er hatte &#252;berhaupt kein Tastgef&#252;hl - er sp&#252;rte nicht einmal die Finger auf der Handfl&#228;che, als er seine Hand zur Faust ballte. Hastig zog er seinen Arm zur&#252;ck und stellte zu seiner Erleichterung fest, dass seine Hand noch immer daran hing. Indy warf einen Blick hinter sich, dann sah er sich abermals im leeren Korridor um. Von den drei M&#246;glichkeiten, die sich ihm boten, verhie&#223;en zwei den sicheren Tod: Er konnte in den unterirdischen Gefilden des Tempels des Hungertodes sterben, oder er w&#252;rde in den Windungen einer Riesenanaconda zerdr&#252;ckt werden. Obwohl die dritte M&#246;glichkeit den sicheren Untergang nur vermuten lie&#223;, statt ihn sicher zu versprechen, z&#246;gerte er mit seiner Entscheidung. Als die Wolke jedoch dazu &#252;berging, ihn mit ihren feinen Ranken einzuh&#252;llen, wurde seine Fackel dunkler und begann schlie&#223;lich zu flackern. Aus Angst, wie die Flamme zu ersticken, wenn er sich nicht entschlossen durch die Wolke auf die andere Seite zw&#228;ngte, hielt er den Atem an und st&#252;rzte sich hinein. Er fand sich im Sonnenschein wieder. Ich muss mir den Kopf heftiger gesto&#223;en haben, als ich dachte, sagte Indy bei sich, w&#228;hrend er sich den Nacken

rieb und die Augen gegen die glei&#223;ende Helligkeit des Tageslichts zusammenkniff. Dann schloss er die Augen und schlug sie abermals auf.

Als seine Augen sich allm&#228;hlich an die Helligkeit gew&#246;hnten, traten um ihn herum die Umrisse der Stadt Cozan hervor. Indy kniete auf der untersten Stufe des Schlangentempels. In den nahen B&#228;umen wimmelte es von V&#246;geln und Affen, und irgendwo knurrte ein Jaguar.

Nur waren dies nicht die Ruinen jener Stadt, die Indy sich erinnerte entdeckt zu haben - dies war eine lebendige Metropole, die sich noch dazu in ihrem fr&#252;hen Stadium befand. Die Stra&#223;en waren voller Menschen, die sich in den Schatten jener Geb&#228;ude bewegten, die Indy lediglich als Ger&#246;llhaufen inmitten des alles &#252;berwuchernden Dschungels kannte. Bei den Geb&#228;uden handelte es sich um prachtvolle Kalksteinmonumente, abgesetzt mit Gr&#252;n und Terrakotta. Die Anzahl der Geb&#228;ude war jedoch geringer, als die Ruinen des gegenw&#228;rtigen Cozan vermuten lie&#223;en. In seinem R&#252;cken befand sich der Tempel der Schlange, doch er war kleiner - er war erheblich niedriger und wies weniger Schichten auf als in seiner Erinnerung.

Indy kletterte vom Tempel hinunter auf die breiten Steinplatten der gesch&#228;ftigen Hauptverkehrsstra&#223;e. Obwohl er die Menschen, die an ihm vor&#252;bergingen, unverhohlen angaffte - st&#228;mmige, braunh&#228;utige Menschen, die gr&#246;&#223;tenteils mit aus Fasern der mexikanischen Agave hergestellten Gew&#228;ndern bekleidet waren -schien kein Einziger von ihnen Indys Starren auch nur zu bemerken.

Viele von ihnen erhandelten an den strohgedeckten St&#228;nden zu beiden Seiten der Stra&#223;e hastig etwas Mais, Obst oder Spie&#223;braten, w&#228;hrend andere nerv&#246;s irgendeines Ereignisses zu harren schienen. Ab und zu blickten sie kurz in den Himmel oder auf ihre k&#252;rzer werdenden Schatten auf den Steinplatten, mit demselben Gesichtsausdruck, mit

dem ein Gesch&#228;ftsmann auf der Wallstreet auf seine Armbanduhr sieht.

Die Sonne stand fast im Zenit.

Welches Ereignis auch erwartet wurde, es war offenkundig, dass es genau um Mittag stattfinden w&#252;rde. Obwohl man hier in Britisch Honduras erwartete, Mayas anzutreffen, &#252;berlegte Indy, besa&#223;en diese Menschen die sch&#228;rfer geschnittenen Gesichtsz&#252;ge der Azteken Zentralmexikos. Und doch war von den unverkennbaren Merkmalen aztekischer Kultur nichts zu sehen. Indy war au&#223;er Stande, ihre Sprache zu identifizieren, er wusste jedoch, dass es sich nicht um Nahuatl, die Sprache der Azteken, handelte. Das vorherrschende Merkmal der Schriftzeichen, die die cozanischen Bauwerke zierten, bestand in einer stilisierten, sich nach rechts aufl&#246;senden Spirale; m&#246;glicherweise handelte es sich um eine Darstellung der Schneckenmuschel, &#252;berlegte Indy, oder vielleicht eines Sterns oder Kometen. &#220;ber die Geschichte Cozans war nichts bekannt, au&#223;er dass es einst eine bedeutende Stadt gewesen sein musste, die jedoch wegen irgendeines verh&#228;ngnisvollen Vorfalls aufgegeben worden war, und selbst das hatte man lediglich aus irgendwelchen Volkserz&#228;hlungen geschlossen. Bevor er die Stadt eigenh&#228;ndig gefunden hatte, war selbst Indy nicht von ihrer Existenz &#252;berzeugt gewesen.

Der Name der Stadt, Cozan, war der &#220;bersetzung einer nahezu unverst&#228;ndlichen Maya-Redewendung entlehnt, in der das spanische Wort f&#252;r Herz, corazon, eine wichtige Rolle spielte. Manchmal wurde sie als del mal corazon oder herzlos wiedergegeben, dann wieder schien sich der Mayaname f&#252;r die untergegangene Stadt gegen jeden Versuch einer &#220;bersetzung zu sperren, am n&#228;chsten jedoch kam vermutlich noch >Herz des B&#246;sen<.

Die Krieger, die allgegenw&#228;rtig zu sein schienen, trugen Klingen aus Obsidian in ihren G&#252;rteln und &#252;ber ihren

Schultern hingen gef&#228;hrlich aussehende, aus Eichenst&#228;ben hergestellte Wurfst&#246;cke. Zu zweit schlenderten sie die Prachtstra&#223;e entlang und blieben gelegentlich stehen, um einen H&#228;ndler oder B&#252;rger zu ermahnen, ihre Gesch&#228;fte abzuschlie&#223;en, da die Zeremonie jeden Augenblick beginnen konnte. Die Klassenunterschiede gingen weit &#252;ber die von B&#252;rgern und Kriegern hinaus, wie Indy feststellte. Es existierte eine weitere Klasse, die wenigstens ein Drittel der Bev&#246;lkerung ausmachte. Ihre Gesichter waren mit blauem Puder best&#228;ubt, was ihnen das Aussehen von Geistern verlieh, die ihren Herren und Herrinnen auf Schritt und Tritt folgten. Ihre Augen wirkten leer, bar jeder Hoffnung, und Indy glaubte auch zu wissen, warum: Blau war die Farbe des Opferrituals.

Indy hatte schon des &#214;fteren mit den &#220;berresten der Opfer solcher Rituale zu tun gehabt, und sie alle schienen sich, mit wenigen Ausnahmen, freiwillig zum Wohle der Gemeinschaft unterworfen zu haben, oftmals nachdem man sie &#252;ber eine Periode von etwa einem Jahr wie Helden behandelt und als Mitglieder der k&#246;niglichen Familie geachtet hatte. Selbst wenn ihre H&#228;nde hinter dem R&#252;cken gefesselt waren oder man eine Schlinge um ihre Nackenwirbel geschlungen fand, stets sprach einiges daf&#252;r, dass sie sich aus freien St&#252;cken unterworfen hatten und nicht ermordet worden waren. Diese Sklaven, offenkundig im Krieg erbeutet, sahen ihrem Beitrag zum gro&#223;en Gef&#252;ge des Lebens allerdings nicht mit Freude entgegen.

Entschuldigen Sie, sagte Indy, von einem B&#252;rger zum anderen gehend. Verzeihen Sie, h&#228;tten Sie vielleicht einen Augenblick Zeit? Offenbar konnte niemand ihn sehen oder h&#246;ren. Als Indy die Hand ausstreckte, um einen vor&#252;bergehenden Krieger zu ber&#252;hren, schreckte der Mann zur&#252;ck, als

w&#228;re er dort, wo Indys Finger seinen Arm gestreift hatten, gestochen worden. &#220;berzeugt, von einem Insekt gebissen worden zu sein, schwenkte er eine Hand vor seinem Gesicht und setzte seinen Weg fort.

Schlie&#223;lich r&#228;umte die Menschenmenge, auf das Erschallen einer Schneckenmuscheltrompete hin, die Stra&#223;enmitte und stellte sich zu beiden Seiten auf. Die blaugesichtigen Sklaven fielen auf die Knie und senkten ihre Stirn zum Boden. Die Krieger nahmen Haltung an, die obsidianbest&#252;ckten Speere einsatzbereit. Ein Schamane n&#228;herte sich der Pyramide in geb&#252;ckter Haltung, mit einem Zweig die Stra&#223;e fegend. In der anderen Hand hielt er eine aus einem menschlichen Schienbein gefertigte Keule, an deren Ende ein glatt polierter Flusskiesel befestigt war. Er war, bis auf einen Lendenschurz, nackt und kunstvoll mit den von Gott gegebenen rechtsdrehenden Spiralen t&#228;towiert, die Indy bereits auf den Skulpturen angetroffen hatte. Er trug eine Furcht einfl&#246;&#223;ende Maske, die aus der Vorderh&#228;lfte eines menschlichen Sch&#228;dels gefertigt und mit Jade und Obsidian verziert war. Aus Stirn und Nasenh&#246;hle ragten, dem Horn eines Rhinozeros gleich, zwei garstig aussehende Steinspitzen. Immer wieder ging dieses Monstrum, unter dem sich ein Mensch verbarg, bedrohlich die Keule schwingend auf die entsetzte Menschenmenge los und scheuchte sie zur&#252;ck. Welchen Gott des Todes und der Zerst&#246;rung dieser Kerl auch darstellen mochte, die B&#252;rger waren offensichtlich der Ansicht, entschied Indy, dass er es absolut ernst meinte.

Indy tippte ihn auf die Schulter und sah zu seinem Entz&#252;cken, wie der Medizinmann zur&#252;ckzuckte, erschrocken &#252;ber die offenkundige Manifestation echter Magie. Voller Ingrimm drohte er mit seiner Keule in Indys Richtung, setzte aber seinen Weg zum Tempel fort. Dem Schamanen folgte eine geschlossene Front aus

Priestern, bekleidet mit terrakotta und gr&#252;n eingef&#228;rbten und mit den cozanischen Spiralen verzierten Baumwollgew&#228;ndern. Der in der Mitte gehende Priester trug eine hutschachtelgro&#223;e Eichenkiste in den Armen.

Hinter den Priestern, auf einer von Sklaven getragenen S&#228;nfte, folgte eine Frau von bemerkenswerter Sch&#246;nheit. Sie war in ein schlichtes Baumwollgewand geh&#252;llt und trug weder Schmuck noch irgendein anderes Zeichen von Rang oder Machtbefugnis. Sie war hoch gewachsen, vielleicht ein Meter achtzig, und die Muskeln ihrer nackten Arme und Waden lie&#223;en auf einen athletischen K&#246;rperbau schlie&#223;en. Wegen ihres glatten schwarzen Haars, ihres breiten Gesichts und ihrer klaren Augen erinnerte sie Indy an einen Jaguar.

Ihre Augen schienen sich zu begegnen, als die S&#228;nfte vor&#252;berwankte.

Einen Augenblick lang war Indy sicher, dass sie ihn wahrgenommen hatte. Ein Ausdruck von Verwirrtheit und Best&#252;rzung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, sie richtete sich auf und blickte &#252;ber ihre Schulter auf jene Stelle, wo der Fremde eben noch gestanden hatte. Diesmal jedoch wanderten ihre Augen suchend &#252;ber die Menge hinweg, ohne ihn zu sehen. Hinter der S&#228;nfte humpelte, getrieben von einem Trupp Soldaten, ein halbes Dutzend blaugesichtiger Sklaven. Die Sklaven waren beiderlei Geschlechts, jung und alt, und ihre F&#252;&#223;e waren mit einem Strick gefesselt, gerade lang genug, sodass sie gehen konnten, mehr jedoch nicht. Als sie vor&#252;berschlurften, bewarf die Menge sie mit Abfall und &#252;bersch&#252;ttete sie mit Schm&#228;hungen. Die anwesenden Kinder wurden ermutigt, loszust&#252;rzen und mit St&#246;cken auf die Sklaven einzuschlagen. Sie taten dies voller Schadenfreude, anschlie&#223;end rannten sie zur&#252;ck und suchten hinter den Beinen ihrer M&#252;tter Schutz.

Als die Prozession die unterste Stufe der Pyramide erreicht hatte, wurde die S&#228;nfte behutsam auf dem Boden abgesetzt. Die K&#246;nigin stieg mit der Eleganz und Beh&#228;ndigkeit einer gro&#223;en Katze von ihrem Thron herab und ging daran, die Stufen zu erklimmen. Die Priester und anderen Personen folgten ihr, und schlie&#223;lich dr&#228;ngte die &#252;brige Bewohnerschaft auf die Pyramide. Indy folgte dem Menschenstrom die Flanke der Pyramide hinauf und fand, als er den Gipfel erreichte, dort zu seiner &#220;berraschung nicht etwa einen Tempel vor, sondern eine nach innen gew&#246;lbte Fl&#228;che, in der sich ein heiliger Brunnen befand. &#220;ber zwanzig oder drei&#223;ig Jahrhunderte hinweg w&#252;rde die Pyramide Schicht um Schicht aufgestockt werden, und aus dieser Stelle w&#252;rde das unterirdische Becken auf der Sohle des Schlangentempels entstehen. Der Hohepriester stellte die mitgef&#252;hrte Holzkiste auf einen steinernen Altar und entnahm ihr den Kristallsch&#228;del. Er sah so glatt poliert aus wie an jenem Tag, als Indy ihn gefunden hatte. Der Priester hielt den Sch&#228;del in die H&#246;he, und die Menge wandte die Augen ab, als sich daraufhin das Sonnenlicht in den Prismen hinter den Augenh&#246;hlen brach und als schillernde Regenbogen aus Licht &#252;ber ihren K&#246;pfen tanzten. Allein die K&#246;nigin -und nat&#252;rlich Indy - sahen nicht fort. Dann hob der Priester an zu einem rituellen Sprechgesang, und Indy vermutete, dass er die Geschichte des Sch&#228;dels vortrug. Der Schamane mit der Totensch&#228;delmaske verfiel in eine Pantomime. Obwohl Indy kein einziges Wort der Ansprache verstand, vermutete er aufgrund der schauspielerischen Darbietung, dass auch sie den Sch&#228;del einst im Dschungel gefunden hatten, vielleicht auf dem Grund eines heiligen Brunnens oder einer H&#246;hle, in der die Gebeine unermesslich alter Menschenopfer verstreut umherlagen. Seit jener Zeit war der Sch&#228;del offenbar zur Staatsreligion geworden, einer Religion, die sich auf Krieg und Eroberung gr&#252;ndete -

sowie auf einen unstillbaren Hunger nach Menschenopfern. Faschisten, sagte Indy bei sich. Ich kann diese Kerle nicht ausstehen.

Als der Priester seinen Vortrag beendet hatte, entfernte einer der anderen Priester die h&#246;lzerne Kiste, und man legte den Kristallsch&#228;del auf den Steinaltar, von wo aus er aufgeklappten Kiefers staunend &#252;ber das heilige Becken hinwegzublicken schien. Als der Hohepriester einen heiligen Sprechgesang anstimmte, watete die K&#246;nigin mit ausgebreiteten Armen in das Becken hinein. Ihr Baumwollkleid umwirbelte ihren K&#246;rper. Als sie schlie&#223;lich bis zur Brust im Wasser stand, blieb sie stehen und legte ihre H&#228;nde auf den Kopf. Im Wasser rings um sie bewegte sich etwas. Ein Anacondap&#228;rchen wand sich um ihren Oberk&#246;rper und hob die K&#246;pfe aus dem Wasser. Es waren, f&#252;r Anacondas, keine &#252;berm&#228;&#223;ig gro&#223;en Schlangen - sie ma&#223;en vielleicht vier oder f&#252;nf Meter - dennoch erwartete Indy, jeden Augenblick das Zerbersten ihres Brustkorbs zu h&#246;ren, wenn die Schlangen ihr das Leben aus dem K&#246;rper pressten. Stattdessen umschmeichelten die Schlangen den Oberk&#246;rper der K&#246;nigin wie ein paar zahme Katzen. Der Mund der K&#246;nigin erschlaffte, und ihre Lider flatterten in religi&#246;ser Ekstase.

Schlie&#223;lich lie&#223;en die Schlangen von ihr ab und begaben sich stattdessen zum Rand des Beckens, wo die Sklavenopfer neben den Obsidianklingen der Krieger knieten. He!, rief Indy und ging n&#228;her heran. Steht auf! Verschwindet! Versucht doch wenigstens zu fliehen! Indy zog den Webley, nahm den Kopf der gr&#246;&#223;eren der beiden Schlangen sorgf&#228;ltig ins Visier und feuerte. Der Webley bellte, doch die Kugel richtete keinerlei Schaden an. Er feuerte die &#252;brigen in der Trommel verbliebenen Pat-

ronen ab, doch man sah, als Beweis, dass &#252;berhaupt eine Kugel abgefeuert worden war, nicht einmal das Wasser hinter den Schlangen aufspritzen.

Als Erstes machten sich die Schlangen &#252;ber das am n&#228;chsten hockende Opfer her. Sie schlitterten an seinen Beinen hinauf, schlangen sich um seinen Unterleib und begannen, w&#228;hrend es vor Angst zitterte, ihm das Leben aus dem Leib zu pressen. Als sie mit ihm fertig waren, w&#228;lzten sie es in den Xenote, das heilige Becken. Dann krochen sie zum N&#228;chsten in der Reihe und gingen daran, den Vorgang zu wiederholen. K&#228;mpft doch!, rief Indy. Wieso wehrt ihr euch nicht! Eine der Sklavinnen in der Mitte der Opferreihe, eine kr&#228;ftig gebaute junge Frau, deren Lippen von einer noch nicht lange zur&#252;ckliegenden Z&#252;chtigung immer noch geschwollen waren, hielt den Kopf gesenkt, verfolgte das N&#228;herkommen der Schlangen aber hinter halb geschlossenen Lidern. Indy sah sie tief Luft holen, sah, wie sich die Muskeln an Armen und Beinen spannten, und rief ihr hilflos Ermutigungen zu, als sie sich pl&#246;tzlich umdrehte und dem sie bewachenden Krieger ein Knie in den Unterleib rammte.

Der Soldat rang nach Atem, und die junge Sklavin entwand den Obsidianspeer aus seinem Griff. In einer einzigen beidh&#228;ndigen Bewegung riss sie die Klinge hoch, schlitzte ihm die Kehle auf und enthauptete ihn fast dabei. Als die Leiche des W&#228;chters zu Boden sank, stie&#223; sie ein derart alarmierendes Kriegsgeschrei aus, dass die V&#246;gel in den umstehenden B&#228;umen die Flucht ergriffen. Sie zerschnitt die Stricke, mit denen sie an den Kn&#246;cheln gefesselt war. Doch statt die Stufen der Pyramide hinunter in die Freiheit zu fliehen, drehte sie sich zum Hohepriester um. Sie rammte ihm die Klinge in den Leib, dann sprang sie in den Xenote und ruderte wie von Sinnen plantschend auf die K&#246;nigin zu. Obwohl die Sonne mittlerweile von einer Wolke verdeckt wurde, glei&#223;te der Kristallsch&#228;del grimmiger als je zuvor.

Die K&#246;nigin breitete l&#228;chelnd die Arme aus, als wollte sie sie in die Arme schlie&#223;en.

Dann prallte ein halbes Dutzend baseballgro&#223;er Steine gegen den K&#246;rper der jungen Frau, getrieben von der Wucht der schweren Keulen einiger Krieger. Wo sie ihren K&#246;rper trafen, zertr&#252;mmerten die Steine ihre Knochen: den R&#252;cken, die Rippen, ihren linken Arm. Doch selbst diese Verletzungen konnten ihren Vorw&#228;rtsdrang nicht bremsen, und es gelang ihr, mit ihrem unverletzten rechten Arm das Schwert zu ziehen.

Die junge Sklavin war im Begriff, es auf den Kopf der l&#228;chelnden K&#246;nigin niedersinken zu lassen, als ein letzter Stein sie an der Sch&#228;delbasis traf und alles Leben aus ihrem K&#246;rper wich. Das Schwert fiel kraftlos ins Wasser. Sie st&#252;rzte mit dem Gesicht voran ins Wasser, einen immer gr&#246;&#223;er werdenden rotfarbenen Flor um den Kopf.

Indy wandte sich ab.

Der Kristallsch&#228;del auf dem Steinaltar leuchtete so glei&#223;end hell, dass er in Flammen zu stehen schien. Dann klappte der Unterkiefer herunter, und eine schwarze Wolke begann aus seinem Mund hervorzuquellen.

Indys Sehverm&#246;gen tr&#252;bte sich, als die Wolke ihn einh&#252;llte.

Als er wieder etwas erkennen konnte, stand er vor den Tr&#252;mmerhaufen des Schlangentempels. Der Dschungel hatte wieder die Herrschaft &#252;bernommen. Auf dem Erdboden zu seinen F&#252;&#223;en aber lag ein Granitbrocken von der Gr&#246;&#223;e eines Baseballs, verklebt mit Haaren und frischem Blut.



EPILOG

Er traf den Professor im Innenhof an, wo er, auf einer Bank in der Sonne sitzend, ein Sandwich aus einer neben sich stehenden Vespert&#252;te a&#223;. Der Mann hatte gerade erst die F&#252;nfzig &#252;berschritten, lie&#223; aber bereits die zerstreuten Verschrobenheiten des Alters erkennen. Vielleicht hatte er das immer schon getan. Sein ergrauendes Haar glich einem struppig-verfilzten Vogelnest. Seine Kleidung war zerknittert und wollte nicht so recht zusammenpassen, und wenn er die Beine &#252;bereinander schlug, konnte Indy sehen, dass er keine Socken trug. W&#228;hrend der Professor gem&#228;chlich sein Sandwich verspeiste, war sein ziellos starrer Blick auf einen Punkt &#252;ber den T&#252;rmen und D&#228;chern der Princeton Universit&#228;t gerichtet.

Indy stand verlegen einige Meter von der Bank entfernt, seinen Filzhut in der Hand und nicht bereit, den Professor in seinen offenkundigen Tagtr&#228;umereien zu st&#246;ren. Der erwartungsvolle, besorgte Ausdruck auf Indys Gesicht gen&#252;gte jedoch, um die Aufmerksamkeit des &#228;lteren Mannes auf ihn zu lenken. Kommen Sie, sagte der Professor schlie&#223;lich, schaute kurz zu Indy hin&#252;ber und winkte ihn zu sich. Ich m&#246;chte Sie nicht st&#246;ren, sagte Indy linkisch. Sie halten Ihr Gestarre tats&#228;chlich f&#252;r nicht st&#246;rend?

Verzeihung, sagte Indy. Das war sehr unh&#246;flich von mir.

Indy wandte sich zum Gehen.

Warten Sie, warten Sie, rief der &#228;ltere Mann. Kommen Sie her und setzen Sie sich neben mich. Im Augenblick bin ich es, f&#252;rchte ich, der unh&#246;flich ist. Was haben Sie auf dem Herzen? Etwas Interessantes, hoffe ich. Am Ende sind Sie nur ein Autogrammj&#228;ger? Diese amerikanische Besessenheit, wenn es um Ber&#252;hmtheit geht, ist mir v&#246;llig unverst&#228;ndlich.

Nein, Professor, erwiderte Indy, als er, den Hut noch immer in der Hand, auf der Bank Platz nahm. Ich bin nicht wegen eines Autogramms von Ihnen hier, auch nicht wegen eines Fotos. Ich bin gekommen, um Ihren Rat einzuholen.

Meinen Rat, sagte der Mann und lachte stillvergn&#252;gt in sich hinein. Heutzutage will jeder meinen Rat. Ich f&#252;rchte, da sind Sie bei mir an eine sehr unergiebige Quelle geraten. Man hat mir vorgeworfen, ein nicht besonders praktisch denkender Mensch zu sein oder zu viel Zeit in meinen Gedanken, statt in der Welt zu verbringen. Wissen Sie, was ich gerade dachte? Ich dachte, wie wundersch&#246;n die Wolken sind, und wie ich sie fr&#252;her, als ich ein Kind war, durch das Klassenzimmerfenster betrachtet habe.

Sind Sie gern zur Schule gegangen?

Ich konnte sie nicht ausstehen, antwortete der Professor mit einer abf&#228;lligen Handbewegung. Ich wollte in den Wolken sein.

Die Schule war langweilig, reglementiert und hat den jungen K&#246;pfen jede Lebendigkeit entzogen. Als kleiner Junge war ich &#228;u&#223;erst ungl&#252;cklich. Welche Schande, dass wir das unserem Nachwuchs antun.

Indy l&#228;chelte.

Der Rat, den ich suche, sagte er, hat von seinem Wesen her etwas sehr Unpraktisches.

Habe ich Sie schon irgendwo gesehen? Haben Sie, Sir. Ich unterrichte hier Arch&#228;ologie. Mein Name ist Jones, wir sind uns ein, zwei Mal begegnet. Mein Freund Marcus Brody hat uns einander vorgestellt.

Tut mir Leid, aber ich erinnere mich nicht daran, sagte der Professor.

Sie hatten sicher wichtigere Dinge im Kopf. Wie zum Beispiel Wolken, sagte der Professor mit einem verschmitzen L&#228;cheln.

Dann a&#223; er sein Sandwich zu Ende, wischte sich die Kr&#252;mel von den H&#228;nden und kramte in seiner Vespert&#252;te. Er holte einen leuchtend roten Apfel hervor, den er Indy anbot.

Indy hatte Hunger. Er legte den Filzhut zwischen seinen F&#252;&#223;en auf den Boden. Dann polierte er den Apfel an seinem Hosenbein, betrachtete f&#252;r einen Augenblick den Glanz der leuchtend roten Schale und biss hinein.

Um was handelt es sich bei diesem unpraktischen Rat, den Sie suchen?

Um die Zeit, murmelte Indy, w&#228;hrend er sich mit dem Handr&#252;cken den Apfelsaft aus den Mundwinkeln wischte. Wieso ist es immer jetzt? Ist es m&#246;glich, in die Vergangenheit zur&#252;ckzukehren oder in die Zukunft zu reisen? Was ist Zeit &#252;berhaupt?

Der Professor l&#228;chelte.

Zeit, sagte er, ist das, was man mit einer Uhr misst.

Indy wartete geduldig.

Das ist alles?, fragte er, als ihm bewusst wurde, dass nichts weiter folgen w&#252;rde.

Was wollen Sie mehr?, fragte der Professor.

Ich wei&#223; es nicht, sagte Indy. Antworten, vermutlich.

Schlie&#223;lich sind Sie der Welt gr&#246;&#223;te Autorit&#228;t.

Der &#228;ltere Mann runzelte die Stirn.

Das Schicksal ist im Begriff, mir einen Streich zu spielen, sagte er. Mein Leben lang habe ich Autorit&#228;t in Frage gestellt, nur um jetzt festzustellen, dass ich selbst eine geworden bin.

Indy war entt&#228;uscht.

Ich hatte gehofft, Sie k&#246;nnten mir ... eine g&#252;ltige Erkl&#228;rung liefern, sagte Indy. Ich hatte einige ungew&#246;hnliche Erlebnisse, in deren Verlauf Wunder m&#246;glich schienen und sogar Reisen durch die Zeit.

Ich soll Ihnen erkl&#228;ren, dass Sie nicht den Verstand verloren haben, erwiderte der Professor. Aber ich kann Ihnen nicht helfen. Ich bin nur ein Wissenschaftler, nur ein Mensch wie Sie auch. Die Antworten, die Sie suchen, mein junger Freund, befinden sich in Ihrem Innern.

Indy nickte.

Der Professor l&#228;chelte.

Eines der unbegreiflichsten Dinge in diesem Universum, sagte der &#228;ltere Mann, ist, dass wir es &#252;berhaupt begreifen. Aber wir stecken noch in den Kinderschuhen, und mit unserem Verst&#228;ndnis wird auch unsere Verantwortung wachsen. Wir alle sind Zeitreisende, Dr. Jones. Leben Sie in der Gegenwart, blicken Sie stets in die Zukunft, aber vergessen Sie niemals die Vergangenheit. Und denken Sie stets daran, auf Ihr Herz zu h&#246;ren.



NACHWORT

Funktioniert Magie?

Diese Frage l&#228;sst einen niemals vollends los, allem wissenschaftlichen Fortschritt der vergangenen drei Jahrhunderte zum Trotz, der sie ansonsten - mit einem deutlich vernehmbaren >Nein<! - ein f&#252;r alle Mal zur letzten Ruhe betten w&#252;rde. Aber die Frage ist mehr als rein akademischer Natur, sie dringt in den dornenvollen Bereich der &#220;berzeugungen vor, wo sie sich, selbst &#252;ber den unerforschlichen Untiefen dazwischen stehend, nicht zwischen Aberglaube und Religion zu entscheiden vermag. Es besteht ein Unterschied zwischen der Magie der B&#252;hne, die zu Unterhaltungszwecken eingesetzt wird, und jener, mit deren Hilfe man ernsthaft versucht, Natur und Mensch betreffende Ereignisse zu beeinflussen. Niemand trifft diese Unterscheidung klarer, niemand &#228;u&#223;ert sich zynischer &#252;ber die Versuche in echter Magie, als Berufsmagier wie James Randi. &#220;ber eine Stiftung, die seinen Namen tr&#228;gt, bietet Randi jedem mehr als eine Million Dollar, der auf Verlangen im Stande ist, >eine wie auch immer geartete &#252;bersinnliche, &#252;bernat&#252;rliche oder paranormale F&#228;higkeit unter hinreichenden Beobachtungsbedingungen nachzuweisen<. Manch einer hat es versucht, dennoch ist es noch keinem gelungen, sich die Belohnung zu verdienen. Diese Einstellung, die Randi mit dem verstorbenen Carl Sagan, dem Autor von The Demon-Haunted World teilt, steht beispielhaft f&#252;r die Haltung, die sich die meisten Wissenschaftler zu Eigen machen. Was nicht mithilfe der wissenschaftlichen Methode bewiesen werden kann, so lautet das eherne Gesetz, existiert ganz einfach nicht. Anekdotische Belege, die auf die Existenz von ESP (extra sensory perception = au&#223;ersinnliche Wahrnehmung) und anderen Grenz&#252;berzeugungen hinweisen, sind nichts weiter als ein Beweis f&#252;r das menschliche Bed&#252;rfnis, Geschichten zu erz&#228;hlen, und halten die verst&#228;ndliche, aber kindische Angewohnheit magischen Denkens aufrecht. Tats&#228;chlich scheint ein tief verwurzeltes Bed&#252;rfnis nach Geschichten zu bestehen, die den Glauben an Magie oder jenseitige Vorg&#228;nge verewigen, wie einem jeder Erforscher moderner Alltagsmythen best&#228;tigen kann: Statuen, die Blut weinen, gespenstische Anhalter, die sich nach Erreichen ihres Zieles in Nichts aufl&#246;sen, sowie au&#223;erirdische Wesen, die Entf&#252;hrungen mit sexuellen Untert&#246;nen begehen, das alles greift auf Geschichten zur&#252;ck, wie man sie sich bereits in fr&#252;heren Jahrhunderten erz&#228;hlte.

Eine etwas vers&#246;hnlichere Haltung nehmen Forscher wie Rupert Sheldrake, der Autor von Seven Experiments That Could Change the World, ein. Sheldrake argumentiert, ESP und andere &#252;blicherweise tabuisierte Themen seien von der traditionellen Wissenschaft zu lange vernachl&#228;ssigt worden. Es sei an der Zeit, schreibt Sheldrake, diese Ph&#228;nomene einer Pr&#252;fung gro&#223;en Stils zu unterziehen, und dazu seien gar nicht einmal gro&#223;e Summen in Form von Stiftungen oder Forschungsstipendien erforderlich.

Dieses Buch handelt nicht nur von einer freim&#252;tigeren Wissenschaft, schreibt Sheldrake, sondern von einer freim&#252;tigeren Art, Wissenschaft zu betreiben: weniger im Verborgenen, mit gr&#246;&#223;erer Anteilnahme und nicht so sehr als Monopol der wissenschaftlichen Geistlichkeit. Er schl&#228;gt dem Laien als Test sieben wenig kostenintensive Experimente vor - zum Beispiel die scheinbar &#252;bersinnliche F&#228;higkeit von Brieftauben, nach Hause zur&#252;ckzufinden, und das beim Menschen verbreitete Gef&#252;hl, angestarrt zu werden. Ungef&#228;hr 80 Prozent kennen Letzteres aus eigener Erfahrung, schreibt Sheldrake, zudem ist dieses Ph&#228;nomen eng mit dem von alters her bekannten >b&#246;sen Blick< verwandt - dem Glauben an die &#220;bertragung negativer Einflussnahme durch Anstarren. Magie ist Bestandteil aller religi&#246;ser Lehren oder scheint zumindest am Ursprung aller Religionen beteiligt zu sein, auch wenn ihre Bedeutung f&#252;r jede Lehre eine andere ist. Im neunzehnten Jahrhundert jedoch existierte in der j&#252;dischchristlichen Kultur das Bestreben, Magie gegen andere religi&#246;se Ph&#228;nomene abzugrenzen und Gesellschaften, die sie aus&#252;bten, als >primitiv< zu brandmarken. Heutzutage erscheint der Unterschied zwischen Magie und Religion weniger deutlich, auch wenn Magie tendenziell als technisch und unpers&#246;nlich gilt - mit anderen Worten als Mittel zum Zweck -, wohingegen Religion einen Beiklang des Individuellen und Spirituellen hat. In seinem 1897 erschienenen Buch, in dem er die weltber&#252;hmtesten magischen Tricks beschrieb, bezeichnete Albert A. Hopkins &#196;gypten als Wiege der Magie, und das aus gutem Grund. Zus&#228;tzlich zu den Magiern des Pharao, von denen im Buch Exodus die Rede ist, wimmelt es in den alten Papyrusrollen von Zauberspr&#252;chen und Beschw&#246;rungen, dar&#252;ber hinaus haben zahlreiche Dokumente aus der Bl&#252;tezeit &#228;gyptischer Magie &#252;berlebt, die um das zweite Jahrhundert in Alexandria stattfand. Das Schlangenbeschw&#246;ren wird nach wie vor von &#196;gypten bis nach Indien als weit verbreitetes Familiengesch&#228;ft betrieben. John A. Keels Jadoo, erstmals 1957 ver&#246;ffentlicht, ist eine fesselnde Abhandlung &#252;ber die >schwarze Magie des Orients<, und wer sich f&#252;r Schlangenbeschw&#246;rer, Seiltricks und abscheuliche Schneemenschen interessiert, der wird es &#228;u&#223;erst reizvoll finden. Schwarze Magie ist &#252;brigens diejenige Spielart, deren Ziel es ist, anderen Schaden zuzuf&#252;gen, und die auch unter dem Begriff Hexerei bekannt ist; Wei&#223;e Magie ist angeblich zutr&#228;glich, und unter Wahrsagerei versteht man den Versuch, Ereignisse zu begreifen oder vorherzusagen, statt sie zu beeinflussen. B&#252;hnenmagie dagegen l&#228;sst sich weitaus klarer fassen.

Jean Eugene Houdin, der franz&#246;sische Magier des neunzehnten Jahrhunderts, der als Vater der modernen B&#252;hnenmagie gilt, unterteilt magische Darbietungen in f&#252;nf Klassen, mit denen wir alle noch in der einen oder anderen Form vertraut sind: Geschicklichkeitskunstst&#252;cke wie zum Beispiel Kartentricks und andere Taschenspielereien, Experimente zu den Wundern der Natur, bei denen anerkannte wissenschaftliche Vorg&#228;nge f&#252;r Un terhaltungszwecke Verwendung finden; geistige Beschw&#246;rungen,- vorget&#228;uschte Hypnose wie die Vorf&#252;hrungen des >Gedankenlesens< und die Darbietungen au&#223;ersinnlicher Wahrnehmung sowie das Auftreten angeblicher Medien wie in der klassischen Seance des neunzehnten Jahrhunderts und ihrem Gegenst&#252;ck im New Age, dem >Channeling<. Eng verwandt mit der B&#252;hnenmagie ist der Auftritt des Entfess-lungsk&#252;nstlers, der Anfang des letzten Jahrhunderts zu Ber&#252;hmtheit gelangte. Der ber&#252;hmteste aller Entfess-lungsk&#252;nstler war Harry Houdini, der als Erik Weisz geboren wurde und seinen B&#252;hnennamen zu Ehren Robert Houdins annahm. Wie Randi ging auch Houdini in aller Heftigkeit gegen Medien und andere vor, die er f&#252;r Betr&#252;ger hielt. Und doch lie&#223; auch Houdini ein Gedanke niemals los: Ist jenseits des Grabes Kommunikation m&#246;glich? Lange bevor er an Halloween im Jahr 1926 an einem Blinddarmdurchbruch starb, hatte er einen Kode verabredet, der an seine

Frau weitergegeben werden sollte, damit sie wisse, ob seine Seele im Jenseits existierte. Der Kode wurde im Verlauf einer Seance tats&#228;chlich an seine Frau &#252;bermittelt, sp&#228;ter jedoch kam der Verdacht auf, das Medium k&#246;nnte durch einen Dritten von dem Kode erfahren haben.

Der Ort, wo Magie und Wissenschaft sich treffen, liegt im Geiste des Betrachters. Man braucht nur einen technisch unbegabten Menschen zu fragen, wie ein Fernseher, ein Computer oder eine Mikrowelle funktionieren, und wird sehr wahrscheinlich einen verst&#228;ndnislosen Blick ernten sowie die &#252;beraus pragmatische Entschuldigung zu h&#246;ren bekommen, es sei wichtig, zu wissen, wie man diese Dinge benutzt, nicht, wie sie funktionieren. Das erinnert mich an eine Wahrheit des Science-Fiction-Autors und Wissenschaftlers Arthur C. Clarke: Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden. 

DER STAB DES AARON

Wie die Bundeslade, so ist auch der Stab des Aaron ein Gegenstand aus der Bibel, in dem die Macht, die Unerkl&#228;rlichkeit und der manchmal rachs&#252;chtige und kriegerische Geist des alttestamentarischen Gottes mitschwingen. Er wird in der Heiligen Schrift auch als Stab Gottes bezeichnet und in der Popul&#228;rkultur gelegentlich f&#228;lschlicherweise Moses zugeschrieben. Obwohl es sich bei dem Stab um jenes Instrument handelte, mit dessen Hilfe die Plagen &#252;ber &#196;gypten heraufbeschworen wurden und das die Juden auf geheimnisvolle Weise bef&#228;higte, in der Schlacht zu obsiegen (solange Moses ihn in die H&#246;he hielt), geh&#246;rte dieser r&#228;tselhafte Gegenstand Aaron. Die Geschichte von Moses - der sein Volk aus der &#228;gyptischen Sklaverei befreite und ungef&#228;hr 1440 vor Christi Geburt Israel als unabh&#228;ngige Nation begr&#252;ndete, w&#228;re ohne die Erw&#228;hnung Aarons - Mo ses' Bruder, sowie seiner Schwester Miriam - unvollst&#228;ndig. Aaron wurde drei Jahre vor dem Erlass des Pharao, s&#228;mtliche m&#228;nnlichen Kinder zu t&#246;ten, als Moses' &#228;lterer Bruder geboren. Sein Name bedeutet auf Hebr&#228;isch >unsicher<, was Aaron tats&#228;chlich am besten zu beschreiben scheint. Manchmal war er charakterschwach und eifers&#252;chtig. Als Moses den Berg Sinai bestieg, um die Zehn Gebote aus Gottes Hand entgegenzunehmen, unterst&#252;tzte Aaron die R&#252;ckkehr der abtr&#252;nnigen Juden zur G&#246;tzenverehrung, indem er das Goldene Kalb schuf. Ebenso wie seine Schwester, eine Prophetin, verurteilte Aaron Moses Ehe mit einer kuschitischen Frau aufs Sch&#228;rfste. Und doch stand Aaron stets in der Gunst des Herrn. Er, nicht Moses, war der oberste religi&#246;se F&#252;hrer der Juden. Als seine Autorit&#228;t als Hohepriester in Frage gestellt wurde, erbl&#252;hte Aarons Stab auf wundersame Weise und trug Fr&#252;chte als Beweis seiner g&#246;ttlichen Machtbefugnis; seine Stellung wurde daraufhin f&#252;r alle Zeiten festgeschrieben, indem man den Stab zusammen mit dem zweiten Satz steinerner Tafeln (den ersten hatte Moses im Zorn zertr&#252;mmert) mit den Zehn Geboten in die Bundeslade aufnahm. Die Lade bildete den Mittelpunkt des Wanderheiligtums der Juden, das der Heiligen Schrift zufolge die h&#228;ssliche Eigenschaft hatte, all jene zu erschlagen, die sich in seine N&#228;he wagten. Als Moses mit der Erl&#246;sung seines Volkes beauftragt wurde und er an seinen F&#252;hrungsqualit&#228;ten zweifelte - vielleicht, wie einige behaupten, wegen eines Stotterns oder einer anderen Sprachbehinderung - ernannte Gott Aaron zu seinem Sprecher. Das scheint anderen Stellen des Alten Testaments zu widersprechen, in denen es hei&#223;t, Moses sei ein begnadeter Redner und Anf&#252;hrer gewesen. Moses verbrachte, wie man sich vielleicht erinnert, die ersten vierzig

Jahre seines Lebens als privilegiertes Mitglied am k&#246;niglichen Hof &#196;gyptens. Die Tochter des Pharaos hatte ihn im Schilf am Ufer des Nil gefunden, wo man ihn versteckt hatte, um zu verhindern, dass er mit den anderen durch den Erlass des Pharaos zum Tode verurteilten m&#228;nnlichen Kindern erschlagen wurde. Als Moses den Pharao aufsuchte, um die Freilassung der Juden zu verlangen, wurde er von Aaron begleitet. Dem Buch Exodus zufolge war es Aaron und nicht Moses, der seinen Stab zu Boden schleuderte, und der sich daraufhin in eine Schlange verwandelte und die Zauberbanne der Magier des Pharao verschlang. Wie Moses versagte Gott auch Aaron die Erlaubnis, nach vierzig Jahren in der Fremde ins Gelobte Land zur&#252;ckzukehren. Nach &#220;bergabe seines priesterlichen Gewandes an seinen Sohn Eleazar starb Aaron im Alter von 123 Jahren und wurde auf dem Berg Horeb beigesetzt. Zumindest wenn man Kapitel 33 des f&#252;nften Buches Moses glaubt. In Kapitel 10 dagegen hei&#223;t es, Aaron sei in Mosera beigesetzt worden. In beiden F&#228;llen findet der Stab keinerlei Erw&#228;hnung - wurde er zusammen mit Aaron begraben, ging er an Eleazar &#252;ber, oder wurde er weiterhin in der Bundeslade mitgef&#252;hrt?

Ich habe mich in erster Linie mit der christlichen Version der Geschichte befasst, wie sie sowohl in der &#220;berlieferung als auch in der allgegenw&#228;rtigen K&#246;nig-James-Version der Bibel wiedergegeben wird. Der Grund daf&#252;r liegt nat&#252;rlich nicht in irgendwelchen pers&#246;nlichen Vorlieben, sondern weil dies die vorherrschende kulturelle und literarische Tradition f&#252;r Indiana Jones gewesen sein d&#252;rfte. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Moses und seine Geschwister sowohl im Islam, als auch im Judentum und Christentum bedeutende Gestalten sind. Dar&#252;ber hinaus stie&#223; die Geschichte Moses erneut auf gro&#223;e Resonanz, als Israel am 14. Mai 1948 erneut zur unabh&#228;ngigen Nation ausgerufen wurde.

DAS OMEGA BUCH

Obwohl das Omega-Buch ein Produkt meiner Fantasie ist, wurde es durch einen sehr alten und nahezu in der gesamten Welt verbreiteten Glauben angeregt: dass n&#228;mlich irgendwo, vielleicht im Schattenreich zwischen dieser Welt und der n&#228;chsten, ein sorgf&#228;ltig geh&#252;tetes und allwissendes Verzeichnis aller unserer Leben existiert. Diesen Mythos scheint es in der einen oder anderen Form bereits ebenso lange zu geben wie uns selbst. Es ist ein Mythos, wie Joseph Campbell diesen Begriff einst definierte, nicht weil es sich um eine erfundene Geschichte handelt, sondern weil er eine metaphorische, oder pr&#228;ziser, die vorletzte Wahrheit wiedergibt. Die >vorletzte< deshalb, schreibt Campbell, weil die letzte Wahrheit jenseits von Worten und Bildern liegt. Im Christentum ist das Buch des Lebens ein Verzeichnis all derer, die von Christus erl&#246;st wurden und aufgrund dessen, wie in der Offenbarung beschrieben, die Erlaubnis erhalten, in das Neue Jerusalem einzuziehen. Drei B&#252;cher mit &#228;hnlichen Titeln werden traditionell an Rosh Hashanah, dem j&#252;dischen Neujahrsfest, einer kritischen Bewertung unterzogen: das Buch des Lebens der Gottlosen, das Buch des Lebens der Aufrechten und das Buch >derer dazwischen<. Den Aufrechten wird ein angenehmes und ewiges Leben zugesichert, wohingegen die Gottlosen unmittelbar zum Tode verurteilt werden. Der Urteilsspruch &#252;ber jene dazwischen - und ich vermute, dass die meisten in diese Kategorie fallen - wird bis Yom Kippur vertagt. Auch in anderen Religionen existierten &#228;hnliche Glaubensvorstellungen, die wenigstens bis nach Babylon zur&#252;ckreichen, wo die G&#246;tter die Namen der Gottlosen von den >Tafeln der Vorsehung< l&#246;schen und stattdessen auf die >Tafeln der &#220;bertretungen< &#252;bertragen konnten. Der Titel meines Buches ist in Anlehnung an den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets entstanden, in dem biblische Endg&#252;ltigkeit mitschwingt; au&#223;erdem wurde er durch die umstrittene >Omega Point Theorie< des Physikers Frank J. Tipler beeinflusst. Tipler &#228;u&#223;ert, kurz gesagt, die Ansicht, das Universum k&#246;nne sich am Ende der Zeit zu einer Art allwissendem und allm&#228;chtigem Computer entwickeln und ein >vollst&#228;ndiges, sichtbares und f&#252;r jeden Menschen, der je gelebt hat, pers&#246;nlich nutzbares Universum< vort&#228;uschen. Das Ergebnis? Virtuelle Wiederauferstehung. Obwohl Tiplers Theorie, die auch eine Diskussion der Frage umfasst, wie viel Computerkapazit&#228;t f&#252;r diese endlosen Welten vonn&#246;ten w&#228;re, gedanklich anregend und argumentativ gut untermauert ist, erscheint sie mir lediglich als die neueste Wiedergeburt einer alten Glaubensvorstellung. Doch anstelle der Darstellung in einem Buch, zu Moses Zeiten die umfassendste Speichermethode von Informationen, benutzt Omega Point einen Computer, womit der Mythos seinen Eingang in das zwanzigste Jahrhundert findet. Die letzte Wahrheit verbirgt sich vermutlich in den wortlosen Gefilden unserer Psyche, wo transzendente Wahrheit und ein individuelles Verzeichnis von Gut und B&#246;se existieren.

DIE SPHINX

Die gro&#223;e Sphinx bei Gizeh ist schon seit alters her das Symbol unergr&#252;ndlicher Geheimnisse. Der Name >Sphinx< ist der griechische Begriff f&#252;r ein der Fantasie entsprungenes b&#246;ses Ungeheuer mit dem Kopf einer Frau und dem gefl&#252;gelten K&#246;rper eines L&#246;wen, das dazu neigt, Reisende zu vernichten, die au&#223;er Stande sind, die korrekte Antwort auf seine R&#228;tsel zu geben. Die ber&#252;hmteste aller griechischen Sphinxe erscheint in der Geschichte des &#214;dipus. &#196;gyptische Sphinxe sind dieser ganz &#228;hnlich, k&#246;nnen aber einen Menschen- oder Tierkopf aufweisen.

In der Mythologie scheinen alle Sphingen mit R&#228;tseln oder uralten Geheimnissen in Zusammenhang gebracht zu werden, auf die stets unmittelbar ein Schrecken folgt. In der Literatur wurden Sphingen dar&#252;ber hinaus f&#252;r die Darstellung zuk&#252;nftiger Schrecken benutzt. In H. G. Wells' Klassiker Die Zeitmaschine steigen die Morlocks aus ihren unterirdischen Kammern zum Beispiel durch sphinx&#228;hnliche Geb&#228;ude an die Erdoberfl&#228;che, um sich an den kindlichen Eloi g&#252;tlich zu tun. In der j&#252;ngsten Vergangenheit war die Zeit der Gro&#223;en Sphinx in Gizeh und ihre Bedeutung f&#252;r die Kultur der Welt Gegenstand mehrerer popul&#228;rwissenschaftlicher B&#252;cher und Fernsehsendungen, bei denen den traditionellen &#196;gyptologen vermutlich schwindelig geworden ist. In The Message of the Sphinx zum Beispiel behaupten Graham Hancock und Robert Bauval, das r&#228;tselhafte Bauwerk sei nicht etwa, wie &#196;gyptologen annehmen, 2500 v.Ch. errichtet worden, sondern gut zehntausend Jahre fr&#252;her.

Die Autoren f&#252;hren das Werk eines gewissen John West an, der glaubt, die tief greifende Verwitterung an der Sphinx selbst sowie der umliegenden Einfriedung sei nicht etwa durch Wind und Sand hervorgerufen worden, sondern durch Wasser. Der Verwitterungsprozess, schreibt West, muss vor dem Ende der letzten Eiszeit stattgefunden haben - was, gelinde gesagt, das herk&#246;mmliche Wissen &#252;ber die Entstehung der Menschheit &#252;ber den Haufen werfen w&#252;rde.

Hancock und Bauval glauben, dass die Sphinx nicht von den &#196;gyptern geschaffen wurde, sondern von einer fr&#252;heren und technisch &#252;berlegenen Zivilisation. Die Idee ist alles andere als neu, und es gibt eine lange Tradition, derzufolge die Sphinx ein von einer fortgeschrittenen und mittlerweile untergegangenen Zivilisation aus Zeiten vor der biblischen Sintflut geschaffenes Bauwerk ist. Edgar Cayce, der >schlafende Prophet<, prophezeite, man werde unter den Pranken der Sphinx die verloren gegangenen Aufzeichnungen &#252;ber Atlantis finden. Die Halle der Aufzeichnungen, so Cayce, w&#252;rde gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts gefunden werden. Die Autoren Hancock und Bauval scheinen der gleichen Ansicht zu sein und versenken sich im Gro&#223;en und Ganzen auf die gleiche Weise in detaillierte Fakten und Mutma&#223;ungen &#252;ber die Gro&#223;e Sphinx, wie dies Pyramidenforscher seit Generationen getan haben.

Hier liegt etwas von folgenschwerer Bedeutung, schreiben sie, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden - durch seismische Untersuchungen, durch Bohrungen und Ausgrabungen, kurz, durch eine Wiederentdeckung und Erforschung der verborgenen Korridore und Kammern (unterhalb der Sphinx) ... Es k&#246;nnte sich um den alles entscheidenden Fund handeln. Cayce glaubte &#252;brigens, er sei die Wiedergeburt eines atlantischen Prinzen namens Ra-Ta.

Dr. Mark Lehner, der Welt vornehmste Experte f&#252;r die Sphinx, ist gleichzeitig der vornehmste und vielleicht redegewandteste Sprecher der traditionellen &#196;gyptologie. Nachdem er Ausz&#252;ge des Manuskriptes von The Message of the Sphinx gelesen hatte, schrieb Lehner in einem Brief an Hancock und Bauval: Ich schlug den Cayce-Anh&#228;ngern vor, die Geschichte von &#196;gypten und Atlantis als einen Mythos in dem Sinne zu betrachten, wie ihn Joseph Campbell eingef&#252;hrt, oder wie ihn Carl Jung in seiner Psychologie der Archetypen dargelegt hat. Obwohl der Mythos nicht wortw&#246;rtlich wahr ist, so k&#246;nnte er doch buchst&#228;blich wahr sein. Cayce' Auslegungen erkl&#228;ren auf ihre Weise, dass die Innenwelt der Symbole und Archetypen >wirklicher< ist als die Gegenst&#228;nde der dinglichen Welt. Ich habe Cayce' Halle der Aufzeichnungen mit dem Zauberer von Oz verglichen. Ja, wir alle wollen, dass der >Schall und Rauch<, dass die m&#228;chtige Zauberei wahr ist, ohne dabei auf den kleinen Mann hinter dem Vorhang achten zu m&#252;ssen (auf uns selbst). In der Arch&#228;ologie m&#246;chten viele Dilettanten und Anh&#228;nger der New-Age-Bewegung auf den Spuren einer untergegangenen Zivilisation, von Au&#223;erirdischen und gar >der G&#246;tter< wandeln, ohne auf die tats&#228;chlich existierenden Menschen hinter dem Vorhang der Zeit achten zu m&#252;ssen, und ohne sich mit den komplexen Inhalten befassen zu m&#252;ssen, auf die die so genannten >orthodoxen< Gelehrten ihre Ansichten gr&#252;nden.

Bez&#252;glich einer jener Ironien, an denen es der Arch&#228;ologie wahrlich nicht mangelt, sollte man anf&#252;hren, dass Lehner - der Experte der orthodoxen Welt - mit seinen Studien der Sphinx begann, weil Cayce' Prophezeiungen ihn angeregt hatten, und er von einer Organisation von Cayce-J&#252;ngern dabei unterst&#252;tzt wurde. Doch, so schreibt Lehner, je l&#228;nger er studiert habe, desto mehr sei er von der &#220;berlegenheit empirischen Beweismaterials gegen&#252;ber Prophezeiungen &#252;berzeugt worden.

EINE LETZTE ANMERKUNG

Diese Reihe neuer Indiana-Jones-Abenteuer w&#228;re ohne die wunderbaren Figuren und Situationen, die uns Raiders of the Lost Are gegeben haben, nat&#252;rlich undenkbar gewesen. Mein Dank gilt den Filmemachern George Lukas und Steven Spielberg f&#252;r Unmengen an unterhaltsamen Einf&#228;llen sowie all den Darstellern der Indiana-Jones-Trilogie f&#252;r ihre

Mithilfe bei der Schaffung so m&#252;helos wiederzuerkennender Charaktere. Man kann unm&#246;glich &#252;ber Indy schreiben -oder, wie ich vermute, &#252;ber ihn lesen -, ohne Harrison Ford vor sich zu sehen.

Mein Dank gilt insbesondere meinem langm&#252;tigen Redakteur bei Bantam, Tom Dupree, der die ersten drei B&#252;cher bis zur Ver&#246;ffentlichung begleitete, sowie seinem Nachfolger, Pat Lobrutto, der nur deswegen weniger litt, weil er sich nur um eines meiner B&#252;cher zu k&#252;mmern hatte; meiner Agentin, Robin Rue, f&#252;r ihren Glauben an mich und f&#252;r ihre Unterst&#252;tzung; und meinem Freund aus Austin, Fred Bean, f&#252;r seine sch&#246;pferische Mitwirkung. Besondere Anerkennung hat sich au&#223;erdem der verstorbene Gene DeGruson verdient, Leiter der Spezialsammlungen der Bibliothek an der Pittsburgh State University in Kansas, dessen selbstlose Hilfe dieses wie auch viele andere B&#252;cher bereichert hat. Es gibt zahlreiche andere, bei denen ich mich bedanken m&#252;sste, unter ihnen Bilbiothekare und Forscher im ganzen Land, doch leider ist die Liste zu lang, um jeden einzeln aufzuf&#252;hren. Ein kollektives Dankesch&#246;n an alle muss gen&#252;gen. Dies gesagt, gebe ich Hut und Peitsche weiter.



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